Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht fuer das Volk? und fing das
vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Aerger ueber die
fehlgeschlagenen politisch-oekonomischen Saturnalien erst an, mit
den Pompeianern zu liebaeugeln, dann sogar waehrend Caesars fast
zweijaehriger Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47)
daselbst einen Buergerkrieg im Buergerkriege anzuzetteln. Der Praetor
Marcus Caelius Rufus, ein guter Adliger und schlechter Schuldenbezahler,
von einigem Talent und vieler Bildung, als ein heftiger und redefertiger
Mann bisher im Senat und auf dem Markte einer der eifrigsten Vorkaempfer
fuer Caesar, brachte, ohne hoeheren Auftrag, bei dem Volke ein Gesetz
ein, das den Schuldnern ein sechsjaehriges zinsfreies Moratorium
gewaehrte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg trat, ein zweites, das
gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden Hausmieten kassiert;
worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes entsetzte. Es war eben die
Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die Waagschale in dem grossen
Kampfe schien sich auf die Seite der Pompeianer zu neigen; Rufus trat
mit dem alten senatorischen Bandenfuehrer Milo in Verbindung und beide
stifteten eine Konterrevolution an, die teils die republikanische
Verfassung, teils Kassation der Forderungen und Freierklaerung der
Sklaven auf ihr Panier schrieb. Milo verliess seinen Verbannungsort
Massalia und rief in der Gegend von Thurii die Pompeianer und die
Hirtensklaven unter die Waffen; Rufus machte Anstalt, sich durch
bewaffnete Sklaven der Stadt Capua zu bemaechtigen. Allein der letztere
Plan ward vor der Ausfuehrung entdeckt und durch die capuanische
Buergerwehr vereitelt; Quintus Pedius, der mit einer Legion in das
thurinische Gebiet einrueckte, zerstreute die daselbst hausende Bande;
und der Fall der beiden Fuehrer machte dem Skandal ein Ende (706
48). Dennoch fand sich das Jahr darauf (707 47) ein zweiter Tor, der
Volkstribun Publius Dolabella, der, gleich verschuldet, aber ungleich
weniger begabt als sein Vorgaenger, dessen Gesetz ueber die Forderungen
und Hausmieten abermals einbrachte und mit seinem Kollegen Lucius
Trebellius darueber noch einmal - es war das letzte Mal - den
Demagogenkrieg begann; es gab arge Haendel zwischen den, beiderseitigen
bewaffneten Banden und vielfachen Strassenlaerm, bis der Kommandant
von Italien, Marcus Antonius, das Militaer einschreiten liess und bald
darauf Caesars Rueckkehr aus dem Osten dem tollen Treiben vollstaendig
ein Ziel setzte. Caesar legte diesen hirnlosen Versuchen, die
Catilinarischen Projekte wieder aufzuwaermen, so wenig Gewicht bei, dass
er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach einiger Zeit ihn
sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es nicht um
irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen das
Eigentum zu, tun ist, genuegt, wie gegen die Raeuberbanden, das blosse
Dasein einer starken Regierung; und Caesar war zu gross und zu besonnen,
um mit der Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen
Kommunisten empfanden, Geschaefte zu machen und damit seiner Monarchie
eine falsche Popularitaet zu erschwindeln. Wenn Caesar also die
gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an die aeusserste Grenze
vorgeschrittenen Zersetzungsprozess ueberlassen konnte und ueberliess,
so hatte er dagegen gegenueber der bei weitem lebenskraeftigeren
ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehoerige Verbindung
des Niederdrueckens und des Entgegenkommens die Aufloesung nicht
herbeizufuehren - dies vermochte nur die Zeit - sondern sie
vorzubereiten und einzuleiten. Es war das wenigste, dass Caesar, schon
aus natuerlichem Anstandsgefuehl, es vermied, die gestuerzte Partei
durch leeren Hohn zu erbittern, ueber die besiegten Mitbuerger nicht
triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und
sein vom Volke umgestuerztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung
des Gebaeudes an dem frueheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten
liess. Der politischen Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die
moeglichst engen Grenzen. Es fand keine Untersuchung statt ueber die
vielfachen Verbindungen, die die Verfassungspartei auch mit nominellen
Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf die in den feindlichen
Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen Papierstoesse
ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit politischen
Prozessen gegen des Hochverrats verdaechtige Individuen. Ferner
gingen straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren roemischen oder
provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine
Ausnahme ward nur gemacht mit denjenigen roemischen Buergern, die in dem
Heere des numidischen Koenigs Juba Dienste genommen hatten; ihnen
wurde zur Strafe des Landesverrates das Vermoegen eingezogen. Auch
den Offizieren der besiegten Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des
spanischen Feldzugs 705 (49) uneingeschraenkte Begnadigung gewaehrt;
allein er ueberzeugte sich, dass er hiermit zu weit gegangen und dass
die Beseitigung wenigstens der Haeupter unvermeidlich sei. Die Regel,
die er von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, dass wer nach der
Kapitulation von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder
im Gegensenat gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein
Vermoegen und seine politischen Rechte verlor und fuer Lebenszeit aus
Italien verbannt ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte,
wenigstens sein Vermoegen an den Staat fiel, wer aber von diesen frueher
von Caesar Gnade angenommen hatte und abermals in den feindlichen Reihen
betroffen ward, damit das Leben verwirkt hatte. In der Ausfuehrung indes
wurden diese Saetze wesentlich gemildert. Todesurteile wurden nur gegen
die wenigsten unter den zahlreichen Rueckfaelligen wirklich vollstreckt.
Bei der Konfiskation des Vermoegens der Gefallenen wurden nicht nur die
auf den einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die Mitgiftforderungen
der Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern der Toten ein
Teil des vaeterlichen Vermoegens gelassen. Von denjenigen endlich, die
jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermoegenskonfiskation traf, wurden
nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern
des Senats von Utica gepressten afrikanischen Grosshaendler, mit
Geldbussen davon. Aber auch den uebrigen ward fast ohne Ausnahme
Freiheit und Vermoegen zurueckgegeben, wenn sie nur es ueber sich
gewannen, deshalb bittend bei Caesar einzukommen; manchem, der dessen
sich weigerte, wie zum Beispiel dem Konsular Marcus Marcellus, ward die
Begnadigung auch ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre 710 (44)
fuer alle noch nicht Zurueckberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen.
------------------------------------------------------- ^2 Auch der
Triumph nach der spaeter zu erzaehlenden Schlacht bei Munda galt
wohl nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern.
-------------------------------------------------------- Die
republikanische Opposition liess sich denn begnadigen; aber sie war
nicht versoehnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und
Erbitterung gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem
politischen Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam
kaum in Betracht, dass einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der
Titelfrage durch demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar
Koenig genannt hatten, sich die republikanische Maertyrerkrone erwarben;
aber um so entschiedener aeusserte der Republikanismus sich als
Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und Wuehlen. Keine
Hand regte sich, wenn der Imperator oeffentlich erschien. Es regnete
Maueranschlaege und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire
gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische
Anspielung wagte, begruesste ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und
Preis war das Modethema der oppositionellen Broschuerenschreiber, und
die Schriften derselben fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil
auch die Literatur nicht mehr frei war. Caesar bekaempfte zwar auch
jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; er selbst und seine
faehigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit Anticatonen,
und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen
Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern
und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich
von selbst, dass in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch
gestimmte Publikum Richter war, die Caesarianer den kuerzeren zogen. Es
blieb nichts uebrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb
denn unter den Verbannten die literarisch bekannten und gefaehrlichen
Maenner, wie Publius Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer
als andere die Erlaubnis zur Rueckkehr nach Italien erhielten, die
in Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer
tatsaechlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte,
weil das Mass der zu befuerchtenden Strafe durchaus arbitraer war
^3. Das Wuehlen und Treiben der gestuerzten Parteien gegen die neue
Monarchie wird zweckmaessiger in einem andern Zusammenhang
dargestellt werden; hier genuegt es zu sagen, dass Praetendenten-
wie republikanische Aufstaende unaufhoerlich im ganzen Umfange des
Roemischen Reiches gaerten, dass die Flamme des Buergerkrieges, bald von
den Pompeianern, bald von den Republikanern angefacht, an verschiedenen
Orten hell wieder emporschlug und in der Hauptstadt die Verschwoerung
gegen das Leben des Herrschers in Permanenz blieb, Caesar aber durch die
Anschlaege sich nicht einmal bewegen liess, auf die Dauer sich mit einer
Leibwache zu umgeben und in der Regel sich begnuegte, die entdeckten
Konspirationen durch oeffentliche Anschlaege bekannt zu machen. Wie
sehr Caesar alle seine persoenliche Sicherheit angehenden Dinge mit
gleichgueltiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die ernste
Gefahr konnte er doch sich unmoeglich verhehlen, mit der diese Masse
Missvergnuegter nicht bloss ihn, sondern auch seine Schoepfungen
bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens und Hetzens seiner Freunde
nicht achtend, ohne ueber die Unversoehnlichkeit auch der begnadigten
Gegner sich zu taeuschen, mit einer wunderbar kaltbluetigen Energie
dabei beharrte, der bei weitem groesseren Anzahl derselben zu verzeihen,
so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer stolzen, noch
Gefuehlsmilde einer weichen Natur, sondern es war die richtige
staatsmaennische Erwaegung, dass ueberwundene Parteien rascher und mit
minderem Schaden fuer den Staat innerhalb des Staats sich absorbieren,
als wenn man sie durch Aechtung auszurotten oder durch Verbannung aus
dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht. Caesar konnte fuer seine hohen
Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht entbehren, die ja nicht etwa
bloss die Aristokratie, sondern alle Elemente des Freiheits- und des
Nationalsinns innerhalb der italischen Buergerschaft in sich schloss;
fuer seine Plaene zur Verjuengung des alternden Staats bedurfte er
der ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und selbsterworbenem
Ansehen, die diese Partei in sich schloss; und wohl in diesem Sinne
mag er die Begnadigung der Gegner den schoensten Lohn des Siegs genannt
haben. So wurden denn zwar die hervorragendsten Spitzen der geschlagenen
Parteien beseitigt; aber den Maennern zweiten und dritten Ranges und
namentlich der juengeren Generation ward die volle Begnadigung nicht
vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in passiver Opposition
zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder gelinden Zwang
veranlasst, sich an der neuen Verwaltung taetig zu beteiligen und Ehren
und Aemter von ihr anzunehmen. Wie fuer Heinrich IV. und Wilhelm von
Oranien so begannen auch fuer Caesar die groessten Schwierigkeiten erst
nach dem Siege. Jeder revolutionaere Sieger macht die Erfahrung, dass,
wenn er nach Ueberwaeltigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla,
Parteihaupt bleibt, sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm
von Oranien, an die Stelle des notwendig einseitigen Parteiprogramms die
Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen will, augenblicklich alle Parteien,
die eigene wie die besiegt, sich gegen das neue Oberhaupt vereinigen;
und um so mehr, je groesser und reiner dasselbe seinen neuen Beruf
auffasst. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie auch
mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der
Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war,
seit sie begriffen, dass Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren,
gegen denselben in offenem Aufruhr; selbst die persoenlichen Anhaenger
Caesars murrten, als sie ihr Haupt statt eines Condottierstaats eine
allen gliche und gerechte Monarchie gruenden und die auf sie treffenden
Gewinnportionen durch das Hinzutreten der Besiegten sich verringern
sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner Partei genehm und
musste den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert werden.
Caesars eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefaehrdeter als vor
dem Siege; aber was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien
vernichtete und die Parteimaenner nicht bloss schonte, sondern jeden
Mann von Talent oder auch nur von guter Herkunft, ohne Ruecksicht auf
seine politische Vergangenheit, zu Aemtern gelangen liess, gewann
er nicht bloss fuer seinen grossen Bau alle im Staate vorhandene
Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder gezwungene Schaffen der
Maenner aller Parteien an demselben Werke fuehrte auch unmerklich die
Nation hinueber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung
der Parteien fuer den Augenklick nur aeusserlicher Art war und dieselben
sich fuer jetzt viel weniger in der Anhaenglichkeit an die neuen
Zustaende begegneten als in dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies
ihn nicht; er wusste es wohl, dass die Gegensaetze doch in solcher
aeusserlichen Vereinigung sich abstumpfen und dass nur auf diesem Wege
der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche freilich allein vermag,
solchen Hader schliesslich zu suehnen, indem sie das alte Geschlecht ins
Grab legt. Noch weniger fragte er, wer ihn hasste oder auf Mord gegen
ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente er dem Volke nicht um
Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe, sondern gab die Gunst der
Zeitgenossen hin fuer den Segen der Zukunft und vor allem fuer
die Erlaubnis, seien Nation retten und verjuengen zu duerfen.
--------------------------------------------------- ^3 Wer alte und neue
Schriftstellerbedraengnisse zu vergleichen wuenscht, wird in dem
Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden.
---------------------------------------------------- Versuchen wir
im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Ueberfuehrung der alten
Zustaende in die neue Bahn, so ist zunaechst daran zu erinnern, dass
Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu
einer zeitgemaessen Politik, laengst von Gaius Gracchus entworfen, war
von seinen Anhaengern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist
und Glueck, aber ohne Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus
aus und gleichsam schon nach Erbrecht das Haupt der Popularpartei, hatte
seit dreissig Jahren deren Schild hoch emporgehalten, ohne je die Farbe
zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb Demokrat auch als Monarch.
Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen natuerlich von den
catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschraenkt antrat,
der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst
persoenlichen Hass zollte und die wesentlichen Gedanken der roemischen
Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die ueberseeische
Kolonisation, die allmaehliche Nivellierung der unter den Klassen
der Staatsangehoerigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die
Emanzipierung der exekutiven Gewalt vom Senat, unveraendert festhielt,
so war auch seine Monarchie so wenig mit der Demokratie im Widerspruch,
dass vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung und Erfuellung
gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische Despotie von
Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie gruenden
wollte, wie Perikles und Cromwell sie gruendeten: die Vertretung der
Nation durch ihren hoechsten und unumschraenkten Vertrauensmann. Es
waren insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen,
nicht eigentlich neue; aber ihm gehoert ihre Verwirklichung, die zuletzt
ueberall die Hauptsache bleibt, und ihm die Grossheit der Ausfuehrung,
die selbst den genialen Entwerfer, wenn er sie haette schauen koennen,
ueberrascht haben moechte und die jeden, dem sie in lebendiger
Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten ist,
welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er
angehoere, je nach dem Mass seiner Fassungskraft fuer menschliche und
geschichtliche Groesse mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung
ergriffen hat und ewig ergreifen wird. Wohl aber wird es gerade hier
am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber stillschweigend ueberall
voraussetzt, einmal ausdruecklich zu fordern und Einspruch zu tun
gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche Sitte,
geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen
Verhaeltnissen abgeloest, als allgemein gueltige Phrase zu verbrauchen,
in diesem Falle das Urteil ueber Caesar in ein Urteil ueber den
sogenannten Caesarismus umzudeuten. Freilich soll die Geschichte der
vergangenen Jahrhunderte die Lehrmeisterin des laufenden sein; aber
nicht in dem gemeinen Sinne, als koenne man die Konjunkturen der
Gegenwart in den Berichten ueber die Vergangenheit nur einfach
wiederaufblaettern und aus denselben der politischen Diagnose und
Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist
lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der aelteren Kulturen
die organischen Bedingungen der Zivilisation ueberhaupt, die ueberall
gleichen Grundkraefte und die ueberall verschiedene Zusammensetzung
derselben offenbart und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum
selbstaendigen Nachschoepfen anleitet und begeistert. In diesem Sinne
ist die Geschichte Caesars und des roemischen Caesarentums, bei aller
unuebertroffenen Grossheit des Werkmeisters, bei aller geschichtlichen
Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schaerfere Kritik der modernen
Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem
gleichen Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus unendlich mehr
ist als die kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte
Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Buergern
Spielraum laesst, unendlich mehr als der genialste und humanste
Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung faehig, also lebendig,
dieser ist was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der
roemischen absoluten Militaermonarchie sich bewaehrt und nur um so
vollstaendiger sich bewaehrt, als sie, unter dem genialen Impuls ihres
Schoepfers und bei der Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen
mit dem Ausland, sich reiner und freier als irgendein aehnlicher Staat
gestaltet hat. Von Caesar an hielt, wie die spaeteren Buecher dies
darlegen werden und Gibbon laengst es dargelegt hat, das roemische
Wesen nur noch aeusserlich zusammen und ward nur mechanisch erweitert,
waehrend es innerlich eben mit ihm voellig vertrocknete und abstarb.
Wenn in den Anfaengen der Autokratie und vor allem in Caesars
eigener Seele noch der hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier
Volksentwicklung und absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das
Regiment der hochbegabten Kaiser des Julianischen Geschlechts in
schrecklicher Weise gelehrt, inwiefern es moeglich ist, Feuer und Wasser
in dasselbe Gefaess zu fassen. Caesars Werk war notwendig und heilsam,
nicht weil es an sich Segen brachte oder auch nur bringen konnte,
sondern weil, bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten, von der
republikanisch-konstitutionellen Vertretung voellig abgewandten
Volksorganisation und gegenueber der legitimen, in der Entwicklung
eines halben Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften
Stadtverfassung, die absolute Militaermonarchie der logisch notwendige
Schlussstein und das geringste Uebel war. Wenn einmal in Virginien und
den Carolinas die Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben
wird wie ihre Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch
der Caesarismus vor dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er
unter andern Entwicklungsverhaeltnissen auftritt, ist er zugleich
eine Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht
bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkuerzen, weil ein
solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenueber die Einfalt irren
und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch
eine Bibel, und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren
kann sie misszuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird
auch sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu vergiften.
----------------------------------------------------- ^4 Als dies
geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen, wie
bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die
Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben
diese furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten,
durch keinen fokalen Caesarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich
selbst beherrschenden Freiheit gesichert werden sollte.
------------------------------------------------------ Die Stellung
des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunaechst wenigstens,
als Diktatur. Caesar uebernahm dieselbe zuerst nach der Rueckkehr aus
Spanien im Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen Tagen wieder
nieder und fuehrte den entscheidenden Feldzug des Jahres 706 (48)
lediglich als Konsul - es war dies das Amt, ueber dessen Bekleidung
zunaechst der Buergerkrieg ausgebrochen war. Aber im Herbst dieses
Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die Diktatur
zurueck und liess sich dieselbe abermals uebertragen, zuerst auf
unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt,
alsdann im Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens,
so dass er die frueher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schliesslich
ausdruecklich fallen liess und der Lebenslaenglichkeit des Amtes in dem
neuen Titel dictator perpetuus formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur,
sowohl jene erste ephemere wie die zweite dauernde, ist nicht die
der alten Verfassung, sondern das nur in dem Namen mit dieser
zusammentreffende hoechste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas; ein Amt,
dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmaessigen Ordnungen
ueber das hoechste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluss
festgestellt ward und zwar dahin, dass der Inhaber in dem Auftrag,
Gesetze zu entwerfen und das Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich
unumschraenkte, die republikanische Teilung der Gewalten aufhebende
Amtsbefugnis empfing. Es sind nur Anwendungen von dieser allgemeinen
Befugnis auf den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das Recht
ohne Befragen des Senats und des Volkes ueber Krieg und Frieden zu
entscheiden, die selbstaendige Verfuegung ueber Heere und Kassen,