die Helden der Ilias und die Koenige Roms, ja auf die beiden Nationen

gemeinsame Venus-Aphrodite zurueckfuehrte, waren seine Knaben- und

ersten Juenglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen Jugend jener

Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher des Modelebens

den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und deklamiert, auf

dem Faulbett Literatur getrieben und Verse gemacht, Liebeshaendel jeder

Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle Rasier-, Frisier-

und Manschettenmysterien der damaligen Toilettenweisheit, sowie in die

noch weit geheimnisvollere Kunst, immer zu borgen und nie zu bezahlen.

Aber der biegsame Stahl dieser Natur widerstand selbst diesem

zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl die koerperliche

Frische ungeschwaecht wie die Spannkraft des Geistes und des Herzens. Im

Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem seiner Soldaten auf, und

sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das Leben; die unglaubliche

Schnelligkeit seiner gewoehnlich des Zeitgewinns halber naechtlichen

Reisen - das rechte Gegenstueck zu der prozessionsartigen Langsamkeit,

mit der Pompeius sich von einem Ort zum andern bewegte - war das

Erstaunen seiner Zeitgenossen und nicht die letzte Ursache seiner

Erfolge. Wie der Koerper war der Geist. Sein bewunderungswuerdiges

Anschauungsvermoegen offenbarte sich in der Sicherheit und

Ausfuehrbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er befahl, ohne mit

eigenen Augen zu sehen. Sein Gedaechtnis war unvergleichlich und es war

ihm gelaeufig, mehrere Geschaefte mit gleicher Sicherheit nebeneinander

zu betreiben.: Obgleich Gentleman, Genie und Monarch hatte er dennoch

ein Herz. Solange er lebte, bewahrte er fuer seine wuerdige Mutter

Aurelia - der Vater starb ihm frueh - die reinste Verehrung; seinen

Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er eine ehrliche

Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhaeltnisse nicht ohne

Rueckwirkung blieb. Mit den tuechtigsten und kernigsten Maennern seiner

Zeit, hohen und niederen Ranges, stand er in einem schoenen Verhaeltnis

gegenseitiger Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie er selbst niemals

einen der Seinen in Pompeius' kleinmuetiger und gefuehlloser Art fallen

liess und, nicht bloss aus Berechnung, in guter und boeser Zeit ungeirrt

an den Freunden festhielt, so haben auch von diesen manche, wie

Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach seinem Tode ihm in schoenen

Zeugnissen ihre Anhaenglichkeit bewahrt. Wenn in einer so harmonisch

organisierten Natur ueberhaupt eine einzelne Seite als charakteristisch

hervorgehoben werden kann, so ist es die, dass alle Ideologie und alles

Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von selbst, dass Caesar

ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne Leidenschaft gibt es keine

Genialitaet; aber seine Leidenschaft war niemals maechtiger als er. Er

hatte eine Jugend gehabt, und Lieder, Liebe und Wein waren auch in sein

Gemuet in lebendigem Leben eingezogen; aber sie drangen ihm doch

nicht bis in den innerlichsten Kern seines Wesens. :Die Literatur

beschaeftigte ihn lange und ernstlich; aber wenn Alexandern der

homerische Achill nicht schlafen liess, so stellte Caesar in seinen

schlaflosen Stunden Betrachtungen ueber die Beugungen der lateinischen

Haupt- und Zeitwoerter an. Er machte Verse wie damals jeder, aber

sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische und

naturwissenschaftliche Gegenstaende. Wenn der Wein fuer Alexander der

Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwaermter Jugendzeit

der nuechterne Roemer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der

Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein Schimmer

davon unvergaenglich auf ihm ruhen: noch in spaeteren Jahren begegneten

ihm Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm eine gewisse

Stutzerhaftigkeit im aeusseren Auftreten oder richtiger das erfreuliche

Bewusstsein der eigenen maennlich schoenen Erscheinung. Sorgfaeltig

deckte er mit dem Lorbeerkranz, mit dem er in spaeteren Jahren

oeffentlich erschien, die schmerzlich empfundene Glatze und haette

ohne Zweifel manchen seiner Siege darum gegeben, wenn er damit die

jugendlichen Locken haette zurueckkaufen koennen. Aber wie gern er auch

noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur mit ihnen

gespielt und ihnen keinerlei Einfluss ueber sich eingeraeumt; selbst

sein vielbesprochenes Verhaeltnis zu der Koenigin Kleopatra ward nur

angesponnen, um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu

maskieren. Caesar war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was

er angriff und tat, war von der genialen Nuechternheit durchdrungen und

getragen, die seine innerste Eigentuemlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte

er das Vermoegen, unbeirrt durch Erinnern und Erwarten energisch

im Augenblick zu leben; ihr die Faehigkeit, in jedem Augenblick mit

gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und beilaeufigsten

Beginnen seine volle Genialitaet zuzuwenden; ihr die Vielseitigkeit,

mit der er erfasste und beherrschte, was der Verstand begreifen und

der Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine

Perioden fuegte, wie seine Feldzuege entwarf; ihr die "wunderbare

Heiterkeit", die in guten und boesen Tagen ihm treu blieb; ihr die

vollendete Selbstaendigkeit, die keinem Liebling und keiner Maetresse,

ja nicht einmal dem Freunde Gewalt ueber sich gestattete. Aus dieser

Verstandesklarheit ruehrt es aber auch her, dass Caesar sich ueber die

Macht des Schicksals und das Koennen des Menschen niemals Illusionen

machte; fuer ihn war der holde Schleier gehoben, der dem Menschen die

Unzulaenglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie klug er auch plante

und alle Moeglichkeiten bedachte, das Gefuehl wich doch nie aus seiner

Brust, dass in allen Dingen das Glueck, das heisst der Zufall das gute

Beste tun muesse; und damit mag es denn auch zusammenhaengen, dass er

so oft dem Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener

Gleichgueltigkeit seine Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt

hat. Wie ja wohl ueberwiegend verstaendige Menschen in das reine

Hasardspiel sich fluechten, so war auch in Caesars Rationalismus ein

Punkt, wo er mit dem Mystizismus gewissermassen sich beruehrte. Aus

einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von frueher

Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des

Wortes und sein Ziel das hoechste, das dem Menschen gestattet ist

sich zu stecken: die politische, militaerische, geistige und sittliche

Wiedergeburt der tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen,

mit der seinigen innig verschwisterten hellenischen Nation. Die harte

Schule dreissigjaehriger Erfahrungen aenderte seine Aerasichten ueber

die Mittel, wie dies Ziel zu erreichen sei; das Ziel blieb ihm

dasselbe in den Zeiten hoffnungsvoller Erniedrigung wie unbegrenzter

Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als Demagog und Verschworener

auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als Mitinhaber der

hoechsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt im

vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten

Zeiten von ihm ausgegangenen Massregeln bleibender Art ordnen in den

grossen Bauplan zweckmaessig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars

sollte darum eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes

geschaffen. Mit Recht ruehmt man den Redner Caesar wegen seiner aller

Advokatenkunst spottenden maennlichen Beredsamkeit, die wie die klare

Flamme zugleich erleuchtete und erwaermte. Mit Recht bewundert man

an dem Schriftsteller Caesar die unnachahmliche Einfachheit der

Komposition, die einzige Reinheit und Schoenheit der Sprache. Mit Recht

haben die groessten Kriegsmeister aller Zeiten den Feldherrn Caesar

gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und Tradition immer

diejenige Kriegfuehrung zu finden wusste, durch welche in dem gegebenen

Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen Falle

die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit fuer jeden Zweck das

rechte Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig dastand,

wie Wilhelm von Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den Feldzug

beendigte; der das Element der Kriegfuehrung, dessen Behandlung

das militaerische Genie von der gewoehnlichen Offiziertuechtigkeit

unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit unuebertroffener

Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der

Streitkraefte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im

langen Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst

mit unzulaenglichen Mitteln, die Buergschaft des Sieges fand. Allein

alles dieses ist bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein grosser

Redner, Schriftsteller und Feldherr, aber jedes davon ist er nur

geworden, weil er ein vollendeter Staumann war. Namentlich spielt der

Soldat in ihm eine durchaus beilaeufige Rolle, und es ist eine der

hauptsaechlichsten Eigentuemlichkeiten, die ihn von Alexander, Hannibal

und Napoleon unterscheidet, dass in ihm nicht der Offizier, sondern

der Demagog der Ausgangspunkt der politischen Taetigkeit war. Seinem

urspruenglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius

Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre

hindurch hatte er als Fuehrer der Popularpartei ausschliesslich in

politischen Plaenen und Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich

ueberzeugend von der Notwendigkeit eines militaerischen Rueckhalts,

schon ein Vierziger, an die Spitze einer Armee trat. Es war erklaerlich,

dass er auch spaeterhin immer noch mehr Staatsmann blieb als General

- aehnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsfuehrer zum

Militaerchef und Demokratenkoenig sich umschuf und der ueberhaupt, wie

wenig der Puritanerfuerst dem lockeren Roemer zu gleichen scheint, doch

in seiner Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht unter

allen Staatsmaennern Caesar am naechsten verwandt ist. Selbst in seiner

Kriegfuehrung ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl zu

erkennen; in Napoleons Unternehmungen gegen Aegypten und gegen England

ist der zum Feldherrn aufgediente Artillerieleutnant nicht deutlicher

sichtbar wie in den gleichartigen Caesars der zum Feldherrn

metamorphosierte Demagog. Ein geschulter Offizier wuerde es schwerlich

fertig gebracht haben, aus politischen Ruecksichten nicht durchaus

zwingender Natur die gegruendetsten militaerischen Bedenken in der Art

beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am auffallendsten bei

seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner Handlungen sind

darum militaerisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur, was der

Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller

Natur wie Caesars Genie: wenn er die vielfaeltigsten und voneinander

entlegensten Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme

zurueck auf das eine grosse Ziel, dem er mit unbedingter Treue und

Folgerichtigkeit diente; und nie hat er von den vielfaeltigen Seiten und

Richtgen seiner grossen Taetigkeit eine vor der andern bevorzugt.

Obwohl ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus staatsmaennischen

Ruecksichten das Aeusserste getan, um den Buergerkrieg abzuwenden und

um, da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie moeglich

zu ernten. Obwohl der Begruender der Militaermonarchie, hat er doch mit

einer in der Geschichte beispiellosen Energie weder Marschallshierarchie

noch Praetorianerregiment aufkommen lassen. Wenn ueberhaupt eine

Seite der buergerlichen Verdienste, so wurden von ihm vielmehr die

Wissenschafter, und die Kuenste des Friedens vor den militaerischen

bevorzugt. Die bemerkenswerteste Eigentuemlichkeit seines

staatsmaennischen Schaffens ist dessen vollkommene Harmonie. In der

Tat waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller menschlichen

Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, liess er die

Bilder der Vergangenheit und die ehrwuerdige Tradition nirgends sich

anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart

und das verstaendige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die

historisch- antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte

als einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel der

Gleichmaessigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemueter

der Menschen, wie der Wind die Wolken zwingt, und noetigte die

verschiedenartigsten Naturen, ihm sich zu eigen zu geben, den schlichten

Buerger und den derben Unteroffizier, die vornehmen Damen Roms und

die schoenen Fuerstinnen Aegyptens und Mauretaniens, den

glaenzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein

Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine

Buendnisse, nie ein Feldherr seine Armee aus ungefuegen und

widerstrebenden Elementen so entschieden zusammengezwungen und so fest

zusammengehalten wie Caesar seine Koalitionen und seine Legionen; nie

ein Regent mit so scharfem Blick seine Werkzeuge beurteilt und ein jedes

an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er war Monarch; aber nie hat er

den Koenig gespielt. Auch als unumschraenkter Herr von Rom blieb er in

seinem Auftreten der Parteifuehrer; vollkommen biegsam und geschmeidig,

bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen jeden, schien

er nichts sein zu wollen als der Erste unter seinesgleichen. Den

Fehler so vieler ihm sonst ebenbuertiger Maenner, den militaerischen

Kommandoton auf die Politik zu uebertragen, hat Caesar durchaus

vermieden; wie vielen Anlass das verdriessliche Verhaeltnis zum Senat

ihm auch dazu gab, er hat nie zu Brutalitaeten gegriffen, wie die des

achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war Monarch; aber nie hat ihn

der Tyrannenschwindel erfasst. Er ist vielleicht der einzige unter den

Gewaltigen des Herrn, welcher im grossen wie im kleinen nie nach Neigung

oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht gehandelt

hat, und der, wenn er auf sein Leben zuruecksah, wohl falsche Rechnungen

zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand. Es

ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich

vergleichen liesse mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit

der Ermordung des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die

Geschichte von seinem grossen Vorgaenger im Osten berichtet. Er

ist endlich vielleicht der einzige unter jenen Gewaltigen, der den

staatsmaennischen Takt fuer das Moegliche und Unmoegliche bis an das

Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht gescheitert ist an

derjenigen Aufgabe, die fuer grossartig angelegte Naturen von allen

die schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen

natuerliche Schranken zu erkennen. Was moeglich war, hat er geleistet

und nie um des unmoeglichen Besseren willen das moegliche Gute

unterlassen, nie es verschmaeht, unheilbare Uebel durch Palliative

wenigstens zu lindern. Aber wo er erkannte, dass das Schicksal

gesprochen, hat er immer gehorcht. Alexander am Hypanis, Napoleon in

Moskau kehrten um, weil sie mussten, und zuernten dem Geschick, dass es

auch seinen Lieblingen nur begrenzte Erfolge goennt; Caesar ist an der

Themse und am Rhein freiwillig zurueckgegangen und gedachte auch an

der Donau und am Euphrat nicht ungemessene Plaene der Weltueberwindung,

sondern bloss wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen.

---------------------------------------------- ^1 Wenn der Handel mit

Laberius, den der bekannte Prolog erzaehlt, als ein Beispiel von

Caesars Tyrannenlaunen angefuehrt worden ist, so hat man die Ironie der

Situation wie des Dichters gruendlich verkannt; ganz abgesehen von der

Naivitaet, den sein Honorar bereitwillig einstreichenden Poeten als

Maertyrer zu behandeln. ----------------------------------------------

So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch

so unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit;

und die Ueberlieferung bewahrt ueber ihn ausgiebigere und lebendigere

Kunde als ueber irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine

solche Persoenlichkeit konnte wohl flacher oder tiefer, aber nicht

eigentlich verschieden aufgefasst werden; jedem nicht ganz verkehrten

Forscher ist das hohe Bild mit denselben wesentlichen Zuegen erschienen,

und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben noch keinem gelungen.

Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie geschichtlich

steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die grossen Gegensaetze

des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schoepferkraft und

doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Juengling und

noch nicht Greis; vom hoechsten Wollen und vom hoechsten Vollbringen;

erfuellt von republikanischen Idealen und zugleich geboren zum Koenig;

ein Roemer im tiefsten Kern seines Wesens und wieder berufen, die

roemische und die hellenische Entwicklung in sich wie nach aussen hin

zu versoehnen und zu vermaehlen, ist Caesar der ganze und vollstaendige

Mann. Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr als bei irgendeiner anderen

geschichtlichen Persoenlichkeit an den sogenannten charakteristischen

Zuegen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen von der

naturgemaessen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflaechlichen

Blick dafuer gilt, zeigt sich bei naeherer Betrachtung nicht als

Individualitaet, sondern als Eigentuemlichkeit der Kulturepoche oder der

Nation; wie denn seine Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten

begabteren Zeitgenossen gemein sind, sein unpoetisches, aber energisch

logisches Naturell das Naturell der Roemer ueberhaupt ist. Es gehoert

dies mit zu Caesars voller Menschlichkeit, dass er im hoechsten Grade

durch Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit an sich gibt

es nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als in

einer gegebenen Volkseigentuemlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug

stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein anderer

mitten in die Stroemungen seiner Zeit sich gestellt hatte und weil

er die kernige Eigentuemlichkeit der roemischen Nation, die reale

buergerliche Tuechtigkeit vollendet wie kein anderer in sich trug; wie

denn auch sein Hellenismus nur der mit der italischen Nationalitaet

laengst innig verwachsene war. Aber eben hierin liegt auch die

Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmoeglichkeit, Caesar

anschaulich zu schildern. Wie der Kuenstler alles machen kann, nur nicht

die vollendete Schoenheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo

ihm alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darueber

schweigen. Denn es laesst die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt

uns nur die negative Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das

Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalitaet

und Individualitaet miteinander zu verbinden, ist unaussprechlich.

Uns bleibt nichts, als diejenigen gluecklich zu preisen, die dieses

Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu

gewinnen, der auf den von dieser grossen Natur geschaffenen Werken

unvergaenglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit.

Der roemische Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen

Vorgaenger nicht bloss ebenbuertig, sondern ueberlegen sich an die

Seite; aber die Welt war inzwischen alt geworden und ihr Jugendschimmer

verblasst. Caesars Taetigkeit ist nicht mehr wie die Alexanders ein

freudiges Vorwaertsstreben in die ungemessene Weite; er baute auf und

aus Ruinen und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, aber

begrenzten Raeumen moeglichst ertraeglich und moeglichst sicher sich

einzurichten. Mit Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Voelker

um den unpoetischen Roemer sich nicht bekuemmert und dagegen den Sohn

des Philippos mit allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben

der Sage bekleidet. Aber mit gleichem Recht hat das staatliche Leben

der Nationen seit Jahrtausenden wieder und wieder auf die Linien

zurueckgelenkt, die Caesar gezogen hat, und wenn die Voelker, denen die

Welt gehoert, noch heute mit seinem Namen die hoechsten ihrer Monarchen

nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch eine beschaemende

Mahnung. Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht

heillosen Zustaenden herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjuengen,

so musste vor allen Dingen das Land tatsaechlich beruhigt und der Boden

von den Truemmern, die von der letzten Katastrophe her ueberall ihn

bedeckten, gesaeubert werden. Caesar ging dabei aus von dem Grundsatz

der Versoehnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt - denn

von wirklicher Ausgleichung kann bei unversoehnlichen Gegensaetzen nicht

gesprochen werden -, von dem Grundsatz, dass der Kampfplatz, auf dem die

Nobilitaet und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten,

von beiden Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen

monarchischen Verfassung sich zusammenzufinden haetten. Vor allen Dingen

also galt aller aeltere Hader der republikanischen Vergangenheit als

abgetan fuer immer und ewig. Waehrend Caesar die auf die Nachricht

von der Pharsalischen Schlacht von dem hauptstaedtischen Poebel

umgestuerzten Bildsaeulen Sullas wiederaufzurichten befahl und also es

anerkannte, dass ueber diesen grossen Mann einzig der Geschichte Gericht

zu halten gebuehre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden

Folgen seiner Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen

und sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurueck und

gab den Kindern der von Sulla Geaechteten die verlorene passive

Wahlfaehigkeit wieder. Ebenso wurden alle diejenigen restituiert, die in

dem vorbereitenden Stadium der letzten Katastrophe durch Zensorenspruch

oder politischen Prozess, namentlich durch die auf Grund der

Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen, ihren Sitz im Senat

oder ihre buergerliche Existenz eingebuesst hatten. Nur blieben, wie

billig, diejenigen, die Geaechtete fuer Geld getoetet hatten, auch

ferner bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei,

Milo, von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen. Weit schwieriger

als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der Vergangenheit

anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im Augenblick sich

gegenueberstehenden Parteien: teils des eigenen demokratischen Anhangs

Caesars, teils der gestuerzten Aristokratie. Dass jener mit Caesars

Verfahren nach dem Sieg und mit seiner Aufforderung, den alten

Parteistandpunkt aufzugeben, womoeglich noch minder einverstanden war

als diese, versteht sich von selbst. Caesar selbst wollte wohl im

ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne getragen hatte; allein

die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der Gracchaner. Die

roemische Popularpartei war in immer steigender Progression aus der

Reform in die Revolution, aus der Revolution in die Anarchie, aus der

Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedraengt worden; sie feierte

unter sich das Andenken der Schreckensherrschaft und schmueckte, wie

einst der Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit Blumen und Kraenzen;

sie hatte unter Caesars Fahne sich gestellt, weil sie von ihm das

erwartete, was Catilina ihr nicht hatte verschaffen koennen. Als nun

aber sehr bald sich herausstellte, dass Caesar nichts weniger sein

wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, dass die Verschuldeten

von ihm hoechstens Zahlungserleichterungen und Prozessmilderungen zu

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 49 / 68 段