irre geworden in dem Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu

unbehilflich um wieder einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in

das rechte Geleise zurueckzubringen; als Menschen beschaemt durch die

Treue, mit der der Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort

hielt, und durch die Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit

mehr gewaehrte, als er je zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen,

da der Feldherr ihnen in Aussicht stellte, dem Triumph ihrer Kameraden

als Buergersleute zuschauen zu muessen und da er sie nicht mehr

"Kameraden" hiess, sondern "Buerger" und mit dieser aus seinem Munde

so fremdartig klingenden Anrede gleichsam mit einem Schlage ihre ganze

stolze Soldatenvergangenheit zerstoerte, und zu alledem unter dem Zauber

des unwiderstehlich gewaltigen Menschen - standen die Soldaten eine

Weile stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, dass

der Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten

moege, Caesars Soldaten zu heissen. Caesar gestattete es, nachdem er

hinreichend sich hatte bitten lassen; den Raedelsfuehrern bei dieser

Meuterei aber wurde an ihren Triumphalgeschenken ein Dritteil gekuerzt.

Ein groesseres psychologisches Meisterstueck kennt die Geschichte nicht,

und keines, das vollstaendiger gelungen waere. Auf den afrikanischen

Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens insofern nachteilig

ein, als sie die Eroeffnung desselben betraechtlich verzoegerte. Als

Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von Lilybaeon eintraf,

waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort bei weitem noch

nicht vollstaendig versammelt und eben die erprobten Truppen noch am

weitesten zurueck. Indes kaum waren sechs Legionen, darunter fuenf

neu gebildete, daselbst angelangt und die noetigen Kriegs- und

Transportschiffe angekommen, als Caesar mit denselben in See stach (25.

Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8. Oktober des

Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der herrschenden

Aequinoktialstuerme wegen bei der Insel Aegimuros vor der Karthagischen

Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Ueberfahrt nicht; allein

dieselben Stuerme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen,

und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen ersah,

konnte er nicht mehr als etwa 3000 Mann, groesstenteils Rekruten, und

150 Reiter ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte

Hadrumetum wegzunehmen, misslang; dagegen bemaechtigte Caesar sich der

beiden nicht weit voneinander entfernten Hafenplaetze Ruspina (Monastir

bei Susa) und Klein-Leptis. Hier verschanzte er sich; aber seine

Stellung war so unsicher, dass er seine Reiter auf den Schiffen

und diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um jeden

Augenblick, wenn er mit Uebermacht sollte angegriffen werden, wieder

sich einschiffen zu koennen. Indes war dies nicht noetig, da eben noch

zu rechter Zeit die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46).

Gleich am folgenden Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von

den Pompeianern getroffenen Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei

Legionen einen Zug in das innere Land, ward aber nicht weit von

Ruspina auf dem Marsche von den Heerhaufen angegriffen, die Labienus

heranfuehrte, um Caesar von der Kueste zu vertreiben. Da Labienus

ausschliesslich Reiterei und Schuetzen, Caesar fast nichts als

Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den

Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg

angreifen zu koennen. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die

Fluegel wieder frei und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen;

allein der Rueckzug war unvermeidlich, und waere Ruspina nicht so nahe

gewesen, so haette der maurische Wurfspeer vielleicht hier dasselbe

ausgerichtet, was bei Karrhae der parthische Bogen. Caesar, den dieser

Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden Krieges ueberzeugt

hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue Gefechtsweise

entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen, sondern

wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit

wurde benutzt, um die drueckende Ueberlegenheit des Feindes in den

Fernwaffen einigermassen auszugleichen. Dass die geeigneten Leute von

der Flotte als leichte Reiter oder Schuetzen in die Landarmee eingereiht

wurden, konnte nicht viel helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar

veranlassten Diversionen. Es gelang, die am suedlichen Abhang

des Grossen Atlas gegen die Sahara zu schweifenden gaetulischen

Hirtenstaemme gegen Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu ihnen

hatten die Schlaege der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und

ihr Groll gegen den Pompeius, der sie damals den numidischen Koenigen

untergeordnet hatte, machte sie den Erben des maechtigen, bei ihnen noch

vom Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius

von vorn herein geneigt. Die mauretanischen Koenige, Bogud in Tingis,

Bocchus in Jol, waren Jubas natuerliche Rivalen und zum Teil laengst

mit Caesar in Buendnis. Endlich streifte in dem Grenzgebiet zwischen den

Reichen des Juba und des Bocchus noch der letzte der Catilinarier,

jener Publius Sittius aus Nuceria, der achtzehn Jahre zuvor aus

einem bankrotten italischen Kaufmann sich in einen mauretanischen

Freischarenfuehrer verwandelt und seitdem in den libyschen Haendeln sich

einen Namen und ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und Sittius

fielen vereinigt in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt

Cirta, und ihr Angriff sowie der der Gaetuler noetigte den Koenig Juba,

einen Teil seiner Truppen an seine Sued- und Westgrenze zu senden. Indes

blieb Caesars Lage unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum

einer Quadratmeile zusammengedraengt; wenn auch die Flotte Getreide

herbeischaffte, so ward doch der Mangel an Fourage von Caesars Reitern

ebenso gefuehlt wie vor Dyrrhachion von denen des Pompeius. Die leichten

Truppen des Feindes blieben, aller Anstrengungen Caesars ungeachtet, den

seinigen so unermesslich ueberlegen, dass es fast unmoeglich schien, die

Offensive in das Binnenland hinein auch mit Veteranen durchzufuehren.

Wenn Scipio zurueckwich und die Kuestenstaedte preisgab, so konnte er

vielleicht einen Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir ueber

Crassus, Juba ueber Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den

Krieg ins unendliche hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die

einfachste Ueberlegung: selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein

Strateg, riet dazu und erbot sich, zugleich mit einem Korps nach Italien

ueberzufahren und dort die Republikaner unter die Waffen zu rufen, was

bei der gruendlichen Verwirrung daselbst gar wohl Erfolg haben konnte.

Allein Cato konnte nur raten, nicht befehlen; der Oberbefehlshaber

Scipio entschied, dass der Krieg in der Kuestenlandschaft gefuehrt

werden solle. Es war dies nicht bloss insofern verkehrt, als man damit

einen sicheren Erfolg verheissenden Kriegsplan fahren liess, sondern

auch insofern, als die Landschaft, in die man den Krieg verlegte, in

bedenklicher Gaerung, und das Heer, das man Caesar gegenueberstellte,

zum guten Teil ebenfalls schwierig war. Die fuerchterlich strenge

Aushebung, die Wegschleppung der Vorraete, die Verwuestung der kleineren

Ortschaften, ueberhaupt das Gefuehl einer von Haus aus fremden und

bereits verlorenen Sache aufgeopfert zu werden, hatten die einheimische

Bevoelkerung erbittert gegen die auf afrikanischem Boden ihren letzten

Verzweiflungskampf kaempfenden roemischen Republikaner; und das

terroristische Verfahren der letzteren gegen alle auch nur der

Gleichgueltigkeit verdaechtigen Gemeinden hatte diese Erbitterung zum

furchtbarsten Hass gesteigert. Die afrikanischen Staedte erklaerten, wo

sie irgend es wagen konnten, sich fuer Caesar; unter den Gaetulern und

den Libyern, die unter den leichten Truppen und selbst in den Legionen

in Menge dienten, riss die Desertion ein. Indes Scipio beharrte mit

aller dem Unverstand eigenen Hartnaeckigkeit auf seinem Plan, zog mit

gesamter Heeresmacht von Utica her vor die von Caesar besetzten Staedte

Ruspina und Klein-Leptis, belegte noerdlich davon Hadrumetum, suedlich

Thapsus (am Vorgebirge Ras Dimas) mit starken Besatzungen und bot

in Gemeinschaft mit Juba, der mit all seinen nicht durch die

Grenzverteidigung in Anspruch genommenen Truppen gleichfalls vor Ruspina

erschien, zu wiederholten Malen dem Feinde die Schlacht an. Aber Caesar

war entschlossen, seine Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann

nach und nach eintrafen und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren

Scipio und Juba die Lust, eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte

kein Mittel, sie bei ihrer ausserordentlichen Ueberlegenheit an leichter

Reiterei zu einer solchen zu zwingen. Ueber Maersche und Scharmuetzel

in der Umgegend von Ruspina und Thapsus, die hauptsaechlich um die

Auffindung der landueblichen Kellerverstecke (Silos) und um Ausbreitung

der Posten sich bewegten, verflossen fast zwei Monate. Caesar, durch die

feindlichen Reiter genoetigt, sich moeglichst auf den Anhoehen zu halten

oder auch seine Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewoehnte

doch waehrend dieser muehseligen und aussichtslosen Kriegfuehrung

allmaehlich seine Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und

Feind erkannten in dem vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute

sorgfaeltig und nicht selten persoenlich einschulte, den raschen

Feldherrn nicht wieder und wurden fast irre an dieser im Zoegern wie im

Zuschlagen sich gleichbleibenden Meisterschaft. Endlich wandte Caesar,

nachdem er seine letzten Verstaerkungen an sich gezogen hatte, sich

seitwaerts gegen Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt, stark

besetzt und damit den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu

fassendes Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fuegte er bald den

zweiten, noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewuenschte und

von Scipio mit Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung

von Thapsus auf einem Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die

Haende der Linieninfanterie gab. Unmittelbar am Strande, Caesars Lager

gegenueber, traten Scipios und Jubas Legionen an, die vorderen Reihen

kampffertig, die hinteren beschaeftigt, ein verschanztes Lager zu

schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus einen Ausfall

vor. Den letzteren zurueckzuweisen, genuegten Caesars Lagerwachen. Seine

kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den

schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig wuerdigend, zwangen,

waehrend drueben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das

Zeichen gab, einen Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der

ganzen Linie vor, allen voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen

ohne seinen Befehl abzuwarten vorruecken sah, an ihrer Spitze auf den

Feind eingaloppierte. Der rechte Fluegel, den uebrigen Abteilungen

voran, scheuchte die ihm gegenueberstehende Linie der Elefanten - es

war dies die letzte grosse Schlacht, in der die Bestien verwendet worden

sind - durch Schleuderkugeln und Pfeile zurueck auf ihre eigenen Leute.

Die Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Fluegel der Feinde

gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so

vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch

nicht fertig und das alte betraechtlich entfernt war; beide wurden

nacheinander fast ohne Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen

Armee warf die Waffen weg und bat um Quartier; aber Caesars Soldaten

waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda willig der Schlacht sich

enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll geschont hatten. Die

Gewohnheit des Buergerkrieges und der von der Meuterei zurueckgebliebene

Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in schrecklicher Weise

sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kaempfte, stets neue Koepfe

nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien nach

Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer

heisser ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne

Ursache, der Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er

hatte es sich geschworen nachzuholen, was der Feldherr versaeumt, und

blieb taub fuer das Flehen der entwaffneten Mitbuerger wie fuer die

Befehle Caesars und der hoeheren Offiziere. Die fuenfzigtausend Leichen,

die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten, darunter auch mehrere als

heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und deshalb bei dieser

Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte Caesarische

Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende Armee

dagegen zaehlte nicht mehr als fuenfzig Tote (6. April 708 46). Eine

Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so wenig in

Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der Pharsalischen

Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den Senat, legte den

Stand der Verteidigungsmittel dar und stellte es zur Entscheidung der

Versammelten, ob man sich unterwerfen oder bis auf den letzten Mann

sich verteidigen wolle, einzig sie beschwoerend, nicht jeder fuer sich,

sondern alle fuer einen zu beschliessen und zu handeln. Die mutigere

Meinung fand manchen Vertreter; es wurde beantragt, die waffenfaehigen

Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was aber Cato als einen

ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurueckwies und statt

dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentuemer vorschlug.

Allein bald verging der groesstenteils aus afrikanischen Grosshaendlern

bestehenden Versammlung diese Anwandlung von Entschlossenheit, und man

ward sich einig zu kapitulieren. Als dann Faustus Sulla, des Regenten

Sohn, und Lucius Afranius mit einer starken Abteilung Reiterei vom

Schlachtfelde her in Utica eintrafen, machte Cato noch einen Versuch,

durch sie die Stadt zu halten; allein ihre Forderung, sie zuvoerderst

die unzuverlaessige Buergerschaft von Utica insgesamt niedermachen zu

lassen, wies er unwillig zurueck und liess lieber die letzte Burg der

Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in die Haende fallen als die

letzten Atemzuege der Republik durch eine solche Metzelei entweihen.

Nachdem er, teils durch seine Autoritaet, teils durch freigebige

Spenden, dem Wueten der Soldateska gegen die ungluecklichen Uticenser

nach Vermoegen gesteuert und, soweit es in seiner Macht stand, denen,

die Caesars Gnade sich nicht anvertrauen mochten, die Mittel zur Flucht,

denen, die bleiben wollten, die Gelegenheit, unter moeglichst leidlichen

Bedingungen zu kapitulieren mit ruehrender Sorgfalt gewaehrt und

durchaus sich ueberzeugt hatte, dass er niemand weiter Hilfe zu leisten

vermoege, hielt er seines Kommandos sich entbunden, zog sich in sein

Schlafgemach zurueck und stiess sich das Schwert in die Brust. Auch von

den uebrigen gefluechteten Reitern retteten sich nur wenige. Die von

Thapsus gefluechteten Reiter stiessen auf die Scharen des Sittius und

wurden von ihnen niedergehauen oder gefangen; ihre Fuehrer Afranius und

Faustus wurden an Caesar ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich

hinrichten liess, von dessen Veteranen in einem Auflauf erschlagen.

Der Oberfeldherr Metellus Scipio geriet mit der Flotte der geschlagenen

Partei in die Gewalt der Kreuzer des Sittius und durchbohrte

sich selbst, da man Hand an ihn legen wollte. Koenig Juba, nicht

unvorbereitet auf einen solchen Ausgang, hatte fuer diesen Fall

beschlossen, zu enden, wie es ihm koeniglich duenkte, und auf dem Markte

seiner Stadt Zama einen ungeheuren Scheiterhaufen ruesten lassen, der

mit seinem Koerper auch all seine Schaetze und die Leichen der gesamten

Buergerschaft von Zama verzehren sollte. Allein die Stadtbewohner

verspuerten kein Verlangen, bei der Leichenfeier des afrikanischen

Sardanapal sich als Dekoration verwenden zu lassen und schlossen dem

Koenig, da er, vom Schlachtfeld fluechtend, in Begleitung von Marcus

Petreius vor der Stadt erschien, die Tore. Der Koenig, eine jener im

grellen und uebermuetigen Lebensgenuss verwilderten Naturen, die

auch aus dem Tode sich ein Taumelfest bereiten, begab sich mit seinem

Begleiter nach einem seiner Landhaeuser, liess einen reichlichen Schmaus

auftragen und forderte nach geendeter Mahlzeit den Petreius auf, mit ihm

im Zweikampf um den Tod zu fechten. Es war der Besieger Catilinas, der

ihn von der Hand des Koenigs empfing; der Koenig liess darauf von einem

seiner Sklaven sich durchbohren. Die wenigen angesehenen Maenner, welche

entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius, folgten dem aelteren Bruder

des letzteren nach Spanien und suchten, wie einst Sertorius, in

den Gebirgen und Gewaessern dieser immer noch halb unabhaengigen

Landschaften ein letztes Raeuber- und Piratenasyl. Ohne Widerstand

ordnete Caesar die afrikanischen Verhaeltnisse. Wie schon Curio

beantragt hatte, ward das Reich des Massinissa aufgeloest. Der

oestlichste Teil oder die Landschaft von Sitifis ward mit dem Reich

des Koenigs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, auch der treue Koenig

Bogud von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta (Constantine)

und den umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas Oberhoheit, der

Fuerst Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, erhielt der

Condottiere Publius Sittius, um seine halbroemischen Scharen daselbst

anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie ueberhaupt

der bei weitem groesste und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen

Reiches als "Neuafrika" mit der aelteren Provinz Afrika vereinigt und

die Verteidigung der Kuestenlandschaft gegen die schweifenden Staemme

der Wueste, welche die Republik einem Klientelkoenig ueberlassen

hatte, von dem neuen Herrscher auf das Reich selbst uebernommen.

---------------------------------------------- ^10 Die Inschriften der

bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren dieser Kolonisierung. Der

Name der Sittier ist dort ungemein haeufig; die afrikanische Ortschaft

Milev fuehrt als roemische den Namen colonia Sarnensis (CIL VIII, p.

1094), offenbar von dem nucerinischen Flussgott Sarnus (Suet. rhet. 4).

---------------------------------------------- Der Kampf, den Pompeius

und die Republikaner gegen Caesars Monarchie unternommen hatten, endigte

also nach vierjaehriger Dauer mit dem vollstaendigen Sieg des neuen

Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den Schlachtfeldern

von Pharsalos und Thapsus festgestellt; sie durfte bereits sich datieren

von dem Augenblick, wo Pompeius und Caesar im Bunde die Gesamtherrschaft

begruendet und die bisherige aristokratische Verfassung ueber den Haufen

geworfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des 9. August 706

(48) und des 6. April 708 (46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft

widerstreitende Gesamtregiment beseitigten und der neuen

Monarchie festen Bestand und foermliche Anerkennung verliehen.

Praetendenteninsurrektionen und republikanische Verschwoerungen mochten

nachfolgen und neue Erschuetterungen, vielleicht sogar neue Revolutionen

und Restaurationen hervorrufen; aber die waehrend eines halben

Jahrtausend ununterbrochene Kontinuitaet der freien Republik war

durchrissen und im ganzen Umfang des weiten Roemischen Reiches durch

die Legitimitaet der vollendeten Tatsache die Monarchie begruendet.

Der verfassungsmaessige Kampf war zu Ende; und dass er zu Ende war, das

sprach Marcus Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stuerzte.

Seit vielen Jahren war er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen

ihre Bedraenger der Vormann gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange

nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm erloschen war. Jetzt aber war

der Kampf selbst unmoeglich geworden; die Republik, die Marcus Brutus

begruendet hatte, war tot und niemals wieder zum Leben zu erwecken; was

sollten die Republikaner noch auf der Erde? Der Schatz war geraubt, die

Schildwache damit abgeloest; wer konnte sie schelten, wenn sie heimging?

Es ist mehr Adel und vor allem mehr Verstand in Catos Tode, als in

seinem Leben gewesen war. Cato war nichts weniger als ein grosser Mann;

aber bei all jener Kurzsichtigkeit, jener Verkehrtheit, jener duerren

Langweiligkeit und jenen falschen Phrasen, die ihn, fuer seine wie fuer

alle Zeit, zum Ideal des gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling

aller damit spielenden Individuen gestempelt haben, war er dennoch

der einzige, der das grosse, dem Untergang verfallene System in dessen

Agonie ehrlich und mutig vertrat. Darum, weil vor der einfaeltigen

Wahrheit die kluegste Luege innerlich sich zernichtet fuehlt und weil

alle Hoheit und Herrlichkeit der Menschennatur schliesslich nicht auf

der Klugheit beruht, sondern auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine

groessere geschichtliche Rolle gespielt als viele an Geist ihm weit

ueberlegene Maenner. Es erhoeht nur die tiefe und tragische Bedeutung

seines Todes, dass er selber ein Tor war: eben weil Don Quichotte ein

Tor ist, ist er ja eine tragische Gestalt. Es ist erschuetternd, dass

auf jener Weltbuehne, darauf so viele grosse und weise Maenner gewandelt

und gehandelt hatten, der Narr bestimmt war zu epilogieren. Auch ist er

nicht umsonst gestorben. Es war ein furchtbar schlagender Protest der

Republik gegen die Monarchie, dass der letzte Republikaner ging, als

der erste Monarch kam; ein Protest, der all jene sogenannte

Verfassungsmaessigkeit, mit welcher Caesar seine Monarchie umkleidete,

wie Spinneweben zerriss und das Schibboleth der Versoehnung aller

Parteien, unter dessen Aegide das Herrentum erwuchs, in seiner ganzen

gleisnerischen Luegenhaftigkeit prostituierte. Der unerbittliche Krieg,

den das Gespenst der legitimen Republik Jahrhunderte lang, von Cassius

und Brutus an bis auf Thrasea und Tacitus, ja noch viel weiter hinab,

gegen die Caesarische Monarchie gefuehrt hat - dieser Krieg der

Komplotte und der Literatur ist die Erbschaft, die Cato sterbend seinem

Feinde vermachte. Ihre ganze vornehme, rhetorisch transzendentale,

anspruchsvoll strenge, hoffnungslose und bis zum Tode getreue Haltung

hat diese republikanische Opposition von Cato uebernommen und dann auch

den Mann, der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Aergernis gewesen

war, schon unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren

begonnen. Die groesste aber unter diesen Huldigungen war die

unfreiwillige, die Caesar ihm erwies, indem er von der geringschaetzigen

Milde, mit welcher er seine Gegner, Pompeianer wie Republikaner, zu

behandeln gewohnt war, allein gegen Cato eine Ausnahme machte und noch

ueber das Grab hinaus ihn mit demjenigen energischen Hasse verfolgte;

welchen praktische Staatsmaenner zu empfinden pflegen gegen die auf dem

idealen Gebiet, ihnen ebenso gefaehrlich wie unerreichbar, opponierenden

Gegner. 11. Kapitel Die alte Republik und die neue Monarchie Der

neue Monarch von Rom, der erste Herrscher ueber das ganze Gebiet

roemisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im

sechsundfuenfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die

Schlacht bei Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer

Siege, die Entscheidung ueber die Zukunft der Welt in seine Haende

legte. Weniger Menschen Spannkraft ist also auf die Probe gestellt

worden wie die dieses einzigen schoepferischen Genies, das Rom, und des

letzten, das die alte Welt hervorgebracht und in dessen Bahnen sie denn

auch bis zu ihrem eigenen Untergange sich bewegt hat. Der Sproessling

einer der aeltesten Adelsfamilien Latiums, welche ihren Stammbaum auf

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 48 / 68 段