Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der aufgeloeste Zustand der

in der oestlichen Haelfte des Reiches befindlichen Streitkraefte,

die Methode des Feldherrn, nie anders als mit ueberlegenen Massen

zu operieren, seine Schwerfaelligkeit und Weitschichtigkeit und

die Zerfahrenheit der Koalition mag vielleicht die Untaetigkeit der

Landmacht zwar nicht entschuldigen, aber doch einigermassen erklaeren;

aber dass die Flotte, die doch ohne Nebenbuhler das Mittelmeer

beherrschte, so gar nichts tat, um den Gang der Dinge bestimmen

zu helfen, nichts fuer Spanien, so gut wie nichts fuer die treuen

Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen und

Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die

Zufuhr abzusperren - das macht an unsere Vorstellungen von der

im Pompeianischen Lager herrschenden Verwirrung und Verkehrtheit

Ansprueche, denen wir nur mit Muehe zu genuegen vermoegen. Das

Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte

Offensive gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort

vollstaendig, hier wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius'

Plan, Italien auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der

Hauptsache, sein allgemeiner Feldzugsplan durch die Vernichtung der

spanischen Armee vollstaendig vereitelt; und in Italien waren Caesars

Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur Verwendung gekommen.

Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien ging doch Caesar

in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem ersten

Kriegsjahr als Sieger hervor. Wenn indes vom Osten aus nichts

Wesentliches geschah, um Caesar an der Unterwerfung des Westens zu

hindern, so arbeitete man doch wenigstens dort in der so schmaehlich

gewonnenen Frist daran, sich politisch und militaerisch zu

konsolidieren. Der grosse Sammelplatz der Gegner Caesars ward

Makedonien. Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der

brundisinischen Emigranten; dorthin die uebrigen Fluechtlinge aus

dem Westen: Marcus Cato aus Sizilien, Lucius Domitius von Massalia;

namentlich aber aus Spanien eine Menge der besten Offiziere und Soldaten

der aufgeloesten Armee, an der Spitze ihre Feldherrn Afranius und Varro.

In Italien ward die Emigration unter den Aristokraten allmaehlich nicht

bloss Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen Schwung erhielt sie

durch die unguenstigen Nachrichten, die ueber Caesars Lage vor Ilerda

eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den politischen

Achseltraegern kamen nach und nach nicht wenige an, und selbst Marcus

Cicero ueberzeugte sich endlich, dass er seiner Buergerpflicht nicht

ausreichend damit genuege, wenn er eine Abhandlung ueber die Eintracht

schreibe. Der Emigrantensenat in Thessalonike, wo das offizielle Rom

seinen interimistischen Sitz aufschlug, zaehlte gegen 200 Mitglieder,

darunter manche hochbejahrte Greise und fast saemtliche Konsulare. Aber

freilich waren es Emigranten. Auch dieses roemische Koblenz stellte die

hohen Ansprueche und duerftigen Leistungen der vornehmen Welt Roms,

ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren Rekriminationen,

ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen Verlegenheiten in

klaeglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, dass man, waehrend

der alte Bau zusammensank, mit der peinlichsten Wichtigkeit jeden alten

Schnoerkel und Rostfleck der Verfassung in Obacht nahm: am Ende war es

bloss laecherlich, wenn es den vornehmen Herren Gewissensskrupel machte,

ausserhalb des geheiligten staedtischen Bodens ihre Ratversammlung Senat

zu heissen und sie vorsichtig sich die "Dreihundert" titulierten ^4;

oder wenn man weitlaeufige staatsrechtliche Untersuchungen anstellte, ob

und wie ein Kuriatgesetz von Rechts wegen sich anderswo zustande

bringen lasse als im roemischen Mauerring. Weit schlimmer war die

Gleichgueltigkeit der Lauen und die bornierte Verbissenheit der Ultras.

Jene waren weder zum Handeln zu bringen noch auch nur zum Schweigen.

Wurden sie aufgefordert, in einer bestimmten Weise fuer das gemeine

Beste taetig zu sein, so betrachteten sie, mit der schwachen Leuten

eigenen Inkonsequenz, jedes solche Ansinnen als einen boeswilligen

Versuch, sie noch weiter zu kompromittieren und taten das Befohlene gar

nicht oder mit halbem Herzen. Dabei aber fielen sie natuerlich mit ihrem

verspaeteten Besserwissen und ihren superklugen Unausfuehrbarkeiten

den Handelnden bestaendig zur Last; ihr Tagewerk bestand darin, jeden

kleinen und grossen Vorgang zu bekritteln, zu bespoetteln und zu

beseufzen und durch ihre eigene Laessigkeit und Hoffnungslosigkeit die

Menge abzuspannen und zu entmutigen. Wenn hier die Atome der Schwaeche

zu schauen war, so stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras in

voller Bluete. Hier hatte man es kein Hehl, dass die Vorbedingung fuer

jede Friedensverhandlung die Ueberbringung von Caesars Kopf sei: jeder

der Friedensversuche, die Caesar auch jetzt noch wiederholentlich

machte, ward unbesehen von der Hand gewiesen oder nur benutzt, um auf

heimtueckische Weise den Beauftragten des Gegners nach dem Leben zu

stellen. Dass die erklaerten Caesarianer samt und sonders Leben und

Gut verwirkt hatten, verstand sich von selbst; aber auch den mehr oder

minder Neutralen ging es wenig besser. Lucius Domitius, der Held von

Corfinium, machte im Kriegsrat alles Ernstes den Vorschlag, diejenigen

Senatoren, die im Heer des Pompeius gefochten haetten, ueber alle, die

entweder neutral geblieben oder zwar emigriert, aber nicht in das

Heer eingetreten seien, abstimmen zu lassen und diese einzeln je nach

Befinden freizusprechen oder mit Geldbusse oder auch mit dem Verlust des

Lebens und des Vermoegens zu bestrafen. Ein anderer dieser Ultras

erhob bei Pompeius gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften

Verteidigung Spaniens eine foermliche Anklage auf Bestechung und Verrat.

Diesen in der Wolle gefaerbten Republikanern nahm ihre politische

Theorie fast den Charakter eines religioesen Glaubensbekenntnisses an;

sie hassten denn auch die laueren Parteigenossen und den Pompeius mit

seinem persoenlichen Anhang womoeglich noch mehr als die offenbaren

Gegner, und durchaus mit jener Stupiditaet des Hasses, wie sie

orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie wesentlich verschuldeten

die zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die Emigrantenarmee

und den Emigrantensenat zerrissen. Aber sie liessen es nicht bei Worten.

Marcus Bibulus, Titus Labienus und andere dieser Koterie fuehrten ihre

Theorie praktisch durch und liessen, was ihnen von Caesars Armee an

Offizieren oder Soldaten in die Haende fiel, in Masse hinrichten; was

begreiflicherweise Caesars Truppen nicht gerade bewog, mit minderer

Energie zu fechten. Wenn waehrend Caesars Abwesenheit von Italien die

Konterrevolution zu Gunsten der Verfassungsfreunde, zu der alle Elemente

vorhanden waren, dennoch daselbst nicht ausbrach, so lag, nach der

Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache hauptsaechlich

in der allgemeinen Besorgnis vor dem unbezaehmbaren Wueten der

republikanischen Ultras nach erfolgter Restauration. Die Besseren im

Pompeianischen Lager waren in Verzweiflung ueber dies rasende Treiben.

Pompeius, selbst ein tapferer Soldat, schonte, soweit er durfte und

konnte, der Gefangenen; aber er war zu schwachmuetig und in einer zu

schiefen Stellung, um, wie es ihm als Oberfeldherrn zukam, alle Greuel

dieser Art zu hemmen oder gar zu ahnden. Energischer versuchte der

einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher Haltung in den Kampf

eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er erwirkte, dass der

Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte, untertaenige

Staedte zu pluendern und einen Buerger anders als in der Schlacht zu

toeten. Ebenso dachte der tuechtige Marcus Marcellus. Freilich wusste

es niemand besser als Cato und Marcellus, dass die extreme Partei ihre

rettenden Taten wenn noetig allen Senatsbeschluessen zum Trotze vollzog.

Wenn aber bereits jetzt, wo man noch Klugheitsruecksichten zu beobachten

hatte, die Wut der Ultras sich nicht baendigen liess, so mochte man nach

dem Siege auf eine Schreckensherrschaft sich gefasst machen, von der

Marius und Sulla selbst sich schaudernd abgewandt haben wuerden; und man

begreift es, dass Cato, seinem eigenen Gestaendnis zufolge, mehr noch

als vor der Niederlage, graute vor dem Siege seiner eigenen Partei.

----------------------------------------- ^4 Da nach formellem Recht die

"gesetzliche Ratversammlung" unzweifelhaft ebenso wie das "gesetzliche

Gericht" nur in der Stadt selbst oder innerhalb der Bannmeile

stattfinden konnte, so nannte die bei dem afrikanischen Heer den Senat

vertretende Versammlung sich die "Dreihundert" (Bell. Afr. 88, 90; App.

hist. 2, 95), nicht weil er aus 300 Mitgliedern bestand, sondern weil

dies die uralte Normzahl der Senatoren war. Es ist sehr glaublich, dass

diese Versammlung sich durch angesehene Ritter verstaerkte; aber wenn

Plutarch (Cato min. 59, 61) die Dreihundert zu italischen Grosshaendlern

macht, so hat er seine Quelle (Bell. Afr. 90) missverstanden. Aehnlich

wird der Quasisenat schon in Thessalonike geordnet gewesen sein.

--------------------------------------- Die Leitung der militaerischen

Vorbereitungen im makedonischen Lager lag in der Hand des Oberfeldherrn

Pompeius. Die stets schwierige und gedrueckte Stellung desselben hatte

durch die ungluecklichen Ereignisse des Jahres 705 (49) sich noch

verschlimmert. In den Augen seiner Parteigenossen trug wesentlich er

davon die Schuld. Es war das in vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein

guter Teil der erlittenen Unfaelle kam auf Rechnung der Verkehrtheit und

Unbotmaessigkeit der Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus

und des Lucius Domitius; von dem Augenblick an, wo Pompeius an die

Spitze der Armee getreten war, hatte er sie geschickt und mutig gefuehrt

und wenigstens sehr ansehnliche Streitkraefte aus dem Schiffbruch

gerettet; dass er Caesars jetzt von allen anerkanntem, durchaus

ueberlegenem Genie nicht gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht

vorgeworfen werden. Indes es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen

auf den Feldherrn Pompeius hatte die Verfassungspartei mit Caesar

gebrochen; die verderblichen Folgen dieses Bruches fielen auf

den Feldherrn Pompeius zurueck, und wenn auch bei der notorischen

militaerischen Unfaehigkeit aller uebrigen Chefs kein Versuch gemacht

ward, das Oberkommando zu wechseln, so war doch wenigstens das Vertrauen

zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu diesen Nachwehen der erlittenen

Niederlagen kamen die nachteiligen Einfluesse der Emigration. Unter

den eintreffenden Fluechtlingen war allerdings eine Anzahl tuechtiger

Soldaten und faehiger Offiziere namentlich der ehemaligen spanischen

Armee; allein die Zahl derer, die kamen, um zu dienen und zu fechten,

war ebenso gering, wie zum Erschrecken gross die der vornehmen Generale,

die mit ebenso gutem Fug wie Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren

nannten, und der vornehmen Herren, die mehr oder weniger unfreiwillig

am aktiven Kriegsdienst sich beteiligten. Durch diese ward die

hauptstaedtische Lebensweise in das Feldlager eingebuergert, keineswegs

zum Vorteil des Heeres: die Zelte solcher Herren waren anmutige Lauben,

der Boden mit frischem Rasen zierlich bedeckt, die Waende mit Efeu

bekleidet; auf dem Tisch stand silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste

dort schon am hellen Tage der Becher. Diese eleganten Krieger machten

einen seltsamen Kontrast mit Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot

jene erschraken und die in Ermangelung dessen auch Wurzeln assen und

schwuren, eher Baumrinde zu kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn

ferner die unvermeidliche Ruecksicht auf eine kollegialische und

ihm persoenlich abgeneigte Behoerde Pompeius schon an sich in seiner

Taetigkeit hemmte, so steigerte diese Verlegenheit sich ungemein,

als der Emigrantensenat beinahe im Hauptquartier selbst seinen Sitz

aufschlug und nun alles Gift der Emigration in diesen Senatssitzungen

sich entleerte. Eine bedeutende Persoenlichkeit endlich, die gegen all

diese Verkehrtheiten ihr eigenes Gewicht haette einsetzen koennen,

war nirgends vorhanden. Pompeius selbst war dazu geistig viel zu

untergeordnet und viel zu zoegernd, schwerfaellig und versteckt. Marcus

Cato wuerde wenigstens die erforderliche moralische Autoritaet gehabt

und auch des guten Willens, Pompeius damit zu unterstuetzen, nicht

ermangelt haben; allein Pompeius, statt ihn zum Beistand aufzufordern,

setzte ihn mit misstrauischer Eifersucht zurueck und uebertrug zum

Beispiel das so wichtige Oberkommando der Flotte lieber an den in

jeder Beziehung unfaehigen Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius

die politische Seite seiner Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit

behandelte und was an sich schon verdorben war, nach Kraeften weiter

verdarb, so widmete er dagegen mit anerkennenswertem Eifer sich seiner

Pflicht, die bedeutenden, aber aufgeloesten Streitkraefte der Partei

militaerisch zu organisieren. Den Kern derselben bildeten die aus

Italien mitgebrachten Truppen, aus denen mit den Ergaenzungen aus den

illyrischen Kriegsgefangenen und den in Griechenland domizilierten

Roemern zusammen fuenf Legionen gebildet wurden. Drei andere kamen aus

dem Osten: die beiden aus den Truemmern der Armee des Crassus gebildeten

syrischen und eine aus den zwei schwachen, bisher in Kilikien stehenden

kombinierte. Der Wegziehung dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts

in den Weg, da teils die Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen

standen und selbst ein Buendnis mit ihnen haetten haben koennen, wenn

Pompeius nicht unwillig sich geweigert haette, den geforderten Preis:

die Abtretung der von ihm selbst zum Reiche gebrachten syrischen

Landschaft, dafuer zu zahlen; teils Caesars Plan, zwei Legionen nach

Syrien zu entsenden und durch den in Rom gefangengehaltenen Prinzen

Aristobulos die Juden abermals unter die Waffen zu bringen, zum Teil

durch andere Ursachen, zum Teil durch Aristobulos' Tod vereitelt ward.

Weiter wurden aus den in Kreta und Makedonien angesiedelten gedienten

Soldaten eine, aus den kleinasiatischen Roemern zwei neue Legionen

ausgehoben. Zu allem dem kamen 2000 Freiwillige, die aus den Truemmern

der spanischen Kernscharen und anderen aehnlichen Zuzuegen hervorgingen,

und endlich die Kontingente der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius

es verschmaeht, von denselben Infanterie zu requirieren; nur zur

Kuestenbesatzung waren die epirotischen, aetolischen und thrakischen

Milizen aufgeboten und ausserdem an leichten Truppen 3000 griechische

und kleinasiatische Schuetzen und 1200 Schleuderer angenommen worden.

Die Reiterei dagegen bestand, ausser einer aus dem jungen Adel Roms

gebildeten, mehr ansehnlichen als militaerisch bedeutenden Nobelgarde

und den von Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven,

ausschliesslich aus den Zuzuegen der Untertanen und Klienten Roms. Den

Kern bildeten die Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils

die Kontingente des Koenigs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an

der Spitze seiner Reiterei in Person erschienen war, und der uebrigen

galatischen Dynasten. Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen

thrakischen Reiter, die teils von ihren Fuersten Sadala und Rhaskuporis

herangefuehrt, teils von Pompeius in der makedonischen Provinz

angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von Koenig Antiochos

von Kommagene gesendeten, berittenen Schuetzen; die Zuzuege der Armenier

von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter

Megabares und die von Koenig Juba gesandten numidischen Scharen - die

gesamte Masse stieg auf 7000 Pferde. Sehr ansehnlich endlich war die

Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet teils aus den von Brundisium

mitgefuehrten oder spaeter erbauten roemischen Fahrzeugen, teils aus den

Kriegsschiffen des Koenigs von Aegypten, der kolchischen Fuersten, des

kilikischen Dynasten Tarkondimotos, der Staedte Tyros, Rhodos, Athen,

Kerkyra und ueberhaupt der saemtlichen asiatischen und griechischen

Seestaaten und zaehlte gegen 500 Segel, wovon die roemischen den

fuenften Teil ausmachten. An Getreide und Kriegsmaterial waren in

Dyrrhachion ungeheure Vorraete aufgehaeuft. Die Kriegskasse war

wohlgefuellt, da die Pompeianer sich im Besitz der hauptsaechlichen

Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel der

Klientelfuersten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpaechter und

ueberhaupt der gesamten roemischen und nichtroemischen Bevoelkerung

in ihrem Bereich fuer sich nutzbar machten. Was in Afrika, Aegypten,

Makedonien, Griechenland, Vorderasien und Syrien das Ansehen

der legitimen Regierung und Pompeius' oftgefeierte Koenigs- und

Voelkerklientel vermochte, war zum Schutz der roemischen Republik in

Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, dass Pompeius

die Geten, Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er

der "Koenig der Koenige" hiess, so waren dies kaum Uebertreibungen zu

nennen. Im ganzen gebot derselbe ueber eine Armee von 7000 Reitern und

elf Legionen, von denen freilich hoechstens fuenf als kriegsgewohnt

bezeichnet werden durften, und ueber eine Flotte von 500 Segeln.

Die Stimmung der Soldaten, fuer deren Verpflegung und Sold

Pompeius genuegend sorgte und denen fuer den Fall des Sieges die

ueberschwenglichsten Belohnungen zugesichert waren, war durchgaengig

gut, in manchen und eben den tuechtigsten Abteilungen sogar

vortrefflich; indes bestand doch ein grosser Teil der Armee aus neu

ausgehobenen Truppen, deren Formierung und Exerzierung, wie eifrig sie

auch betrieben ward, notwendigerweise Zeit erforderte. Die Kriegsmacht

ueberhaupt war imposant, aber zugleich einigermassen buntscheckig. Nach

der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 (49/48) Heer

und Flotte wesentlich vollstaendig an der Kueste und in den Gewaessern

von Epirus vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch bereits mit 110

Schiffen in seinem neuen Hauptquartier Kerkyra eingetroffen. Dagegen war

das Landheer, dessen Hauptquartier waehrend des Sommers zu Berrhoea am

Haliakmon gewesen war, noch zurueck; die Masse bewegte sich langsam auf

der grossen Kunststrasse von Thessalonike nach der Westkueste auf

das kuenftige Hauptquartier Dyrrhachion zu; die beiden Legionen, die

Metellus Scipio aus Syrien heranfuehrte, standen gar noch bei Pergamon

in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum Fruehjahr in Europa

erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorlaeufig waren die epirotischen

Haefen ausser durch die Flotte nur noch durch die Buergerwehren und die

Aufgebote der Umgegend verteidigt. So war es Caesar moeglich geblieben,

trotz des dazwischenfallenden Spanischen Krieges auch in Makedonien die

Offensive fuer sich zu nehmen, und er wenigstens saeumte nicht. Laengst

hatte er die Zusammenziehung von Kriegs- und Transportschiffen in

Brundisium angeordnet und nach der Kapitulation der spanischen Armee

und dem Fall von Massalia die dort verwendeten Kerntruppen zum groessten

Teil ebendahin dirigiert. Die unerhoerten Anstrengungen zwar, die

also von Caesar den Soldaten zugemutet wurden, lichteten mehr als die

Gefechte die Reihen, und die Meuterei einer der vier aeltesten Legionen,

der neunten, auf ihrem Durchmarsch durch Placentia war ein gefaehrliches

Zeichen der bei der Armee einreissenden Stimmung; doch wurden Caesars

Geistesgegenwart und persoenliche Autoritaet derselben Herr, und von

dieser Seite stand der Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon

im Maerz 705 (49) die Verfolgung des Pompeius gescheitert war, der

Mangel an Schiffen, drohte auch diese Expedition zu vereiteln. Die

Kriegsschiffe, die Caesar in den gallischen, sizilischen und italischen

Haefen zu erbauen befohlen hatte, waren noch nicht fertig oder doch

nicht zur Stelle; sein Geschwader im Adriatischen Meer war das Jahr

zuvor bei Curicta vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr

als zwoelf Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den

dritten Teil seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwoelf

Legionen und 10000 Reitern auf einmal ueberzufuehren. Die ansehnliche

feindliche Flotte beherrschte ausschliesslich das Adriatische Meer

und namentlich die saemtlichen festlaendischen und Inselhaefen der

Ostkueste. Unter solchen Umstaenden draengt die Frage sich auf, warum

Caesar nicht statt des Seeweges den zu Lande durch Illyrien einschlug,

welcher aller von der Flotte drohenden Gefahren ihn ueberhob und

ueberdies fuer seine groesstenteils aus Gallien kommenden Truppen

kuerzer war als der ueber Brundisium. Zwar waren die illyrischen

Landschaften unbeschreiblich rauh und arm; aber sie sind doch von

anderen Armeen nicht lange nachher durchschritten worden, und dieses

Hindernis ist dem Eroberer Galliens schwerlich unuebersteiglich

erschienen. Vielleicht besorgte er, dass waehrend des schwierigen

illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte Streitmacht ueber das

Adriatische Meer fuehren moechte, wodurch die Rollen auf einmal sich

umkehren, Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu stehen kommen

konnte; obwohl ein solcher rascher Wechsel dem schwerfaelligen

Gegner doch kaum zuzutrauen war. Vielleicht hatte Caesar auch in der

Voraussetzung, dass seine Flotte inzwischen auf einen achtunggebietenden

Stand gebracht sein wuerde, sich fuer den Seeweg entschieden, und als

er nach seiner Rueckkehr aus Spanien des wahren Standes der Dinge im

Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spaet sein, den Feldzugsplan

zu aendern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, stets zur Entscheidung

draengenden Naturell darf man sagen wahrscheinlich, fand er durch die

augenblicklich noch unbesetzte, aber sicher in wenigen Tagen mit Feinden

sich bedeckende epirotische Kueste sich unwiderstehlich gelockt, den

ganzen Plan des Gegners wieder einmal durch einen verwegenen Zug zu

durchkreuzen. Wie dem auch sei, am 4. Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit

sechs, durch die Strapazen und Krankheiten sehr gelichteten Legionen und

600 Reitern von Brundisium nach der epirotischen Kueste unter Segel. Es

war ein Seitenstueck zu der tollkuehnen britannischen Expedition; indes

wenigstens der erste Wurf war gluecklich. Inmitten der akrokeraunischen

(Chimara-) Klippen, auf der wenig besuchten Reede von Paleassa

(Paljassa) ward die Kueste erreicht. Man sah die Transportschiffe sowohl

aus dem Hafen von Orikon (Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches

Geschwader von achtzehn Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier

der feindlichen Flotte bei Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach,

hier war man nicht segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport

ans Land gesetzt. Waehrend die Schiffe sogleich zurueckgingen, um

den zweiten nachzuholen, ueberstieg Caesar noch denselben Abend die

akrokeraunischen Berge. Seine ersten Erfolge waren so gross wie die

Ueberraschung der Feinde. Der epirotische Landsturm setzte nirgends sich

zur Wehr; die wichtigen Hafenstaedte Orikon und Apollonia nebst einer

Menge kleinerer Ortschaften wurden weggenommen; Dyrrhachion, von den

Pompeianern zum Hauptwaffenplatz ausersehen und mit Vorraeten aller Art

angefuellt, aber nur schwach besetzt, schwebte in der groessten Gefahr.

-------------------------------------------------------- ^5 Nach

dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49).

-------------------------------------------------------- Indes der

weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glaenzenden Anfange

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 43 / 68 段