uebrig bleibende Aushilfe umfassende Konfiskationen erwartet wurden.
Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhaeltnisse,
in welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der
besitzenden Klassen vor einer anarchischen Umwaelzung war allgemein.
Feinde und Freunde sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius
glaubte oder behauptete zu glauben, dass Caesar nur durch die
Unmoeglichkeit, seine Schulden zu bezahlen, zum Buergerkrieg getrieben
worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der Tat waren Caesars
Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger beruhigend
der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des
anbruechigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius,
Gaius Curio, Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros
Befehl hingerichteten Catilinariers Lentulus - spielten darin die ersten
Rollen; die hoechsten Vertrauensposten wurden an Maenner vergeben, die
es laengst aufgegeben hatten, ihre Schulden auch nur zu summieren; man
sah Caesarische Beamte Taenzerinnen nicht bloss unterhalten - das
taten andere auch -, sondern oeffentlich in Begleitung solcher Dirnen
erscheinen. War es ein Wunder, dass auch ernsthafte und politisch
parteilose Maenner Amnestie fuer alle landfluechtigen Verbrecher,
Vernichtung der Schuldbuecher, umfassende Konfiskations-, Acht- und
Mordbefehle erwarteten, ja eine Pluenderung Roms durch die gallische
Soldateska? Indes hierin taeuschte das "Ungeheuer" die Erwartungen
seiner Feinde wie seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische
Stadt Ariminum besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich
bewaffnet innerhalb der Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne
Unterschied, ob sie ihn freundlich oder feindlich empfangen hatten,
wurden die Landstaedte vor jeder Unbill geschuetzt. Als die meuterische
Garnison am spaeten Abend Corfinium uebergab, verschob er, gegen jede
militaerische Ruecksicht, die Besetzung der Stadt bis zum anderen
Morgen, einzig, um die Buergerschaft nicht einem naechtlichen Einmarsch
seiner erbitterten Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die
Gemeinen, als voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee
eingereiht, die Offiziere aber nicht bloss verschont, sondern auch
ohne Unterschied der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei
entlassen, und was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch
nur die Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen
ohne Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt,
ja sogar dem Labienus das zurueckgelassene Geld und Gepaeck ins
feindliche Lager nachgesandt. In der peinlichsten Finanznot wurden
dennoch die ungeheuren Gueter der anwesenden wie der abwesenden Gegner
nicht angegriffen; ja Caesar borgte lieber bei den Freunden, als dass er
auch nur durch Ausschreibung der formell zulaessigen, aber tatsaechlich
antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen sich aufgeregt haette.
Nur die Haelfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe betrachtete der
Sieger als mit dem Siege geloest; die Buergschaft der Dauer sah er nach
seiner eigenen Aeusserung allein in der unbedingten Begnadigung der
Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna
bis Brundisium unablaessig die Versuche erneuert, eine persoenliche
Zusammenkunft mit Pompeius und einen ertraeglichen Vergleich
einzuleiten. Aber wenn die Aristokratie schon frueher von keiner
Aussoehnung hatte wissen wollen, so hatte die unerwartete und so
schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn gesteigert, und
das wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam mit der
Versoehnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien
zurueckgebliebenen Freunden regelmaessig zukommenden Mitteilungen
flossen ueber von Entwuerfen zu Konfiskationen und Proskriptionen,
von Epurationsplaenen des Senats und des Staats, gegen die Sullas
Restaurationen Kinderspiel waren und die selbst die gemaessigten
Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle Leidenschaft der
Ohnmacht, die weise Maessigung der Macht taten ihre Wirkung. Die ganze
Masse, der die materiellen Interessen ueber die politischen gingen,
warf sich Caesar in die Arme. Die Landstaedte vergoetterten "die
Rechtschaffenheit, die Maessigung, die Klugheit" des Siegers; und selbst
die Gegner raeumten ein, dass es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die
hohe Finanz, Steuerpaechter und Geschworene verspuerten nach dem argen
Schiffbruch, der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte, keine
besondere Lust, sich weiter denselben Steuermaennern anzuvertrauen; die
Kapitalien kamen wieder zum Vorschein und "die reichen Herren begaben
sich wieder an ihr Tagewerk, die Zinsbuecher zu schreiben". Selbst die
grosse Majoritaet des Senats, wenigstens der Zahl nach - denn allerdings
befanden sich von den vornehmeren und einflussreichen Senatsmitgliedern
nur wenige darunter - war, trotz der Befehle des Pompeius und
der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in der Hauptstadt selbst
zurueckgeblieben und liess Caesars Regiment sich gefallen. Caesars eben
in ihrer scheinbaren Ueberschwenglichkeit wohlberechnete Milde erreichte
ihren Zweck: die zappelnde Angst der besitzenden Klassen vor der
drohenden Anarchie wurde einigermassen beschwichtigt. Wohl war dies fuer
die Folgezeit ein unberechenbarer Gewinn; die Abwendung der Anarchie
und der fast nicht minder gefaehrlichen Angst vor der Anarchie war die
Vorbedingung der kuenftigen Reorganisation des Gemeinwesens. Aber
fuer den Augenblick war diese Milde fuer Caesar gefaehrlicher als die
Erneuerung der cinnanischen und catilinarischen Raserei gewesen sein
wuerde; sie verwandelte Feinde nicht in Freunde und Freunde in Feinde.
Caesars catilinarischer Anhang grollte, dass das Morden und Pluendern
unterblieb; von diesen verwegenen, verzweifelten und zum Teil
talentvollen Gesellen waren die bedenklichsten Querspruenge zu erwarten.
Die Republikaner aller Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade
des Ueberwinders weder bekehrt noch versoehnt. Nach dem Credo der
Catonischen Partei entband die Pflicht gegen das, was sie Vaterland
nannte, von jeder anderen Ruecksicht; selbst wer Caesar Freiheit und
Leben verdankte, blieb befugt und verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu
ergreifen oder doch mindestens gegen ihn zu komplottieren. Die minder
entschiedenen Fraktionen der Verfassungspartei liessen zwar allenfalls
sich willig finden, von dem neuen Monarchen Frieden und Schutz
anzunehmen; aber sie hoerten doch darum nicht auf, die Monarchie wie
den Monarchen von Herzen zu verwuenschen. Je offenbarer die
Verfassungsaenderung hervortrat, desto bestimmter kam der grossen
Majoritaet der Buergerschaft, sowohl in der politisch lebhaften,
aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen laendlichen und
landstaedtischen Bevoelkerung, ihre republikanische Besinnung zum
Bewusstsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde in Rom mit
Recht an ihre Gesinnungsgenossen im Exil, dass daheim alle Klassen und
alle Individuen pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige Stimmung all
dieser Kreise wurde noch gesteigert durch den moralischen Druck, den die
entschiedeneren und vornehmeren Gesinnungsgenossen eben als Emigranten
auf die Menge der Geringeren und Lauen ausuebten. Dem ehrlichen Mann
schlug ueber sein Verbleiben in Italien das Gewissen; der Halbaristokrat
glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn er nicht mit den
Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in dem
Caesarischen Senat der Nullitaeten mitsass. Die eigene Milde des Siegers
gab dieser stillen Opposition erhoehte politische Bedeutung: da Caesar
nun einmal des Terrorismus sich enthielt, so schienen die heimlichen
Gegner ihre Abneigung gegen sein Regiment ohne viele Gefahr betaetigen
zu koennen. Sehr bald machte er in dieser Beziehung merkwuerdige
Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den Kampf begonnen, um den
terrorisierten Senat von seinen Unterdrueckern zu befreien. Dies
war geschehen; er wuenschte also von dem Senat die Billigung des
Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu
erlangen. Zu diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt
erschien (Ende Maerz), die Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1.
April). Die Versammlung war ziemlich zahlreich, aber selbst von den in
Italien verbliebenen Senatoren waren doch die namhaftesten ausgeblieben,
sogar der ehemalige Fuehrer der servilen Majoritaet, Marcus Cicero, und
Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und was schlimmer war,
auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars Vorschlaege
einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung des Krieges
sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden Konsulare, Servius
Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts wuenschte als einen
ruhigen Tod in seinem Bette, dass Caesar sich mehr um das Vaterland
verdient machen werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach Griechenland
und Spanien zu tragen. Als dann Caesar den Senat ersuchte, wenigstens
seine Friedensvorschlaege an Pompeius zu uebermitteln, war man dem an
sich zwar nicht entgegen, aber die Drohungen der Emigranten gegen die
Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt, dass niemand sich fand, um
die Friedensbotschaft zu uebernehmen. An der Abneigung der Aristokratie,
den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an derselben
Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar Pompeius'
legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Buergerkrieg vereitelt hatte,
scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. Andere Hemmungen
kamen hinzu. Caesar wuenschte, um seine Stellung doch irgendwie zu
regulieren, zum Diktator ernannt zu werden; es geschah nicht, weil ein
solcher verfassungsmaessig nur von einem der Konsuln bestellt werden
konnte und der Versuch, den Konsul Lentulus zu kaufen, wozu bei dessen
zerruetteten Vermoegensverhaeltnissen wohl Aussicht war, dennoch
fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte gegen
saemtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die
Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem
Leibe zu decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den
Unverletzlichen so saenftiglich wie moeglich beiseiteschieben zu lassen;
uebrigens blieb er dabei, sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem
Senat erklaerte er, ebenwie es kurz zuvor die Verfassungspartei getan,
dass er zwar gewuenscht habe, auf gesetzlichem Wege und mit Beihilfe
der hoechsten Behoerde die Verhaeltnisse zu ordnen; allein da diese
verweigert werde, koenne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den
Senat und die staatsrechtlichen Formalien sich zu kuemmern, uebergab er
die einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Praetor Marcus Aemilius
Lepidus als Stadtpraefekten und ordnete fuer die Verwaltung der
ihm gehorchenden Landschaften und die Fortsetzung des Krieges das
Erforderliche an. Selbst unter dem Getoese des Riesenkampfes und neben
dem lockenden Klang der verschwenderischen Versprechungen Caesars machte
es noch tiefen Eindruck auf die hauptstaedtische Menge, als sie in ihrem
freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen schalten und die
Tuer der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah. Allein die
Zeiten waren nicht mehr, wo Eindruecke und Stimmungen der Masse den
Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und auf einige
schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts weiter an.
Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge
verdankte er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe
festzuhalten. Die Lage seines Gegners war seltsam. Nachdem der
urspruengliche Plan, den Feldzug zugleich von Italien und Spanien aus in
den beiden Gallien offensiv zu fuehren, durch Caesars Angriff vereitelt
war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen beabsichtigt. Hier hatte er
eine sehr starke Stellung. Das Heer zaehlte sieben Legionen; es dienten
darin eine grosse Anzahl von Pompeius' Veteranen, und die mehrjaehrigen
Kaempfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und Offiziere
gestaehlt. Unter den Anfuehrern war Marcus Varro zwar nichts als ein
beruehmter Gelehrter und ein getreuer Anhaenger; aber Lucius Afranius
hatte mit Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus
Petreius, der Ueberwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener
wie faehiger Offizier. Wenn in der jenseitigen Provinz Caesar noch von
seiner Statthalterschaft her mancherlei Anhang hatte, so war dagegen
die wichtigere Ebroprovinz mit allen Banden der Verehrung und der
Dankbarkeit an den beruehmten General gefesselt, der zwanzig Jahre zuvor
im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando gefuehrt und nach
dessen Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach
der italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den
geretteten Heerestruemmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner
gesamten Macht Caesar entgegentreten. Ungluecklicherweise aber hatte
er, in der Hoffnung, die in Corfinium stehenden Truppen noch retten
zu koennen, so lange in Apulien sich verweilt, dass er statt der
kampanischen Haefen das naehere Brundisium zum Einschiffungsort zu
waehlen genoetigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens, nicht
spaeterhin auf den urspruenglichen Plan wieder zurueck kam, laesst sich
nicht entscheiden; ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen
und misstrauischen Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen
und der spanischen Bevoelkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb
im Osten und Caesar hatte die Wahl, den naechsten Angriff entweder gegen
die Armee zu richten, die in Griechenland unter Pompeius' eigenem Befehl
sich organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren
in Spanien. Er hatte fuer das letztere sich entschieden und, sowie der
italische Feldzug zu Ende ging, Massregeln getroffen, um neun seiner
besten Legionen, ferner 6000 Reiter, teils in den Keltengauen von Caesar
einzeln ausgesuchte Leute, teils deutsche Soeldner, und eine
Anzahl iberischer und ligurischer Schuetzen an der unteren Rhone
zusammenzuziehen. Aber ebenhier waren auch seine Gegner taetig gewesen.
Der vom Senat an Caesars Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens
ernannte Lucius Domitius hatte von Corfinium aus, sowie Caesar ihn
freigegeben, sich mit seinem Gesinde und mit Pompeius' Vertrauensmann
Lucius Vibullius Rufus nach Massalia auf den Weg gemacht und in der Tat
die Stadt bestimmt, sich fuer Pompeius zu erklaeren, ja Caesars Truppen
den Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen blieben die zwei
am wenigsten zuverlaessigen Legionen unter Varros Oberbefehl in der
jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fuenf besten,
verstaerkt durch 40000 Mann spanischen Fussvolks, teils keltiberischer
Linieninfanterie, teils lusitanischer und anderer Leichten, und durch
5000 spanische Reiter, unter Afranius und Petreius, den durch Vibullius
ueberbrachten Befehlen des Pompeius gemaess sich aufgemacht, um die
Pyrenaeen dem Feinde zu sperren. Hierueber traf Caesar selbst in
Gallien ein und entsandte sogleich, da die Einleitung der Belagerung von
Massalia ihn selber noch zurueckhielt, den groessten Teil seiner an der
Rhone versammelten Truppen, sechs Legionen und die Reiterei, auf der
grossen, ueber Narbo (Narbonne) nach Rhode (Rosas) fuehrenden Chaussee,
um an den Pyrenaeen dem Feinde zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius
und Petreius an den Paessen anlangten, fanden sie dieselben bereits
besetzt von den Caesarianern und die Linie der Pyrenaeen verloren. Sie
nahmen darauf zwischen diesen und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda
(Lerida). Diese Stadt liegt vier Meilen noerdlich vom Ebro an dem
rechten Ufer eines Nebenflusses desselben, des Sicoris (Segre), ueber
den nur eine einzige solide Bruecke unmittelbar bei Ilerda fuehrte.
Suedlich von Ilerda treten die das linke Ufer des Ebro begleitenden
Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; nordwaerts erstreckt sich zu
beiden Seiten des Sicoris ebenes Land, das von dem Huegel, auf welchem
die Stadt gebaut ist, beherrscht wird. Fuer eine Armee, die sich
musste belagern lassen, war es eine vortreffliche Stellung; aber die
Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die Besetzung der Pyrenaeenlinie
versaeumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich aufgenommen werden,
und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda und dem Ebro
hergestellt, noch dieser Fluss ueberbrueckt war, so war der Rueckzug aus
der vorlaeufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht hinreichend
gesichert. Die Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in dem Delta
fest, das der Fluss Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm sich
vereinigenden Cinga (Cinca) bildet; indes ward es mit dem Angriff erst
Ernst, nachdem Caesar im Lager eingetroffen war (23. Juni). Unter den
Mauern der Stadt ward von beiden Teilen gleich erbittert und gleich
tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekaempft; ihren Zweck aber:
zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich festzusetzen
und dadurch der Steinbruecke sich zu bemaechtigen., erreichten die
Caesarianer nicht und blieben also fuer ihre Kommunikation mit Gallien
lediglich angewiesen auf zwei Bruecken, welche sie ueber den Sicoris und
zwar, da der Fluss bei Ilerda selbst zu solcher Ueberbrueckung schon zu
ansehnlich war, vier bis fuenf deutsche Meilen weiter oberwaerts in der
Eile geschlagen hatten. Als dann mit der Schneeschmelze die Hochwasser
kamen, wurden diese Notbruecken weggerissen; und da es an Schiffen
fehlte, um die hochangeschwollenen Fluesse zu passieren, und unter
diesen Umstaenden an Wiederherstellung der Bruecken zunaechst nicht
gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschraenkt auf den
schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des
Sicoris aber und damit die Strasse, auf der die Armee mit Gallien und
Italien kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben,
die den Fluss teils auf der Stadtbruecke, teils nach lusitanischer Art
auf Schlaeuchen schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der
Ernte; die alte Frucht war fast aufgebraucht, die neue noch nicht
eingebracht und der enge Landstreif zwischen den beiden Baechen bald
ausgezehrt. Im Lager herrschte foermliche Hungersnot - der preussische
Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und brachen bedenkliche
Krankheiten aus; dagegen haeufte am linken Ufer Proviant und die
mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub
aus Gallien von Reiterei und Schuetzen, beurlaubte Offiziere und
Soldaten, heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000
Koepfen, welche von den Pompeianern mit ueberlegener Macht angegriffen
und mit grossem Verlust in die Berge gedraengt wurden, waehrend die
Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen Gefecht untaetig zusehen
mussten. Die Verbindungen der Armee waren in den Haenden der Pompeianer;
in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien ploetzlich aus, und die
bedenklichen Geruechte, die dort umzulaufen begannen, waren von der
Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Haetten die Pompeianer ihren Vorteil
mit einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die auf
dem linken Ufer des Sicoris zusammengedraengte, kaum widerstandsfaehige
Masse entweder in ihre Gewalt zu bringen oder wenigstens nach Gallien
zurueckzuwerfen und dies Ufer so vollstaendig zu besetzen, dass ohne
ihr Wissen kein Mann den Fluss ueberschritt. Allein beides war versaeumt
worden; jene Haufen waren wohl mit Verlust beiseite gedraengt, aber
doch weder vernichtet noch voellig zurueckgeworfen worden, und die
Ueberschreitung des Flusses zu wehren, ueberliess man wesentlich dem
Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er liess tragbare
Kaehne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner
Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und spaeter den
Sachsen ueblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den
Punkt, wo die Bruecken gestanden hatten, transportieren. Auf diesen
gebrechlichen Nachen wurde das andere Ufer erreicht und, da man es
unbesetzt fand, ohne grosse Schwierigkeit die Bruecke wiederhergestellt;
rasch war dann auch die Verbindungsstrasse freigemacht und die sehnlich
erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars gluecklicher Einfall
riss also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es schwebte. Sofort
begann dann Caesars an Tuechtigkeit der feindlichen weit ueberlegene
Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu durchstreifen;
schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen den
Pyrenaeen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst
einzelne suedlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps
Caesars und die Uebertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den
Pompeianern die Zufuhr knapp; sie entschlossen sich endlich zum
Rueckzug hinter die Ebrolinie und gingen eiligst daran, unterhalb der
Sicorismuendung eine Schiffbruecke ueber den Ebro zu schlagen. Caesar
suchte den Gegnern den Rueckweg ueber den Ebro abzuschneiden und sie in
Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im Besitz der Bruecke
bei Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Bruecken in seiner Gewalt
hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flussufer verteilen
und konnte Ilerda nicht einschliessen. Seine Soldaten schanzten also
Tag und Nacht, um durch Abzugsgraeben den Fluss so viel tiefer zu legen,
dass die Infanterie ihn durchwaten koenne. Aber die Vorbereitungen
der Pompeianer, den Ebro zu passieren, kamen frueher zu Ende als die
Anstalten der Caesarianer zur Einschliessung von Ilerda; als jene nach
Vollendung der Schiffbruecke den Marsch nach dem Ebro zu am linken Ufer
des Sicoris antraten, schienen die Ableitungsgraeben der Caesarianer
dem Feldherrn doch nicht weit genug vorgerueckt, um die Furt fuer die
Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter liess er den Strom passieren
und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens ihn aufhalten
und schaedigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen die seit
Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen
sie mit der instinktmaessigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die
strategische Bedeutung dieses Rueckzugs, der sie noetigte, dem Gegner in
ferne, unwegsame und von feindlichen Scharen erfuellte Landschaften zu
folgen; auf ihre eigene Bitte wagte es der Feldherr, auch das Fussvolk
in den Fluss zu fuehren, und obwohl den Leuten das Wasser bis an die
Schultern ging, ward er doch ohne Unfall durchschritten. Es war die
hoechste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die Stadt Ilerda von den
den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal durchschritten und das
Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so konnte der Rueckzug
an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten dieselben,
trotz der bestaendigen, den Marsch ungemein verzoegernden Angriffe der
feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genaehert, als
sie, seit Mitternacht auf dem Marsche und unsaeglich erschoepft,
ihren urspruenglichen Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu
durchschreiten, aufgaben und Lager schlugen. Hier holte Caesars
Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der Nacht ihnen
gegenueber, indem der anfaenglich beabsichtigte naechtliche Weitermarsch