allgemeinen Wunsch nach Frieden, Pompeius' Uebermut, seine eigene

Nachgiebigkeit mit der ganzen unwiderstehlichen Macht der Wahrheit

darlegte, die Vergleichsvorschlaege von einer ohne Zweifel seine eigenen

Anhaenger ueberraschenden Maessigung, die bestimmte Erklaerung, dass

hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten sei, machten den

tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in die Hauptstadt

gestroemten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der Majoritaet nicht

zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich aussprechen zu lassen.

Ueber den von Caesar erneuerten Vorschlag, dass beiden Statthaltern

zugleich die Niederlegung ihres Kommandos aufgegeben werden moege, ueber

alle durch sein Schreiben nahegelegten Vergleichsvorschlaege und ueber

den von Marcus Caelius Rufus und Marcus Calidius gestellten Antrag,

Pompeius zur sofortigen Abreise nach Spanien zu veranlassen, weigerten

sich die Konsuln, wie sie als Vorsitzende es durften, die Abstimmung

zu eroeffnen. Selbst der Antrag eines der entschiedensten

Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die militaerische Lage der

Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus Marcellus: die

Beschlussfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm unter Waffen

stehe und den Senat zu schuetzen vermoege, durfte nicht zur Abstimmung

gebracht werden. Pompeius liess durch sein gewoehnliches Organ

Quintus Scipio erklaeren, dass er jetzt oder nie die Sache des Senats

aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen lasse, wenn man noch laenger

zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden aus, dass es gar auf

den Beschluss des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn derselbe bei

seiner Servilitaet verharren sollte, er von sich aus handeln und

mit seinen maechtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So

terrorisiert, beschloss die Majoritaet, was ihr befohlen ward: dass

Caesar bis zu einem bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien

an Lucius Domitius Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius

Nonianus abzugeben und das Heer zu entlassen habe, widrigenfalls er als

Hochverraeter erachtet werde. Als die Tribune von Caesars Partei gegen

diesen Beschluss ihres Interzessionsrechts sich bedienten, wurden sie

nicht bloss, wie sie wenigstens behaupteten, in der Kurie selbst von

Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr Leben zu

retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu fluechten gezwungen,

sondern es behandelte auch der nun hinreichend eingeschuechterte

Senat ihr formell durchaus verfassungsmaessiges Einschreiten wie einen

Revolutionsversuch, erklaerte das Vaterland in Gefahr und rief in den

ueblichen Formen die gesamte Buergerschaft unter die Waffen und an die

Spitze der Bewaffneten die saemtlichen verfassungstreuen Beamten (7.

Januar 705 49). ----------------------------------------------- ^3 Zu

unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO); dieser

war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des

Marcus Marcellus, Konsul 703 (51).

---------------------------------------------- Nun war es genug. Wie

Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager fluechtenden Tribune von

der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche seine Vorschlaege in der

Hauptstadt gefunden hatten, rief er die Soldaten der dreizehnten Legion,

die inzwischen aus ihren Kantonierungen bei Tergeste (Triest) in Ravenna

eingetroffen war, zusammen und entwickelte vor ihnen den Stand

der Dinge. Es war nicht bloss der geniale Herzenskuendiger und

Geisterbeherrscher, dessen glaenzende Rede in diesem erschuetternden

Wendepunkt seines und des Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte;

nicht bloss der freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr,

welcher zu den Soldaten sprach, die von ihm selbst unter die Waffen

gerufen und seit acht Jahren mit immer steigender Begeisterung seinen

Fahnen gefolgt waren; es sprach vor allem der energische und konsequente

Staatsmann, der nun seit neunundzwanzig Jahren die Sache der Freiheit

in guter und boeser Zeit vertreten, fuer sie den Dolchen der Moerder

und den Henkern der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und den

Fluten des unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen

und zu wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment

des Senats gestuerzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe

jenseits der Alpen beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu

dem clodianischen Publikum, dessen republikanischer Enthusiasmus

laengst zu Asche und Schlacken niedergebrannt war, sondern zu den

jungen Mannschaften aus den Staedten und Doerfern Norditaliens, die

den maechtigen Gedanken der buergerlichen Freiheit noch frisch und rein

empfanden, die noch faehig waren, fuer Ideale zu fechten und zu sterben,

die selbst fuer ihre Landschaft das von der Regierung ihnen versagte

Buergerrecht in revolutionaerer Weise von Caesar empfangen hatten,

die Caesars Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die

tatsaechlichen Beweise bereits davon besassen, wie unerbittlichen

Gebrauch die Oligarchie davon gegen die Transpadaner zu machen gedachte.

Vor solchen Zuhoerern legte ein solcher Redner die Tatsachen dar: den

Dank fuer die Eroberung Galliens, den der Adel dem Feldherrn und dem

Heer bereitete, die geringschaetzige Beseitigung der Komitien, die

Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem halben

Jahrtausend von den Vaetern mit den Waffen in der Hand dem Adel

abgezwungene Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten

Schwur zu halten, den jene fuer sich wie fuer die Enkel ihrer Enkel

geleistet, fuer die Tribune der Gemeinde Mann fuer Mann einzustehen bis

in den Tod. Als dann er, der Fuehrer und Feldherr der Popularpartei, die

Soldaten des Volkes aufrief, jetzt, nachdem der Gueteversuch erschoepft,

die Nachgiebigkeit an den aeussersten Grenzen angelangt war, jetzt ihm

zu folgen in den letzten, den unvermeidlichen, den entscheidenden

Kampf gegen den ebenso verhassten wie verachteten, ebenso perfiden wie

unfaehigen und bis zur Laecherlichkeit unverbesserlichen Adel - da war

kein Offizier und kein Soldat, der sich zurueckgehalten haette. Der

Aufbruch war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs ueberschritt Caesar

den schmalen Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits

dessen die Verfassung den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach

neunjaehriger Abwesenheit den Boden des Vaterlandes wieder betrat,

betrat er zugleich die Bahn der Revolution. "Die Wuerfel waren

geworfen." 10. Kapitel Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus

Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also

die Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster

Alleinherrscher zu sein. Sehen wir, wie fuer die bevorstehende

Kriegfuehrung zwischen Caesar und Pompeius sich das Machtverhaeltnis

gestellt hatte. Caesars Macht ruhte zunaechst auf der voellig

unumschraenkten Gewalt, deren er innerhalb seiner Partei genoss. Wenn

die Ideen der Demokratie und der Monarchie in ihr zusammenflossen, so

war dies nicht die Folge einer zufaellig eingegangenen und zufaellig

loesbaren Koalition, sondern es war im tiefsten Wesen der Demokratie

ohne Repraesentativverfassung begruendet, dass Demokratie wie Monarchie

zugleich ihren hoechsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden.

Politisch wie militaerisch entschied Caesar durchaus in erster und

letzter Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug

hielt, so blieb es doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb

seiner Partei ohne Genossen, nur umgeben von militaerisch-politischen

Adjutanten, die in der Regel aus der Armee hervorgegangen und als

Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck zu fragen,

sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem

entscheidenden Augenblick, als der Buergerkrieg begann, von allen

Soldaten und Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam

verweigert; und es bestaetigt nur diese Auffassung des Verhaeltnisses

Caesars zu seinen Anhaengern, dass dieser eine eben von allen der

Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar alle Drangsale der duesteren

catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen Siegeslaufbahn

geteilt, hatte regelmaessig selbstaendig befehligt und haeufig die halbe

Armee gefuehrt; er war ohne Frage wie der aelteste, tuechtigste und

treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der hoechstgestellte und

am hoechsten geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den

Oberbefehl im Diesseitigen Gallien uebertragen, um teils diesen

Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils zugleich Labienus in

seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu foerdern. Allein ebenhier trat

Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim Beginn

der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius'

Hauptquartier und kaempfte waehrend des ganzen Buergerkrieges mit

beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir

sind weder ueber Labienus' Charakter noch ueber die einzelnen Umstaende

seines Parteiwechsels genuegend unterrichtet; im wesentlichen aber

liegt hier sicher nichts vor als ein weiterer Beleg dafuer, dass

der Kriegsfuerst weit sicherer auf seine Hauptleute als auf seine

Marschaelle zaehlen kann. Allem Anschein nach war Labienus eine jener

Persoenlichkeiten, die mit militaerischer Brauchbarkeit vollstaendige

staatsmaennische Unfaehigkeit vereinigen und die dann, wenn sie

ungluecklicherweise Politik machen wollen oder muessen, jenen

tollen Schwindelanfaellen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der

Napoleonischen Marschaelle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt.

Er mochte wohl sich berechtigt halten, als das zweite Haupt der

Demokratie neben Caesar zu gelten; und dass er mit diesem Anspruch

zurueckgewiesen ward, wird ihn in das Lager der Gegner gefuehrt haben.

Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des Uebelstandes,

dass Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbstaendiger Adjutanten

keine zur Uebernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Maenner

in seinem Lager emporkommen liess, waehrend er doch bei der leicht

vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegfuehrung durch

alle Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Maenner dringend bedurfte.

Allein dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste

und nur um diesen Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs,

die Einheit der obersten Leitung. Die einheitliche Leitung erhielt ihre

volle Gewalt durch die Brauchbarkeit der Werkzeuge. Hier kam in erster

Linie in Betracht die Armee. Sie zaehlte noch neun Legionen Infanterie

oder hoechstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem Feinde gestanden

und von denen zwei Drittel saemtliche Feldzuege gegen die Kelten

mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen

Soeldnern, deren Brauchbarkeit und Zuverlaessigkeit in dem Kriege

gegen Vercingetorix erprobt worden war. Der achtjaehrige Krieg voll

mannigfacher Wechselfaelle gegen die tapfere, wenn auch militaerisch der

italischen entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar

die Gelegenheit gegeben, seine Armee zu organisieren, wie nur er zu

organisieren verstand. Alle Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische

Tuechtigkeit voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf Staerke und

Gewandtheit der Rekruten mehr als auf Vermoegen und Moralitaet gesehen.

Aber die Leistungsfaehigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden

Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der

Bewegung: in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und

in der Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine

selten erreichte und wohl nie uebertroffene Vollkommenheit. Mut galt

natuerlich ueber alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den

Korpsgeist anzufachen, so dass die Bevorzugung einzelner Soldaten und

Abteilungen selbst den Zurueckstehenden als die notwendige Hierarchie

der Tapferkeit erschien, uebte Caesar mit unerreichter Meisterschaft.

Er gewoehnte den Leuten das Fuerchten ab, indem er, wo es ohne

ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten nicht selten von einem

bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet

auf den Feind treffen liess. Aber der Tapferkeit gleich stand der

Gehorsam. Der Soldat wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach

Ursache und Absicht zu fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig

als Uebung in der schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt.

Die Disziplin war streng, aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie

gehandhabt, wenn der Soldat vor dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor

allem nach dem Siege, wurden die Zuegel nachgelassen, und wenn es dem

sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu parfuemieren oder mit

eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja sogar, wenn er

Brutalitaeten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art sich

zu Schulden kommen liess und nur nicht zunaechst die militaerischen

Verhaeltnisse dadurch beruehrt wurden, so ging die Narrenteidung wie das

Verbrechen ihm hin und die desfaelligen Klagen der Provinzialen fanden

bei dem Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloss den

Anstiftern, sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der

rechte Soldat soll nicht bloss ueberhaupt tuechtig, tapfer und gehorsam,

sondern er soll dies alles willig, ja freiwillig sein; und nur genialen

Naturen ist es gegeben, durch Beispiel und durch Hoffnung und vor allem

durch das Bewusstsein, zweckmaessig gebraucht zu werden, die beseelte

Maschine, die sie regieren, zum freudigen Dienen zu bestimmen. Wenn der

Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, selbst mit

ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muss, so hatte Caesar auch als

Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem

Besten ihn gebraucht; an Taetigkeit aber und Strapazen mutete er stets

sich selbst weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafuer, dass

an den Sieg, der zunaechst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch

auch fuer den Soldaten sich persoenliche Hoffnungen knuepften. Dass er

es verstand, die Soldaten fuer die Sache der Demokratie zu begeistern,

soweit die prosaisch gewordene Zeit noch Begeisterung gestattet, und

dass die politische Gleichstellung der transpadanischen Landschaft, der

Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem eigentlichen Italien als eines

der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon erwaehnt. Es versteht sich,

dass daneben auch materielle Praemien nicht fehlten, sowohl besondere

fuer hervorragende Waffentaten, wie allgemeine fuer jeden tuechtigen

Soldaten; dass die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und fuer

den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden.

Aber vor allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in

jedem einzelnen grossen oder kleinen Triebrad des maechtigen Instruments

das Gefuehl zweckmaessiger Verwendung zu erwecken. Der gewoehnliche

Mensch ist zum Dienen bestimmt und er straeubt sich nicht, Werkzeug zu

sein, wenn er fuehlt, dass ein Meister ihn lenkt. Allgegenwaertig und

jederzeit ruhte der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit

unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der Taetigkeit

eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so dass auch

mit des Geringsten Schweiss und Blut nicht experimentiert oder gespielt,

darum aber auch, wo es noetig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod

gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick

zu gestatten, liess Caesar ihn doch genug von dem politischen und

militaerischen Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und

Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl idealisiert zu werden.

Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als seinesgleichen, aber als

Maenner, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu ertragen faehig

waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des Feldherrn

Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf

Geruechte zu horchen; als langjaehrige Kameraden in Krieg und Sieg,

unter denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem

sich nicht in all den Feldzuegen ein mehr oder minder persoenliches

Verhaeltnis zu dem Feldherrn gebildet haette; als gute Genossen, mit

denen er zutraulich und mit der ihm eigenen heiteren Elastizitaet

schwatzte und verkehrte; als Schutzbefohlene, deren Dienste zu

vergelten, deren Unbill und Tod zu raechen ihm heilige Pflicht war.

Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was

die Armee sein soll: eine fuer ihre Zwecke faehige und fuer ihre Zwecke

willige Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene

Spannkraft uebertraegt. Caesars Soldaten waren und fuehlten sich

zehnfacher Uebermacht gewachsen: wobei nicht uebersehen werden

darf, dass bei der durchaus auf das Handgemenge und vornehmlich den

Schwertkampf berechneten roemischen Taktik der geuebte roemische Soldat

dem Neuling in noch weit hoeherem Grade ueberlegen war, als dies unter

den heutigen Verhaeltnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als durch

die ueberlegene Tapferkeit fuehlten die Gegner sich gedemuetigt durch

die unwandelbare und ruehrende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem

Feldherrn hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, dass, als

der Feldherr seine Soldaten aufrief, ihm in den Buergerkrieg zu folgen,

mit der einzigen, schon erwaehnten Ausnahme des Labienus kein roemischer

Offizier und kein roemischer Soldat ihn im Stich liess. Die Hoffnungen

der Gegner auf eine ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmaehlich

wie der fruehere Versuch, sein Heer wie das des Lucullus auseinander

zu sprengen; selbst Labienus erschien in Pompeius' Lager wohl mit

einem Haufen keltischer und deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen

Legionaer. Ja die Soldaten, als wollten sie zeigen, dass der Krieg ganz

ebenso ihre Sache sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus,

dass sie den Sold, den ihnen Caesar beim Ausbruch des Buergerkrieges

zu verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn

kreditieren und inzwischen die aermeren Kameraden aus allgemeinen

Mitteln unterstuetzen wollten; ueberdies ruestete und besoldete

jeder Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche.

------------------------------------------------------ ^1 Ein gefangener

Centurio von der zehnten Legion Caesars erklaerte dem feindlichen

Oberfeldherrn dass er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten gegen

die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45). "In

der Fechtweise der Alten", urteilt Napoleon I., "bestand die Schlacht

aus lauter Zweikaempfen; in dem Munde des heutigen Soldaten wuerde es

Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war." Von dem

Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren

angehaengten Berichte ueber den Afrikanischen und den Zweiten Spanischen

Krieg, von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum Verfasser zu

haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung subalternes

Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab.

------------------------------------------------------ Wenn also Caesar

das eine hatte, was not tat: unbeschraenkte politische und militaerische

Gewalt und eine schlagfertige zuverlaessige Armee, so dehnte seine Macht

verhaeltnismaessig sich nur ueber einen sehr beschraenkten Raum aus. Sie

ruhte wesentlich auf der oberitalischen Provinz. Diese Landschaft war

nicht bloss die am besten bevoelkerte unter allen italischen, sondern

auch der Sache der Demokratie als ihrer eigenen ergeben. Von der

daselbst herrschenden Stimmung zeugt das Verhalten einer Abteilung

Rekruten von Opitergium (Oderzo in der Delegation Treviso), die nicht

lange nach dem Ausbruch des Krieges in den illyrischen Gewaessern, auf

einem elenden Floss von den feindlichen Kriegsschiffen umzingelt, den

ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich zusammenschiessen liessen, ohne

sich zu ergeben, und, soweit sie den Geschossen entgangen waren, in der

folgenden Nacht mit eigener Hand sich den Tod gaben. Man begreift,

was einer solchen Bevoelkerung zugemutet werden konnte. Wie sie Caesar

bereits die Mittel gewaehrt hatte, seine urspruengliche Armee mehr als

zu verdoppeln, so stellten auch nach Ausbruch des Buergerkrieges zu den

sofort angeordneten umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich

ein. In dem eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluss dem der

Gegner nicht entfernt zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte

Manoever die Catonische Partei ins Unrecht zu setzen gewusst und alle,

die einen Vorwand wuenschten, um mit gutem Gewissen entweder neutral zu

bleiben, wie die Senatsmajoritaet, oder seine Partei zu ergreifen, wie

seine Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten Recht hinreichend

ueberzeugt hatte, so liess sich doch die Masse der Buergerschaft

natuerlich dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von

Gallien seine Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen

Rechtseroerterungen zum Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der

legitimen Republik, in Caesar den demokratischen Usurpator. Allgemein

erwartete man ferner von dem Neffen des Marius, dem Schwiegersoehne

des Cinna, dem Verbuendeten des Catilina die Wiederholung der

Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von Catilina

entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch

allerdings Verbuendete gewann, die politischen Fluechtlinge sofort

in Masse sich ihm zur Verfuegung stellten, die verlorenen Leute

ihren Erloeser in ihm sahen, die niedrigsten Schichten des haupt- und

landstaedtischen Poebels auf die Kunde von seinem Anmarsch in Gaerung

gerieten, so waren dies doch von den Freunden, die gefaehrlicher als die

Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar in den Provinzen

und den Klientelstaaten Einfluss. Das Transalpinische Gallien bis zum

Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo

sowie die sonst daselbst ansaessigen roemischen Buerger waren ihm

ergeben; allein selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die

Verfassungspartei zahlreiche Anhaenger, und nun gar die neueroberten

Landschaften waren fuer Caesar in dem bevorstehenden Buergerkrieg

weit mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus guten Gruenden in

demselben von dem keltischen Fussvolk gar keinen, von der Reiterei

nur sparsamen Gebrauch machte. In den uebrigen Provinzen und den

benachbarten, halb oder ganz unabhaengigen Staaten hatte Caesar wohl

auch versucht, sich Rueckhalt zu verschaffen, hatte den Fuersten reiche

Geschenke gespendet, in manchen Staedten grosse Bauten ausfuehren

lassen und in Notfaellen ihnen finanziellen und militaerischen Beistand

gewaehrt; allein im ganzen war natuerlich damit nicht viel erreicht

worden, und die Beziehungen zu den deutschen und keltischen Fuersten in

den Rhein- und Donaulandschaften, namentlich die der Reiterwerbung

wegen wichtige zu dem norischen Koenig Voccio waren wohl die einzigen

derartigen Verhaeltnisse, die fuer ihn etwas bedeuten mochten. Wenn

Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, ohne

andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein

treues Heer und eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als

tatsaechliches Oberhaupt des roemischen Gemeinwesens und im Vollbesitz

aller der legitimen Regierung des grossen roemischen Reiches zur

Verfuegung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn seine Stellung politisch

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 39 / 68 段