roemischen Kriegsrat mehrere gewichtige Stimmen; namentlich der Quaestor

Gaius Cassius wies auf die Schwierigkeiten des Wuestenmarsches und auf

die bedenklichen, von den roemischen Besatzungen am linken Euphratufer

ueber die parthischen Kriegsvorbereitungen einlaufender. Berichte hin.

Allein damit im Widerspruch meldete der arabische Fuerst Abgaros, dass

die Parther beschaeftigt seien, ihre westlichen Landschaften zu raeumen.

Bereits haetten sie ihre Schaetze eingepackt und sich in Bewegung

gesetzt, um zu den Hyrkanern und Skythen zu fluechten; nur durch einen

Gewaltmarsch auf dem kuerzesten Wege sei es ueberhaupt noch moeglich,

sie zu erreichen; durch einen solchen werde es aber auch wahrscheinlich

gelingen, wenigstens den Nachtrab der grossen Armee unter Sillakes

und dem Wesir einzuholen und aufzureiben und die ungeheure Beute zu

gewinnen. Diese Rapporte der befreundeten Beduinen entschieden ueber die

Marschrichtung; das roemische Heer, bestehend aus sieben Legionen, 4000

Reitern und 4000 Schleuderern und Schuetzen, wandte vom Euphrat sich

ab und hinein in die unwirtlichen Ebenen des noerdlichen Mesopotamiens.

Weit und breit zeigte sich kein Feind; nur Hunger und Durst und die

endlose Sandwueste schienen Wache zu halten an den Pforten des Ostens.

Endlich, nach vieltaegigem muehseligen Marsch, unweit des ersten

Flusses, den das roemische Heer zu ueberschreiten hatte, des Balissos

(Belik), zeigten sich die ersten feindlichen Reiter. Abgaros mit

seinen Arabern ward ausgesandt, um zu kundschaften; die parthischen

Reiterscharen wichen zurueck bis an und ueber den Fluss und verschwanden

in der Ferne, verfolgt von Abgaros und den Seinen. Ungeduldig harrte man

auf die Rueckkehr desselben und auf genauere Kundschaft. Der Feldherr

hoffte, hier endlich an den ewig zurueckweichenden Feind zu kommen;

sein junger tapferer Sohn Publius, der mit der groessten Auszeichnung in

Gallien unter Caesar gefochten hatte und von diesem an der Spitze einer

keltischen Reiterschar zur Teilnahme an dem Parthischen Kriege entsandt

worden war, brannte vor stuermischer Kampflust. Da keine Botschaft kam,

entschloss man sich, auf gut Glueck vorwaerts zu gehen: das Zeichen

zum Aufbruch ward gegeben, der Balissos ueberschritten, das Heer nach

kurzer, ungenuegender Mittagsrast ohne Aufenthalt im Sturmschritt

weitergefuehrt. Da erschollen ploetzlich rings umher die Kesselpauken

der Parther; auf allen Seiten sah man ihre seidenen, goldgestickten

Fahnen flattern, ihre Eisenhelme und Panzer im Strahl der heissen

Mittagssonne glaenzen; und neben dem Wesir hielt Fuerst Abgaros mit

seinen Beduinen. Man begriff zu spaet, in welches Netz man sich hatte

verstricken lassen. Mit sicherem Blick hatte der Wesir sowohl die Gefahr

durchschaut wie die Mittel, ihr zu begegnen. Mit orientalischem Fussvolk

war gegen die roemische Linieninfanterie nichts auszurichten: er hatte

sich desselben entledigt und, indem er diese auf dem Hauptschlachtfeld

unbrauchbare Masse unter Koenig Orodes' eigener Fuehrung gegen Armenien

sandte, den Koenig Artavasdes gehindert, die versprochenen 10000

schweren Reiter zu Crassus' Heer stossen zu lassen, die dieser jetzt

schmerzlich vermisste. Dagegen trat der roemischen, in ihrer Art

unuebertrefflichen Taktik der Wesir mit einer vollkommen verschiedenen

gegenueber. Sein Heer bestand ausschliesslich aus Reiterei; die Linie

bildeten die schweren Reiter, mit langen Stosslanzen bewaffnet und

Mann und Ross durch metallene Schuppenpanzer oder Lederkoller und

durch aehnliche Schienen geschirmt; die Masse der Truppen bestand aus

berittenen Bogenschuetzen. Diesen gegenueber waren die Roemer in den

gleichen Waffen sowohl der Zahl wie der Tuechtigkeit nach durchaus im

Nachteil. Ihre Linieninfanterie, wie vorzueglich sie auch im Nahkampf,

sowohl auf kurze Distanz mit dem schweren Wurfspeer als im Handgemenge

mit dem Schwert, war, konnte doch eine bloss aus Reiterei bestehende

Armee nicht zwingen, sich mit ihr einzulassen, und fand, wenn es

zum Handgemenge kam, auch hier in den eisenstarrenden Scharen der

Lanzenreiter einen ihr gewachsenen, wo nicht ueberlegenen Gegner.

Einem Heer gegenueber, wie dies parthische war, stand das roemische

strategisch im Nachteil, weil die Reiterei die Kommunikationen

beherrschte; taktisch, weil jede Nahwaffe der Fernwaffe unterliegen

muss, wenn jene nicht zum Kampfe Mann gegen Mann gelangt. Die

konzentrierte Stellung, auf der die ganze roemische Kriegsweise beruhte,

steigerte einem solchen Angriff gegenueber die Gefahr; je dichter die

roemische Kolonne sich scharte, desto unwiderstehlicher ward allerdings

ihr Stoss, aber desto weniger fehlten auch die Fernwaffen ihr Ziel.

Unter gewoehnlichen Verhaeltnissen, wo Staedte zu verteidigen und

Bodenschwierigkeiten zu beruecksichtigen sind, haette jene bloss mit

Reiterei gegen Fussvolk operierende Taktik sich niemals vollstaendig

durchfuehren lassen; in der mesopotamischen Wueste aber, wo das Heer,

fast wie das Schiff auf der hohen See, viele Tagemaersche hindurch weder

auf ein Hindernis noch auf einen strategischen Anhaltspunkt traf,

war diese Kriegfuehrung eben darum so unwiderstehlich, weil die

Verhaeltnisse hier gestatteten, sie in ihrer ganzen Reinheit und also

in ihrer ganzen Gewalt zu entwickeln. Hier vereinigte sich alles, um

die fremden Fussgaenger gegen die einheimischen Reiter in Nachteil zu

setzen. Wo der schwerbeladene roemische Infanterist muehsam durch den

Sand oder die Steppe sich hinschleppte und auf dem pfadlosen, durch weit

auseinandergelegene und schwer aufzufindende Quellen bezeichneten

Wege vor Hunger und mehr noch vor Durst verkam, flog der parthische

Reitersmann, von Kindesbeinen an gewohnt, auf seinem geschwinden Ross

oder Kamel zu sitzen, ja fast auf demselben zu leben, leicht durch die

Wueste, deren Ungemach er seit langem gelernt hatte sich zu erleichtern

und im Notfall zu ertragen. Hier fiel kein Regen, der die unertraegliche

Hitze gemildert und die Bogensehnen und Schleuderriemen der feindlichen

Schuetzen und Schleuderer erschlafft haette; hier waren in dem tiefen

Sande an vielen Stellen kaum ordentliche Graeben und Waelle fuer das

Lager zu ziehen. Kaum vermag die Phantasie eine Lage zu erdenken, in der

die militaerischen Vorteile alle mehr auf der einen, die Nachteile

alle mehr auf der andern Seite waren. Auf die Frage, unter welchen

Verhaeltnissen bei den Parthern diese neue Taktik entstand, die erste

nationale, die auf ihrem rechten Terrain sich der roemischen ueberlegen

erwies, koennen wir leider nur mit Mutmassungen antworten. Die

Lanzenreiter und berittenen Bogenschuetzen sind im Orient uralt und

bildeten bereits die Kerntruppen in den Heeren des Kyros und Dareios;

bisher aber waren diese Waffen nur in zweiter Reihe und wesentlich zur

Deckung der durchaus unbrauchbaren orientalischen Infanterie verwendet

worden. Auch die parthischen Heere wichen hierin von den uebrigen

orientalischen keineswegs ab; es werden dergleichen erwaehnt, die zu

fuenf Sechsteln aus Fussvolk bestanden. In dem Feldzug des Crassus

dagegen trat die Reiterei zum ersten Male selbstaendig auf, und es

erhielt diese Waffe dadurch eine ganz neue Verwendung und einen ganz

anderen Wert. Die unwiderstehliche Ueberlegenheit des roemischen

Fussvolks im Nahkampf scheint unabhaengig voneinander die Gegner Roms

in den verschiedensten Weltgegenden zu gleicher Zeit und mit aehnlichem

Erfolg darauf gefuehrt zu haben, ihm mit der Reiterei und dem Fernkampf

entgegenzutreten. Was Cassivellaunus in Britannien vollstaendig,

Vercingetorix in Gallien zum Teil gelang, was bis zu einem gewissen

Grade schon Mithradates Eupator versuchte, das hat der Wesir des Orodes

nur in groesserem Massstab und vollstaendiger durchgefuehrt: wobei es

ihm namentlich zustatten kam, dass er in der schweren Kavallerie

das Mittel, eine Linie zu bilden, in dem im Orient nationalen

und vornehmlich in den persischen Landschaften mit meisterlicher

Schuetzenkunst gehandhabten Bogen eine wirksame Fernwaffe, endlich in

den Eigentuemlichkeiten des Landes und des Volkes die Moeglichkeit fand,

seinen genialen Gedanken rein zu realisieren. Hier, wo die roemische

Nahwaffe und das roemische Konzentrierungssystem zum ersten Male der

Fernwaffe und dem Deployierungssystem unterlagen, bereitete diejenige

militaerische Revolution sich vor, die erst mit der Einfuehrung des

Feuergewehrs ihren vollstaendigen Abschluss erhalten hat. Unter diesen

Verhaeltnissen ward sechs Meilen suedlich von Karrhae (Harran), wo

roemische Besatzung stand, in noerdlicher Richtung etwas naeher an

Ichnae, inmitten der Sandwueste die erste Schlacht zwischen Roemern und

Parthern geschlagen. Die roemischen Schuetzen wurden vorgesandt, wichen

aber augenblicklich zurueck vor der ungeheuren Ueberzahl und der weit

groesseren Spannkraft und Tragweite der parthischen Bogen. Die Legionen,

die trotz der Mahnung der einsichtigeren Offiziere, sie moeglichst

entfaltet gegen den Feind zu fuehren, in ein dichtes Viereck von zwoelf

Kohorten an jeder Seite gestellt worden waren, waren bald ueberfluegelt

und von den furchtbaren Pfeilen ueberschuettet, die hier auch ungezielt

ihren Mann trafen und denen die Soldaten mit nichts auch nur zu erwidern

vermochten. Die Hoffnung, dass der Feind sich verschiessen moege,

verschwand bei einem Blick auf die endlose Reihe der mit Pfeilen

beladenen Kamele. Immer weiter dehnten die Parther sich aus. Damit die

Ueberfluegelung nicht zur Umzingelung werde, rueckte Publius Crassus mit

einem auserlesenen Korps von Reitern, Schuetzen und Linieninfanterie zum

Angriff vor. In der Tat gab der Feind es auf, den Kreis zu schliessen,

und wich zurueck, hitzig verfolgt von dem ungestuemen Fuehrer der

Roemer. Als aber darueber das Korps des Publius die Hauptarmee ganz aus

dem Gesicht verloren hatte, hielten die schweren Reiter ihm gegenueber

stand, und wie ein Netz zogen die von allen Seiten herbeieilenden

parthischen Haufen sich um dasselbe zusammen. Publius, der die Seinigen

unter den Pfeilen der berittenen Schuetzen dicht und nutzlos um sich

fallen sah, stuerzte verzweifelt mit seiner unbepanzerten keltischen

Reiterei sich auf die eisenstarrenden Lanzenreiter der Feinde; allein

die todesverachtende Tapferkeit seiner Kelten, die die Lanzen mit

den Haenden packten oder von den Pferden sprangen, um die Feinde

niederzustechen, tat ihre Wunder umsonst. Die Truemmer des Korps, unter

ihnen der am Schwertarm verwundete Fuehrer, wurden auf eine kleine

Anhoehe gedraengt, wo sie den feindlichen Schuetzen erst recht zur

bequemen Zielscheibe dienten. Mesopotamische Griechen, die der Gegend

genau kundig waren, beschworen den Crassus, mit ihnen abzureiten und

einen Versuch zu machen, sich zu retten; aber er weigerte sich, sein

Schicksal von dem der tapferen Maenner zu trennen, die sein verwegener

Mut in den Tod gefuehrt hatte, und liess von der Hand seines

Schildtraegers sich durchbohren. Gleich ihm gaben die meisten noch

uebrigen Offiziere sich selbst den Tod. Von der ganzen gegen 6000

Mann starken Abteilung wurden nicht mehr als 500 gefangen; zu retten

vermochte sich keiner. Gegen das Hauptheer hatte inzwischen der Angriff

nachgelassen und man rastete nur zu gern. Als endlich das Ausbleiben

jeder Meldung von dem entsandten Korps es aus der truegerischen

Ruhe aufschreckte und es, um dasselbe aufzusuchen, der Walstatt

sich naeherte, ward dem Vater das Haupt des Sohnes auf einer Stange

entgegengetragen; und abermals begann nun gegen das Hauptheer

die schreckliche Schlacht, mit demselben Ungestuem und derselben

hoffnungslosen Gleichfoermigkeit. Man vermochte weder die Lanzenreiter

zu sprengen noch die Schuetzen zu erreichen; erst die Nacht machte dem

Morden ein Ende. Haetten die Parther auf dem Schlachtfeld biwakiert, es

waere schwerlich vom roemischen Heer ein Mann entkommen. Allein nicht

geuebt, anders als beritten zu fechten, und darum besorgt vor einem

Ueberfall, hatten sie die Gewohnheit, niemals hart am Feinde zu lagern;

hoehnisch riefen sie den Roemern zu, dass sie dem Feldherrn eine Nacht

schenkten, um seinen Sohn zu beweinen, und jagten davon, um am anderen

Morgen wiederzukehren und das blutend am Boden liegende Wild abzufangen.

Natuerlich warteten die Roemer den Morgen nicht ab. Die Unterfeldherren

Cassius und Octavius - Crassus selbst hatte gaenzlich den Kopf verloren

- liessen sofort und in moeglichster Stille, mit Zuruecklassung der

saemtlichen - angeblich 4000 - Verwundeten und Versprengten, die noch

marschfaehigen Leute aufbrechen, um in den Mauern von Karrhae Schutz

zu suchen. Dass die Parther, als sie den folgenden Tag wiederkamen,

zunaechst sich daran machten, die zerstreut Zurueckgelassenen

aufzusuchen und niederzumetzeln, und dass die Besatzung und die

Einwohnerschaft von Karrhae, durch Ausreisser fruehzeitig von der

Katastrophe in Kenntnis gesetzt, schleunigst der geschlagenen Armee

entgegengerueckt waren, rettete die Truemmer derselben vor der, wie es

schien, unausbleiblichen Vernichtung. An eine Belagerung von Karrhae

konnten die parthischen Reiterscharen nicht denken. Allein bald

brachen die Roemer freiwillig auf, sei es durch Mangel an Lebensmitteln

genoetigt, sei es infolge der mutlosen Uebereilung des Oberfeldherrn,

den die Soldaten vergeblich versucht hatten vom Kommando zu entfernen

und durch Cassius zu ersetzen. Man schlug die Richtung nach den

armenischen Bergen ein; die Nacht marschierend und am Tage rastend,

erreichte Octavius mit einem Haufen von 5000 Mann die Festung Sinnaka,

die nur noch einen Tagesmarsch von den sicheren Hoehen entfernt war,

und befreite sogar mit eigener Lebensgefahr den Oberfeldherrn, den der

Fuehrer irregeleitet und dem Feinde preisgegeben hatte. Da ritt der

Wesir vor das roemische Lager, um im Namen seines Koenigs den

Roemern Frieden und Freundschaft zu bieten und auf eine persoenliche

Zusammenkunft der beiden Feldherren anzutragen. Das roemische Heer,

demoralisiert wie es war, beschwor, ja zwang seinen Fuehrer, das

Anerbieten anzunehmen. Der Wesir empfing den Konsular und dessen

Stab mit den ueblichen Ehren und erbot sich aufs neue, einen

Freundschaftspakt abzuschliessen; nur forderte er, mit gerechter

Bitterkeit an das Schicksal der mit Lucullus und Pompeius hinsichtlich

der Euphratgrenze abgeschlossenen Vertraege erinnernd, dass derselbe

sogleich schriftlich abgefasst werde. Ein reichgeschmueckter Zelter

ward vorgefuehrt: es war ein Geschenk des Koenigs fuer den roemischen

Oberfeldherrn; die Diener des Wesirs draengten sich um Crassus,

beeifert, ihn aufs Pferd zu heben. Es schien den roemischen Offizieren,

als beabsichtige man, sich der Person des Oberfeldherrn zu bemaechtigen;

Octavius, unbewaffnet wie er war, riss einem Parther das Schwert aus

der Scheide und stiess den Pferdeknecht nieder. In dem Anlauf, der sich

hieraus entspann, wurden die roemischen Offiziere alle getoetet; auch

der greise Oberfeldherr wollte, wie sein Grossohm, dem Feinde nicht

lebend als Trophaee dienen und suchte und fand den Tod. Die im Lager

zurueckgebliebene fuehrerlose Menge ward zum Teil gefangen, zum Teil

versprengt. Was der Tag von Karrhae begonnen hatte, vollendete der von

Sinnaka (9. Juni 701 53); beide nahmen ihren Platz neben den Daten von

der Allia, von Cannae und von Arausio. Die Euphratarmee war nicht mehr.

Nur der Reiterschar des Gaius Cassius, welche bei dem Abmarsch von

Karrhae von dem Hauptheer abgesprengt worden war, und einigen anderen

zerstreuten Haufen und vereinzelten Fluechtlingen gelang es, sich den

Parthern und den Beduinen zu entziehen und einzeln den Rueckweg nach

Syrien zu finden. Von ueber 40000 roemischen Legionaeren, die den

Euphrat ueberschritten hatten, kam nicht der vierte Mann zurueck; die

Haelfte war umgekommen; gegen 10000 roemische Gefangene wurden von den

Siegern im aeussersten Osten ihres Reiches, in der Oase von Merv, nach

parthischer Art als heerpflichtige Leibeigene angesiedelt. Zum ersten

Male, seit die Adler die Legionen fuehrten, waren dieselben in

diesem Jahre zu Siegeszeichen in den Haenden fremder Nationen, fast

gleichzeitig eines deutschen Stammes im Westen und im Osten der Parther

geworden. Von dem Eindruck, den die Niederlage der Roemer im Osten

machte, ist uns leider keine ausreichende Kunde geworden; aber tief und

bleibend muss er gewesen sein. Koenig Orodes richtete eben die Hochzeit

seines Sohnes Pakoros mit der Schwester seines neuen Verbuendeten, des

Koenigs Artavasdes von Armenien, aus, als die Siegesbotschaft seines

Wesirs bei ihm einlief und, nach orientalischer Sitte, zugleich mit ihr

der abgehauene Kopf des Crassus. Schon war die Tafel aufgehoben; eine

der wandernden kleinasiatischen Schauspielertruppen, wie sie in jener

Zeit zahlreich bestanden und die hellenische Poesie und die hellenische

Buehnenkunst bis tief in den Osten hineintrugen, fuehrten eben vor dem

versammelten Hofe Euripides' 'Bakchen' auf. Der Schauspieler, der die

Rolle der Agaue spielte, welche in wahnsinnig dionysischer Begeisterung

ihren Sohn zerrissen hat und nun das Haupt desselben auf dem Thyrsus

tragend, vom Kithaeron zurueckkehrt, vertauschte dieses mit dem blutigen

Kopfe des Crassus, und zum unendlichen Jubel seines Publikums von

halbhellenisierten Barbaren begann er aufs neue das wohlbekannte Lied:

Wir bringen vom Berge Nach Hause getragen Die herrliche Beute, Das

blutende Wild. Es war seit den Zeiten der Achaemeniden der erste

ernsthafte Sieg, den die Orientalen ueber den Okzident erfochten; und

wohl lag auch darin ein tiefer Sinn, dass zur Feier dieses Sieges

das schoenste Erzeugnis der okzidentalischen Welt, die griechische

Tragoedie, durch ihre herabgekommenen Vertreter in jener grausigen

Groteske sich selber parodierte. Das roemische Buergertum und der Genius

von Hellas fingen gleichzeitig an, sich auf die Ketten des Sultanismus

zu schicken. Die Katastrophe, entsetzlich an sich, schien auch in ihren

Folgen furchtbar zu werden und die Grundfesten der roemischen Macht

im Osten erschuettern zu sollen. Es war das wenigste, dass jetzt die

Parther. jenseits des Euphrat unbeschraenkt schalteten, dass Armenien,

nachdem es schon vor der Katastrophe des Crassus vom roemischen Buendnis

abgefallen war, durch dieselbe ganz in parthische Klientel geriet,

dass den treuen Buergern von Karrhae durch den von den Parthern ihnen

gesetzten neuen Herrn, einen der verraeterischen Wegweiser der Roemer

namens Andromachos, ihre Anhaenglichkeit an die Okzidentalen bitter

vergolten ward. Allen Ernstes schickten die Parther sich an, nun

ihrerseits die Euphratgrenze zu ueberschreiten und im Verein mit den

Armeniern und den Arabern die Roemer aus Syrien zu vertreiben. Die Juden

und andere Orientalen mehr harrten hier der Erloesung von der roemischen

Herrschaft nicht minder ungeduldig, wie die Hellenen jenseits des

Euphrat der Erloesung von der parthischen; in Rom stand der Buergerkrieg

vor der Tuer; der Angriff ebenhier und ebenjetzt war eine schwere

Gefahr. Allein zum Gluecke Roms hatten auf beiden Seiten die Fuehrer

gewechselt. Sultan Orodes verdankte dem heldenmuetigen Fuersten, der ihm

erst die Krone aufgesetzt und dann das Land von den Feinden gesaeubert

hatte, zu viel, um sich seiner nicht baldmoeglichst durch den Henker

zu entledigen. Seinen Platz als Oberfeldherr der nach Syrien bestimmten

Invasionsarmee fuellte ein Prinz aus, des Koenigs Sohn Pakoros,

dem seiner Jugend und Unerfahrenheit wegen der Fuerst Osakes als

militaerischer Ratgeber beigegeben werden musste. Andererseits uebernahm

an Crassus' Stelle das Kommando in Syrien interimistisch der besonnene

und entschlossene Quaestor Gaius Cassius. Da die Parther, ebenwie

frueher Crassus, den Angriff nicht beeilten, sondern in den Jahren 701

(53) und 702 (52) nur schwache, leicht zurueckgeworfene Streifscharen

ueber den Euphrat sandten, so behielt Cassius Zeit, das Heer

einigermassen zu reorganisieren und die Juden, die die Erbitterung ueber

die von Crassus veruebte Spoliation des Tempels schon jetzt unter die

Waffen getrieben hatte, mit Hilfe des treuen Anhaengers der Roemer,

Herodos Antipatros, zum Gehorsam zurueckzubringen. Die roemische

Regierung haette also volle Zeit gehabt, zur Verteidigung dar bedrohten

Grenze frische Truppen zu senden; allein es unterblieb ueber den

Konvulsionen der beginnenden Revolution, und als endlich im Jahre 703

(51) die grosse parthische Invasionsarmee am Euphrat erschien, hatte

Cassius immer noch nur die zwei schwachen, aus den Truemmern der Armee

des Crassus gebildeten Legionen ihr entgegenzustellen. Natuerlich konnte

er damit weder den Uebergang wehren noch die Provinz verteidigen. Syrien

ward von den Parthern ueberrannt und ganz Vorderasien zitterte. Allein

die Parther verstanden es nicht, Staedte zu belagern. Von Antiocheia,

in das Cassius mit seinen Truppen sich geworfen hatte, zogen sie nicht

bloss unverrichteter Sache ab, sondern wurden auf dem Rueckzug am

Orontes noch durch Cassius' Reiterei in einen Hinterhalt gelockt und

hier durch die roemische Infanterie uebel zugerichtet; Fuerst Osakes

selbst war unter den Toten. Freund und Feind ward hier inne, dass die

parthische Armee unter einem gewoehnlichen Feldherrn und auf

einem gewoehnlichen Terrain nicht viel mehr leiste als jede andere

orientalische. Indes aufgegeben war der Angriff nicht. Noch im Winter

703/04 (51/50) lagerte Pakoros in Kyrrhestike diesseits des Euphrat;

und der neue Statthalter Syriens, Marcus Bibulus, ein ebenso elender

Feldherr wie unfaehiger Staatsmann, wusste nichts Besseres zu tun, als

sich in seine Festungen einzuschliessen. Allgemein ward erwartet, dass

der Krieg im Jahre 704 (50) mit erneuter Heftigkeit ausbrechen werde.

Allein statt gegen die Roemer wandte Pakoros die Waffen gegen seinen

eigenen Vater und trat deshalb sogar mit dem roemischen Statthalter

in Einverstaendnis. Damit war zwar weder der Fleck von dem Schilde

der roemischen Ehre gewaschen noch auch Roms Ansehen im Orient

wiederhergestellt, allein mit der parthischen Invasion in Vorderasien

war es vorbei, und es blieb, vorlaeufig wenigstens, die Euphratgrenze

erhalten. In Rom wirbelte inzwischen der kreisende Vulkan der Revolution

seine Rauchwolken sinnbetaeubend empor. Man fing an, keinen Soldaten und

keinen Denar mehr gegen den Landesfeind, keinen Gedanken mehr uebrig zu

haben fuer die Geschichte der Voelker. Es ist eines der entsetzlichsten

Zeichen der Zeit, dass das ungeheure Nationalunglueck von Karrhae und

Sinnaka den derzeitigen Politikern weit weniger zu denken und zu reden

gab als jener elende Krawall auf der Appischen Strasse, in dem ein

paar Monate nach Crassus der Bandenfuehrer Clodius umkam; aber es ist

begreiflich und beinahe verzeihlich. Der Bruch zwischen den beiden

Machthabern, lange als unvermeidlich gefuehlt und oft so nahe

verkuendigt, rueckte jetzt unaufhaltsam heran. Wie in der alten

griechischen Schiffersage befand sich das Fahrzeug der roemischen

Gemeinde gleichsam zwischen zwei aufeinander zuschwimmenden Felsen;

von Augenblick zu Augenblick den krachenden Zusammenstoss erwartend,

starrten die, welche es trug, von namenloser Angst gebannt, in die hoch

und hoeher strudelnde Brandung, und waehrend jedes kleinste Ruecken hier

tausend Augen auf sich zog, wagte nicht eines, den Blick nach rechts

oder links zu verwenden. Nachdem auf der Zusammenkunft von Luca im April

698 (36) Caesar sich Pompeius gegenueber zu ansehnlichen Konzessionen

verstanden und die Machthaber damit sich wesentlich ins Gleichgewicht

gesetzt hatten, fehlte es ihrem Verhaeltnis nicht an den aeusseren

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 36 / 68 段