Dichters nicht bloss Caesar den Mamurra bereichert hat. Unschuldiger als

diese giftige, von Caesar bitter empfundene Invektive (Suet. Caes. 73)

ist ein anderes, ungefaehr gleichzeitiges Gedicht desselben Poeten (11),

das hier auch stehen mag, weil es mit seiner pathetischen Einleitung

zu einer nichts weniger als pathetischen Kommission den Generalstab

der neuen Machthaber, die aus der Spelunke ploetzlich ins Hauptquartier

avancierten Gabinius, Antonius und wie sie weiter heissen, sehr artig

persifliert. Man erinnere sich, dass es in einer Zeit geschrieben ward,

wo Caesar am Rhein und an der Themse kaempfte und wo die Expeditionen

des Crassus nach Parthien, des Gabinius nach Aegypten vorbereitet

wurden. Der Dichter, gleichsam auch von einem der Machthaber einen

der vakanten Posten erhoffend, gibt zweien seiner Klienten die letzten

Auftraege vor der Abreise: Furius und Aurelius, Adjutanten Ihr Catulls,

mag ziehn er an Indiens Ende, Wo des Ostmeers brandende Welle weithin

Hallend den Strand schlaegt, Oder nach Hyrkanien und Arabien, In der

pfeilfroh'n Parther Gebiet und Saker Oder wo den Spiegel des Meers der

siebenfaeltige Nil faerbt; Oder fuehrt sein Weg ihn die Alpen ueber, Wo

den Malstein setzte der grosse Caesar, Wo der Rhein fliesst und an dem

Erdrand hausen Wilde Britanner - Ihr, bereit, all das mit Catullus, was

ihm Goetterratsschluss davon bestimmt, zu teilen, Meinem Schatz noch

bringet zuvor die kurze Leidige Botschaft! Mag sie stehn und gehen mit

ihren Maennern, Welche sie dreihundert zugleich umarmt haelt, Keinem

treulieb, aber zu jeder Stunde Jedem zu Willen. Nicht wie sonst

nachblickte sie meiner Liebe, Die geknickt mutwillig sie, gleich

dem Veilchen, Das entlang am Saume des Ackers wandelnd Streifte die

Pflugschar. ------------------------------------------- Es ward noetig,

gegen diese zwar machtlose, aber immer laestiger und dreister werdende

Opposition mit Ernst einzuschreiten. Den Ausschlag gab, wie es scheint,

die Verurteilung des Gabinius (Ende 700 54). Die Herrscher kamen

ueberein, eine wenn auch nur zeitweilige Diktatur eintreten zu lassen

und mittels dieser neue Zwangsmassregeln namentlich hinsichtlich der

Wahlen und der Geschworenengerichte durchzusetzen. Als derjenige,

dem zunaechst die Regierung Roms und Italiens oblag, uebernahm die

Ausfuehrung dieses Beschlusses Pompeius; sie trug denn auch den Stempel

der ihm eigenen Schwerfaelligkeit im Entschliessen und im Handeln und

seiner wunderlichen Unfaehigkeit, selbst da, wo er befehlen wollte und

konnte, mit der Sprache herauszugehen. Bereits Ausgang 700 (54) ward in

Andeutungen und nicht durch Pompeius selbst die Forderung der Diktatur

im Senat vorgebracht. Als ostensibler Grund diente die fortwaehrende

Klub- und Bandenwirtschaft in der Hauptstadt, die durch Bestechungen

und Gewalttaetigkeiten allerdings auf die Wahlen wie auf die

Geschworenengerichte den verderblichsten Druck ausuebte und den Krawall

daselbst in Permanenz hielt; man muss es zugeben, dass sie es den

Machthabern leichtmachte, ihre Ausnahmemassregeln zu rechtfertigen.

Allein begreiflicherweise scheute sogar die servile Majoritaet davor

zurueck, das zu bewilligen, was der kuenftige Diktator selbst sich zu

scheuen schien offen zu begehren. Als dann die beispiellose Agitation

fuer die Wahlen zum Konsulat fuer 701 (53) die aergerlichsten Auftritte

herbeifuehrte, die Wahlen ein volles Jahr ueber die festgesetzte Zeit

sich verschleppten und erst nach siebenmonatlichem Interregnum im Juli

701 (53) stattfanden, fand Pompeius darin den erwuenschten Anlass als

das einzige Mittel, den Knoten wo nicht zu loesen, doch zu zerhauen,

dem Senat jetzt bestimmt die Diktatur zu bezeichnen; allein das

entscheidende Befehlswort ward immer noch nicht gesprochen. Vielleicht

waere es noch lange ungesprochen geblieben, wenn nicht bei den

Konsularwahlen fuer 702 (52) gegen die Kandidaten der Machthaber Quintus

Metellus Scipio und Publius Plautius Hypsaeus, beide dem Pompeius

persoenlich nahestehende und durchaus ergebene Maenner, der verwegenste

Parteigaenger der republikanischen Opposition, Titus Annius Milo, als

Gegenkandidat in die Schranken getreten waere. Milo, ausgestattet

mit physischem Mut, mit einem gewissen Talent zur Intrige und zum

Schuldenmachen und vor allem mit reichlich angeborener und sorgfaeltig

ausgebildeter Dreistigkeit, hatte unter den politischen Industrierittern

jener Tage sich einen Namen gemacht und war in seinem Handwerk naechst

Clodius der renommierteste Mann, natuerlich also auch mit diesem in

toedlichster Konkurrenzfeindschaft. Da dieser Achill der Strasse von

den Machthabern acquiriert worden war und mit ihrer Zulassung wieder

den Ultrademokraten spielte, so ward der Hektor der Strasse

selbstverstaendlich Aristokrat, und die republikanische Opposition, die

jetzt mit Catilina selbst Buendnis geschlossen haben wuerde, wenn er

sich ihr angetragen haette, erkannte Milo bereitwillig an als ihren

rechtmaessigen Vorfechter in allen Krawallen. In der Tat waren die

wenigen Erfolge, die sie auf diesem Schlachtfelde davon trug, das Werk

Milos und seiner wohlgeschulten Fechterbande. So unterstuetzten denn

hinwiederum Cato und die Seinigen Milos Bewerbung um das Konsulat;

selbst Cicero konnte nicht umhin, seines Feindes Feind, seinen

langjaehrigen Beschuetzer, zu empfehlen; und da Milo selbst weder Geld

noch Gewalt sparte, um seine Wahl durchzusetzen, so schien dieselbe

gesichert. Fuer die Machthaber waere sie nicht bloss eine neue

empfindliche Niederlage gewesen, sondern auch eine wirkliche Gefahr;

denn es war vorauszusehen, dass der verwegene Parteigaenger sich nicht

so leicht wie Domitius und andere Maenner der anstaendigen Opposition

als Konsul werde annullieren lassen. Da begab es sich, dass zufaellig

unweit der Hauptstadt, auf der Appischen Strasse, Achill und Hektor

aufeinandertrafen und zwischen den beiderseitigen Banden eine Rauferei

entstand, in welcher Clodius selbst einen Saebelhieb in die Schulter

erhielt und genoetigt ward, in ein benachbartes Haus sich zu fluechten.

Es war dies ohne Auftrag Milos geschehen; da die Sache aber so weit

gekommen war und der Sturm nun doch einmal bestanden werden musste,

so schien das ganze Verbrechen Milo wuenschenswerter und selbst minder

gefaehrlich als das halbe: er befahl seinen Leuten, den Clodius aus

seinem Versteck hervorzuziehen und ihn niederzumachen (13. Januar 702

52). Die Strassenfuehrer von der Partei der Machthaber, die Volkstribune

Titus Munatius Plancus, Quintus Pompeius Rufus und Gaius Sallustius

Crispus, sahen in diesem Vorfall einen passenden Anlass, um im Interesse

ihrer Herren Milos Kandidatur zu vereiteln und Pompeius' Diktatur

durchzusetzen. Die Hefe des Poebels, namentlich die Freigelassenen

und Sklaven, hatten mit Clodius ihren Patron und kuenftigen Befreier

eingebuesst: die erforderliche Aufregung war also leicht bewirkt.

Nachdem der blutige Leichnam auf der Rednerbuehne des Marktes in Parade

ausgestellt und die dazu gehoerigen Reden gehalten worden waren, ging

der Krawall los. Zum Scheiterhaufen fuer den grossen Befreier ward der

Sitz der perfiden Aristokratie bestimmt: die Rotte trug den Koerper in

das Rathaus und zuendete das Gebaeude an. Hierauf zog der Schwarm vor

Milos Haus und hielt dasselbe belagert, bis dessen Bande die Angreifer

mit Pfeilschuessen vertrieb. Weiter ging es vor das Haus des Pompeius

und seiner Konsularkandidaten, von denen jener als Diktator, diese als

Konsuln begruesst wurden, und von da vor das des Zwischenkoenigs

Marcus Lepidus, dem die Leitung der Konsulwahlen oblag. Da dieser

pflichtmaessig sich weigerte, dieselben, wie die bruellenden Haufen es

forderten, sofort zu veranstalten, so ward auch er fuenf Tage lang

in seiner Wohnung belagert gehalten. Aber die Unternehmer dieser

skandaloesen Auftritte hatten ihre Rolle ueberspielt. Allerdings war

auch ihr Herr und Meister entschlossen, diesen guenstigen Zwischenfall

zu benutzen, um nicht bloss Milo zu beseitigen, sondern auch die

Diktatur zu ergreifen; allein er wollte sie nicht von einem Haufen

Knuettelmaenner empfangen, sondern vom Senat. Pompeius zog Truppen

heran, um die in der Hauptstadt herrschende und in der Tat aller Welt

unertraeglich gewordene Anarchie niederzuschlagen; zugleich befahl er

jetzt, was er bisher erbeten, und der Senat gab nach. Es war nur

ein nichtiger Winkelzug, dass auf Vorschlag von Cato und Bibulus der

Prokonsul Pompeius unter Belassung seiner bisherigen Aemter statt zum

Diktator zum "Konsul ohne Kollegen" ernannt ward (25. des Schaltmonats

^8 702 52) - ein Winkelzug, welcher eine mit zwiefachem inneren

Widerspruch behaftete ^9 Benennung zuliess, um nur die einfach

sachbezeichnende zu vermeiden, und der lebhaft erinnert an den weisen

Beschluss des verschollenen Junkertums, den Plebejern nicht das

Konsulat, sondern nur die konsularische Gewalt einzuraeumen.

---------------------------------------------------- ^8 In diesem

Jahr folgte auf den Januar mit 29 und den Februar mit 23 Tagen der

Schaltmonat mit 28 und sodann der Maerz. ^9 Consul heisst Kollege (I,

260) und ein Konsul, der zugleich Prokonsul ist, ist zugleich

wirklicher und stellvertretender Konsul.

---------------------------------------------------- Also im

legalen Besitz der Vollmacht, ging Pompeius an das Werk und schritt

nachdruecklich vor gegen die in den Klubs und den Geschworenengerichten

maechtige republikanische Partei. Die bestehenden Wahlvorschriften

wurden durch ein besonderes Gesetz wiederholt eingeschaerft und

durch ein anderes gegen die Wahlumtriebe, das fuer alle seit 684 (70)

begangenen Vergehen dieser Art rueckwirkende Kraft erhielt, die bisher

darauf gesetzten Strafen gesteigert. Wichtiger noch war die Verfuegung,

dass die Statthalterschaften, also die bei weitem bedeutendere und

besonders die weit eintraeglichere Haelfte der Amtstaetigkeit, an die

Konsuln und Praetoren nicht sofort bei dem Ruecktritt vom Konsulat oder

der Praetur, sondern erst nach Ablauf von weiteren fuenf Jahren vergeben

werden sollten, welche Ordnung selbstverstaendlich erst nach vier Jahren

ins Leben treten konnte und daher fuer die naechste Zeit die Besetzung

der Statthalterschaften wesentlich von den zur Regulierung dieses

Interim zu erlassenden Senatsbeschluessen, also tatsaechlich von der

augenblicklich den Senat beherrschenden Person oder Fraktion abhaengig

machte. Die Geschworenenkommissionen blieben zwar bestehen, aber

dem Rekusationsrecht wurden Grenzen gesetzt und, was vielleicht noch

wichtiger war, die Redefreiheit in den Gerichten aufgehoben, indem

sowohl die Zahl der Advokaten als die jedem zugemessene Sprechzeit durch

Maximalsaetze beschraenkt und die eingerissene Unsitte: neben den Tat-

auch noch Charakterzeugen oder sogenannte "Lobredner" zugunsten

des Angeklagten beizubringen, untersagt ward. Der gehorsame Senat

dekretierte ferner auf Pompeius' Wink, dass durch den Raufhandel auf

der Appischen Strasse das Vaterland in Gefahr geraten sei; demnach

wurde fuer alle mit demselben zusammenhaengenden Verbrechen durch ein

Ausnahmegesetz eine Spezialkommission bestellt und deren Mitglieder

geradezu von Pompeius ernannt. Es ward auch ein Versuch gemacht, dem

zensorischen Amt wieder eine ernstliche Bedeutung zu verschaffen und

durch dasselbe die tief zerruettete Buergerschaft von dem schlimmsten

Gesindel zu saeubern. Alle diese Massregeln erfolgten unter dem Drucke

des Saebels. Infolge der Erklaerung des Senats, dass das Vaterland

gefaehrdet sei, rief Pompeius in ganz Italien die dienstpflichtige

Mannschaft unter die Waffen und nahm sie fuer alle Faelle in Eid und

Pflicht; vorlaeufig ward eine ausreichende und zuverlaessige Truppe auf

das Kapitol gelegt; bei jeder oppositionellen Regung drohte Pompeius mit

bewaffnetem Einschreiten und stellte waehrend der Prozessverhandlungen

ueber die Ermordung des Clodius allem Herkommen zuwider auf der

Gerichtsstaette selbst Wache auf. Der Plan zur Wiederbelebung der Zensur

scheiterte daran, dass unter der servilen Senatsmajoritaet niemand

sittlichen Mut und Autoritaet genug besass, um sich um ein solches Amt

auch nur zu bewerben. Dagegen ward Milo von den Geschworenen verurteilt

(8. April 702 52), Catos Bewerbung um das Konsulat fuer 703 (51)

vereitelt. Die Reden- und Pamphletenopposition erhielt durch die neue

Prozessordnung einen Schlag, von dem sie sich nicht wieder erholt

hat; die gefuerchtete gerichtliche Beredsamkeit ward damit von dem

politischen Gebiet verdraengt und trug fortan die Zuegel der Monarchie.

Verschwunden war die Opposition natuerlich weder aus den Gemuetern

der grossen Majoritaet der Nation noch auch nur voellig aus

dem oeffentlichen Leben - dazu haette man die Volkswahlen, die

Geschworenengerichte und die Literatur nicht bloss beschraenken, sondern

vernichten muessen. Ja eben bei diesen Vorgaengen selbst tat Pompeius

durch seine Ungeschicklichkeit und Verkehrtheit wieder dazu, dass

den Republikanern selbst unter seiner Diktatur einzelne, fuer ihn

empfindliche Triumphe zuteil wurden. Die Tendenzmassregeln, die

die Herrscher zur Befestigung ihrer Macht ergriffen, wurden

natuerlicherweise offiziell als im Interesse der oeffentlichen Ruhe und

Ordnung getroffene Verfuegungen charakterisiert und jeder Buerger, der

die Anarchie nicht wollte, als mit denselben wesentlich einverstanden

bezeichnet. Mit dieser durchsichtigen Fiktion trieb es Pompeius aber

so weit, dass er in die Spezialkommission zur Untersuchung des letzten

Auflaufs statt sicherer Werkzeuge die achtbarsten Maenner aller

Parteien, sogar Cato einwaehlte und seinen Einfluss auf das Gericht

wesentlich dazu anwandte, um die Ordnung zu handhaben und das in den

Gerichten dieser Zeit hergebrachte Spektakeln seinen Anhaengern so gut

wie den Gegnern unmoeglich zu machen. Diese Neutralitaet des Regenten

sah man den Urteilen des Spezialhofes an. Die Geschworenen wagten zwar

nicht, Milo selbst freizusprechen; aber die meisten untergeordneten

Angeklagten von der Partei der republikanischen Opposition gingen frei

aus, waehrend die Verurteilung unnachsichtlich diejenigen traf, die in

dem letzten Krawall fuer Clodius, das heisst fuer die Machthaber Partei

genommen hatten, unter ihnen nicht wenige von Caesars und selbst von

Pompeius' vertrautesten Freunden, sogar seinen Kandidaten zum Konsulat,

Hypsaeus, und die Volkstribune Plancus und Rufus, die in seinem

Interesse die Erneute dirigiert hatten. Wenn Pompeius deren Verurteilung

nicht hinderte, um unparteiisch zu erscheinen, so war dies eine

Albernheit, und eine zweite, dass er denn doch wieder in ganz

gleichgueltigen Dingen zu Gunsten seiner Freunde seine eigenen Gesetze

verletzte, zum Beispiel im Prozess des Plancus als Charakterzeuge

auftrat, und einzelne ihm besonders nahestehende Angeklagte, wie

den Metellus Scipio, in der Tat vor der Verurteilung schuetzte. Wie

gewoehnlich wollte er auch hier entgegengesetzte Dinge: indem er

versuchte, zugleich den Pflichten des unparteiischen Regenten und des

Parteihauptes Genuege zu tun, erfuellte er weder diese noch jene und

erschien der oeffentlichen Meinung mit Recht als ein despotischer

Regent, seinen Anhaengern mit gleichem Recht als ein Fuehrer, der die

Seinigen entweder nicht schuetzen konnte oder nicht schuetzen

wollte. Indes wenn auch die Republikaner noch sich regten und sogar,

hauptsaechlich durch Pompeius' Fehlgriffe, hie und da ein einzelner

Erfolg sie anfrischte, so war doch der Zweck, den die Machthaber bei

jener Diktatur sich gesteckt hatten, im ganzen erreicht, der Zuegel

straffer angezogen, die republikanische Partei gedemuetigt und die neue

Monarchie befestigt. Das Publikum fing an sich in diese zu finden. Als

Pompeius nicht lange nachher von einer ernsthaften Krankheit genas,

ward seine Wiederherstellung durch ganz Italien mit den obligaten

Freudenbezeigungen gefeiert, die bei solchen Gelegenheiten in Monarchien

ueblich sind. Die Machthaber zeigten sich befriedigt: schon am 1. August

702 (52) legte Pompeius die Diktatur nieder und teilte das Konsulat mit

seinem Klienten Metellus Scipio. 9. Kapitel Crassus' Tod Der Bruch der

Gesamtherrscher Unter den Haeuptern des "dreikoepfigen Ungeheuers"

war Marcus Crassus jahrelang mitgerechnet worden, ohne eigentlich

mitzuzaehlen. Er diente den wirklichen Machthabern Pompeius und

Caesar als Gleichgewichtstein, oder genauer gesagt, er fiel in Caesars

Waagschale gegen Pompeius. Diese Rolle ist nicht allzu ehrenvoll; aber

Crassus ward nie durch leidenschaftliches Ehrgefuehl gehindert, seinen

Vorteil zu verfolgen. Er war Kaufmann und liess mit sich handeln. Was

ihm geboten ward, war nicht viel; da indes mehr nicht zu erhalten war,

nahm er es an und suchte den nagenden Ehrgeiz und den Verdruss ueber

seine der Macht so nahe und doch machtlose Stellung ueber den immer

hoeher sich ihm haeufenden Goldbergen zu vergessen. Aber die Konferenz

zu Luca wandelte auch fuer ihn die Verhaeltnisse um: um gegen Pompeius

nach den so ausgedehnten Zugestaendnissen auch ferner im Uebergewicht zu

bleiben, gab Caesar seinem alten Verbuendeten Crassus Gelegenheit, durch

den Parthischen Krieg ebendahin in Syrien zu gelangen, wohin Caesar

durch den keltischen in Gallien gelangt war. Es war schwer zu sagen, ob

diese neuen Aussichten mehr den Heisshunger nach Gold reizten, der dem

jetzt sechzigjaehrigen Manne zur anderen Natur geworden war und mit

jeder neu erworbenen Million nur um so zehrender ward, oder mehr den in

der Brust des Graukopfs lange muehsam niedergekaempften und jetzt mit

unheimlichem Feuer in ihr gluehenden Ehrgeiz. Bereits Anfang 700 (54)

traf er in Syrien ein: nicht einmal den Ablauf seines Konsulats hatte

er abgewartet um aufzubrechen. Voll hastiger Leidenschaft schien er

jede Minute auskaufen zu wollen, um das Versaeumte nachzuholen, zu den

Schaetzen des Westens noch die des Ostens einzutun, Feldherrnmacht und

Feldherrnruhm rasch wie Caesar und muehelos wie Pompeius zu erjagen.

Er fand den Parthischen Krieg bereits eingeleitet. Pompeius' illoyales

Verhalten gegen die Parther ist frueher erzaehlt worden; er hatte

die vertragsmaessige Euphratgrenze nicht respektiert und zu Gunsten

Armeniens, das jetzt roemischer Klientelstaat war, mehrere Landschaften

vom Parthischen Reich abgerissen. Koenig Phraates hatte sich das

gefallen lassen: nachdem er aber von seinen beiden Soehnen Mithradates

und Orodes ermordet worden war, erklaerte der neue Koenig Mithradates

dem Koenig von Armenien, des kuerzlich verstorbenen Tigranes Sohn

Artavasdes, sofort den Krieg (um 698 ^1 56). Es war dies zugleich

eine Kriegserklaerung gegen Rom; sowie daher der Aufstand der Juden

unterdrueckt war, fuehrte der tuechtige und mutige Statthalter Syriens,

Gabinius, die Legionen ueber den Euphrat. Im Partherreich indes war

inzwischen eine Umwaelzung eingetreten; die Grossen des Reiches, an

ihrer Spitze der junge, kuehne und talentvolle Grosswesir, hatten den

Koenig Mithradates gestuerzt und dessen Bruder Orodes auf den Thron

gesetzt. Mithradates machte deshalb gemeinschaftliche Sache mit

den Roemern und begab sich in Gabinius' Lager. Alles versprach dem

Unternehmen des roemischen Statthalters den besten Erfolg, als er

unvermutet Befehl bekam, den Koenig von Aegypten mit Waffengewalt

nach Alexandreia zurueckzufuehren. Er wusste gehorchen; aber in der

Erwartung, bald wieder zurueck zu sein, veranlasste er den bei ihm um

Hilfe bittenden entthronten Partherfuersten, den Krieg inzwischen auf

eigene Faust zu eroeffnen. Mithradates tat es und Seleukeia und Babylon

erklaerten sich fuer ihn; aber Seleukeia nahm der Wesir, er persoenlich

der erste auf der Zinne, mit stuermender Hand ein, und in Babylon wusste

Mithradates selbst, durch Hunger bezwungen, sich ergeben, worauf er

auf Befehl des Bruders hingerichtet ward. Sein Tod war ein fuehlbarer

Verlust fuer die Roemer; aber die Gaerung im Parthischen Reich war doch

keineswegs damit zu Ende und auch der armenische Krieg waehrte noch

fort. Eben war Gabinius im Begriff, nach Beendigung des aegyptischen

Feldzuges die immer noch guenstige Gelegenheit zu nutzen und den

unterbrochenen Parthischen Krieg wiederaufzunehmen, als Crassus

in Syrien eintraf und mit dem Kommando zugleich die Plaene seines

Vorgaengers uebernahm. Voll hochfliegender Hoffnungen schlug er

die Schwierigkeiten des Marsches gering, die Widerstandskraft der

feindlichen Heere noch geringer an; zuversichtlich sprach er nicht bloss

von der Unterwerfung der Panther, sondern eroberte schon in Gedanken

die Reiche von Baktrien und Indien.

--------------------------------------------------- ^1 Tigranes

lebte noch im Februar 698 (56) (Cic. Sest. 27, 59); dagegen herrschte

Artavasdes schon vor 700 (54) (Iust. 42, 2, 4; Plut. Crass. 49).

--------------------------------------------------- Eile indes hatte der

neue Alexander nicht. Erfand, bevor er so grosse Plaene ins Werk

setzte, noch Musse zu sehr weitlaeufigen und sehr eintraeglichen

Nebengeschaeften. Der Tempel der Derketo in Hierapolis Bambyke, des

Jehova in Jerusalem und andere reiche Heiligtuemer der syrischen

Provinz wurden auf Crassus' Befehl ihrer Schaetze beraubt und von

allen Untertanen Zuzug oder lieber noch statt desselben Geldsummen

beigetrieben. Die militaerischen Operationen des ersten Sommers

beschraenkten sich auf eine umfassende Rekognoszierung in Mesopotamien:

der Euphrat ward ueberschritten, bei Ichnae (am Belik, noerdlich von

Rakkah) der parthische Satrap geschlagen und die naechstliegenden

Staedte, darunter das ansehnliche Nikephorion (Rakkah), besetzt, worauf

man mit Zuruecklassung von Besatzungen in denselben wieder nach Syrien

zurueckging. Man hatte bisher geschwankt, ob es ratsamer sei, auf

dem Umweg ueber Armenien oder auf der geraden Strasse durch die

mesopotamische Wueste nach Parthien zu marschieren. Der erste Weg durch

gebirgige und von zuverlaessigen Verbuendeten beherrschte Landschaften

empfahl sich durch die groessere Sicherheit; Koenig Artavasdes kam

selbst in das roemische Hauptquartier, um diesen Feldzugsplan zu

befuerworten. Allein jene Rekognoszierung entschied fuer den Marsch

durch Mesopotamien. Die zahlreichen und bluehenden griechischen und

halbgriechischen Staedte in den Landschaften am Euphrat und Tigris, vor

allen die Weltstadt Seleukeia, waren der parthischen Herrschaft durchaus

abgeneigt; wie frueher die Buerger von Karrhae, so hatten jetzt alle von

den Roemern beruehrten griechischen Ortschaften es mit der Tat bewiesen,

wie bereit sie waren, die unertraegliche Fremdherrschaft abzuschuetteln

und die Roemer als Befreier, beinahe als Landsleute zu empfangen. Der

Araberfuerst Abgaros, der die Wueste von Edessa und Karrhae und damit

die gewoehnliche Strasse vom Euphrat an den Tigris beherrschte, hatte

im Lager der Roemer sich eingefunden, um dieselben seiner Ergebenheit

persoenlich zu versichern. Durchaus hatten die Parther sich

unvorbereitet gezeigt. So ward denn der Euphrat (bei Biradjik)

ueberschritten (701 53). Um von da an den Tigris zu gelangen, konnte man

einen zwiefachen Weg waehlen: entweder rueckte das Heer am Euphrat hinab

bis auf die Hoehe von Seleukeia, wo der Euphrat und der Tigris nur noch

wenige Meilen voneinander entfernt sind; oder man schlug sogleich

nach dem Uebergang auf der kuerzesten Linie, quer durch die grosse

mesopotamische Wueste, den Weg zum Tigris ein. Der erste Weg fuehrte

unmittelbar auf die parthische Hauptstadt Ktesiphon zu, die Seleukeia

gegenueber am andern Ufer des Tigris lag; es erhoben sich fuer diesen im

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 35 / 68 段