ausgehoben hat, ist an sich schon voellig unglaublich und wird geradezu

widerlegt dadurch, dass die Gegenpartei die von Caesar ausgehobene

Mannschaft geringschaetzig bezeichnet als "groesstenteils aus den

transpadanischen Kolonie* gebuertig" (Caes. civ. 3, 87); denn hier sind

offenbar die launischen Kolonien Strabos (Ascon. Pis. p. 3; Suet.

Caes. 8) gemeint. Von launischen Kohorten aber findet sich in Caesars

gallischer Armee keine Spur; vielmehr sind nach seinen ausdruecklichen

Angaben alle von ihm im Cisalpinischen Gallien ausgehobenen Rekruten den

Legionen zu- oder in Legionen eingeteilt worden. Es ist moeglich, dass

Caesar mit der Aushebung die Schenkung des Buergerrechts verband;

aber wahrscheinlicher hielt er vielmehr in dieser Angelegenheit den

Standpunkt seiner Partei fest, welche den Transpadanern das roemische

Buergerrecht nicht so sehr zu verschaffen suchte, als vielmehr es ansah,

als ihnen schon gesetzlich zustehend. Nur so konnte sich das Geruecht

verbreiten, dass Caesar von sich aus bei den transpadanischen Gemeinden

roemische Munizipalverfassung eingefuehrt habe (Cic. Att. 5, 3, 2;

ad fam. 8, 1 2). So erklaert es sich auch, warum Hirtius die

transpadanischen Staedte als "Kolonien roemischer Buerger" bezeichnet

(Gall. 8, 24) und warum Caesar die von ihm gegruendete Kolonie Comum

als Buergerkolonie behandelte (Suet. Caes. 28; Strab. 5, 1 p. 213; Plut.

Caes. 29), waehrend die gemaessigte Partei der Aristokratie ihr nur

dasselbe Recht wie den uebrigen transpadanischen Gemeinden, also das

launische, zugestand, die Ultras sogar das den Ansiedlern erteilte

Stadtrecht ueberhaupt fuer nichtig erklaerten, also auch die an die

Bekleidung eines launischen Munizipalamtes geknuepften Privilegien den

Comensern nicht zugestanden (Cic. Att. 5, 11, 2; App. civ. 2, 26).

Vgl. Hermes 16, 1880, S. 30.

------------------------------------------------- Der gedemuetigte Senat

musste wohl oder uebel in seine Lage sich schicken. Der Fuehrer der

gehorsamen Majoritaet blieb Marcus Cicero. Er war brauchbar wegen seines

Advokatentalents, fuer alles Gruende oder doch Worte zu finden, und

es lag eine echt Caesarische Ironie darin, den Mann, mittels dessen

vorzugsweise die Aristokratie ihre Demonstrationen gegen die Machthaber

aufgefuehrt hatte, als Mundstueck des Servilismus zu verwenden. Darum

erteilte man ihm Verzeihung fuer sein kurzes Geluesten, wider

den Stachel zu loecken, jedoch nicht ohne sich vorher seiner

Unterwuerfigkeit in jeder Weise versichert zu haben. Gewissermassen um

als Geisel fuer ihn zu haften, hatte sein Bruder einen Offizierposten

im gallischen Heere uebernehmen muessen; ihn selbst hatte Pompeius

genoetigt, eine Unterbefehlshaberstelle unter ihm anzunehmen, welche

eine Handhabe hergab, um ihn jeden Augenblick mit Manier zu verbannen.

Clodius war zwar angewiesen worden, ihn bis weiter in Ruhe zu lassen,

aber Caesar liess ebensowenig um Ciceros willen den Clodius fallen wie

den Cicero um des Clodius willen, und der grosse Vaterlandserretter

wie der nicht minder grosse Freiheitsmann machten im Hauptquartier

von Samarobriva sich eine Antichambrekonkurrenz, die gehoerig zu

illustrieren es leider an einem roemischen Aristophanes gebrach. Aber

nicht bloss ward dieselbe Rute ueber Ciceros Haupte schwebend erhalten,

die ihn bereits einmal so schmerzlich getroffen hatte; auch goldene

Fesseln wurden ihm angelegt. Bei seinen bedenklich verwickelten Finanzen

waren ihm die zinsfreien Darlehen Caesars und die Mitaufseherschaft

ueber die ungeheure Summen in Umlauf setzenden Bauten desselben in hohem

Grade willkommen und manche unsterbliche Senatsrede erstickte in dem

Gedanken an den Geschaeftstraeger Caesars, der nach dem Schluss der

Sitzung ihm den Wechsel praesentieren moechte. Also gelobte er sich,

"kuenftig nicht mehr nach Recht und Ehre zu fragen, sondern um die

Gunst der Machthaber sich zu bemuehen" und "geschmeidig zu sein wie ein

Ohrlaeppchen". Man brauchte ihn denn, wozu er gut war: als Advokaten,

wo es vielfach sein Los war, eben seine bittersten Feinde auf hoeheren

Befehl verteidigen zu muessen, und vor allem im Senat, wo er fast

regelmaessig den Dynasten als Organ diente und die Antraege stellte,

"denen andere wohl zustimmten, er aber selbst nicht"; ja als anerkannter

Fuehrer der Majoritaet der Gehorsamen erlangte er sogar eine gewisse

politische Bedeutung. In aehnlicher Weise wie mit Cicero verfuhr man mit

den uebrigen der Furcht, der Schmeichelei oder dem Golde zugaenglichen

Mitgliedern des regierenden Kollegiums, und es gelang, dasselbe im

ganzen botmaessig zu erhalten. Allerdings blieb eine Fraktion von

Gegnern, die wenigstens Farbe hielten und weder zu schrecken noch

zu gewinnen waren. Die Machthaber hatten sich ueberzeugt, dass

Ausnahmemassregeln, wie die gegen Cato und Cicero, der Sache mehr

schadeten als nuetzten und dass es ein minderes Uebel sei, die unbequeme

republikanische Opposition zu ertragen, als aus den Opponenten Maertyrer

der Republik zu machen. Darum liess man es geschehen, dass Cato

zurueckkam (Ende 698 56) und von da an wieder im Senat und auf dem

Markte, oft unter Lebensgefahr, den Machthabern eine Opposition machte,

die wohl ehrenwert, aber leider doch auch zugleich laecherlich war.

Man liess es geschehen, dass er es bei Gelegenheit der Antraege des

Trebonius auf dein Marktplatz wieder einmal bis zum Handgemenge trieb

und dass er im Senat den Antrag stellte, den Prokonsul Caesar wegen

seines treulosen Benehmens gegen die Usipeten und Tencterer diesen

Barbaren auszuliefern. Man nahm es hin, dass Marcus Favonius, Catos

Sancho, nachdem der Senat den Beschluss gefasst hatte, die Legionen

Caesars auf die Staatskasse zu uebernehmen, zur Tuer der Kurie sprang

und die Gefahr des Vaterlandes auf die Gasse hinausrief; dass derselbe

in seiner skurrilen Art die weisse Binde, die Pompeius um sein krankes

Bein trug, ein deplaziertes Diadem hiess; dass der Konsular Lentulus

Marcellinus, da man ihm Beifall klatschte, der Versammlung zurief, sich

dieses Rechts, ihre Meinung zu aeussern, jetzt ja fleissig zu bedienen,

da es ihnen noch gestattet sei; dass der Volkstribun Gaius Ateius Capito

den Crassus bei seinem Abzug nach Syrien in allen Formen damaliger

Theologie oeffentlich den boesen Geistern ueberantwortete. Im ganzen

waren dies eitle Demonstrationen einer verbissenen Minoritaet: doch war

die kleine Partei, von der sie ausgingen, insofern von Bedeutung, als

sie teils der im stillen gaerenden republikanischen Opposition Nahrung

und Losung gab, teils ab und zu doch die Senatsmajoritaet, die ja im

Grunde ganz dieselben Gesinnungen gegen die Machthaber hegte, zu einem

gegen diese gerichteten Beschluss fortriss. Denn auch die Majoritaet

fuehlte das Beduerfnis, wenigstens zuweilen und in untergeordneten

Dingen ihrem verhaltenen Groll Luft zu machen und namentlich, nach der

Weise der widerwillig Servilen, ihren Groll gegen die grossen Feinde

wenigstens an den kleinen auszulassen. Wo es nur anging, ward den

Werkzeugen der Machthaber ein leiser Fusstritt versetzt: so wurde

Gabinius das erbetene Dankfest verweigert (698 56), so Piso aus der

Provinz abberufen, so vom Senat Trauer angelegt, als der Volkstribun

Gaius Cato die Wahlen fuer 699 (55) so lange hinderte, bis der der

Verfassungspartei angehoerige Konsul Marcellinus vom Amt abgetreten war.

Sogar Cicero, wie demuetig er immer vor den Machthabern sich neigte,

liess doch auch eine ebenso giftige wie geschmacklose Broschuere gegen

Caesars Schwiegervater ausgehen. Aber sowohl diese oppositionellen

Velleitaeten der Senatsmajoritaet wie der resultatlose Widerstand der

Minoritaet zeigen nur um so deutlicher, dass das Regiment, wie einst von

der Buergerschaft auf den Senat, so jetzt von diesem auf die Machthaber

uebergegangen und der Senat schon nicht viel mehr war als ein

monarchischer, aber auch zur Absorbierung der antimonarchischen

Elemente benutzter Staatsrat. "Kein Mensch", klagten die Anhaenger

der gestuerzten Regierung, "gilt das mindeste ausser den dreien; die

Herrscher sind allmaechtig und sie sorgen dafuer, dass keiner darueber

im unklaren bleibe; der ganze Senat ist wie umgewandelt und gehorcht

den Gebietern; unsere Generation wird einen Umschwung der Dinge

nicht erleben." Man lebte eben nicht in der Republik, sondern in der

Monarchie. Aber wenn ueber die Lenkung des Staats von den Machthabern

unumschraenkt verfuegt ward, so blieb noch ein von dem eigentlichen

Regiment gewissermassen abgesondertes politisches Gebiet, das leichter

zu verteidigen und schwerer zu erobern war: das der ordentlichen

Beamtenwahlen und das der Geschworenengerichte. Dass die letzteren nicht

unmittelbar unter die Politik fallen, aber ueberall und vor allem in Rom

von dem das Staatswesen beherrschenden Geiste mitbeherrscht werden, ist

von selber klar. Die Wahlen der Beamten gehoerten allerdings von Rechts

wegen zu dem eigentlichen Regiment des Staates; allein da in dieser

Zeit derselbe wesentlich durch ausserordentliche Beamte oder auch ganz

titellose Maenner verwaltet ward und selbst die hoechsten ordentlichen

Beamten, wenn sie zu der antimonarchischen Partei gehoerten, auf die

Staatsmaschine in irgend fuehlbarer Weise einzuwirken nicht vermochten,

so sanken die ordentlichen Beamten mehr und mehr herab zu Figuranten,

wie sich denn auch eben die oppositionellsten von ihnen geradezu und

mit vollem Recht als machtlose Nullen bezeichneten, ihre Wahlen also zu

Demonstrationen. So konnte, nachdem die Opposition von dem eigentlichen

Schlachtfeld bereits gaenzlich verdraengt war, dennoch die Fehde noch in

den Wahlen und den Prozessen fortgefuehrt werden. Die Machthaber sparten

keine Muehe, um auch hier Sieger zu bleiben. Hinsichtlich der Wahlen

hatten sie bereits in Luca fuer die naechsten Jahre die Kandidatenlisten

untereinander festgestellt und liessen kein Mittel unversucht, um die

dort vereinbarten Kandidaten durchzubringen. Zunaechst zum Zweck der

Wahlagitation spendeten sie ihr Gold aus. Jaehrlich wurden aus Caesars

und Pompeius' Heeren eine grosse Anzahl Soldaten auf Urlaub entlassen,

um an den Abstimmungen in Rom teilzunehmen. Caesar pflegte selbst von

Oberitalien aus in moeglichster Naehe die Wahlbewegungen zu leiten und

zu ueberwachen. Dennoch ward der Zweck nur sehr unvollkommen erreicht.

Fuer 699 (55) wurden zwar, dem Vertrag von Luca entsprechend, Pompeius

und Crassus zu Konsuln gewaehlt und der einzige ausharrende Kandidat der

Opposition, Lucius Domitius, beseitigt; allein schon dies war nur durch

offenbare Gewalt durchgesetzt worden, wobei Cato verwundet ward und

andere hoechst aergerliche Auftritte vorfielen. In den naechsten

Konsularwahlen fuer 700 (54) ward gar, allen Anstrengungen der

Machthaber zum Trotz, Domitius wirklich gewaehlt, und auch Cato siegte

jetzt ob in der Bewerbung um die Praetur, in der ihn das Jahr zuvor zum

Aergernis der ganzen Buergerschaft Caesars Klient Vatinius aus dem Felde

geschlagen hatte. Bei den Wahlen fuer 701 (53) gelang es der Opposition,

unter andern Kandidaten auch die der Machthaber so unwidersprechlich

der aergerlichsten Wahlumtriebe zu ueberweisen, dass diese, auf die der

Skandal zurueckfiel, nicht anders konnten als sie fallen lassen. Diese

wiederholten und argen Niederlagen der Dynasten auf dem Wahlschlachtfeld

moegen zum Teil zurueckzufuehren sein auf die Unregierlichkeit der

eingerosteten Maschinerie, die unberechenbaren Zufaelligkeiten des

Wahlgeschaefts, die Gesinnungsopposition der Mittelklassen, die

mancherlei hier eingreifenden und die Parteistellung oft seltsam

durchkreuzenden Privatruecksichten; die Hauptursache aber liegt

anderswo. Die Wahlen waren in dieser Zeit wesentlich in der Gewalt

der verschiedenen Klubs, in die die Aristokratie sich gruppierte; das

Bestechungswesen war von denselben im umfassendsten Massstab und mit

groesster Ordnung organisiert. Dieselbe Aristokratie also, die im Senat

vertreten war, beherrschte auch die Wahlen; aber wenn sie im Senat

grollend nachgab, wirkte und stimmte sie hier im geheimen und vor jeder

Rechenschaft sicher den Machthabern unbedingt entgegen. Dass durch das

strenge Strafgesetz gegen die klubbistischen Wahlumtriebe, das Crassus

als Konsul 699 (55) durch die Buergerschaft bestaetigen liess, der

Einfluss der Nobilitaet auf diesem Felde keineswegs gebrochen ward,

versteht sich von selbst und zeigen die Wahlen der naechsten

Jahre. Ebensogrosse Schwierigkeiten machten den Machthabern die

Geschworenengerichte. Bei ihrer dermaligen Zusammensetzung entschied in

denselben, neben dem auch hier einflussreichen Senatsadel,

vorwiegend die Mittelklasse. Die Festsetzung eines hochgegriffenen

Geschworenenzensus durch ein von Pompeius 699 (55) beantragtes Gesetz

ist ein bemerkenswerter Beweis dafuer, dass die Opposition gegen die

Machthaber ihren Hauptsitz in dem eigentlichen Mittelstand hatte und

die hohe Finanz hier wie ueberall sich gefuegiger erwies als dieser.

Nichtsdestoweniger war der republikanischen Partei hier noch nicht

aller Boden entzogen und sie ward nicht muede, mit politischen

Kriminalanklagen, zwar nicht die Machthaber selbst, aber wohl deren

hervorragende Werkzeuge zu verfolgen. Dieser Prozesskrieg ward um so

lebhafter gefuehrt, als dem Herkommen gemaess das Anklagegeschaeft

der senatorischen Jugend zukam und begreiflicherweise unter diesen

Juenglingen mehr als unter den aelteren Standesgenossen noch

republikanische Leidenschaft, frisches Talent und kecke Angriffslust

zu finden war. Allerdings waren die Gerichte nicht frei; wenn die

Machthaber Ernst machten, wagten sie so wenig wie der Senat den Gehorsam

zu verweigern. Keiner von den Gegnern wurde von der Opposition mit so

grimmigem, fast sprichwoertlich gewordenem Hasse verfolgt wie Vatinius,

bei weitem der verwegenste und unbedenklichste unter den engeren

Anhaengern Caesars; aber sein Herr befahl, und er ward in allen gegen

ihn erhobenen Prozessen freigesprochen. Indes Anklagen von Maennern, die

so wie Gaius Licinius Calvus und Gaius Asinius Pollio das Schwert

der Dialektik und die Geissel des Spottes zu schwingen verstanden,

verfehlten ihr Ziel selbst dann nicht, wenn sie scheiterten; und auch

einzelne Erfolge blieben nicht aus. Meistens freilich wurden sie

ueber untergeordnete Individuen davongetragen, allein auch einer der

hoechstgestellten und verhasstesten Anhaenger der Dynasten, der Konsulat

Gabinius, ward auf diesem Wege gestuerzt. Allerdings vereinigte mit dem

unversoehnlichen Hass der Aristokratie, die ihm das Gesetz ueber die

Fuehrung des Seeraeuberkrieges so wenig vergab wie die wegwerfende

Behandlung des Senats waehrend seiner syrischen Statthalterschaft,

sich gegen Gabinius die Wut der hohen Finanz, der gegenueber er als

Statthalter Syriens es gewagt hatte, die Interessen der Provinzialen zu

vertreten, und selbst der Groll des Crassus, dem er bei Uebergabe der

Provinz Weitlaeufigkeiten gemacht hatte. Sein einziger Schutz gegen

alle diese Feinde war Pompeius, und dieser hatte alle Ursache, seinen

faehigsten, kecksten und treuesten Adjutanten um jeden Preis zu

verteidigen; aber hier wie ueberall verstand er es nicht, seine Macht zu

gebrauchen und seine Klienten so zu vertreten, wie Caesar die seinigen

vertrat: Ende 700 (54) fanden die Geschworenen den Gabinius der

Erpressungen schuldig und schickten ihn in die Verbannung. Im ganzen

waren also auf dem Gebiete der Volkswahlen und der Geschworenengerichte

es die Machthaber, welche den kuerzeren zogen. Die Faktoren, die darin

herrschten, waren minder greifbar und darum schwerer zu terrorisieren

oder zu korrumpieren als die unmittelbaren Organe der Regierung

und Verwaltung. Die Gewalthaber stiessen hier, namentlich in den

Volkswahlen, auf die zaehe Kraft der geschlossenen und in Koterien

gruppierten Oligarchie, mit der man noch durchaus nicht fertig ist, wenn

man ihr Regiment gestuerzt hat, und die um so schwerer zu brechen ist,

je verdeckter sie auftritt. Sie stiessen hier ferner, namentlich in den

Geschworenengerichten, auf den Widerwillen der Mittelklassen gegen

das neue, monarchische Regiment, den mit allen daraus entspringenden

Verlegenheiten sie ebensowenig zu beseitigen vermochten. Sie erlitten

auf beiden Gebieten eine Reihe von Niederlagen, von denen die Wahlsiege

der Opposition zwar nur den Wert von Demonstrationen hatten, da die

Machthaber die Mittel besassen und gebrauchten, um jeden

missliebigen Beamten tatsaechlich zu annullieren, die oppositionellen

Kriminalverurteilungen aber in empfindlicher Weise sie brauchbarer

Gehilfen beraubten. Wie die Dinge standen, vermochten die Machthaber

die Volkswahlen und die Geschworenengerichte weder zu beseitigen noch

ausreichend zu beherrschen, und die Opposition, wie sehr sie auch hier

sich eingeengt fand, behauptete bis zu einem gewissen Grade doch den

Kampfplatz. Noch schwieriger aber erwies es sich, der Opposition auf

einem Felde zu begegnen, dem sie immer eifriger sich zuwandte, je mehr

sie aus der unmittelbaren politischen Taetigkeit herausgedraengt

ward. Es war dies die Literatur. Schon die gerichtliche Opposition war

zugleich, ja, vor allem eine literarische, da die Reden regelmaessig

veroeffentlicht wurden und als politische Flugschriften dienten.

Rascher und schaerfer noch trafen die Pfeile der Poesie. Die lebhafte

hocharistokratische Jugend, noch energischer vielleicht der gebildete

Mittelstand in den italischen Landstaedten, fuehrten den Pamphleten- und

Epigrammenkrieg mit Eifer und Erfolg. Nebeneinander fochten auf diesem

Felde der vornehme Senatorensohn Gaius Licinius Calvus (672-706

82-48), der als Redner und Pamphletist ebenso wie als gewandter Dichter

gefuerchtet war, und die Munizipalen von Cremona und Verona, Marcus

Furius Bibaculus (652-691 102-63) und Quintus Valerius Catullus (667

bis ca. 700 87-54), deren elegante und beissende Epigramme pfeilschnell

durch Italien flogen und sicher ihr Ziel trafen. Durchaus herrscht in

der Literatur dieser Jahre der oppositionelle Ton. Sie ist voll von

grimmigem Hohn gegen den "grossen Caesar", "den einzigen Feldherrn",

gegen den liebevollen Schwiegervater und Schwiegersohn, welche den

ganzen Erdkreis zugrunde richten, um ihren verlotterten Guenstlingen

Gelegenheit zu geben, die Spolien der langhaarigen Kelten durch die

Strassen Roms zu paradieren, mit der Beute der fernsten Insel des

Westens koenigliche Schmaeuse auszurichten und als goldregnende

Konkurrenten die ehrlichen Jungen daheim bei ihren Maedchen

auszustechen. Es ist in den Catullischen Gedichten ^6 und den sonstigen

Truemmern der Literatur dieser Zeit etwas von jener Genialitaet des

persoenlich-politischen Hasses, von jener in rasender Lust oder ernster

Verzweiflung ueberschaeumenden republikanischen Agonie, wie sie in

maechtigerer Weise hervortreten in Aristophanes und Demosthenes.

Wenigstens der einsichtigste der drei Herrscher erkannte es wohl,

dass es ebenso unmoeglich war, diese Opposition zu verachten wie durch

Machtbefehl sie zu unterdruecken. Soweit er konnte, versuchte Caesar

vielmehr die namhaftesten Schriftsteller persoenlich zu gewinnen. Schon

Cicero hatte die ruecksichtsvolle Behandlung, die er vorzugsweise von

Caesar erfuhr, zum guten Teil seinem literarischen Ruf zu danken;

aber der Statthalter Galliens verschmaehte es nicht, selbst mit jenem

Catullus durch Vermittlung seines in Verona ihm persoenlich bekannt

gewordenen Vaters einen Spezialfrieden zu schliessen; der junge Dichter,

der den maechtigen General eben mit den bittersten und persoenlichsten

Sarkasmen ueberschuettet hatte, ward von demselben mit der

schmeichelhaftesten Auszeichnung behandelt. Ja Caesar war genialisch

genug, um seinen literarischen Gegnern auf ihr eigenes Gebiet zu folgen

und als indirekte Abwehr vielfaeltiger Angriffe einen ausfuehrlichen

Gesamtbericht ueber die gallischen Kriege zu veroeffentlichen, welcher

die Notwendigkeit und Verfassungsmaessigkeit seiner Kriegfuehrung mit

gluecklich angenommener Naivitaet vor dem Publikum entwickelte. Allein

poetisch und schoepferisch ist nun einmal unbedingt und ausschliesslich

die Freiheit; sie, und sie allein, vermag es, noch in der elendesten

Karikatur, noch mit ihrem letzten Atemzug frische Naturen zu

begeistern. Alle tuechtigen Elemente der Literatur waren und blieben

antimonarchisch, und wenn Caesar selbst sich auf dieses Gebiet wagen

durfte ohne zu scheitern, so war der Grund doch nur, dass er selbst

sogar jetzt noch den grossartigen Traum eines freien Gemeinwesens

im Sinne trug, den er freilich weder auf seine Gegner noch auf seine

Anhaenger zu uebertragen vermochte. Die praktische Politik ward nicht

unbedingter von den Machthabern beherrscht als die Literatur von den

Republikanern ^7. ----------------------------------------- ^6 Die uns

aufbehaltene Sammlung ist voll von Beziehungen auf die Ereignisse der

Jahre 699 (55) und 700 (54) und ward ohne Zweifel in dem letzteren

bekannt gemacht; der juengste Vorfall, dessen sie gedenkt, ist der

Prozess des Vatinius (August 700 54). Hieronymus' Angabe, dass Catullus

697/98 (57/56) gestorben, braucht also nur um wenige Jahre verschoben zu

sein. Daraus, dass Vatinius bei "seinem Konsulat sich verschwoert",

hat man mit Unrecht geschlossen, dass die Sammlung erst nach Vatinius'

Konsulat (707 47) erschienen ist; es folgt daraus nur, dass Vatinius,

als sie erschien, schon darauf rechnen durfte, in einem bestimmten Jahre

Konsul zu werden, wozu er bereits 700 (54) alle Ursache hatte; denn

sicher stand sein Name mit auf der in Luca vereinbarten Kandidatenliste

(Cic. Art. 4, 8 b, 2). ^7 Das folgende Gedicht Catulls (29) ist im Jahre

699 (53) oder 700 (54), nach Caesars britannischer Expedition und vor

dem Tode der Julia, geschrieben. Wer kann es ansehn, wer vermag es

auszustehn, Wer nicht ein Bock, ein Spieler oder Schlemmer ist, Dass

jetzt Mamurra sein nennt das, was einst besass Der Langhaarkelten und

der fernen Briten Land? Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und

gibst du zu? Der also soll in Uebermut und salbenschwer , Als suesser

Schnabelierer, als Adonis nun Hier ziehn in aller unsrer Maedchen

Zimmer ein? Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu?

Ein Schlemmer bist du, bist ein Spieler, bist ein Bock! Drum also

uebersetztest, einziger General, Zum fernstentlegnen Eiland du des

Okzidents, Damit hier euer ausgedienter Zeitvertreib Zwei Millionen

koenne oder drei vertun? Was heisst verkehrt freigebig sein, wenn

dieses nicht? Hat nicht genug schon er verdorben und verprasst? Zuerst

verlottert ward das vaeterliche Gut, Sodann des Pontus Beute, dann

Iberiens, Davon des Tajo goldbeschwerte Welle weiss. Den fuerchtet, ihr

Britanner; Kelten, fuerchtet den! Was heget ihr den Lumpen, welcher

gar nichts als Ein fettes Erbe durch die Gurgel jagen kann? Drum

also ruiniertet ihr der Erde Kreis, Ihr liebevollen

Schwiegervater-Schwiegersohn? Mamurra aus Formiae, Caesars Guenstling

und eine Zeitlang waehrend der gallischen Kriege Offizier in dessen

Heer, war, vermutlich kurz vor Abfassung dieses Gedichts, nach der

Hauptstadt zurueckgekehrt und wahrscheinlich damals beschaeftigt mit

dem Bau seines vielbesprochenen, mit verschwenderischer Pracht

ausgestatteten Marmorpalastes auf dem Caelischen Berge. Die iberische

Beute wird sich auf Caesars Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien

beziehen und Mamurra schon damals, wie sicher spaeter in Gallien, in

seinem Hauptquartier sich befunden haben; das pontische geht vermutlich

auf Pompeius' Krieg gegen Mithradates, da zumal. nach der Andeutung des

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 34 / 68 段