einzeln in den traulichen Zirkeln der Villen, bald in der Kurie im Chor.

Der Teil der Buergerschaft, dem Freiheit und Ordnung noch am Herzen

lagen, war des wuesten Treibens uebersatt; aber voellig fuehrer- und

ratlos verharrte er in nichtiger Passivitaet und mied nicht bloss jede

politische Taetigkeit, sondern, soweit es anging, das politische Sodom

selbst. Dagegen: das Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage, nie

lustigere Tummelplaetze gehabt. Die Zahl der kleinen grossen Maenner

war Legion. Die Demagogie ward voellig zum Handwerk, dem denn auch das

Handwerkszeug nicht fehlte: der verschabte Mantel, der verwilderte Bart,

das langflatternde Haar, die tiefe Bassstimme; und nicht selten war es

ein Handwerk mit goldenem Boden. Fuer die stehenden Bruellaktionen waren

die geprueften Gurgeln des Theaterpersonals ein begehrter Artikel ^1;

Griechen und Juden, Freigelassene und Sklaven waren in den oeffentlichen

Versammlungen die regelmaessigsten Besucher und die lautesten Schreier;

selbst wenn es zum Stimmen ging, bestand haeufig nur der kleinere

Teil der Stimmenden aus verfassungsmaessig stimmberechtigten Buergern.

"Naechstens", heisst es in einem Briefe aus dieser Zeit, "koennen wir

erwarten, dass unsere Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren." Die

eigentlichen Maechte des Tages waren die geschlossenen und bewaffneten

Banden, die von vornehmen Abenteurern aus fechtgewohnten Sklaven und

Lumpen aufgestellten Bataillone der Anarchie. Ihre Inhaber hatten von

Haus aus meistenteils zur Popularpartei gezaehlt; aber seit Caesars

Entfernung, der der Demokratie allein zu imponieren und allein sie zu

lenken verstanden hatte, war aus derselben alle Disziplin entwichen und

jeder Parteigaenger machte Politik auf seine eigene Hand. Am liebsten

fochten diese Leute freilich auch jetzt noch unter dem Panier der

Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch

noch antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal

unentbehrliche Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen

des Senats oder den eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius

nacheinander fuer die herrschende Demokratie, fuer den Senat und fuer

Crassus gefochten oder zu fechten vorgegeben hat. Farbe hielten die

Bandenfuehrer nur insofern, als sie ihre persoenlichen Feinde, wie

Clodius den Cicero, Milo den Clodius, unerbittlich verfolgten, wogegen

die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in diesen Personenfehden

diente. Man koennte ebensogut ein Charivari auf Noten setzen als die

Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es

liegt auch nichts daran, all die Mordtaten, Haeuserbelagerungen,

Brandstiftungen und sonstigen Raeuberszenen inmitten einer Weltstadt

aufzuzaehlen und nachzurechnen, wie oft die Skala vom Zischen und

Schreien zum Anspeien und Niedertreten und von da zum Steinewerfen

und Schwerterzuecken durchgemacht ward. Der Protagonist auf diesem

politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius, dessen, wie schon

erwaehnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero bedienten. Sich

selbst ueberlassen, trieb dieser einflussreiche, talentvolle, energische

und in seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigaenger waehrend

seines Volkstribunats (696 58) ultrademokratische Politik, gab den

Staedtern das Getreide umsonst, beschraenkte das Recht der Zensoren,

sittenlose Buerger zu bemaekeln, untersagte den Beamten, durch

religioese Formalitaeten den Gang der Komitialmaschine zu hemmen,

beseitigte die Schranken, die kurz zuvor (690 64), um dem Bandenwesen

zu steuern, dem Assoziationsrecht der niederen Klassen gesetzt worden

waren, und stellte die damals aufgehobenen "Strassenklubs" (collegia

compitalicia) wieder her, welche nichts anderes waren als eine

foermliche, nach den Gassen abgeteilte und fast militaerisch

gegliederte Organisation des gesamten hauptstaedtischen Freien- oder

Sklavenproletariats. Wenn dazu noch das weitere Gesetz, das Clodius

ebenfalls bereits entworfen hatte und als Praetor 702 (52) einzubringen

gedachte, den Freigelassenen und den im tatsaechlichen Besitz der

Freiheit lebenden Sklaven die gleichen politischen Rechte mit

den Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all dieser tapferen

Verfassungsbesserungen sein Werk fuer vollendet erklaeren und als neuer

Numa der Freiheit und Gleichheit den suessen Poebel der Hauptstadt

einladen, in dem auf einer seiner Brandstaetten am Palatin von ihm

errichteten Tempel der Freiheit ihn zur Feier des eingetretenen

demokratischen Millenniums das Hochamt zelebrieren zu sehen.

Natuerlich schlossen diese Freiheitsbestrebungen den Schacher mit

Buergerschaftsbeschluessen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars

Affe fuer seine Mitbuerger Statthalterschaften und andere Posten

und Poestchen, fuer die untertaenigen Koenige und Staedte

die Herrlichkeitsrechte des Staates feil.

------------------------------------------------ ^1 Das heisst

cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55, 118).

------------------------------------------------ All diesen Dingen sah

Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht empfand, wie arg er

damit sich kompromittierte, so empfand es sein Gegner. Clodius ward so

dreist, dass er ueber eine ganz gleichgueltige Frage, die Ruecksendung

eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem Regenten von Rom geradezu

anband; und bald ward der Zwist zur foermlichen Fehde, in der Pompeius'

voellige Hilflosigkeit zu Tage kam. Das Haupt des Staates wusste dem

Parteigaenger nichts anders zu begegnen als mit dessen eigenen, nur

weit ungeschickter gefuehrten Waffen. War er von Clodius wegen des

armenischen Prinzen schikaniert worden, so aergerte er ihn wieder, indem

er den von Clodius ueber alles gehassten Cicero aus dem Exil erloeste,

in das ihn Clodius gesandt hatte, und erreichte denn auch so gruendlich

seinen Zweck, dass er den Gegner in einen unversoehnlichen Feind

verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden die Strassen unsicher

machte, so liess der siegreiche Feldherr gleichfalls Sklaven und Fechter

marschieren, in welchen Balgereien natuerlich der General gegen den

Demagogen den kuerzeren zog, auf der Strasse geschlagen, und von Clodius

und dessen Spiessgesellen Gaius Cato in seinem Garten fast bestaendig in

Belagerung gehalten ward. Es ist nicht der am wenigsten merkwuerdige Zug

in diesem merkwuerdigen Schauspiel, dass in ihrem Hader der Regent und

der Schwindler beide wetteifernd um die Gunst der gestuerzten Regierung

buhlten, Pompeius, zum Teil auch, um dem Senat gefaellig zu sein,

Ciceros Zurueckberufung zuliess, Clodius dagegen die Julischen

Gesetze fuer nichtig erklaerte und Marcus Bibulus aufrief, deren

verfassungswidrige Durchbringung oeffentlich zu bezeugen! Ein

positives Resultat konnte natuerlicherweise aus diesem Brodel trueber

Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben

war eben seine bis zum Graesslichen laecherliche Zwecklosigkeit. Selbst

ein Mann von Caesars Genialitaet hatte es erfahren muessen, dass das

demokratische Treiben vollstaendig abgenutzt war und sogar der Weg zum

Thron nicht mehr durch die Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein

geschichtlicher Lueckenbuesser, wenn jetzt, in dem Interregnum zwischen

Republik und Monarchie, irgendein toller Geselle mit des Propheten

Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte, sich noch einmal

staffierte und noch einmal Gaius Gracchus' grosse Ideale parodisch

verzerrt ueber die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese

demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, dass ihr spaeter in

dem Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das laesst

sich nicht behaupten, dass durch diesen anarchistischen Zustand das

Verlangen nach einer starken, auf Militaermacht gegruendeten Regierung

in den Gemuetern der politisch indifferent Gesinnten lebendig angefacht

worden sei. Auch abgesehen davon, dass diese neutrale Buergerschaft

hauptsaechlich ausserhalb Roms zu suchen war und also von dem

hauptstaedtischen Krawallieren nicht unmittelbar beruehrt ward, so waren

diejenigen Gemueter, die ueberhaupt durch solche Motive sich bestimmen

liessen, schon durch fruehere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische

Verschwoerung, gruendlich zum Autoritaetsprinzip bekehrt worden; auf

die eigentlichen Aengsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von

dem Verfassungsumsturz unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem

nachdruecklicher als die Furcht vor der blossen Fortdauer der im Grunde

doch sehr oberflaechlichen hauptstaedtischen Anarchie. Das einzige

Ergebnis derselben, das geschichtlich in Anschlag kommt, ist die

peinliche Stellung, in die Pompeius durch die Angriffe der Clodianer

geriet und durch die seine weiteren Schritte wesentlich mitbedingt

wurden. Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand,

so ward er doch diesmal durch die Veraenderung seiner Stellung

sowohl Clodius als Caesar gegenueber gezwungen, aus seiner bisherigen

Passivitaet herauszutreten. Die verdriessliche und schimpfliche Lage,

in die ihn Clodius versetzt hatte, musste auf die Laenge selbst seine

traege Natur zu Hass und Zorn entflammen. Aber weit wichtiger war die

Verwandlung, die in seinem Verhaeltnis zu Caesar stattgefunden

hatte. Wenn von den beiden verbuendeten Machthabern Pompeius in der

uebernommenen Taetigkeit vollkommen bankrott geworden war, so hatte

Caesar aus seiner Kompetenz etwas zu machen gewusst, was jede Berechnung

wie jede Befuerchtung weit hinter sich liess. Ohne wegen der Erlaubnis

viel anzufragen, hatte Caesar durch Aushebungen in seiner grossenteils

von roemischen Buergern bewohnten suedlichen Provinz sein Heer

verdoppelt, hatte mit diesem, statt von Norditalien aus ueber Rom Wache

zu halten, die Alpen ueberschritten, eine neue kimbrische Invasion im

Beginn erstickt und binnen zwei Jahren (696, 697 58, 57) die roemischen

Waffen bis an den Rhein und den Kanal getragen. Solchen Tatsachen

gegenueber ging selbst der aristokratischen Taktik des Ignorierens und

Verkleinerns der Atem aus. Der oft als Zaertling Verhoehnte war jetzt

der Abgott der Armee, der gefeierte sieggekroente Held, dessen junge

Lorbeeren die welken des Pompeius ueberglaenzten und dem sogar der Senat

die nach gluecklichen Feldzuegen ueblichen Ehrenbezeigungen schon 697

(57) in reicherem Masse zuerkannte, als sie je Pompeius zuteil geworden

waren. Pompeius stand zu seinem ehemaligen Adjutanten, genau wie nach

den Gabinisch-Manilischen Gesetzen dieser gegen ihn gestanden hatte.

Jetzt war Caesar der Held des Tages und der Herr der maechtigsten

roemischen Armee, Pompeius ein ehemals beruehmter Exgeneral. Zwar war

es zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn noch zu keiner Kollision

gekommen und das Verhaeltnis aeusserlich ungetruebt; aber jedes

politische Buendnis ist innerlich aufgeloest, wenn das Machtverhaeltnis

der Beteiligten sich wesentlich verschiebt. Wenn der Zank mit Clodius

nur aergerlich war, so lag in der veraenderten Stellung Caesars fuer

Pompeius eine sehr ernste Gefahr: ebenwie einst Caesar und dessen

Verbuendete gegen ihn, so sah jetzt er sich genoetigt, gegen Caesar

einen militaerischen Rueckhalt zu suchen und, seine stolze Amtlosigkeit

beiseitelegend, aufzutreten als Bewerber um irgendein ausserordentliches

Amt, das ihn in den Stand setzte, dem Statthalter der beiden Gallien mit

gleicher und womoeglich mit ueberlegener Macht zur Seite zu bleiben.

Wie seine Lage, war auch seine Taktik genau die Caesars waehrend des

Mithradatischen Krieges. Um die Militaermacht des ueberlegenen, aber

noch entfernten Gegners durch die Erlangung eines aehnlichen

Kommandos aufzuwiegen, bedurfte Pompeius zunaechst der offiziellen

Regierungsmaschine. Anderthalb Jahre zuvor hatte diese unbedingt ihm

zur Verfuegung gestanden. Die Machthaber beherrschten den Senat

damals sowohl durch die Komitien, die ihnen als den Herren der Strasse

unbedingt gehorchten, wie durch den von Caesar energisch terrorisierten

Senat; als Vertreter der Koalition in Rom und als deren anerkanntes

Haupt haette Pompeius vom Senat wie von der Buergerschaft ohne Zweifel

jeden Beschluss erlangt, den er wuenschte, selbst wenn er gegen Caesars

Interesse war. Allein durch den ungeschickten Handel mit Clodius hatte

Pompeius die Strassenherrschaft eingebuesst und konnte nicht

daran denken, einen Antrag zu seinen Gunsten bei der Volksgemeinde

durchzusetzen. Nicht ganz so unguenstig standen die Dinge fuer ihn im

Senat; doch war es auch hier zweifelhaft, ob Pompeius nach dieser langen

und verhaengnisvollen Passivitaet die Zuegel der Majoritaet noch fest

genug in der Hand habe, um einen Beschluss, wie er ihn brauchte, zu

bewirken. Auch die Stellung des Senats, oder vielmehr der Nobilitaet

ueberhaupt, war inzwischen eine andere geworden. Eben aus ihrer

vollstaendigen Erniedrigung schoepfte sie frische Kraefte. Es war bei

der Koalition von 694 (60) verschiedenes an den Tag gekommen, was fuer

das Sonnenlicht noch keineswegs reif war. Die Entfernung Catos und

Ciceros, welche die oeffentliche Meinung, wie sehr auch die Machthaber

dabei sich zurueckhielten und sogar sich die Miene gaben, sie zu

beklagen, mit ungeirrtem Takt auf ihre wahren Urheber zurueckfuehrte,

und die Verschwaegerung zwischen Caesar und Pompeius erinnerten mit

unerfreulicher Deutlichkeit an monarchische Ausweisungsdekrete und

Familienallianzen. Auch das groessere Publikum, das den politischen

Ereignissen ferner stand, ward aufmerksam auf die immer bestimmter

hervortretenden Grundlagen der kuenftigen Monarchie. Von dem Augenblick

an, wo dieses begriff, dass es Caesar nicht um eine Modifikation der

republikanischen Verfassung zu tun sei, sondern dass es sich handle um

Sein oder Nichtsein der Republik, werden unfehlbar eine Menge der besten

Maenner, die bisher sich zur Popularpartei gerechnet und in Caesar ihr

Haupt verehrt hatten, auf die entgegengesetzte Seite uebergetreten sein.

Nicht mehr in den Salons und den Landhaeusern des regierenden Adels

allein wurden die Reden von den "drei Dynasten", dem "dreikoepfigen

Ungeheuer" vernommen. Caesars konsularischen Reden horchte die Menge

dichtgedraengt, ohne dass Zuruf oder Beifall aus ihr erscholl; keine

Hand regte sich zum Klatschen, wenn der demokratische Konsul in das

Theater trat. Wohl aber pfiff man, wo eines der Werkzeuge der Machthaber

oeffentlich sich sehen liess, und selbst gesetzte Maenner klatschten,

wenn ein Schauspieler eine antimonarchische Sentenz oder eine Anspielung

gegen Pompeius vorbrachte. Ja als Cicero ausgewiesen werden sollte,

legten eine grosse Zahl - angeblich zwanzigtausend - Buerger,

groesstenteils aus den Mittelklassen, nach dem Beispiel des Senats

das Trauergewand an. "Nichts ist jetzt populaerer", heisst es in einem

Briefe aus dieser Zeit, "als der Hass der Popularpartei." Die Machthaber

liessen Andeutungen fallen, dass durch solche Opposition leicht die

Ritter ihre neuen Sonderplaetze im Theater, der gemeine Mann sein

Brotkorn einbuessen koenne; man nahm darauf mit den Aeusserungen des

Unwillens sich vielleicht etwas mehr in acht, aber die Stimmung

blieb die gleiche. Mit besserem Erfolg ward der Hebel der materiellen

Interessen angesetzt. Caesars Gold floss in Stroemen. Scheinreiche mit

zerruetteten Finanzen, einflussreiche, in Geldverlegenheiten befangene

Damen, verschuldete junge Adlige, bedraengte Kaufleute und Bankiers

gingen entweder selbst nach Gallien, um an der Quelle zu schoepfen, oder

wandten sich an Caesars hauptstaedtische Agenten; und nicht leicht ward

ein aeusserlich anstaendiger Mann - mit ganz verlorenem Gesindel mied

Caesar sich einzulassen - dort oder hier zurueckgewiesen. Dazu kamen

die ungeheuren Bauten, die Caesar fuer seine Rechnung in der Hauptstadt

ausfuehren liess und bei denen eine Unzahl von Menschen aller Staende

vom Konsular bis zum Lasttraeger hinab Gelegenheit fand zu verdienen,

sowie die unermesslichen, fuer oeffentliche Lustbarkeiten aufgewandten

Summen. In beschraenkterem Masse tat Pompeius das gleiche; ihm verdankte

die Hauptstadt das erste steinerne Theater, und er feierte dessen

Einweihung mit einer nie zuvor gesehenen Pracht. Dass solche Spenden

eine Menge oppositionell Gesinnter, namentlich in der Hauptstadt, mit

der neuen Ordnung der Dinge bis zu einem gewissen Grade aussoehnten,

versteht sich ebenso von selbst, wie dass der Kern der Opposition diesem

Korruptionssystem nicht erreichbar war. Immer deutlicher kam es zu Tage,

wie tief die bestehende Verfassung im Volke Wurzel geschlagen hatte

und wie wenig namentlich die dem unmittelbaren Parteitreiben ferner

stehenden Kreise, vor allem die Landstaedte, der Monarchie geneigt oder

auch nur bereit waren, sie ueber sich ergehen zu lassen. Haette Rom

eine Repraesentativverfassung gehabt, so wuerde die Unzufriedenheit der

Buergerschaft ihren natuerlichen Ausdruck in den Wahlen gefunden und,

indem sie sich aussprach, sich gesteigert haben; unter den bestehenden

Verhaeltnissen blieb den Verfassungstreuen nichts uebrig als dem

Senat, der, herabgekommen wie er war, doch immer noch als Vertreter und

Verfechter der legitimen Republik erschien, sich unterzuordnen. So kam

es, dass der Senat, jetzt da er gestuerzt worden war, ploetzlich

eine weit ansehnlichere und weit ernstlicher getreue Armee zu seiner

Verfuegung fand, als da er in Macht und Glanz die Gracchen stuerzte und,

geschirmt durch Sullas Saebel, den Staat restaurierte. Die Aristokratie

empfand es; sie fing wieder an sich zu regen. Eben jetzt hatte Marcus

Cicero, nachdem er sich verpflichtet hatte, den Gehorsam im Senat sich

anzuschliessen und nicht bloss keine Opposition zu machen, sondern nach

Kraeften fuer die Machthaber zu wirken, von denselben die Erlaubnis

zur Rueckkehr erhalten. Obwohl Pompeius der Oligarchie hiermit nur

beilaeufig eine Konzession machte und vor allem dem Clodius einen Possen

zu spielen, demnaechst ein durch hinreichende Schlaege geschmeidigtes

Werkzeug in dem redefertigen Konsular zu erwerben bedacht war, so nahm

man doch die Gelegenheit wahr, wie Ciceros Verbannung eine Demonstration

gegen den Senat gewesen war, so seine Rueckkehr zu republikanischen

Demonstrationen zu benutzen. In moeglichst feierlicher Weise, uebrigens

gegen die Clodianer durch die Bande des Titus Annius Milo geschuetzt,

brachten beide Konsuln nach vorgaengigem Senatsbeschluss einen Antrag an

die Buergerschaft, dem Konsular Cicero die Rueckkehr zu gestatten,

und der Senat rief saemtliche verfassungstreue Buerger auf, bei der

Abstimmung nicht zu fehlen. Wirklich versammelte sich am Tage der

Abstimmung (4. August 697 57) in Rom namentlich aus den Landstaedten

eine ungewoehnliche Anzahl achtbarer Maenner. Die Reise des Konsulars

von Brundisium nach der Hauptstadt gab Gelegenheit zu einer Reihe

aehnlicher, nicht minder glaenzender Manifestationen der oeffentlichen

Meinung. Das neue Buendnis zwischen dem Senat und der verfassungstreuen

Buergerschaft ward bei dieser Gelegenheit gleichsam oeffentlich

bekannt gemacht und eine Art Revue ueber die letztere gehalten,

deren ueberraschend guenstiges Ergebnis nicht wenig dazu beitrug,

den gesunkenen Mut der Aristokratie wiederaufzurichten. Pompeius'

Hilflosigkeit gegenueber diesen trotzigen Demonstrationen sowie

die unwuerdige und beinahe laecherliche Stellung, in die er Clodius

gegenueber geraten war, brachten ihn und die Koalition um ihren Kredit;

und die Fraktion des Senats, welche derselben anhing, durch Pompeius'

seltene Ungeschicklichkeit demoralisiert und ratlos sich selber

ueberlassen, konnte nicht verhindern, dass in dem Kollegium die

republikanisch- aristokratische Partei wieder voellig die Oberhand

gewann. Das Spiel dieser stand in der Tat damals - 697 (57) - fuer einen

mutigen und geschickten Spieler noch keineswegs verzweifelt. Sie hatte

jetzt, was sie seit einem Jahrhundert nicht gehabt, festen Rueckhalt in

dem Volke; vertraute sie diesem und sich selber, so konnte sie auf dem

kuerzesten und ehrenvollsten Wege zum Ziel gelangen. Warum nicht die

Machthaber mit offenem Visier angreifen? Warum kassierte nicht

ein entschlossener und namhafter Mann an der Spitze des Senats

die ausserordentlichen Gewalten als verfassungswidrig und rief die

saemtlichen Republikaner Italiens gegen die Tyrannen und deren

Anhang unter die Waffen? Moeglich war es wohl, auf diesem Wege die

Senatsherrschaft noch einmal zu restaurieren. Allerdings spielten die

Republikaner damit hohes Spiel; aber vielleicht waere auch hier, wie so

oft, der mutigste Entschluss zugleich der kluegste gewesen. Nur freilich

war die schlaffe Aristokratie dieser Zeit eines solchen einfachen

und mutigen Entschlusses kaum noch faehig. Aber es gab einen anderen,

vielleicht sichereren, auf jeden Fall der Art und Natur dieser

Verfassungsgetreuen angemesseneren Weg: sie konnten darauf hinarbeiten,

die beiden Machthaber zu entzweien und durch diese Entzweiung

schliesslich selber ans Ruder zu gelangen. Das Verhaeltnis der den Staat

beherrschenden Maenner hatte sich verschoben und gelockert, seit Caesar

uebermaechtig neben Pompeius sich gestellt und diesen genoetigt hatte,

um eine neue Machtstellung zu werben; es war wahrscheinlich, dass,

wenn er dieselbe erlangte, es damit auf die eine oder die andere Weise

zwischen ihnen zum Bruch und zum Kampfe kam. Blieb in diesem

Pompeius allein, so war seine Niederlage kaum zweifelhaft, und die

Verfassungspartei fand in diesem Fall nach beendigtem Kampfe nur

statt unter der Zwei-, sich unter der Einherrschaft. Allein, wenn die

Nobilitaet gegen Caesar dasselbe Mittel wandte, durch das dieser seine

bisherigen Siege erfochten hatte, und mit dem schwaecheren Nebenbuhler

in Buendnis trat, so blieb mit einem Feldherrn wie Pompeius, mit einem

Heere wie das der Verfassungstreuen war, der Sieg wahrscheinlich diesen;

nach dem Siege aber mit Pompeius fertig zu werden, konnte, nach den

Beweisen von politischer Unfaehigkeit, die derselbe zeither gegeben,

nicht als eine besonders schwierige Aufgabe erscheinen. Die Dinge

hatten sich dahin gewandt, eine Verstaendigung zwischen Pompeius und

der republikanischen Partei beiden nahezulegen; ob es zu einer solchen

Annaeherung kommen und wie ueberhaupt das voellig unklar gewordene

Verhaeltnis der beiden Machthaber und der Aristokratie gegeneinander

zunaechst sich stellen werde, musste sich entscheiden, als im Herbst

697 (57) Pompeius mit dem Antrag an den Senat ging, ihn mit einer

ausserordentlichen Amtsgewalt zu betrauen. Er knuepfte wieder an an

das, wodurch er elf Jahre zuvor seine Macht begruendet hatte: an die

Brotpreise in der Hauptstadt, die ebendamals wie vor dem Gabinischen

Gesetz eine drueckende Hoehe erreicht hatten. Ob sie durch besondere

Machinationen hinaufgetrieben worden waren, wie deren Clodius bald dem

Pompeius, bald dem Cicero und diese wieder jenem Schuld gaben, laesst

sich nicht entscheiden; die fortdauernde Piraterie, die Leere des

oeffentlichen Schatzes und die laessige und unordentliche Ueberwachung

der Kornzufuhr durch die Regierung reichten uebrigens auch ohne

politischen Kornwucher an sich schon vollkommen aus, um in einer

fast lediglich auf ueberseeische Zufuhr angewiesenen Grossstadt

Brotteuerungen herbeizufuehren. Pompeius' Plan war, sich vom Senat die

Oberaufsicht ueber das Getreidewesen im ganzen Umfang des

Roemischen Reiches und zu diesem Endzwecke teils das unbeschraenkte

Verfuegungsrecht ueber die roemische Staatskasse, teils Heer und Flotte

uebertragen zu lassen, sowie ein Kommando, welches nicht bloss ueber das

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 32 / 68 段