foerderte, als echter Staatsmann, von oben herab die naturgemaesse

Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche Uebergangszeit moeglichst

zu verkuerzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer Anzahl vornehmer

Kelten in den roemischen Buergerverband, ja einzelner vielleicht schon

in den roemischen Senat, so ist wahrscheinlich Caesar es gewesen, der in

Gallien auch innerhalb der einzelnen Gaue als offizielle Sprache

anstatt der einheimischen die lateinische, wenn auch noch mit gewissen

Einschraenkungen, und anstatt des nationalen das roemische Muenzsystem

in der Art einfuehrte, dass die Gold- und die Denarpraegung den

roemischen Behoerden vorbehalten blieb, dagegen die Scheidemuenze von

den einzelnen Gauen und nur zur Zirkulation innerhalb der Gaugrenzen,

aber doch auch nach roemischem Fuss geschlagen werden sollte. Man mag

laecheln ueber das kauderwelsche Latein, dessen die Anwohner der Loire

und Seine fortan verordnungsmaessig sich beflissen ^24; es lag doch

in diesen Sprachfehlern eine groessere Zukunft als in dem korrekten,

hauptstaedtischen Latein. Vielleicht geht es auch auf Caesar zurueck,

wenn die Gauverfassung im Keltenland spaeterhin der italischen

Stadtverfassung genaehert erscheint und die Hauptorte des Gaues sowie

die Gemeinderaete in ihr schaerfer hervortreten, als dies in der

urspruenglichen keltischen Ordnung wahrscheinlich der Fall war. Wie

wuenschenswert in militaerischer wie in politischer Hinsicht es gewesen

waere, als Stuetzpunkte der neuen Herrschaft und Ausgangspunkte der

neuen Zivilisation eine Reihe transalpinischer Kolonien zu begruenden,

mochte niemand mehr empfinden als der politische Erbe des Gaius Gracchus

und des Marius. Wenn er dennoch sich beschraenkte auf die Ansiedlung

seiner keltischen oder deutschen Reiter in Noviodunum und auf die der

Boier im Haeduergau, welche letztere Niederlassung in dem Krieg gegen

Vercingetorix schon voellig die Dienste einer roemischen Kolonie tat,

so war die Ursache nur die, dass seine weiteren Plaene ihm noch nicht

gestatteten, seinen Legionen statt des Schwertes den Pflug in die Hand

zu geben. Was er in spaeteren Jahren fuer die altroemische Provinz

in dieser Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt werden; es ist

wahrscheinlich, dass nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das gleiche

auch auf die von ihm neu unterworfenen Landschaften zu erstrecken.

------------------------------------------------- ^24 So lesen wir auf

einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier (Lisieux, Dep. Calvados)

schlagen liess, folgende Aufschrift: Cisiambos Cattos vercobreto;

simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum leserliche Schrift und

das unglaublich abscheuliche Gepraege dieser Muenzen stehen mit

ihrem stammelnden Latein in bester Harmonie.

------------------------------------------------ Mit der keltischen

Nation war es zu Ende. Ihre politische Aufloesung war durch Caesar

eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale eingeleitet und im

regelmaessigen Fortschreiten begriffen. Es war dies kein zufaelliges

Verderben, wie das Verhaengnis es auch entwicklungsfaehigen

Voelkern wohl zuweilen bereitet, sondern eine selbstverschuldete und

gewissermassen geschichtlich notwendige Katastrophe. Schon der Verlauf

des letzten Krieges beweist dies, mag man ihn nun im ganzen oder im

einzelnen betrachten. Als die Fremdherrschaft gegruendet werden

sollte, leisteten ihr nur einzelne, noch dazu meistens deutsche

oder halbdeutsche Landschaften energischen Widerstand. Als die

Fremdherrschaft gegruendet war, wurden die Versuche, sie abzuschuetteln,

entweder ganz kopflos unternommen, oder sie waren mehr als billig das

Werk einzelner hervorragender Adliger und darum mit dem Tod oder der

Gefangennahme eines Indutiomarus, Camulogenus, Vercingetorix, Correus

sogleich und voellig zu Ende. Der Belagerungs- und der kleine Krieg, in

denen sich sonst die ganze sittliche Tiefe der Volkskriege entfaltet,

waren und blieben in diesem keltischen von charakteristischer

Erbaermlichkeit. Jedes Blatt der keltischen Geschichte bestaetigt

das strenge Wort eines der wenigen Roemer, die es verstanden, die

sogenannten Barbaren nicht zu verachten, dass die Kelten dreist die

kuenftige Gefahr herausfordern, vor der gegenwaertigen aber der Mut

ihnen entsinkt. In dem gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte, der alle

nicht gleich dem Stahl harten und gleich dem Stahl geschmeidigen Voelker

unerbittlich zermalmt, konnte eine solche Nation auf die Laenge sich

nicht behaupten; billig erlitten die Kelten des Festlandes dasselbe

Schicksal von den Roemern, das ihre Stammgenossen auf der irischen Insel

bis in unsere Tage hinein von den Sachsen erleiden: das Schicksal,

als Gaerungsstoff kuenftiger Entwicklung aufzugehen in eine staatlich

ueberlegene Nationalitaet. Im Begriff, von der merkwuerdigen Nation zu

scheiden, mag es gestattet sein, noch daran zu erinnern, dass in den

Berichten der Alten ueber die Kelten an der Loire und Seine kaum einer

der charakteristischen Zuege vermisst wird, an denen wir gewohnt sind,

Paddy zu erkennen. Es findet alles sich wieder: die Laessigkeit in

der Bestellung der Felder; die Lust am Zechen und Raufen; die

Prahlhansigkeit - wir erinnern an jenes in dem heiligen Hain der

Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene Schwert des Caesar, das

sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten Staette laechelnd

betrachtete und das heilige Gut sorgfaeltig zu schonen befahl; die

Rede voll von Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen und barocken

Wendungen; der drollige Humor - ein vorzuegliches Beispiel davon ist die

Satzung, dass, wenn jemand einem oeffentlich Redenden ins Wort faellt,

dem Stoerenfried von Polizei wegen ein derbes und wohl sichtbares Loch

in den Rock geschnitten wird; die innige Freude am Singen und Sagen von

den Taten der Vorzeit und die entschiedenste Redner- und Dichtergabe;

die Neugier - kein Kaufmann wird durchgelassen, bevor er auf offener

Strasse erzaehlt hat, was er an Neuigkeiten weiss oder nicht weiss - und

die tolle Leichtglaeubigkeit, die auf solche Nachrichten hin handelt,

weshalb in den besser geordneten Kantons den Wandersleuten bei strenger

Strafe verboten war, unbeglaubigte Berichte andern als Gemeindebeamten

mitzuteilen; die kindliche Froemmigkeit, die in dem Priester den

Vater sieht und ihn in allen Dingen um Rat fragt; die unuebertroffene

Innigkeit des Nationalgefuehls und das fast familienartige

Zusammenhalten der Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter

dem ersten besten Fuehrer sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben

aber die voellige Unfaehigkeit, den sicheren, von Uebermut wie von

Kleinmut entfernten Mut sich zu bewahren, die rechte Zeit zum Abwarten

und zum Losschlagen wahrzunehmen, zu irgendeiner Organisation, zu irgend

fester militaerischer oder politischer Disziplin zu gelangen oder auch

nur sie zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und aller Orten

dieselbe faule und poetische, schwachmuetige und innige, neugierige,

leichtglaeubige, liebenswuerdige, gescheite, aber politisch durch und

durch unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer

und ueberall dasselbe gewesen. Aber dass dieses grosse Volk durch

Caesars transalpinische Kriege zugrunde ging, ist noch nicht

das bedeutendste Ergebnis dieses grossartigen Unternehmens; weit

folgenreicher als das negative war das positive Resultat. Es leidet

kaum einen Zweifel, dass, wenn das Senatsregiment sein Scheinleben

noch einige Menschenalter laenger gefristet haette, die sogenannte

Voelkerwanderung vierhundert Jahre frueher eingetreten sein wuerde, als

sie eingetreten ist, und eingetreten sein wuerde zu einer Zeit, wo die

italische Zivilisation sich weder in Gallien noch an der Donau noch

in Afrika und Spanien haeuslich niedergelassen hatte. Indem der grosse

Feldherr und Staatsmann Roms mit sicherem Blick in den deutschen

Staemmen den ebenbuertigen Feind der roemisch-griechischen Welt

erkannte; indem er das neue System offensiver Verteidigung mit fester

Hand selbst bis ins einzelne hinein begruendete und die Reichsgrenzen

durch Fluesse oder kuenstliche Waelle verteidigen, laengs der Grenze die

naechsten Barbarenstaemme zur Abwehr der entfernteren kolonisieren,

das roemische Heer durch geworbene Leute aus den feindlichen Laendern

rekrutieren lehrte, gewann er der hellenisch-italischen Kultur die

noetige Frist, um den Westen ebenso zu zivilisieren, wie der Osten

bereits von ihr zivilisiert war. Gewoehnliche Menschen schauen die

Fruechte ihres Tuns; der Same, den geniale Naturen streuen, geht langsam

auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis man begriff, dass Alexander nicht

bloss ein ephemeres Koenigreich im Osten errichtet, sondern den

Hellenismus nach Asien getragen habe; wieder Jahrhunderte, bis man

begriff, dass Caesar nicht bloss den Roemern eine neue Provinz erobert,

sondern die Romanisierung der westlichen Landschaften begruendet habe.

Auch von jenen militaerisch leichtsinnigen und zunaechst erfolglosen

Zuegen nach England und Deutschland haben erst die spaeten Nachfahren

den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Voelkerkreis, von dessen Dasein und

Zustaenden bis dahin kaum der Schiffer und der Kaufmann einige

Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward durch sie der

roemisch-griechischen Welt aufgeschlossen. "Taeglich", heisst es in

einer roemischen Schrift vom Mai 698 (56), "melden die gallischen Briefe

und Botschaften uns bisher unbekannte Namen von Voelkern, Gauen und

Landschaften". Diese Erweiterung des geschichtlichen Horizonts durch

Caesars Zuege jenseits der Alpen war ein weltgeschichtliches Ereignis,

so gut wie die Erkundung Amerikas durch europaeische Scharen. Zu

dem engen Kreis der Mittelmeerstaaten traten die mittel- und

nordeuropaeischen Voelker, die Anwohner der Ost- und der Nordsee hinzu,

zu der alten Welt eine neue, die fortan durch jene mitbestimmt ward und

sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, dass bereits von Ariovist

das durchgefuehrt ward, was spaeter dem gotischen Theoderich

gelang. Waere dies geschehen, so wuerde unsere Zivilisation zu der

roemisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhaeltnis

stehen als zu der indischen und assyrischen Kultur. Dass von Hellas

und Italien vergangener Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neueren

Weltgeschichte eine Bruecke hinueberfuehrt, dass Westeuropa romanisch,

das germanische Europa klassisch ist, dass die Namen Themistokles und

Scipio fuer uns einen anderen Klang haben, als Asoka und Salmanassar,

dass Homer und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa nur den

literarischen Botaniker anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns

bluehen, das ist Caesars Werk; und wenn die Schoepfung seines grossen

Vorgaengers im Osten von den Sturmfluten des Mittelalters fast

ganz zertruemmert worden ist, so hat Caesars Bau die Jahrtausende

ueberdauert, die dem Menschengeschlecht Religion und Staat verwandelt,

den Schwerpunkt der Zivilisation selbst ihm verschoben haben, und

fuer das, was wir Ewigkeit nennen, steht er aufrecht. Um das Bild

der Verhaeltnisse Roms zu den Voelkern des Nordens in dieser Zeit zu

vollenden, bleibt es noch uebrig, einen Blick auf die Landschaften zu

werfen, die noerdlich der italischen und der griechischen Halbinsel,

von den Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer sich erstrecken. Zwar in

das gewaltige Voelkergetuemmel, das auch dort damals gewogt haben mag,

reicht die Fackel der Geschichte nicht und die einzelnen Streiflichter,

die in dieses Gebiet fallen, sind, wie der schwache Schimmer in tiefer

Finsternis, mehr geeignet zu verwirren als aufzuklaeren. Indes es ist

die Pflicht des Geschichtschreibers, auch die Luecken in dem Buche der

Voelkergeschichte zu bezeichnen; er darf es nicht verschmaehen, neben

Caesars grossartigem Verteidigungssystem der duerftigen Anstalten zu

gedenken, durch die die Feldherren des Senats nach dieser Seite hin die

Reichsgrenze zu schuetzen vermeinten. Das nordoestliche Italien blieb

nach wie vor den Angriffen der alpinischen Voelkerschaften preisgegeben.

Das im Jahre 695 (59) bei Aquileia lagernde starke roemische Heer

und der Triumph des Statthalters des Cisalpinischen Galliens, Lucius

Afranius, lassen schliessen, dass um diese Zeit eine Expedition in die

Alpen stattgefunden; wovon es eine Folge sein mag, dass wir bald darauf

die Roemer in naeherer Verbindung mit einem Koenig der Noriker finden.

Dass aber auch nachher Italien durchaus von dieser Seite nicht gesichert

war, bewies der Ueberfall der bluehenden Stadt Tergeste durch die

alpinischen Barbaren im Jahre 702 (52), als die transalpinische

Insurrektion Caesar genoetigt hatte, Oberitalien ganz von Truppen

zu entbloessen. Auch die unruhigen Voelker, die den illyrischen

Kuestenstrich innehatten, machten ihren roemischen Herren bestaendig

zu schaffen. Die Dalmater, schon frueher das ansehnlichste Volk dieser

Gegend, vergroesserten durch Aufnahme der Nachbarn in ihren Verband sich

so ansehnlich, dass die Zahl ihrer Ortschaften von zwanzig auf achtzig

stieg. Als sie die Stadt Promona (nicht weit vom Kerkafluss), die

sie den Liburniern entrissen hatten, diesen wiederherauszugeben sich

weigerten, liess Caesar nach der Pharsalischen Schlacht gegen sie

marschieren; aber die Roemer zogen hierbei zunaechst den kuerzeren,

und infolgedessen ward Dalmatien fuer einige Zeit ein Herd der Caesar

feindlichen Partei und wurde hier den Feldherren Caesars von den

Einwohnern, in Verbindung mit den Pompeianern und mit den Seeraeubern,

zu Lande und zu Wasser energischer Widerstand geleistet. Makedonien

endlich nebst Epirus und Hellas war so veroedet und heruntergekommen wie

kaum ein anderer Teil des Roemischen Reiches. Dyrrhachion, Thessalonike,

Byzantion hatten noch einigen Handel und Verkehr; Athen zog durch seinen

Namen und seine Philosophenschule die Reisenden und die Studenten an;

im ganzen aber lag ueber Hellas' einst volkreichen Staedten und

menschenwimmelnden Haefen die Ruhe des Grabes. Aber wenn die Griechen

sich nicht regten, so setzten dagegen die Bewohner der schwer

zugaenglichen makedonischen Gebirge nach alter Weise ihre Raubzuege und

Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56) Agraeer und Doloper

die aetolischen Staedte, im Jahre 700 (54) die in den Drintaelern

wohnenden Pirusten das suedliche Illyrien ueberrannten. Ebenso hielten

es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker im Osten

waren zwar in den achtjaehrigen Kaempfen 676 bis 683 (78-71) von den

Roemern gedemuetigt worden; der maechtigste unter den thrakischen

Fuersten, der Herr des alten Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den

roemischen Klientelkoenigen beigezaehlt. Allein nichtsdestoweniger hatte

das befriedete Land nach wie vor von Norden und Osten her Einfaelle zu

leiden. Der Statthalter Gaius Antonius ward uebel heimgeschickt,

sowohl von den Dardanern, als auch von den in der heutigen Dobrudscha

ansaessigen Staemmen, welche mit Hilfe der vom linken Donauufer

herbeigezogenen, gefuerchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere

unweit Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693

62-61). Gluecklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker

(694 60). Dagegen machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als

Oberfeldherr sehr schlechte Geschaefte, was auch kein Wunder war, da

er um Geld Freunden und Feinden gewaehrte, was sie wuenschten.

Die thrakischen Dentheleten (am Strymon) pluenderten unter seiner

Statthalterschaft Makedonien weit und breit und stellten auf der

grossen, von Dyrrhachion nach Thessalonike fuehrenden roemischen

Heerstrasse selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich

darauf gefasst, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, waehrend

die starke roemische Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um

zuzusehen, wie die Bergbewohner und die Nachbarvoelker die friedlichen

Untertanen Roms brandschatzten. Dergleichen Angriffe konnten freilich

Roms Macht nicht gefaehrden, und auf eine Schande mehr kam es laengst

nicht mehr an. Aber eben um diese Zeit begann jenseits der Donau, in den

weiten dakischen Steppen, ein Volk sich staatlich zu konsolidieren, das

eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen bestimmt schien als die

Besser und die Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in uralter

Zeit dem Koenig des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten,

Zalmoxis genannt, der, nachdem er der Goetter Wege und Wunder auf

weiten Reisen in der Fremde erkundet und namentlich die Weisheit der

aegyptischen Priester und der griechischen Pythagoreer ergruendet hatte,

in seine Heimat zurueckgekommen war, um in einer Hoehle des 'Heiligen

Berges' als frommer Einsiedler sein Leben zu beschliessen. Nur dem

Koenig und dessen Dienern blieb er zugaenglich und spendete ihm und

durch ihn dem Volke seine Orakel fuer jedes wichtige Beginnen. Seinen

Landsleuten galt er anfangs als Priester des hoechsten Gottes und

zuletzt selber als Gott, aehnlich wie es von Moses und Aaron heisst,

dass der Herr den Aaron zum Propheten und zum Gotte des Propheten den

Moses gesetzt habe. Es war hieraus eine bleibende Institution geworden:

von Rechts wegen stand dem Koenig der Geten ein solcher Gott zur Seite,

aus dessen Munde alles kam oder zu kommen schien, was der Koenig befahl.

Diese eigentuemliche Verfassung, in der die theokratische Idee der,

wie es scheint, absoluten Koenigsgewalt dienstbar geworden war, mag den

getischen Koenigen eine Stellung ihren Untertanen gegenueber gegeben

haben, wie etwa die Kalifen sie gegenueber den Arabern haben; und eine

Folge davon war die wunderbare religioes-politische Reform der Nation,

welche um diese Zeit der Koenig der Geten, Burebistas, und der Gott,

Dekaeneos, durchsetzten. Das namentlich durch beispiellose Voellerei

sittlich und staatlich gaenzlich heruntergekommene Volk ward durch das

neue Maessigkeits- und Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen

sozusagen puritanisch disziplinierten und begeisterten Scharen gruendete

Koenig Burebistas binnen wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf

beiden Ufern der Donau sich ausbreitete und suedwaerts bis tief

in Thrakien, Illyrien und das nordische Land hinein reichte. Eine

unmittelbare Beruehrung mit den Roemern hatte noch nicht stattgefunden,

und es konnte niemand sagen, was aus diesem sonderbaren, an die Anfaenge

des Islam erinnernden Staat werden moege; das aber mochte man, auch ohne

Prophet zu sein, vorherzusagen, dass Prokonsuln wie Antonius und Piso

nicht berufen waren, mit Goettern zu streiten. 8. Kapitel Pompeius' und

Caesars Gesamtherrschaft Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars

Konsulat sozusagen offiziell als die gemeinschaftlichen Beherrscher des

Gemeinwesens, als die regierenden "Dreimaenner" anerkannt waren, nahm

der oeffentlichen Meinung zufolge durchaus die erste Stelle Pompeius

ein. Er war es, der den Optimaten der "Privatdiktator" hiess; vor ihm

tat Cicero seinen vergeblichen Fussfall; ihm galten die schaerfsten

Sarkasmen in den Mauerplakaten des Bibulus, die giftigsten Pfeile in

den Salonreden der Opposition. Es war dies nur in der Ordnung. Nach

den vorliegenden Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste Feldherr

seiner Zeit, Caesar ein gewandter Parteifuehrer und Parteiredner, von

unleugbaren Talenten, aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja

weibischem Naturell. Diese Urteile waren seit langem gelaeufig; man

konnte es von dem vornehmen Poebel nicht erwarten, dass er um das Wesen

der Dinge sich kuemmere und einmal festgestellte Plattheiten wegen

obskurer Heldentaten am Tajo aufgebe. Offenbar spielte Caesar in dem

Bunde nur die Rolle des Adjutanten, der das fuer seinen Chef ausfuehrte,

was Flavius, Afranius und andere, weniger faehige Werkzeuge versucht

und nicht geleistet hatten. Selbst seine Statthalterschaft schien dies

Verhaeltnis nicht zu aendern. Eine sehr aehnliche Stellung hatte erst

kuerzlich Afranius eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten;

mehrere Provinzen zugleich waren in den letzten Jahren wiederholentlich

einem Statthalter untergeben und schon oft weit mehr als vier Legionen

in einer Hand vereinigt gewesen; da es jenseits der Alpen wieder ruhig

und Fuerst Ariovist von den Roemern als Freund und Nachbar anerkannt

war, so war auch keine Aussicht zur Fuehrung eines irgend ins Gewicht

fallenden Krieges. Die Vergleichung der Stellungen, wie sie Pompeius

durch das Gabinisch-Manilische, Caesar durch das Vatinische Gesetz

erhalten hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars Vorteil aus.

Pompeius gebot fast ueber das gesamte Roemische Reich, Caesar ueber

zwei Provinzen. Pompeius standen die Soldaten und die Kassen des Staats

beinahe unbeschraenkt zur Verfuegung, Caesar nur die ihm angewiesenen

Summen und ein Heer von 24000 Mann. Pompeius war es anheimgegeben, den

Zeitpunkt seines Ruecktritts selber zu bestimmen; Caesars Kommando

war ihm zwar auf lange hinaus, aber doch nur auf eine begrenzte Frist

gesichert. Pompeius endlich war mit den wichtigsten Unternehmungen zur

See und zu Lande betraut worden; Caesar ward nach Norden gesandt, um von

Oberitalien aus die Hauptstadt zu ueberwachen und dafuer zu sorgen, dass

Pompeius ungestoert sie beherrsche. Aber als Pompeius von der Koalition

zum Beherrscher der Hauptstadt bestellt ward, uebernahm er, was ueber

seine Kraefte weit hinausging. Pompeius verstand vom Herrschen nichts

weiter, als was sich zusammenfassen laesst in Parole und Kommando.

Die Wellen des hauptstaedtischen Treibens gingen hohl, zugleich von

vergangenen und von zukuenftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in

jeder Hinsicht dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare

Stadt ohne bewaffnete Macht zu regieren, war unendlich schwer, fuer

jenen eckigen vornehmen Mustersoldaten aber geradezu unloesbar. Sehr

bald war er so weit, dass Feinde und Freunde, beide ihm gleich unbequem,

seinetwegen machen konnten, was ihnen beliebte; nach Caesars Abgang von

Rom beherrschte die Koalition wohl noch die Geschicke der Welt, aber

nicht die Strassen der Hauptstadt. Auch der Senat, dem ja immer noch

eine Art nominellen Regiments zustand, liess die Dinge in der Hauptstadt

gehen, wie sie gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der

Koalition beherrschten Fraktion dieser Koerperschaft die Instruktionen

der Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus

Gleichgueltigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsaechlich aber,

weil die gesamte hochadlige Koerperschaft ihre vollstaendige Ohnmacht wo

nicht zu begreifen, doch zu fuehlen begann. Augenblicklich also gab es

in Rom nirgends eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends

eine wirkliche Autoritaet. Man lebte im Interregnum zwischen dem

zertruemmerten aristokratischen und dem werdenden militaerischen

Regiment; und wenn das roemische Gemeinwesen wie kein anderes alter

oder neuer Zeit alle verschiedensten politischen Funktionen und

Organisationen rein und normal dargestellt hat, so erscheint in ihm

auch die politische Desorganisation, die Anarchie, in einer nicht

beneidenswerten Schaerfe. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, dass in

denselben Jahren, in welchen Caesar jenseits der Alpen ein Werk fuer

die Ewigkeit schuf, in Rom eine der tollsten politischen Grotesken

aufgefuehrt ward, die jemals ueber die Bretter der Weltgeschichte

gegangen ist. Der neue Regent des Gemeinwesens regierte nicht, sondern

schloss sich in sein Haus ein und maulte im stillen. Die ehemalige, halb

abgesetzte Regierung regierte gleichfalls nicht, sondern seufzte, bald

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 31 / 68 段