Kelten nicht abermals das Schauspiel des Rueckzugs roemischer Truppen

zu gewaehren. Er ging daher, statt ueber die Marne, vielmehr unter den

Augen des getaeuschten Feindes ueber die Seine und lieferte am linken

Ufer derselben den feindlichen Massen eine Schlacht, in welcher er

siegte und unter vielen andern auch der keltische Feldherr selbst, der

alte Camulogenus, auf der Walstatt blieb. Ebensowenig gelang es den

Insurgenten, Caesar an der Loire aufzuhalten; Caesar gab ihnen keine

Zeit, dort groessere Massen zu versammeln, und sprengte die Milizen der

Haeduer, die er allein dort vorfand, ohne Muehe auseinander. So ward

die Vereinigung der beiden Heerhaufen gluecklich bewerkstelligt. Die

Aufstaendischen inzwischen hatten ueber die weitere Kriegfuehrung in

Bibracte (Autun), der Hauptstadt der Haeduer, geratschlagt; die Seele

dieser Beratungen war wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von

Gergovia die Nation begeistert anhing. Zwar schwieg der Partikularismus

auch jetzt nicht; die Haeduer machten noch in diesem Todeskampf der

Nation ihre Ansprueche auf die Hegemonie geltend und stellten auf der

Landesversammlung den Antrag, an die Stelle des Vercingetorix einen der

Ihrigen zu setzen. Allein die Landesvertreter hatten dies nicht bloss

abgelehnt und Vercingetorix im Oberbefehl bestaetigt, sondern auch

seinen Kriegsplan unveraendert angenommen. Es war im wesentlichen

derselbe, nach dem er bei Avaricum und bei Gergovia operiert hatte. Zum

Angelpunkt der neuen Stellung ward die feste Stadt der Mandubier, Alesia

(Alise Sainte-Reine bei Semur im Departement Cote d'Or ^21), ausersehen

und unter deren Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt.

Ungeheure Vorraete wurden hier aufgehaeuft und die Armee von Gergovia

dorthin beordert, deren Reiterei nach Beschluss der Landesversammlung

bis auf 15000 Pferde gebracht ward. Caesar schlug mit seiner gesamten

Heeresmacht, nachdem er sie bei Agedincum wiedervereinigt hatte, die

Richtung auf Vesontio ein, um sich nun der geaengsteten Provinz zu

naehern und sie vor einem Einfall zu beschuetzen, wie denn in der Tat

sich Insurgentenscharen schon in dem Gebiet der Helvier am Suedabhang

der Cevennen gezeigt hatten. Alesia lag fast auf seinem Wege; die

Reiterei der Kelten, die einzige Waffe, mit der Vercingetorix operieren

mochte, griff unterwegs ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den

kuerzeren gegen Caesars neue deutsche Schwadronen und die zu deren

Rueckhalt aufgestellte roemische Infanterie. Vercingetorix eilte um so

mehr, sich in Alesia einzuschliessen; und wenn Caesar nicht ueberhaupt

auf die Offensive verzichten wollte, blieb ihm nichts uebrig, als zum

drittenmal in diesem Feldzug gegen eine, unter einer wohlbesetzten und

verproviantierten Festung gelagerte und mit ungeheuren Reitermassen

versehene Armee mit einer weit schwaecheren Angriffsweise vorzugehen.

Allein, wenn den Kelten bisher nur ein Teil der roemischen Legionen

gegenuebergestanden, so war in den Linien um Alesia Caesars ganze

Streitmacht vereinigt und es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei

Avaricum und Gergovia gelungen war, sein Fussvolk unter dem Schutz der

Festungsmauern aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen

nach aussen hin sich offen zu halten, waehrend er die des Feindes

unterbrach. Die keltische Reiterei, schon entmutigt durch jene von den

geringgeschaetzten Gegnern ihnen beigebrachte Niederlage, wurde von

Caesars deutschen Berittenen in jedem Zusammentreffen geschlagen. Die

Umwallungslinie der Belagerer erhob sich in der Ausdehnung von

zwei deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluss des an sie

angelehnten Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war Vercingetorix

gefasst gewesen, aber nicht darauf, in Alesia belagert zu werden - dazu

genuegten fuer seine angeblich 80000 Mann Infanterie und 15000

Reiter zaehlende Armee und die zahlreiche Stadtbewohnerschaft die

aufgespeicherten Vorraete, wie ansehnlich sie waren, doch bei weitem

nicht. Vercingetorix musste sich ueberzeugen, dass sein Kriegsplan

diesmal zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen und er verloren war,

wofern nicht die gesamte Nation herbeieilte und ihren eingeschlossenen

Feldherrn befreite. Noch reichten, als die roemische Umwallung sich

schloss, die vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und vielleicht

etwas darueber; im letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens fuer

Berittene noch frei war, entliess Vercingetorix seine gesamte Reiterei

und entsandte zugleich an die Haeupter der Nation die Weisung, alle

Mannschaft aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia heranzufuehren. Er

selbst, entschlossen, die Verantwortung fuer den von ihm entworfenen

und fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persoenlich zu tragen, blieb in der

Festung, um im Guten und Boesen das Schicksal der Seinigen zu teilen.

Caesar aber machte sich gefasst, zugleich zu belagern und belagert zu

werden. Er richtete seine Umwallungslinie auch an der Aussenseite zur

Verteidigung ein und versah sich auf laengere Zeit mit Lebensmitteln.

Die Tage verflossen; schon hatte man in der Festung keinen Malter

Getreide mehr, schon die ungluecklichen Stadtbewohner austreiben

muessen, um zwischen den Verschanzungen der Kelten und der Roemer,

an beiden unbarmherzig zurueckgewiesen, elend umzukommen. Da, in der

letzten Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren

Zuege des keltisch- belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann

zu Fuss und 8000 Reiter. Vom Kanal bis zu den Cevennen hatten die

insurgierten Gaue jeden Nerv angestrengt, um den Kern ihrer Patrioten,

den Feldherrn ihrer Wahl zu retten - einzig die Bellovaker hatten

geantwortet, dass sie wohl gegen die Roemer, aber nicht ausserhalb der

eigenen Grenzen zu fechten gesonnen seien. Der erste Sturm, der die

Belagerten von Alesia und die Entsatztruppen draussen auf die roemische

Doppellinie unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintaegiger

Rast derselbe wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die

Umwallungslinie ueber den Abhang eines Berges hinlief und von dessen

Hoehe herab angegriffen werden konnte, die Graeben zuzuschuetten und die

Verteidiger von dem Wall herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar

hierher gesandt, die naechsten Kohorten zusammen und warf sich mit vier

Legionen auf den Feind. Unter den Augen des Feldherrn, der selbst in dem

gefaehrlichsten Augenblick erschien, wurden im verzweifelten Nahgefecht

die Stuermenden zurueckgejagt und die mit Caesar gekommenen, die

Fluechtenden in den Ruecken fassenden Reiterscharen vollendeten die

Niederlage. Es war mehr als ein grosser Sieg; ueber Alesia, ja ueber die

keltische Nation war damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer,

voellig entmutigt, verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause.

Vercingetorix haette vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das

letzte Mittel des freien Mannes sich erretten koennen; er tat es nicht,

sondern erklaerte im Kriegsrat, dass, da es ihm nicht gelungen sei, die

Fremdherrschaft zu brechen, er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben und

soweit moeglich das Verderben von der Nation auf sein Haupt abzulenken.

So geschah es. Die keltischen Offiziere lieferten ihren von der ganzen

Nation feierlich erwaehlten Feldherrn dem Landesfeind zu geeigneter

Bestrafung aus. Hoch zu Ross und im vollen Waffenschmucke erschien

der Koenig der Arverner vor dem roemischen Prokonsul und umritt dessen

Tribunal; darauf gab er Ross und Waffen ab und liess schweigend auf den

Stufen zu Caesars Fuessen sich nieder (702 52). Fuenf Jahre spaeter ward

er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt gefuehrt und

als Hochverraeter an der roemischen Nation, waehrend sein Ueberwinder

den Goettern derselben den Feierdank auf der Hoehe des Kapitols

darbrachte, an dessen Fuss enthauptet. Wie nach truebe verlaufenem Tage

wohl die Sonne im Sinken durchbricht, so verleiht das Geschick noch

untergehenden Voelkern wohl einen letzten grossartigen Mann. Also

steht am Ausgang der phoenikischen Geschichte Hannibal, also an dem der

keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte seine Nation von

der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte noch

uebrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix

hat ebenwie der Karthager nicht bloss gegen den Landesfeind kaempfen

muessen, sondern vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter

Egoisten und aufgestoerter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation

regelmaessig begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte

nicht seine Schlachten und Belagerungen, sondern dass er es vermocht

hat, einer zerfahrenen und im Partikularismus verkommenen Nation in

seiner Person einen Mittel- und Haltpunkt zu geben. Und doch gibt

es wieder kaum einen schaerferen Gegensatz als der ist zwischen dem

nuechternen Buergersmann der phoenikischen Kaufstadt mit seinen, auf das

eine grosse Ziel hin fuenfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer Energie

gerichteten Plaenen, und dem kuehnen Fuersten des Keltenlandes, dessen

gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein kurzer

Sommer einschliesst. Das ganze Altertum kennt keinen ritterlicheren Mann

in seinem innersten Wesen wie in seiner aeusseren Erscheinung. Aber der

Mensch soll kein Ritter sein und am wenigsten der Staatsmann. Es war der

Ritter, nicht der Held, der es verschmaehte, sich aus Alesia zu

retten, waehrend doch an ihm allein der Nation mehr gelegen war als an

hunderttausend gewoehnlichen tapferen Maennern. Es war der Ritter, nicht

der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch dieses Opfer nichts

weiter erreicht ward, als dass die Nation sich oeffentlich entehrte

und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten Atemzug ihren

weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren Zwingherrn

nannte. Wie so ganz anders hat in den gleichen Lagen Hannibal gehandelt!

Es ist nicht moeglich, ohne geschichtliche und menschliche Teilnahme von

dem edlen Arvernerkoenig zu scheiden; aber es gehoert zur Signatur der

keltischen Nation, dass ihr groesster Mann doch nur ein Ritter war.

--------------------------------------------- ^21 Die kuerzlich viel

eroerterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in Alaise (25 Kilometer

suedlich von Besan‡on, Dep. Doubs) zu erkennen sei, ist von

allen besonnenen Forschern mit Recht verneint worden.

--------------------------------------------- Der Fall von Alesia

und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen Armee war fuer die

keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes es hatten schon

ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der Kampf wieder

erneuert worden. Aber Vercingetorix' Verlust war unersetzlich. Mit ihm

war die Einheit in die Nation gekommen; mit ihm schien sie auch wieder

entwichen. Wir finden nicht, dass die Insurrektion einen Versuch machte,

die Gesamtverteidigung fortzusetzen und einen anderen Oberfeldherrn zu

bestellen; der Patriotenbund fiel von selbst auseinander und jedem Clan

blieb es ueberlassen, wie es ihm beliebte, mit den Roemern zu streiten

oder auch sich zu vertragen. Natuerlich ueberwog durchgaengig das

Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar hatte ein Interesse daran, rasch zu

Ende zu kommen. Von den zehn Jahren seiner Statthalterschaft waren

sieben verstrichen. Das letzte aber durch seine politischen Gegner in

der Hauptstadt ihm in Frage gestellt; nur auf zwei Sommer noch konnte

er mit einiger Sicherheit rechnen und wenn sein Interesse wie seine Ehre

verlangte, dass er die neu gewonnenen Landschaften seinem Nachfolger in

einem leidlichen und einigermassen beruhigten Friedensstand uebergab, so

war, um einen solchen herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen.

Gnade zu ueben war in diesem Falle noch mehr als fuer die Besiegten

Beduerfnis fuer den Sieger; und er durfte seinen Stern preisen, dass die

innere Zerfahrenheit und das leichte Naturell der Kelten ihm hierin

auf halbem Wege entgegenkam. Wo, wie in den beiden angesehensten

mittelgallischen Kantons, dem der Haeduer und dem der Arverner, eine

starke roemisch gesinnte Partei bestand, wurde den Landschaften sogleich

nach dem Fall von Alesia die vollstaendige Wiederherstellung ihres

frueheren Verhaeltnisses zu Rom gewaehrt und selbst ihre Gefangenen,

20000 an der Zahl, ohne Loesegeld entlassen, waehrend die der uebrigen

Clans in die harte Knechtschaft der siegreichen Legionaere kamen. Wie

die Haeduer und die Arverner ergab sich ueberhaupt der groessere Teil

der gallischen Distrikte in sein Schicksal und liess ohne weitere

Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte ueber sich ergehen.

Aber nicht wenige harrten auch in toerichtem Leichtsinn oder dumpfer

Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die roemischen

Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche

Expeditionen wurden noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen

und die Carnuten unternommen. Ernsteren Widerstand leisteten

die Bellovaker, die das Jahr zuvor von dem Entsatz Alesias sich

ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu wollen, dass sie an

jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut und an

Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe

die Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere

Koenig der Atrebaten, Commius, dem die Roemer seinen Beitritt zur

Insurrektion am wenigsten verziehen und gegen den kuerzlich Labienus

sogar einen widerwaertig tueckischen Mordversuch gerichtet hatte,

fuehrte den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu, deren Wert der

vorjaehrige Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und

talentvolle Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges

zugefallen war, fuehrte den Krieg, wie Vercingetorix ihn gefuehrt hatte,

und mit nicht geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach

den groessten Teil seines Heeres heranzog, konnte das Fussvolk der

Bellovaker weder zum Schlagen bringen noch auch nur dasselbe verhindern,

andere, gegen Caesars verstaerkte Streitmacht besseren Schutz

gewaehrende Stellungen einzunehmen; die roemischen Reiter aber,

namentlich die keltischen Kontingente, erlitten in verschiedenen

Gefechten durch die feindliche Reiterei, besonders die deutsche

des Commius, die empfindlichsten Verluste. Allein nachdem in einem

Scharmuetzel mit den roemischen Fouragierern Correus den Tod gefunden,

war der Widerstand auch hier gebrochen; der Sieger stellte ertraegliche

Bedingungen, auf die hin die Bellovaker nebst ihren Verbuendeten

sich unterwarfen. Die Treuerer wurden durch Labienus zum Gehorsam

zurueckgebracht und beilaeufig das Gebiet der verfemten Eburonen noch

einmal durchzogen und verwuestet. Also ward der letzte Widerstand

der belgischen Eidgenossenschaft gebrochen. Noch einen Versuch, der

Roemerherrschaft sich zu erwehren, machten die Seegaue in Verbindung mit

ihren Nachbarn an der Loire. Insurgentenscharen aus dem andischen, dem

carnutischen und anderen umliegenden Gauen sammelten sich an der unteren

Loire und belagerten in Lemonum (Poitiers) den roemisch gesinnten

Fuersten der Pictonen. Allein bald trat auch hier eine ansehnliche

roemische Macht ihnen entgegen; die Insurgenten gaben die Belagerung

auf und zogen ab, um die Loire zwischen sich und den Feind zu bringen,

wurden aber auf dem Marsche dahin eingeholt und geschlagen, worauf die

Carnuten und die uebrigen aufstaendischen Kantons, selbst die Seegaue

ihre Unterwerfung einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum dass

ein einzelner Freischarenfuehrer hie und da noch das nationale Banner

aufrecht hielt. Der kuehne Drappes und des Vercingetorix treuer

Waffengefaehrte Lucterius sammelten nach der Aufloesung der an der Loire

vereinigten Armee die Entschlossensten und warfen sich mit diesen in

die feste Bergstadt Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen unter schweren und

verlustvollen Gefechten ausreichend zu verproviantieren gelang. Trotz

des Verlustes ihrer Fuehrer, von denen Drappes gefangen, Lucterius

von der Stadt abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das

aeusserste; erst als Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die

Quelle, aus der die Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer

Stollen abgeleitet ward, fiel die Festung, die letzte Burg der

keltischen Nation. Um die letzten Verfechter der Sache der Freiheit zu

kennzeichnen, befahl Caesar, der gesamten Besatzung die Haende abzuhauen

und sie also, einen jeden in seine Heimat, zu entlassen. Dem Koenig

Commius, der noch in der Gegend von Arras sich hielt und daselbst bis in

den Winter 703/04 (51/50) mit den roemischen Truppen sich herumschlug,

gestattete Caesar, dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens dem

offenen Widerstand ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und

liess es sogar hingehen, dass der erbitterte und mit Recht misstrauische

Mann trotzig sich weigerte, persoenlich im roemischen Lager zu

erscheinen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Caesar in aehnlicher Weise

bei den schwer zugaenglichen Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten

Galliens mit einer nur nominellen Unterwerfung, vielleicht sogar

schon mit der faktischen Waffenruhe sich genuegen liess ^23.

------------------------------------------- ^22 Man sucht dies

gewoehnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A. Goeler hat sich

neuerlich fuer das auch frueher schon in Vorschlag gebrachte Luzech

westlich von Cahors erklaert. ^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich

begreiflicherweise nicht geschrieben; aber eine verstaendliche Andeutung

in dieser Beziehung macht Sallust (hist. 1, 9 Kritz), obwohl auch er

als Caesarianer schrieb. Weitere Beweise ergeben die Muenzen.

------------------------------------------------- Also ward Gallien, das

heisst das Land westlich vom Rhein und noerdlich von den Pyrenaeen, nach

nur achtjaehrigen Kaempfen (696 bis 703 58-51) den Roemern untertaenig.

Kaum ein Jahr nach der voelligen Beruhigung des Landes, zu Anfang des

Jahres 705 (49), mussten die roemischen Truppen infolge des nun endlich

in Italien ausgebrochenen Buergerkrieges ueber die Alpen zurueckgezogen

werden und es blieben nichts als hoechstens einige schwache

Rekrutenabteilungen im Keltenland zurueck. Dennoch standen die Kelten

nicht wieder gegen die Fremdherrschaft auf; und waehrend in allen alten

Provinzen des Reichs gegen Caesar gestritten ward, blieb allein die

neugewonnene Landschaft ihrem Besieger fortwaehrend botmaessig. Auch die

Deutschen haben ihre Versuche, auf dem linken Rheinufer sich erobernd

festzusetzen, waehrend dieser entscheidenden Jahre nicht wiederholt.

Ebensowenig kam es in Gallien waehrend der nachfolgenden Krisen zu einer

neuen nationalen Insurrektion oder deutschen Invasion, obgleich sie

die guenstigsten Gelegenheiten darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen

ausbrachen, wie zum Beispiel 708 (46) die Bellovaker gegen die Roemer

sich erhoben, so waren diese Bewegungen so vereinzelt und so ausser

Zusammenhang mit den Verwicklungen in Italien, dass sie ohne wesentliche

Schwierigkeit von den roemischen Statthaltern unterdrueckt wurden.

Allerdings ward dieser Friedenszustand hoechst wahrscheinlich, aehnlich

wie Jahrhunderte lang der spanische, damit erkauft, dass man den

entlegensten und am lebendigsten von dem Nationalgefuehl durchdrungenen

Landschaften, der Bretagne, den Scheldedistrikten, der Pyrenaeengegend,

vorlaeufig gestattete, sich in mehr oder minder bestimmter Weise der

roemischen Botmaessigkeit tatsaechlich zu entziehen. Aber darum nicht

weniger erwies sich Caesars Bau, wie knapp er auch dazu zwischen

anderen, zunaechst noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden, wie

unfertig und nur notduerftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte,

dennoch, sowohl hinsichtlich der Zurueckweisung der Deutschen als

der Unterwerfung der Kelten, in dieser Feuerprobe im wesentlichen als

haltbar. In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des

Narbonensischen Galliens neu gewonnenen Gebiete vorlaeufig mit der

Provinz Narbo vereinigt; erst als Caesar dieses Amt abgab (710 44),

wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet zwei neue Statthalterschaften,

das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet. Dass die einzelnen Gaue

ihre politische Selbstaendigkeit verloren, lag im Wesen der Eroberung.

Sie wurden durchgaengig der roemischen Gemeinde steuerpflichtig. Ihr

Steuersystem indes war natuerlich nicht dasjenige, mittels dessen die

adlige und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde,

wie in Spanien geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein fuer

allemal bestimmte Abgabe auferlegt und deren Erhebung ihr selbst

ueberlassen. Auf diesem Wege flossen jaehrlich 40 Mill. Sesterzen (3

Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der roemischen Regierung, die

dafuer freilich die Kosten der Verteidigung der Rheingrenze uebernahm.

Dass ausserdem die in den Tempeln der Goetter und den Schatzkammern der

Grossen aufgehaeuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg nach Rom

fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Roemischen Reich

sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den

Geldmarkt brachte, dass das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so

laesst dies ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebuesst

hat. Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkoenigen oder ihren

feudal- oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung

im wesentlichen bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne

Kantons von anderen, maechtigeren abhaengig machte, ward nicht

abgeschafft, obwohl freilich mit dem Verlust der staatlichen

Selbstaendigkeit ihm die Spitze abgebrochen war; Caesar war nur darauf

bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen, feudalistischen

und hegemonischen Spaltungen die Verhaeltnisse im Interesse Roms zu

ordnen und ueberall die der Fremdherrschaft genehmen Maenner an die

Spitze zu bringen. Ueberhaupt sparte Caesar keine Muehe, um in Gallien

eine roemische Partei zu bilden; seinen Anhaengern wurden ausgedehnte

Belohnungen an Geld und besonders an konfiszierten Landguetern bewilligt

und ihnen durch seinen Einfluss Plaetze im Gemeinderat und die ersten

Gemeindeaemter in ihren Gauen verschafft. Diejenigen Gaue, in denen eine

hinreichend starke und zuverlaessige roemische Partei bestand, wie

die der Remer, der Lingonen, der Haeduer, wurden durch Erteilung einer

freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Buendnisrechts - und

durch Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefoerdert. Den

Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit

irgend moeglich geschont zu haben; von Massregeln, wie sie in spaeterer

Zeit von den roemischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen

wurden, findet bei ihm sich keine Spur, und wahrscheinlich damit

haengt es zusammen, dass seine gallischen Kriege, soviel wir sehen, den

Charakter des Religionskrieges durchaus nicht in der Art tragen, wie er

bei den britannischen spaeter so bestimmt hervortritt. Wenn Caesar

also der besiegten Nation jede zulaessige Ruecksicht bewies und ihre

nationalen, politischen und religioesen Institutionen soweit schonte,

als es mit der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so geschah

dies nicht, um auf den Grundgedanken seiner Eroberung, die Romanisierung

Galliens, zu verzichten, sondern um denselben in moeglichst schonender

Weise zu verwirklichen. Auch begnuegte er sich nicht, dieselben

Verhaeltnisse, die die Suedprovinz bereits grossenteils romanisiert

hatten, im Norden ihre Wirkung ebenfalls tun zu lassen, sondern er

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 30 / 68 段