Verwicklungen nicht ueberhaupt ihn abhielten, sich ferner um Gallien zu

kuemmern. Verschworene aus allen mittelgallischen Gauen traten zusammen;

die Carnuten, als durch Accos Hinrichtung zunaechst betroffen, erboten

sich voranzugehen. An dem festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52)

gaben die carnutischen Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum

(Orleans) das Zeichen zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden

Roemer insgesamt nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze

Keltenland; ueberall regten sich die Patrioten. Nichts aber ergriff

so tief die Nation wie die Schilderhebung der Arverner. Die Regierung

dieser Gemeinde, die einst unter ihren Koenigen die erste im suedlichen

Gallien gewesen und noch nach dem durch die ungluecklichen Kriege gegen

Rom herbeigefuehrten Zusammensturz ihres Prinzipats eine der reichsten,

gebildetsten und maechtigsten in ganz Gallien geblieben war,

hatte bisher unverbruechlich zu Rom gehalten. Auch jetzt war die

Patriotenpartei in dem regierenden Gemeinderat in der Minoritaet; ein

Versuch, von demselben den Beitritt zu der Insurrektion zu erlangen,

war vergeblich. Die Angriffe der Patrioten richteten sich also gegen den

Gemeinderat und die bestehende Verfassung selbst, und um so mehr, als

die Verfassungsaenderung, die bei den Arvernern den Gemeinderat an

die Stelle des Fuersten gesetzt hatte, nach den Siegen der Roemer und

wahrscheinlich unter dem Einfluss derselben erfolgt war. Der Fuehrer der

arvernischen Patrioten, Vercingetorix, einer jener Adligen, wie sie wohl

bei den Kelten begegnen, von fast koeniglichem Ansehen in und ausser

seinem Gau, dazu ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verliess die

Hauptstadt und rief das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie

ebenso feind war wie den Roemern, zugleich zur Wiederherstellung des

arvernischen Koenigtums und zum Krieg gegen Rom auf. Rasch fiel die

Menge ihm zu; die Wiederherstellung des Thrones des Luerius und

Betuhus war zugleich die Erklaerung des Nationalkriegs gegen Rom.

Den einheitlichen Halt, an dessen Mangel alle bisherigen Versuche der

Nation, das fremdlaendische Joch von sich abzuschuetteln, gescheitert

waren, fand sie jetzt in dem neuen selbsternannten Koenig der Arverner.

Vercingetorix ward fuer die Kelten des Festlandes, was fuer die

Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig durchdrang die Massen das Gefuehl,

dass er oder keiner der Mann sei, die Nation zu erretten. Rasch war

der Westen von der Muendung der Garonne bis zu der der Seine von

der Insurrektion erfasst und Vercingetorix hier von allen Gauen als

Oberfeldherr anerkannt; wo der Gemeinderat Schwierigkeit machte,

noetigte ihn die Menge zum Anschluss an die Bewegung; nur wenige Gaue,

wie der der Biturigen, liessen zum Beitritt sich zwingen, und vielleicht

auch diese nur zum Schein. Weniger guenstigen Boden fand der Aufstand in

den Landschaften oestlich von der oberen Loire. Alles kam hier auf die

Haeduer an; und diese schwankten. Die Patriotenpartei war in diesem Gau

sehr maechtig; aber der alte Antagonismus gegen die fuehrenden Arverner

hielt ihrem Einfluss die Waage - zum empfindlichsten Nachteil der

Insurrektion, da der Anschluss der oestlichen Kantone, namentlich der

Sequaner und der Helvetier, durch den Beitritt der Haeduer bedingt

war und ueberhaupt in diesem Teile Galliens die Entscheidung bei ihnen

stand. Waehrend also die Aufstaendischen daran arbeiteten, teils die

noch schwankenden Kantone, vor allen die Haeduer, zum Beitritt zu

bewegen, teils sich Narbos zu bemaechtigen - einer ihrer Fuehrer, der

verwegene Lucterius, hatte bereits innerhalb der Grenzen der alten

Provinz am Tarn sich gezeigt -, erschien ploetzlich im tiefen Winter,

Freunden und Feinden gleich unerwartet, der roemische Oberfeldherr

diesseits der Alpen. Rasch traf er nicht bloss die noetigen Anstalten,

um die alte Provinz zu decken, sondern sandte auch ueber die

schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das arvernische Gebiet; aber

seines Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick der Zutritt

der Haeduer zu dem gallischen Buendnis von seiner um Sens und Langres

lagernden Armee abschneiden konnte. In aller Stille ging er nach Vienna

und von da, nur von wenigen Reitern begleitet, durch das Gebiet

der Haeduer zu seinen Truppen. Die Hoffnungen schwanden, welche die

Verschworenen zum Losschlagen bestimmt hatten; in Italien blieb es

Friede und Caesar stand abermals an der Spitze seiner Armee. Was aber

sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen Umstaenden auf

die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn diese hatten

bereits unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut versuchen,

mit Steinwuerfen die Alpen zu erschuettern, wie die Legionen mit

den keltischen Haufen, mochten dieselben nun in ungeheuren Massen

zusammengeballt oder vereinzelt ein Gau nach dem andern preisgegeben

werden. Vercingetorix verzichtete darauf, die Roemer zu schlagen.

Er nahm ein aehnliches Kriegssystem an, wie dasjenige war, durch das

Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte. Das roemische

Fussvolk war nicht zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast

ausschliesslich aus dem Zuzug des keltischen Adels und war durch den

allgemeinen Abfall tatsaechlich aufgeloest. Es war der Insurrektion, die

ja eben wesentlich aus dem keltischen Adel bestand, moeglich, in dieser

Waffe eine solche Ueberlegenheit zu entwickeln, dass sie weit und breit

das Land oede legen, Staedte und Doerfer niederbrennen, die Vorraete

vernichten, die Verpflegung und die Verbindungen des Feindes gefaehrden

konnte, ohne dass derselbe es ernstlich zu hindern vermochte.

Vercingetorix richtete demzufolge all seine Anstrengung auf die

Vermehrung der Reiterei und der nach damaliger Fechtweise regelmaessig

damit verbundenen Bogenschuetzen zu Fuss. Die ungeheuren und sich selber

laehmenden Massen der Linienmiliz schickte er zwar nicht nach Hause,

liess sie aber doch nicht vor den Feind und versuchte, ihnen allmaehlich

einige Schanz-, Marschier- und Manoevrierfaehigkeit und die Erkenntnis

beizubringen, dass der Soldat nicht bloss bestimmt ist, sich zu

raufen. Von den Feinden lernend, adoptierte er namentlich das roemische

Lagersystem, auf dem das ganze Geheimnis der taktischen Ueberlegenheit

der Roemer beruhte; denn infolgedessen vereinigte jedes roemische

Korps alle Vorteile der Festungsbesatzung mit allen Vorteilen der

Offensivarmee ^19. Freilich war jenes dem staedtearmen Britannien und

seinen rauhen, entschlossenen und im ganzen einigen Bewohnern vollkommen

angemessene System auf die reichen Landschaften an der Loire und deren

schlaffe, in vollstaendiger politischer Aufloesung begriffene Bewohner

nicht unbedingt uebertragbar. Vercingetorix setzte wenigstens durch,

dass man nicht wie bisher jede Stadt zu halten versuchte und darum

keine hielt; man ward sich einig, die der Verteidigung nicht faehigen

Ortschaften, bevor der Angriff sie erreichte, zu vernichten, die

starken Festungen aber mit gesamter Hand zu verteidigen. Daneben tat der

Arvernerkoenig, was er vermochte, um durch unnachsichtliche Strenge die

Feigen und Saeumigen, durch Bitten und Vorstellungen die Schwankenden,

die Habsuechtigen durch Gold, die entschiedenen Gegner durch Zwang

an die Sache des Vaterlandes zu fesseln und selbst dem vornehmen oder

niedrigen Gesindel einigen Patriotismus aufzunoetigen oder abzulisten.

-------------------------------------------------------- ^19 Freilich

war dies nur moeglich, solange die Offensivwaffen hauptsaechlich auf

Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen Kriegfuehrung ist,

wie dies Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt hat, dies System

deshalb unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus der Ferne wirkenden

Offensivwaffen die deployierte Stellung vorteilhafter ist als

die konzentrische. In Caesars Zeit verhielt es sich umgekehrt.

----------------------------------------------------- Noch bevor der

Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der Haeduer von

Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen zuverlaessigen

Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam. Die Nachricht

von diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit Zuruecklassung des

Gepaecks und zweier Legionen in den Winterquartieren von Agedincum

(Sens), sogleich und frueher, als er sonst wohl getan haben wuerde,

gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem empfindlichen Mangel an

Reiterei und leichtem Fussvolk half er einigermassen ab durch nach und

nach herbeigezogene deutsche Soeldner, die statt ihrer eigenen kleinen

und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils gekauften,

teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgeruestet wurden.

Caesar, nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten, Cenabum,

die das Zeichen zum Abfall gegeben, hatte pluendern und in Asche legen

lassen, rueckte ueber die Loire in die Landschaft der Biturigen. Er

erreichte damit, dass Vercingetorix die Belagerung der Stadt der Boier

aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen begab. Hier zuerst sollte

die neue Kriegfuehrung sich erproben. Auf Vercingetorix' Geheiss gingen

an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften der Biturigen in Flammen

auf; die gleiche Selbstverwuestung verhaengte der Feldherr ueber die

benachbarten Gaue, soweit sie von roemischen Streifparteien erreicht

werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch die reiche und feste

Hauptstadt der Biturigen Avaricum (Bourges) dasselbe Schicksal treffen;

allein die Majoritaet des Kriegsrats gab den kniefaelligen Bitten der

biturigischen Behoerden nach und beschloss, diese Stadt vielmehr

mit allem Nachdruck zu verteidigen. So konzentrierte sich der Krieg

zunaechst um Avaricum. Vercingetorix stellte sein Fussvolk inmitten der

der Stadt benachbarten Suempfe in einer so unnahbaren. Stellung auf,

dass es, auch ohne von der Reiterei gedeckt zu sein, den Angriff der

Legionen nicht zu fuerchten brauchte. Die keltische Reiterei bedeckte

alle Strassen und hemmte die Kommunikation. Die Stadt wurde stark

besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die Verbindung

offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der Versuch, das

keltische Fussvolk zum Schlagen zu bringen, misslang; es ruehrte sich

nicht aus seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der Stadt auch

seine Soldaten schanzten und fochten, die Belagerten wetteiferten mit

ihnen an Erfindsamkeit und Mut, und fast waere es ihnen gelungen, das

Belagerungszeug der Gegner in Brand zu stecken. Dabei ward die Aufgabe,

ein Heer von beilaeufig 60000 Mann in einer weithin oede gelegten

und von weit ueberlegenen Reitermassen durchstreiften Landschaft mit

Lebensmitteln zu versorgen, taeglich schwieriger. Die geringen Vorraete

der Boier waren bald verbraucht; die von den Haeduern versprochene

Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und der Soldat

ausschliesslich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rueckte der

Augenblick heran, wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung

kaempfte, nicht laenger zu halten war. Noch war es nicht unmoeglich,

die Truppen bei naechtlicher Weile in der Stille herauszuziehen und die

Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie besetzte. Vercingetorix traf

die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das im Augenblick des

Abmarsches die zurueckbleibenden Weiber und Kinder erhoben, machte die

Roemer aufmerksam; der Abzug misslang. An dem folgenden trueben und

regnichten Tage ueberstiegen die Roemer die Mauern und schonten,

erbittert durch die hartnaeckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder

Geschlecht noch Alter. Die reichen Vorraete, die die Kelten in derselben

aufgehaeuft hatten, kamen den ausgehungerten Soldaten Caesars zugute.

Mit der Einnahme von Avaricum (Fruehling 702 52) war ueber die

Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach frueheren Erfahrungen

mochte Caesar wohl erwarten, dass damit dieselbe sich aufloesen und es

nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu treiben.

Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der

Haeduer gezeigt und durch diese imposante Demonstration die gaerende

Patriotenpartei daselbst genoetigt hatte, fuer den Augenblick

wenigstens, sich ruhig zu verhalten, teilte er sein Heer und sandte

Labienus zurueck nach Agedincum, um in Verbindung mit den dort

zurueckgelassenen Truppen an der Spitze von vier Legionen die Bewegung

zunaechst in dem Gebiet der Carnuten und Senonen, die auch diesmal

wieder voranstanden, zu unterdruecken, waehrend er selber mit den sechs

uebrigen Legionen sich suedwaerts wandte und sich anschickte, den Krieg

in die arvernischen Berge, das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu

tragen. Labienus rueckte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf,

um der auf einer Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier,

Lutetia (Paris), sich zu bemaechtigen und von dieser gesicherten und im

Herzen der aufstaendischen Landschaft befindlichen Stellung aus diese

wieder zu unterwerfen. Allein hinter Melodunum (Melun) fand er sich den

Weg verlegt durch das gesamte Insurgentenheer, das unter der Fuehrung

des greisen Camulogenus zwischen unangreifbaren Suempfen hier sich

aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke zurueck, ueberschritt

bei Melodunum die Seine und rueckte auf dem rechten Ufer derselben

ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus liess diese Stadt abbrennen und

die auf das linke Ufer fuehrenden Bruecken abbrechen und nahm Labienus

gegenueber eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen

zu bringen, noch unter den Augen der feindlichen Armee den Uebergang zu

bewirken imstande war. Die roemische Hauptarmee ihrerseits rueckte

am Allier hinab in den Arvernergau. Vercingetorix versuchte, ihr den

Uebergang auf das linke Ufer des Allier zu verwehren, allein Caesar

ueberlistete ihn und stand nach einigen Tagen vor der arvernischen

Hauptstadt Gergovia ^20. Indes hatte Vercingetorix, ohne Zweifel schon,

waehrend er Caesar am Allier gegenueberstand, in Gergovia hinreichende

Vorraete zusammenbringen und vor den Mauern der auf der Spitze eines

ziemlich steil sich erhebenden Huegels gelegenen Stadt ein mit starken

Steinwaellen versehenes Standlager fuer seine Truppen anlegen lassen;

und da er hinreichenden Vorsprung hatte, langte er vor Caesar

bei Gergovia an und erwartete in dem befestigten Lager unter der

Festungsmauer den Angriff. Caesar mit seiner verhaeltnismaessig

schwachen Armee konnte den Platz weder regelrecht belagern, noch auch

nur hinreichend blockieren; er schlug sein Lager unterhalb der von

Vercingetorix besetzten Anhoehe und verhielt sich notgedrungen ebenso

untaetig wie sein Gegner. Fuer die Insurgenten war es fast ein Sieg,

dass Caesars von Triumph zu Triumph fortschreitender Lauf an der Seine

wie am Allier ploetzlich gestockt war. In der Tat kamen die Folgen

dieser Stockung fuer Caesar beinahe denen einer Niederlage gleich.

Die Haeduer, die bisher immer noch geschwankt hatten, machten jetzt

ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei sich anzuschliessen; schon war

die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia entboten hatte, auf dem Marsche

durch die Offiziere bestimmt worden, sich fuer die Insurgenten zu

erklaeren; schon hatte man gleichzeitig im Kanton selbst angefangen, die

daselbst ansaessigen Roemer zu pluendern und zu erschlagen. Noch hatte

Caesar, indem er jenem auf Gergovia zurueckenden Korps der Haeduer mit

zwei Dritteln des Blockadeheeres entgegengegangen war, dasselbe

durch sein ploetzliches Erscheinen wieder zum nominellen Gehorsam

zurueckgebracht; allein es war mehr als je ein hohles und bruechiges

Verhaeltnis, dessen Fortbestand fast zu teuer erkauft worden war durch

die grosse Gefahr der vor Gergovia zurueckgelassenen beiden Legionen.

Denn auf diese hatte Vercingetorix, Caesars Abmarsch rasch und

entschlossen benutzend, waehrend dessen Abwesenheit einen Angriff

gemacht, der um ein Haar mit der Ueberwaeltigung derselben und

der Erstuermung des roemischen Lagers geendigt haette. Nur Caesars

unvergleichliche Raschheit wandte eine zweite Katastrophe wie die von

Aduatuca hier ab. Wenn auch die Haeduer jetzt wieder gute Worte gaben,

war es doch vorherzusehen, dass sie, wenn die Blockade sich noch laenger

ohne Erfolg hinspann, sich offen auf die Seite der Aufstaendischen

schlagen und dadurch Caesar noetigen wuerden, dieselbe aufzuheben;

denn ihr Beitritt wuerde die Verbindung zwischen ihm und Labienus

unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner Vereinzelung der

groessten Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war entschlossen, es hierzu

nicht kommen zu lassen, sondern, wie peinlich und selbst gefaehrlich es

auch war, unverrichteter Sache von Gergovia abzuziehen, dennoch, wenn

es einmal geschehen musste, lieber sogleich aufzubrechen und, in den Gau

der Haeduer einrueckend, deren foermlichen Uebertritt um jeden Preis zu

verhindern. Ehe er indes diesen, seinem raschen und sicheren Naturell

wenig zusagenden Rueckzug antrat, machte er noch einen letzten Versuch,

sich aus seiner peinlichen Verlegenheit durch einen glaenzenden Erfolg

zu befreien. Waehrend die Masse der Besatzung von Gergovia beschaeftigt

war, die Seite, auf der der Sturm erwartet ward, zu verschanzen, ersah

der roemische Feldherr sich die Gelegenheit, einen anderen, weniger

bequem gelegenen, aber augenblicklich entbloessten Aufgang zu

ueberrumpeln. In der Tat ueberstiegen die roemischen Sturmkolonnen die

Lagermauer und besetzten die naechstliegenden Quartiere des Lagers;

allein schon war auch die ganze Besatzung alarmiert und bei den geringen

Entfernungen fand es Caesar nicht raetlich, den zweiten Sturm auf

die Stadtmauer zu wagen. Er gab das Zeichen zum Rueckzug; indes die

vordersten Legionen, vom Ungestuem des Sieges hingerissen, hoerten

nicht oder wollten nicht hoeren, und drangen unaufhaltsam vor bis an die

Stadtmauer, einzelne sogar bis in die Stadt. Aber immer dichtere Massen

warfen den Eingedrungenen sich entgegen; die vordersten fielen, die

Kolonnen stockten; vergeblich stritten Centurionen und Legionaere

mit dem aufopferndsten Heldenmut; die Stuermenden wurden mit

sehr betraechtlichem Verlust aus der Stadt hinaus und den Berg

hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene aufgestellten Truppen sie

aufnahmen und groesseres Unglueck verhueteten. Die gehoffte Einnahme

von Gergovia hatte sich in eine Niederlage verwandelt, und der

betraechtliche Verlust an Verwundeten und Toten - man zaehlte 700

gefallene Soldaten, darunter 46 Centurionen - war der kleinste Teil des

erlittenen Unfalls. Caesars imponierende Stellung in Gallien beruhte

wesentlich auf seinem Siegernimbus; und dieser fing an zu erblassen.

Schon die Kaempfe um Avaricum, Caesars vergebliche Versuche, den Feind

zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene Verteidigung der Stadt und

ihre fast zufaellige Erstuermung, trugen einen anderen Stempel als die

frueheren Keltenkriege und hatten den Kelten Vertrauen auf sich und

ihren Fuehrer eher gegeben als genommen. Weiter hatte das neue System

der Kriegfuehrung: unter dem Schutze der Festungen in verschanzten

Lagern dem Feind die Stirne zu bieten - bei Lutetia sowohl wie bei

Gergovia sich vollkommen bewaehrt. Diese Niederlage endlich, die erste,

die Caesar selbst von den Kelten erlitten hatte, kroente den Erfolg, und

sie gab denn auch gleichsam das Signal fuer einen zweiten Ausbruch der

Insurrektion. Die Haeduer brachen jetzt foermlich mit Caesar und traten

mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent, das noch bei Caesars

Armee sich befand, machte nicht bloss von dieser sich los, sondern nahm

auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der Loire die Depots der Armee

Caesars weg, wodurch die Kassen und Magazine, eine Menge Remontepferde

und saemtliche Caesar gestellte Geiseln den Insurgenten in die Haende

fielen. Wenigstens ebensowichtig war es, dass auf diese Nachrichten

hin auch die Belgen, die bisher der ganzen Bewegung sich ferngehalten

hatten, anfingen sich zu ruehren. Der maechtige Gau der Bellovaker

machte sich auf, um das Korps des Labienus, waehrend es bei Lutetia

dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen Gaue gegenueberstand, im

Ruecken anzugreifen. Auch sonst ward ueberall geruestet; die Gewalt

des patriotischen Aufschwungs riss selbst die entschiedensten und

beguenstigtsten Parteigaenger Roms mit sich fort, wie zum Beispiel den

Koenig der Atrebaten, Commius, der seiner treuen Dienste wegen von den

Roemern wichtige Privilegien fuer seine Gemeinde und die Hegemonie ueber

die Moriner empfangen hatte. Bis in die altroemische Provinz gingen die

Faeden der Insurrektion: sie machte, vielleicht nicht ohne Grund, sich

Hoffnung, selbst die Allobrogen gegen die Roemer unter die Waffen

zu bringen. Mit einziger Ausnahme der Reiner und der von den Remern

zunaechst abhaengigen Distrikte der Suessionen, Leuker und Lingonen,

deren Partikularismus selbst unter diesem allgemeinen Enthusiasmus nicht

muerbe ward, stand jetzt in der Tat, zum ersten und zum letzten Male,

die ganze keltische Nation von den Pyrenaeen bis zum Rhein fuer ihre

Freiheit und Nationalitaet unter den Waffen; wogegen, merkwuerdig genug,

die saemtlichen deutschen Gemeinden, die bei den bisherigen Kaempfen in

erster Reihe gestanden hatten, sich ausschlossen, ja sogar die Treuerer

und, wie es scheint, auch die Menapier durch ihre Fehden mit den

Deutschen verhindert wurden, an dem Nationalkrieg taetigen Anteil zu

nehmen. ------------------------------------------------- ^20 Man sucht

diesen Ort auf einer Anhoehe eine Stunde suedlich von der arvernischen

Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch jetzt Gergoie

genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen daselbst zu Tage

gekommenen Ueberreste von rohen Festungsmauern, wie die urkundlich bis

ins zehnte Jahrhundert hinauf verfolgte Ueberlieferung des Namens lassen

an der Richtigkeit dieser Ortsbestimmung keinen Zweifel. Auch passt

dieselbe wie zu den uebrigen Angaben Caesars, so namentlich dazu dass er

Gergovia ziemlich deutlich als Hauptort der Arverner bezeichnet (Gall.

7, 4). Man wird demnach anzunehmen haben, dass die Arverner nach der

Niederlage genoetigt wurden, sich von Gergovia nach dem nahen,

weniger festen Nemetum ueberzusiedeln.

--------------------------------------------------- Es war ein schwerer,

entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug von Gergovia und

dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier ueber die nun zu

ergreifenden Massregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche Stimmen sprachen

sich fuer den Rueckzug ueber die Cevennen in die altroemische Provinz

aus, welche jetzt der Insurrektion von allen Seiten her offenstand

und allerdings der zunaechst doch zu ihrem Schutze von Rom gesandten

Legionen dringend bedurfte. Allein Caesar verwarf diese aengstliche,

nicht durch die Lage der Dinge, sondern durch Regierungsinstruktionen

und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie. Er begnuegte sich, in der

Provinz den Landsturm der dort ansaessigen Roemer unter die Waffen

zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die Grenzen besetzen zu

lassen. Dagegen brach er selbst in entgegengesetzter Richtung auf und

rueckte in Gewaltmaerschen auf Agedincum zu, auf das er Labienus sich

in moeglichster Eile zurueckzuziehen befahl. Die Kelten versuchten

natuerlich, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu verhindern.

Labienus haette wohl, ueber die Marne setzend und am rechten Seineufer

flussabwaerts marschierend, Agedincum erreichen koennen, wo er seine

Reserve und sein Gepaeck zurueckgelassen hatte; aber er zog es vor, den

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 29 / 68 段