nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar schoepfte) Milien

entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21), dass er "die

kuerzeste Ueberfahrt" gewaehlt habe, kann man verstaendigerweise wohl

folgern, dass er nicht durch den Kanal, sondern durch den Pas de Calais,

aber keineswegs, dass er durch diesen auf der mathematisch kuerzesten

Linie fuhr. Es gehoert der Inspirationsglaube der Lokaltopographen dazu,

um mit solchen Daten in der Hand, von denen das an sich beste noch durch

die schwankende Ueberlieferung der Zahl fast unbrauchbar wird, an die

Bestimmung der Oertlichkeit zu gehen; doch moechte unter den vielen

Moeglichkeiten am meisten fuer sich zu haben, dass der Irische Hafen

(den schon Strab. a. a. O. wahrscheinlich richtig mit demjenigen

identifiziert, von dem bei der ersten Fahrt die Infanterie ueberging)

bei Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der Reiterhaufen bei Ecale

(Wissant), oestlich von demselben Vorgebirge, zu suchen ist, die

Landung aber oestlich von Dover bei Walmercastle stattfand.

------------------------------------------- Caesar selbst war mit

den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit unzulaenglichen Mitteln

unternommenen Expedition so unzufrieden, dass er sogleich (Winter

699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln instand setzen liess

und im Fruehling 700 (54), diesmal mit fuenf Legionen und 2000 Reitern,

zum zweitenmal nach der kentischen Kueste unter Segel ging. Vor der

gewaltigen Armada wich die auch diesmal am Ufer versammelte Streitmacht

der Briten, ohne einen Kampf zu wagen; Caesar trat sofort den Marsch ins

Binnenland an und ueberschritt nach einigen gluecklichen Gefechten den

Fluss Stour; allein er musste sehr wider seinen Willen innehalten, weil

die Flotte auf der offenen Reede wiederum von den Stuermen des Kanals

halb vernichtet worden war. Bis man die Schiffe auf den Strand gezogen

und fuer die Reparatur umfassende Vorkehrungen getroffen, ging eine

kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich benutzten. Der tapfere

und umsichtige Fuerst Cassivellaunus, der in dem heutigen Middlesex

und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten suedlich von der

Themse, jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen Nation, war an die

Spitze der Landesverteidigung getreten. Er sah bald, dass mit dem

keltischen Fussvolk gegen das roemische schlechterdings nichts

auszurichten und die schwer zu ernaehrende und schwer zu regierende

Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich war; also entliess

er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000 zusammenbrachte

und deren Kaempfer, geuebt vom Wagen herabspringend zu Fuss zu fechten,

gleich der Buergerreiterei des aeltesten Rom in zwiefacher Weise

verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder fortzusetzen

imstande war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber die

britischen Streitwagen zogen stets dem roemischen Heer vorauf und zur

Seite, bewirkten die Raeumung des Landes, die bei dem Mangel an Staedten

keine grosse Schwierigkeit machte, hinderten jede Detachierung und

bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward - wie es scheint zwischen

Kingston und Brentford oberhalb London - von den Roemern ueberschritten;

man kam vorwaerts, aber nicht eigentlich weiter; der Feldherr erfocht

keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das einzige wirkliche

Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im heutigen Essex, war

weniger die Folge der Furcht vor den Roemern als der tiefen Verfeindung

dieses Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte vorwaerts stieg die

Gefahr, und der Angriff, den die Fuersten von Kent nach Cassivellaunus'

Anordnung auf das roemische Schiffslager machten, mahnte, obwohl er

abgeschlagen ward, doch dringend zur Umkehr. Die Erstuermung eines

grossen britischen Verhacks, in dem eine Menge Vieh den Roemern in die

Haende fiel, gab fuer das ziellose Vordringen einen leidlichen Abschluss

und einen ertraeglichen Vorwand fuer die Umkehr. Auch Cassivellaunus

war einsichtig genug, den gefaehrlichen Feind nicht aufs Aeusserste zu

treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die Trinobanten nicht zu

beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu stellen; von Auslieferung

der Waffen oder Zuruecklassung einer roemischen Besatzung war nicht die

Rede, und selbst jene Versprechungen wurden vermutlich, soweit sie die

Zukunft betrafen, ernstlich weder gegeben noch genommen. Nach Empfang

der Geiseln kehrte Caesar in das Schiffslager und von da nach Gallien

zurueck. Wenn er, wie es allerdings scheint, gehofft hatte,

Britannien diesmal zu erobern, so war dieser Plan teils an dem klugen

Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils und vor allem an der

Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den Gewaessern der

Nordsee vollkommen gescheitert; denn dass der bedungene Tribut niemals

erlegt ward, ist gewiss. Der naechste Zweck aber: die Inselkelten aus

ihrer trotzigen Sicherheit aufzuruetteln und sie zu veranlassen,

in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln nicht laenger zum Herd der

festlaendischen Emigration herzugeben, scheint allerdings erreicht

worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden ueber dergleichen

Schutzverleihung spaeterhin nicht wieder vernommen. Das Werk der

Zurueckweisung der germanischen Invasion und der Unterwerfung der

festlaendischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es leichter, eine

freie Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in Botmaessigkeit zu

erhalten. Die Rivalitaet um die Hegemonie, an der mehr noch als an den

Angriffen Roms die keltische Nation zugrunde gegangen war, ward

durch die Eroberung gewissermassen aufgehoben, indem der Eroberer die

Hegemonie fuer sich selbst nahm. Die Sonderinteressen schwiegen; in dem

gemeinsamen Druck fuehlte man doch sich wieder als ein Volk, und was

man, da man es besass, gleichgueltig verspielt hatte, die Freiheit und

die Nationalitaet, dessen unendlicher Wert ward nun, da es zu spaet war,

von der unendlichen Sehnsucht vollstaendig ermessen. Aber war es denn

zu spaet? Mit zorniger Scham gestand man es sich, dass eine Nation, die

mindestens eine Million waffenfaehiger Maenner zaehlte, eine Nation

von altem und wohlbegruendetem kriegerischen Ruhm, von hoechstens

50000 Roemern sich hatte das Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der

Eidgenossenschaft des mittleren Galliens, ohne dass sie auch nur einen

Schlag getan, die der belgischen, ohne dass sie mehr getan als schlagen

wollen; dagegen wieder der heldenmuetige Untergang der Nervier und

Veneter, der kluge und glueckliche Widerstand der Moriner und der Briten

unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versaeumt und geleistet,

gescheitert und erreicht war, spornte die Gemueter aller Patrioten zu

neuen, womoeglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen. Namentlich

unter dem keltischen Adel herrschte eine Gaerung, die jeden Augenblick

in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu muessen schien. Schon vor

dem zweiten Zug nach Britannien im Fruehjahr 700 (54) hatte Caesar es

notwendig gefunden, sich persoenlich zu den Treverern zu begeben, die,

seit sie 697 (57) in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten,

auf den allgemeinen Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit

den ueberrheinischen Deutschen mehr als verdaechtige Verbindungen

angeknuepft hatten. Damals hatte Caesar sich begnuegt, die namhaftesten

Maenner der Patriotenpartei, namentlich den Indutiomarus, unter dem

treverischen Reiterkontingent mit sich nach Britannien zu fuehren; er

tat sein moegliches, die Verschwoerung nicht zu sehen, um nicht durch

strenge Massregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der

Haeduer Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in

der Tat aber als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere

befand, geradezu verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach

Hause ritt, konnte Caesar nicht umhin, ihn als Ausreisser verfolgen zu

lassen, wobei er von der nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er

gegen dieselbe sich zur Wehre setzte, niedergehauen ward (700 54).

Dass der angesehenste Ritter des maechtigsten und noch am wenigsten

abhaengigen Keltengaus von den Roemern getoetet worden, war ein

Donnerschlag fuer den ganzen keltischen Adel; jeder, der sich aehnlicher

Gesinnung bewusst war - und es war dies die ungeheure Majoritaet -, sah

in jener Katastrophe das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn

Patriotismus und Verzweiflung die Haeupter des keltischen Adels bestimmt

hatte sich zu verschwoeren, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die

Verschworenen zum Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit

Ausnahme einer in die Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen

Gau der Carnuten (bei Chartres) verlegten Legion, das gesamte roemische

Heer, sechs Legionen stark, im belgischen Gebiet. Die Knappheit der

Getreidevorraete hatte Caesar bewogen, seine Truppen weiter, als er

sonst zu tun pflegte, auseinander und in sechs verschiedene, in den

Gauen der Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner und Eburonen,

errichtete Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im

eburonischen Gebiet, wahrscheinlich unweit des spaeteren Aduatuca,

des heutigen Tongern, angelegte Standlager, das staerkste von allen,

bestehend aus einer Legion unter einem der angesehensten Caesarischen

Divisionsfuehrer, dem Quintus Titurius Sabinus, und ausserdem

verschiedenen, von dem tapferen Lucius Aurunculeius Cotta, gefuehrten

Detachements zusammen von der Staerke einer halben Legion ^18, fand sich

urploetzlich von dem Landsturm der Eburonen unter den Koenigen Ambiorix

und Catuvolcus umzingelt. Der Angriff kam so unerwartet, dass die eben

vom Lager abwesenden Mannschaften nicht einberufen werden konnten und

von den Feinden aufgehoben wurden; uebrigens war zunaechst die Gefahr

nicht gross, da es an Vorraeten nicht mangelte und der Sturm, den

die Eburonen versuchten, an den roemischen Verschanzungen machtlos

abprallte. Aber Koenig Ambiorix eroeffnete dem roemischen Befehlshaber,

dass die saemtlichen roemischen Lager in Gallien an demselben Tage in

gleicher Weise angegriffen und die Roemer unzweifelhaft verloren seien,

wenn die einzelnen Korps nicht rasch aufbraechen und miteinander sich

vereinigten; dass Sabinus damit um so mehr Ursache habe zu eilen, als

gegen ihn auch die ueberrheinischen Deutschen bereits im Anmarsch seien;

dass er selbst aus Freundschaft fuer die Roemer ihnen freien Abzug bis

zu dem naechsten, nur zwei Tagemaersche entfernten roemischen Lager

zusichere. Einiges in diesen Angaben schien nicht erfunden; dass der

kleine, von den Roemern besonders beguenstigte Gau der Eburonen den

Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in der Tat unglaublich und

bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit entfernten Lagern sich in

Verbindung zu setzen, die Gefahr von der ganzen Masse der Insurgenten

angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu werden, keineswegs gering

zu achten; nichtsdestoweniger konnte es nicht dem geringsten Zweifel

unterliegen, dass sowohl die Ehre wie die Klugheit gebot, die vom Feinde

angebotene Kapitulation zurueckzuweisen und an dem anvertrauten Posten

auszuharren. Auch im Kriegsrat vertraten zahlreiche Stimmen, namentlich

die gewichtige des Lucius Aurunculeius Cotta diese Ansicht. Dennoch

entschied sich der Kommandant dafuer, den Vorschlag des Ambiorix

anzunehmen. Die roemischen Truppen zogen also am anderen Morgen ab;

aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile vom Lager, angelangt,

fanden sie sich von den Eburonen umzingelt und jeden Ausweg gesperrt.

Sie versuchten, mit den Waffen sich den Weg zu oeffnen; allein die

Eburonen liessen sich auf kein Nahgefecht ein und begnuegten sich, aus

ihren unangreifbaren Stellungen ihre Geschosse in den Knaeuel der Roemer

zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung vor dem Verrat bei dem

Verraeter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft mit Ambiorix;

sie wurde gewaehrt und er und die ihn begleitenden Offiziere erst

entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des Befehlshabers warfen

sich die Eburonen von allen Seiten zugleich auf die erschoepften und

verzweifelnden Roemer und brachen ihre Reihen: die meisten, unter ihnen

der schon frueher verwundete Cotta, fanden bei diesem Angriff ihren

Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen war, das verlassene Lager

wiederzugewinnen, stuerzte sich waehrend der folgenden Nacht in

die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet.

---------------------------------------------- ^18 Dass Cotta, obwohl

nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich ihm Legat, doch der

juengere und minder angesehene General und wahrscheinlich im Fall einer

Differenz sich zu fuegen angewiesen war, ergibt sich sowohl aus den

frueheren Leistungen des Sabinus, als daraus, dass, wo beide zusammen

genannt werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; 6, 32; anders 6, 37),

Sabinus regelmaessig voransteht, nicht minder aus der Erzaehlung der

Katastrophe selbst. ueberdies kann man doch unmoeglich annehmen, dass

Caesar einem Lager zwei Offiziere mit gleicher Befugnis vorgesetzt und

fuer den Fall der Meinungsverschiedenheit gar keine Anordnung getroffen

haben soll. Auch zaehlen die fuenf Kohorten nicht als Legion mit (vgl.

Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die zwoelf Kohorten an der Rheinbruecke

(Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus Detachements anderer

Heerteile bestanden zu haben, die diesem den Germanen zunaechst

gelegenen Lager zur Verstaerkung zugeteilt worden waren.

---------------------------------------------- Dieser Erfolg, wie die

Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben mochten, steigerte die

Gaerung unter den keltischen Patrioten so gewaltig, dass die Roemer, mit

Ausnahme der Haeduer und der Reiner, keines einzigen Distrikts ferner

sicher waren und an den verschiedensten Punkten der Aufstand losbrach.

Vor allen Dingen verfolgten die Eburonen ihren Sieg. Verstaerkt durch

das Aufgebot der Aduatuker, die gern die Gelegenheit ergriffen, das von

Caesar ihnen zugefuegte Leid zu vergelten, und der maechtigen und noch

unbezwungenen Menapier, erschienen sie in dem Gebiet der Nervier,

welche sogleich sich anschlossen, und der ganze also auf 60000 Koepfe

angeschwollene Schwarm rueckte vor das im nervischen Gau befindliche

roemische Lager. Quintus Cicero, der hier kommandierte, hatte mit seinem

schwachen Korps einen schweren Stand, namentlich als die Belagerer, von

dem Feinde lernend, Waelle und Graeben, Schilddaecher und bewegliche

Tuerme in roemischer Weise auffuehrten und die strohgedeckten

Lagerhuetten mit Brandschleudern und Brandspeeren ueberschuetteten. Die

einzige Hoffnung der Belagerten beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit

entfernt in der Gegend von Amiens mit drei Legionen im Winterlager

stand. Allein - ein charakteristischer Beweis fuer die im Keltenland

herrschende Stimmung - geraume Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht

die geringste Andeutung zu weder von der Katastrophe des Sabinus, noch

von der gefaehrlichen Lage Ciceros. Endlich gelang es einem keltischen

Reiter aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis zu Caesar

durchzuschleichen. Auf die erschuetternde Kunde brach Caesar

augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa

7000 Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genuegte die

Meldung, dass Caesar anrueckte, um die Insurgenten zur Aufhebung der

Belagerung zu bestimmen. Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros

Lager war unverwundet. Caesar, gegen den das Insurgentenheer sich

gewandt hatte, taeuschte die Feinde in der schon mehrmals mit Erfolg

angewandten Weise ueber seine Staerke; unter den unguenstigsten

Verhaeltnissen wagten sie einen Sturm auf das Roemerlager und erlitten

dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch fuer die

keltische Nation, dass infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder

vielleicht mehr noch infolge von Caesars persoenlichem Erscheinen auf

dem Kampfplatz die so siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte

Insurrektion ploetzlich und klaeglich den Krieg abbrach. Nervier,

Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich nach Hause. Das gleiche taten

die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht hatten, die Legion

in der Bretagne zu ueberfallen. Die Treverer, durch deren Fuehrer

Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des maechtigen Nachbargaus, zu

jenem so erfolgreichen Angriff hauptsaechlich bestimmt worden waren,

hatten auf die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen

und waren in das Gebiet der Remer eingerueckt, um die unter Labienus'

Befehl dort kantonnierende Legion anzugreifen; auch sie stellten fuer

jetzt die Fortsetzung des Kampfes ein. Nicht ungern verschob Caesar

die weiteren Massregeln gegen die aufgestandenen Distrikte auf das

Fruehjahr, um seine hart mitgenommenen Truppen nicht der ganzen Strenge

des gallischen Winters auszusetzen und um erst dann wieder auf dem

Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung von

dreissig neuen Kohorten die vernichteten fuenfzehn in imponierender

Weise ersetzt sein wuerden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort,

wenn auch zunaechst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien

waren teils die Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um

Sens), welche letztere den von Caesar eingesetzten Koenig aus dem Lande

jagten, teils die Landschaft der Treverer, welche die gesamte keltische

Emigration und die ueberrheinischen Deutschen zur Teilnahme an dem

bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und ihre ganze Mannschaft

aufboten, um mit dem Fruehjahr zum zweitenmal in das Gebiet der Roemer

einzuruecken, das Korps des Labienus aufzuheben und die Verbindung mit

den Aufstaendischen an der Seine und Loire zu suchen. Die Abgeordneten

dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien

ausgeschriebenen Landtag aus und erklaerten damit ebenso offen den

Krieg, wie es ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das

Lager des Sabinus und Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu

Ende, als Caesar mit seinem inzwischen ansehnlich verstaerkten Heer

aufbrach gegen die Insurgenten. Die Versuche der Treverer, den Aufstand

zu konzentrieren, waren nicht geglueckt; die gaerenden Landschaften

wurden durch den Einmarsch roemischer Truppen im Zaum gehalten, die in

offener Empoerung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst wurden die

Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr

den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich

niemals noch den Roemern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei

Seiten zugleich gegen sie gerichteten Gesamtangriff genoetigt, der

lange bewahrten Freiheit zu entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen

Labienus dasselbe Schicksal. Ihr erster Angriff war gelaehmt worden

teils durch die Weigerung der naechstwohnenden deutschen Staemme, ihnen

Soeldner zu liefern, teils dadurch, dass Indutiomarus, die Seele der

ganzen Bewegung, in einem Scharmuetzel mit den Reitern des Labienus

geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwuerfe darum nicht auf. Mit

ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenueber und harrten

der nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei

den Anwohnern des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren

Voelkerschaften des inneren Deutschlands, namentlich, wie es scheint,

den Chatten gefunden. Allein da Labienus Miene machte, diesen ausweichen

und Hals ueber Kopf abmarschieren zu wollen, griffen die Treverer,

noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der unguenstigsten

Oertlichkeit, die Roemer an und wurden vollstaendig geschlagen. Den zu

spaet eintreffenden Deutschen blieb nichts uebrig als umzukehren, dem

treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das Regiment daselbst

kam wieder an das Haupt der roemischen Partei, an des Indutiomarus

Schwiegersohn Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars gegen die

Menapier und des Labienus gegen die Treverer traf in dem Gebiet der

letzteren die ganze roemische Armee wieder zusammen. Um den Deutschen

das Wiederkommen zu verleiden, ging Caesar noch einmal ueber den Rhein,

um womoeglich gegen die laestigen Nachbarn einen nachdruecklichen Schlag

zu fuehren; allein da die Chatten, ihrer erprobten Taktik getreu, sich

nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit landeinwaerts, es scheint am

Harz, zur Landesverteidigung sammelten, kehrte er sogleich wieder um und

begnuegte sich, an dem Rheinuebergang Besatzung zurueckzulassen. Mit

den saemtlichen an dem Aufstand beteiligten Voelkerschaften war also

abgerechnet; nur die Eburonen waren uebergangen, aber nicht vergessen.

Seit Caesar die Katastrophe von Aduatuca erfahren hatte, trug er das

Trauergewand und hatte geschworen, erst dann es abzulegen, wenn er seine

nicht im ehrlichen Kriege gefallenen, sondern heimtueckisch ermordeten

Soldaten geraecht haben wuerde. Rat- und tatlos sassen die Eburonen in

ihren Huetten und sahen zu, wie einer nach dem andern die Nachbargaue

den Roemern sich unterwarfen, bis die roemische Reiterei vom

treverischen Gebiet aus durch die Ardennen in ihr Land einrueckte.

Man war so wenig auf den Angriff gefasst, dass sie beinahe den Koenig

Ambiorix in seinem Hause ergriffen haette; mit genauer Not, waehrend

sein Gefolge fuer ihn sich aufopferte, entkam er in das nahe Gehoelz.

Bald folgten den Reitern zehn roemische Legionen. Zugleich erging an

die umwohnenden Voelkerschaften die Aufforderung, mit den roemischen

Soldaten in Gemeinschaft die vogelfreien Eburonen zu hetzen und ihr

Land zu pluendern; nicht wenige folgten dem Ruf, sogar von jenseits

des Rheines eine kecke Schar sugambrischer Reiter, die uebrigens es den

Roemern nicht besser machte wie den Eburonen und fast durch einen kecken

Handstreich das roemische Lager bei Aduatuca ueberrumpelt haette. Das

Schicksal der Eburonen war entsetzlich. Wie sie auch in Waeldern und

Suempfen sich bargen, der Jaeger waren mehr als des Wildes. Mancher

gab sich selbst den Tod wie der greise Fuerst Catuvolcus; nur einzelne

retteten Leben und Freiheit, unter diesen wenigen aber der Mann, auf

den die Roemer vor allem fahndeten, der Fuerst Ambiorix: mit nur vier

Reitern entrann er ueber den Rhein. Auf diese Exekution gegen den Gau,

der vor allen andern gefrevelt, folgten in den anderen Landschaften die

Hochverratsprozesse gegen die einzelnen. Die Zeit der Milde war

vorbei. Nach dem Spruche des roemischen Prokonsuls ward der angesehene

carnutische Ritter Acco von roemischen Liktoren enthauptet (701 53)

und die Herrschaft der Ruten und Beile damit foermlich eingeweiht. Die

Opposition verstummte: ueberall herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er

pflegte, im Spaetjahr 701 (53) ueber die Alpen, um den Winter hindurch

die immer mehr sich verwickelnden Verhaeltnisse in der Hauptstadt

aus der Naehe zu beobachten. Der kluge Rechner hatte diesmal sich

verrechnet. Das Feuer war gedaempft, aber nicht geloescht. Den Streich,

unter dem Accos Haupt fiel, fuehlte der ganze keltische Adel. Eben

jetzt bot die Lage der Dinge mehr Aussicht als je. Die Insurrektion des

letzten Winters war offenbar nur daran gescheitert, dass Caesar selbst

auf dem Kampfplatz erschienen war; jetzt war er fern, durch den nahe

bevorstehenden Buergerkrieg festgehalten am Po, und das gallische Heer,

das an der oberen Seine zusammengezogen stand, weit getrennt von

dem gefuerchteten Feldherrn. Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in

Mittelgallien ausbrach, so konnte das roemische Heer umzingelt, die

fast unverteidigte altroemische Provinz ueberschwemmt sein, bevor

Caesar wieder jenseits der Alpen stand, selbst wenn die italischen

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 28 / 68 段