Blick der Roemer groesstenteils zu entziehen. Als diese an der Sambre
unweit Bavay anlangten und die Legionen eben beschaeftigt waren, auf dem
Kamm des linken Ufers das Lager zu schlagen, die Reiterei und leichte
Infanterie die jenseitigen Hoehen zu erkunden, wurden auf einmal die
letzteren von der gesamten Masse des feindlichen Landsturms ueberfallen
und den Huegel hinab in den Fluss gesprengt. In einem Augenblick hatte
der Feind auch diesen ueberschritten und stuermte mit todverachtender
Entschlossenheit die Hoehen des linken Ufers. Kaum blieb den schanzenden
Legionaeren die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert zu vertauschen; die
Soldaten, viele unbehelmt, mussten fechten, wo sie eben standen, ohne
Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches Kommando, denn bei der
Ploetzlichkeit des Ueberfalls und dem von hohen Hecken durchschnittenen
Terrain hatten die einzelnen Abteilungen die Verbindung voellig
verloren. Statt der Schlacht entspann sich eine Anzahl zusammenhangloser
Gefechte. Labienus mit dem linken Fluegel warf die Atrebaten und
verfolgte sie bis ueber den Fluss. Das roemische Mitteltreffen draengte
die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte Fluegel aber, bei dem der
Feldherr selbst sich befand, wurde von den weit zahlreicheren Nerviern
um so leichter ueberfluegelt, als das Mitteltreffen, durch seinen
Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm geraeumt hatte, und selbst das
halbfertige Lager von den Nerviern besetzt; die beiden Legionen, jede
einzeln in ein dichtes Knaeuel zusammengeballt und von vorn und in
beiden Flanken angegriffen, ihrer meisten Offiziere und ihrer besten
Soldaten beraubt, schienen im Begriff, gesprengt und zusammengehauen
zu werden. Schon flohen der roemische Tross und die Bundestruppen nach
allen Seiten; von der keltischen Reiterei jagten ganze Abteilungen,
wie das Kontingent der Treverer, mit verhaengten Zuegeln davon, um vom
Schlachtfelde selbst die willkommene Kunde der erlittenen Niederlage
daheim zu melden. Es stand alles auf dem Spiel. Der Feldherr selbst
ergriff den Schild und focht unter den Vordersten; sein Beispiel, sein
auch jetzt noch begeisternder Zuruf brachten die schwankenden Reihen
wieder zum Stehen. Schon hatte man einigermassen sich Luft gemacht
und wenigstens die Verbindung der beiden Legionen dieses Fluegels
wiederhergestellt, als Succurs herbeikam: teils von dem Uferkamm herab,
wo waehrenddessen mit dem Gepaeck die roemische Nachhut eingetroffen
war, teils vom anderen Flussufer her, wo Labienus inzwischen bis an das
feindliche Lager vorgedrungen war und sich dessen bemaechtigt hatte und
nun, endlich die auf dem rechten Fluegel drohende Gefahr gewahrend, die
siegreiche zehnte Legion seinem Feldherrn zu Hilfe sandte. Die
Nervier, von ihren Verbuendeten getrennt und von allen Seiten zugleich
angegriffen, bewaehrten jetzt, wo das Glueck sich wandte, denselben
Heldenmut, wie da sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen
der Ihrigen herunter fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer
eigenen Angabe ueberlebten von ihren sechshundert Ratsherren nur drei
diesen Tag. Nach dieser vernichtenden Niederlage mussten die Nervier,
Atrebaten und Viromanduer wohl die roemische Hoheit anerkennen. Die
Aduatuker, zu spaet eingetroffen, um an dem Kampfe an der Sambre
teilzunehmen, versuchten zwar noch, in der festesten ihrer Staedte (auf
dem Berge Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten, allein
bald unterwarfen auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter
naechtlicher Ueberfall des roemischen Lagers vor der Stadt schlug fehl
und der Treubruch ward von den Roemern mit furchtbarer Strenge geahndet.
Die Klientel der Aduatuker, die aus den Eburonen zwischen Maas und
Rhein und anderen kleinen, benachbarten Staemmen bestand, wurde von den
Roemern selbstaendig erklaert, die gefangenen Aduatuker aber in Masse
zu Gunsten des roemischen Schatzes unter dem Hammer verkauft. Es schien,
als ob das Verhaengnis, das die Kimbrer betroffen hatte, auch diesen
letzten kimbrischen Splitter noch verfolge. Den uebrigen unterworfenen
Staemmen begnuegte sich Caesar eine allgemeine Entwaffnung und
Geiselstellung aufzuerlegen. Die Remer wurden natuerlich der fuehrende
Gau im belgischen wie die Haeduer im mittleren Gallien; sogar in diesem
begaben sich manche mit den Haeduern verfeindete Clans vielmehr in die
Klientel der Reiner. Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois)
und der Menapier (Flandern und Brabant) und die grossenteils von
Deutschen bewohnte Landschaft zwischen Schelde und Rhein blieben fuer
diesmal von der roemischen Invasion noch verschont und im Besitz ihrer
angestammten Freiheit. Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch
im Herbst 697 (57) ward Publius Crassus mit einem roemischen Korps dahin
gesandt; er bewirkte, dass die Veneter, die, als Herren der Haefen
des heutigen Morbihan und einer ansehnlichen Flotte, in Schiffahrt und
Handel unter allen keltischen Gauen den ersten Platz einnahmen, und
ueberhaupt die Kuestendistrikte zwischen Loire und Seine sich den
Roemern unterwarfen und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie
bald. Als im folgenden Winter (697/98 57/5 roemische Offiziere in diese
Gegenden kamen, um Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden
sie von den Venetern als Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen
Beispiel folgten rasch nicht bloss die aremoricanischen, sondern auch
die noch freigebliebenen Seekantone der Belgen; wo, wie in einigen
Gauen der Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der Insurrektion
beizutreten, machte die Menge ihn nieder und schloss mit verdoppeltem
Eifer der Nationalsache sich an. Die ganze Kueste von der Muendung der
Loire bis zu der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten
Patrioten aus allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an
dem grossen Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der
gesamten belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf
das Einruecken der ueberrheinischen Germanen. Caesar sandte Labienus mit
der ganzen Reiterei an den Rhein, um die gaerende belgische Landschaft
niederzuhalten und noetigenfalls den Deutschen den Uebergang ueber den
Fluss zu wehren; ein anderer seiner Unterbefehlshaber, Quintus Titurius
Sabinus, ging mit drei Legionen nach der Normandie, wo die Hauptmasse
der Insurgenten sich sammelte. Allein der eigentliche Herd der
Insurrektion waren die maechtigen und intelligenten Veneter; gegen sie
ward zu Lande und zur See der Hauptangriff gerichtet. Die teils aus
den Schiffen der untertaenigen Keltengaue, teils aus einer Anzahl
roemischer, eiligst auf der Loire erbauter und mit Ruderern aus der
Narbonensischen Provinz bemannter Galeeren gebildete Flotte fuehrte der
Unterfeldherr Decimus Brutus heran; Caesar selbst rueckte mit dem Kern
seiner Infanterie ein in das Gebiet der Veneter. Aber man war dort
vorbereitet und hatte ebenso geschickt wie entschlossen die guenstigen
Verhaeltnisse benutzt, die das bretagnische Terrain und der Besitz einer
ansehnlichen Seemacht darbot. Die Landschaft war durchschnitten und
getreidearm, die Staedte groesstenteils auf Klippen und Landspitzen
gelegen und vom Festlande her nur auf schwer zu passierenden Watten
zugaenglich; die Verpflegung wie die Belagerung waren fuer das zu
Lande angreifende Heer gleich schwierig, waehrend die Kelten durch
ihre Schiffe die Staedte leicht mit allem Noetigen versehen und im
schlimmsten Fall die Raeumung derselben bewerkstelligen konnten. Die
Legionen verschwendeten in den Belagerungen der venetischen Ortschaften
Zeit und Kraft, um zuletzt die wesentlichen Fruechte des Sieges auf
den Schiffen der Feinde verschwinden zu sehen. Als daher die roemische
Flotte, lange in der Loiremuendung von Stuermen zurueckgehalten, endlich
an der bretagnischen Kueste eintraf, ueberliess man es ihr, den Kampf
durch eine Seeschlacht zu entscheiden. Die Kelten, ihrer Ueberlegenheit
auf diesem Elemente sich bewusst, fuehrten gegen die von Brutus
befehligte roemische Flotte die ihrige vor. Nicht bloss zaehlte diese
zweihundertzwanzig Segel, weit mehr, als die Roemer hatten aufbringen
koennen; ihre hochbordigen, festgebauten Segelschiffe von flachem
Boden waren auch bei weitem geeigneter fuer die hochgehenden Fluten des
Atlantischen Meeres als die niedrigen leichtgefugten Rudergaleeren
der Roemer mit ihren scharfen Kielen. Weder die Geschosse noch die
Enterbruecken der Roemer vermochten das hohe Deck der feindlichen
Schiffe zu erreichen und an den maechtigen Eichenplanken derselben
prallten die eisernen Schnaebel machtlos ab. Allein die roemischen
Schiffsleute zerschnitten die Taue, durch welche die Rahen an den Masten
befestigt waren, mittels an langen Stangen befestigter Sicheln; Rahen
und Segel stuerzten herab und, da man den Schaden nicht rasch zu
ersetzen verstand, ward das Schiff dadurch zum Wrack, wie heutzutage
durch Stuerzen der Maste, und leicht gelang es den roemischen Booten,
durch vereinigten Angriff des gelaehmten feindlichen Schiffes sich zu
bemeistern. Als die Gallier dieses Manoevers innewurden, versuchten sie
von der Kueste, an der sie den Kampf mit den Roemern aufgenommen hatten,
sich zu entfernen und die hohe See zu gewinnen, wohin die roemischen
Galeeren ihnen nicht folgen konnten; allein zum Unglueck fuer sie trat
ploetzlich eine vollstaendige Windstille ein und die ungeheure Flotte,
an deren Ausruestung die Seegaue alle ihre Kraefte gesetzt hatten, ward
von den Roemern fast gaenzlich vernichtet. So ward diese Seeschlacht
- soweit die geschichtliche Kunde reicht, die aelteste auf dem
Atlantischen Ozean geschlagene - ebenwie zweihundert Jahre zuvor das
Treffen bei Mylae trotz der unguenstigsten Verhaeltnisse durch eine
von der Not eingegebene glueckliche Erfindung zum Vorteil der Roemer
entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war die
Ergebung der Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der
keltischen Nation, nach so vielfaeltigen Beweisen von Milde gegen die
Unterworfenen, jetzt durch ein Beispiel furchtbarer Strenge gegen die
hartnaeckig Widerstrebenden zu imponieren, als um den Vertragsbruch
und die Festnahme der roemischen Offiziere zu ahnden, liess Caesar den
gesamten Gemeinderat hinrichten und die Buergerschaft des venetischen
Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft verkaufen. Durch dies
entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren Patriotismus
haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein Anrecht
erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal versammelten
Aufgebot der Kuestenstaaten setzte Sabinus inzwischen dieselbe Taktik
entgegen, durch die Caesar das Jahr zuvor den belgischen Landsturm an
der Aisne ueberwunden hatte; er verhielt sich verteidigend, bis Ungeduld
und Mangel in den Reihen der Feinde einrissen, und wusste sie dann durch
Taeuschung ueber die Stimmung und Staerke seiner Truppen und vor allem
durch die eigene Ungeduld zu einem unbesonnenen Sturm auf das roemische
Lager zu verlocken und dabei zu schlagen, worauf die Milizen sich
zerstreuten und die Landschaft bis zur Seine sich unterwarf. Nur
die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der
roemischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien
Caesar an ihren Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten
gemachten Erfahrungen, vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze
aufzunehmen und wichen zurueck in die damals von den Ardennen gegen die
Nordsee hin fast ununterbrochen sich erstreckenden Waelder. Die Roemer
versuchten, sich durch dieselben mit der Axt eine Strasse zu bahnen, zu
deren beiden Seiten die gefaellten Baeume als Verbacke gegen feindliche
Ueberfaelle aufgeschichtet wurden; allein selbst Caesar, verwegen wie er
war, fand nach einigen Tagen muehseligsten Marschierens es ratsam, zumal
da es gegen den Winter ging, den Rueckzug anzuordnen, obwohl von den
Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die maechtigen Menapier
gar nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward,
waehrend Caesar selbst in Britannien beschaeftigt war, der groesste Teil
des Heeres aufs neue gegen diese Voelkerschaften gesandt; allein auch
diese Expedition blieb in der Hauptsache erfolglos. Dennoch war das
Ergebnis der letzten Feldzuege die fast vollstaendige Unterwerfung
Galliens unter die Herrschaft der Roemer. Wenn Mittelgallien ohne
Gegenwehr sich unter dieselbe gefuegt hatte, so waren durch den Feldzug
des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres
die Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der roemischen Herrschaft
gezwungen worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die
keltischen Patrioten den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich
erfuellt. Weder Deutsche noch Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen,
und in Belgien hatte Labienus' Anwesenheit genuegt, die Erneuerung der
vorjaehrigen Kaempfe zu verhueten. Waehrend also Caesar das roemische
Gebiet im Westen mit den Waffen zu einem geschlossenen Ganzen
fortbildete, versaeumte er nicht, der neu unterworfenen Landschaft,
welche ja bestimmt war, die zwischen Italien und Spanien klaffende
Gebietsluecke auszufuellen, mit der italischen Heimat wie mit den
spanischen Provinzen Kommunikationen zu eroeffnen. Die Verbindung
zwischen Gallien und Italien war allerdings durch die von Pompeius im
Jahre 677 (77) angelegte Heerstrasse ueber den Mont Genevre wesentlich
erleichtert worden; allein seit das ganze Gallien den Roemern
unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal nicht in westlicher,
sondern in noerdlicher Richtung den Alpenkamm ueberschreitenden und
eine kuerzere Verbindung zwischen Italien und dem mittleren Gallien
herstellenden Strasse. Dem Kaufmann diente hierzu laengst der Weg, der
ueber den Grossen Bernhard in das Wallis und an den Genfer See fuehrt;
um diese Strasse in seine Gewalt zu bringen, liess Caesar schon im
Herbst 697 (57) durch Servius Galba Octodurum (Martigny) besetzen
und die Bewohner des Wallis zur Botmaessigkeit bringen, was durch die
tapfere Gegenwehr dieser Bergvoelker natuerlich nur verzoegert, nicht
verhindert ward. Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde
im folgenden Jahr (698 56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit
dem Auftrag, die daselbst wohnenden iberischen Staemme zur Anerkennung
der roemischen Herrschaft zu zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne
Schwierigkeit; die Iberer hielten fester zusammen als die Kelten und
verstanden es besser als diese, von ihren Feinden zu lernen. Die Staemme
jenseits der Pyrenaeen, namentlich die tuechtigen Kantabrer sandten
ihren bedrohten Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter
Sertorius' Fuehrung roemisch geschulte Offiziere, die soweit
moeglich die Grundsaetze der roemischen Kriegskunst, namentlich das
Lagerschlagen, bei dem schon durch seine Zahl und seine Tapferkeit
ansehnlichen aquitanischen Aufgebot einfuehrten. Allein der vorzuegliche
Offizier, der die Roemer fuehrte, wusste alle Schwierigkeiten zu
ueberwinden, und nach einigen hart bestrittenen, aber gluecklich
gewonnenen Feldschlachten die Voelkerschaften von der Garonne bis nahe
an die Pyrenaeen zur Ergebung unter den neuen Herrn zu bestimmen. Das
eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung Galliens,
war mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit erreicht,
als es ueberhaupt mit dem Schwert sich erreichen liess. Allein die
andere Haelfte des von Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem
nicht genuegend erledigt und die Deutschen noch keineswegs ueberall
genoetigt, den Rhein als Grenze anzuerkennen. Eben jetzt, im Winter
698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe des Flusses, bis wohin
die Roemer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige
Grenzueberschreitung stattgefunden. Die deutschen Staemme der Usipeten
und Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier ueber den
Rhein zu setzen, bereits erwaehnt wurden, waren endlich doch, die
Wachsamkeit ihrer Gegner durch einen verstellten Abzug taeuschend,
auf den eigenen Schiffen der Menapier uebergegangen - ein ungeheurer
Schwarm, der sich mit Einschluss der Weiber und Kinder auf 430000 Koepfe
belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in der Gegend von
Nimwegen und Kleve; aber es hiess, dass sie, den Aufforderungen der
keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzuruecken
beabsichtigten, und das Geruecht ward dadurch bestaerkt, dass ihre
Reiterscharen bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes
als Caesar mit seinen Legionen ihnen gegenueber anlangte, schienen die
vielgeplagten Auswanderer nicht nach neuen Kaempfen begierig, sondern
gern bereit, von den Roemern Land zu nehmen und es unter ihrer Hoheit
in Frieden zu bestellen. Waehrend darueber verhandelt ward, stieg in
dem roemischen Feldherrn der Argwohn auf, dass die Deutschen nur Zeit
zu gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten Reiterscharen
wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegruendet war oder nicht, laesst
sich nicht sagen; aber darin bestaerkt durch einen Angriff, den trotz
des tatsaechlichen Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine
Vorhut unternahm, und erbittert durch den dabei erlittenen empfindlichen
Verlust, glaubte Caesar sich berechtigt, jede voelkerrechtliche
Ruecksicht aus den Augen zu setzen. Als am anderen Morgen die Fuersten
und Aeltesten der Deutschen, den ohne ihr Vorwissen unternommenen
Angriff zu entschuldigen, im roemischen Lager erschienen, wurden sie
festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Fuehrer beraubte Menge
von dem roemischen Heer ploetzlich ueberfallen. Es war mehr eine
Menschenjagd als eine Schlacht; was nicht unter den Schwertern der
Roemer fiel, ertrank im Rheine; fast nur die zur Zeit des Ueberfalls
detachierten Abteilungen entkamen dem Blutbad und gelangten zurueck
ueber den Rhein, wo ihnen die Sugambrer in ihrem Gebiet, es scheint an
der Lippe, eine Freistatt gewaehrten. Das Verfahren Caesars gegen diese
deutschen Einwanderer fand im Senat schweren und gerechten Tadel;
allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann, den deutschen
Uebergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert. Doch
fand es Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die
Legionen ueber den Rhein zu fuehren. An Verbindungen jenseits desselben
mangelte es ihm nicht. Den Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe
fehlte noch jeder nationale Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit
gaben sie, wenn auch aus anderen Ursachen, den Kelten nichts nach. Die
Ubier (an der Sieg und Lahn), der zivilisierteste unter den deutschen
Staemmen, waren vor kurzem von einem maechtigen suebischen Gau des
Binnenlandes botmaessig und zinspflichtig gemacht worden und hatten
schon 697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie die Gallier
von der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht nicht,
diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben
wuerde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmaessig,
um das Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu
verhindern, die roemischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der
Schutz, den die entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern
gefunden hatten, bot eine geeignete Veranlassung dar. In der Gegend,
wie es scheint, zwischen Koblenz und Andernach schlug Caesar eine
Pfahlbruecke ueber den Rhein und fuehrte seine Legionen hinueber aus
dem treverischen in das ubische Gebiet. Einige kleinere Gaue gaben ihre
Unterwerfung ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug zunaechst
gerichtet war, zogen, wie das roemische Heer herankam, mit ihren
Schutzbefohlenen sich in das innere Land zurueck. In gleicher Weise
liess der maechtige suebische Gau, der die Ubier bedraengte, vermutlich
derjenige, der spaeter unter dem Namen der Chatten auftritt, die
zunaechst an das ubische Gebiet angrenzenden Distrikte raeumen und das
nicht streitbare Volk in Sicherheit bringen, waehrend alle waffenfaehige
Mannschaft angewiesen ward, im Mittelpunkt des Gaues sich zu versammeln.
Diesen Handschuh aufzuheben hatte der roemische Feldherr weder
Veranlassung noch Lust; sein Zweck, teils zu rekognoszieren, teils durch
einen Zug ueber den Rhein womoeglich den Deutschen, wenigstens aber den
Kelten und den Landsleuten daheim zu imponieren, war im wesentlichen
erreicht; nach achtzehntaegigem Verweilen am rechten Rheinufer traf er
wieder in Gallien ein und brach die Rheinbruecke hinter sich ab (699
55). Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen
ihnen und den Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es
begreiflich, dass sie an dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren
Sympathien sich beteiligt hatten und den Patrioten wenn auch nicht
bewaffneten Beistand, doch mindestens jedem von ihnen, fuer den die
Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer meerbeschuetzten Insel eine
ehrenvolle Freistatt gewaehrten. Eine Gefahr lag hierin allerdings, wenn
nicht fuer die Gegenwart, doch fuer die Zukunft; es schien zweckmaessig,
wo nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen, doch auch hier
die Defensive offensiv zu fuehren und durch eine Landung an der Kueste
den Insulanern zu zeigen, dass der Arm der Roemer auch ueber den Kanal
reiche. Schon der erste roemische Offizier, der die Bretagne betrat,
Publius Crassus, war von dort nach den "Zinninseln" an der Westspitze
Englands (Scillyinseln) hinuebergefahren (697 57); im Sommer 699 (55)
ging Caesar selbst mit nur zwei Legionen da, wo er am schmalsten ist
^17, ueber den Kanal. Er fand die Kueste mit feindlichen Truppenmassen
bedeckt und fuhr mit seinen Schiffen weiter; aber die britischen
Streitwagen bewegten sich ebenso schnell zu Lande fort wie die
roemischen Galeeren auf der See, und nur mit groesster Muehe gelang es
den roemischen Soldaten unter dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch
Wurfmaschinen und Handgeschuetze den Strand fegten, im Angesicht der
Feinde teils watend, teils in Kaehnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten
Schreck unterwarfen sich die naechsten Doerfer; allein bald wurden die
Insulaner gewahr, wie schwach der Feind sei und wie er nicht wage, sich
vom Ufer zu entfernen. Die Eingeborenen verschwanden in das Binnenland
und kamen nur zurueck, um das Lager zu bedrohen; die Flotte aber, die
man auf der offenen Reede gelassen hatte, erlitt durch den ersten ueber
sie hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden Schaden. Man musste sich
gluecklich schaetzen, die Angriffe der Barbaren abzuschlagen, bis man
die Schiffe notduerftig repariert hatte, und mit denselben, noch ehe die
schlimme Jahreszeit hereinbrach, die gallische Kueste wiederzuerreichen.
------------------------------------------- ^17 Dass Caesars
Ueberfahrten nach Britannien aus den Haefen der Kueste von Calais bis
Boulogne an die Kueste von Kent gingen, ergibt die Natur der Sache sowie
Caesars ausdrueckliche Angabe. Die genauere Bestimmung der Oertlichkeit
ist oft versucht worden, aber nicht gelungen. Ueberliefert ist nur, dass
bei der ersten Fahrt die Infanterie in dem einen, die Reiterei in einem
anderen, von jenem 8 Milien in oestlicher Richtung entfernten Hafen
sich einschiffte (Gall. 4, 22, 23, 28) und dass die zweite Fahrt aus
demjenigen von diesen beiden Haefen, den Caesar am bequemsten gefunden,
dem (sonst nicht weiter genannten) Irischen, von der britannischen
Kueste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2) oder 40 (= 320 Stadien,