natuerlich daselbst sofort wieder die roemische Partei ans Regiment,

was der Verpflegung wegen nicht gleichgueltig war. Die Helvetier fand er

beschaeftigt, die Saone zu passieren und aus dem Gebiet der Sequaner

in das der Haeduer einzuruecken; was von ihnen noch am linken

Saoneufer stand, namentlich das Korps der Tigoriner, ward von den rasch

vordringenden Roemern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des Zuges

war indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses uebergesetzt; Caesar

folgte ihnen und bewerkstelligte den Uebergang, den der ungeschlachte

Zug der Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden koennen,

in vierundzwanzig Stunden. Die Helvetier, durch diesen Uebergang der

roemischen Armee ueber den Fluss gehindert, ihren Marsch in westlicher

Richtung fortzusetzen, schlugen die Richtung nach Norden ein, ohne

Zweifel in der Voraussetzung, dass Caesar nicht wagen werde, ihnen weit

in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der Absicht, wenn er von

ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzuwenden.

Fuenfzehn Tage marschierte das roemische Heer in dem Abstand etwa einer

deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine

Fersen sich heftend und auf einen guenstigen Augenblick hoffend, um den

feindlichen Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und

zu vernichten. Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfaellig

auch die helvetische Karawane einherzog, die Fuehrer wussten einen

Ueberfall zu verhueten und zeigten sich wie mit Vorraeten reichlich

versehen, so durch ihre Spione von jedem Vorgang im roemischen Lager

aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die Roemer an, Mangel an dem

Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier sich von der Saone

entfernten und der Flusstransport aufhoerte. Das Ausbleiben der von den

Haeduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunaechst

hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf

ihrem Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche,

fast 4000 Pferde zaehlende roemische Reiterei voellig unzuverlaessig

- was freilich erklaerlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer

Ritterschaft, namentlich den Reitern der Haeduer unter dem Befehl des

wohlbekannten Roemerfeindes Dumnorix bestand und Caesar selbst sie mehr

noch als Geiseln denn als Soldaten uebernommen hatte. Man hatte

guten Grund zu glauben, dass eine Niederlage, die sie von der

weit schwaecheren helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst

herbeigefuehrt worden war, und dass durch sie der Feind von allen

Vorfaellen im roemischen Lager unterrichtet ward. Caesars Lage wurde

bedenklich; in leidiger Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den

Haeduern, trotz ihres offiziellen Buendnisses mit Rom und der nach

Rom sich neigenden Sonderinteressen dieses Gaus, die keltische

Patriotenpartei vermochte; was sollte daraus werden, wenn man in die

gaerende Landschaft tiefer und tiefer sich hineinwagte und von den

Verbindungen immer weiter sich entfernte? Eben zogen die Heere an

der Hauptstadt der Haeduer, Bibracte (Autun), in maessiger Entfernung

vorueber; Caesar beschloss, dieses wichtigen Ortes sich mit gewaffneter

Hand zu bemaechtigen, bevor er den Marsch in das Binnenland fortsetzte,

und es ist wohl moeglich, dass er ueberhaupt beabsichtigte, von weiterer

Verfolgung abzustehen und in Bibracte sich festzusetzen. Allein da er,

von der Verfolgung ablassend, sich gegen Bibracte wendete, meinten die

Helvetier, dass die Roemer zur Flucht Anstalt machten, und griffen nun

ihrerseits an. Mehr hatte Caesar nicht gewuenscht. Auf zwei parallel

laufenden Huegelreihen stellten die beiden Heere sich auf; die Kelten

begannen das Gefecht, sprengten die in die Ebene vorgeschobene roemische

Reiterei auseinander und liefen an gegen die am Abhang des Huegels

postierten roemischen Legionen, mussten aber hier vor Caesars Veteranen

weichen. Als darauf die Roemer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits

in die Ebene hinabstiegen, gingen die Kelten wieder gegen sie vor und

ein zurueckgehaltenes keltisches Korps nahm sie zugleich in die

Flanke. Dem letzteren ward die Reserve der roemischen Angriffskolonne

entgegengeworfen; sie draengte dasselbe von der Hauptmasse ab auf das

Gepaeck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch das Gros des

helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genoetigt, den

Rueckzug in oestlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von

derjenigen, in die ihr Zug sie fuehrte. Den Plan der Helvetier, am

Atlantischen Meer sich neue Wohnsitze zu gruenden, hatte dieser Tag

vereitelt und die Helvetier der Willkuer des Siegers ueberliefert; aber

es war ein heisser auch fuer die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache

hatte, seinem Offizierkorps nicht durchgaengig zu trauen, hatte gleich

zu Anfang alle Offizierspferde fortgeschickt, um die Notwendigkeit

standzuhalten den Seinigen gruendlich klar zu machen; in der Tat wuerde

die Schlacht, haetten die Roemer sie verloren, wahrscheinlich die

Vernichtung der roemischen Armee herbeigefuehrt haben. Die roemischen

Truppen waren zu erschoepft, um die Ueberwundenen kraeftig zu verfolgen;

allein infolge der Bekanntmachung Caesars, dass er alle, die die

Helvetier unterstuetzen wuerden, wie diese selbst als Feinde der Roemer

behandeln werde, ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunaechst in dem

Gau der Lingonen (um Langres), ihr jede Unterstuetzung verweigert und,

aller Zufuhr und ihres Gepaecks beraubt und belastet von der Masse des

nicht kampffaehigen Trosses, mussten sie wohl dem roemischen Feldherrn

sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein verhaeltnismaessig

mildes. Den heimatlosen Boiern wurden die Haeduer angewiesen, in ihrem

Gebiet Wohnsitze einzuraeumen; und diese Ansiedlung der ueberwundenen

Feinde inmitten der maechtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer

roemischen Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch uebrigen,

etwas mehr als ein Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden

natuerlich in ihr ehemaliges Gebiet zurueckgesandt. Dasselbe wurde der

roemischen Provinz einverleibt, aber die Bewohner zum Buendnis mit Rom

unter guenstigen Bedingungen zugelassen, um unter roemischer Hoheit

am oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. Nur die

suedwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Roemern in

unmittelbaren Besitz genommen und spaeterhin hier, an dem anmutigen

Gestade des Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine

roemische Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt.

--------------------------------------------------- ^13 Nach dem

unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, die indes

hier keineswegs auf hinreichend zuverlaessigen Daten beruht, entspricht

dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders. ^14 Julia

Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen Kolonien

Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es waren

keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natuerlich unter Erteilung

des roemischen oder doch des latinischen Buergerrechts, hier Landlose

empfingen. ------------------------------------------------- Am

Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt und

zugleich die den Roemern feindliche Partei unter den Kelten gedemuetigt.

Auch am Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren uebergegangen

waren und die in Gallien mit der roemischen wetteifernde Macht des

Ariovist taeglich weiter um sich griff, musste in aehnlicher Weise

durchgegriffen werden, und leicht war die Veranlassung zum Bruche

gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen drohenden oder bereits

auferlegten Joch mochte hier dem groesseren Teil der Kelten jetzt die

roemische Suprematie das geringere Uebel duenken; die Minoritaet, die

an ihrem Roemerhass festhielt, musste wenigstens verstummen. Ein unter

roemischem Einfluss abgehaltener Landtag der Keltenstaemme des mittleren

Galliens ersuchte im Namen der keltischen Nation den roemischen

Feldherrn um Beistand gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf

seine Veranlassung stellten die Haeduer die Zahlung des vertragsmaessig

an Ariovist zu entrichtenden Tributes ein und forderten die gestellten

Geiseln zurueck, und da Ariovist wegen dieses Vertragsbruchs die

Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit ihm in

direkte Verhandlung zu treten und, ausser der Rueckgabe der Geiseln

und dem Versprechen, mit den Haeduern Frieden zu halten, namentlich zu

fordern, dass Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr ueber

den Rhein nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem roemischen

in dem Vollgefuehl ebenbuertigen Rechtes. Ihm sei das noerdliche

Gallien so gut nach Kriegsrecht untertaenig geworden wie den Roemern das

suedliche; wie er die Roemer nicht hindere, von den Allobrogen Tribut

zu nehmen, so duerften auch sie ihm nicht wehren, seine Untertanen zu

besteuern. In spaeteren geheimen Eroeffnungen zeigte es sich, dass der

Fuerst der roemischen Verhaeltnisse wohl kundig war: er erwaehnte der

Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem

Wege zu raeumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das noerdliche Gallien

ueberlassen wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft ueber

Italien behilflich zu sein - wie ihm der Parteihader der keltischen

Nation den Eintritt in Gallien eroeffnet hatte, so schien er von dem

Parteihader der italischen die Befestigung seiner Herrschaft daselbst

zu erwarten. Seit Jahrhunderten war den Roemern gegenueber diese Sprache

der vollkommen ebenbuertigen und ihre Selbstaendigkeit schroff und

ruecksichtslos aeussernden Macht nicht gefuehrt worden, wie man sie

jetzt von dem deutschen Heerkoenig vernahm: kurzweg weigerte er sich

zu kommen, als der roemische Feldherr nach der bei Klientelfuersten

hergebrachten Uebung ihm ansann, vor ihm persoenlich zu erscheinen. Um

so notwendiger war es, nicht zu zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen

Ariovist. Ein panischer Schrecken ergriff seine Truppen, vor allem seine

Offiziere, als sie daran sollten, mit den seit vierzehn Jahren nicht

unter Dach und Fach gekommenen deutschen Kernscharen sich zu messen -

auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene roemische Sitten- und

Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei hervorrufen

zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklaerte, noetigenfalls mit

der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen, wusste nicht

bloss durch solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den kriegerischen

Wetteifer auch die uebrigen Regimenter an die Adler zu fesseln und etwas

von seiner eigenen Energie den Truppen einzuhauchen. Ohne ihnen Zeit zu

lassen, sich zu besinnen, fuehrte er in raschen Maerschen sie weiter

und kam gluecklich Ariovist in der Besetzung der sequanischen Hauptstadt

Vesontio (Besan‡on) zuvor. Eine persoenliche Zusammenkunft der beiden

Feldherrn, die auf Ariovists Begehren stattfand, schien einzig einen

Versuch gegen Caesars Person bedecken zu sollen; zwischen den beiden

Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen entscheiden. Vorlaeufig

kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsass, etwa in der Gegend von

Muelhausen, eine deutsche Meile vom Rhein ^15, lagerten die beiden Heere

in geringer Entfernung voneinander, bis es Ariovist gelang, mit seiner

sehr ueberlegenen Macht an dem roemischen Lager vorbeimarschierend, sich

ihm in den Ruecken zu legen und die Roemer von ihrer Basis und ihren

Zufuhren abzuschneiden. Caesar versuchte sich aus seiner peinlichen Lage

durch eine Schlacht zu befreien; allein Ariovist nahm sie nicht an.

Dem roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als trotz seiner geringen

Staerke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen und seine Verbindungen

dadurch wieder zu gewinnen, dass er zwei Legionen am Feinde vorbeiziehen

und jenseits des Lagers der Deutschen eine Stellung nehmen liess,

waehrend vier in dem bisherigen Lager zurueckblieben. Ariovist, da er

die Roemer geteilt sah, versuchte einen Sturm auf ihr kleineres Lager;

allein die Roemer schlugen ihn ab. Unter dem Eindruck dieses Erfolges

ward das gesamte roemische Heer zum Angriff vorgefuehrt; und auch die

Deutschen stellten in Schlachtordnung sich auf, in langer Linie, jeder

Stamm fuer sich, hinter sich, um die Flucht zu erschweren, die Karren

der Armee mit dem Gepaeck und den Weibern. Der rechte Fluegel der Roemer

unter Caesars eigener Fuehrung stuerzte sich rasch auf den Feind

und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem rechten Fluegel der

Deutschen. Noch stand die Waage gleich; allein die Taktik der Reserven

entschied, wie so manchen anderen Kampf gegen Barbaren, so auch den

gegen die Germanen zu Gunsten der Roemer; ihre dritte Linie, die Publius

Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, stellte auf dem linken Fluegel die

Schlacht wieder her und damit war der Sieg entschieden. Bis an den

Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur wenigen, darunter dem

Koenig, gelang es, auf das andere Ufer zu entkommen (696 58).

---------------------------------------- ^15 F. W. A. Goeler (Caesars

gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.) meint, das Schlachtfeld

bei Cernay unweit Muehlhausen aufgefunden zu haben, was im ganzen

uebereinkommt mit Napoleons (precis p. 35) Ansetzung des Schlachtfeldes

in der Gegend von Belfort. Diese Annahme ist zwar nicht sicher, aber

den Umstaenden angemessen; denn dass Caesar fuer die kurze Strecke von

Besan‡on bis dahin sieben Tagemaersche brauchte, erklaert er selbst

(Lall. 1, 41) durch die Bemerkung, dass er einen Umweg von ueber zehn

deutschen Meilen genommen, um die Bergwege zu vermeiden, und dafuer,

dass die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein geschlagen ward,

entscheidet bei gleicher Autoritaet der Ueberlieferung die ganze

Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar nicht

mehrtaegigen, sondern an dem Schlachttag selbst beendigten Verfolgung.

Der Vorschlag W. Ruestows (Einleitung zu Caesars Kommentar, S. 117),

das Schlachtfeld an die obere Saar zu verlegen, beruht auf einem

Missverstaendnis. Das von den Sequanern, Denkern, Lingonen erwartete

Getreide soll dem roemischen Heere nicht unterwegs auf dem Marsche gegen

Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besan‡on geliefert

und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr deutlich daraus

hervorgeht, dass Caesar, indem er seine Truppen auf jene Lieferungen

hinweist, daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn vertroestet.

Von Besan‡on aus beherrschte Caesar die Gegend von Langres und Epinal

und schrieb, wie begreiflich, seine Lieferungen lieber hier aus als

in den ausfouragierten Distrikten, aus denen er kam.

---------------------------------------- So glaenzend kuendigte dem

maechtigen Strom, den hier die italischen Soldaten zum erstenmal

erblickten, das roemische Regiment sich an; mit einer einzigen

gluecklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das Schicksal der

deutschen Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars Hand; der

Sieger konnte sie vernichten, aber er tat es nicht. Die benachbarten

keltischen Gaue, die Sequaner, Leuker, Mediomatriker, waren weder

wehrhaft noch zuverlaessig; die uebersiedelten Deutschen versprachen

nicht bloss tapfere Grenzhueter, sondern auch bessere Untertanen Roms

zu werden, da sie von den Kelten die Nationalitaet, von ihren

ueberrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung der

neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten Stellung

nicht umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar zog hier

wie ueberall die ueberwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden vor;

er liess den von Ariovist laengs des linken Rheinufers angesiedelten

Germanen, den Tribokern um Strassburg, den Nemetern um Speyer, den

Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und vertraute ihnen die

Bewachung der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16.

---------------------------------------------- ^16 Das scheint die

einfachste Annahme ueber den Ursprung dieser germanischen Ansiedlungen.

Dass Ariovist jene Voelker am Mittelrhein ansiedelte, ist deshalb

wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten (Caes. Gall. 1, 51) und

frueher nicht vorkommen; dass ihnen Caesar ihre Sitze liess, deshalb,

weil er Ariovist gegenueber sich bereit erklaerte, die in Gallien

bereits ansaessigen Deutschen zu dulden (Caes. Gall. 1, 35. 43), und

weil wir sie spaeter in diesen Sitzen finden. Caesar gedenkt der nach

der Schlacht hinsichtlich dieser germanischen Ansiedlungen getroffenen

Verfuegungen nicht, weil er ueber alle in Gallien von ihm vorgenommenen

organischen Einrichtungen grundsaetzlich Stillschweigen beobachtet.

---------------------------------------------- Die Sueben aber, die am

Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten, zogen auf die Nachricht

von Ariovists Niederlage wieder zurueck in das innere Deutschland, wobei

sie unterwegs durch die naechstwohnenden Voelkerschaften ansehnliche

Einbusse erlitten. Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermesslich;

noch Jahrtausende nachher wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze

des Roemischen Reiches gegen die Deutschen geworden. In Gallien, das

nicht mehr vermochte, sich selber zu gebieten, hatten bisher die Roemer

an der Suedkueste geherrscht, seit kurzem die Deutschen versucht,

weiter oberwaerts sich festzusetzen. Die letzten Ereignisse hatten

es entschieden, dass Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz der

roemischen Oberhoheit zu verfallen und dass die Naturgrenze, die der

maechtige Fluss darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt

war. In seiner besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms

Herrschaft Italiens natuerliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer

und dessen naechste Inseln, erreicht hatte. Einer aehnlichen

militaerischen Abrundung bedurfte auch das erweiterte Reich; aber

die gegenwaertige Regierung ueberliess dieselbe dem Zufall und sah

hoechstens darauf, nicht dass die Grenzen verteidigt werden konnten,

sondern dass sie nicht unmittelbar von ihr selbst verteidigt zu werden

brauchten. Man fuehlte es, dass jetzt ein anderer Geist und ein

anderer Arm die Geschicke Roms zu lenken begannen. Die Grundmauern des

kuenftigen Gebaeudes standen; um aber dasselbe auszubauen und bei den

Galliern die Anerkennung der roemischen Herrschaft und der Rheingrenze

bei den Deutschen vollstaendig durchzufuehren, fehlte doch noch gar

viel. Ganz Mittelgallien zwar von der roemischen Grenze bis hinauf nach

Chartres und Trier fuegte sich ohne Widerrede dem neuen Machthaber, und

am oberen und mittleren Rhein war auch von den Deutschen vorlaeufig kein

Angriff zu besorgen. Allein die noerdlichen Landschaften, sowohl die

aremorikanischen Gaue in der Bretagne und der Normandie als auch die

maechtigere Konfoederation der Belgen, waren von den gegen das mittlere

Gallien gefuehrten Schlaegen nicht mitgetroffen worden und fanden sich

nicht veranlasst, dem Besieger Ariovists sich zu unterwerfen. Es kam

hinzu, dass, wie bemerkt, zwischen den Belgen und den ueberrheinischen

Deutschen sehr enge Beziehungen bestanden und auch an der Rheinmuendung

germanische Staemme sich fertig machten, den Strom zu ueberschreiten.

Infolgedessen brach Caesar mit seinem jetzt auf acht Legionen vermehrten

Heer im Fruehjahr 697 (57) auf gegen die belgischen Gaue. Eingedenk des

tapferen und gluecklichen Widerstandes, den sie fuenfzig Jahre zuvor

mit gesamter Hand an der Landgrenze den Kimbrern geleistet hatte, und

gespornt durch die zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen gefluechteten

Patrioten, sandte die Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes erstes

Aufgebot, 300000 Bewaffnete unter Anfuehrung des Koenigs der Suessionen,

Galba, an ihre Suedgrenze, um Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein

einziger Gau, der der maechtigen Remer (um Reims), ersah in dieser

Invasion der Fremden die Gelegenheit, das Regiment abzuschuetteln, das

ihre Nachbarn, die Suessionen, ueber sie ausuebten, und schickte sich

an, die Rolle, die in Mittelgallien die Haeduer gespielt hatten, im

noerdlichen zu uebernehmen. In ihrem Gebiet trafen das roemische und

das belgische Heer fast gleichzeitig ein. Caesar unternahm es nicht,

dem tapferen, sechsfach staerkeren Feinde eine Schlacht zu liefern;

nordwaerts der Aisne, unweit des heutigen Pontavert, zwischen Reims

und Laon, nahm er sein Lager auf einem teils durch den Fluss und

durch Suempfe, teils durch Graeben und Redouten von allen Seiten fast

unangreifbar gemachten Plateau und begnuegte sich, die Versuche

der Belgen, die Aisne zu ueberschreiten und ihn damit von seinen

Verbindungen abzuschneiden, durch defensive Massregeln zu vereiteln.

Wenn er darauf zaehlte, dass die Koalition demnaechst unter ihrer

eigenen Schwere zusammenbrechen werde, so hatte er richtig gerechnet.

Koenig Galba war ein redlicher, allgemein geachteter Mann; aber der

Lenkung einer Armee von 300000 Mann auf feindlichem Boden war er nicht

gewachsen. Man kam nicht weiter und die Vorraete gingen auf die Neige;

Unzufriedenheit und Entzweiung fingen an, im Lager der Eidgenossen sich

einzunisten. Die Bellovaker vor allem, den Suessionen an Macht

gleich und schon verstimmt darueber, dass die Feldhauptmannschaft des

eidgenoessischen Heeres nicht an sie gekommen war, waren nicht laenger

zu halten, seit die Meldung eingetroffen war, dass die Haeduer als

Bundesgenossen der Roemer Anstalt machten, in das bellovakische Gebiet

einzuruecken. Man beschloss, sich aufzuloesen und nach Hause zu gehen;

wenn Schande halber die saemtlichen Gaue zugleich sich verpflichteten,

dem zunaechst angegriffenen mit gesamter Hand zu Hilfe zu eilen, so

ward durch solche unausfuehrbare Stipulationen das klaegliche

Auseinanderlaufen der Eidgenossenschaft nur klaeglich beschoenigt. Es

war eine Katastrophe, welche lebhaft an diejenige erinnert, die im Jahre

1792 fast auf demselben Boden eintrat; und gleichwie in dem Feldzug

in der Champagne war die Niederlage nur um so schwerer, weil sie ohne

Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der abziehenden Armee

gestattete dem roemischen Feldherrn, dieselbe zu verfolgen, als waere

sie eine geschlagene, und einen Teil der bis zuletzt gebliebenen

Kontingente aufzureiben. Aber die Folgen des Sieges beschraenkten

sich hierauf nicht. Wie Caesar in die westlichen Kantone der Belgen

einrueckte, gab einer nach dem andern fast ohne Gegenwehr sich verloren:

die maechtigen Suessionen (um Soissons), ebenso wie ihre Nebenbuhler,

die Bellovaker (um Beauvais) und die Ambianer (um Amiens). Die Staedte

oeffneten die Tore, als sie die fremdartigen Belagerungsmaschinen, die

auf die Mauern zurollenden Tuerme erblickten; wer sich dem fremden

Herrn nicht ergeben mochte, suchte eine Zuflucht jenseits des Meeres in

Britannien. Aber in den oestlichen Kantonen regte sich energischer

das Nationalgefuehl. Die Viromanduer (um Arras), die Atrebaten (um

Saint-Quentin), die deutschen Aduatuker (um Namur), vor allem aber die

Nervier (im Hennegau) mit ihrer nicht geringen Klientel, an Zahl

den Suessionen und Bellovakern wenig nachgebend, an Tapferkeit und

kraeftigem Vaterlandssinn ihnen weit ueberlegen, schlossen einen zweiten

und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der oberen Samtire

zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste ueber die

Bewegungen der roemischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie die hohen

Verzaeunungen, welche in diesen Landschaften ueberall angelegt waren,

um den dieselben oft heimsuchenden berittenen Raeuberscharen den Weg zu

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 26 / 68 段