Seltenes, dass daselbst ein Krug Wein um einen Sklaven getauscht ward.
Auch andere Luxusartikel, wie zum Beispiel italische Pferde, fanden
in dem Keltenland vorteilhaften Absatz. Es kam sogar bereits vor, dass
roemische Buerger jenseits der roemischen Grenze Grundbesitz erwarben
und denselben nach italischer Art nutzten, wie denn zum Beispiel
roemische Landgueter im Kanton der Segusiaver (bei Lyon) schon um 673
(81) erwaehnt werden. Ohne Zweifel ist es hiervon eine Folge, dass, wie
schon gesagt ward, selbst in dem freien Gallien, zum Beispiel bei den
Arvernern, die roemische Sprache schon vor der Eroberung nicht unbekannt
war; obwohl sich freilich diese Kunde vermutlich noch auf wenige
beschraenkte und selbst mit den Vornehmen des verbuendeten Gaues
der Haeduer durch Dolmetscher verkehrt werden musste. So gut wie die
Haendler mit Feuerwasser und die Squatters die Besetzung Nordamerikas
einleiteten, so wiesen und winkten diese roemischen Weinhaendler und
Gutsbesitzer den kuenftigen Eroberer Galliens heran. Wie lebhaft man
auch auf der entgegengesetzten Seite dies empfand, zeigt das Verbot, das
einer der tuechtigsten Staemme des Keltenlandes, der Gau der Nervier,
gleich einzelnen deutschen Voelkerschaften, gegen den Handelsverkehr mit
den Roemern erliess. Ungestuemer noch als vom Mittellaendischen
Meere die Roemer, draengten vom Baltischen und der Nordsee herab die
Deutschen, ein frischer Stamm aus der grossen Voelkerwiege des Ostens,
der sich Platz machte neben seinen aelteren Bruedern mit jugendlicher
Kraft, freilich auch mit jugendlicher Roheit. Wenn auch die naechst am
Rhein wohnenden Voelkerschaften dieses Stammes, die Usipeten, Tencterer,
Sugambrer, Ubier, sich einigermassen zu zivilisieren angefangen und
wenigstens aufgehoert hatten, freiwillig ihre Sitze zu wechseln, so
stimmen doch alle Nachrichten dahin zusammen, dass weiter landeinwaerts
der Ackerbau wenig bedeutete und die einzelnen Staemme kaum noch
zu festen Sitzen gelangt waren. Es ist bezeichnend dafuer, dass die
westlichen Nachbarn in dieser Zeit kaum eines der Voelker des inneren
Deutschlands seinem Gaunamen nach zu nennen wussten, sondern dieselben
ihnen nur bekannt sind unter den allgemeinen Bezeichnungen der Sueben,
das ist der schweifenden Leute, der Nomaden, und der Markomannen, das
ist der Landwehr ^10 - Namen, die in Caesars Zeit schwerlich schon
Gaunamen waren, obwohl sie den Roemern als solche erschienen und spaeter
auch vielfach Gaunamen geworden sind. Der gewaltigste Andrang dieser
grossen Nation traf die Kelten. Die Kaempfe, die die Deutschen um den
Besitz der Landschaften oestlich vom Rheine mit den Kelten gefuehrt
haben moegen, entziehen sich vollstaendig unseren Blicken. Wir vermoegen
nur zu erkennen, dass um das Ende des siebenten Jahrhunderts Roms schon
alles Land bis zum Rhein den Kelten verloren war, die Boier, die einst
in Bayern und Boehmen gesessen haben mochten, heimatlos herumirrten und
selbst der ehemals von den Helvetiern besessene Schwarzwald wenn
auch noch nicht von den naechstwohnenden deutschen Staemmen in Besitz
genommen, doch wenigstens wuestes Grenzstreitland war - vermutlich
schon damals das, was es spaeter hiess: die helvetische Einoede. Die
barbarische Strategik der Deutschen, durch meilenweite Wuestlegung der
Nachbarschaft sich vor feindlichen Ueberfaellen zu sichern, scheint
hier im groessten Massstab Anwendung gefunden zu haben.
----------------------------------------------------- ^10 So sind
Caesars Sueben wahrscheinlich die Chatten; aber dieselbe Benennung
kam sicher zu Caesars Zeit und noch viel spaeter auch jedem anderen
deutschen Stamme zu, der als ein regelmaessig wandernder bezeichnet
werden konnte. Wenn also auch, wie nicht zu bezweifeln, der "Koenig der
Sueben" bei Mela (3, 1) und Plinius (nat. 2, 67, 170) Ariovist ist,
so folgt darum noch keineswegs, dass Ariovist ein Chatte war. Die
Markomannen als ein bestimmtes Volk lassen sich vor Marbod nicht
nachweisen; es ist sehr moeglich, dass das Wort bis dahin nichts
bezeichnet als was es etymologisch bedeutet, die Land- oder Grenzwehr.
Wenn Caesar (Galt. 1, 51) unter den im Heere Ariovists fechtenden
Voelkern Markomannen erwaehnt, so kann er auch hier eine bloss
appellative Bezeichnung ebenso missverstanden haben, wie dies bei
den Sueben entschieden der Fall ist.
--------------------------------------------------- Aber die Deutschen
waren nicht stehen geblieben am Rheine. Der seinem Kern nach aus
deutschen Staemmen zusammengesetzte Heereszug der Kimbrer und Teutonen,
der fuenfzig Jahre zuvor ueber Pannonien, Gallien, Italien und Spanien
so gewaltig hingebraust war, schien nichts gewesen zu sein als eine
grossartige Rekognoszierung. Schon hatten westlich vom Rhein, namentlich
dem untern Lauf desselben, verschiedene deutsche Staemme bleibende Sitze
gefunden: als Eroberer eingedrungen, fuhren diese Ansiedler fort,
von ihren gallischen Umwohnern gleich wie von Untertanen Geiseln
einzufordern und jaehrlichen Tribut zu erheben. Dahin gehoerten die
Aduatuker, die aus einem Splitter der Kimbrermasse zu einem ansehnlichen
Gau geworden waren, und eine Anzahl anderer, spaeter unter dem Namen der
Tungrer zusammengefasster Voelkerschaften an der Maas in der Gegend von
Luettich; sogar die Treverer (um Trier) und die Nervier (im Hennegau),
zwei der groessten und maechtigsten Voelkerschaften dieser Gegend,
bezeichnen achtbare Autoritaeten geradezu als Germanen. Die
vollstaendige Glaubwuerdigkeit dieser Berichte muss allerdings
dahingestellt bleiben, da es, wie Tacitus in Beziehung auf die zuletzt
erwaehnten beiden Voelker bemerkt, spaeterhin wenigstens in diesen
Strichen fuer eine Ehre galt, von deutschem Blute abzustammen und nicht
zu der gering geachteten keltischen Nation zu gehoeren: doch scheint die
Bevoelkerung in dem Gebiet der Schelde, Maas und Mosel allerdings in der
einen oder andern Weise sich stark mit deutschen Elementen gemischt
oder doch unter deutschen Einfluessen gestanden zu haben. Die deutschen
Ansiedlungen selbst waren vielleicht geringfuegig; unbedeutend waren
sie nicht, denn in dem chaotischen Dunkel, in dem wir um diese Zeit die
Voelkerschaften am rechten Rheinufer auf- und niederwogen sehen, laesst
sich doch wohl erkennen, dass groessere deutsche Massen auf der Spur
jener Vorposten sich anschickten, den Rhein zu ueberschreiten. Von zwei
Seiten durch die Fremdherrschaft bedroht und in sich zerrissen, war es
kaum zu erwarten, dass die unglueckliche keltische Nation sich jetzt
noch emporraffen und mit eigener Kraft sich erretten werde. Die
Zersplitterung und der Untergang in der Zersplitterung war bisher ihre
Geschichte; wie sollte eine Nation, die keinen Tag nannte gleich denen
von Marathon und Salamis, von Aricia und dem Raudischen Felde, eine
Nation, die selbst in ihrer frischen Zeit keinen Versuch gemacht hatte,
Massalia mit gesamter Hand zu vernichten, jetzt, da es Abend ward, so
furchtbarer Feinde sich erwehren? Je weniger die Kelten, sich selbst
ueberlassen, den Germanen gewachsen waren, desto mehr Ursache hatten
die Roemer, die zwischen den beiden Nationen obwaltenden Verwicklungen
sorgsam zu ueberwachen. Wenn auch die daraus entspringenden Bewegungen
sie bis jetzt nicht unmittelbar beruehrt hatten, so waren sie doch
bei dem Ausgang derselben mit ihren wichtigsten Interessen beteiligt.
Begreiflicherweise hatte die innere Haltung der keltischen Nation sich
mit ihren auswaertigen Beziehungen rasch und nachhaltig verflochten. Wie
in Griechenland die lakedaemonische Partei sich gegen die Athener
mit Persien verband, so hatten die Roemer von ihrem ersten Auftreten
jenseits der Alpen an gegen die Arverner, die damals unter den
suedlichen Kelten die fuehrende Macht waren, an deren Nebenbuhlern um
die Hegemonie, den Haeduern, eine Stuetze gefunden und mit Hilfe dieser
neuen "Brueder der roemischen Nation" nicht bloss die Allobrogen und
einen grossen Teil des mittelbaren Gebiets der Arverner sich untertaenig
gemacht, sondern auch in dem freigebliebenen Gallien durch ihren
Einfluss den Uebergang der Hegemonie von den Arvernern auf diese Haeduer
veranlasst. Allein wenn den Griechen nur von einer Seite her fuer ihre
Nationalitaet Gefahr drohte, so sahen sich die Kelten zugleich von zwei
Landesfeinden bedraengt, und es war natuerlich, dass man bei dem einen
vor dem anderen Schutz suchte und dass, wenn die eine Keltenpartei sich
den Roemern anschloss, ihre Gegner dagegen mit den Deutschen Buendnis
machten. Am naechsten lag dies den Belgen, die durch Nachbarschaft und
vielfaeltige Mischung den ueberrheinischen Deutschen genaehert waren
und ueberdies bei ihrer minder entwickelten Kultur sich dem stammfremden
Sueben wenigstens ebenso verwandt fuehlen mochten als dem gebildeten
allobrogischen oder helvetischen Landsmann. Aber auch die suedlichen
Kelten, bei welchen jetzt, wie schon gesagt, der ansehnliche Gau der
Sequaner (um Besan‡on) an der Spitze der den Roemern feindlichen Partei
stand, hatten alle Ursache, gegen die sie zunaechst bedrohenden Roemer
ebenjetzt die Deutschen herbeizurufen; das laessige Regiment des Senats
und die Anzeichen der in Rom sich vorbereitenden Revolution, die den
Kelten nicht unbekannt geblieben waren, liessen gerade diesen Moment als
geeignet erscheinen, um des roemischen Einflusses sich zu entledigen und
zunaechst deren Klienten, die Haeduer, zu demuetigen. Ueber die Zoelle
auf der Saone, die das Gebiet der Haeduer von dem der Sequaner schied,
war es zwischen den beiden Gauen zum Bruch gekommen und um das Jahr 683
(71) hatte der deutsche Fuerst Ariovist mit etwa 15000 Bewaffneten als
Condottiere der Sequaner den Rhein ueberschritten. Der Krieg zog manches
Jahr unter wechselnden Erfolgen sich hin; im ganzen waren die Ergebnisse
den Haeduern unguenstig. Ihr Fuehrer Eporedorix bot endlich die ganze
Klientel auf und zog mit ungeheurer Uebermacht aus gegen die Germanen.
Diese verweigerten beharrlich den Kampf und hielten sich gedeckt in
Suempfen und Waeldern. Als aber dann die Clans, des Harrens muede,
anfingen aufzubrechen und sich aufzuloesen, erschienen die Deutschen in
freiem Felde und nun erzwang bei Admagetobriga Ariovist die Schlacht, in
der die Bluete der Ritterschaft der Haeduer auf dem Kampfplatze blieb.
Die Haeduer, durch diese Niederlage gezwungen, auf die Bedingungen, wie
der Sieger sie stellte, Frieden zu schliessen, mussten auf die Hegemonie
verzichten und mit ihrem ganzen Anhang in die Klientel der Sequaner sich
fuegen, auch sich anheischig machen, den Sequanern oder vielmehr dem
Ariovist Tribut zu zahlen und die Kinder ihrer vornehmsten Adligen als
Geiseln zu stellen, endlich eidlich versprechen, weder diese Geiseln
je zurueckzufordern noch die Intervention der Roemer anzurufen. Dieser
Friede ward, wie es scheint, um 693 (61) geschlossen ^11. Ehre und
Vorteil geboten den Roemern, dagegen aufzutreten; der vornehme Haeduer
Divitiacus, das Haupt der roemischen Partei in seinem Clan und darum
jetzt von seinen Landsleuten verbannt, ging persoenlich nach Rom, um
ihre Dazwischenkunft zu erbitten; eine noch ernstere Warnung war der
Aufstand der Allobrogen 693 (61), der Nachbarn der Sequaner, welcher
ohne Zweifel mit diesen Ereignissen zusammenhing. In der Tat ergingen
Befehle an die gallischen Statthalter, den Haeduern beizustehen; man
sprach davon, Konsuln und konsularische Armeen ueber die Alpen zu
senden; allein der Senat, an den diese Angelegenheiten zunaechst zur
Entscheidung kamen, kroente schliesslich auch hier grosse Worte mit
kleinen Taten: die allobrogische Insurrektion ward mit den Waffen
unterdrueckt, fuer die Haeduer aber geschah nicht nur nichts, sondern es
ward sogar Ariovist im Jahre 695 (59) in das Verzeichnis der den Roemern
befreundeten Koenige eingeschrieben ^12. Der deutsche Kriegsfuerst nahm
dies begreiflicherweise als Verzicht der Roemer auf das nicht von ihnen
eingenommene Keltenland; er richtete demgemaess sich hier haeuslich
ein und fing an, auf gallischem Boden ein deutsches Fuerstentum zu
begruenden. Die zahlreichen Haufen, die er mitgebracht hatte, die noch
zahlreicheren, die auf seinen Ruf spaeter aus der Heimat nachkamen -
man rechnete, dass bis zum Jahre 696 (58) etwa 120000 Deutsche den
Rhein ueberschritten -, diese ganze gewaltige Einwanderung der deutschen
Nation, welche durch die einmal geoeffneten Schleusen stromweise ueber
den schoenen Westen sich ergoss, gedachte er daselbst ansaessig zu
machen und auf dieser Grundlage seine Herrschaft ueber das Keltenland
aufzubauen. Der Umfang der von ihm am linken Rheinufer ins Leben
gerufenen deutschen Ansiedlungen laesst sich nicht bestimmen; ohne
Zweifel reichte er weit und noch viel weiter seine Entwuerfe. Die Kelten
wurden von ihm als eine im ganzen unterworfene Nation behandelt und
zwischen den einzelnen Gauen kein Unterschied gemacht. Selbst die
Sequaner, als deren gedungener Feldhauptmann er den Rhein ueberschritten
hatte, mussten dennoch, als waeren auch sie besiegte Feinde, ihm fuer
seine Leute ein Drittel ihrer Mark abtreten - vermutlich den spaeter von
den Tribokern bewohnten oberen Elsass, wo Ariovist sich mit den Seinigen
auf die Dauer einrichtete; ja als sei dies nicht genug, ward ihnen
nachher fuer die nachgekommenen Haruder noch ein zweites Drittel
abverlangt. Ariovist schien im Keltenland die Rolle des makedonischen
Philipp uebernehmen und ueber die germanisch gesinnten Kelten nicht
minder wie ueber die den Roemern anhaengenden den Herrn spielen zu
wollen. ------------------------------------------------- ^11 Ariovists
Ankunft in Gallien ist nach Caesar (Gall. 1, 36) auf 683 (71), die
Schlacht von Admagetobriga (denn so heisst der einer falschen Inschrift
zuliebe jetzt gewoehnlich Magetobriga genannte Ort) nach Caesar (Gall.
1, 35) und Cicero (Art. 1, 19) auf 693 (61) gesetzt worden. ^12 Um
diesen Hergang der Dinge nicht unglaublich zu finden oder demselben
gar tiefere Motive unterzulegen, als staatsmaennische Unwissenheit
und Faulheit sind, wird man wohltun, den leichtfertigen Ton sich zu
vergegenwaertigen, in dem ein angesehener Senator wie Cicero in
seiner Korrespondenz sich ueber diese wichtigen
transalpinischen Angelegenheiten auslaesst.
------------------------------------------------ Das Auftreten des
kraeftigen deutschen Fuersten in einer so gefaehrlichen Naehe, das schon
an sich die ernstesten Besorgnisse der Roemer erwecken musste, erschien
noch bedrohlicher insofern, als dasselbe keineswegs vereinzelt stand.
Auch die am rechten Rheinufer ansaessigen Usipeten und Tencterer waren,
der unaufhoerlichen Verheerung ihres Gebiets durch die uebermuetigen
Suebenstaemme muede, das Jahr bevor Caesar in Gallien eintraf (695
59) aus ihren bisherigen Sitzen aufgebrochen, um sich andere an der
Rheinmuendung zu suchen. Schon hatten sie dort den Menapiern den auf
dem rechten Ufer belegenen Teil ihres Gebiets weggenommen, und es war
vorherzusehen, dass sie den Versuch machen wuerden, auch auf dem linken
sich festzusetzen. Zwischen Koeln und Mainz sammelten ferner sich
suebische Haufen und drohten in dem gegenueberliegenden Keltengau der
Treverer als ungeladene Gaeste zu erscheinen. Endlich ward auch
das Gebiet des oestlichsten Clans der Kelten, der streitbaren und
zahlreichen Helvetier, immer nachdruecklicher von den Germanen
heimgesucht, so dass die Helvetier, die vielleicht schon ohnehin durch
das Zurueckstroemen ihrer Ansiedler aus dem verlorenen Gebiet nordwaerts
vom Rheine an Ueberbevoelkerung litten, ueberdies durch die Festsetzung
Ariovists im Gebiet der Sequaner, einer voelligen Isolierung von ihren
Stammgenossen entgegengingen, den verzweifelten Entschluss fassten, ihr
bisheriges Gebiet freiwillig den Germanen zu raeumen und westlich vom
Jura geraeumigere und fruchtbarere Sitze und zugleich womoeglich die
Hegemanie im inneren Gallien zu gewinnen - ein Plan, den schon waehrend
der kimbrischen Invasion einige ihrer Distrikte gefasst und auszufuehren
versucht hatten. Die Rauraker, deren Gebiet (Basel und der suedliche
Elsass) in aehnlicher Weise bedroht war, ferner die Reste der Boier,
die bereits frueher von den Germanen gezwungen waren, ihrer Heimat
den Ruecken zu kehren, und nun unstet umherirrten, und andere kleinere
Staemme machten mit den Helvetiern gemeinschaftliche Sache. Bereits
693 (61) kamen ihre Streiftrupps ueber den Jura und selbst bis in die
roemische Provinz; der Aufbruch selbst konnte nicht mehr lange sich
verzoegern; unvermeidlich rueckten alsdann germanische Ansiedler nach in
die von ihren Verteidigern verlassene wichtige Landschaft zwischen dem
Boden- und dem Genfersee. Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen
Ozean waren die deutschen Staemme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von
ihnen bedroht; es war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich
ueber das sinkende Reich der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien
gegen die Kelten ebendas ins Werk gesetzt werden zu sollen, was ein
halbes Jahrtausend spaeter gegen die Roemer gelang. Unter diesen
Verhaeltnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im Fruehling 696
(58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner urspruenglichen,
das Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien umfassenden
Statthalterschaft durch Senatsbeschluss hinzugefuegt worden war. Sein
Amt, das ihm zuerst auf fuenf (bis Ende 700 54), dann im Jahre 699 (55)
auf weitere fuenf Jahre (bis Ende 705 49) uebertragen ward, gab ihm das
Recht, zehn Unterbefehlshaber von propraetorischem Rang zu ernennen, und
- wenigstens nach seiner Auslegung - aus der besonders im Diesseitigen
Gallien zahlreichen Buergerbevoelkerung des ihm gehorchenden Gebiets
nach Gutduenken seine Legionen zu ergaenzen oder auch neue zu bilden.
Das Heer, das er in den beiden Provinzen uebernahm, bestand an
Linienfussvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der
siebenten, achten, neunten und zehnten, oder hoechstens 24000 Mann, wozu
dann, wie ueblich, die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und
Leichtbewaffnete waren ausserdem vertreten durch Reiter aus Spanien und
numidische, kretische, balearische Schuetzen und Schleuderer. Caesars
Stab, die Elite der hauptstaedtischen Demokratie, enthielt neben nicht
wenigen unbrauchbaren, vornehmen jungen Maennern einzelne faehige
Offiziere, wie Publius Crassus, den juengeren Sohn des alten politischen
Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus, der dem Haupt der Demokratie
als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld gefolgt war.
Bestimmte Auftraege hatte Caesar nicht erhalten; fuer den Einsichtigen
und Mutigen lagen sie in den Verhaeltnissen. Auch hier war nachzuholen,
was der Senat versaeumt hatte, und vor allen Dingen der Strom der
deutschen Voelkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit
der deutschen eng verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete
helvetische Invasion. Um die verlassenen Huetten nicht den Germanen zu
goennen, und um sich selber die Rueckkehr unmoeglich zu machen, hatten
die Helvetier ihre Staedte und Weiler niedergebrannt, und ihre langen
Wagenzuege, mit Weibern, Kindern und dem besten Teil der Fahrnis
beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava (Genf) ein, wo
sie und ihre Genossen sich zum 28. Maerz ^13 dieses Jahres Rendezvous
gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zaehlung bestand die gesamte Masse
aus 368000 Koepfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen
zu tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich erstreckend
die helvetische Landschaft gegen Westen fast vollstaendig abschloss und
dessen schmale Defileen fuer den Durchzug einer solchen Karawane ebenso
schlecht geeignet waren wie gut fuer die Verteidigung, hatten darum die
Fuehrer beschlossen, in suedlicher Richtung zu umgehen und den Weg
nach Westen sich da zu eroeffnen, wo zwischen dem suedwestlichen und
hoechsten Teil des Jura und den savoyischen Bergen bei dem heutigen
Fort de l'Ecluse die Rhone die Gebirgsketten durchbrochen hat. Allein am
rechten Ufer treten hier die Felsen und Abgruende so hart an den Fluss,
dass nur ein schmaler, leicht zu sperrender Pfad uebrig bleibt und die
Sequaner, denen dies Ufer gehoerte, den Helvetiern mit Leichtigkeit den
Pass verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb des Durchbruchs
der Rhone auf das linke allobrogische Ufer ueberzugehen, um weiter
stromabwaerts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das rechte zu
gewinnen und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu ziehen; dort
war der fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal der
Charente) am Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen Wohnsitz
ausersehen. Dieser Marsch fuehrte, wo er das linke Rhoneufer betrat,
durch roemisches Gebiet; und Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich die
Festsetzung der Helvetier im westlichen Gallien gefallen zu lassen, war
fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu gestatten. Allein von
seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei Aquileia; obwohl er
die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot, schien es kaum
moeglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen Keltenschwarm
den Uebergang ueber die Rhone, von ihrem Austritt aus dem Leman bei Genf
bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als drei deutschen
Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch Unterhandlungen mit den
Helvetiern, die den Uebergang ueber den Fluss und den Marsch durch das
allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise bewerkstelligt
haetten, eine Frist von fuenfzehn Tagen, welche dazu benutzt ward, die
Rhonebruecke bei Genava (Genf) abzubrechen und das suedliche Ufer der
Rhone durch eine fast vier deutsche Meilen lange Verschanzung dem Feinde
zu sperren - es war die erste Anwendung des von den Roemern spaeter
in so ungeheurem Umfang durchgefuehrten Systems, mittels einer Kette
einzelner, durch Waelle und Graeben miteinander in Verbindung gesetzter
Schanzen die Reichsgrenze militaerisch zu schliessen. Die Versuche der
Helvetier, auf Kaehnen oder mittels Furten an verschiedenen Stellen
das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen Linien von den Roemern
gluecklich vereitelt und die Helvetier genoetigt, von dem Rhoneuebergang
abzustehen. Dagegen vermittelte die den Roemern feindlich gesinnte
Partei in Gallien, die an den Helvetiern eine maechtige Verstaerkung zu
erhalten hoffte, namentlich der Haeduer Dumnorix, des Divitiacus Bruder
und in seinem Gau wie dieser an der Spitze der roemischen so seinerseits
an der Spitze der nationalen Partei, ihnen den Durchmarsch durch die
Jurapaesse und das Gebiet der Sequaner. Dies zu verbieten hatten
die Roemer keinen Rechtsgrund; allein es standen fuer sie bei dem
helvetischen Heerzug andere und hoehere Interessen auf dem Spiel als die
Frage der formellen Integritaet des roemischen Gebiets - Interessen, die
nur gewahrt werden konnten, wenn Caesar, statt, wie alle Statthalter
des Senats, wie selbst Marius getan, auf die bescheidene Aufgabe der
Grenzbewachung sich zu beschraenken, an der Spitze einer ansehnlichen
Armee die bisherige Reichsgrenze ueberschritt. Caesar war Feldherr nicht
des Senats, sondern des Staates: er schwankte nicht. Sogleich von Genava
aus hatte er sich in eigener Person nach Italien begeben und mit der ihm
eigenen Raschheit die drei dort kantonnierenden sowie zwei neugebildete
Rekrutenlegionen herangefuehrt. Diese Truppen vereinigte er mit dem
bei Genava stehenden Korps und ueberschritt mit der gesamten Macht
die Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Haeduer brachte