Wenn von dem armseligen Einerlei des politischen Egoismus, der in der

Kurie und auf den Strassen der Hauptstadt seine Schlachten schlug, sich

der Gang der Geschichte wieder zu Dingen wendet, die wichtiger sind als

die Frage, ob der erste Monarch Roms Gnaeus, Gaius oder Marcus heissen

wird, so mag es wohl gestattet sein, an der Schwelle eines Ereignisses,

dessen Folgen noch heute die Geschicke der Welt bestimmen, einen

Augenblick umzuschauen und den Zusammenhang zu bezeichnen, in welchem

die Eroberung des heutigen Frankreich durch die Roemer und ihre ersten

Beruehrungen mit den Bewohnern Deutschlands und Grossbritanniens

weltgeschichtlich aufzufassen sind. Kraft des Gesetzes, dass das zum

Staat entwickelte Volk die politisch unmuendigen, das zivilisierte die

geistig unmuendigen Nachbarn in sich aufloest - kraft dieses Gesetzes,

das so allgemeingueltig und so sehr Naturgesetz ist wie das Gesetz der

Schwere, war die italische Nation, die einzige des Altertums, welche die

hoehere politische Entwicklung und die hoehere Zivilisation, wenn auch

letztere nur in unvollkommener und aeusserlicher Weise, miteinander zu

verbinden vermocht hat, befugt, die zum Untergang reifen griechischen

Staaten des Ostens sich untertan zu machen und die Voelkerschaften

niedrigerer Kulturgrade im Westen, Libyer, Iberer, Kelten, Germanen,

durch ihre Ansiedler zu verdraengen - eben wie England mit gleichem

Recht in Asien eine ebenbuertige, aber politisch impotente Zivilisation

sich unterworfen, in Amerika und Australien ausgedehnte barbarische

Landschaften mit dem Stempel seiner Nationalitaet bezeichnet und geadelt

hat und noch fortwaehrend bezeichnet und adelt. Die Vorbedingung

dieser Aufgabe, die Einigung Italiens, hatte die roemische Aristokratie

vollbracht; die Aufgabe selber hat sie nicht geloest, sondern die

ausseritalischen Eroberungen stets nur entweder als notwendiges

Uebel oder auch als einen gleichsam ausserhalb des Staates stehenden

Rentenbesitz betrachtet. Es ist der unvergaengliche Ruhm der roemischen

Demokratie oder Monarchie - denn beides faellt zusammen -, dass sie jene

hoechste Bestimmung richtig begriffen und kraeftig verwirklicht hat.

Was die unwiderstehliche Macht der Verhaeltnisse durch den wider seinen

Willen die Grundlagen der kuenftigen roemischen Herrschaft im Westen wie

im Osten feststellenden Senat vorbereitet hatte, was dann die roemische

Emigration in die Provinzen, die zwar als Landplage kam, aber in die

westlichen Landschaften doch auch als Pionier einer hoeheren Kultur,

instinktmaessig betrieb, das hat der Schoepfer der roemischen Demokratie

Gaius Gracchus mit staatsmaennischer Klarheit und Sicherheit erfasst und

durchzufuehren begonnen. Die beiden Grundgedanken der neuen Politik:

das Machtgebiet Roms, soweit es hellenisch war, zu reunieren, soweit

es nicht hellenisch war, zu kolonisieren, waren mit der Einziehung des

Attalischen Reiches, mit den transalpinischen Eroberungen des Flaccus

bereits in der gracchischen Zeit praktisch anerkannt worden; aber die

obsiegende Reaktion liess sie wieder verkuemmern. Der roemische Staat

blieb eine wueste Laendermasse ohne intensive Okkupation und ohne

gehoerige Grenzen; Spanien und die griechisch-asiatischen Besitzungen

waren durch weite, kaum in ihren Kuestensaeumen den Roemern untertaenige

Gebiete von dem Mutterland geschieden, an der afrikanischen Nordkueste

nur die Gebiete von Karthago und Kyrene inselartig okkupiert, selbst

von dem untertaenigen Gebiet grosse Strecken, namentlich in Spanien, den

Roemern nur dem Namen nach unterworfen: von Seiten der Regierung

aber geschah zur Konzentrierung und Arrondierung der Herrschaft

schlechterdings nichts, und der Verfall der Flotte schien endlich

das letzte Band zwischen den entlegenen Besitzungen zu loesen. Wohl

versuchte die Demokratie, wie sie nur wieder ihr Haupt erhob, auch

die aeussere Politik im Geiste des Gracchus zu gestalten, wie denn

namentlich Marius mit solchen Ideen sich trug; aber da sie nicht auf die

Dauer ans Ruder kam, blieb es bei Entwuerfen. Erst als mit dem Sturz der

Sullanischen Verfassung im Jahre 684 (70) die Demokratie tatsaechlich

das Regiment in die Hand nahm, trat auch in dieser Hinsicht

ein Umschwung ein. Vor allen Dingen ward die Herrschaft auf dem

Mittellaendischen Meere wiederhergestellt, die erste Lebensfrage fuer

einen Staat wie der roemische war. Gegen Osten wurde weiter durch die

Einziehung der pontischen und syrischen Landschaften die Euphratgrenze

gesichert. Aber noch war es uebrig, jenseits der Alpen zugleich

das roemische Gebiet gegen Norden und Westen abzuschliessen und der

hellenischen Zivilisation, der noch keineswegs gebrochenen Kraft des

italischen Stammes hier einen neuen jungfraeulichen Boden zu gewinnen.

Dieser Aufgabe hat Gaius Caesar sich unterzogen. Es ist mehr als

ein Irrtum, es ist ein Frevel gegen den in der Geschichte maechtigen

heiligen Geist, wenn man Gallien einzig als den Exerzierplatz

betrachtet, auf dem Caesar sich und seine Legionen fuer den

bevorstehenden Buergerkrieg uebte. Wenn auch die Unterwerfung des

Westens fuer Caesar insofern ein Mittel zum Zweck war, als er in den

transalpinischen Kriegen seine spaetere Machtstellung begruendet hat,

so ist ebendies das Privilegium des staatsmaennischen Genius, dass

seine Mittel selbst wieder Zwecke sind. Caesar bedurfte wohl fuer seine

Parteizwecke einer militaerischen Macht; Gallien aber hat er nicht

als Parteimann erobert. Es war zunaechst fuer Rom eine politische

Notwendigkeit, der ewig drohenden Invasion der Deutschen schon jenseits

der Alpen zu begegnen und dort einen Damm zu ziehen, der der roemischen

Welt den Frieden sicherte. Aber auch dieser wichtige Zweck war noch

nicht der hoechste und letzte, weshalb Gallien von Caesar erobert ward.

Als der roemischen Buergerschaft die alte Heimat zu eng geworden war

und sie in Gefahr stand zu verkuemmern, rettete die italische

Eroberungspolitik des Senats dieselbe vom Untergang. Jetzt war auch die

italische Heimat wieder zu eng geworden; wieder siechte der Staat

an denselben in gleicher Art, nur in groesseren Verhaeltnissen sich

wiederholenden sozialen Missstaenden. Es war ein genialer Gedanke, eine

grossartige Hoffnung, welche Caesar ueber die Alpen fuehrte: der Gedanke

und die Zuversicht, dort seinen Mitbuergern eine neue, grenzenlose

Heimat zu gewinnen und den Staat zum zweitenmal dadurch zu regenerieren,

dass er auf eine breitere Basis gestellt ward. Gewissermassen laesst

sich zu den auf die Unterwerfung des Westens abzielenden Unternehmungen

schon der Feldzug rechnen, den Caesar im Jahre 693 (61) im Jenseitigen

Spanien unternahm. Wielange auch Spanien schon den Roemern gehorchte,

immer noch war selbst nach der Expedition des Decimus Brutus gegen die

Callaeker das westliche Gestade von den Roemern wesentlich unabhaengig

geblieben und die Nordkueste noch gar von ihnen nicht betreten worden;

und die Raubzuege, denen von dort aus die untertaenigen Landschaften

fortwaehrend sich ausgesetzt sahen, taten der Zivilisierung und

Romanisierung Spaniens nicht geringen Eintrag. Hiergegen richtete sich

Caesars Zug an der Westkueste hinauf. Er ueberschritt die den Tajo

noerdlich begrenzende Kette der Herminischen Berge (Sierra de Estrella),

nachdem er die Bewohner derselben ueberwunden und zum Teil in die Ebene

uebergesiedelt hatte, unterwarf die Landschaft zu beiden Seiten des

Duero und gelangte bis an die nordwestliche Spitze der Halbinsel, wo er

mit Hilfe einer von Gades herbeigezogenen Flottille Brigantium (Coru¤a)

einnahm. Dadurch wurden die Anwohner des Atlantischen Ozeans, Lusitaner

und Callaeker zur Anerkennung der roemischen Suprematie gezwungen,

waehrend der Ueberwinder zugleich darauf bedacht war, durch Herabsetzung

der nach Rom zu entrichtenden Tribute und Regulierung der oekonomischen

Verhaeltnisse der Gemeinden die Lage der Untertanen ueberhaupt

leidlicher zu gestalten. Indes wenn auch schon in diesem militaerischen

und administrativen Debuet des grossen Feldherrn und Staatsmannes

dieselben Talente und dieselben leitenden Gedanken durchschimmern, die

er spaeter auf groesseren Schauplaetzen bewaehrt hat, so war doch seine

Wirksamkeit auf der Iberischen Halbinsel viel zu voruebergehend, um tief

einzugreifen, um so mehr als bei deren eigentuemlichen physischen und

nationalen Verhaeltnissen nur eine laengere Zeit hindurch mit Stetigkeit

fortgesetzte Taetigkeit hier eine dauernde Wirkung aeussern konnte. Eine

bedeutendere Rolle in der romanischen Entwicklung des Westens war der

Landschaft bestimmt, welche zwischen den Pyrenaeen und dem Rheine, dem

Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean sich ausbreitet und an der seit

der augustinischen Zeit der Name des Keltenlandes, Gallien, vorzugsweise

haftet, obwohl genau genommen das Keltenland teils enger ist, teils viel

weiter sich erstreckt und jene Landschaft niemals eine nationale und

nicht vor Augustus eine politische Einheit gebildet hat. Es ist eben

darum nicht leicht, von den in sich sehr ungleichartigen Zustaenden,

die Caesar bei seinem Eintreffen daselbst im Jahre 696 (58) vorfand, ein

anschauliches Bild zu entwerfen. In der Landschaft am Mittelmeer, welche

ungefaehr, im Westen der Rhone Languedoc, im Osten Dauphine und Provence

umfassend, seit sechzig Jahren roemische Provinz war, hatten seit dem

kimbrischen Sturm, der auch ueber sie hingebraust war, die roemischen

Waffen selten geruht. 664 (90) hatte Gaius Caelius mit den Salyern um

Aquae Sextiae, 674 (80) Gaius Flaccus auf dem Marsch nach Spanien mit

anderen keltischen Gauen gekaempft. Als im Sertorianischen Krieg der

Statthalter Lucius Manlius, genoetigt, seinen Kollegen jenseits der

Pyrenaeen zu Hilfe zu eilen, geschlagen von Ilerda (Lerida) zurueckkam

und auf dem Heimweg von den westlichen Nachbarn der roemischen Provinz,

den Aquitanern, zum zweitenmal besiegt ward (um 676 78), scheint dies

einen allgemeinen Aufstand der Provinzialen zwischen den Pyrenaeen

und der Rhone, vielleicht selbst derer zwischen Rhone und Alpen

hervorgerufen zu haben. Pompeius musste sich durch das empoerte Gallien

seinen Weg nach Spanien mit dem Schwerte bahnen und gab zur Strafe

fuer die Empoerung die Marken der Volker-Arekomiker und der Helvier

(Departement Gard und Ardeche) den Massalioten zu eigen; der Statthalter

Manius Fonteius (678-680 76-74) fuehrte diese Anordnungen aus und

stellte die Ruhe in der Provinz wieder her, indem er die Vocontier

(Departement Drome) niederwarf, Massalia vor den Aufstaendischen

schuetzte und die roemische Hauptstadt Narbo, die sie berannten, wieder

befreite. Die Verzweiflung indes und die oekonomische Zerruettung,

welche die Mitleidenschaft unter dem Spanischen Krieg und ueberhaupt

die amtlichen und nichtamtlichen Erpressungen der Roemer ueber die

gallischen Besitzungen brachten, liess dieselben nicht zur Ruhe

kommen und namentlich der von Narbo am weitesten entfernte Kanton der

Allobrogen war in bestaendiger Gaerung, von der die "Friedensstiftung",

die Gaius Piso dort 688 (66) vornahm, sowie das Verhalten

der allobrogischen Gesandtschaft in Rom bei Gelegenheit des

Anarchistenkomplotts 691 (63) Zeugnis ablegen und die bald darauf (693

61) in offene Empoerung ausbrach. Catugnatus, der Fuehrer der Allobrogen

in diesem Kriege der Verzweiflung, ward, nachdem er anfangs nicht

ungluecklich gefochten, bei Solonium nach ruehmlicher Gegenwehr von

dem Statthalter Gaius Pomptinus ueberwunden. Trotz aller dieser

Kaempfe wurden die Grenzer. des roemischen Gebiets nicht wesentlich

vorgeschoben; Lugudunum Convenarum, wo Pompeius die Truemmer der

Sertorianischen Armee angesiedelt hatte, Tolosa, Vienna und Genava

waren immer noch die aeussersten roemischen Ortschaften gegen Westen und

Norden. Dabei aber war die Bedeutung dieser gallischen Besitzungen fuer

das Mutterland bestaendig im Steigen; das herrliche, dem italischen

verwandte Klima, die guenstigen Bodenverhaeltnisse, das dem Handel so

foerderliche grosse und reiche Hinterland mit seinen bis nach Britannien

reichenden Kaufstrassen, der bequeme Land- und Seeverkehr mit der Heimat

gaben rasch dem suedlichen Kettenland eine oekonomische Wichtigkeit fuer

Italien, die viel aeltere Besitzungen, wie zum Beispiel die spanischen,

in Jahrhunderten nicht erreicht hatten; und wie die politisch

schiffbruechigen Roemer in dieser Zeit vorzugsweise in Massalia eine

Zufluchtsstaette suchten und dort italische Bildung wie italischen

Luxus wiederfanden, so zogen sich auch die freiwilligen Auswanderer

aus Italien mehr und mehr an die Rhone und die Garonne. "Die Provinz

Gallien", heisst es in einer zehn Jahre vor Caesars Ankunft entworfenen

Schilderung, "ist voll von Kaufleuten; sie wimmelt von roemischen

Buergern. Kein Gallier macht ein Geschaeft ohne Vermittlung eines

Roemers; jeder Pfennig, der in Gallien aus einer Hand in die andere

kommt, geht durch die Rechnungsbuecher der roemischen Buerger". Aus

derselben Schilderung ergibt sich, dass in Gallien auch ausser den

Kolonisten von Narbo roemische Landwirte und Viehzuechter in grosser

Anzahl sich aufhielten; wobei uebrigens nicht ausser acht zu lassen

ist, dass das meiste von Roemern besessene Provinzland, eben wie

in fruehester Zeit der groesste Teil der englischen Besitzungen in

Nordamerika, in den Haenden des hohen, in Italien lebenden Adels war

und jene Ackerbauer und Viehzuechter zum groessten Teil aus deren

Verwaltern, Sklaven oder Freigelassenen bestanden. Es ist begreiflich,

dass unter solchen Verhaeltnissen die Zivilisierung und die

Romanisierung unter den Eingeborenen rasch um sich griff. Diese Kelten

liebten den Ackerbau nicht; ihre neuen Herren aber zwangen sie, das

Schwert mit dem Pfluge zu vertauschen, und es ist sehr glaublich, dass

der erbitterte Widerstand der Allobrogen zum Teil eben durch dergleichen

Anordnungen hervorgerufen ward. In aelteren Zeiten hatte der Hellenismus

auch diese Landschaften bis zu einem gewissen Grade beherrscht; die

Elemente hoeherer Gesittung, die Anregungen zu Wein- und Oelbau, zum

Gebrauche der Schrift ^1 und zur Muenzpraegung kamen ihnen von Massalia.

Auch durch die Roemer ward die hellenische Kultur hier nichts weniger

als verdraengt; Massalia gewann durch sie mehr an Einfluss als es

verlor, und noch in der roemischen Zeit wurden griechische Aerzte und

Rhetoren in den gallischen Kantons von Gemeinde wegen angestellt. Allein

begreiflicherweise erhielt doch der Hellenismus im suedlichen Keltenland

durch die Roemer denselben Charakter wie in Italien: die spezifisch

hellenische Zivilisation wich der lateinisch- griechischen Mischkultur,

die bald hier Proselyten in grosser Anzahl machte. Die "Hosengallier",

wie man im Gegensatz zu den norditalischen "Galliern in der Toga" die

Bewohner des suedlichen Keltenlandes nannte, waren zwar nicht wie jene

bereits vollstaendig romanisiert, aber sie unterschieden sich doch schon

sehr merklich von den "langhaarigen Galliern" der noch unbezwungenen

noerdlichen Landschaften. Die bei ihnen sich einbuergernde Halbkultur

gab zwar Stoff genug her zu Spoettereien ueber ihr barbarisches Latein,

und man unterliess es nicht, dem, der im Verdacht keltischer Abstammung

stand, seine "behoste Verwandtschaft" zu Gemuete zu fuehren; aber dies

schlechte Latein reichte doch dazu aus, dass selbst die entfernten

Allobrogen mit den roemischen Behoerden in Geschaeftsverkehr treten und

sogar in roemischen Gerichten ohne Dolmetsch Zeugnis ablegen konnten.

------------------------------------------- ^1 So ward zum Beispiel in

Vaison im Vocontischen Gau eine in keltischer Sprache mit gewoehnlichem

griechischen Alphabet geschriebene Inschrift gefunden. Sie lautet:

segomaros oyilloneos tooytioys namaysatis e/o/royb/e/l/e/samisosin

nem/e/ton. Das letzte Wort heisst "heilig".

------------------------------------------- Wenn also die keltische

und ligurische Bevoelkerung dieser Gegenden auf dem Wege war, ihre

Nationalitaet einzubuessen und daneben siechte und verkuemmerte unter

einem politischen und oekonomischen Druck, von dessen Unertraeglichkeit

die hoffnungslosen Aufstaende hinreichend Zeugnis ablegen, so ging doch

hier der Untergang der eingeborenen Bevoelkerung Hand in Hand mit der

Einbuergerung derselben hoeheren Kultur, welche wir in dieser Zeit in

Italien finden. Aquae Sextiae und mehr noch Narbo waren ansehnliche

Ortschaften, die wohl neben Benevent und Capua genannt werden mochten;

und Massalia, die bestgeordnete, freieste, wehrhafteste, maechtigste

unter allen von Rom abhaengigen griechischen Staedten, unter ihrem

streng aristokratischen Regiment, auf das die roemischen Konservativen

wohl als auf das Muster einer guten Stadtverfassung hinwiesen, im Besitz

eines bedeutenden und von den Roemern noch ansehnlich vergroesserten

Gebiets und eines ausgebreiteten Handels, stand neben jenen launischen

Staedten wie in Italien neben Capua und Benevent Rhegion und Neapolis.

Anders sah es aus, wenn man die roemische Grenze ueberschritt. Die

grosse keltische Nation, die in den suedlichen Landschaften schon von

der italischen Einwanderung anfing unterdrueckt zu werden, bewegte sich

noerdlich der Cevennen noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht

das erste Mal, dass wir ihr begegnen; mit den Auslaeufern und Vorposten

des ungeheuren Stammes hatten die Italiker bereits am Tiber und am Po,

in den Bergen Kastiliens und Kaerntens, ja tief im inneren Kleinasien

gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in seinem Kerne von

ihren Angriffen erfasst. Der Keltenstamm hatte bei seiner Ansiedlung

in Mitteleuropa sich vornehmlich ueber die reichen Flusstaeler und

das anmutige Huegelland des heutigen Frankreich mit Einschluss der

westlichen Striche Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier

aus wenigstens den suedlichen Teil von England, vielleicht schon damals

ganz Grossbritannien und Irland besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst

bildete er hier eine breite, geographisch geschlossene Voelkermasse.

Trotz der Unterschiede in Sprache und Sitte, die natuerlich innerhalb

dieses weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein enger

gegenseitiger Verkehr, ein geistiges Gefuehl der Gemeinschaft die

Voelkerschaften von der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse

zusammengeknuepft zu haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien

und im heutigen Oesterreich wohl oertlich gewissermassen zusammenhingen,

aber doch teils die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenaeen und der Alpen,

teils die hier ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Roemer und der

Germanen den Verkehr und den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten

ganz anders unterbrachen als der schmale Meerarm den der kontinentalen

und der britischen Kelten. Leider ist es uns nicht vergoennt, die

innere Entwicklungsgeschichte des merkwuerdigen Volkes in diesen seinen

Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir muessen uns begnuegen,

dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier

zu Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen

darzustellen. ------------------------------------------------- ^2 Auf

eine laengere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer

Kelten nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten

Namen englischer Voelkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der

Atrebaten, der Belgen, ja der Britanner selbst, welcher von den an der

Somme unterhalb Amiens ansaessigen Britonen zuerst auf einen englischen

Gau und sodann auf die ganze Insel uebertragen zu sein scheint. Auch

die englische Goldmuenzung ist aus der belgischen abgeleitet

und urspruenglich mit ihr identisch.

--------------------------------------------------- Gallien war nach den

Berichten der Alten verhaeltnismaessig wohl bevoelkert. Einzelne Angaben

lassen schliessen, dass in den belgischen Distrikten etwa 900 Koepfe auf

die Quadratmeile kamen - ein Verhaeltnis, wie es heutzutage etwa fuer

Wallis und fuer Livland gilt, - in dem helvetischen Kanton etwa 1100 ^3;

es ist wahrscheinlich, dass in den Distrikten, die kultivierter waren

als die belgischen und weniger gebirgig als der helvetische, wie bei den

Biturigen, Arvernern, Haeduern, sich die Ziffer noch hoeher stellte.

Der Ackerbau ward in Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars

Zeitgenossen in der Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4

und die uralte keltische Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten,

ebenfalls fuer die fruehe und weite Verbreitung der Getreidekultur

spricht; allein er ward nicht geachtet. Selbst in dem zivilisierteren

Sueden galt es noch fuer den freien Kelten als nicht anstaendig, den

Pflug zu fuehren. Weit hoeher stand bei den Kelten die Viehzucht,

fuer welche die roemischen Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des

keltischen Viehschlags als auch der tapferen, des Reitens kundigen und

mit der Pflege der Tiere vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise

gern bedienten ^5. Namentlich in den noerdlichen keltischen Landschaften

ueberwog die Viehzucht durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein

kornarmes Land. Im Nordosten reichten dichte Waelder, an den Kern der

Ardennen sich anschliessend, fast ununterbrochen von der Nordsee bis zum

Rheine, und auf den heute so gesegneten Fluren Flanderns und

Lothringens weidete damals der menapische und treverische Hirte im

undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Saeue. Ebenwie im Potal

durch die Roemer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion

und Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die

Ackerwirtschaft in den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurueck.

In Britannien gar war das Dreschen des Kornes noch nicht ueblich, und in

den noerdlicheren Strichen hoerte hier der Ackerbau ganz auf und war die

Viehzucht die einzige bekannte Bodenbenutzung. Der Oel- und Weinbau,

der den Massalioten reichen Ertrag abwarf, ward jenseits der Cevennen

zu Caesars Zeiten noch nicht betrieben.

----------------------------------------------------- ^3 Das erste

Aufgebot der belgischen Kantone ausschliesslich der Remer, also der

Landschaft zwischen Seine und Schelde und oestlich bis gegen Reims

und Andernach von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000

Mann berechnet; wonach, wenn man das fuer die Bellovaker angegebene

Verhaeltnis des ersten Aufgebots zu der gesamten waffenfaehigen

Mannschaft als allgemein gueltig betrachtet, die Zahl der waffenfaehigen

Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevoelkerung auf mindestens 2

Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvoelkern zaehlten vor

ihrem Auszug 336000 Koepfe; wenn man annimmt, dass sie damals schon vom

rechten Rheinufer verdraengt waren, kann ihr Gebiet auf ungefaehr 300

Quadratmeilen angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezaehlt

sind, laesst sich um so weniger entscheiden, als wir nicht wissen,

welche Form die Sklaverei bei den Kelten angenommen hatte; was Caesar

(Gall. 1, 4) von Orgetorix' Sklaven, Hoerigen und Schuldnern erzaehlt,

spricht eher fuer als gegen die Mitzaehlung. Dass uebrigens jeder solche

Versuch, das, was der alten Geschichte vor allen Dingen fehlt, die

statistische Grundlage, durch Kombination zu ersetzen, mit billiger

Vorsicht aufgenommen werden muss, wird der verstaendige Leser

ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt wegwerfen. ^4 "In Gallien,

jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe ich," erzaehlt Scrofa

bei Varro rust. 1, 7, 8, "als ich dort kommandierte, einige Striche

betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch der Obstbaum fortkommt,

wo man mit weisser Grubenkreide die Aecker duengt, wo man weder Gruben-

noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser verbrannter Hoelzer

statt Salz benutzt." Diese Schilderung bezieht sich wahrscheinlich

auf die vorcaesarische Zeit und auf die oestlichen Striche der alten

Provinz, wie zum Beispiel die allobrogische Landschaft;

spaeter beschreibt Plinius (nat. 17, 6, 42f.) ausfuehrlich das

gallisch-britannische Mergeln. ^5 "Von gutem Schlag sind in Italien

besonders die gallischen Ochsen, zur Feldarbeit naemlich; wogegen die

ligurischen nichts Rechtes beschaffen" (Varr. rust. 2, 5, 9). Hier

ist zwar das Cisalpinische Gallien gemeint, allein die Viehwirtschaft

daselbst geht doch unzweifelhaft zurueck auf die keltische Epoche. Der

"gallischen Klepper" (Gallici canterii) gedenkt schon Plautus (Aul. 3,

5, 21). "Nicht jede Rasse schickt sich fuer das Hirtengeschaeft; weder

die Bastuler noch die Turduler (beide in Andalusien) eignen sich dafuer;

am besten sind die Kelten, besonders fuer Reit- und Lasttiere (iumenta)"

(Varro rust. 2, 10, 4). ----------------------------------------- Dem

Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene Doerfer

gab es ueberall und allein der helvetische Kanton zaehlte deren im Jahre

696 (58) vierhundert ausser einer Menge einzelner Hoefe. Aber es fehlte

auch nicht an ummauerten Staedten, deren Mauern von Fachwerk sowohl

durch ihre Zweckmaessigkeit als durch die zierliche Ineinanderfuegung

von Balken und Steinen den Roemern auffielen, waehrend freilich selbst

in den Staedten der Allobrogen die Gebaeude allein aus Holz aufgefuehrt

waren. Solcher Staedte hatten die Helvetier zwoelf und ebensoviele die

Suessionen; wogegen allerdings in den noerdlicheren Distrikten, zum

Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Staedte gab, aber doch die

Bevoelkerung im Kriege mehr in den Suempfen und Waeldern als hinter

den Mauern Schutz suchte und jenseits der Themse gar die primitive

Schutzwehr der Waldverhacke durchaus an die Stelle der Staedte trat und

im Krieg die einzige Zufluchtsstaette fuer Menschen und Herden war. Mit

der verhaeltnismaessig bedeutenden Entwicklung des staedtischen Lebens

steht in enger Verbindung die Regsamkeit des Verkehrs zu Lande und zu

Wasser. Ueberall gab es Strassen und Bruecken. Die Flussschiffahrt, wozu

Stroeme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine von selber aufforderten,

war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwuerdiger noch ist die

Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloss sind die Kelten allem Anschein

nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean regelmaessig

befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst, Schiffe zu bauen

und zu lenken, auf einer bemerkenswerten Hoehe. Die Schiffahrt der

Voelker des Mittelmeers ist, wie dies bei der Beschaffenheit der von

ihnen befahrenen Gewaesser begreiflich ist, verhaeltnismaessig lange bei

dem Ruder stehengeblieben: die Kriegsfahrzeuge der Phoeniker, Hellenen

und Roemer waren zu allen Zeiten Rudergaleeren, auf welchen das Segel

nur als gelegentliche Verstaerkung des Ruders verwendet wurde; nur die

Handelsschiffe sind in der Epoche der entwickelten antiken Zivilisation

eigentliche Segler gewesen ^6. Die Gallier dagegen bedienten zwar

auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit wie noch lange nachher einer Art

tragbarer lederner Kaehne, die im wesentlichen gewoehnliche Ruderboote

gewesen zu sein scheinen; aber an der Westkueste Galliens fuhren die

Santonen, die Pictonen, vor allem die Veneter mit grossen, freilich

plump gebauten Schiffen, die nicht mit Rudern bewegt wurden, sondern

mit Ledersegeln und eisernen Ankerketten versehen waren, und verwandten

diese nicht nur fuer ihren Handelsverkehr mit Britannien, sondern auch

im Seegefecht. Hier also begegnen wir nicht bloss zuerst der Schiffahrt

auf dem freien Ozean, sondern hier hat auch zuerst das Segelschiff

voellig den Platz des Ruderbootes eingenommen - ein Fortschritt,

den freilich die sinkende Regsamkeit der alten Welt nicht zu nutzen

verstanden hat und dessen unuebersehliche Resultate erst unsere

verjuengte Kulturperiode beschaeftigt ist, allmaehlich zu ziehen.

----------------------------------------------------------- ^6 Dahin

fuehrt die Benennung des Kauffahrtei- oder des "runden" im Gegensatz

zu dem "langen" oder dem Kriegsschiff und die aehnliche

Gegeneinanderstellung der "Ruderschiffe" (epik/o/poi n/e/es) und der

"Kauffahrer" (olkades" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe Bemannung

der Kauffahrteischiffe, die auf den allergroessten nicht mehr betrug als

200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), waehrend auf der

gewoehnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht

wurden. Vgl. F. K. Movers, Die Phoenicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2,

3, S. 167f. ----------------------------------------------------------

Bei diesem regelmaessigen Seeverkehr zwischen der britischen und der

gallischen Kueste ist die ueberaus enge politische Verbindung zwischen

den beiderseitigen Anwohnern des Kanals ebenso erklaerlich wie das

Aufbluehen des ueberseeischen Handels und der Fischerei. Es waren die

Kelten, namentlich der Bretagne, die das Zinn der Gruben von Cornwallis

aus England holten und es auf den Fluss- und Landstrassen des

Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, dass zu

Caesars Zeit einzelne Voelkerschaften an der Rheinmuendung von Fischen

und Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, dass hier die

Seefischerei und das Einsammeln der Seevoegeleier in ausgedehntem Umfang

betrieben ward. Fasst man die vereinzelten und spaerlichen Angaben, die

ueber den keltischen Handel und Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken

ergaenzend zusammen, so begreift man es, dass die Zoelle der Fluss- und

Seehaefen in den Budgets einzelner Kantons, zum Beispiel in denen

der Haeduer und der Veneter, eine grosse Rolle spielten und dass der

Hauptgott der Nation ihr galt als der Beschuetzer der Strassen und des

Handels und zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach

auch die keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine

Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentuemliches Geschick, jedes

Muster nachzuahmen und jede Anweisung auszufuehren auch von Caesar

hervorgehoben wird. In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk

bei ihnen sich nicht ueber das Mass des Gewoehnlichen erhoben zu haben;

die spaeter im mittleren und noerdlichen Gallien bluehende Fabrikation

leinener und wollener Stoffe ist nachweislich erst durch die Roemer ins

Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und soviel wir wissen die

einzige, macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht selten technisch

vorzuegliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergeraet, das in den

Graebern des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfaeltig

justierten arvernischen Goldmuenzen sind heute noch lebendige Zeugen

der Geschicklichkeit der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl

stimmen dazu die Berichte der Alten, dass die Roemer von den Biturigen

das Verzinnen, von den Alesiern das Versilbern lernten - Erfindungen,

von denen die erste durch den Zinnhandel nahe genug gelegt war und

die doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der keltischen Freiheit

gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in der Bearbeitung

der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil, namentlich in

den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmaennische Hoehe erreicht

hatte, dass die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine bedeutende

Rolle spielten. Die den Roemern dieser Zeit gelaeufige Meinung, dass

Gallien eines der goldreichsten Laender der Erde sei, wird freilich

widerlegt durch die wohlbekannten Bodenverhaeltnisse und durch die

Fundbestaende der keltischen Graeber, in denen Gold nur sparsam und

bei weitem minder haeufig erscheint als in den gleichartigen Funden der

wahren Heimatlaender des Goldes; es ist auch diese Vorstellung wohl nur

hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende und roemische

Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Uebertreibung, ihren

Landsleuten von der Pracht der arvernischen Koenige und den Schaetzen

der tolosanischen Tempel zu erzaehlen wussten. Aber voellig aus der Luft

griffen die Erzaehler doch nicht. Es ist sehr glaublich, dass in und

an den Fluessen, welche aus den Alpen und den Pyrenaeen stroemen,

Goldwaeschereien und Goldsuchereien, die bei dem heutigen Wert

der Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und bei

Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben wurden;

ueberdies moegen die Handelsverhaeltnisse Galliens, wie nicht selten die

der halbzivilisierten Voelker, das Aufhaeufen eines toten Kapitals edler

Metalle beguenstigt haben. Bemerkenswert ist der niedrige Stand der

bildenden Kunst, der bei der mechanischen Geschicklichkeit in Behandlung

der Metalle nur um so greller hervortritt. Die Vorliebe fuer bunte

und glaenzende Zieraten zeigt den Mangel an Schoenheitssinn, und eine

leidige Bestaetigung gewaehren die gallischen Muenzen mit ihren bald

uebereinfach, bald abenteuerlich, immer aber kindisch entworfenen

und fast ohne Ausnahme mit unvergleichlicher Roheit ausgefuehrten

Darstellungen. Es ist vielleicht ohne Beispiel, dass eine Jahrhunderte

hindurch mit einem gewissen technischen Geschick geuebte Muenzpraegung

sich wesentlich darauf beschraenkt hat, zwei oder drei griechische

Stempel immer wieder und immer entstellter nachzuschneiden. Dagegen

wurde die Dichtkunst von den Kelten hoch geschaetzt und verwuchs eng mit

den religioesen und selbst mit den politischen Institutionen der Nation;

wir finden die geistliche wie die Hof- und Bettelpoesie in Bluete. Auch

Naturwissenschaft und Philosophie fanden, wenngleich in den Formen und

den Banden der Landestheologie, bei den Kelten eine gewisse Pflege und

der hellenische Humanismus eine bereitwillige Aufnahme, wo und wie er

an sie herantrat. Die Kunde der Schrift war wenigstens bei den Priestern

allgemein. Meistenteils bediente man in dem freien Gallien zu Caesars

Zeit sich der griechischen, wie unter andern die Helvetier taten; nur

in den suedlichsten Distrikten desselben war schon damals infolge des

Verkehrs mit den romanisierten Kelten die lateinische ueberwiegend, der

wir zum Beispiel auf den arvernischen Muenzen dieser Zeit begegnen.

Auch die politische Entwicklung der keltischen Nation bietet sehr

bemerkenswerte Erscheinungen. Die staatliche Verfassung ruht bei ihr wie

ueberall auf dem Geschlechtsgau mit dem Fuersten, dem Rat der Aeltesten

und der Gemeinde der freien waffenfaehigen Maenner; dies aber ist ihr

eigentuemlich, dass sie ueber diese Gauverfassung niemals hinausgelangt

ist. Bei den Griechen und Roemern trat sehr frueh an die Stelle des

Gaues als die Grundlage der politischen Einheit der Mauerring: wo zwei

Gaue in denselben Mauern sich zusammenfanden, verschmolzen sie zu einem

Gemeinwesen; wo eine Buergerschaft einem Teil ihrer Mitbuerger einen

neuen Mauerring anwies, entstand regelmaessig damit auch ein neuer,

nur durch die Bande der Pietaet und hoechstens der Klientel mit der

Muttergemeinde, verknuepfter Staat. Bei den Kelten dagegen bleibt die

"Buergerschaft" zu allen Zeiten der Clan; dem Gau und nicht irgendeiner

Stadt stehen Fuerst und Rat vor, und der allgemeine Gautag bildet die

letzte Instanz im Staate. Die Stadt hat, wie im Orient, nur merkantile

und strategische, nicht politische Bedeutung; weshalb denn auch die

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 23 / 68 段