Jahren stand Pompeius im Osten an der Spitze seiner Heere und Flotten;
seit fuenf Jahren konspirierte die Demokratie daheim, um ihn zu
stuerzen. Das Ergebnis war entmutigend. Mit unsaeglichen Anstrengungen
hatte man nicht bloss nichts erreicht, sondern moralisch wie materiell
ungeheure Einbusse gemacht. Schon die Koalition vom Jahre 683 (71)
musste den Demokraten vom reinen Wasser ein Aergernis sein, obwohl die
Demokratie damals nur mit zwei angesehenen Maennern der Gegenpartei sich
einliess und diese auf ihr Programm verpflichtete. Jetzt aber hatte die
demokratische Partei gemeinschaftliche Sache gemacht mit einer Bande von
Moerdern und Bankerottierern, die fast alle gleichfalls Ueberlaeufer aus
dem Lager der Aristokratie waren, und hatte deren Programm, das heisst
den Cinnanischen Terrorismus, wenigstens vorlaeufig akzeptiert. Die
Partei der materiellen Interessen, eines der Hauptelemente der Koalition
von 683 (71) wurde hierdurch der Demokratie entfremdet und zunaechst
den Optimaten, ueberhaupt aber jeder Macht, die Schutz vor der
Anarchie gewaehren wollte und konnte, in die Arme getrieben. Selbst
die hauptstaedtische Menge, die zwar gegen einen Strassenkrawall nichts
einzuwenden hatte, aber es doch unbequem fand, sich das Haus ueber dem
Kopfe anzuenden zu lassen, ward einigermassen scheu. Es ist merkwuerdig,
dass eben in diesem Jahr (691 63) die volle Wiederherstellung der
Sempronischen Getreidespenden stattfand, und zwar von Seiten des Senats
auf den Antrag Catos. Offenbar hatte der Bund der Demokratenfuehrer
mit der Anarchie zwischen jene und die Stadtbuergerschaft einen
Keil getrieben, und suchte die Oligarchie, nicht ohne wenigstens
augenblicklichen Erfolg, diesen Riss zu erweitern und die Massen auf
ihre Seite hinueberzuziehen. Endlich war Gnaeus Pompeius durch all
diese Kabalen teils gewarnt, teils erbittert worden; nach allem, was
vorgefallen war, und nachdem die Demokratie die Bande, die sie mit
Pompeius verknuepften, selber so gut wie zerrissen hatte, konnte sie
nicht mehr schicklicherweise von ihm begehren, was im Jahre 684
(70) eine gewisse Billigkeit fuer sich gehabt hatte, dass er die
demokratische Macht, die er und die ihn emporgebracht, nicht selber mit
dem Schwerte zerstoere. So war die Demokratie entehrt und geschwaecht;
vor allen Dingen aber war sie laecherlich geworden durch die
unbarmherzige Aufdeckung ihrer Ratlosigkeit und Schwaeche. Wo es sich
um die Demuetigung des gestuerzten Regiments und aehnliche Nichtigkeiten
handelte, war sie gross und gewaltig; aber jeder ihrer Versuche, einen
wirklich politischen Erfolg zu erreichen, war platt zur Erde gefallen.
Ihr Verhaeltnis zu Pompeius war so falsch wie klaeglich. Waehrend sie
ihn mit Lobspruechen und Huldigungen ueberschuettete, spann sie
gegen ihn eine Intrige nach der anderen, die eine nach der anderen,
Seifenblasen gleich, von selber zerplatzten. Der Feldherr des Ostens und
der Meere, weit entfernt, sich dagegen zur Wehr zu setzen, schien das
ganze geschaeftige Treiben nicht einmal zu bemerken und seine Siege
ueber sie zu erfechten wie Herakles den ueber die Pygmaeen, ohne selber
darum gewahr zu werden. Der Versuch, den Buergerkrieg zu entflammen, war
jaemmerlich gescheitert; hatte die anarchistische Fraktion wenigstens
einige Energie entwickelt, so hatte die reine Demokratie die Rotten wohl
zu dingen verstanden, aber weder sie zu fuehren, noch sie zu retten,
noch mit ihnen zu sterben. Selbst die alte todesmatte Oligarchie hatte,
gestaerkt durch die aus den Reihen der Demokratie zu ihr uebertretenden
Massen und vor allem durch die in dieser Angelegenheit unverkennbare
Gleichheit ihrer Interessen und derjenigen des Pompeius, es vermocht,
diesen Revolutionsversuch niederzuschlagen und damit noch einen
letzten Sieg ueber die Demokratie zu erfechten. Inzwischen war Koenig
Mithradates gestorben, Kleinasien und Syrien geordnet, Pompeius'
Heimkehr nach Italien jeden Augenblick zu erwarten. Die Entscheidung
war nicht fern; aber konnte in der Tat noch die Rede sein von einer
Entscheidung zwischen dem Feldherrn, der ruhmvoller und gewaltiger als
je zurueckkam, und der beispiellos gedemuetigten und voellig machtlosen
Demokratie? Crassus schickte sich an, seine Familie und sein Gold zu
Schiffe zu bringen und irgendwo im Osten eine Freistatt aufzusuchen; und
selbst eine so elastische und so energische Natur wie Caesar schien im
Begriff, das Spiel verloren zu geben. In dieses Jahr (691 63) faellt
seine Bewerbung um die Stelle des Oberpontifex; als er am Morgen
der Wahl seine Wohnung verliess, aeusserte er, wenn auch dieses
ihm fehlschlage, werde er, die Schwelle seines Hauses nicht wieder
ueberschreiten. 6. Kapitel Pompeius' Ruecktritt und die Koalition
der Praetendenten Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen
Verrichtungen seine Blicke wieder der Heimat zuwandte, fand er
zum zweiten Male das Diadem zu seinen Fuessen. Laengst neigte die
Entwicklung des roemischen Gemeinwesens einer solchen Katastrophe sich
zu; es war jedem Unbefangenen offenbar und war tausendmal gesagt worden,
dass, wenn der Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein werde,
die Monarchie unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestuerzt zugleich
durch die buergerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt;
es konnte sich nur noch darum handeln, fuer die neue Ordnung der Dinge
die Personen, die Namen und Formen festzustellen, die uebrigens in den
teils demokratischen, teils militaerischen Elementen der Umwaelzung
bereits klar genug angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fuenf
Jahre hatten auf diese bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens
gleichsam das letzte Siegel gedrueckt. In den neu eingerichteten
asiatischen Provinzen, die in ihrem Ordner den Nachfolger des
grossen Alexander koeniglich verehrten und schon seine beguenstigten
Freigelassenen wie Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund seiner
Herrschaft gelegt und zugleich die Schaetze, das Heer und den Nimbus
gefunden, deren der kuenftige Fuerst des roemischen Staats bedurfte. Die
anarchistische Verschwoerung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich
knuepfenden Buergerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur
materielle Interessen hegte, mit empfindlicher Schaerfe dargelegt, dass
eine Regierung ohne Autoritaet und ohne militaerische Macht, wie die des
Senats war, den Staat der ebenso laecherlichen wie furchtbaren
Tyrannei der politischen Industrieritter aussetzte und dass eine
Verfassungsaenderung, welche die Militaergewalt enger mit dem
Regiment verknuepfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die
gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten
der Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem
Anschein nach war das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste
der Monarchie. Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die
Verfassung, die ein halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die
unbedeutende Stadt am Tiber zu beispielloser Groesse und Herrlichkeit
gediehen war, hatte ihre Wurzeln man wusste nicht wie tief in den Boden
gesenkt, und es liess sich durchaus nicht berechnen, bis in welche
Schichten hinab der Versuch, sie umzustuerzen, die buergerliche
Gesellschaft aufwuehlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem Wettlauf
nach dem grossen Ziel von Pompeius ueberholt, aber nicht voellig
beseitigt worden. Es lag durchaus nicht ausser der Berechnung, dass alle
diese Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stuerzen und
Pompeius sich gegenueber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus
Crassus, Gaius Caesar und Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht
leicht konnte der unvermeidliche und unzweifelhaft ernste Kampf unter
guenstigeren Verhaeltnissen aufgenommen werden. Es war in hohem Grade
wahrscheinlich, dass unter dem frischen Eindrucke des Catilinarischen
Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit, wenngleich um
den Preis der Freiheit, verhiess, die gesamte Mittelpartei sich fuegen
werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekuemmerte
Kaufmannschaft, aber nicht minder ein grosser Teil der Aristokratie,
die, in sich zerruettet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein
musste, durch zeitige Transaktion mit dem Fuersten sich Reichtum, Rang
und Einfluss zu sichern; vielleicht sogar mochte ein Teil der von den
letzten Schlaegen schwer getroffenen Demokratie sich bescheiden, von
einem durch sie auf den Schild gehobenen Militaerchef die Realisierung
eines Teils ihrer Forderungen zu erhoffen. Aber wie auch immer die
Parteiverhaeltnisse sich stellten, was kam, zunaechst wenigstens, auf
die Parteien in Italien ueberhaupt noch an, Pompeius gegenueber und
seinem siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem er
mit Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte,
seit Jahren massenhaft ruestende liberale Partei, von den gemaessigten
Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den
Anarchisten, mit seinen fuenf Legionen eine der natuerlichen Entwicklung
der Dinge zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht. Pompeius'
Aufgabe war weit minder schwer. Er kam zurueck, nachdem er zur See und
zu Lande seine verschiedenen Aufgaben vollstaendig und gewissenhaft
geloest hatte. Er durfte erwarten, auf keine andere ernstliche
Opposition zu treffen als auf die der verschiedenen extremen Parteien,
von denen jede einzeln gar nichts vermochte und die, selbst verbuendet,
immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch hitzig sich
befehdender und innerlich gruendlich entzweiter Faktionen. Vollkommen
ungeruestet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation in Italien,
ohne Rueckhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen Feldherrn;
es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militaer, geschweige denn
ein Offizier, der es haette wagen duerfen, die Buerger zum Kampfe gegen
Pompeius aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen, dass der
jetzt seit siebzig Jahren rastlos flammende und an seiner eigenen Glut
zehrende Vulkan der Revolution sichtlich ausbrannte und anfing, in sich
selber zu erloeschen. Es war sehr zweifelhaft, ob es jetzt gelingen
werde, die Italiker so fuer Parteiinteressen zu bewaffnen, wie noch
Cinna und Carbo dies vermocht hatten. Wenn Pompeius zugriff, wie
konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwaelzung durchzusetzen, die in der
organischen Entwicklung des roemischen Gemeinwesens mit einer gewissen
Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war? Pompeius hatte den Moment erfasst,
indem er die Mission nach dem Orient uebernahm; er schien fortfahren zu
wollen. Im Herbste des Jahres 691 (63) traf Quintus Metellus Nepos aus
dem Lager des Pompeius in der Hauptstadt ein und trat auf als Bewerber
um das Tribunat, in der ausgesprochenen Absicht, als Volkstribun
Pompeius das Konsulat fuer das Jahr 693 (61) und zunaechst durch
speziellen Volksbeschluss die Fuehrung des Krieges gegen Catilina
zu verschaffen. Die Aufregung in Rom war gewaltig. Es war nicht zu
bezweifeln, dass Nepos im direkten oder indirekten Auftrag des
Pompeius handelte; Pompeius' Begehren, in Italien an der Spitze seiner
asiatischen Legionen als Feldherr aufzutreten und daselbst die
hoechste militaerische und die hoechste buergerliche Gewalt zugleich
zu verwalten, ward aufgefasst als ein weiterer Schritt auf dem Wege
zum Throne, Nepos' Sendung als die halboffizielle Ankuendigung der
Monarchie. Es kam alles darauf an, wie die beiden grossen politischen
Parteien zu diesen Eroeffnungen sich verhielten; ihre kuenftige Stellung
und die Zukunft der Nation hingen davon ab. Die Aufnahme aber, die Nepos
fand, war selbst wieder bestimmt durch das damalige Verhaeltnis der
Parteien zu Pompeius, das sehr eigentuemlicher Art war. Als Feldherr der
Demokratie war Pompeius nach dem Osten gegangen. Er hatte Ursache genug,
mit Caesar und seinem Anhang unzufrieden zu sein, aber ein offener
Bruch war nicht erfolgt. Es ist wahrscheinlich, dass Pompeius, der weit
entfernt und mit andern Dingen beschaeftigt war, ueberdies der Gabe,
sich politisch zu orientieren, durchaus entbehrte, den Umfang und den
Zusammenhang der gegen ihn gesponnenen demokratischen Umtriebe
damals wenigstens keineswegs durchschaute, vielleicht sogar in seiner
hochmuetigen und kurzsichtigen Weise einen gewissen Stolz darein
setzte, diese Maulwurfstaetigkeit zu ignorieren. Dazu kam, was bei einem
Charakter von Pompeius' Art sehr ins Gewicht fiel, dass die Demokratie
den aeusseren Respekt gegen den grossen Mann nie aus den Augen gesetzt,
ja eben jetzt (691 63), unaufgefordert wie er es liebte, ihm durch
einen besonderen Volksschluss unerhoerte Ehren und Dekorationen gewaehrt
hatte. Indes waere auch alles dies nicht gewesen, so lag es in Pompeius'
eigenem wohlverstandenen Interesse, sich wenigstens aeusserlich
fortwaehrend zur Popularpartei zu halten; Demokratie und Monarchie
stehen in so enger Wahlverwandtschaft, dass Pompeius, indem er nach der
Krone griff, kaum anders konnte, als sich wie bisher den Vorfechter
der Volksrechte nennen. Wie also persoenliche und politische Gruende,
zusammenwirkten, um trotz allem Vorgefallenen Pompeius und die Fuehrer
der Demokratie bei ihrer bisherigen Verbindung festzuhalten, so geschah
auf der entgegengesetzten Seite nichts, um die Kluft auszufuellen,
die ihn seit seinem Uebertritt in das Lager der Demokratie von seinen
sullanischen Parteigenossen trennte. Sein persoenliches Zerwuerfnis
mit Metellus und Lucullus uebertrug sich auf deren ausgedehnte und
einflussreiche Koterien. Eine kleinliche, aber fuer einen so kleinlich
zugeschnittenen Charakter eben ihrer Kleinlichkeit wegen um so
tiefer erbitternde Opposition des Senats hatte ihn auf seiner ganzen
Feldherrnlaufbahn begleitet. Er empfand es schmerzlich, dass der
Senat nicht das geringste getan, um den ausserordentlichen Mann nach
Verdienst, das heisst ausserordentlich zu ehren. Endlich ist es nicht
aus der Acht zu lassen, dass die Aristokratie eben damals von ihrem
frischen Siege berauscht, die Demokratie tief gedemuetigt war, und dass
die Aristokratie von dem bocksteifen und halb naerrischen Cato, die
Demokratie von dem schmiegsamen Meister der Intrige Caesar geleitet
ward. In diese Verhaeltnisse traf das Auftreten des von Pompeius
gesandten Emissaers. Die Aristokratie betrachtete nicht bloss die
Antraege, die derselbe zu Pompeius' Gunsten ankuendigte, als eine
Kriegserklaerung gegen die bestehende Verfassung, sondern behandelte sie
auch oeffentlich als solche und gab sich nicht die mindeste Muehe,
ihre Besorgnis und ihren Ingrimm zu verhehlen: in der ausgesprochenen
Absicht, diese Antraege zu bekaempfen, liess sich Marcus Cato mit
Nepos zugleich zum Volkstribun waehlen und wies Pompeius' wiederholten
Versuch, sich ihm persoenlich zu naehern, schroff zurueck. Es ist
begreiflich, dass Nepos hiernach sich nicht veranlasst fand,
die Aristokratie zu schonen, dagegen den Demokraten sich um so
bereitwilliger anschloss, als diese, geschmeidig wie immer, in das
Unvermeidliche sich fuegten und das Feldherrnamt in Italien wie das
Konsulat lieber freiwillig zugestanden als es mit den Waffen sich
abzwingen liessen. Das herzliche Einverstaendnis offenbarte sich bald.
Nepos bekannte sich (Dezember 691 63) oeffentlich zu der demokratischen
Auffassung der von der Senatsmajoritaet kuerzlich verfuegten Exekutionen
als verfassungswidriger Justizmorde; und dass auch sein Herr und Meister
sie nicht anders ansah, bewies sein bedeutsames Stillschweigen auf die
voluminoese Rechtfertigungsschrift, die ihm Cicero uebersandt
hatte. Andererseits war es der erste Akt, womit Caesar seine Praetur
eroeffnete, dass er den Quintus Catulus wegen der bei dem Wiederaufbau
des Kapitolinischen Tempels angeblich von ihm unterschlagenen Gelder zur
Rechenschaft zog und die Vollendung des Tempels an Pompeius uebertrug.
Es war das ein Meisterzug. Catulus baute an dem Tempel jetzt bereits
im sechzehnten Jahr und schien gute Lust zu haben, als Oberaufseher
der kapitolinischen Bauten wie zu leben so zu sterben; ein Angriff auf
diesen, nur durch das Ansehen des vornehmen Beauftragten zugedeckten
Missbrauch eines oeffentlichen Auftrags war der Sache nach vollkommen
begruendet und in hohem Masse populaer. Indem aber zugleich dadurch
Pompeius die Aussicht eroeffnet ward, an dieser stolzesten Stelle
der ersten Stadt des Erdkreises den Namen des Catulus tilgen und den
seinigen eingraben zu duerfen, ward ihm ebendas geboten, was ihn vor
allem reizte und der Demokratie nicht schadete, ueberschwengliche, aber
leere Ehre, und ward zugleich die Aristokratie, die doch ihren besten
Mann unmoeglich fallen lassen konnte, auf die aergerlichste Weise mit
Pompeius verwickelt. Inzwischen hatte Nepos seine Pompeius betreffenden
Antraege bei der Buergerschaft eingebracht. Am Tage der Abstimmung
interzedierten Cato und sein Freund und Kollege Quintus Minucius. Als
Nepos sich daran nicht kehrte und mit der Verlesung fortfuhr, kam es zu
einem foermlichen Handgemenge: Cato und Minucius warfen sich ueber ihren
Kollegen und zwangen ihn innezuhalten; eine bewaffnete Schar befreite
ihn zwar und vertrieb die aristokratische Fraktion vom Markte; aber
Cato und Minucius kamen wieder, nun gleichfalls von bewaffneten Haufen
begleitet, und behaupteten schliesslich das Schlachtfeld fuer die
Regierung. Durch diesen Sieg ihrer Bande ueber die des Gegners ermutigt,
suspendierte der Senat den Tribun Nepos sowie den Praetor Caesar, der
denselben bei der Einbringung des Gesetzes nach Kraeften unterstuetzt
hatte, von ihren Aemtern; die Absetzung, die im Senat beantragt
ward, wurde, mehr wohl wegen ihrer Verfassungs- als wegen ihrer
Zweckwidrigkeit, von Cato verhindert. Caesar kehrte sich an den
Beschluss nicht und fuhr in seinen Amtshandlungen fort, bis der Senat
Gewalt gegen ihn brauchte. Sowie dies bekannt ward, erschien die Menge
vor seinem Hause und stellte sich ihm zur Verfuegung; es haette nur von
ihm abgehangen, den Strassenkampf zu beginnen oder wenigstens die von
Metellus gestellten Antraege jetzt wiederaufzunehmen und Pompeius das
von ihm gewuenschte Militaerkommando in Italien zu verschaffen; allein
dies lag nicht in seinem Interesse, und so bewog er die Haufen, sich
wieder zu zerstreuen, worauf der Senat die gegen ihn verhaengte Strafe
zuruecknahm. Nepos selbst hatte sogleich nach seiner Suspension die
Stadt verlassen und sich nach Asien eingeschifft, um Pompeius von dem
Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten. Pompeius hatte alle Ursache,
mit der Wendung der Dinge zufrieden zu sein. Der Weg zum Thron ging
nun einmal notwendig durch den Buergerkrieg; und diesen mit gutem Fug
beginnen zu koennen dankte er Catos unverbesserlicher Verkehrtheit.
Nach der rechtswidrigen Verurteilung der Anhaenger Catilinas, nach
den unerhoerten Gewaltsamkeiten gegen den Volkstribun Metellus konnte
Pompeius ihn fuehren zugleich als Verfechter der beiden Palladien
der roemischen Gemeindefreiheit, des Berufungsrechts und der
Unverletzlichkeit des Volkstribunats, gegen die Aristokratie und als
Vorkaempfer der Ordnungspartei gegen die Catilinarische Bande. Es schien
fast unmoeglich, dass Pompeius dies unterlassen und mit sehenden Augen
sich zum zweitenmal in die peinliche Situation begeben werde, in die die
Entlassung seiner Armee im Jahre 684 (70) ihn versetzt und aus der erst
das Gabinische Gesetz ihn erloest hatte. Indes, wie nahe es ihm auch
gelegt war, die weisse Binde um seine Stirn zu legen, wie sehr seine
eigene Seele danach geluestete: als es galt, den Griff zu tun, versagten
ihm abermals Herz und Hand. Dieser in allem, nur in seinen Anspruechen
nicht, ganz gewoehnliche Mensch haette wohl gern ausserhalb des
Gesetzes sich gestellt, wenn dies nur haette geschehen koennen, ohne den
gesetzlichen Boden zu verlassen. Schon sein Zaudern in Asien liess dies
ahnen. Er haette, wenn er gewollt, sehr wohl im Januar 692 (62) mit
Flotte und Heer im Hafen von Brundisium eintreffen und Nepos hier
empfangen koennen. Dass er den ganzen Winter 691/92 (63/62) in Asien
saeumte, hatte zunaechst die nachteilige Folge, dass die Aristokratie,
die natuerlich den Feldzug gegen Catilina nach Kraeften beschleunigte,
inzwischen mit dessen Banden fertiggeworden war und damit der
schicklichste Vorwand, die asiatischen Legionen in Italien
zusammenzuhalten, hinwegfiel. Fuer einen Mann von Pompeius' Art, der
in Ermangelung des Glaubens an sich und an seinen Stern sich im
oeffentlichen Leben aengstlich an das formale Recht anklammerte, und
bei dem der Vorwand ungefaehr ebensoviel wog wie der Grund, fiel dieser
Umstand schwer ins Gewicht. Er mochte sich ferner sagen, dass, selbst
wenn er sein Heer entlasse, er dasselbe nicht voellig aus der Hand
gebe und im Notfall doch noch eher als jedes andere Parteihaupt eine
schlagfertige Armee aufzubringen vermoege; dass die Demokratie
in unterwuerfiger Haltung seines Winkes gewaertig und mit dem
widerspenstigen Senat auch ohne Soldaten fertig zu werden sei und was
weiter sich von solchen Erwaegungen darbot, in denen gerade genug Wahres
war, um sie dem, der sich selber betruegen wollte, plausibel erscheinen
zu lassen. Den Anschlag gab natuerlich wiederum Pompeius' eigenstes
Naturell. Er gehoerte zu den Menschen, die wohl eines Verbrechens faehig
sind, aber keiner Insurbordination; im guten wie im schlimmen Sinne
war er durch und durch Soldat. Bedeutende Individualitaeten achten das
Gesetz als die sittliche Notwendigkeit, gemeine als die hergebrachte
alltaegliche Regel; ebendarum fesselt die militaerische Ordnung, in der
mehr als irgendwo sonst das Gesetz als Gewohnheit auftritt, jeden
nicht ganz in sich festen Menschen wie mit einem Zauberbann. Es ist oft
beobachtet worden, dass der Soldat, auch wenn er den Entschluss gefasst
hat, seinen Vorgesetzten den Gehorsam zu versagen, dennoch, wenn dieser
Gehorsam gefordert wird, unwillkuerlich wieder in Reihe und Glied tritt;
es war dies Gefuehl, das Lafayette und Dumouriez im letzten Augenblick
vor dem Treuebruch schwanken und scheitern machte, und eben demselben
ist auch Pompeius unterlegen. Im Herbst 692 (62) schiffte Pompeius nach
Italien sich ein. Waehrend in der Hauptstadt alles sich bereitete, den
neuen Monarchen zu empfangen, kam der Bericht, dass Pompeius, kaum in
Brundisium gelandet, seine Legionen aufgeloest und mit geringem Gefolge
die Reise nach der Hauptstadt angetreten habe. Wenn es ein Glueck ist,
eine Krone muehelos zu gewinnen, so hat das Glueck nie mehr fuer einen
Sterblichen getan, als es fuer Pompeius tat; aber an den Mutlosen
verschwenden die Goetter alle Gunst und alle Gabe umsonst. Die Parteien
atmeten auf. Zum zweiten Male hatte Pompeius abgedankt; die schon
ueberwundenen Mitbewerber konnten abermals den Wettlauf beginnen, wobei
wohl das wunderlichste war, dass in diesem Pompeius wieder mitlief. Im
Januar 693 (61) kam er nach Rom. Seine Stellung war schief und schwankte
so unklar zwischen den Parteien, dass man ihm den Spottnamen Gnaeus
Cicero verlieh. Er hatte es eben mit allen verdorben. Die Anarchisten
sahen in ihm einen Widersacher, die Demokraten einen unbequemen
Freund, Marcus Crassus einen Nebenbuhler, die vermoegende Klasse einen
unzuverlaessigen Beschuetzer, die Aristokratie einen erklaerten Feind
^1. Er war wohl immer noch der maechtigste Mann im Staat; sein durch
ganz Italien zerstreuter militaerischer Anhang, sein Einfluss in den
Provinzen, namentlich den oestlichen, sein militaerischer Ruf, sein