fehl. Catilina fand bei all seiner Tollkuehnheit es doch geraten, jetzt

seine Abreise auf einen der naechsten Tage festzusetzen; vorher aber

wurde noch auf seine dringende Mahnung in einer letzten Zusammenkunft

der Verschworenen in der Nacht vom 6. auf den 7. November beschlossen,

den Konsul Cicero, der die Kontermine hauptsaechlich leitete, noch vor

der Abreise des Fuehrers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen,

diesen Beschluss augenblicklich ins Werk zu setzen. Frueh am Morgen des

7. November pochten denn auch die erkorenen Moerder an dem Hause des

Konsuls; aber sie sahen die Wachen verstaerkt und sich selber abgewiesen

- auch diesmal hatten die Spione der Regierung den Verschworenen den

Rang abgelaufen. Am Tage darauf (8. November) berief Cicero den Senat.

Noch jetzt wagte es Catilina zu erscheinen und gegen die zornigen

Angriffe des Konsuls, der ihm ins Gesicht die Vorgaenge der letzten Tage

enthuellte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man hoerte nicht mehr

auf ihn und in der Naehe des Platzes, auf dem er sass, leerten sich die

Baenke. Er verliess die Sitzung und begab sich, wie er uebrigens

auch ohne diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben wuerde, der

Verabredung gemaess nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul

aus und nahm eine zuwartende Stellung, um auf die erste Meldung von dem

Ausbruch einer Insurrektion in der Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe

in Bewegung zu setzen. Die Regierung erklaerte die beiden Fuehrer

Catilina und Manlius sowie diejenigen ihrer Genossen, die nicht bis zu

einem bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben wuerden, in die

Acht und rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen Catilina

Gestimmten Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der notorisch

in die Verschwoerung verwickelt war und bei dessen Charakter es durchaus

vom Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm zufuehren

werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus

diesem Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward

eingeschritten gegen die in der Hauptstadt zurueckgebliebenen Leiter

der Verschwoerung, obwohl jedermann mit Fingern auf sie wies und die

Insurrektion in der Hauptstadt von den Verschworenen nichts weniger als

aufgegeben, vielmehr der Plan derselben noch von Catilina selbst vor

seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein Tribun sollte durch

Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die Nacht darauf

Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege raeumen, Gabinius und Statilius

die Stadt an zwoelf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem

inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in moeglichster

Geschwindigkeit hergestellt werden. Haetten Cethegus' dringende

Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an

die Spitze der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen

entschlossen, so konnte die Verschwoerung auch jetzt noch gelingen.

Allein die Konspiratoren waren gerade ebenso unfaehig und ebenso feig

wie ihre Gegner; Wochen verflossen und es kam zu keiner Entscheidung.

Endlich fuehrte die Kontermine sie herbei. In seiner weitlaeufigen

und gern die Saeumigkeit in dem Naechsten und Notwendigen durch die

Entwerfung fernliegender und weitsichtiger Plaene bedeckenden Art

hatte Lentulus sich mit den eben in Rom anwesenden Deputierten eines

Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese, die Vertreter eines

gruendlich zerruetteten Gemeinwesens und selber tief verschuldet,

versucht in die Verschwoerung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer

Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen

verliessen Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart

an den Toren von den roemischen Behoerden angehalten und ihre Papiere

ihnen abgenommen. Es zeigte sich, dass die allobrogischen Abgeordneten

sich zu Spionen der roemischen Regierung hergegeben und die

Verhandlungen nur deshalb gefuehrt hatten, um dieser die gewuenschten

Beweisstuecke gegen die Hauptleiter der Verschwoerung in die Haende

zu spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in moeglichster Stille

Verhaftsbefehle gegen die gefaehrlichsten Fuehrer des Komplotts erlassen

und gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen,

waehrend einige andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen.

Die Schuld der Ergriffenen wie der Fluechtigen war vollkommen evident.

Unmittelbar nach der Verhaftung wurden dem Senat die weggenommenen

Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und Handschrift die Verhafteten

nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die Gefangenen und Zeugen

verhoert; weitere bestaetigende Tatsachen, Waffenniederlagen in den

Haeusern der Verschworenen, drohende Aeusserungen, die sie getan,

ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwoerung war vollstaendig

und rechtskraeftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstuecke

sogleich auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blaetter publiziert.

Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwoerung war allgemein.

Gern haette die oligarchische Partei die Enthuellungen benutzt, um mit

der Demokratie ueberhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein

sie war viel zu gruendlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das

Ende bereiten zu koennen, das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und

dem Saturninus bereitet hatte; in dieser Hinsicht blieb es bei dem

guten Willen. Die hauptstaedtische Menge empoerten namentlich die

Brandstiftungsplaene der Verschworenen. Die Kaufmannschaft und die ganze

Partei der materiellen Interessen erkannte in diesem Krieg der Schuldner

gegen die. Glaeubiger natuerlich einen Kampf um ihre Existenz; in

stuermischer Aufregung draengte sich ihre Jugend, die Schwerter in den

Haenden, um das Rathaus und zueckte dieselben gegen die offenen und

heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war fuer den Augenblick

die Verschwoerung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber

noch auf freien Fuessen waren, so war doch der ganze mit der Ausfuehrung

beauftragte Stab der Verschwoerung entweder gefangen oder auf der

Flucht; der bei Faesulae versammelte Haufen konnte ohne Unterstuetzung

durch eine Insurrektion in der Hauptstadt unmoeglich viel ausrichten. In

einem leidlich geordneten Gemeinwesen waere die Sache hiermit politisch

zu Ende gewesen und haetten das Militaer und die Gerichte das weitere

uebernommen. Allein in Rom war es so weit gekommen, dass die Regierung

nicht einmal ein paar angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam zu halten

imstande war. Die Sklaven und Freigelassenen des Lentulus und der

uebrigen Verhafteten regten sich; Plaene, hiess es, seien geschmiedet,

um sie mit Gewalt aus den Privathaeusern, in denen sie gefangen sassen,

zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der letzten Jahre,

in Rom nicht an Bandenfuehrern, die nach einer gewissen Taxe Auflaeufe

und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem Ereignis

benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer. dreisten

Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, laesst sich

nicht sagen; die Besorgnisse aber waren gegruendet, da der Verfassung

gemaess in der Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch auch nur eine

achtunggebietende Polizeimacht zu Gebote stand und sie in der Tat jedem

Banditenhaufen preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, eile etwaigen

Befreiungsversuche durch sofortige Hinrichtung der Gefangenen

abzuschneiden. Verfassungmaessig war dies nicht moeglich. Nach dem

altgeheiligten Provokationsrecht konnte ueber den Gemeindebuerger ein

Todesurteil nur von der gesamten Buergerschaft und sonst von keiner

andren Behoerde verhaengt werden; seit die Buergerschaftsgerichte selbst

zur Antiquitaet geworden waren, ward ueberhaupt nicht mehr auf den Tod

erkannt. Gern haette Cicero das bedenkliche Ansinnen zurueckgewiesen; so

gleichgueltig auch an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte,

er wusste wohl, wie nuetzlich es ebendiesem ist, liberal zu heissen, und

verspuerte wenig Lust, durch dies vergossene Blut sich auf ewig von

der demokratischen Partei zu scheiden. Indes seine Umgebung, namentlich

seine vornehme Gemahlin draengten ihn, seine Verdienste um das Vaterland

durch diesen kuehnen Schritt zu kroenen; der Konsul, wie alle Feigen

aengstlich bemueht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch auch

vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den

Senat und ueberliess es diesem, ueber Leben und Tod der vier Gefangenen

zu entscheiden. Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat

verfassungmaessig noch viel weniger hierueber erkennen konnte als

der Konsul, so fiel rechtlich doch immer alle Verantwortung auf den

letzteren zurueck; aber wann ist je die Feigheit konsequent gewesen?

Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und seine Rede voll

versteckter Drohungen vor der kuenftigen unausbleiblichen Rache der

Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits saemtliche

Konsulare und die grosse Majoritaet des Senats sich fuer die Hinrichtung

ausgesprochen hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero

voran, sich zur Enthaltung der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein

indem Cato nach Rabulistenart die Verfechter der milderen Meinung der

Mitwisserschaft an dem Komplott verdaechtigte und auf die Vorbereitungen

zur Befreiung der Gefangenen durch einen Strassenaufstand hinwies,

wusste er die schwankenden Seelen wieder in eine andere Furcht zu werfen

und fuer die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die Majoritaet zu

gewinnen. Die Vollziehung des Beschlusses lag natuerlich dem Konsul

ob, der ihn hervorgerufen hatte. Spaet am Abend des fuenften Dezembers

wurden die Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und

ueber den immer noch dicht von Menschen vollgedraengten Marktplatz in

das Gefaengnis gebracht, worin die zum Tode verurteilten Verbrecher

aufbewahrt zu werden pflegten. Es war ein unterirdisches, zwoelf Fuss

tiefes Gewoelbe am Fuss des Kapitols, das ehemals als Brunnenhaus

gedient hatte. Der Konsul selbst fuehrte den Lentulus, Praetoren

die uebrigen, alle von starken Wachen begleitet; doch fand der

Befreiungsversuch, den man erwartete, nicht statt. Niemand wusste,

ob die Verhafteten in ein gesichertes Gewahrsam oder zur Richtstaette

gefuehrt wurden. An der Tuere des Kerkers wurden sie den Dreimaennern

uebergeben, die die Hinrichtungen leiteten, und in dem unterirdischen

Gewoelbe bei Fackelschein erdrosselt. Vor der Tuere hatte, bis die

Exekutionen vollzogen waren, der Konsul gewartet und rief darauf ueber

den Markt hin mit seiner lauten wohlbekannten Stimme der stumm harrenden

Menge die Worte zu: "Sie sind tot!" Bis tief in die Nacht hinein wogten

die Haufen durch die Strassen und begruessten jubelnd den Konsul,

dem sie meinten, die Sicherung ihrer Haeuser und ihrer Habe schuldig

geworden zu sein. Der Rat ordnete oeffentliche Dankfeste an und

die ersten Maenner der Nobilitaet, Marcus Cato und Quintus Catulus,

begruessten den Urheber des Todesurteils mit dem - hier zuerst

vernommenen - Namen eines Vaters des Vaterlandes. Aber es war eine

grauenvolle Tat und nur um so grauenvoller, weil sie einem ganzen Volke

als gross und preisenswert erschien. Elender hat sich wohl nie ein

Gemeinwesen bankrott erklaert, als Rom durch diesen, mit kaltem Blute

von der Majoritaet der Regierung gefassten, von der oeffentlichen

Meinung gebilligten Beschluss, einige politische Gefangene, die nach

den Gesetzen zwar strafbar waren, aber das Leben nicht verwirkt hatten,

eiligst umzubringen, weil man der Sicherheit der Gefaengnisse nicht

traute und es keine ausreichende Polizei gab! Es war der humoristische

Zug, der selten einer geschichtlichen Tragoedie fehlt, dass dieser Akt

der brutalsten Tyrannei von dem haltungslosesten und aengstlichsten

aller roemischen Staatsmaenner vollzogen werden musste und dass der

"erste demokratische Konsul" dazu ausersehen war, das Palladium der

alten roemischen Gemeindefreiheit, das Provokationsrecht, zu zerstoeren.

Nachdem in der Hauptstadt die Verschwoerung erstickt worden war noch

bevor sie zum Ausbruch kam, blieb es noch uebrig, der Insurrektion in

Etrurien ein Ende zu machen. Der Heerbestand von etwa 2000 Mann, den

Catilina vorfand, hatte sich durch die zahlreich herbeistroemenden

Rekruten nahezu verfuenffacht und bildete schon zwei ziemlich

vollzaehlige Legionen, worin freilich nur etwa der vierte Teil der

Mannschaft genuegend bewaffnet war. Catilina hatte sich mit ihnen in die

Berge geworfen und ein Schlacht mit den Truppen des Antonius vermieden,

um die Organisierung seiner Scharen zu vollenden und den Ausbruch des

Aufstandes in Rom abzuwarten. Aber die Nachricht von dem Scheitern

desselben sprengte auch die Armee der Insurgenten: die Masse der minder

Kompromittierten ging daraufhin wieder nach Hause. Der zurueckbleibende

Rest entschlossener oder vielmehr verzweifelter Leute machte einen

Versuch, sich durch die Apenninenpaesse nach Gallien durchzuschlagen;

aber als die kleine Schar an dem Fuss des Gebirges bei Pistoria

(Pistoja) anlangte, fand sie sich hier von zwei Heeren in die Mitte

genommen. Vor sich hatte sie das Korps des Quintus Metellus, das von

Ravenna und Ariminum herangezogen war, um den noerdlichen Abhang

des Apennin zu besetzen; hinter sich die Armee des Antonius, der

dem Draengen seiner Offiziere endlich nachgegeben und sich zu einem

Winterfeldzuge verstanden hatte. Catilina war nach beiden Seiten hin

eingekeilt und die Lebensmittel gingen zu Ende; es blieb nichts uebrig,

als sich auf den naeherstehenden Feind, das heisst auf Antonius zu

werfen. In einem engen von felsigen Bergen eingeschlossenen Tale kam es

zum Kampfe zwischen den Insurgenten und den Truppen des Antonius,

welche derselbe, um die Exekution gegen seine ehemaligen Verbuendeten

wenigstens nicht selbst vollstrecken zu muessen, fuer diesen Tag unter

einem Vorwand einem tapferen, unter den Waffen ergrauten Offizier, dem

Marcus Petreius, anvertraut hatte. Die Uebermacht der Regierungsarmee

kam bei der Beschaffenheit des Schlachtfeldes wenig in Betracht.

Catilina wie Petreius stellten ihre zuverlaessigsten Leute in die

vordersten Reihen; Quartier ward weder gegeben noch genommen. Lange

stand der Kampf und von beiden Seiten fielen viele tapfere Maenner;

Catilina, der vor dem Anfange der Schlacht sein Pferd und die der

saemtlichen Offiziere zurueckgeschickt hatte, bewies an diesem Tage,

dass ihn die Natur zu nicht gewoehnlichen Dingen bestimmt hatte und dass

er es verstand, zugleich als Feldherr zu kommandieren und als Soldat

zu fechten. Endlich sprengte Petreius mit seiner Garde das Zentrum des

Feindes und fasste, nachdem er dies geworfen hatte, die beiden Fluegel

von innen; der Sieg war damit entschieden. Die Leichen der Catilinarier

- man zaehlte ihrer 3000 - deckten gleichsam in Reihe und Glied den

Boden, wo sie gefochten hatten; die Offiziere und der Feldherr selbst

hatten, da alles verloren war, sich in die Feinde gestuerzt und dort

den Tod gesucht und gefunden (Anfang 692 62). Antonius ward wegen

dieses Sieges vom Senat mit dem Imperatorentitel gebrandmarkt und neue

Dankfeste bewiesen, dass Regierung und Regierte anfingen, sich an den

Buergerkrieg zu gewoehnen. Das anarchistische Komplott war also in der

Hauptstadt wie in Italien mit blutiger Gewalt niedergeschlagen worden;

man ward nur noch an dasselbe erinnert durch die Kriminalprozesse,

die in den etruskischen Landstaedten und in der Hauptstadt unter

den Affiliierten der geschlagenen Partei aufraeumten, und durch die

anschwellenden italischen Raeuberbanden, wie deren zum Beispiel eine aus

den Resten der Heere des Spartacus und des Catilina erwachsene im Jahre

694 (60) im Gebiet von Thurii durch Militaergewalt vernichtet ward. Aber

es ist wichtig, es im Auge zu behalten, dass der Schlag keineswegs bloss

die eigentlichen Anarchisten traf, die zur Anzuendung der Hauptstadt

sich verschworen und bei Pistoria gefochten hatten, sondern die ganze

demokratische Partei. Dass diese, insbesondere Crassus und Caesar, hier

so gut wie bei dem Komplott von 688 (66) die Hand im Spiele hatten,

darf als eine nicht juristisch, aber historisch ausgemachte Tatsache

angesehen werden. Zwar dass Catulus und die uebrigen Haeupter der

Senatspartei den Fuehrer der Demokraten der Mitwisserschaft um das

anarchistische Komplott ziehen und dass dieser als Senator gegen den von

der Oligarchie beabsichtigten brutalen Justizmord sprach und stimmte,

konnte nur von der Parteischikane als Beweis seiner Beteiligung an den

Plaenen Catilinas geltend gemacht werden. Aber mehr ins Gewicht faellt

eine Reihe anderer Tatsachen. Nach ausdruecklichen und unabweisbaren

Zeugnissen waren es vor allen Crassus und Caesar, die Catilinas

Bewerbung um das Konsulat unterstuetzten. Als Caesar 690 (64) die

Schergen Sullas vor das Mordgericht zog, liess er die uebrigen

verurteilen, den schuldigsten und schaedlichsten aber von ihnen allen,

den Catilina, freisprechen. Bei den Enthuellungen des dritten Dezember

nannte Cicero zwar unter den Namen der bei ihm angezeigten Verschworenen

die der beiden einflussreichen Maenner nicht; allein es ist notorisch,

dass die Denunzianten nicht bloss auf diejenigen aussagten, gegen die

nachher die Untersuchung gerichtet ward, sondern ausserdem noch auf

"viele Unschuldige", die der Konsul Cicero aus dem Verzeichnis zu

streichen fuer gut fand; und in spaeteren Jahren, als er keine Ursache

hatte, die Wahrheit zu entstellen, hat eben er ausdruecklich Caesar

unter den Mitwissern genannt. Eine indirekte, aber sehr verstaendliche

Bezichtigung liegt auch darin, dass von den vier am dritten Dezember

Verhafteten die beiden am wenigsten gefaehrlichen, Statilius und

Gabinius, den Senatoren Caesar und Crassus zur Bewachung uebergeben

wurden; offenbar sollten sie entweder, wenn sie sie entrinnen liessen,

vor der oeffentlichen Meinung als Mitschuldige oder, wenn sie in der

Tat sie festhielten, vor ihren Mitverschworenen als Abtruennige

kompromittiert werden. Bezeichnend fuer die Situation ist die folgende

im Senat vorgefallene Szene. Unmittelbar nach der Verhaftung des

Lentulus und seiner Genossen wurde ein von den Verschworenen in der

Hauptstadt an Catilina abgesandter Bote von den Agenten der Regierung

aufgegriffen und derselbe, nachdem ihm Straflosigkeit zugesichert

war, in voller Senatssitzung ein umfassendes Gestaendnis abzulegen

veranlasst. Wie er aber an die bedenklichen Teile seiner Konfession kam

und namentlich als seinen Auftraggeber den Crassus nannte, ward er von

den Senatoren unterbrochen und auf Ciceros Vorschlag beschlossen, die

ganze Angabe ohne weitere Untersuchung zu kassieren, ihren Urheber aber

ungeachtet der zugesicherten Amnestie so lange einzusperren, bis er

nicht bloss die Angabe zurueckgenommen, sondern auch bekannt haben

werde, wer ihn zu solchem falschen Zeugnis aufgestiftet habe! Hier liegt

es deutlich zu Tage, nicht bloss dass jener Mann die Verhaeltnisse recht

genau kannte, der auf die Aufforderung, einen Angriff auf Crassus zu

machen, zur Antwort gab, er habe keine Lust, den Stier der Herde zu

reizen, sondern auch dass die Senatsmajoritaet, Cicero an der Spitze,

unter sich einig geworden war, die Enthuellungen nicht ueber eine

bestimmte Grenze vorschreiten zu lassen. Das Publikum war so heikel

nicht; die jungen Leute, die zur Abwehr der Mordbrenner die Waffen

ergriffen hatten, waren gegen keinen so erbittert wie gegen Caesar; sie

richteten am fuenften Dezember, als er die Kurie verliess, die Schwerter

auf seine Brust und es fehlte nicht viel, dass er schon jetzt an

derselben Stelle sein Leben gelassen haette, wo siebzehn Jahre spaeter

ihn der Todesstreich traf; laengere Zeit hat er die Kurie nicht wieder

betreten. Wer ueberall den Verlauf der Verschwoerung unbefangen erwaegt,

wird des Argwohns sich nicht zu erwehren vermoegen, dass waehrend

dieser ganzen Zeit hinter Catilina maechtigere Maenner standen, welche,

gestuetzt auf den Mangel rechtlich vollstaendiger Beweise und auf die

Lauheit und Feigheit der nur halb eingeweihten und nach jedem Vorwande

zur Untaetigkeit begierig greifenden Senatsmehrheit, es verstanden,

jedes ernstliche Einschreiten der Behoerden gegen die Verschwoerung zu

hemmen, dem Chef der Insurgenten freien Abzug zu verschaffen und selbst

die Kriegserklaerung und Truppensendungen gegen die Insurrektion so zu

lenken, dass sie beinahe auf die Sendung einer Hilfsarmee hinauslief.

Wenn also der Gang der Ereignisse selbst dafuer zeugt, dass die Faeden

des Catilinarischen Komplotts weit hoeher hinaufreichen als bis zu

Lentulus und Catilina, so wird auch das Beachtung verdienen, dass in

viel spaeterer Zeit, als Caesar an die Spitze des Staates gelangt war,

er mit dem einzigen noch uebrigen Catilinarier, dem mauretanischen

Freischarenfuehrer Publius Sittius, im engsten Buendnis stand, und dass

er das Schuldrecht ganz in dem Sinne milderte, wie es die Proklamationen

des Manlius begehrten. All diese einzelnen Inzichten reden deutlich

genug; waere das aber auch nicht, die verzweifelte Lage der Demokratie

gegenueber der seit den Gabinisch- Manilischen Gesetzen drohender als je

ihr zur Seite sich erhebenden Militaergewalt macht es an sich schon fast

zur Gewissheit, dass sie, wie es in solchen Faellen zu gehen pflegt, in

den geheimen Komplotten und dem Buendnis mit der Anarchie eine letzte

Hilfe gesucht hat. Die Verhaeltnisse waren denen der cinnanischen Zeit

sehr aehnlich. Wenn im Osten Pompeius eine Stellung einnahm ungefaehr

wie damals Sulla, so suchten Crassus und Caesar ihm gegenueber in

Italien eine Gewalt aufzurichten, wie Marius und Cinna sie besessen

hatten, um sie dann womoeglich besser als diese zu benutzen. Der Weg

dahin ging wieder durch Terrorismus und Anarchie, und diesen zu bahnen

war Catilina allerdings der geeignete Mann. Natuerlich hielten die

reputierlicheren Fuehrer der Demokratie sich hierbei moeglichst im

Hintergrund und ueberliessen den unsauberen Genossen die Ausfuehrung

der unsauberen Arbeit, deren politisches Resultat sie spaeterhin sich

zuzueignen hofften. Noch mehr wandten, als das Unternehmen gescheitert

war, die hoehergestellten Teilnehmer alles an, um ihre Beteiligung daran

zu verhuellen. Und auch in spaeterer Zeit, als der ehemalige Konspirator

selbst die Zielscheibe der politischen Komplotte geworden war, zog

ebendarum ueber diese duesteren Jahre in dem Leben des grossen Mannes

der Schleier nur um so dichter sich zusammen und wurden in diesem

Sinne sogar eigene Apologien fuer ihn geschrieben ^6.

---------------------------------------------------- ^6 Eine solche ist

der 'Catilina' des Sallustius, der von dem Verfasser, einem

notorischen Caesarianer, nach dem Jahre 708 (46) entweder unter Caesars

Alleinherrschaft oder wahrscheinlicher unter dem Triumvirat seiner Erben

veroeffentlicht wurde; offenbar als politische Tendenzschrift, welche

sich bemueht, die demokratische Partei, auf welcher ja die roemische

Monarchie beruht, zu Ehren zu bringen und Caesars Andenken von dem

schwaerzesten Fleck, der darauf haftete, zu reinigen, nebenher auch den

Oheim des Trimvirn Marcus Antonius moeglichst weisszuwaschen (vgl. z.

B. c. 59 mit Dio 37, 39). Ganz aehnlich soll der 'Jugurtha' desselben

Verfassers teils die Erbaermlichkeit des oligarchischen Regiments

aufdecken, teils den Koryphaeen der Demokratie Gaius Marius

verherrlichen. Dass der gewandte Schriftsteller den apologetischen und

akkusatorischen Charakter dieser seiner Buecher zuruecktreten laesst,

beweist nicht, dass sie keine, sondern dass sie gute Parteischriften

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 19 / 68 段