worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die

Hilfsquellen dieser wichtigen Provinz fuer die Insurrektion zu gewinnen.

Weitergehende Vorschlaege wurden durch die Tribune verhindert. Also

lautet die Ueberlieferung, welche offenbar die in den Regierungskreisen

umlaufende Version wiedergibt und deren Glaubwuerdigkeit im einzelnen

in Ermangelung jeder Kontrolle dahingestellt bleiben muss. Was die

Hauptsache anlangt, die Beteiligung von Caesar und Crassus, so kann

allerdings das Zeugnis ihrer politischen Gegner nicht als ausreichender

Beweis dafuer angesehen werden. Aber es passt doch ihre offenkundige

Taetigkeit in dieser Epoche auffallend genau zu der geheimen, die dieser

Bericht ihnen beimisst. Dass Crassus, der in diesem Jahre Zensor war,

als solcher den Versuch machte, die Transpadaner in die Buergerliste

einzuschreiben, war schon geradezu ein revolutionaeres Beginnen. Noch

bemerkenswerter ist es, dass Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt

machte, Aegypten und Kypros in das Verzeichnis der roemischen Domaenen

einzutragen ^2 und dass Caesar um die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder

64) durch einige Tribune bei der Buergerschaft den Antrag stellen liess,

ihn nach Aegypten zu senden, um den von den Alexandrinern vertriebenen

Koenig Ptolemaeos wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit

den von den Gegnern erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise

zusammen. Gewisses laesst sich hier nicht ermitteln; aber die grosse

Wahrscheinlichkeit ist dafuer, dass Crassus und Caesar den

Plan entworfen hatten, sich waehrend Pompeius' Abwesenheit der

Militaerdiktatur zu bemaechtigen; dass Aegypten zur Basis dieser

demokratischen Militaermacht ausersehen war; dass endlich der

Insurrektionsversuch von 689 (65) angezettelt worden ist, um diese

Entwuerfe zu realisieren und Catilina und Piso also Werkzeuge in

den Haenden von Crassus und Caesar gewesen sind.

--------------------------------------------- ^2 Plut. Crass. 13; Cic.

leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) gehoert Ciceros Rede De rege

Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr 698 (56) gesetzt hat. Cicero

widerlegt darin, wie die Fragmente deutlich zeigen, Crassus' Behauptung,

dass durch das Testament des Koenigs Alexandros Aegypten roemisches

Eigentum geworden sei. Diese Rechtsfrage konnte und musste im Jahre

689 (65) diskutiert werden; im Jahre 698 (56) aber war sie durch das

Julische Gesetz von 695 (59) bedeutungslos geworden. Auch handelte es

sich im Jahre 698 (56) gar nicht um die Frage, wem Aegypten gehoere,

sondern um die Zurueckfuehrung des durch einen Aufstand vertriebenen

Koenigs, und es hat bei dieser uns genau bekannten Verhandlung Crassus

keine Rolle gespielt. Endlich war Cicero nach der Konferenz von Luca

durchaus nicht in der Lage, gegen einen der Triumvirn ernstlich zu

opponieren. ----------------------------------------------- Einen

Augenblick kam die Verschwoerung ins Stocken. Die Wahlen fuer 690

(64) fanden statt, ohne dass Crassus und Caesar ihren Versuch sich des

Konsulats zu bemeistern, dabei erneuert haetten; wozu mit beigetragen

haben mag, dass ein Verwandter des Fuehrers der Demokratie, Lucius

Caesar, ein schwacher und von seinem Geschlechtsfreund nicht selten

als Werkzeug benutzter Mann, diesmal um das Konsulat sich bewarb. Indes

draengten die Berichte aus Asien zur Eile. Die kleinasiatischen und

armenischen Angelegenheiten waren bereits vollstaendig geordnet. So klar

auch die demokratischen Strategen es bewiesen, dass der Mithradatische

Krieg erst mit der Gefangennahme des Koenigs als beendigt gelten koenne

und dass es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer

herum zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben -

Pompeius war, unbekuemmert um solches Geschwaetz, im Fruehjahr 690 (64)

aus Armenien aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Aegypten

wirklich zum Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine

Zeit zu verlieren; leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in

Aegypten stehen. Die Verschwoerung von 688 (66) durch die schlaffen

und aengstlichen Repressivmassregeln keineswegs gesprengt, regte sich

wieder, als die Konsulwahlen fuer 691 (63) herankamen. Die Personen

waren vermutlich wesentlich dieselben und auch der Plan nur wenig

veraendert. Die Leiter der Bewegung hielten wieder sich im Hintergrund.

Als Bewerber um das Konsulat hatten sie diesmal aufgestellt: Catilina

selbst und Gaius Antonius, den juengeren Sohn des Redners, einen Bruder

des von Kreta her uebel berufenen Feldherrn. Catilinas war man sicher;

Antonius, urspruenglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor einigen

Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und

aus dem Senat ausgestossen, uebrigens ein schlaffer, unbedeutender, in

keiner Hinsicht zum Fuehrer berufener, vollstaendig bankrotter Mann, gab

um den Preis des Konsulats und der daran geknuepften Vorteile sich den

Demokraten willig zum Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten

die Haeupter der Verschwoerung, sich des Regiments zu bemaechtigen, die

in der Hauptstadt zurueckgebliebenen Kinder des Pompeius als Geiseln

festzunehmen und in Italien und den Provinzen gegen Pompeius zu ruesten.

Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt gefallenen Schlage

sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien die Fahne der

Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem Seeweg

nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zaehlte dafuer

auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter denen

es gewaltig gaerte und die natuerlich sofort das Buergerrecht erhalten

haben wuerden, ferner auf verschiedene keltische Staemme ^3. Bis

nach Mauretanien hin liefen die Faeden dieser Verbindung. Einer der

Mitverschworenen, der roemische Grosshaendler Publius Sittius aus

Nuceria, durch finanzielle Verwicklungen gezwungen, Italien zu meiden,

hatte daselbst und in Spanien einen Trupp verzweifelter Leute bewaffnet

und zog mit diesen als Freischarenfuehrer im westlichen Afrika herum,

wo er alte Handelsverbindungen hatte.

------------------------------------------------- ^3 Die Ambrani (Suet.

Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern zusammen genannten

Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben fuer Arverni.

------------------------------------------------- Die Partei strengte

alle ihre Kraefte fuer den Wahlkampf an. Crassus und Caesar setzten ihr

Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen ein, um Catilina

und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas Genossen spannten

jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, der ihnen die Aemter

und Priestertuemer, die Palaeste und Landgueter ihrer Gegner und vor

allen Dingen Befreiung von ihren Schulden verhiess und von dem man

wusste, dass er Wort halten werde. Die Aristokratie war in grosser

Not, hauptsaechlich weil sie nicht einmal Gegenkandidaten aufzustellen

vermochte. Dass ein solcher seinen Kopf wagte, war offenbar; und die

Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den Buerger lockte -

jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So begnuegte sich die

Nobilitaet, einen schwaechlichen Versuch zu machen, den Wahlumtrieben

durch Erlassung eines neuen Gesetzes ueber den Stimmenkauf zu steuern

-was uebrigens an der Interzession eines Volkstribunen scheiterte -

und ihre Stimmen auf einen Bewerber zu werfen, der ihr zwar auch nicht

genehm, aber doch wenigstens unschaedlich war. Es war dies Marcus

Cicero, notorisch ein politischer Achseltraeger ^4, gewohnt bald mit

den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus etwas weiterer Ferne mit

der Aristokratie zu liebaeugeln und jedem einflussreichen Beklagten

ohne Unterschied der Person oder Partei - auch Catilina zaehlte er unter

seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten, eigentlich von keiner

Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der Partei der materiellen

Interessen, die in den Griechen dominierte und den beredten Sachwalter,

den hoeflichen und witzigen Gesellschafter gern hatte. Er hatte

Verbindungen genug in der Hauptstadt und den Landstaedten, um neben den

vor der Demokratie aufgestellten Kandidaten eine Chance zu haben; und

da auch die Nobilitaet, obwohl nicht gern, und die Pompeianer fuer ihn

stimmten, ward er mit grosser Majoritaet gewaehlt. Die beiden Kandidaten

der Demokratie erhielten fast gleich viele Stimmen, jedoch fielen auf

Antonius, dessen Familie angesehener war als die seines Konkurrenten,

einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl Catilinas und rettete

Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas frueher war Piso, es hiess

auf Anstiften seines politischen und persoenlichen Feindes Pompeius, in

Spanien von seiner einheimischen Eskorte niedergemacht worden ^5. Mit

dem Konsul Antonius allein war nichts anzufangen; Cicero sprengte das

lockere Band, das ihn an die Verschwoerung knuepfte, noch ehe sie beide

ihre Aemter antraten, indem er auf die von Rechts wegen ihm zustehende

Losung um die Konsularprovinzen Verzicht leistete und dem tief

verschuldeten Kollegen die eintraegliche Statthalterschaft Makedonien

ueberliess. Die wesentlichen Vorbedingungen auch dieses Anschlags

waren also gefallen.

------------------------------------------------------------- ^4 Naiver

kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem Bruder

untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom

Jahre 690 64); der Bruder selbst wuerde schwerlich sich so offenherzig

oeffentlich geaeussert haben. Als authentisches Belegstueck dazu werden

unbefangene Leute nicht ohne Interesse die zweite Rede gegen Rullus

lesen, wo der "erste demokratische Konsul", in sehr ergoetzlicher

Weise das liebe Publikum nasfuehrend, ihm die "richtige Demokratie"

entwickelt. ^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius

Cn, f. Piso quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem

optinuit. -------------------------------------------------------------

Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhaeltnisse sich immer

bedrohlicher fuer die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch

vorwaerts; schon waren von Aegypten Aufforderungen an Pompeius ergangen,

daselbst einzuruecken und das Land fuer Rom einzuziehen; man musste

fuerchten, demnaechst zu vernehmen, dass Pompeius selbst das Niltal in

Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch, sich geradezu

vom Volke nach Aegypten senden zu lassen, um dem Koenige gegen seine

aufruehrerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden

sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Grossen

und Kleinen, irgend etwas gegen Pompeius' Interesse zu unternehmen.

Pompeius' Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rueckten

immer naeher; wie oft auch die Sehne gerissen war, es musste doch wieder

versucht werden, denselben Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer

Gaerung: haeufige Konferenzen der Haeupter der Bewegung deuteten an,

dass wieder etwas im Werke sei. Was das sei, ward offenbar, als die

neuen Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690 64) und sogleich

einer von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz beantragte,

das den Fuehrern der Demokraten eine aehnliche Stellung verschaffen

sollte, wie sie infolge der Gabinisch- Manilischen Antraege Pompeius

einnahm. Der nominelle Zweck war die Gruendung von Kolonien in Italien,

wozu der Boden indes nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte -

vielmehr wurden alle bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die

widerrechtlichen Okkupationen der juengsten Zeit in volles Eigentum

umgewandelt. Nur die verpachtete kampanische Domaene sollte parzelliert

und kolonisiert werden, im uebrigen die Regierung das zur Assignation

bestimmte Land durch gewoehnlichen Kauf erwerben. Um die hierzu noetigen

Summen zu beschaffen, sollte das uebrige italische und vor allem alles

ausseritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden;

worunter namentlich die ehemaligen koeniglichen Tafelgueter in

Makedonien, dem Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene, ferner

die Gebiete der nach Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen Staedte in

Spanien, Afrika, Sizilien, Hellas, Kilikien verstanden waren. Verkauft

werden sollte ingleichen alles, was der Staat an beweglichen und

unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben und worueber er

nicht frueher verfuegt hatte; was hauptsaechlich auf Aegypten und Kypros

zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertaenigen Gemeinden mit

Ausnahme der Staedte latinischen Rechts und der sonstigen Freistaedte

mit sehr hoch gegriffenen Gefaellen und Zehnten belastet. Ebenfalls

ward endlich fuer jene Ankaeufe bestimmt der Ertrag der neuen

Provinzialgefaelle, anzurechnen vom Jahre 692 (62) und der Erloes aus

der saemtlichen, noch nicht gesetzmaessig verwandten Beute; welche

Anordnungen auf die neuen, von Pompeius im Osten eroeffneten

Steuerquellen und auf die in den Haenden des Pompeius und der Erben

Sullas befindlichen oeffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausfuehrung

dieser Massregel sollten Zehnmaenner mit eigener Jurisdiktion und

eigenem Imperium ernannt werden, welche fuenf Jahre im Amte zu bleiben

und mit 200 Unterbeamten aus dem Ritterstand sich zu umgeben hatten;

bei der Wahl der Zehnmaenner aber sollten nur die Kandidaten, die

persoenlich sich melden wuerden, beruecksichtigt werden duerfen und,

aehnlich wie bei den Priesterwahlen, nur siebzehn durch Los aus den

fuenfunddreissig zu bestimmende Bezirke waehlen. Es war ohne grossen

Scharfsinn zu erkennen, dass man in diesem Zehnmaennerkollegium eine

der des Pompeius nachgebildete, nur etwas weniger militaerisch und mehr

demokratisch gefaerbte Gewalt zu schaffen beabsichtigte. Man bedurfte

der Gerichtsbarkeit namentlich, um die aegyptische Frage zu entscheiden,

der Militaergewalt, um gegen Pompeius zu ruesten; die Klausel, welche

die Wahl eines Abwesenden untersagte, schloss Pompeius aus, und die

Verminderung der stimmberechtigten Bezirke sowie die Manipulation

des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im Sinne der Demokratie

erleichtern. Indes dieser Versuch verfehlte gaenzlich sein Ziel. Die

Menge, die es bequemer fand, das Getreide im Schatten der roemischen

Hallen aus den oeffentlichen Magazinen sich zumessen zu lassen, als es

im Schweisse des Angesichts selber zu bauen, nahm den Antrag an sich

schon mit vollkommener Gleichgueltigkeit auf. Sie fuehlte auch bald

heraus, dass Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn verletzenden

Beschluss sich nimmermehr gefallen lassen werde und dass es nicht gut

stehen koenne mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so

ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umstaenden fiel

es der Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue

Konsul Cicero nahm die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Tueren

einzulaufen, auch hier geltend zu machen; noch ehe die bereitstehenden

Tribune interzedierten, zog der Urheber selbst den Vorschlag zurueck

(1. Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts gewonnen als die

unerfreuliche Belehrung, dass die grosse Menge in Liebe oder in Furcht

fortwaehrend noch zu Pompeius hielt und dass jeder Antrag sicher fiel,

den das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte. Ermuedet von

all diesem vergeblichen Wuehlen und resultatlosem Planen, beschloss

Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein fuer allemal ein

Ende zu machen. Er traf im Laufe des Sommers seine Massregeln, um den

Buergerkrieg zu eroeffnen. Faesulae (Fiesole), eine sehr feste Stadt in

dem von Verarmten und Verschworenen wimmelnden Etrurien und fuenfzehn

Jahre zuvor der Herd des Lepidianischen Aufstandes, ward wiederum

zum Hauptquartier der Insurrektion ausersehen. Dorthin gingen die

Geldsendungen, wozu namentlich die in die Verschwoerung verwickelten

vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel hergaben; dort wurden Waffen

und Soldaten gesammelt; ein alter sullanischer Hauptmann, Gaius Manlius,

so tapfer und so frei von Gewissensskrupeln wie nur je ein Lanzknecht,

uebernahm daselbst vorlaeufig den Oberbefehl. Aehnliche wenn auch minder

ausgedehnte Zuruestungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht.

Die Transpadaner waren so aufgeregt, dass sie nur auf das Zeichen zum

Losschlagen zu warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostkueste

Italiens, in Capua, wo ueberall grosse Sklavenmassen angehaeuft waren,

schien eine zweite Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im

Entstehen. Auch in der Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die

trotzige Haltung sah, in der die vorgeforderten Schuldner vor dem

Stadtpraetor erschienen, musste der Szenen gedenken, die der Ermordung

des Asellio vorangegangen waren. Die Kapitalisten schwebten in

namenloser Angst; es zeigte sich noetig, das Verbot der Gold- und

Silberausfuhr einzuschaerfen und die Haupthaefen ueberwachen zu lassen.

Der Plan der Verschworenen war, bei der Konsulwahl fuer 692 (62) zu der

Catilina sich wieder gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie

die unbequemen Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um

jeden Preis durchzusetzen, noetigenfalls selbst bewaffnete Scharen von

Faesulae und den anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu fuehren

und mit ihnen den Widerstand zu brechen. Cicero, bestaendig durch seine

Agenten und Agentinnen von den Verhandlungen der Verschworenen rasch und

vollstaendig unterrichtet, denunzierte an dem anberaumten Wahltag

(20. Oktober) die Verschwoerung in vollem Senat und im Beisein ihrer

hauptsaechlichsten Fuehrer. Catilina liess sich nicht dazu herab zu

leugnen; er antwortete trotzig, wenn die Wahl zum Konsul auf ihn fallen

sollte, so werde es allerdings der grossen hauptlosen Partei gegen die

kleine, von elenden Haeuptern geleitete an einem Fuehrer nicht laenger

fehlen. Indes da handgreifliche Beweise des Komplotts nicht vorlagen,

war von dem aengstlichen Senat nichts weiter zu erreichen, als dass

er in der ueblichen Weise den von den Beamten zweckmaessig befundenen

Ausnahmemassregeln im voraus seine Sanktion erteilte (21. Oktober). So

nahte die Wahlschlacht, diesmal mehr eine Schlacht als eine Wahl;

denn auch Cicero hatte aus den juengeren Maennern namentlich des

Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete Leibwache gebildet; und seine

Bewaffneten waren es, die am 28. Oktober, auf welchen Tag die Wahl vom

Senat verschoben worden war, das Marsfeld bedeckten und beherrschten.

Den Verschworenen gelang es weder, den wahlleitenden Konsul

niederzumachen noch die Wahlen in ihrem Sinne zu entscheiden. Inzwischen

aber hatte der Buergerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte Gaius Manlius

bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der Insurrektion

sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus dem Kimbrischen

Kriege - , und die Raeuber aus den Bergen wie das Landvolk aufgerufen,

sich ihm anzuschliessen. Seine Proklamationen forderten, anknuepfend an

die alten Traditionen der Volkspartei, Befreiung von der erdrueckendem

Schuldenlast und Milderung des Schuldprozesses, der, wenn der

Schuldbestand in der Tat das Vermoegen ueberstieg, allerdings immer noch

rechtlich den Verlust der Freiheit fuer den Schuldner nach sich zog. Es

schien, als wolle das hauptstaedtische Gesindel, indem es gleichsam als

legitimer Nachfolger der alten plebejischen Bauernschaft auftrat und

unter den ruhmvollen Adlern des Kimbrischen Krieges seine Schlachten

schlug, nicht bloss die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit Roms

beschmutzen. Indes blieb diese Schilderhebung vereinzelt; in den anderen

Sammelpunkten kam die Verschwoerung nicht hinaus ueber Waffenaufhaeufung

und Veranstaltung geheimer Zusammenkuenfte, da es ueberall an

entschlossenen Fuehrern gebrach. Es war ein Glueck fuer die Regierung;

denn wie offen auch seit laengerer Zeit der bevorstehende Buergerkrieg

angekuendigt war, hatten doch die eigene Unentschlossenheit und die

Schwerfaelligkeit der verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht

gestattet, irgendwelche militaerische Vorbereitungen zu treffen.

Erst jetzt ward der Landsturm aufgerufen und wurden in die einzelnen

Landschaften Italiens hoehere Offiziere kommandiert, um jeder in seinem

Bezirk die Insurrektion zu unterdruecken, zugleich aus der

Hauptstadt die Fechtersklaven ausgewiesen und wegen der befuerchteten

Brandstiftungen Patrouillen angeordnet. Catilina war in einer peinlichen

Lage. Nach seiner Absicht hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig

in der Hauptstadt und in Etrurien Iosgeschlagen werden sollen;

das Scheitern der ersteren und das Ausbrechen der zweiten Bewegung

gefaehrdete ihn persoenlich wie den ganzen Erfolg seines Unternehmens.

Nachdem einmal die Seinigen bei Faesulae die Waffen gegen die Regierung

erhaben hatten, war in Rom seines Bleibens nicht mehr; und dennoch lag

ihm nicht bloss alles daran, die hauptstaedtische Verschwoerung jetzt

wenigstens zum raschen Losschlagen zu bestimmen, sondern wusste dies

auch geschehen sein, bevor er Rom verliess - denn er kannte seine

Gehilfen zu gut, um sich dafuer auf sie zu verlassen. Die angesehenen

unter den Mitverschworenen, Publius Lentulus Sura, Konsul 683

(71), spaeter aus dem Senat gestossen und jetzt, um in den Senat

zurueckzugelangen, wieder Praetor, und die beiden gewesenen Praetoren

Publius Autronius und Lucius Cassius waren unfaehige Menschen, Lentulus

ein gewoehnlicher Aristokrat von grossen Warten und grossen Anspruechen,

aber langsam im Begreifen und unentschlossen im Handeln, Autronius durch

nichts ausgezeichnet als durch seine gewaltige Kreischstimme; von Lucius

Cassius gar begriff es niemand, wie ein so dicker und so einfaeltiger

Mensch unter die Verschwoerer geraten sei. Die faehigeren Teilnehmer

aber, wie den jungen Senator Gaius Cethegus und die Ritter Lucius

Statilius und Publius Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen,

an die Spitze zu stellen, da selbst unter den Verschworenen noch die

traditionelle Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die

Anarchisten nicht meinten, obsiegen zu koennen, wenn nicht ein Konsular

oder mindestens ein Praetorier an der Spitze stand. Wie dringend darum

immer die Insurrektionsarmee nach ihrem Feldherrn verlangte und wie

misslich es fuer diesen war, nach dem Ausbruch des Aufstandes laenger

am Sitze der Regierung zu verweilen, entschloss Catilina sich dennoch,

vorlaeufig noch in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen kecken Uebermut

den feigen Gegnern zu imponieren, zeigte er sich oeffentlich auf dem

Markte wie im Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen

ihn fielen, dass man sich hueten moege, ihn aufs aeusserste zu treiben;

wem man das Haus anzuende, der werde genoetigt, den Brand unter

Truemmern zu loeschen. In der Tat wagten es weder Private noch

Behoerden, auf den gefaehrlichen Menschen die Hand zulegen; es war

ziemlich gleichgueltig, dass ein junger Adliger ihn wegen Vergewaltigung

vor Gericht zog, denn bevor der Prozess zu Ende kommen konnte, musste

laengst anderweitig entschieden sein. Aber auch Catilinas Entwuerfe

scheiterten, hauptsaechlich daran, dass die Agenten der Regierung sich

in den Kreis der Verschworenen gedraengt hatten und dieselbe stets von

allem Detail des Kornplatts genau unterrichtet hielten. Als zum Beispiel

die Verschworenen vor dem festen Praeneste erschienen (1. November), das

sie durch einen Handstreich zu ueberrumpeln gehofft hatten, fanden sie

die Bewohner gewarnt und geruestet; und in aehnlicher Weise schlug alles

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 18 / 68 段