oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natuerlich ebensooft dem
Gegner wie dem Parteigenossen in die Haende gearbeitet hat. Der Don
Quichotte der Aristokratie, bewaehrte er durch sein Wesen und sein
Tun, dass damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die
aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimaere. Mit
dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre.
Natuerlich ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den ueberwundenen
Feind darum nicht. Wie die Trossbuben ueber ein erobertes Lager,
stuerzte sich die populaere Meute auf die gesprengte Nobilitaet, und
wenigstens die Oberflaeche der Politik ward von dieser Agitation zu
hohen Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so bereitwilliger
mit, als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch die
verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles
Geraet, selbst die Kaefige der wilden Bestien, aus massivem Silber
erschien, und ueberhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um
so mehr fuerstlich war, weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die
Angriffe auf die Nobilitaet waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen
Stoff gewaehrten die Missbraeuche des aristokratischen Regiments:
liberale oder liberal schillernde Beamte und Sachverwalter wie Gaius
Cornelius, Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort, die aergerlichsten
und schaendlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft systematisch zu
enthuellen und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward angewiesen,
den auswaertigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewaehren, um
dadurch der ueblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die
von fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos
gestellt, da dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im Senat
an der Tagesordnung waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das Recht des
Senats, in einzelnen Faellen von den Gesetzen zu dispensieren, wurde
beschraenkt (687 67); ebenso der Missbrauch, dass jeder vornehme Roemer,
der in den Provinzen Privatgeschaefte zu besorgen hatte, sich dazu vom
Senat den Charakter eines roemischen Gesandten erteilen liess (691 63).
Man schaerfte die Strafen gegen Stimmenkauf und Wahlumtriebe (687, 691
67, 63), welche letztere namentlich in aergerlicher Weise gesteigert
wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestossenen Individuen,
durch Wiederwahl in denselben zurueckzugelangen. Es wurde gesetzlich
ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden hatte, dass
die Gerichtsherren verbunden seien in Gemaessheit der nach roemischer
Weise zu Anfang des Amtes von ihnen aufgestellten Normen Recht zu
sprechen (687 67). Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische
Restauration zu vervollkommnen und die leitenden Gedanken der
gracchischen Zeit in zeitgemaesser Form zu verwirklichen. Die Wahl der
Priester durch die Komitien, wie sie Gnaeus Domitius eingefuehrt, Sulla
wieder abgeschafft hatte, ward durch ein Gesetz des Volkstribuns Titus
Labienus im Jahre 691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf hin,
wieviel zur Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem
vollen Umfang noch fehle, und ueberging dabei mit Stillschweigen,
dass unter den veraenderten Umstaenden, bei der bedraengten Lage
der oeffentlichen Finanzen und der so sehr vermehrten Zahl der
vollberechtigten roemischen Buerger, diese Wiederherstellung
schlechterdings unausfuehrbar war. In der Landschaft zwischen dem Po
und den Alpen naehrte man eifrig die Agitation um politische
Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 (68) reiste Gaius Caesar
zu diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 (65) machte Marcus Crassus
als Zensor Anstalt, die Einwohner geradewegs in die Buergerliste
einzuschreiben, was nur an dem Widerstand seines Kollegen scheiterte;
bei den folgenden Zensuren scheint dieser Versuch sich regelmaessig
wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und Flaccus die Patrone der
Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwaertigen Fuehrer der
Demokratie zu Beschuetzern der Transpadaner auf, und Gaius Piso (Konsul
687 67) hatte es schwer zu bereuen, dass er gewagt hatte, an einem
dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. Dagegen
zeigten sich dieselben Fuehrer keineswegs geneigt, die politische
Gleichberechtigung der Freigelassenen zu befuerworten; der Volkstribun
Gaius Manilius, der in einer nur von wenigen Leuten besuchten
Versammlung das Sulpicische Gesetz ueber das Stimmrecht der
Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward von
den leitenden Maennern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer
Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom
Senate kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch
Volksbeschluss die saemtlichen Fremden, die weder roemisches noch
latinisches Buergerrecht besassen, aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man
sieht, der innere Widerspruch der Gracchischen Politik, zugleich
dem Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme in den Kreis der
Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung
ihrer Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger
uebergegangen: waehrend Caesar und die Seinen einerseits den
Transpadanern das Buergerrecht in Aussicht stellten, gaben sie
andererseits ihre Zustimmung zu der Fortdauer der Zuruecksetzung der
Freigelassenen und zu der barbarischen Beseitigung der Konkurrenz, die
die Industrie und das Handelsgeschick der Hellenen und Orientalen in
Italien selber den Italikern machte. Charakteristisch ist die Art,
wie die Demokratie hinsichtlich der alten Kriminalgerichtsbarkeit der
Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht eigentlich aufgehoben, aber
tatsaechlich waren doch die Geschworenenkommissionen ueber
Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche
Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus
unpraktischen Verfahrens konnte kein vernuenftiger Mensch denken. Aber
da doch die Idee der Volkssouveraenitaet eine Anerkennung der peinlichen
Gerichtsbarkeit der Buergerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern
schien, so zog der Volkstribun Titus Labienus im Jahre 691 (63) den
alten Mann, der vor achtunddreissig Jahren den Volkstribun Lucius
Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor dasselbe
hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik
recht berichtete, der Koenig Tullus den Schwestermoerder Horatius
verrechtfertigt hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius,
der den Saturninus wenn nicht getoetet, doch wenigstens mit dem
abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln der Vornehmen Parade gemacht
hatte, und der ueberdies unter den apulischen Gutsbesitzern wegen seiner
Menschenfaengerei und seiner Bluttaten verrufen war. Es war, wenn
nicht dem Anklaeger selbst, doch den kluegeren Maennern, die hinter ihm
standen, durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod
am Kreuze sterben zu lassen; nicht ungern liess man es geschehen, dass
zunaechst die Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann
die zur Aburteilung des Schuldigen berufene Volksversammlung unter
irgendeinem Vorwand von der Gegenpartei aufgeloest und damit die ganze
Prozedur beseitigt ward. Immer waren durch dies Verfahren die
beiden Palladien der roemischen Freiheit, das Provokationsrecht der
Buergerschaft und die Unverletzlichkeit des Volkstribunats, noch einmal
als praktisches Recht festgestellt und der demokratische Rechtsboden neu
ausgebessert worden. Mit noch groesserer Leidenschaftlichkeit trat die
demokratische Reaktion in allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend
konnte und durfte. Zwar gebot ihr die Klugheit, die Rueckgabe der
von Sulla eingezogenen Gueter an die ehemaligen Eigentuemer nicht zu
betonen, um nicht mit den eigenen Verbuendeten sich zu entzweien und
zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu geraten, dem
die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rueckberufung der
Emigrierten hing mit dieser Vermoegensfrage zu eng zusammen, um
nicht ebenso unraetlich zu erscheinen. Dagegen machte man grosse
Anstrengungen, um den Kindern der Geaechteten die ihnen entzogenen
politischen Rechte zurueckzugegeben (691 63) und die Spitzen der
Senatspartei wurden von persoenlichen Angriffen unablaessig verfolgt.
So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688 (66) einen
Tendenzprozess an. So liess man dessen beruehmteren Bruder vor den Toren
der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691
66-63). Aehnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus
Metellus, insultiert. Groesseres Aufsehen noch machte es, dass der junge
Fuehrer der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloss sich
es herausnahm, bei der Bewerbung um das hoechste Priesteramt mit den
beiden angesehensten Maennern der Nobilitaet, Quintus Catulus und
Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu konkurrieren, sondern
sogar bei der Buergerschaft ihnen den Rang ablief. Die Erben Sullas,
namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich bestaendig bedroht von einer
Klage auf Rueckerstattung der von dem Regenten angeblich unterschlagenen
oeffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme der
im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des
Varischen Gesetzes. Am nachdruecklichsten wurden begreiflicherweise
die bei den Sullanischen Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich
verfolgt. Wenn der Quaestor Marcus Cato in seiner taeppischen
Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, ihnen die empfangenen
Mordpraemien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes Gut
wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, dass das Jahr
darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht
die Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Toetung eines
Geaechteten straflos erklaerte, kurzweg als nichtig behandelte und
die namhaftesten unter den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius
Bellienus, Lucius Luscius, vor seine Geschworenen stellen und zum
Teil auch verurteilen liess. Endlich unterliess man nicht, die lange
verfemten Namen der Helden und Maertyrer der Demokratie jetzt wieder
oeffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch
den gegen seinen Moerder gerichteten Prozess rehabilitiert ward, ist
schon erzaehlt worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name des
Gaius Marius, bei dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten;
und es traf sich, dass derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den
nordischen Barbaren verdankte, zugleich der Oheim des gegenwaertigen
Fuehrers der Demokratie war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre
686 (68) Gaius Caesar es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung
der Witwe des Marius die verehrten Zuege des Helden auf dem Markte
oeffentlich zu zeigen. Aber als gar drei Jahre nachher (689 65) die
Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol hatte errichten und Sulla
umstuerzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet, wieder an der
alten Stelle frisch in Gold und Marmor glaenzten, da draengten sich die
Invaliden aus dem Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Traenen in den
Augen, um das Bild des geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen
gegenueber wagte der Senat nicht, an den Trophaeen sich zu vergreifen,
welche dieselbe kuehne Hand den Gesetzen zum Trotz erneuert hatte.
Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Laerm es auch machte, war
politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie
war ueberwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Dass die Kleinen
und Kleinsten herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen
Fusstritt zu versetzen; dass auch die Demokraten ihren Rechtsboden und
ihren Prinzipienkult hatten; dass ihre Doktrinaere nicht ruhten, bis die
saemtlichen Privilegien der Gemeinde in allen Stuecken wiederhergestellt
waren und dabei gelegentlich sich laecherlich machten, wie Legitimisten
es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie gleichgueltig.
Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr die
Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand fuer ihre Taetigkeit
zu finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon
erledigte oder um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In
dem Kampfe gegen die Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben;
aber sie hatten nicht allein gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch
bevor - die Abrechnung nicht mit dem bisherigen Feind, sondern mit
dem uebermaechtigen Bundesgenossen, dem sie in dem Kampfe mit der
Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt eine
beispiellose militaerische und politische Gewalt selbst in die Haende
gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war
der Feldherr des Ostens und der Meere beschaeftigt, Koenige ein-
und abzusetzen; wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das
Kriegsgeschaeft fuer beendet erklaeren werde, konnte keiner sagen als er
selbst, da wie alles andere, so auch der Zeitpunkt seiner Rueckkehr
nach Italien, das heisst der Entscheidung in seine Hand gelegt war. Die
Parteien in Rom inzwischen sassen und harrten. Die Optimaten freilich
sahen der Ankunft des gefuerchteten Feldherrn verhaeltnismaessig ruhig
entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen
Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren,
sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher
Angst und suchten waehrend der durch Pompeius' Abwesenheit noch
vergoennten Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen.
Hierin trafen sie wieder zusammen mit Crassus, dem nichts uebrig blieb,
um dem beneideten und gehassten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu
und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbuenden. Schon bei der
ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden Schwaecheren
sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und die
gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten
und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknuepfte.
Waehrend oeffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das
Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile gegen
die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen Pompeius
geruestet; und diese Versuche der Demokratie, sich der drohenden
Militaerdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit hoehere
Bedeutung als die laermende und groesstenteils nur als Maske benutzte
Agitation gegen die Nobilitaet. Freilich bewegten sie sich in einem
Dunkel, in das unsere Ueberlieferung nur einzelne Streiflichter fallen
laesst; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre
Ursachen, einen Schleier darueber zu werfen. Indes im allgemeinen sind
sowohl der Gang wie das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der
Militaergewalt konnte nur durch eine andere Militaergewalt wirksam
Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten war, sich nach dem
Beispiel des Marius und Cinna der Zuegel der Regierung zu bemaechtigen,
sodann einen ihrer Fuehrer sei es mit der Eroberung Aegyptens, sei es
mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem aehnlichen ordentlichen
oder ausserordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein
Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften
sie einer Revolution, die zunaechst gegen die nominelle Regierung, in
der Tat gegen Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um diese
Revolution zu bewirken, war von der Erlassung der Gabinisch-Manilischen
Gesetze an bis auf Pompeius' Rueckkehr (688 - 692 66 - 62) die
Verschwoerung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in
aengstlicher Spannung; die gedrueckte Stimmung der Kapitalisten, die
Zahlungsstockungen, die haeufigen Bankrotte waren Vorboten der gaerenden
Umwaelzung, die zugleich eine gaenzlich neue Stellung der Parteien
herbeifuehren zu muessen schien. Der Anschlag der Demokratie, der ueber
den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen
diesen nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius
die eines ihr genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte
genau genommen auch ihrerseits das Militaerregiment an und trieb in
der Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter den Haenden ward ihr
die Prinzipien- zur Personenfrage.
----------------------------------------------------------- ^1 Wer die
Gesamtlage der politischen Verhaeltnisse dieser Zeit uebersieht, wird
spezieller Beweise nicht beduerfen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass
das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der
Sturz des Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch
an solchen Beweisen nicht. Dass die Gabinisch-Manilischen Gesetze der
Demokratie einen toedlichen Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39);
dass die Verschwoerung 688-689 (66- 65) und die Servilische Rogation
speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist gleichfalls bezeugt (Sall.
Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, 46). Ueberdies zeigt
Crassus' Stellung zu der Verschwoerung allein schon hinreichend,
dass sie gegen Pompeius gerichtet war.
---------------------------------------------------------- Die
Einleitung zu der von den Fuehrern der Demokratie entworfenen Revolution
sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine zunaechst in
Rom von demokratischen Verschworenen angestiftete Insurrektion sein.
Der sittliche Zustand der niedrigsten wie der hoechsten Schichten der
hauptstaedtischen Gesellschaft bot hierzu den Stoff in beklagenswerter
Fuelle. Wie das freie und das Sklavenproletariat der Hauptstadt
beschaffen waren, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Es ward
schon das bezeichnende Wort vernommen, dass nur der Arme den Armen zu
vertreten faehig sei - der Gedanke regte sich also, dass die Masse der
Armen so gut wie die Oligarchie der Reichen sich als selbstaendige
Macht konstituieren und, statt sich tyrannisieren zu lassen, auch wohl
ihrerseits den Tyrannen spielen koenne. Aber auch in den Kreisen
der vornehmen Jugend fanden aehnliche Gedanken einen Widerhall. Das
hauptstaedtische Modeleben zerruettete nicht bloss das Vermoegen,
sondern auch die Kraft des Leibes und des Geistes. Jene elegante Welt
der duftenden Haarlocken, der modischen Stutzbaerte und Manschetten, so
lustig es auch darin bei Tanz und Zitherspiel und frueh und spaet
beim Becher herging, barg doch in sich einen erschreckenden Abgrund
sittlichen und oekonomischen Verfalls, gut oder schlecht verhehlter
Verzweiflung und wahnsinniger oder buebischer Entschluesse. In diesen
Kreisen ward unverhohlen geseufzt nach der Wiederkehr der cinnanischen
Zeit mit ihren Aechtungen und Konfiskationen und ihrer Vernichtung
der Schuldbuecher; es gab Leute genug, darunter nicht wenige von nicht
gemeiner Herkunft und ungewoehnlichen Anlagen, die nur auf das Signal
warteten, um wie eine Raeuberschar ueber die buergerliche Gesellschaft
herzufallen und das verlotterte Vermoegen sich wieder zu erpluendern.
Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Fuehrern nicht; auch hier fanden
sich bald Maenner, die zu Raeuberhauptleuten sich eigneten. Der gewesene
Praetor Lucius Catilina, der Quaestor Gnaeus Piso zeichneten unter ihren
Genossen nicht bloss durch ihre vornehme Geburt und ihren hoeheren Rang
sich aus. Sie hatten die Bruecke vollstaendig hinter sich abgebrochen
und imponierten ihren Spiessgesellen durch ihre Ruchlosigkeit ebensosehr
wie durch ihre Talente. Vor allem Catilina war einer der frevelhaftesten
dieser frevelhaften Zeit. Seine Bubenstuecke gehoeren in die
Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon sein Aeusseres, das
bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald traege, bald hastige Gang
verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besass er die
Eigenschaften, die von dem Fuehrer einer solchen Rotte verlangt
werden: die Faehigkeit, alles zu geniessen und alles zu entbehren, Mut,
militaerisches Talent, Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene
entsetzliche Paedagogik des Lasters, die den Schwachen zu Falle zu
bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu erziehen versteht. Aus solchen
Elementen eine Verschwoerung zum Umsturz der bestehenden Ordnung zu
bilden, konnte Maennern, die Geld und politischen Einfluss besassen,
nicht schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen bereitwillig
auf jeden Plan ein, der ihnen Aechtungen und Kassation der Schuldbuecher
in Aussicht stellte; jener war ueberdies noch mit der Aristokratie
speziell verfeindet, weil sie sich der Bewerbung des verworfenen und
gefaehrlichen Menschen um das Konsulat widersetzt hatte. Wie er einst
als Scherge Sullas an der Spitze einer Keltenschar auf die Geaechteten
Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen hochbejahrten Schwager mit
eigener Hand niedergestossen hatte, so liess er jetzt sich bereitwillig
dazu herbei, der Gegenpartei aehnliche Dienst zuzusagen. Ein geheimer
Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben aufgenommenen
Individuen soll 400 ueberstiegen haben; er zaehlte Affiliierte in allen
Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; ueberdies verstand es sich
von selbst, dass einer Insurrektion, die das zeitgemaesse Programm der
Schuldentilgung auf ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der liederlichen
Jugend zahlreiche Rekruten ungeheissen zustroemen wuerden. Im Dezember
688 (66) - so wird erzaehlt - glaubten die Leiter des Bundes den
geeigneten Anlass gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden
fuer 689 (65) erwaehlten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius
Autronius Paetus waren vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich
ueberwiesen und deshalb nach gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft
auf das hoechste Amt verlustig erklaert worden. Beide traten hierauf dem
Bunde bei. Die Verschworenen beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt
zu verschaffen und dadurch sich selbst in den Besitz der hoechsten
Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo die neuen Konsuln ihr
Amt antreten wuerden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die Kurie von
Bewaffneten gestuermt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten
Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des
gerichtlichen Urteils, das sie ausschloss, als Konsuln proklamiert
werden. Crassus sollte sodann die Diktatur, Caesar das Reiterfuehreramt
uebernehmen, ohne Zweifel, um eine imposante Militaermacht auf die
Beine zu bringen, waehrend Pompeius fern am Kaukasus beschaeftigt war.
Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen; Catilina wartete
an dem bestimmten Tage in der Naehe des Rathauses auf das verabredete
Zeichen, das auf Crassus' Wink ihm von Caesar gegeben werden sollte.
Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden
Senatssitzung, und daran scheiterte fuer diesmal die projektierte
Insurrektion. Ein aehnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann
fuer den 5. Februar verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da
Catilina das Zeichen zu frueh gab, bevor noch die bestellten Banditen
sich alle eingefunden hatten. Darueber ward das Geheimnis ruchbar. Die
Regierung wagte zwar nicht, offen der Verschwoerung entgegenzutreten,
aber sie gab doch den zunaechst bedrohten Konsuln Wachen bei und stellte
der Bande der Verschworenen eine von der Regierung bezahlte entgegen.
Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als Quaestor mit
praetorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden;