neben ihm zu streiten gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste
Sinoria, wo sich ein Teil seiner Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine
hier aufbewahrten Schaetze, 6000 Talente Goldes (11 Mill. Taler), unter
sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte mit dem ihm gebliebenen
Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbuendeten, dem Grosskoenig
von Armenien, sich zu vereinigen. Auch diese Hoffnung war eitel;
das Buendnis, auf das vertrauend Mithradates den Weg nach Armenien
einschlug, bestand damals bereits nicht mehr. Waehrend der eben
erzaehlten Kaempfe zwischen Mithradates und Pompeius war der
Partherkoenig, dem Draengen der Roemer und vor allem dem des
landfluechtigen armenischen Prinzen nachgebend, mit gewaffneter Hand in
das Reich des Tigranes eingefallen und hatte denselben gezwungen, sich
in die unzugaenglichen Gebirge zurueckzuziehen. Die Invasionsarmee
begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein da dieselbe
sich in die Laenge zog, entfernte sich Koenig Phraates mit dem groessten
Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurueckgebliebene parthische
Korps und die von seinem Sohn gefuehrten armenischen Emigranten
ueberwaeltigte und in dem ganzen Reiche seine Herrschaft
wiederherstellte. Begreiflicherweise indes war unter diesen Umstaenden
der Koenig wenig geneigt, mit den aufs neue siegreichen Roemern zu
schlagen, am wenigsten sich fuer Mithradates aufzuopfern, dem er
minder traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, dass sein
rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Grossvater zu begeben. So
knuepfte er mit den Roemern Unterhandlungen ueber einen Sonderfrieden
an; aber er wartete den Abschluss des Vertrages nicht ab, um das
Buendnis, das ihn an Mithradates fesselte, zu zerreissen. An der
armenischen Grenze angelangt, musste dieser vernehmen, dass der
Grosskoenig Tigranes einen Preis von 100 Talenten (150000 Taler) auf
seinen Kopf gesetzt, seine Gesandten festgenommen und sie den Roemern
ausgeliefert habe. Koenig Mithradates sah sein Reich in den Haenden
des Feindes, seine Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu
vergleichen; es war nicht moeglich, den Krieg fortzusetzen; er musste
sich gluecklich schaetzen, wenn es ihm gelang, sich an die Ost-
und Nordgestade des Schwarzen Meeres zu retten, vielleicht seinen
abtruennigen und mit den Roemern in Verbindung getretenen Sohn Machares
wieder aus dem Bosporanischen Reiche zu verdraengen und an der Maeotis
fuer neue Entwuerfe einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich
nordwaerts. Als der Koenig auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens,
den Phasis, ueberschritten hatte, stellte Pompeius vorlaeufig
seine Verfolgung ein; statt aber in das Quellgebiet des Euphrat
zurueckzukehren, wandte er sich seitwaerts in das Gebiet des Araxes, um
mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne Widerstand zu finden gelangte
er in die Gegend von Artaxata (unweit Eriwan) und schlug drei deutsche
Meilen von der Stadt sein Lager. Daselbst fand der Sohn des Grosskoenigs
sich zu ihm, der nach dem Sturze des Vaters das armenische Diadem aus
der Hand der Roemer zu empfangen hoffte und darum den Abschluss des
Vertrages zwischen seinem Vater und den Roemern in jeder Weise zu
hindern bemueht war. Der Grosskoenig war nur um so mehr entschlossen,
den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu Pferd und ohne Purpurgewand,
aber geschmueckt mit der koeniglichen Stirnbinde und dem koeniglichen
Turban erschien er an der Pforte des roemischen Lagers und begehrte, vor
den roemischen Feldherrn gefuehrt zu werden. Nachdem er hier auf Geheiss
der Liktoren, wie die roemische Lagerordnung es erheischte, sein Ross
und sein Schwert abgegeben hatte, warf er nach Barbarenart sich dem
Prokonsul zu Fuessen und legte zum Zeichen der unbedingten Unterwerfung
Diadem und Tiara in seine Haende. Pompeius, hocherfreut ueber den
muehelosen Sieg, hob den gedemuetigten Koenig der Koenige auf,
schmueckte ihn wieder mit den Abzeichen seiner Wuerde und diktierte den
Frieden. Ausser einer Zahlung von 9 Mill. Talern (6000 Talente) an
die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, wovon auf jeden
einzelnen 50 Denare (15 Taler) kamen, trat der Koenig alle gemachten
Eroberungen wieder ab, nicht bloss die phoenikischen, syrischen,
kilikischen, kappadokischen Besitzungen, sondern auch am rechten Ufer
des Euphrat Sophene und Korduene; er ward wieder beschraenkt auf das
eigentliche Armenien und mit seinem Grosskoenigtum war es von selber
vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die beiden maechtigen
Koenige von Pontus und Armenien vollstaendig unterworfen. Am Anfang des
Jahres 688 (66) stand kein roemischer Soldat jenseits der Grenze
der altroemischen Besitzungen, am Schlusse desselben irrte Koenig
Mithradates landfluechtig und ohne Heer in den Schluchten des Kaukasus
und sass Koenig Tigranes auf dem armenischen Thron nicht mehr als
Koenig der Koenige, sondern als roemischer Lehnfuerst. Das gesamte
kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat gehorchte den Roemern
unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere oestlich von
diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen Euphrat
bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse traenkten.
Aber das neue Gebiet, das die Roemer hier betraten, erweckte ihnen neue
Kaempfe. Unwillig sahen die tapferen Voelkerschaften des mittleren und
oestlichen Kaukasus die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es
wohnten dort in der fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des heutigen
Georgien die Iberer, eine tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende
Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren Aeltesten das Land nach
Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der einzelnen Bauern.
Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen teils die
Herrengeschlechter, daraus immer der Aelteste der ganzen iberischen
Nation als Koenig, der Naechstaelteste als Richter und Heerfuehrer
vorstand, teils besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag, die
Kunde der mit anderen Voelkern geschlossenen Vertraege zu bewahren und
ueber deren Einhaltung zu wachen. Die Masse der Unfreien galten als
Leibeigene des Koenigs. Auf einer weit niedrigeren Kulturstufe standen
ihre oestlichen Nachbarn, die Albaner oder Alaner, die am unteren
Kur bis zum Kaspischen Meere hinab sassen. Vorwiegend ein Hirtenvolk,
weideten sie, zu Fuss oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf den
ueppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden
noch mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Muenze war
unbekannt und ueber hundert ward nicht gezaehlt. Jeder ihrer Staemme,
deren sechsundzwanzig waren, hatten seinen eigenen Haeuptling und
sprach seinen besonderen Dialekt. An Zahl den Iberern weit ueberlegen,
vermochten sich die Albaner an Tapferkeit durchaus nicht mit denselben
zu messen. Die Fechtart beider Nationen war uebrigens im ganzen die
gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und leichten Wurfspiessen,
die sie haeufig nach Indianerart aus Waldverstecken, hinter Baumstaemmen
hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind entsendeten; die
Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach medisch-armenischer Art
mit schweren Kuerassen und Schienen gepanzerte Reiter. Beide
Nationen lebten auf ihren Aeckern und Triften in vollkommener, seit
unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhaengigkeit. Den Kaukasus scheint
gleichsam die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die
Voelkerfluten aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen
des Kyros wie die Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die
tapfere Besatzung dieser Scheidewand sich an, sie auch gegen die Roemer
zu verteidigen. Aufgeschreckt durch die Kunde, dass der roemische
Oberfeldherr im naechsten Fruehjahr das Gebirge zu ueberschreiten und
den pontischen Koenig jenseits des Kaukasus zu verfolgen beabsichtige
- den Mithradates, vernahm man, ueberwinterte in Dioskurias (Iskuria
zwischen Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, ueberschritten
zuerst die Albaner unter dem Fuersten Oroizes noch im Mittwinter 688/89
(66/65) den Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in
drei groessere Korps unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus
und Pompeius selbst auseinander gelegte Heer. Aber Celer, den der
Hauptangriff traf, hielt tapfer stand und Pompeius selbst verfolgte,
nachdem er sich des gegen ihn geschickten Haufens entledigt, die auf
allen Punkten geschlagenen Barbaren bis an den Kur. Der Koenig
der Iberer, Artokes, hielt sich ruhig und versprach Frieden und
Freundschaft; allein Pompeius, davon benachrichtigt, dass er insgeheim
rueste, um die Roemer bei ihrem Marsche in den Paessen des Kaukasus zu
ueberfallen, rueckte im Fruehjahr 689 (65), bevor er die Verfolgung des
Mithradates wiederaufnahm, vor die beiden kaum eine halbe deutsche Meile
voneinander entfernten Festungen Harmozika (Horumziche oder Armazi) und
Seusamora (Tsumar), welche wenig oberhalb des heutigen Tiflis die
beiden Flusstaeler des Kur und seines Nebenflusses Aragua und damit
die einzigen von Armenien nach Iberien fuehrenden Paesse beherrschen.
Artokes, eher er dessen sich versah, vom Feinde ueberrascht, brannte
eiligst die Kurbruecke ab und wich unterhandelnd in das innere Land
zurueck. Pompeius besetzte die Festungen und folgte den Iberern auf
das andere Ufer des Kur, wodurch er sie zu sofortiger Unterwerfung zu
bestimmen hoffte. Artokes aber wich weiter und weiter in das innere Land
zurueck, und als er endlich am Fluss Peloros Halt machte, geschah es
nicht, um sich zu ergeben, sondern um zu schlagen. Allein dem Anprall
der Legionen standen doch die iberischen Schuetzen keinen Augenblick,
und da Artokes auch den Peioros von den Roemern ueberschritten sah,
fuegte er sich endlich den Bedingungen, die der Sieger stellte, und
sandte seine Kinder als Geiseln. Pompeius marschierte jetzt, seinem
frueher entworfenen Plane gemaess, durch den Sarapanapass aus dem Gebiet
des Kur in das des Phasis und von da am Flusse hinab an das Schwarze
Meer, wo an der kolchischen Kueste die Flotte unter Servilius bereits
seiner harrte. Aber es war ein unsicherer Gedanke und fast ein
wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer und Flotte an den maerchenreichen
kolchischen Strand gefuehrt hatte. Der soeben muehselig zurueckgelegte
Zug durch unbekannte und meist feindliche Nationen war nichts,
verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn es denn wirklich
gelang, von der Phasismuendung aus die Streitmacht nach der Krim zu
fuehren, durch kriegerische und arme Barbarenstaemme, auf unwirtlichen
und unbekannten Gewaessern, laengs einer Kueste, wo an einzelnen Stellen
die Gebirge lotrecht in die See hinabfallen und es schlechterdings
notwendig gewesen waere, die Schiffe zu besteigen; wenn es gelang,
diesen Zug zu vollenden, der vielleicht schwieriger war als die
Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im besten Falle damit
erzielt, das irgend den Muehen und Gefahren entsprach? Freilich war der
Krieg nicht geendigt, solange der alte Koenig noch unter den Lebenden
war; aber wer buergte dafuer, dass es wirklich gelang, das koenigliche
Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd angestellt
werden sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr hin, dass
Mithradates noch einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien schleudere, von
einer Verfolgung abzustehen, die so wenig Gewinn und so viele Gefahren
verhiess? Wohl draengten den Feldherrn zahlreiche Stimmen im Heer, noch
zahlreichere in der Hauptstadt, die Verfolgung unablaessig und um jeden
Preis fortzusetzen; aber es waren Stimmen teils tolldreister Hitzkoepfe,
teils derjenigen perfiden Freunde, die den allzumaechtigen Imperator
gern um jeden Preis von der Hauptstadt ferngehalten und ihn im Osten
in unabsehbare Unternehmungen verwickelt haetten. Pompeius war ein zu
erfahrener und zu bedaechtiger Offizier, um im hartnaeckigen Festhalten
an einer so unverstaendigen Expedition seinen Ruhm und sein Heer auf das
Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im Ruecken des Heeres gab den
Vorwand her, um die weitere Verfolgung des Koenigs aufzugeben und die
Rueckkehr anzuordnen. Die Flotte erhielt den Auftrag, in dem Schwarzen
Meer zu kreuzen, die kleinasiatische Nordkueste gegen jeden feindlichen
Einfall zu decken, den Kimmerischen Bosporus aber streng zu blockieren
unter Androhung der Lebensstrafe fuer jeden Kauffahrer, der die Blockade
brechen wuerde. Die Landtruppen fuehrte Pompeius nicht ohne grosse
Beschwerden durch das kolchische und armenische Gebiet an den unteren
Lauf des Kur und weiter, den Strom ueberschreitend, in die albanische
Ebene. Mehrere Tage musste das roemische Heer in der gluehenden Hitze
durch dies wasserarme Blachland marschieren, ohne auf den Feind
zu treffen; erst am linken Ufer des Abas (wahrscheinlich der sonst
Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluss) stellte unter Fuehrung des
Koses, Bruders des Koenigs Oroizes, sich die Streitmacht der Albaner den
Roemern entgegen; sie soll mit Einschluss des von den transkaukasischen
Steppenbewohnern eingetroffenen Zuzuges 60000 Mann zu Fuss und 12000
Reiter gezaehlt haben. Dennoch haette sie schwerlich den Kampf gewagt,
wenn sie nicht gemeint haette, bloss mit der roemischen Reiterei fechten
zu sollen; aber die Reiter waren nur vorangestellt und wie diese
sich zurueckzogen, zeigten sich dahinter verborgen die roemischen
Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das Heer der Barbaren in die
Waelder versprengt, die Pompeius zu umstellen und anzuzuenden befahl.
Die Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu machen und dem Beispiele
der maechtigeren Voelker folgend, schlossen alle zwischen dem Kur und
dem Kaspischen Meer sitzenden Staemme mit dem roemischen Feldherrn
Vertrag ab. Die Albaner, Iberer und ueberhaupt die suedlich am und unter
dem Kaukasus ansaessigen Voelkerschaften traten also wenigstens fuer den
Augenblick in ein abhaengiges Verhaeltnis zu Rom. Wenn dagegen auch die
Voelker zwischen dem Phasis und der Maeotis, Kolcher, Soaner, Heniocher,
Zyger, Achaeer, sogar die fernen Bastarner dem langen Verzeichnis der
von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht wurden, so nahm man
dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr wenig genau.
Der Kaukasus bewaehrte sich abermals in seiner weltgeschichtlichen
Bedeutung; wie die persische und die hellenische fand auch die roemische
Eroberung an ihm ihre Grenze. So blieb denn Koenig Mithradates sich
selbst und dem Verhaengnis ueberlassen. Wie einst sein Ahnherr, der
Gruender des Pontischen Staates, sein kuenftiges Reich zuerst betreten
hatte, fluechtend vor den Haeschern des Antigonos und nur von sechs
Reitern begleitet, so hatte nun der Enkel die Grenzen seines Reiches
wieder ueberschreiten und seine und seiner Vaeter Eroberungen mit dem
Ruecken ansehen muessen. Aber die Wuerfel des Verhaengnisses hatten
keinem oefter und launenhafter die hoechsten Gewinste und die
gewaltigsten Verluste zugeworfen als dem alten Sultan von Sinope, und
rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke im Osten. Wohl mochte
Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen Wechselfall mit
dem Gedanken hinnehmen, dass auch er nur wieder einen neuen Umschwung
vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der Geschicke sei.
War doch die roemische Herrschaft der Orientalen im tiefsten Grunde
ihres Wesens unertraeglich und Mithradates selbst, im Guten wie im
Boesen, der rechte Fuerst des Ostens; bei der Schlaffheit des Regiments,
wie der roemische Senat es ueber die Provinzen uebte, und bei dem
gaerenden und zum Buergerkriege reifenden Hader der politischen Parteien
in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glueckte, seine Zeit abzuwarten,
gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft wiederherstellen. Darum
eben, weil er hoffte und plante, solange Leben in ihm war, blieb er den
Roemern gefaehrlich, solange er lebte, als landfluechtiger Greis nicht
minder wie da er mit seinen Hunderttausenden ausgezogen war, um Hellas
und Makedonien den Roemern zu entreissen. Der rastlose alte Mann
gelangte im Jahre 689 (85) von Dioskurias unter unsaeglichen Beschwerden
teils zu Lande, teils zur See in das Reich von Pantikapaeon, stuerzte
hier durch sein Ansehen und sein starkes Gefolge seinen abtruennigen
Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, sich selber den Tod zu geben. Von
hier aus versuchte er noch einmal, mit den Roemern zu unterhandeln;
er bat, ihm sein vaeterliches Reich zurueckzugeben und erklaerte sich
bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als Lehnfuerst Zins zu
entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem Koenig eine Stellung zu
gewaehren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen haben wuerde, und
bestand darauf, dass er sich persoenlich unterwerfe. Mithradates aber
dachte nicht daran, sich dem Feinde in die Haende zu liefern, sondern
entwarf neue und immer ausschweifendere Plaene. Mit Anspannung aller der
Mittel, die seine geretteten Schaetze und der Rest seiner Staaten ihm
darboten, ruestete er ein neues, zum Teil aus Sklaven bestehendes Heer
von 36000 Mann, das er nach roemischer Art bewaffnete und einuebte, und
eine Kriegsflotte; dem Geruecht zufolge beabsichtigte er durch Thrakien,
Makedonien und Pannonien westwaerts zu ziehen, die Skythen in den
sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als Bundesgenossen mit
sich fortzureissen und mit dieser Voelkerlawine sich auf Italien zu
stuerzen. Man hat dies wohl grossartig gefunden und den Kriegsplan des
pontischen Koenigs mit dem Heereszug Hannibals verglichen; aber derselbe
Entwurf, der in einem genialen Geiste genial ist, wird eine Torheit in
einem verkehrten. Diese beabsichtigte Invasion der Orientalen in Italien
war einfach laecherlich und nichts als die Ausgeburt einer ohnmaechtigen
phantasierenden Verzweiflung. Durch die vorsichtige Kaltbluetigkeit
ihres Fuehrers blieben die Roemer davor bewahrt, dem abenteuerlichen
Gegner abenteuernd zu folgen und in der fernen Krim einen Angriff
abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich selber erstickte, immer noch
frueh genug am Fusse der Alpen begegnet ward. In der Tat, waehrend
Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des ohnmaechtigen Riesen sich zu
bekuemmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen beschaeftigt war, erfuellten
ohne sein Zutun sich im entlegenen Norden die Geschicke des greisen
Koenigs. Die unverhaeltnismaessigen Ruestungen hatten unter den
Bosporanern, denen man die Haeuser einriss, die Ochsen vom Pflug spannte
und niederstiess, um Balken und Flechsen zum Maschinenbau zu gewinnen,
die heftigste Gaerung hervorgerufen. Auch die Soldaten gingen unlustig
an die hoffnungslose italische Expedition. Stets war Mithradates umgeben
gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte nicht die Gabe, Liebe und
Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in frueheren Jahren seinen
ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genoetigt hatte, im roemischen Lager
Schutz zu suchen, wie waehrend der Feldzuege Luculls seine vertrautesten
Offiziere Diokles, Phoenix, sogar die namhaftesten roemischen Emigranten
zum Feind uebergegangen waren, so folgte jetzt, wo sein Stern erblich
und der alte, kranke, verbitterte Sultan keinem mehr als seinen
Verschnittenen zugaenglich war, noch rascher Abfall auf Abfall. Der
Kommandant der Festung Phanagoria (auf der asiatischen Kueste Kertsch
gegenueber), Kastor, erhob zuerst die Fahne des Aufstandes; er
proklamierte die Freiheit der Stadt und lieferte die in der Festung
befindlichen Soehne Mithradats in die Haende der Roemer. Waehrend unter
den bosporanischen Staedten der Aufstand sich ausbreitete, Chersonesos
(unweit Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und andere sich den Phanagoriten
anschlossen, liess der Koenig seinem Argwohn und seiner Grausamkeit
den Lauf. Auf die Anzeige veraechtlicher Eunuchen hin wurden seine
Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; die eigenen Soehne des Koenigs
waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige von ihnen, der des
Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum Nachfolger bestimmt war,
Pharnakes, entschloss sich und trat an die Spitze des Insurgenten. Die
Haescher, welche Mithradates sandte, um ihn zu verhaften, die gegen ihn
ausgeschickten Truppen gingen zu ihm ueber; das Korps der italischen
Ueberlaeufer, vielleicht der tuechtigste unter den Mithradatischen
Heerhaufen und ebendarum am wenigsten geneigt, die abenteuerliche und
fuer die Ueberlaeufer besonders bedenkliche Expedition gegen Italien
mitzumachen, erklaerte sich in Masse fuer den Prinzen; die uebrigen
Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen Beispiel. Nachdem
die Landschaft und die Armee den Koenig verlassen hatten, oeffnete
endlich auch die Hauptstadt Pantikapaeon den Insurgenten die Tore
und ueberlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste eingeschlossenen
Koenig. Von der hohen Mauer seiner Burg flehte dieser den Sohn an, ihm
wenigstens das Leben zu gewaehren und nicht in das Blut des Vaters
die Haende zu tauchen; aber die Bitte klang uebel aus dem Munde eines
Mannes, an dessen eigenen Haenden das Blut der Mutter und das
frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte, und in
seelenloser Haerte und Unmenschlichkeit uebertraf Pharnakes noch seinen
Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloss der Sultan, wenigstens
zu sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse und seine
Toechter, unter diesen die jugendlichen Braeute der Koenige von Aegypten
und Kypros, sie alle mussten die Bitterkeit des Todes erleiden und den
Giftbecher leeren, bevor auch er denselben nahm und dann, da der Trank
nicht schnell genug wirkte, einem keltischen Soeldner Betuitus den
Nacken zum toedlichen Streiche darbot. So starb im Jahre 691 (63)
Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines Lebens, im
siebenundfuenfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem er
zum ersten Male gegen die Roemer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die
Koenig Pharnakes als Belegstueck seiner Verdienste und seiner Loyalitaet
an Pompeius sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den
Koenigsgraebern von Sinope. Mithradates' Tod galt den Roemern einem
Siege gleich: lorbeerbekraenzt, als haetten sie einen solchen zu melden,
erschienen die Boten, welche dem Feldherrn die Katastrophe berichteten,
im roemischen Lager von Jericho. Ein grosser Feind ward mit ihm zu Grabe
getragen, ein groesserer, als je noch in dem schlaffen Osten einer den
Roemern erstanden war. Instinktmaessig fuehlte es die Menge; wie einst
Scipio mehr noch ueber Hannibal als ueber Karthago triumphiert hatte, so
wurde auch die Ueberwindung der zahlreichen Staemme des Ostens und
des Grosskoenigs selbst fast vergessen ueber Mithradates' Tod, und bei
Pompeius' feierlichem Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf
sich als die Schildereien, in denen man den Koenig Mithradates als
Fluechtling sein Pferd am Zuegel fuehren, dann ihn sterbend zwischen
den Leichen seiner Toechter niedersinken sah. Wie man auch ueber die
Eigenartigkeit des Koenigs urteilen mag, er ist eine bedeutende,
im vollen Sinne des Wortes weltgeschichtliche Gestalt. Er war keine
geniale, wahrscheinlich nicht einmal eine reichbegabte Persoenlichkeit;
aber er besass die sehr respektable Gabe zu hassen, und mit diesem Hasse
hat er den ungleichen Kampf gegen die uebermaechtigen Feinde ein
halbes Jahrhundert hindurch zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden.
Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualitaet ward er durch den
Platz, auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorlaeufer der