Schild und Schwert er offiziell angesehen ward, ihn doch seine Herkunft,

seine Vergangenheit, seine Hoffnungen immer wieder schieden. Der schon

klaffende Riss hatte waehrend der spanischen Feldzuege (677 - 683 77 -

71) des Feldherrn sich unheilbar erweitert. Unwillig und halb gezwungen

hatte die Regierung ihn ihrem rechten Vertreter Quintus Metellus als

Kollegen beigesellt; und wieder er beschuldigte, wohl nicht ohne

Grund, den Senat durch die sei es liederliche, sei es boeswillige

Vernachlaessigung der spanischen Armeen deren Niederlagen verschuldet

und das Schicksal der Expedition aufs Spiel gesetzt zu haben. Nun kam

er zurueck als Sieger ueber die heimlichen Feinde, an der Spitze eines

krieggewohnten und ihm ganz ergebenen Heeres, fuer seine Soldaten

Landanweisungen begehrend, fuer sich Triumph und Konsulat. Die letzteren

Forderungen verstiessen gegen das Gesetz. Pompeius, obwohl mehrmals

schon ausserordentlicherweise mit der hoechsten Amtsgewalt bekleidet,

hatte noch kein ordentliches Amt, nicht einmal die Quaestur verwaltet

und war noch immer nicht Mitglied des Rats; und Konsul durfte nur

werden, wer die Staffel der geringeren ordentlichen Aemter durchmessen,

triumphieren nur, wer die ordentliche hoechste Gewalt bekleidet hatte.

Der Senat war gesetzlich befugt, ihn, wenn er um das Konsulat sich

bewarb, auf die Bewerbung um die Quaestur zu verweisen, wenn er den

Triumph erbat, ihn an den grossen Scipio zu erinnern, der unter gleichen

Verhaeltnissen auf den Triumph ueber das eroberte Spanien verzichtet

hatte. Nicht minder hing Pompeius hinsichtlich der seinen Soldaten

versprochenen Domaenen verfassungsmaessig ab von dem guten Willen des

Senats. Indes wenn auch der Senat, wie es bei seiner Schwaechlichkeit

auch im Grollen wohl denkbar war, hierin nachgab und dem siegreichen

Feldherrn fuer den gegen die Demokratenchefs geleisteten Schergendienst

den Triumph, das Konsulat, die Landanweisungen zugestand, so war doch

eine ehrenvolle Annulierung in ratsherrlicher Indolenz unter der langen

Reihe der friedlichen senatorischen Imperatoren das guenstigste Los,

das die Oligarchie dem sechsunddreissigjaehrigen Feldherrn zu bereiten

vermochte. Das, wonach sein Herz eigentlich verlangte, das Kommando im

Mithradatischen Krieg freiwillig vom Senat bewilligt zu erhalten, konnte

er nimmer erwarten; in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse

durfte die Oligarchie es nicht zulassen, dass er den afrikanischen und

europaeischen noch die Trophaeen des dritten Weltteils hinzufuegte;

die im Osten reichlich und bequem zu pflueckenden Lorbeeren blieben auf

jeden Fall der reinen Aristokratie vorbehalten. Wenn aber der gefeierte

General bei der herrschenden Oligarchie seine Rechnung nicht fand,

so blieb - da zu einer rein persoenlichen, ausgesprochen dynastischen

Politik weder die Zeit reif noch Pompeius' ganze Persoenlichkeit

geeignet war - ihm keine andere Wahl, als mit der Demokratie

gemeinschaftliche Sache zu machen. An die Sullanische Verfassung band

ihn kein eigenes Interesse: er konnte seine persoenlichen Zwecke

auch innerhalb einer mehr demokratischen ebensogut, wo nicht

besser verfolgen. Dagegen fand er alles, was er brauchte, bei der

demokratischen Partei. Die taetigen und gewandten Fuehrer derselben

waren bereit und faehig, dem unbehilflichen und etwas hoelzernen Helden

die muehselige politische Leitung abzunehmen, und doch viel zu

gering, um dem gefeierten Feldherrn die erste Rolle und namentlich die

militaerische Oberleitung streitig machen zu koennen oder auch nur zu

wollen. Selbst der weitaus bedeutendste von ihnen, Gaius Caesar, war

nichts als ein junger Mensch, dem seine dreisten Fahrten und eleganten

Schulden weit mehr als seine feurige demokratische Beredsamkeit einen

Namen gemacht hatten und der sich sehr geehrt fuehlen musste, wenn der

weltberuehmte Imperator ihm gestattete, sein politischer Adjutant zu

sein. Die Popularitaet, auf welche Menschen wie Pompeius, von groesseren

Anspruechen als Faehigkeiten, mehr Wert zu legen pflegen, als sie gern

sich selber gestehen, musste im hoechsten Mass dem jungen General zuteil

werden, dessen Uebertritt der fast aussichtslosen Sache der Demokratie

den Sieg gab. Der von ihm fuer sich und seine Soldaten geforderte

Siegeslohn fand damit sich von selbst. Ueberhaupt schien, wenn

die Oligarchie gestuerzt ward, bei dem gaenzlichen Mangel anderer

ansehnlicher Oppositionshaeupter es nur von Pompeius abzuhaengen,

seine weitere Stellung sich selber zu bestimmen. Daran aber konnte

kaum gezweifelt werden, dass der Uebertritt des Feldherrn der soeben

siegreich aus Spanien heimkehrenden und noch in Italien geschlossen

zusammenstehenden Armee zur Oppositionspartei den Sturz der bestehenden

Ordnung zur Folge haben muesse. Regierung und Opposition waren gleich

machtlos; sowie die letztere nicht mehr bloss mit Deklamationen focht,

sondern das Schwert eines siegreichen Feldherrn bereit war, ihren

Anforderungen Nachdruck zu geben, war die Regierung jedenfalls,

vielleicht sogar ohne Kampf, ueberwunden. So sah man von beiden Seiten

sich gedraengt zur Koalition. An persoenlichen Abneigungen mochte

es dort wie hier nicht fehlen; der siegreiche Feldherr konnte die

Strassenredner unmoeglich lieben, diese noch weniger den Henker des

Carbo und Brutus mit Freuden als ihr Haupt begruessen; indes die

politische Notwendigkeit ueberwog, wenigstens fuer den Augenblick, jedes

sittliche Bedenken. Aber die Demokraten und Pompeius schlossen ihren

Bund nicht allein. Auch Marcus Crassus war in einer aehnlichen Lage wie

Pompeius. Obwohl Sullaner wie dieser, war doch auch seine Politik, ganz

wie die des Pompeius, vor allem eine persoenliche und durchaus nicht die

der herrschenden Oligarchie; und auch er stand jetzt in Italien an der

Spitze einer starken und siegreichen Armee, mit welcher er soeben den

Sklavenaufstand niedergeschlagen hatte. Es blieb ihm die Wahl entweder

gegen die Koalition mit der Oligarchie sich zu verbinden oder in die

Koalition einzutreten; er waehlte den letzteren und damit ohne Zweifel

den sichereren Weg. Bei seinem kolossalen Vermoegen und seinem Einfluss

auf die hauptstaedtischen Klubs war er ueberhaupt ein schaetzbarer

Bundesgenosse; unter den obwaltenden Umstaenden aber war es ein

unberechenbarer Gewinn, wenn das einzige Heer, mit welchem der Senat

den Truppen des Pompeius haette begegnen koennen, der angreifenden Macht

sich beigesellte. Die Demokraten ueberdies, denen bei der Allianz mit

dem uebermaechtigen Feldherrn nicht wohl zu Mute sein mochte, sahen

nicht ungern in Marcus Crassus ihm ein Gegengewicht und vielleicht einen

kuenftigen Rivalen zur Seite gestellt. So kam im Sommer des Jahres 683

(71) die erste Koalition zustande zwischen der Demokratie einer- und

den beiden Sullanischen Generalen Gnaeus Pompeius und Marcus Crassus

andererseits. Beide machten das Parteiprogramm der Demokratie zu dem

ihrigen; es ward ihnen dafuer zunaechst das Konsulat auf das kommende

Jahr, Pompeius ueberdies der Triumph und die begehrten Landlose fuer

seine Soldaten, Crassus als dem Ueberwinder des Spartacus wenigstens die

Ehre des feierlichen Einzugs in die Hauptstadt zugesichert. Den beiden

italischen Armeen, der hohen Finanz und der Demokratie, die also zum

Sturz der Sullanischen Verfassung verbuendet auftraten, hatte der Senat

nichts gegenueberzustellen als etwa das zweite spanische Heer unter

Quintus Metellus Pius. Allein Sulla hatte richtig vorhergesagt, dass

das, was er getan, nicht zum zweitenmal geschehen werde: Metellus,

durchaus nicht geneigt, sich in einen Buergerkrieg zu verwickeln, hatte

sofort nach Ueberschreitung der Alpen seine Soldaten entlassen. So blieb

der Oligarchie nichts uebrig, als in das Unvermeidliche sich zu

fuegen. Der Rat bewilligte die fuer Konsulat und Triumph erforderlichen

Dispensationen; Pompeius und Crassus wurden, ohne Widerstand zu finden,

zu Konsuln fuer das Jahr 684 (70) gewaehlt, waehrend ihre Heere,

angeblich in Erwartung des Triumphs, vor der Stadt lagerten. Noch vor

dem Antritt seines Amtes bekannte sodann Pompeius in einer von dem

Volkstribun Marcus Lollius Palicanus abgehaltenen Volksversammlung

sich oeffentlich und foermlich zu dem demokratischen Programm. Die

Verfassungsaenderung war damit im Prinzip entschieden. Allen Ernstes

ging man nun an die Beseitigung der sullanischen Institutionen. Vor

allen Dingen erhielt das tribunizische Amt wieder seine fruehere

Geltung. Pompeius selbst als Konsul brachte das Gesetz ein, das den

Volkstribunen ihre althergebrachten Befugnisse, namentlich auch die

legislatorische Initiative zurueckgab - freilich eine seltsame Gabe aus

der Hand des Mannes, der mehr als irgend ein Lebender dazu getan hatte,

der Gemeinde ihre alten Privilegien zu entreissen. Hinsichtlich der

Geschworenenstellung wurde die Bestimmung Sullas, dass das Verzeichnis

der Senatoren als Geschworenenliste dienen solle, zwar abgeschafft;

allein es kam doch keineswegs zu einer einfachen Wiederherstellung der

Gracchischen Rittergerichte. Kuenftig, so bestimmte das neue Aurelische

Gesetz, sollten die Geschworenenkollegien zu einem Dritteil aus

Senatoren bestehen, zu zwei Dritteilen aus Maennern vom Ritterzensus,

von welchen letzteren wieder die Haelfte die Distriktvorsteherschaft

oder das sogenannte Kassentribunat bekleidet haben musste. Es war diese

letzte Neuerung eine weitere, den Demokraten gemachte Konzession, indem

hiernach wenigstens der dritte Teil der Kriminalgeschworenen mittelbar

hervorging aus den Wahlen der Distrikte. Wenn dagegen der Senat nicht

gaenzlich aus den Gerichten verdraengt ward, so ist die Ursache davon

wahrscheinlich teils in Crassus' Beziehungen zum Senat zu suchen, teils

in dem Beitritt der senatorischen Mittelpartei zu der Koalition, mit

dem es auch wohl zusammenhaengt, dass der Bruder ihres kuerzlich

verstorbenen Fuehrers, der Praetor Lucius Cotta, dies Gesetz einbrachte.

Nicht weniger wichtig war die Beseitigung der fuer Asien von Sulla

festgesetzten Steuerordnung, welche vermutlich ebenfalls in dies

Jahr faellt; der damalige Statthalter Asiens, Lucius Lucullus, ward

angewiesen, das von Gaius Gracchus eingefuehrte Verpachtungssystem

wiederherzustellen und damit der hohen Finanz diese wichtige Geld- und

Machtquelle zurueckzugeben. Endlich ward die Zensur wieder ins Leben

gerufen. Die Wahlen dafuer, welche die neuen Konsuln kurz nach Antritt

ihres Amtes anberaumten, fielen, in offenbarer Verhoehnung des Senats,

auf die beiden Konsuln des Jahres 682 (73) Gnaeus Lentulus Clodianus

und Lucius Genius, die wegen ihrer elenden Kriegfuehrung gegen Spartacus

durch den Senat vom Kommando entfernt worden waren. Es begreift sich,

dass diese Maenner alle Mittel, die ihr wichtiges und ernstes Amt ihnen

zu Gebote stellte, in Bewegung setzten, um den neuen Machthabern zu

huldigen und den Senat zu aergern. Mindestens der achte Teil des Senats,

vierundsechzig Senatoren, eine bis dahin unerhoerte Zahl, wurden von

der Liste gestrichen, darunter der einst von Gaius Caesar ohne Erfolg

angeklagte Gaius Antonius und der Konsul des Jahres 683 (71), Publius

Lentulus Sura, vermutlich auch nicht wenige der verhassten Kreaturen

Sullas. So war man mit dem Jahre 684 (70) wieder im wesentlichen

zurueckgekommen auf die vor der sullanischen Restauration bestehenden

Ordnungen. Wieder ward die hauptstaedtische Menge aus der Staatskasse,

das heisst von den Provinzen gespeist; wieder gab die tribunizische

Gewalt jedem Demagogen den gesetzlichen Freibrief, die staatlichen

Ordnungen zu verkehren; wieder erhob der Geldadel, als Inhaber der

Steuerpachtungen und der gerichtlichen Kontrolle ueber die Statthalter,

neben der Regierung sein Haupt so maechtig wie nur je zuvor; wieder

zitterte der Senat vor dem Wahrspruch der Geschworenen des Ritterstandes

und vor der zensorischen Ruege. Das System Sullas, das auf die

politische Vernichtung der kaufmaennischen Aristokratie und der

Demagogie die Alleinherrschaft der Nobilitaet begruendet hatte, war

damit vollstaendig ueber den Haufen geworfen. Abgesehen von einzelnen

untergeordneten Bestimmungen, deren Abschaffung erst spaeter nachgeholt

wurde, wie zum Beispiel der Zurueckgabe des Selbstergaenzungsrechts an

die Priesterkollegien, blieb von Sullas allgemeinen Ordnungen hiernach

nichts uebrig als teils die Konzessionen, die er selbst der Opposition

zu machen notwendig gefunden hatte, wie namentlich die Anerkennung des

roemischen Buergerrechts der saemtlichen Italiker, teils Verfuegungen

ohne schroffe Parteitendenz, an denen deshalb auch die verstaendigen

Demokraten nichts auszusetzen fanden, wie unter anderm die Beschraenkung

der Freigelassenen, die Regulierung der Beamtenkompetenzen und die

materiellen Aenderungen im Kriminalrecht. Weniger einig als ueber diese

prinzipiellen war die Koalition hinsichtlich der persoenlichen Fragen,

die eine solche Staatsumwaelzung anregte. Begreiflicherweise liessen

die Demokraten sich nicht genuegen mit der allgemeinen Anerkennung ihres

Programms, sondern auch sie forderten jetzt eine Restauration in ihrem

Sinn: Wiederherstellung des Andenkens ihrer Toten, Bestrafung der

Moerder, Rueckberufung der Geaechteten aus der Verbannung, Aufhebung der

auf ihren Kindern lastenden politischen Zuruecksetzung, Rueckgabe der

von Sulla eingezogenen Gueter, Schadenersatz aus dem Vermoegen der

Erben und Gehilfen des Diktators. Es waren das allerdings die logischen

Konsequenzen, die aus einem reinen Sieg der Demokratie sich ergaben;

allein der Sieg der Koalition von 683 (71) war doch weit entfernt, ein

solcher zu sein. Die Demokratie gab dazu den Namen und das Programm, die

uebergetretenen Offiziere aber, vor allen Pompeius, die Macht und die

Vollendung; und nun- und nimmermehr konnten diese zu einer Reaktion ihre

Zustimmung geben, die nicht bloss die bestehenden Verhaeltnisse bis in

ihre Grundfesten erschuettert, sondern auch schliesslich sich gegen sie

selbst gewandt haben wuerde - war es doch noch im frischen Andenken,

welcher Maenner Blut Pompeius vergossen, wie Crassus zu seinem ugeheuren

Vermoegen den Grund gelegt hatte. So ist es wohl erklaerlich, aber

auch zugleich bezeichnend fuer die Schwaeche der Demokratie, dass die

Koalition von 683 (71) nicht das geringste tat, um den Demokraten

Rache oder auch nur Rehabilitation zu gewaehren. Die nachtraegliche

Einforderung aller der fuer erstandene konfiszierte Gueter noch

rueckstaendigen oder auch von Sulla den Kaeufern erlassenen Kaufgelder,

welche der Zensor Lentulus in einem besonderen Erlass feststellte,

kann kaum als Ausnahme bezeichnet werden; denn wenn auch nicht wenige

Sullaner dadurch in ihren persoenlichen Interessen empfindlich verletzt

wurden, so war doch die Massregel selbst wesentlich eine Bestaetigung

der von Sulla vorgenommenen Konfiskationen. Sullas Werk war also

zerstoert; aber was nun werden sollte, war damit viel mehr in Frage

gestellt als entschieden. Die Koalition, einzig zusammengehalten durch

den gemeinschaftlichen Zweck, das Restaurationswerk zu beseitigen,

loeste sich, als dieser erreicht war, wenn nicht foermlich, doch der

Sache nach von selber auf; fuer die Frage aber, wohin nun zunaechst das

Schwergewicht der Macht fallen sollte, schien sich eine ebenso rasche

wie gewaltsame Loesung vorzubereiten. Die Heere des Pompeius und Crassus

lagerten immer noch vor den Toren der Stadt. Jener hatte zwar zugesagt,

nach dem Triumph (am letzten Dezember 683 71) seine Soldaten zu

verabschieden; allein zunaechst war es unterblieben, um unter dem

Druck, den das spanische Heer vor der Hauptstadt auf diese und den Senat

ausuebte, die Staatsumwaelzung ungestoert zu vollenden, was denn in

gleicher Weise auch auf die Armee des Crassus Anwendung fand. Diese

Ursache bestand jetzt nicht mehr; aber dennoch unterblieb die Aufloesung

der Heere. Die Dinge nahmen die Wendung, als werde einer der beiden mit

der Demokratie alliierten Feldherrn die Militaerdiktatur ergreifen und

Oligarchen und Demokraten in dieselben Fesseln schlagen. Dieser eine

aber konnte nur Pompeius sein. Von Anfang an hatte Crassus in der

Koalition eine untergeordnete Rolle gespielt; er hatte sich antragen

muessen und verdankte selbst seine Wahl zum Konsulat hauptsaechlich

Pompeius' stolzer Verwendung. Weitaus der staerkere, war Pompeius

offenbar der Herr der Situation; wenn er zugriff, so schien er werden zu

muessen, als was ihn der Instinkt der Menge schon jetzt bezeichnete: der

unumschraenkte Gebieter des maechtigsten Staates der zivilisierten

Welt. Schon draengte sich die ganze Masse der Servilen um den kuenftigen

Monarchen. Schon suchten die schwaecheren Gegner eine letzte Hilfe in

einer neuen Koalition; Crassus, voll alter und neuer Eifersucht auf den

juengeren, so durchaus ihn ueberfluegelnden Rivalen, naeherte sich dem

Senat und versuchte, durch beispiellose Spenden die hauptstaedtische

Menge an sich zu fesseln - als ob die durch Crassus selbst mitgebrochene

Oligarchie und der ewig undankbare Poebel vermocht haben wuerden, gegen

die Veteranen der spanischen Armee irgendwelchen Schutz zu gewaehren.

Einen Augenblick schien es, als wuerde es vor den Toren der Hauptstadt

zwischen den Heeren des Pompeius und Crassus zur Schlacht kommen. Allein

diese Katastrophe wandten die Demokraten durch ihre Einsicht und

ihre Geschmeidigkeit ab. Auch ihrer Partei lag, ebenwie dem Senat und

Crassus, alles daran, dass Pompeius nicht die Diktatur ergriff; aber mit

richtigerer Einsicht in ihre eigene Schwaeche und in den Charakter des

maechtigen Gegners versuchten ihre Fuehrer den Weg der Guete. Pompeius

fehlte keine Bedingung, um nach der Krone zu greifen, als die erste

von allen: der eigene koenigliche Mut. Wir haben den Mann frueher

geschildert, mit seinem Streben, zugleich loyaler Republikaner und Herr

von Rom zu sein, mit seiner Unklarheit und Willenlosigkeit, mit seiner,

unter dem Pochen auf selbstaendige Entschluesse sich verbergenden

Lenksamkeit. Es war dies die erste grosse Probe, auf die das Verhaengnis

ihn stellte; er hat sie nicht bestanden. Der Vorwand, unter dem Pompeius

die Entlassung der Armee verweigerte, war, dass er Crassus misstraute

und darum nicht mit der Entlassung der Soldaten den Anfang machen

koenne. Die Demokraten bestimmten den Crassus, hierin entgegenkommende

Schritte zu tun, dem Kollegen vor aller Augen zum Frieden die Hand zu

bieten; oeffentlich und insgeheim bestuermten sie diesen, dass er zu dem

zwiefachen Verdienst, den Feind besiegt und die Parteien versoehnt zu

haben, noch das dritte und groesste fuegen moege, dem Vaterland

den inneren Frieden zu erhalten und das drohende Schreckbild des

Buergerkrieges zu bannen. Was nur immer auf einen eitlen, ungewandten,

unsicheren Mann zu wirken vermag, alle Schmeichelkuenste der Diplomatie,

aller theatralische Apparat patriotischer Begeisterung wurde in Bewegung

gesetzt, um das ersehnte Ziel zu erreichen; was aber die Hauptsache

war, die Dinge hatten durch Crassus' rechtzeitige Nachgiebigkeit sich

so gestaltet, dass Pompeius nur die Wahl blieb, entweder geradezu als

Tyrann von Rom auf- oder zurueckzutreten. So gab er endlich nach und

willigte in die Entlassung der Truppen. Das Kommando im Mithradatischen

Krieg, das zu erlangen er ohne Zweifel hoffte, als er sich fuer 684 (70)

zum Konsul hatte waehlen lassen, konnte er jetzt nicht wuenschen, da mit

dem Feldzuge von 683 (71) Lucullus diesen Krieg in der Tat beendigt zu

haben schien; die vom Senat in Gemaessheit des Sempronischen Gesetzes

ihm angewiesene Konsularprovinz anzunehmen, hielt er unter seiner

Wuerde, und Crassus folgte darin seinem Beispiel. So zog Pompeius, als

er nach Entlassung seiner Soldaten am letzten Tage des Jahres 684 (70)

sein Konsulat niederlegte, sich zunaechst ganz von den oeffentlichen

Geschaeften zurueck und erklaerte, fortan als einfacher Buerger in

stiller Musse leben zu wollen. Er hatte sich so gestellt, dass er nach

der Krone greifen musste und, da er dies nicht wollte, ihm keine Rolle

uebrig blieb als die nichtige eines resignierenden Thronkandidaten. Der

Ruecktritt des Mannes, dem nach der Lage der Sachen die erste Stelle

zukam, vom politischen Schauplatz fuehrte zunaechst ungefaehr dieselbe

Parteistellung wieder herbei, wie wir sie in der gracchischen und

marianischen Epoche fanden. Sulla hatte dem Senat das Regiment nur

befestigt, nicht gegeben; so blieb denn auch dasselbe, nachdem die von

Sulla errichteten Bollwerke wieder gefallen waren, nichtsdestoweniger

zunaechst dem Senat, waehrend die Verfassung freilich, mit der

er regierte, im wesentlichen die wiederhergestellte Gracchische,

durchdrungen war von einem der Oligarchie feindlichen Geiste. Die

Demokratie hatte die Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung

bewirkt; aber ohne einen neuen Gracchus war diese ein Koerper ohne

Haupt, und dass weder Pompeius noch Crassus auf die Dauer dieses Haupt

sein konnten, war an sich klar und durch die letzten Vorgaenge noch

deutlicher dargetan worden. So musste die demokratische Opposition in

Ermangelung eines Fuehrers, der geradezu das Ruder in die Hand genommen

haette, vorlaeufig sich begnuegen, die Regierung auf Schritt und

Tritt zu hemmen und zu aergern. Zwischen der Oligarchie aber und der

Demokratie erhob sich zu neuem Ansehen die Kapitalistenpartei, welche

in der juengsten Krise mit der letzteren gemeinschaftliche Sache gemacht

hatte, die aber zu sich hinueberzuziehen und an ihr ein Gegengewicht

gegen die Demokratie zu gewinnen, die Oligarchen jetzt eifrig bemueht

waren. Also von beiden Seiten umworben, saeumten die Geldherren nicht,

ihre vorteilhafte Lage sich zunutze zu machen und das einzige ihrer

frueheren Privilegien, das sie noch nicht zurueckerlangt hatten, die dem

Ritterstand reservierten vierzehn Baenke im Theater, sich jetzt (687 67)

durch Volksschluss wiedergeben zu lassen. Im ganzen naeherten sie,

ohne mit der Demokratie schroff zu brechen, doch wieder mehr sich

der Regierung. Schon die Beziehungen des Senats zu Crassus und seiner

Klientel gehoeren in diesen Zusammenhang; hauptsaechlich aber scheint

ein besseres Verhaeltnis zwischen dem Senat und der Geldaristokratie

dadurch hergestellt zu sein, dass dieser dem tuechtigsten unter den

senatorischen Offizieren, Lucius Lucullus, auf Andringen der von

demselben schwer gekraenkten Kapitalisten im Jahre 686 (68) die

Verwaltung der fuer diese so wichtigen Provinz Asia abnahm. Waehrend

aber die hauptstaedtischen Faktionen miteinander des gewohnten Haders

pflegten, bei dem denn doch nimmermehr eine eigentliche Entscheidung

herauskommen konnte, gingen im Osten die Ereignisse ihren

verhaengnisvollen Gang, wie wir ihn frueher geschildert haben, und sie

waren es, die den zoegernden Verlauf der hauptstaedtischen Politik zur

Krise draengten. Der Land- wie der Seekrieg hatte dort die unguenstigste

Wendung genommen. Im Anfang des Jahres 687 (67) war die pontische Armee

der Roemer aufgerieben, die armenische in voller Aufloesung auf dem

Rueckzug, alle Eroberungen verloren, das Meer ausschliesslich in der

Gewalt der Piraten, die Kornpreise in Italien dadurch so in die Hoehe

getrieben, dass man eine foermliche Hungersnot befuerchtete. Wohl

hatten, wie wir sahen, die Fehler der Feldherren, namentlich die

voellige Unfaehigkeit des Admirals Marcus Antonius und die Verwegenheit

des sonst tuechtigen Lucius Lucullus, diesen Notstand zum Teil

verschuldet, wohl auch die Demokratie durch ihre Wuehlereien zu

der Aufloesung des armenischen Heeres wesentlich beigetragen. Aber

natuerlich ward die Regierung jetzt fuer alles, was sie und was andere

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 10 / 68 段