sieben deutschen Meilen auffuehren, der die Bruttische Halbinsel von
dem uebrigen Italien absperrte ^6 und dem von Rhegion zurueckkehrenden
Insurgentenheer den Weg verlegte und die Zufuhr abschnitt. Indes in
einer dunklen Winternacht durchbrach Spartacus die feindlichen Linien
und stand im Fruehjahr 683 (71) ^7 wieder in Lucanien. Das muehsame
Werk war also vergebens gewesen. Crassus fing an, an der Loesung
seiner Aufgabe zu verzweifeln, und forderte vom Senat, dass er die in
Makedonien unter Marcus Lucullus, im diesseitigen Spanien unter Gnaeus
Pompeius stehenden Heere zu seiner Unterstuetzung nach Italien berufe.
Es bedurfte indes dieses aeussersten Notschrittes nicht; die Uneinigkeit
und der Uebermut der Raeuberhaufen genuegten, um ihre Erfolge wieder zu
vereiteln. Abermals loesten sich die Kelten und Germanen von dem Bunde,
dessen Haupt und Seele der Thraker war, um unter Fuehrern ihrer eigenen
Nation, Gannicus und Castus, sich vereinzelt den Roemern ans Messer
zu liefern. Einmal, am Lucanischen See, rettete sie Spartacus'
rechtzeitiges Erscheinen; sie schlugen nun zwar wohl ihr Lager nahe bei
dem seinigen auf, aber dennoch gelang es Crassus, den Spartacus durch
die Reiterei zu beschaeftigen und indessen die keltischen Haufen zu
umstellen und zum Sonderkampf zu zwingen, in welchem sie saemtlich, man
sagt 12300 Streiter, tapfer kaempfend fielen, alle auf dem Platze und
mit den Wunden nach vorn. Spartacus versuchte darauf, sich mit seiner
Abteilung in die Berge um Petelia (bei Strongoli in Kalabrien) zu werfen
und schlug nachdruecklich die roemische Vorhut, die dem Weichenden
folgte. Allein dieser Sieg gereichte mehr dem Sieger als dem Besiegten
zum Nachteil. Berauscht von dem Erfolg weigerten sich die Raeuber,
weiter zurueckzuweichen, und noetigten ihren Feldherrn, sie
durch Lucanien nach Apulien dem letzten entscheidenden Kampf
entgegenzufuehren. Vor der Schlacht stiess Spartacus sein Ross nieder;
wie er im Glueck und im Unglueck treu bei den Seinen ausgeharrt hatte,
so zeigte er ihnen jetzt durch die Tat, dass es ihm wie allen hier
gehe um Sieg oder Tod. Auch in der Schlacht stritt er mit dem Mut eines
Loewen: zwei Centurionen fielen von seiner Hand; verwundet und in die
Knie gesunken noch fuehrte er den Speer gegen die andringenden Feinde.
Also starben der grosse Raeuberhauptmann und mit ihm die besten seiner
Gesellen den Tod freier Maenner und ehrlicher Soldaten (683 71). Nach
dem teuer erkauften Siege ward von den Truppen, die ihn erfochten, und
von denen des Pompeius, die inzwischen nach Ueberwindung der Sertorianer
aus Spanien eingetroffen waren, durch ganz Apulien und Lucanien eine
Menschenhetze angestellt, wie sie noch nicht dagewesen war, um die
letzten Funken des gewaltigen Brandes zu zertreten. Obwohl in den
suedlichen Landschaften, wo zum Beispiel das Staedtchen Tempsa 683
(71) von einer Raeuberschar eingenommen ward, und in dem durch Sullas
Expropriationen schwer betroffenen Etrurien ein rechter Landfriede noch
keineswegs sich einfand, galt doch derselbe offiziell als in Italien
wiederhergestellt. Wenigstens die schmachvoll verlorenen Adler waren
wiedergewonnen - allein nach dem Sieg ueber die Kelten brachte man
deren fuenf ein; und laengs der Strasse von Capua nach Rom zeugten
die sechstausend Kreuze, die gefangene Sklaven trugen, von der neu
begruendeten Ordnung und dem abermaligen Siege des anerkannten
Rechts ueber das rebellierende lebendige Eigen.
---------------------------------------------- ^6 Da die Linie sieben
deutsche Meilen (Sall. hist. 4, 19 Dietsch; Plut. Crass. 10) lang war,
so ging sie wohl nicht von Squillace nach Pizzo, sondern noerdlicher,
etwa bei Castrovillari und Cassano ueber die hier in gerader Linie etwa
sechs deutsche Meilen breite Halbinsel. ^7 Dass Crassus noch 682 (72)
den Oberbefehl uebernahm, ergibt sich aus der Beseitigung der Konsuln
(Plot. Crass. 10); dass der Winter 682/83 (72/71) den beiden Heeren
am Bruttischen Wall verstrich, aus der "Schneenacht (Plot. a. a. O.).
--------------------------------------------------- Blicken wir zurueck
auf die Ereignisse, die das Dezennium der sullanischen Restauration
erfuellen. Eine gewaltige, den Lebensnerv der Nation notwendig
beruehrende Gefahr war an sich in keiner der waehrend dieser Zeit
vorgekommenen aeusseren oder inneren Bewegungen enthalten, weder in
der Insurrektion des Lepidus, noch in den Unternehmungen der spanischen
Emigranten, noch in den thrakisch-makedonischen und kleinasiatischen
Kriegen, noch in den Piraten- und Sklavenaufstaenden; und dennoch hatte
der Staat fast in all diesen Kaempfen um seine Existenz gefochten.
Die Ursache war, dass die Aufgaben, solange sie noch mit Leichtigkeit
loesbar waren, ueberall ungeloest blieben; die Vernachlaessigung der
einfachsten Vorsichtsmassregeln erzeugte die entsetzlichsten Missstaende
und Ungluecksfaelle und schuf abhaengige Klassen und machtlose
Koenige in ebenbuertige Gegner um. Die Demokratie zwar, und die
Sklaveninsurrektion hatte man besiegt; aber wie die Siege waren,
ward durch sie der Sieger weder innerlich gehoben noch aeusserlich
gekraeftigt. Es war keine Ehre, dass die beiden gefeiertsten Generale
der Regierungspartei in einem achtjaehrigen, mit mehr Niederlagen als
Siegen bezeichneten Kampf des Insurgentenchefs Sertorius und seiner
spanischen Guerillas nicht Herr geworden waren, dass erst der Mordstahl
seiner Freunde den Sertorianischen Krieg zu Gunsten der legitimen
Regierung entschieden hatte. Die Sklaven nun gar war es viel weniger
eine Ehre besiegt, als eine Schande, ihnen jahrelang in gleichem Kampfe
gegenuebergestanden zu haben. Wenig mehr als ein Jahrhundert war seit
dem Hannibalischen Kriege verflossen; es musste dem ehrbaren Roemer das
Blut in die Wangen treiben, wenn er den furchtbar raschen Ruecktritt
der Nation seit jener grossen Zeit erwog. Damals standen die italischen
Sklaven wie die Mauern gegen Hannibals Veteranen; jetzt staeubte die
italische Landwehr vor den Knuetteln ihrer entlaufenen Knechte wie Spreu
auseinander. Damals machte jeder einfache Oberst im Fall der Not den
Feldherrn und focht oft ohne Glueck, doch immer mit Ehren; jetzt hielt
es hart, unter all den vornehmen Offizieren nur einen Fuehrer von
gewoehnlicher Brauchbarkeit zu finden. Damals nahm die Regierung lieber
den letzten Bauer vom Pflug, als dass sie darauf verzichtet haette,
Griechenland und Spanien zu erobern; jetzt war man drauf und dran,
beide laengst erworbene Gebiete wieder preiszugeben, nur um daheim der
aufstaendischen Knechte sich erwehren zu koennen. Auch Spartacus hatte,
so gut wie Hannibal, vom Po bis an die sizilische Meerenge Italien
mit Heeresmacht durchzogen, beide Konsuln geschlagen und Rom mit
der Blockade bedroht; wozu es gegen das ehemalige Rom des groessten
Feldherrn des Altertums bedurft hatte, das vermochte gegen das jetzige
ein kecker Raeuberhauptmann. War es ein Wunder, dass solchen Siegen
ueber Insurgenten und Raeuberfuehrer kein frisches Leben entkeimte?
Ein noch minder erfreuliches Ergebnis aber hatten die aeusseren Kriege
herausgestellt. Zwar der thrakisch-makedonische hatte, wenn kein dem
ansehnlichen Aufwand von Menschen und Feld entsprechendes, doch
auch kein geradezu unguenstiges Resultat gegeben. Dagegen in
dem kleinasiatischen und in dem Piratenkrieg hatte die Regierung
vollstaendigen Bankrott gemacht. Jener schloss ab mit dem Verlust der
gesamten, in acht blutigen Feldzuegen gemachten Eroberungen, dieser mit
der vollstaendigen Verdraengung der Roemer von "ihrem Meer". Einst
hatte Rom im Vollgefuehl der Unwiderstehlichkeit seiner Landmacht das
Uebergewicht auch auf das zweite Element uebertragen; jetzt war der
gewaltige Staat zur See ohnmaechtig und, wie es schien, im Begriff, auch
wenigstens ueber den asiatischen Kontinent die Herrschaft einzubuessen.
Die materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins: Sicherheit der
Grenzen, ungestoerter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete
Verwaltung, fingen an, alle miteinander den saemtlichen im roemischen
Staat vereinigten Nationen zu verschwinden; die segnenden Goetter alle
schienen zum Olymp emporgestiegen zu sein und die jammervolle Erde
den amtlich berufenen oder freiwilligen Pluenderern oder Peinigern
ueberlassen zu haben. Dieser Verfall des Staats ward auch nicht etwa
bloss von dem, der politische Rechte und Buergersinn hatte, als ein
oeffentliches Unglueck gefuehlt, sondern die Proletariatsinsurrektion
und die an die Zeiten der neapolitanischen Ferdinande erinnernde
Raeuber- und Piratenwirtschaft trugen das Gefuehl dieses Verfalls in das
entlegenste Tal, in die niedrigste Huette Italiens, liessen ihn jeden,
der Handel und Verkehr trieb, der nur einen Scheffel Weizen kaufte,
als persoenlichen Notstand empfinden. Wenn nach den Urhebern dieses
heillosen und beispiellosen Jammers gefragt ward, so war es nicht
schwer, mit gutem Recht gar viele deshalb anzuklagen. Die Sklavenwirte,
deren Herz im Geldbeutel sass, die unbotmaessigen Soldaten, die bald
feigen, bald unfaehigen, bald tollkuehnen Generale, die meist am
falschen Ende hetzenden Demagogen des Marktes trugen ihren Teil der
Schuld, oder vielmehr, wer trug an derselben nicht mit? Instinktmaessig
ward es empfunden, dass dieser Jammer, diese Schande, diese Zerruettung
zu kolossal waren, um das Werk eines einzelnen zu sein. Wie die Groesse
des roemischen Gemeinwesens nicht das Werk hervorragender Individuen,
sondern das einer tuechtig organisierten Buergerschaft gewesen ist,
so ist auch der Verfall dieses gewaltigen Gebaeudes nicht aus der
verderblichen Genialitaet einzelner, sondern aus der allgemeinen
Desorganisation hervorgegangen. Die grosse Majoritaet der Buergerschaft
taugte nichts und jeder morsche Baustein half mit zu dem Ruin des
ganzen Gebaeudes; es buesste die ganze Nation, was die ganze Nation
verschuldete. Es war ungerecht, wenn man die Regierung als den letzten
greifbaren Ausdruck des Staats fuer alle heilbaren und unheilbaren
Krankheiten desselben verantwortlich machte; aber das allerdings war
wahr, dass die Regierung in furchtbar schwerer Weise mittrug an dem
allgemeinen Verschulden. In dem Kleinasiatischen Kriege zum Beispiel,
wo kein einzelner der regierenden Herren sich in hervorragender
Weise verfehlt, Lucullus sogar, militaerisch wenigstens, tuechtig, ja
glorreich sich gefuehrt hatte, ward es nur um so deutlicher, dass die
Schuld des Misslingens in dem System und in der Regierung als solcher,
hier zunaechst in dem frueheren schlaffen Preisgeben Kappadokiens und
Syriens und in der schiefen Stellung des tuechtigen Feldherrn gegenueber
dem keines energischen Beschlusses faehigen Regierungskollegium lag.
Ebenso hatte in der Seepolizei der Senat den einmal gefassten richtigen
Gedanken einer allgemeinen Piratenjagd erst in der Ausfuehrung
verdorben und dann ihn gaenzlich fallen lassen, um wieder nach dem alten
toerichten System gegen die Rosse des Meeres Legionen zu senden. Nach
diesem System wurden die Expeditionen des Servilius und des Marcius
nach Kilikien, des Metellus nach Kreta unternommen; nach diesem liess
Triarius die Insel Delos zum Schutz vor den Piraten mit einer Mauer
umziehen. Solche Versuche, der Seeherrschaft sich zu versichern,
erinnern an jenen persischen Grosskoenig, der das Meer mit Ruten
peitschen liess, um es sich untertaenig zu machen. Wohl hatte also die
Nation guten Grund, ihren Bankrott zunaechst der Restaurationsregierung
zur Last zu legen. Immer schon war mit der Wiederherstellung der
Oligarchie ein aehnliches Missregiment gekommen, nach dem Sturz der
Gracchen wie nach dem des Marius und Saturninus; aber so gewaltsam und
zugleich doch auch so schlaff, so verdorben und verderblich war dasselbe
nie zuvor aufgetreten. Wenn aber eine Regierung nicht regieren kann,
hoert sie auf legitim zu sein und es hat, wer die Macht, auch das
Recht, sie zu stuerzen. Zwar ist es leider wahr, dass eine unfaehige und
verbrecherische Regierung lange Zeit das Wohl und die Ehre des Landes
mit Fuessen zu treten vermag, bevor die Maenner sich finden, welche die
von dieser Regierung selbst geschmiedeten entsetzlichen Waffen gegen
sie schwingen und aus der sittlichen Empoerung der Tuechtigen und
dem Notstande der vielen die in solchem Fall legitime Revolution
heraufbeschwoeren koennen und wollen. Aber wenn das Spiel mit dem
Gluecke der Voelker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch
ungestoert gespielt werden kann, so ist es doch auch ein tueckisches,
das zu seiner Zeit die Spieler verschlingt; und niemand schilt dann die
Axt, wenn sie dem Baum, der solche Fruechte traegt, sich an die Wurzel
legt. Fuer die roemische Oligarchie war diese Zeit jetzt gekommen.
Der Pontisch-Armenische Krieg und die Piratenangelegenheit wurden die
naechsten Ursachen zum Umsturz der Sullanischen Verfassung und zur
Einsetzung einer revolutionaeren Militaerdiktatur. 3. Kapitel Der
Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius Noch stand die
Sullanische Verfassung unerschuettert. Der Sturm, den Lepidus
und Sertorius gegen sie gewagt hatten, war mit geringer Einbusse
zurueckgeschlagen worden. Das halbfertige Gebaeude mit dem energischen
Geiste seines Urhebers auszubauen, hatte die Regierung freilich
versaeumt. Es zeichnet sie, dass sie die von Sulla zur Verteilung
bestimmten, aber noch nicht von ihm selbst parzellierten Laendereien
weder aufteilte noch auch den Anspruch auf dieselben geradezu aufgab,
sondern die frueheren Eigentuemer ohne Regulierung des Titels vorlaeufig
im Besitze duldete, manche noch unverteilte Strecke sullanischen
Domaniallandes auch wohl gar von einzelnen Personen nach dem alten,
durch die Gracchischen Reformen rechtlich und faktisch beseitigten
Okkupationssystem willkuerlich in Besitz nehmen liess. Was den Optimaten
unter den Sullanischen Bestimmungen gleichgueltig oder unbequem
war, wurde ohne Bedenken ignoriert oder kassiert; so die gegen ganze
Gemeinden ausgesprochene Aberkennung des Staatsbuergerrechts; so das
Verbot der Zusammenschlagung der neuen Bauernstellen; so manche der von
Sulla einzelnen Gemeinden erteilten Freibriefe, natuerlich ohne dass man
die fuer diese Exemtionen gezahlten Summen den Gemeinden zurueckgegeben
haette. Aber wenn auch diese Verletzungen der Ordnungen Sullas durch
die Regierung selbst dazu beitrugen, die Fundamente seines Gebaeudes
zu erschuettern, waren und blieben doch die Sempronischen Gesetze im
wesentlichen abgeschafft. Wohl fehlte es nicht an Maennern, die die
Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung im Sinn trugen, und nicht
an Entwuerfen, um das, was Lepidus und Sertorius im Wege der Revolution
versucht hatten, stueckweise auf dem Wege verfassungsmaessiger Reform
zu erreichen. In die beschraenkte Wiederherstellung der Getreidespenden
hatte die Regierung bereits unter dem Druck der Agitation des Lepidus
unmittelbar nach Sullas Tode gewilligt (676 78) und sie tat ferner was
irgend moeglich war, um in dieser Lebensfrage fuer das hauptstaedtische
Proletariat ihm zu Willen zu sein. Als trotz jener Verteilungen die
hohen, hauptsaechlich durch die Piraterie hervorgerufenen Kornpreise
eine so drueckende Teuerung in Rom hervorriefen, dass es darueber im
Jahre 679 (75) zu einem heftigen Strassenauflauf kam, halfen zunaechst
ausserordentliche Ankaeufe von sizilischem Getreide fuer Rechnung der
Regierung der aergsten Not ab; fuer die Zukunft aber regelte ein von den
Konsuln des Jahres 681 (78) eingebrachtes Getreidegesetz die Ankaeufe
des sizilischen Getreides und gab, freilich auf Kosten der Provinzialen,
der Regierung die Mittel, um aehnliche Missstaende besser zu verhueten.
Aber auch die minder materiellen Differenzpunkte, die Wiederherstellung
der tribunizischen Gewalt in ihrem alten Umfang und die Beseitigung
der senatorischen Gerichte, hoerten nicht auf, Gegenstaende populaerer
Agitation zu bilden, und hier leistete die Regierung nachdruecklicheren
Widerstand. Den Streit um das tribunizische Amt eroeffnete schon 678
(76), unmittelbar nach der Niederlage des Lepidus, der Volkstribun
Lucius Sicinius, vielleicht ein Nachkomme des gleichnamigen Mannes,
der mehr als vierhundert Jahre zuvor zuerst dieses Amt bekleidet hatte;
allein er scheiterte an dem Widerstand, den der ruehrige Konsul Gaius
Curio ihm entgegensetzte. Im Jahre 680 (74) nahm Lucius Quinctius die
Agitation wieder auf, liess sich aber durch die Autoritaet des
Konsuls Lucius Lucullus bestimmen, von seinem Vorhaben abzustehen.
Mit groesserem Eifer trat das Jahr darauf in seine Fussstapfen Gaius
Licinius Macer, der - bezeichnend fuer die Zeit - in das oeffentliche
Leben seine literarischen Studien hineintrug und, wie er es in
der Chronik gelesen, der Buergerschaft anriet, die Konskription zu
verweigern. Auch ueber die schlechte Handhabung der Rechtspflege durch
die senatorischen Geschworenen wurden bald nur zu wohl begruendete
Beschwerden laut. Die Verurteilung eines einigermassen einflussreichen
Mannes war kaum mehr zu erlangen. Nicht bloss empfand der Kollege
mit dem Kollegen, der gewesene oder kuenftige Angeklagte mit dem
gegenwaertigen armen Suender billiges Mitleid; auch die Kaeuflichkeit
der Geschworenenstimmen war kaum noch eine Ausnahme. Mehrere Senatoren
waren gerichtlich dieses Verbrechens ueberwiesen worden; auf andere
gleich schuldige wies man mit Fingern; die angesehensten Optimaten,
wie Quintus Catulus, raeumten in offener Senatssitzung es ein, dass die
Beschwerden vollkommen gegruendet seien; einzelne besonders eklatante
Faelle zwangen den Senat mehrmals, zum Beispiel im Jahre 680 (74),
ueber Massregeln gegen die Freiheit der Geschworenen zu deliberieren,
natuerlich nur so lange, bis der erste Laerm sich gelegt hatte und man
die Sache unter das Eis gleiten lassen konnte. Die Folgen dieser elenden
Rechtspflege zeigten sich namentlich in einem System der Pluenderung
und Peinigung der Provinzialen, mit dem verglichen selbst die bisherigen
Frevel ertraeglich und gemaessigt erschienen. Das Stehlen und Rauben
war gewissermassen durch Gewohnheit legitim geworden; die
Erpressungskommission konnte als eine Anstalt gelten, um die aus den
Vogteien heimkehrenden Senatoren zu Gunsten ihrer daheimgebliebenen
Kollegen zu besteuern. Aber als ein angesehener Sikeliote, weil er dem
Statthalter nicht hatte zu einem Verbrechen die Hand bieten wollen,
dafuer von diesem abwesend und ungehoert zum Tode verurteilt ward; als
selbst roemische Buerger, wenn sie nicht Ritter oder Senatoren waren,
in der Provinz nicht mehr sicher waren vor den Ruten und Beilen des
roemischen Vogts, und die aelteste Errungenschaft der roemischen
Demokratie, die Sicherheit des Leibes und Lebens, von der herrschenden
Oligarchie anfing mit Fuessen getreten zu werden: da hatte auch das
Publikum auf dem roemischen Markte ein Ohr fuer die Klagen ueber seine
Voegte in den Provinzen und ueber die ungerechten Richter, die solche
Untaten moralisch mitverschuldeten. Die Opposition unterliess es
natuerlich nicht, auf dem fast allein ihr uebriggebliebenen Terrain, dem
gerichtlichen, ihre Gegner anzugreifen. So zog der junge Gaius Caesar,
der auch, soweit sein Alter es gestattete, sich bei der Agitation um die
Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt eifrig beteiligte, im
Jahre 677 (77) einen der angesehensten Sullanischen Parteimaenner,
den Konsular Gnaeus Dolabella, und im folgenden Jahr einen andern
Sullanischen Offizier, Gaius Antonius, vor Gericht; so Marcus Cicero 684
(70) den Gaius Verres, eine der elendesten unter den Kreaturen Sullas
und eine der schlimmsten Geisseln der Provinzialen. Wieder und wieder
wurden die Bilder jener finsteren Zeit der Aechtungen, die entsetzlichen
Leiden der Provinzialen, der schmachvolle Stand der roemischen
Kriminalrechtspflege mit allem Pomp italienischer Rhetorik, mit aller
Bitterkeit italienischen Spottes vor der versammelten Menge entfaltet
und der gewaltige Tote sowie seine lebenden Schergen ihrem Zorn und
Hohn unnachsichtlich preisgegeben. Die Wiederherstellung der vollen
tribunizischen Gewalt, an deren Bestehen die Freiheit, die Macht und
das Glueck der Volksgemeinde wie durch uralt heiligen Zauber geknuepft
schien, die Wiedereinfuehrung der "strengen" Gerichte der Ritterschaft,
die Erneuerung der von Sulla beseitigten Zensur zur Reinigung der
hoechsten Staatsbehoerde von den faulen und schaedlichen Elementen
wurden taeglich mit lautem Ruf von den Rednern der Volkspartei
gefordert. Indes mit alledem kam man nicht weiter. Es gab Skandal und
Laerm genug, aber ein eigentlicher Erfolg ward dadurch, dass man die
Regierung nach und ueber Verdienst prostituierte, doch noch keineswegs
erreicht. Die materielle Macht lag immer noch, solange militaerische
Einmischung fern blieb, in den Haenden der hauptstaedtischen
Buergerschaft; und dies "Volk", das in den Gassen Roms sich draengte und
auf dem Markt Beamte und Gesetze machte, war eben um nichts besser
als der regierende Senat: Zwar musste die Regierung mit der Menge sich
abfinden, wo deren eigenes naechstes Interesse in Frage kam; dies ist
die Ursache der Erneuerung des Sempronischen Korngesetzes. Allein daran
war nicht zu denken, dass diese Buergerschaft um einer Idee oder gar um
einer zweckmaessigen Reform willen Ernst gemacht haette. Mit Recht
ward auf die Roemer dieser Zeit angewandt, was Demosthenes von seinen
Athenern sagte: dass die Leute gar eifrig taeten, solange sie um die
Rednerbuehne staenden und die Vorschlaege zu Reformen vernaehmen; aber
wenn sie nach Hause gekommen seien, denke keiner weiter an das, was er
auf dem Markte gehoert habe. Wie auch jene demokratischen Agitatoren die
Flammen schuerten, es half eben nichts, da der Brennstoff fehlte. Die
Regierung wusste dies und liess in den wichtigen Prinzipienfragen
sich keinerlei Zugestaendnis entreissen; hoechstens dass sie sich
dazu verstand (um 682 72), einem Teil der mit Lepidus landfluechtig
gewordenen Leute die Amnestie zuzugestehen. Was von Konzessionen
erfolgte, ging nicht so sehr aus dem Draengen der Demokratie hervor, als
aus den Vermittlungsversuchen der gemaessigten Aristokratie. Allein
von den beiden Gesetzen, die der einzige noch uebrige Fuehrer dieser
Fraktion, Gaius Cotta, in seinem Konsulat 679 (75) durchsetzte, wurde
das die Gerichte betreffende schon im naechsten Jahre wieder beseitigt,
und auch das zweite, welches die Sullanische Bestimmung aufhob, dass die
Bekleidung des Tribunats zur Uebernahme anderer Magistraturen unfaehig
mache, die uebrigen Beschraenkungen aber bestehen liess, erregte wie
jede halbe Massregel nur den Unwillen beider Parteien. Die Partei der
reformistisch gesinnten Konservativen, die durch Cottas bald nachher (um
681 73) erfolgten fruehen Tod ihr namhaftestes Haupt verlor, sank mehr
und mehr in sich selbst zusammen, erdrueckt zwischen den immer
schroffer hervortretenden Extremen. Von diesen aber blieb die Partei der
Regierung, schlecht und schlaff wie sie war, der gleich schlechten und
gleich schlaffen Opposition gegenueber notwendig im Vorteil. Aber
dies der Regierung so guenstige Verhaeltnis aenderte sich, als die
Differenzen zwischen ihr und denjenigen ihrer Parteigaenger sich
schaerfer entwickelten, deren Hoffnungen ueber den Ehrensitz in der
Kurie und das aristokratische Landhaus hinaus zu hoeheren Zielen
sich erhoben. In erster Linie stand hier Gnaeus Pompeius. Wohl war er
Sullaner; aber es ist frueher gezeigt worden, wie wenig er unter seiner
eigenen Partei sich zurechtfand, wie von der Nobilitaet, als deren