Aufmerksamkeit der Feinde von dieser Bewegung ablenkte, und sowie er
oben angekommen war, fuehrte er seinen kleinen Haufen der feindlichen
Reiterei in den Ruecken. Sie ward gaenzlich zersprengt und warf sich auf
die noch nicht voellig geordnete Infanterie, die davonlief, ohne auch
nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, dass 100000
Armenier und 5 Roemer gefallen seien und der Koenig Turban und
Stirnbinde von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern
davongesprengt sei, ist im Stile seines Meisters Sulla abgefasst; allein
nichtdestoweniger bleibt der am 6. Oktober 685 (69) vor Tigranokerta
erfochtene Sieg einer der glaenzendsten Sterne in der ruhmreichen
Kriegsgeschichte Roms; und er war nicht minder erfolgreich als
glaenzend. Alle suedlich vom Tigris den Parthern oder den Syrern
entrissenen Landschaften waren damit strategisch den Armeniern verloren
und gingen groesstenteils ohne weiteres ueber in den Besitz des Siegers.
Die neu erbaute zweite Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr
sehr zahlreichen griechischen Zwangsansiedler empoerten sich gegen die
Besatzung und oeffneten dem roemischen Heere die Pforten der Stadt, die
den Soldaten zur Pluenderung preisgegeben ward. Sie war geschaffen fuer
das neue Grossreich und ward wie dieses von dem Sieger vertilgt. Aus
Kilikien und Syrien hatte der armenische Satrap Magadates bereits
alle Truppen herausgezogen, um die Entsatzarmee vor Tigranokerta zu
verstaerken. Lucullus rueckte in die noerdlichste Landschaft Syriens
Kommagene ein und erstuermte die Hauptstadt Samosata; bis in das
eigentliche Syrien kam er nicht, doch langten von den Dynasten und
Gemeinden bis zum Roten Meere hinab, von Hellenen, Syrern, Juden,
Arabern, Gesandte an, um den Roemern als den neuen Oberherren zu
huldigen. Selbst der Fuerst von Corduene, der oestlich von Tigranokerta
gelegenen Landschaft, unterwarf sich; wogegen freilich in Nisibis und
damit in Mesopotamien der Bruder des Grosskoenigs Guras sich behauptete.
Durchaus trat Lucullus auf als Schirmherr der hellenischen Fuersten und
Buergerschaften; in Kommagene setzte er einen Prinzen des seleukidischen
Hauses, Antiochos, auf den Thron; Antiochos den Asiaten, der nach dem
Abzug der Armenier nach Antiocheia zurueckgekehrt war, erkannte er
an als Koenig von Syrien; die gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta
entliess er wieder in ihre Heimatorte. Die unermesslichen Vorraete und
Schaetze des Grosskoenigs - an Getreide wurden 30 Millionen Medimnen,
an Geld allein in Tigranokerta 8000 Talente (12« Mill. Taler) erbeutet -
machten es Lucullus moeglich, die Kosten des Krieges zu bestreiten, ohne
die Staatskasse in Anspruch zu nehmen, und jedem seiner Soldaten ausser
reichlichster Verpflegung noch eine Verehrung von 800 Denaren (240
Taler) zu machen. -------------------------------------------------
^3 Dass Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemaersche
westlich von Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Ueber die
Lage von Tigranokerta, Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und
Stelle angestellte Untersuchung erwiesen, wenn auch die von Sachau
vorgeschlagene genauere Fixierung der Oertlichkeit nicht ausser Zweifel
ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung ueber den Feldzug Luculls
das Bedenken entgegen, dass auf der dabei angenommenen Route von
einer Ueberschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann.
---------------------------------------------- Der Grosskoenig war tief
gedemuetigt. Er war ein schwaechlicher Charakter, uebermuetig im Glueck,
im Unglueck verzagt; wahrscheinlich wuerde zwischen ihm und Lucullus ein
Abkommen zustande gekommen sein, das der Grosskoenig mit ansehnlichen
Opfern zu erkaufen, der roemische Feldherr unter leidlichen Bedingungen
zu gewaehren beide alle Ursache hatten, wenn der alte Mithradates
nicht gewesen waere. Dieser hatte nicht teilgenommen an den Kaempfen
um Tigranokerta. Durch die zwischen dem Grosskoenig und den Roemern
eingetretene Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte des
Jahres 684 (70) befreit, war er mit 10000 armenischen Reitern in sein
ehemaliges Reich abgesandt worden, um die Kommunikationen des Feindes zu
bedrohen. Zurueckgerufen, noch ehe er hier etwas ausrichten konnte,
als der Grosskoenig seine gesamte Macht aufbot, um die von ihm erbaute
Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor Tigranokerta
ihm schon die vom Schlachtfeld fluechtenden Haufen entgegen. Vom
Grosskoenig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles verloren. Wenn
aber Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand fuer Mithradates nicht
bloss die letzte Moeglichkeit der Wiedereinsetzung in sein Reich,
sondern seine Auslieferung war ohne Zweifel die erste Bedingung des
Friedens; und sicher wuerde Tigranes gegen ihn nicht anders gehandelt
haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze Persoenlichkeit
setzte darum der Koenig ein, um diese Wendung zu verhindern und den
armenischen Hof zur Fortfuehrung des Krieges zu bestimmen, bei der
er nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatte; und fluechtig und
entthront wie Mithradates war, war sein Einfluss an diesem Hofe nicht
gering. Noch war er ein stattlicher und gewaltiger Mann, der, obwohl
schon ueber sechzig Jahre alt, sich in voller Ruestung auf das Pferd
schwang und im Handgemenge gleich dem Besten seinen Mann stand. Seinen
Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestaehlt zu haben: waehrend
er in frueheren Zeiten seine Heerfuehrer aussandte und selbst an dem
Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als Greis ihn in
der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm, der waehrend
seines fuenfzigjaehrigen Regiments so viele unerhoerte Glueckswechsel
erlebt hatte, schien die Sache des Grosskoenigs durch die Niederlage von
Tigranokerta noch keineswegs verloren, vielmehr Lucullus' Stellung sehr
schwierig und, wenn es jetzt nicht zum Frieden kam und der Krieg in
zweckmaessiger Weise fortgefuehrt ward, sogar in hohem Masse bedenklich.
Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater dem Grosskoenig
gegenueberstand und jetzt persoenlich auf denselben zu wirken vermochte,
bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und bestimmte ihn, nicht
nur sich fuer die Fortsetzung des Krieges zu entscheiden, sondern
auch ihn selber mit dessen politischer und militaerischer Leitung zu
betrauen. Aus einem Kabinettskrieg sollte der Koenig jetzt ein national
asiatischer werden, die Koenige und die Voelker Asiens sich vereinigen
gegen die uebermaechtigen und uebermuetigen Okzidentalen. Es wurden
die groessten Anstrengungen gemacht, die Armenier und die Parther
miteinander zu versoehnen und sie zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen
Rom zu bestimmen. Auf Mithradates' Betrieb erbot sich Tigranes, dem
Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit 684 70), die von den
Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene, die "grossen
Taeler", zurueckzugeben und mit ihm Freundschaft und Buendnis zu machen.
Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses Anerbieten
kaum auf eine guenstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es vor, die
Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern, sondern
mit den Roemern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der verhasste
Nachbar und der unbequeme Fremdling untereinander aufrieben. Mit
groesserem Erfolg als an die Koenige wandte Mithradates sich an die
Voelker des Ostens. Es hielt nicht schwer, den Krieg darzustellen als
einen nationalen des Orients gegen den Okzident, denn er war es; gar
wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede verbreitet
werden, dass das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der persischen
Nanaea oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das
gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft
^4. Scharenweise draengten sich von nah und fern die Asiaten unter die
Banner der Koenige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Goetter
vor den gottlosen Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten
gezeigt, dass das blosse Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht
allein fruchtlos war, sondern durch die Einfuegung in dieselben selbst
die wirklich marschier- und schlagfaehigen Scharen unbrauchbar gemacht
und in das allgemeine Verderben mitverwickelt wurden. Mithradates
suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die schwaechste der
Okzidentalen und die staerkste der Asiaten war, die Reiterei: in der von
ihm neugebildeten Armee war die Haelfte der Mannschaft beritten. Fuer
den Dienst zu Fuss las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig
sich meldenden Rekruten die dienstfaehigen Leute sorgfaeltig aus und
liess diese durch seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche
Heer, das bald wieder unter den Fahnen des Grosskoenigs zusammenstand,
war aber nicht bestimmt, auf der ersten Walstatt mit den roemischen
Veteranen sich zu messen, sondern sich auf die Verteidigung und auf den
kleinen Krieg zu beschraenken. Schon den letzten Krieg in seinem Reiche
hatte Mithradates stetig zurueckweichend und die Schlacht vermeidend
gefuehrt; auch diesmal wurde eine aehnliche Taktik angenommen und zum
Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde
noch vollkommen unberuehrte Erbland des Tigranes, durch seine physische
Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner
Bewohner vortrefflich fuer diese Kriegsweise geeignet.
--------------------------------------------- ^4 Cicero (imp. Cn. Pomp.
9, 23) meint schwerlich einen anderen als einen der reichen Tempel
der Landschaft Elymais, wohin die Raubzuege der syrischen wie der
parthischen Koenige regelmaessig sich richteten (Strab. 16, 744;
Polyb. 31, 11; 1. Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen als
den bekanntesten; auf keinen Fall darf an den Tempel von Komana oder
ueberhaupt irgendein Heiligtum im Pontischen Reiche gedacht werden.
--------------------------------------------- Das Jahr 686 (68)
fand Lucullus in einer schwierigen und taeglich bedenklicher sich
gestaltenden Lage. Trotz seiner glaenzenden Siege war man in
Rom durchaus nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die
Eigenmaechtigkeit seines Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte
Kapitalistenpartei setzte alle Mittel der Intrige und Bestechung in
Bewegung, um seine Abberufung durchzusetzen. Taeglich erscholl der
Markt der Hauptstadt von gerechten und ungerechten Beschwerden ueber
den tollkuehnen, den habsuechtigen, den unroemischen, den
hochverraeterischen Feldherrn. Den Klagen ueber die Vereinigung einer
so grenzenlosen Macht, zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines
wichtigen ausserordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes
gab auch der Senat insoweit nach, dass er die Provinz Asia einem der
Praetoren, die Provinz Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem
Konsul Quintus Marcius Rex bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando
gegen Mithradates und Tigranes beschraenkte. Diese in Rom gegen den
Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen gefaehrlichen Widerhall
in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so mehr, als einzelne
Offiziere, darunter der eigene Schwager des Feldherrn, Publius Clodius,
in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten. Das ohne Zweifel von
diesen in Umlauf gesetzte Geruecht, dass Lucullus jetzt mit dem
Pontisch-Armenischen Krieg noch eine Expedition gegen die Parther zu
verbinden gedenke, naehrte die Erbitterung der Truppen. Waehrend
aber also die schwierige Stimmung der Regierung wie der Soldaten den
siegreichen Feldherrn mit Abberufung und Meuterei bedrohte, fuhr er
selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich, seinen Einsatz und
sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er nicht; aber als
Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen, noch, wie Lucullus
es wuenschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen, entschloss sich
Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige Berglandschaft am
oestlichen Ufer des Wansees in das Tal des oestlichen Euphrat (oder
des Arsanias, jetzt Murad Tschai) und aus diesem in das des Araxes
vorzudringen, wo, am noerdlichen Abhang des Ararat, die Hauptstadt des
eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem Erbschloss und dem Harem
des Koenigs lag. Er hoffte den Koenig durch die Bedrohung seiner
angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch vor
Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgaenglich notwendig war es
freilich, bei Tigranokerta eine Abteilung zurueckzulassen; und da das
Marschheer unmoeglich noch weiter vermindert werden konnte, so blieb
nichts uebrig als die Stellung im Pontos zu schwaechen und von dort
Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die Hauptschwierigkeit aber
war die fuer militaerische Unternehmungen so unbequeme Kuerze des
armenischen Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuss und
mehr ueber der Meeresflaeche liegt, sprosst bei Erzerum das Korn erst
Anfang Juni, und mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter
sich ein; in hoechstens vier Monaten musste Artaxata erreicht und
die Kampagne beendigt sein. Im Mittsommer 686 (68) brach Lucullus von
Tigranokerta auf und gelangte, ohne Zweifel durch den Bitlispass und
weiter westlich am Wansee hinauf marschierend, auf das Plateau von Musch
und an den Euphrat. Der Marsch ging, unter bestaendigen sehr laestigen
Scharmuetzeln mit der feindlichen Reiterei, namentlich den berittenen
Bogenschuetzen, langsam, aber ohne wesentliches Hindernis vonstatten,
und auch der Euphratuebergang, den die armenische Reiterei ernstlich
verteidigte, ward durch ein glueckliches Treffen erzwungen; die
armenische Infanterie zeigte sich, aber es glueckte nicht, sie in
das Gefecht zu verwickeln. So gelangte die Armee auf die eigentliche
Hochebene Armeniens und marschierte weiter hinein in das unbekannte
Land. Man hatte keinen eigentlichen Unfall erlitten; aber die blosse
unabwendbare Verzoegerung des Marsches durch die Terrainschwierigkeiten
und die feindlichen Reiter war an sich schon ein sehr empfindlicher
Nachteil. Lange bevor man Artaxata erreicht hatte, brach der Winter
herein; und wie die italischen Soldaten Schnee und Eis um sich sahen,
riss der allzu straff gespannte Bogen der militaerischen Zucht. Eine
foermliche Meuterei noetigte den Feldherrn, den Rueckzug anzuordnen, den
er mit seiner gewoehnlichen Geschicklichkeit bewerkstelligte.
Gluecklich angekommen in Mesopotamien, wo die Jahreszeit noch weitere
Unternehmungen gestattete, ueberschritt Lucullus den Tigris und warf
sich mit der Masse seines Heeres auf die letzte hier den Armeniern
gebliebene Stadt Nisibis. Der Grosskoenig, gewitzigt durch die vor
Tigranokerta gemachte Erfahrung, ueberliess die Stadt sich selbst; trotz
ihrer tapferen Verteidigung ward sie in einer finsteren Regennacht von
den Belagerern erstuermt und Lucullus' Heer fand daselbst nicht minder
reiche Beute und nicht minder bequeme Winterquartiere wie das Jahr
vorher in Tigranokerta. Allein inzwischen fiel die ganze Gewalt der
feindlichen Offensive auf die schwachen, im Pontos und in Armenien
zurueckgebliebenen roemischen Korps. Hier zwang Tigranes den roemischen
Befehlshaber Lucius Fannius - denselben, der frueher zwischen Sertorius
und Mithradates den Vermittler gemacht hatte -, sich in eine Festung zu
werfen und hielt ihn darin belagert. Dort rueckte Mithradates ein mit
4000 armenischen und 4000 eigenen Reitern und rief als Befreier und
Raecher die Nation auf gegen den Landesfeind. Alles fiel ihm zu; die
zerstreuten roemischen Soldaten wurden ueberall aufgehoben und getoetet;
als der roemische Kommandant im Pontos, Hadrianus, seine Truppen
gegen ihn fuehrte, machten die ehemaligen Soeldner des Koenigs und die
zahlreichen, als Sklaven dem Heere folgenden Pontiker gemeinschaftliche
Sache mit dem Feind. Zwei Tage nacheinander waehrte der ungleiche
Kampf; nur dass der Koenig nach zwei empfangenen Wunden vom Schlachtfeld
weggetragen werden musste, gab dem roemischen Befehlshaber die
Moeglichkeit, die so gut wie verlorene Schlacht abzubrechen und mit dem
kleinen Rest seiner Leute sich nach Kabeira zu werfen. Ein anderer von
Lucullus' Unterbefehlshabern, der zufaellig in diese Gegend kam, der
entschlossene Triarius, sammelte zwar wieder einen Heerhaufen um sich
und lieferte dem Koenig ein glueckliches Gefecht; allein er war viel zu
schwach, um ihn wieder vom pontischen Boden zu vertreiben und musste es
geschehen lassen, dass der Koenig Winterquartiere in Komana nahm. So kam
das Fruehjahr 687 (67) heran. Die Vereinigung der Armee in Nisibis, die
Musse der Winterquartiere, die haeufige Abwesenheit des Feldherrn
hatten die Unbotmaessigkeit der Truppen inzwischen noch gesteigert; sie
verlangten nicht bloss ungestuem, zurueckgefuehrt zu werden, sondern
es war bereits ziemlich offenbar, dass sie, wenn der Feldherr sich
weigerte, sie heimzufuehren, von selbst aufbrechen wuerden. Die Vorraete
waren knapp; Fannius und Triarius sandten in ihrer bedraengten Lage die
instaendigsten Bitten um Hilfeleistung an den Oberfeldherrn. Schweren
Herzens entschloss sich Lucullus, der Notwendigkeit zu weichen, Nisibis
und Tigranokerta aufzugeben und, auf all die glaenzenden Hoffnungen
seiner armenischen Expedition verzichtend, zurueckzukehren auf das
rechte Ufer des Euphrat. Fannius wurde befreit; im Pontos aber war
es schon zu spaet. Triarius, nicht stark genug, um mit Mithradates zu
schlagen, hatte bei Gaziura (Turksal am Iris, westlich von Tokat) eine
feste Stellung genommen, waehrend das Gepaeck bei Dadasa zurueckblieb.
Als indes Mithradates den letzteren Ort belagerte, zwangen die
roemischen Soldaten, um ihre Habseligkeiten besorgt, den Fuehrer, seine
gesicherte Stellung zu verlassen und zwischen Gaziura und Ziela (Zilleh)
auf den Skotischen Anhoehen dem Koenig eine Schlacht zu liefern. Was
Triarius vorhergesehen hatte trat ein: trotz der tapfersten Gegenwehr
durchbrach der Fluegel, den der Koenig persoenlich fuehrte, die
roemische Linie und draengte das Fussvolk in eine lehmige Schlucht
zusammen, in der es weder vor noch seitwaerts ruecken konnte und
erbarmungslos niedergehauen ward. Zwar ward durch einen roemischen
Centurio, der dafuer sein Leben opferte, der Koenig auf den Tod
verwundet; aber die Niederlage war darum nicht minder vollstaendig. Das
roemische Lager ward genommen; der Kern des Fussvolks, fast alle Ober-
und Unteroffiziere bedeckten den Boden; die Leichen blieben unbegraben
auf dem Schlachtfeld liegen, und als Lucullus auf dem rechten
Euphratufer ankam, erfuhr er nicht von den Seinigen, sondern durch
die Berichte der Eingeborenen die Niederlage. Hand in Hand mit dieser
Niederlage ging der Ausbruch der Militaerverschwoerung. Ebenjetzt traf
aus Rom die Nachricht ein, dass das Volk beschlossen habe, den
Soldaten, deren gesetzmaessige Dienstzeit abgelaufen sei, das heisst
den Fimbrianern, den Abschied zu bewilligen und einem der Konsuln des
laufenden Jahres den Oberbefehl in Bithynien und Pontus zu uebertragen;
schon war der Nachfolger Luculls, der Konsul Manius Acilius Glabrio, in
Kleinasien gelandet. Die Verabschiedung der tapfersten und unruhigsten
Legionen und die Abberufung des Oberfeldherrn in Verbindung mit dem
Eindruck der Niederlage von Ziela loesten in dem Heer alle Bande der
Autoritaet auf, eben da der Feldherr ihrer am notwendigsten bedurfte.
Bei Talaura in Klein-Armenien stand er den pontischen Truppen
gegenueber, an deren Spitze Tigranes' Schwiegersohn, Mithradates von
Medien, den Roemern bereits ein glueckliches Reitergefecht geliefert
hatte; ebendahin war von Armenien her die Hauptmacht des Grosskoenigs in
Anmarsch. Lucullus sandte an den neuen Statthalter von Kilikien, Quintus
Marcius, der auf dem Marsch nach seiner Provinz soeben mit drei Legionen
in Lykaonien angelangt war, um von ihm Hilfe zu erhalten; derselbe
erklaerte, dass seine Soldaten sich weigerten, nach Armenien zu
marschieren. Er sandte an Glabrio mit dem Ersuchen, den ihm vom Volke
uebertragenen Oberbefehl zu uebernehmen; derselbe bezeigte noch weniger
Lust, dieser jetzt so schwierig und gefaehrlich gewordenen Aufgabe sich
zu unterziehen. Lucullus, genoetigt den Oberbefehl zu behalten, befahl,
um nicht bei Talaura zugleich gegen die Armenier und die Pontiker
schlagen zu muessen, den Aufbruch gegen das anrueckende armenische Heer.
Die Soldaten kamen dem Marschbefehl nach; allein da angelangt, wo die
Strassen nach Armenien und nach Kappadokien sich schieden, schlug die
Masse des Heeres die letztere ein und begab sich in die Provinz Asia.
Hier begehrten die Fimbrianer ihren augenblicklichen Abschied; und
obwohl sie auf die instaendige Bitte des Oberfeldherrn und der uebrigen
Korps hiervon wieder abliessen, beharrten sie doch dabei, wenn der
Winter herankaeme, ohne dass ihnen ein Feind gegenueberstaende, sich
aufloesen zu wollen; was denn auch geschah. Mithradates besetzte nicht
bloss abermals fast sein ganzes Koenigreich, sondern seine Reiter
streiften durch ganz Kappadokien und bis nach Bithymen; gleich
vergeblich bat Koenig Ariobarzanes bei Quintus Marcius, bei Lucullus und
bei Glabrio um Hilfe. Es war ein seltsamer, fast unglaublicher Ausgang
des in so glorreicher Weise gefuehrten Krieges. Wenn man bloss auf die
militaerischen Leistungen sieht, so hat kaum ein anderer roemischer
General mit so geringen Mitteln so viel ausgerichtet wie Lucullus; das
Talent und das Glueck Sullas schienen auf diesen seinen Schueler
sich vererbt zu haben. Dass unter den obwaltenden Verhaeltnissen das
roemische Heer aus Armenien unversehrt nach Kleinasien zurueckkam, ist
ein militaerisches Wunderwerk, das, soweit wir urteilen koennen, den
Xenophontischen Rueckzug weit uebertrifft und wohl zunaechst aus der
Soliditaet des roemischen und der Untuechtigkeit des orientalischen
Kriegswesens sich erklaert, aber doch unter allen Umstaenden dem
Leiter dieses Zuges einen ehrenvollen Platz unter den militaerischen
Kapazitaeten ersten Ranges sichert. Wenn Lucullus' Name gewoehnlich
nicht unter diesen genannt wird, so liegt die Ursache allem Anschein
nach nur darin, dass teils kein militaerisch auch nur leidlicher Bericht
ueber seine Feldzuege auf uns gekommen ist, teils ueberall, und vor
allem im Kriege, zunaechst nichts gilt als das schliessliche Resultat,
und dies freilich kam einer vollstaendigen Niederlage gleich. Durch
die letzte unglueckliche Wendung der Dinge, hauptsaechlich durch die
Meuterei der Soldaten, waren alle Erfolge eines achtjaehrigen Krieges
wieder verloren worden; man stand im Winter 687/88 (67/66) genau wieder
an demselben Fleck wie im Winter 679/80 (75/74). Nicht bessere Resultate
als der Kontinentalkrieg lieferte der Seekrieg gegen die Piraten, der
mit demselben zugleich begann und bestaendig mit ihm in der engsten
Verbindung stand. Es ward bereits erzaehlt, dass der Senat im Jahre 680
(74) den verstaendigen Beschluss fasste, die Saeuberung der Meere von
den Korsaren einem einzigen hoechstkommandierenden Admiral, dem Praetor
Marcus Antonius, zu uebertragen. Allein gleich von vornherein hatte
man sich in der Wahl des Fuehrers durchaus vergriffen, oder vielmehr
diejenigen, welche diese an sich zweckmaessige Massregel durchgesetzt
haetten, hatten nicht berechnet, dass im Senat alle Personenfragen durch
Cethegus' Einfluss und aehnliche Koterieruecksichten entschieden wurden.
Man hatte ferner versaeumt, den gewaehlten Admiral in einer seiner
umfassenden Aufgabe angemessenen Weise mit Geld und Schiffen