200 000 Soldaten - aufgerieben. Haette er noch die Flotte gehabt, die
im Hafen von Kalchedon verbrannt war, so wuerde er die ganze feindliche
Armee vernichtet haben; so blieb das Zerstoerungswerk unvollendet, und
er musste sogar es leiden, dass trotz der Katastrophe von Kyzikos
die pontische Flotte in der Propontis sich aufstellte, Perinthos und
Byzantion auf der europaeischen Kueste von ihr blockiert, Priapos auf
der asiatischen ausgeraubt, das koenigliche Hauptquartier nach dem
bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader
von fuenfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius
und den Kern der roemischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das
Aegaeische Meer; es ging die Rede, dass es bestimmt sei, in Italien zu
landen, um dort aufs neue den Buergerkrieg zu entfachen. Indes fingen
die Schiffe, die Lucullus nach dem Unfall von Kalchedon von den
asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich einzustellen und
ein Geschwader lief aus, um das in das Aegaeische Meer abgegangene
feindliche aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenfuehrer erprobt,
uebernahm das Kommando. Vor dem Achaeerhafen, in den Gewaessern zwischen
der troischen Kueste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche,
auf der Fahrt nach Lemnos begriffene Fuenfruderer unter Isidoros
ueberfallen und versenkt. Bei der kleinen Insel Neae zwischen Lemnos und
Skyros sodann, an welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille
von 32 Segeln auf den Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff
zugleich die Schiffe und die auf der Insel zerstreute Bemannung an und
bemaechtigte sich des ganzen Geschwaders. Hier fanden Marcus Marius
und die tuechtigsten der roemischen Emigrierten entweder im Kampfe oder
nachher durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze aegaeische Flotte
der Feinde war von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien hatten
inzwischen mit dem durch Nachsendungen aus Italien verstaerkten Landheer
und einem in Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten
Luculls Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba
nahm im Binnenland Prusias am Olymp und Nikaea, Triarius an der Kueste
Apameia (sonst Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte
sich dann zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates
selbst in Nikomedeia; indes der Koenig, ohne nur den Kampf zu versuchen,
entwich auf seine Schiffe und fuhr heimwaerts, und auch dies gelang ihm
nur, weil der mit der Blockierung des Hafens von Nikomedeia beauftragte
roemische Flottenfuehrer Voconius zu spaet eintraf. Unterwegs ward zwar
das wichtige Herakleia an den Koenig verraten und von ihm besetzt; aber
ein Sturm in diesen Gewaessern versenkte ueber sechzig seiner Schiffe
und zerstreute die uebrigen; fast allein gelangte der Koenig nach
Sinope. Die Offensive Mithradats endigte mit einer vollstaendigen und
durchaus nicht, am wenigsten fuer den obersten Leiter, ruehmlichen
Niederlage der pontischen Land- und Seemacht. Lucullus ging jetzt
seinerseits zum Angriff vor. Triarius uebernahm den Befehl ueber die
Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu sperren und den aus
Kreta und Spanien rueckkehrenden pontischen Schiffen aufzupassen, Cotta
die Belagerung von Herakleia; das schwierige Verpflegungsgeschaeft ward
den treuen und taetigen Galaterfuersten und dem Koenig Ariobarzanes von
Kappadokien uebertragen; Lucullus selbst rueckte im Herbst 681 (73) ein
in die gesegnete und seit langem von keinem Feinde betretene pontische
Landschaft. Mithradates, jetzt entschlossen zur strengsten Defensive,
wich, ohne eine Schlacht zu liefern, zurueck von Sinope nach Amisos, von
Amisos nach Kabeira (spaeter Neo-Caesarea, jetzt Niksar) am Lykos,
einem Nebenfluss des Iris; er begnuegte sich, den Feind immer tiefer
landeinwaerts sich nachzuziehen und ihm die Zufuhren und Verbindungen zu
erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb seitwaerts liegen; die
alte Grenze des roemischen Machtgebiets, der Halys, ward ueberschritten,
die ansehnlichen Staedte Amisos, Eupatoria (am Iris), Themiskyra (am
Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter den Maerschen, aber nicht
den Einschliessungen der Staedte ein Ende machte. Die Soldaten Luculls
murrten ueber das unaufhaltsame Vordringen, das ihnen nicht gestattete,
die Fruechte ihrer Anstrengungen zu ernten, und ueber die weitlaeufigen
und in der rauben Jahreszeit beschwerlichen Blockaden. Allein es war
nicht Lucullus' Art, auf dergleichen Klagen zu hoeren; im Fruehjahr 682
(72) ging es sofort weiter gegen Kabeira unter Zuruecklassung zweier
Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der Koenig hatte waehrend des
Winters neue Versuche gemacht, den Grosskoenig von Armenien zum Eintritt
in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die frueheren vergeblich oder
fuehrten doch nur zu leeren Verheissungen. Noch weniger bezeigten die
Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu beteiligen. Indes hatte
sich, besonders durch Werbungen im Skythenland, wieder eine ansehnliche
Armee unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira zusammengefunden. Das
roemische Heer, das nur noch drei Legionen zaehlte und das an Reiterei
den Pontikern entschieden nachstand, sah sich genoetigt, das Blachfeld
moeglichst zu vermeiden, und gelangte nach Kabeira auf schwierigen
Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und Verluste. Bei dieser Stadt
lagerten die beiden Armeen laengere Zeit einander gegenueber. Gestritten
ward hauptsaechlich um die Zufuhr, die auf beiden Seiten knapp war;
Mithradates bildete deswegen aus dem Kern seiner Reiterei und einer
Abteilung erlesener Fusssoldaten unter Diophantos und Taxiles ein
fliegendes Korps, das bestimmt war, zwischen dem Lykos und dem Halys
zu streifen und die aus Kappadokien kommenden roemischen
Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein der Unterbefehlshaber
Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen Zug eskortierte,
schlug nicht bloss die ihm auflauernde Schar in dem Engpass, wo sie ihn
zu ueberfallen gedachte, vollstaendig aufs Haupt, sondern auch, nachdem
er Verstaerkung aus dem Lager erhalten hatte, die Armee des Diophantos
und Taxiles selbst, so dass dieselbe voellig sich aufloeste. Es war fuer
den Koenig ein unersetzlicher Verlust, dass seine Reiterei, auf die er
allein vertraute, ihm hier zugrunde gegangen war; sowie er durch
die ersten vom Schlachtfeld nach Kabeira gelangenden Fluechtlinge -
bezeichnend genug die geschlagenen Generale selbst - die Hiobspost,
frueher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg, erhalten hatte,
beschloss er sofortigen weiteren Rueckzug. Aber der gefasste Entschluss
des Koenigs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter seiner naechsten
Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des Koenigs eiligst
einpacken sahen, wurden auch sie von panischem Schreck ergriffen.
Niemand wollte bei dem Aufbruch der letzte sein; Vornehme und Geringe
liefen durcheinander wie gescheuchtes Wild; keine Autoritaet, nicht
einmal die des Koenigs, ward noch beachtet und der Koenig selbst
fortgerissen in dem wilden Getuemmel. Die Verwirrung gewahrend, griff
Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten liessen die pontischen
Scharen sich niedermetzeln. Haetten die Legionen Mannszucht zu halten
und ihre Beutegier zu maessigen vermocht, so waere kaum ein Mann ihnen
entronnen und der Koenig ohne Zweifel selbst gefangen worden. Mit Not
entkam Mithradates mit wenigen Begleitern durch die Berge nach Komana
(unweit Tokat und der Irisquelle), von wo ihn aber auch bald eine
roemische Schar unter Marcus Pompeius wiederaufscheuchte und ihn
verfolgte, bis er, von nicht mehr als 2000 Reitern begleitet, in Talaura
in Klein-Armenien die Grenze seines Reiches ueberschritt. In dem Reiche
des Grosskoenigs fand er eine Zufluchtsstaette, aber auch nicht mehr
(Ende 682 72). Tigranes liess seinem fluechtigen Schwiegervater zwar
koenigliche Ehre erzeigen, aber er lud ihn nicht einmal an seinen Hof,
sondern hielt ihn in der abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich befand,
in einer Art von anstaendiger Haft. Ganz Pontos und Klein- Armenien
ueberschwemmten die roemischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf
unterwarf sich das platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die
Befehlshaber der koeniglichen Schatzhaeuser ergaben sich nach kuerzerem
oder laengerem Zaudern und lieferten ihre Kassenvorraete aus. Die Frauen
des koeniglichen Harems, die koeniglichen Schwestern, seine zahlreichen
Gemahlinnen und Kebse liess der Koenig, da sie zu fluechten nicht
moeglich war, durch einen seiner Verschnittenen in Pharnakeia (Kerasunt)
saemtlich toeten. Hartnaeckigen Widerstand leisteten nur die Staedte.
Zwar die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald
in der Gewalt der Roemer; aber die groesseren Seestaedte, Amisos und
Sinope in Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische
Herakleia in Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert
durch die Anhaenglichkeit an den Koenig und die von ihm geschirmte freie
hellenische Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der
vom Koenig herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia liessen sogar
die Schiffe gegen die Roemer auslaufen, und das sinopische Geschwader
bemaechtigte sich einer roemischen Flottille, die von der Taurischen
Halbinsel fuer Lucullus' Heer Getreide brachte. Herakleia unterlag erst
nach zweijaehriger Belagerung, nachdem die roemische Flotte der Stadt
den Verkehr mit den griechischen Staedten auf der Taurischen Halbinsel
abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung Verraeterei
ausgebrochen war. Als Amisos aufs aeusserste gebracht war, zuendete die
Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre
Schiffe. In Sinope, wo der kecke Piratenkapitaen Seleukos und der
koenigliche Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten,
pluenderte die Besatzung die Haeuser, bevor sie abzog, und steckte
die Schiffe, die sie nicht mitnehmen konnte, in Brand; es sollen hier,
obwohl der groesste Teil der Verteidiger sich hatte einschiffen koennen,
doch noch 8000 Korsaren von Lucullus getoetet worden sein. Zwei volle
Jahre nach der Schlacht von Kabeira und darueber (682-684 72- 70)
waehrten diese Staedtebelagerungen, die Lucullus grossenteils durch
seine Unterbefehlshaber betrieb, waehrend er selbst die Verhaeltnisse
der Provinz Asia ordnete, die eine gruendliche Reform erheischten
und erhielten. Wie geschichtlich merkwuerdig auch jener hartnaeckige
Widerstand der pontischen Kaufstaedte gegen die siegreichen Roemer
ist, so kam doch zunaechst wenig dabei heraus; die Sache des Koenigs
Mithradates war darum nicht minder verloren. Der Grosskoenig hatte
offenbar fuer jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn in sein
Reich zurueckzufuehren. Die roemische Emigration in Asien hatte durch
die Vernichtung der aegaeischen Flotte ihre Besten eingebuesst; von den
Uebriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die taetigen
Fuehrer Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus
gemacht, und mit dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht
von Kabeira umkam, schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die
eigene Macht Mithradats war vollstaendig zerschmettert und eine nach
der andern brachen ihre noch uebrigen Stuetzen zusammen: auch seine von
Kreta und Spanien heimkehrenden Geschwader, siebzig Segel stark, wurden
von Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und vernichtet; auch
der Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Koenigs eigener Sohn
Machares, fiel von ihm ab und schloss als selbstaendiger Fuerst des
Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Roemern Frieden
und Freundschaft (684 70). Der Koenig selbst sass nach nicht
allzuruehmlicher Gegenwehr in einem entlegenen armenischen Bergschloss,
ein Fluechtling aus seinem Reiche und fast ein Gefangener seines
Schwiegersohns. Mochten die Korsarenscharen noch auf Kreta sich
behaupten und was aus Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer
zugaengliche Ostkueste des Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen
sich retten: Lucullus' geschickte Kriegfuehrung und seine verstaendige
Maessigung, die es nicht verschmaehte, den gerechten Beschwerden der
Provinzialen abzuhelfen und die reumuetigen Emigranten als Offiziere
in seinem Heere anzustellen, hatte mit maessigen Opfern Kleinasien vom
Feinde befreit und das Pontische Reich vernichtet, so dass dasselbe
aus einem roemischen Klientelstaat in eine roemische Provinz verwandelt
werden konnte. Eine Kommission des Senats ward erwartet, um in
Gemeinschaft mit dem Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation
festzustellen. Aber noch waren die Verhaeltnisse mit Armenien nicht
geschlichtet. Dass eine Kriegserklaerung der Roemer gegen Tigranes an
sich gerechtfertigt, ja geboten war, wurde frueher gezeigt. Lucullus,
der die Verhaeltnisse aus groesserer Naehe und mit hoeherem Sinn
betrachtete als das Senatorenkollegium in Rom, erkannte deutlich
die Notwendigkeit, Armenien ueber den Tigris zurueckzuweisen und die
verlorene Herrschaft Roms ueber das Mittelmeer wiederherzustellen. Er
zeigte in der Leitung der asiatischen Angelegenheiten sich als
keinen unwuerdigen Nachfolger seines Lehrmeisters und Freundes Sulla;
Philhellene wie wenige Roemer seiner Zeit, war er nicht unempfaenglich
fuer die Verpflichtung, die Rom mit der Erbschaft Alexanders uebernommen
hatte: Schild und Schwert der Griechen im Osten zu sein. Persoenliche
Beweggruende, der Wunsch, auch jenseits des Euphrat Lorbeeren zu ernten,
die Empfindlichkeit darueber, dass der Grosskoenig in einem Schreiben
an ihn den Imperatorentitel weggelassen, koennen freilich Lucullus
mitbestimmt haben; allein es ist ungerecht, kleinliche und
egoistische Motive fuer Handlungen anzunehmen, zu deren Erklaerung die
pflichtmaessigen vollkommen ausreichen. Indes von dem aengstlichen,
laessigen, schlecht unterrichteten und vor allen Dingen von ewiger
Finanznot bedraengten roemischen Regierungskollegium liess sich
nimmermehr erwarten, dass es, ohne unmittelbar dazu genoetigt zu sein,
die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen
Expedition ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen
Repraesentanten der Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt,
und dessen Bruder, veranlasst durch die guenstige Wendung des Pontischen
Krieges, nach Rom gegangen, um eine roemische Intervention in Syrien und
nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprueche auf Aegypten zu erwirken.
Wenn die letztere Anforderung nicht gewaehrt werden konnte, so liessen
doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht guenstiger finden,
um den laengst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein
der Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmaessigen Koenige Syriens
anerkannt, aber sich nicht entschliessen koennen, die bewaffnete
Intervention zu verfuegen. Sollte die gute Gelegenheit benutzt und
gegen Armenien Ernst gemacht werden, so musste Lucullus den Krieg
ohne eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand und eigene Gefahr
beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit versetzt,
was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht
mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm
der Entschluss durch die seit langem unklar zwischen Krieg und
Frieden schwankenden Verhaeltnisse Roms zu Armenien, welche die
Eigenmaechtigkeit seines Verfahrens einigermassen bedeckten und es an
formellen Kriegsgruenden nicht fehlen liessen. Die kappadokischen und
syrischen Zustaende boten Anlaesse genug, und es hatten auch schon bei
der Verfolgung des pontischen Koenigs roemische Truppen das Gebiet
des Grosskoenigs verletzt. Da indes Lucullus' Auftrag auf Fuehrung des
Krieges gegen Mithradates ging und er hieran anzuknuepfen wuenschte,
so zog er es vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den
Grosskoenig nach Antiochien zu senden, um Mithradates' Auslieferung zu
fordern, was denn freilich zum Kriege fuehren musste. Der Entschluss
war ernst, zumal bei der Beschaffenheit der roemischen Armee. Es
war unvermeidlich, waehrend des Feldzugs in Armenien das ausgedehnte
pontische Gebiet stark besetzt zu halten, da sonst dem in Armenien
stehenden Heer die Verbindung mit der Heimat verloren ging und ueberdies
ein Einfall Mithradats in sein ehemaliges Reich leicht vorherzusehen
war. Offenbar reichte die Armee, an deren Spitze Lucullus den
Mithradatischen Krieg beendigt hatte, von beilaeufig 30000 Mann fuer
diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter gewoehnlichen Verhaeltnissen
wuerde der Feldherr von seiner Regierung die Nachsendung einer zweiten
Armee erbeten und erhalten haben; allein da Lucullus den Krieg der
Regierung ueber den Kopf nehmen wollte und gewissermassen musste, sah
er sich genoetigt, hierauf zu verzichten und, ob er gleich selbst die
gefangenen thrakischen Soeldner des pontischen Koenigs seinen Truppen
einreihte, dennoch mit nicht mehr als zwei Legionen oder hoechstens
15000 Mann den Krieg ueber den Euphrat zu tragen. Schon dies war
bedenklich; indes die Geringfuegigkeit der Zahl mochte durch die
erprobte Tapferkeit der durchaus aus Veteranen bestehenden Armee
einigermassen ersetzt werden. Weit schlimmer war die Stimmung der
Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel zu wenig
Ruecksicht nahm. Lucullus war ein tuechtiger General und - nach
aristokratischem Massstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann,
aber nichts weniger als beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulaer
als entschiedener Anhaenger der Oligarchie, unpopulaer, weil er
in Kleinasien der greulichen Wucherei der roemischen Kapitalisten
nachdruecklich gesteuert hatte, unpopulaer wegen der Arbeiten und
Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulaer, weil er von
seinen Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Pluenderung der
griechischen Staedte durch seine Leute moeglichst verhinderte, daneben
aber doch fuer sich selber manchen Wagen und manches Kamel mit den
Schaetzen des Ostens beladen liess, unpopulaer wegen seiner feinen,
vornehmen, hellenisierenden, durchaus nicht kameradschaftlichen und,
wo immer moeglich, zu bequemem Wohlleben sich hinneigenden Weise. Nicht
eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem Feldherrn und dem
Soldaten ein persoenliches Band schlingt. Hierzu kam endlich, dass ein
grosser Teil seiner tuechtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich ueber
die masslose Verlaengerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden
besten Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86)
nach dem Osten gefuehrt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der
Schlacht von Kabeira der durch dreizehn Feldzuege wohlverdiente Abschied
zugesichert worden war, fuehrte sie Lucullus jetzt dennoch ueber den
Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg entgegen - es schien, als wolle
man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln als die Geschlagenen von
Cannae. Dass mit so schwachen und so gestimmten Truppen ein Feldherr
auf eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine Expedition
begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reissender Stroeme und
schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden
leichtsinnig unternommenen Angriff gefaehrlich machte, war in der Tat
mehr als gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus'
Verfahren in Rom getadelt; nur haette man dabei nicht verschweigen
sollen, dass zunaechst die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene
Vorgehen des Feldherrn veranlasste und dasselbe wo nicht rechtfertigte,
doch entschuldbar machte. Schon die Sendung des Appius Claudius hatte
neben der Aufgabe, den Krieg diplomatisch zu motivieren, den Zweck
gehabt, die Fuersten und Staedte zunaechst Syriens gegen den Grosskoenig
unter die Waffen zu bringen; im Fruehling 685 (69) erfolgte der
foermliche Angriff. Waehrend des Winters hatte der Koenig von
Kappadokien im stillen fuer Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward
der Euphrat bei Melitene ueberschritten und der Marsch dann weiter ueber
die Tauruspaesse auf den Tigris gerichtet. Auch diesen ueberschritt
Lucullus in der Gegend von Amida (Diarbekr) und rueckte weiter vor
auf die Strasse zu, welche die an der suedlichen Grenze Armeniens neu
gegruendete zweite Hauptstadt Tigranokerta ^3 mit der alten Metropole
Artaxata verband. Bei jener stand der Grosskoenig, kurz zuvor aus Syrien
zurueckgekommen, nachdem er die Verfolgung seiner Eroberungsplaene am
Mittelmeer wegen der Verwicklung mit den Roemern vorlaeufig vertagt
hatte. Eben entwarf er einen Einfall in das roemische Kleinasien von
Kilikien und Lykaonien aus und ueberlegte bei sich, ob die Roemer Asien
sofort raeumen oder vorher noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht
stellen wuerden, als ihm die Nachricht von dem Anmarsche Luculls
gebracht ward, welcher ihn von der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden
drohte. Er liess den Boten aufknuepfen, aber die laestige Wirklichkeit
blieb wie sie war; so verliess er denn die neue Hauptstadt und begab
sich in das innere Armenien, um dort, was bis jetzt nicht geschehen war,
gegen die Roemer zu ruesten. Inzwischen sollte Mithrobarzanes mit den
eben zur Verfuegung stehenden Truppen in Verbindung mit den schleunigst
aufgebotenen benachbarten Beduinenstaemmen die Roemer beschaeftigen.
Allein das Korps des Mithrobarzanes ward schon von dem roemischen
Vortrab, die Araber von einem Detachement unter Sextilius zersprengt;
Lucullus gewann die von Tigranokerta nach Artaxata fuehrende Strasse,
und waehrend auf dem rechten Tigrisufer ein roemisches Detachement den
nordwaerts abziehenden Grosskoenig verfolgte, ging er selbst auf
das linke ueber und rueckte vor Tigranokerta. Der nie versiegende
Pfeilregen, mit dem die Besatzung das roemische Heer ueberschuettete,
und die Anzuendung der Belagerungsmaschinen durch Naphtha weihten hier
die Roemer ein in die neuen Gefahren der iranischen Kriege, und der
tapfere Kommandant Mankaeos behauptete die Stadt, bis endlich die grosse
koenigliche Entsatzarmee aus allen Teilen des weiten Reiches und den
angrenzenden, den armenischen Werbern offenstehenden Landschaften
versammelt und durch die nordoestlichen Paesse zum Entsatz der
Hauptstadt herangerueckt war. Der in den Kriegen Mithradats erprobte
Fuehrer Taxiles riet, die Schlacht zu vermeiden und die kleine roemische
Schar durch die Reiterei zu umstellen und auszuhungern. Allein als
der Koenig den roemischen Feldherrn, der sich entschieden hatte, die
Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung aufzuheben, mit nicht
viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache Uebermacht ausruecken
und keck das Gewaesser ueberschreiten sah, das beide Heere trennte;
als er auf der einen Seite diese kleine Schar ueberblickte, "zur
Gesandtschaft zu viel, zum Heere zu wenig", auf der andern seine
ungeheuren Heerhaufen, in denen die Voelker vom Schwarzen und vom
Kaspischen mit denen vom Mittelmeer und vom Persischen Golf sich
begegneten, deren gefuerchtete eisenbedeckte Lanzenreiter allein
zahlreicher waren als Lucullus' ganzes Heer und in denen es auch an
roemisch geruestetem Fussvolk nicht mangelte: da entschloss er sich, die
vom Feinde begehrte Schlacht ungesaeumt anzunehmen. Waehrend aber die
Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus' scharfes Auge,
dass sie es versaeumt hatten, eine Hoehe zu besetzen, die ihre ganze
Reiterstellung beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen,