im dalmatischen Litoral sich bergenden Korsaren zu vernichten. Wie
gewoehnlich ging der Angriff gleichzeitig von Dalmatien und von
Makedonien aus, in welcher letzteren Provinz ein Heer von fuenf Legionen
hierzu gesammelt ward. Der gewesene Praetor Gaius Cosconius, welcher
in Dalmatien den Befehl fuehrte, durchstreifte das Land nach allen
Richtungen und erstuermte nach zweijaehriger Belagerung die Festung
Salona. In Makedonien versuchte der Prokonsul Appius Claudius (676 bis
678 78-76) zunaechst sich an der makedonisch-thrakischen Grenze der
Berglandschaften am linken Ufer des Karasu zu bemeistern. Von beiden
Seiten ward der Krieg mit arger Wildheit gefuehrt; die Thraker
zerstoerten die eroberten Ortschaften und metzelten die Gefangenen
nieder und die Roemer vergalten Gleiches mit Gleichem. Ernstliche
Erfolge aber wurden nicht erreicht; die beschwerlichen Maersche und die
bestaendigen Gefechte mit den zahlreichen und tapferen Gebirgsbewohnern
dezimierten nutzlos die Armee; der Feldherr selbst erkrankte und starb.
Sein Nachfolger Gaius Scribonius Curio (679-681 75-73) wurde durch
mancherlei Hindernisse, namentlich auch durch einen nicht unbedeutenden
Militaeraufstand bewogen, die schwierige Expedition gegen die Thraker
fallen zu lassen und dafuer sich nach der makedonischen Nordgrenze zu
wenden, wo er die schwaecheren Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis
an die Donau gelangte. Erst der tapfere und faehige Marcus Lucullus
(682, 683 72, 71) rueckte wieder gegen Osten vor, schlug die Besser in
ihren Bergen, nahm ihre Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang
sie, der roemischen Oberhoheit sich zu fuegen. Der Koenig der Odrysen,
Sadalas, und die griechischen Staedte an der Ostkueste noerdlich und
suedlich vom Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis, Odessos
(bei Varna), Mesembria und andere, wurden abhaengig von den Roemern;
Thrakien, von dem die Roemer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die
attalischen Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig
botmaessiger Teil der Provinz Makedonien. Aber weit nachteiliger als
die immer doch auf einen geringen Teil des Reiches sich beschraenkenden
Raubzuege der Thraker und Dardaner war fuer den Staat wie fuer die
einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich griff und immer fester
sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem ganzen Mittelmeer in ihrer
Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte aus-, noch das Getreide aus
den Provinzen einfuehren; dort hungerten die Leute, hier stockte wegen
Mangels an Absatz die Bestellung der Getreidefelder. Keine
Geldsendung, kein Reisender war mehr sicher; die Staatskasse erlitt die
empfindlichsten Verluste; eine grosse Anzahl angesehener Roemer wurde
von den Korsaren aufgebracht und musste mit schweren Summen sich
ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten beliebte, an einzelnen
derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das dann auch wohl mit wildem
Humor gewuerzt ward. Die Kaufleute, ja die nach dem Osten bestimmten
roemischen Truppenabteilungen fingen an, ihre Fahrten vorwiegend in
die unguenstige Jahreszeit zu verlegen und die Winterstuerme weniger zu
scheuen als die Piratenschiffe, die freilich selbst in dieser Jahreszeit
doch nicht ganz vom Meere verschwanden. Aber wie empfindlich die
Sperrung der See war, sie war eher zu ertragen als die Heimsuchung der
griechischen und kleinasiatischen Inseln und Kuesten. Ganz wie spaeter
in der Normannenzeit liefen die Korsarengeschwader bei den Seestaedten
an und zwangen sie, entweder mit grossen Summen sich loszukaufen, oder
belagerten und stuermten sie mit gewaffneter Hand. Wenn unter Sullas
Augen nach geschlossenem Frieden mit Mithradates Samothrake, Klazomenae,
Samos, Iassos von den Piraten ausgeraubt wurden (670 84), so kann man
sich denken, wie es da zuging, wo weder eine roemische Flotte noch ein
roemisches Heer in der Naehe stand. All die alten reichen Tempel an
den griechischen und kleinasiatischen Kuesten wurden nach der Reihe
gepluendert; allein aus Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten
(1500000 Talern) weggefuehrt worden sein. Apollon, heisst es bei einem
roemischen Dichter dieser Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden,
dass er, wenn die Schwalbe bei ihm auf Besuch ist, aus all seinen
Schaetzen auch nicht ein Quentchen Gold mehr ihr vorzeigen kann.
Man rechnete ueber vierhundert von den Piraten eingenommene oder
gebrandschatzte Ortschaften, darunter Staedte wie Knidos,
Samos, Kolophon; aus nicht wenigen frueher bluehenden Insel- und
Kuestenplaetzen wanderte die gesamte Bevoelkerung aus, um nicht von den
Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht einmal im Binnenland mehr war
man vor denselben sicher; es kam vor, dass sie ein bis zwei Tagemaersche
von der Kueste belegene Ortschaften ueberfielen. Die entsetzliche
Verschuldung, der spaeterhin alle Gemeinden im griechischen Osten
erliegen, stammt grossenteils aus diesen verhaengnisvollen Zeiten. Das
Korsarenwesen hatte seinen Charakter gaenzlich veraendert. Es waren
nicht mehr dreiste Schnapphaehne, die in den kretischen Gewaessern
zwischen Kyrene und dem Peloponnes - in der Flibustiersprache dem
"goldenen Meer" - von dem grossen Zug des italisch-orientalischen
Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut nahmen; auch nicht mehr
bewaffnete Sklavenfaenger, die "Krieg, Handel und Piraterie"
ebenmaessig nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat mit
einem eigentuemlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen
Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfaengen einer
Symmachie, ohne Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die
Flibustier nannten sich Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen
die Verzweifelten und Abenteurer aller Nationen sich zusammen: die
entlassenen Soeldner von den kretischen Werbeplaetzen, die Buerger der
vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und Asiens, die Soldaten und
Offiziere aus Fimbrias und Sertorius' Heeren, ueberhaupt die verdorbenen
Leute aller Nationen, die gehetzten Fluechtlinge aller ueberwundenen
Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war nicht Jammer
und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine zusammengelaufene
Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener Soldatenstaat, in dem
die Freimaurerei der Aechtung und der Missetat an die Stelle der
Nationalitaet trat und innerhalb dessen das Verbrechen, wie so oft,
vor sich selbst sich rettete in den hochherzigsten Gemeinsinn. In
einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und Unbotmaessigkeit alle Bande der
gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten, mochten die legitimen
Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat der Not und
Gewalt, in den allein von allen das unverbruechliche Zusammenstehen, der
kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem gegebenen Treuwort und
den selbstgewaehlten Haeuptern, die Tapferkeit und die Gewandtheit sich
gefluechtet zu haben schienen. Wenn auf der Fahne dieses Staats die
Rache an der buergerlichen Gesellschaft geschrieben war, die, mit Recht
oder mit Unrecht, seine Mitglieder von sich ausgestossen hatte, so liess
sich darueber streiten, ob diese Devise viel schlechter war als die der
italischen Oligarchie und des orientalischen Sultanismus, die im
Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die Korsaren wenigstens
fuehlten jedem legitimen Staate sich ebenbuertig; von ihrem
Raeuberstolz, ihrer Raeuberpracht und ihrem Raeuberhumor zeugt noch
manche echte Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher
Banditenweise; sie meinten, und ruehmten sich dessen, in einem gerechten
Krieg mit der ganzen Welt zu leben; was sie darin gewannen, das hiess
ihnen nicht Raubgut, sondern Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen
Flibustier in jedem roemischen Hafen das Kreuz gewiss war, so nahmen
auch sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer Gefangenen hinrichten zu
duerfen. Ihre militaerisch-politische Organisation war namentlich seit
dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe, groesstenteils
"Mauskaehne", das heisst kleine, offene, schnellsegelnde Barken, nur
zum kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmaessig
in Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und
Purpur zu glaenzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch
voellig unbekannt sein, weigerte kein Piratenkapitaen den erbetenen
Beistand; der mit einem aus ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von
der ganzen Gesellschaft unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem
zugefuegte Unbill von allen geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer
von den Saeulen des Herkules bis in die syrischen und aegyptischen
Gewaesser; die Zufluchtsstaetten, deren sie fuer sich und ihre
schwimmenden Haeuser auf dem Festlande bedurften, gewaehrten ihnen
bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel
Kreta, vor allem die an Vorspruengen und Schlupfwinkeln reiche, die
Hauptstrasse des Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie
herrenlose Suedkueste Kleinasiens. Der lykische Staedtebund daselbst und
die pamphylischen Gemeinden hatten wenig zu bedeuten; die seit 652 (102)
in Kilikien bestehende roemische Station reichte zur Beherrschung der
weitlaeufigen Kueste bei weitem nicht aus; die syrische Herrschaft ueber
Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit kurzem gar ersetzt
worden durch die armenische, deren Inhaber als echter Grosskoenig um das
Meer gar nicht sich kuemmerte und dasselbe bereitwillig den Kilikern
zur Pluenderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die Korsaren hier
gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloss besassen sie hier ueberall am
Ufer Signalplaetze und Stationen, sondern auch weiter landeinwaerts, in
den abgelegensten Verstecken des unwegsamen und gebirgigen lykischen,
pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten sie sich ihre
Felsschloesser erbaut, in denen, waehrend sie selbst zur See fuhren,
sie ihre Weiber, Kinder und Schaetze bargen, auch wohl in gefaehrlichen
Zeiten selbst dort eine Zufluchtsstaette fanden. Namentlich gab es
solche Korsarenschloesser in grosser Zahl in dem rauhen Kilikien, dessen
Waldungen zugleich den Piraten das vortrefflichste Holz zum Schiffbau
lieferten und wo deshalb ihre hauptsaechlichsten Schiffbaustaetten
und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu verwundern, dass dieser
geordnete Militaerstaat unter den mehr oder minder sich selber
ueberlassenen und sich selber verwaltenden griechischen Seestaedten
sich eine feste Klientel bildete, die mit den Piraten wie mit einer
befreundeten Macht auf Grund bestimmter Vertraege in Handelsverkehr trat
und der Aufforderung der roemischen Statthalter, Schiffe gegen sie zu
stellen, nicht nachkam; wie denn zum Beispiel die nicht unbetraechtliche
Stadt Side in Pamphylien den Piraten gestattete auf ihren Werften
Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien auf ihrem Marktplatz
feilzubieten. Eine solche Seeraeuberschaft war eine politische Macht;
und als politische Macht gab sie sich und ward sie genommen, seit zuerst
der syrische Koenig Tryphon sie als solche benutzt und seine Herrschaft
auf sie gestuetzt hatte. Wir finden die Piraten als Verbuendete des
Koenigs Mithradates von Pontos sowie der roemischen demokratischen
Emigration; wir finden sie Schlachten liefern gegen die Flotten Sullas
in den oestlichen wie in den westlichen Gewaessern. Wir finden einzelne
Piratenfuersten, die ueber eine Kette von ansehnlichen Kuestenplaetzen
gebieten. Es laesst sich nicht sagen, wieweit die innere politische
Entwicklung dieses schwimmenden Staates bereits gediehen war; aber
unleugbar liegt in diesen Bildungen der Keim eines Seekoenigtums, das
bereits sich ansaessig zu machen beginnt und aus dem unter guenstigen
Verhaeltnissen wohl ein dauernder Staat sich haette entwickeln moegen.
Es ist hiermit ausgesprochen und ward zum Teil schon frueher bezeichnet,
wie die Roemer auf "ihrem Meere" die Ordnung hielten oder vielmehr nicht
hielten. Roms Schutzherrschaft ueber die Aemter bestand wesentlich
in der militaerischen Vormundschaft; fuer die in der Hand der Roemer
vereinigte Verteidigung zur See und zu Lande zahlten oder zinsten den
Roemern die Provinzialen. Aber wohl niemals hat ein Vormund seinen
Muendel unverschaemter betrogen als die roemische Oligarchie die
untertaenigen Gemeinden. Statt dass Rom eine allgemeine Reichsflotte
aufgestellt und die Seepolizei zentralisiert haette, liess der Senat
die einheitliche Oberleitung des Seepolizeiwesens, ohne die ebenhier
gar nichts auszurichten war, gaenzlich fallen und ueberliess es jedem
einzelnen Statthalter und jedem einzelnen Klientelstaat, sich der
Piraten zu erwehren, wie jeder wollte und konnte. Statt dass Rom, wie
es sich anheischig gemacht, das Flottenwesen mit seinem und der formell
souveraen gebliebenen Klientelstaaten Gut und Blut ausschliesslich
bestritten haette, liess man die italische Kriegsmarine eingehen und
lernte sich behelfen mit den von den einzelnen Kaufstaedten
requirierten Schiffen oder noch haeufiger mit den ueberall organisierten
Strandwachen, wo dann in beiden Faellen alle Kosten und Beschwerden die
Untertanen trafen. Die Provinzialen mochten sich gluecklich schaetzen,
wenn der roemische Statthalter die fuer die Kuestenverteidigung
ausgeschriebenen Requisitionen nur wirklich zu diesem Zwecke verwandte
und nicht fuer sich unterschlug, oder wenn sie nicht, wie sehr haeufig
geschah, angewiesen wurden, fuer einen von den Seeraeubern gefangenen
vornehmen Roemer die Ranzion zu bezahlen. Was etwa Verstaendiges
begonnen ward, wie die Besetzung Kilikiens 652 (102), verkuemmerte
sicher in der Ausfuehrung. Wer von den Roemern dieser Zeit nicht
gaenzlich in der gangbaren duseligen Vorstellung von nationaler Groesse
befangen war, der haette wuenschen muessen, von der Rednerbuehne auf dem
Markte die Schiffsschnaebel herabreissen zu duerfen, um wenigstens
nicht stets durch sie an die in besserer Zeit erfochtenen Seesiege
sich gemahnt zu finden. Indes tat doch Sulla, der in dem Kriege gegen
Mithradates wahrlich hinreichend sich hatte ueberzeugen koennen, welche
Gefahren die Vernachlaessigung des Flottenwesens mit sich bringe,
verschiedene Schritte, um dem Uebel ernstlich zu steuern. Der Auftrag
zwar, welchen er den von ihm in Asien eingesetzten Statthaltern
zurueckgelassen, in den Seestaedten eine Flotte gegen die Seeraeuber
auszuruesten, hatte wenig gefruchtet, da Murena es vorzog, Krieg
mit Mithradates anzufangen, und der Statthalter von Kilikien, Gnaeus
Dolabella, sich ganz unfaehig erwies. Deshalb beschloss im Jahre 675
(79) der Senat, einen der Konsuln nach Kilikien zu senden; das Los traf
den tuechtigen Publius Servilius. Er schlug in einem blutigen Treffen
die Flotte der Piraten und wandte sich darauf zur Zerstoerung derjenigen
Staedte an der kleinasiatischen Suedkueste, die ihnen als Ankerplaetze
und Handelsstationen dienten. Die Festungen des maechtigen Seefuersten
Zeniketes: Olympos, Korykos, Phaselis im oestlichen Lykien, Attaleia in
Pamphylien wurden gebrochen, und in den Flammen der Burg Olympos fand
der Fuerst selbst den Tod. Weiter ging es gegen die Isaurer, welche im
nordwestlichen Winkel des rauben Kilikiens am noerdlichen Abhang des
Tauros ein mit prachtvollen Eichenwaeldern bedecktes Labyrinth von
steilen Bergruecken, zerkluefteten Felsen und tiefgeschnittenen Taelern
bewohnten - eine Gegend, die noch heute von den Erinnerungen an die alte
Raeuberzeit erfuellt ist. Um diese isaurischen Felsennester, die letzten
und sichersten Zufluchtsstaetten der Flibustier, zu bezwingen, fuehrte
Servilius die erste roemische Armee ueber den Tauros und brach die
feindlichen Festungen Oroanda und vor allem Isaura selbst, das Ideal
einer Raeuberstadt, auf der Hoehe eines schwer zugaenglichen Bergzuges
gelegen und die weite Ebene von Ikonion vollstaendig ueberschauend
und beherrschend. Der erst im Jahre 679 (75) beendigte Krieg, aus
dem Publius Servilius fuer sich und seine Nachkommen den Beinamen des
Isaurikers heimbrachte, war nicht ohne Frucht; eine grosse Anzahl von
Korsaren und Korsarenschiffen geriet durch denselben in die Gewalt
der Roemer; Lykien, Pamphylien, Westkilikien wurden arg verheert, die
Gebiete der zerstoerten Staedte eingezogen und die Provinz Kilikien
mit ihnen erweitert. Allein es lag in der Natur der Sache, dass die
Piraterie doch damit keineswegs unterdrueckt war, sondern nur sich
zunaechst nach andern Gegenden, namentlich nach der aeltesten Herberge
der Korsaren des Mittelmeers, nach Kreta, zog. Nur umfassend und
einheitlich durchgefuehrte Repressivmassregeln oder vielmehr nur die
Einrichtung einer staendigen Seepolizei konnten hier durchgreifende
Abhilfe gewaehren. In vielfacher Beziehung mit diesem Seekrieg standen
die Verhaeltnisse des kleinasiatischen Festlandes. Die Spannung, die
hier zwischen Rom und den Koenigen von Pontos und Armenien bestand,
liess nicht nach, sondern steigerte sich mehr und mehr. Auf der einen
Seite griff Koenig Tigranes von Armenien in der ruecksichtslosesten
Weise erobernd um sich. Die Parther, deren in dieser Zeit auch durch
innere Unruhen zerrissener Staat tief daniederlag, wurden in andauernden
Fehden weiter und weiter in das innere Asien zurueckgedraengt. Von den
Landschaften zwischen Armenien, Mesopotamien und Iran wurden Corduene
(noerdliches Kurdistan) und das Atropatenische Medien (Aserbeidschan)
aus parthischen in armenische Lehnkoenigreiche verwandelt und das Reich
von Ninive (Mosul) oder Adiabene, wenigstens voruebergehend, gleichfalls
gezwungen, in die armenische Klientel einzutreten. Auch in Mesopotamien,
namentlich in und um Nisibis, ward die armenische Herrschaft begruendet;
nur die suedliche, grossenteils wueste Haelfte, scheint nicht in festen
Besitz des neuen Grosskoenigs gekommen und namentlich Seleukeia am
Tigris ihm nicht untertaenig geworden zu sein. Das Reich von Edessa oder
Osrhoene uebergab er einem Stamme der schweifenden Araber, den er aus
dem suedlichen Mesopotamien hierher verpflanzte und hier ansaessig
machte, um durch ihn den Euphratuebergang und die grosse Handelsstrasse
zu beherrschen ^1. Aber Tigranes beschraenkte seine Eroberungen
keineswegs auf das oestliche Ufer des Euphrat. Vor allem Kappadokien
war das Ziel seiner Angriffe und erlitt, wehrlos wie es war, von dem
uebermaechtigen Nachbar vernichtende Schlaege. Die oestliche Landschaft
Melitene riss Tigranes von Kappadokien ab und vereinigte sie mit
der gegenueberliegenden armenischen Provinz Sophene, wodurch er
den Euphratuebergang mit der grossen kleinasiatisch-armenischen
Handelsstrasse in seine Gewalt bekam. Nach Sullas Tode rueckten die
Armenier sogar in das eigentliche Kappadokien ein und fuehrten die
Bewohner der Hauptstadt Mazaka (spaeter Caesarea) und elf anderer
griechisch geordneter Staedte weg nach Armenien. Nicht mehr Widerstand
vermochte das in voller Aufloesung begriffene Seleukidenreich dem
neuen Grosskoenig entgegenzustellen. Hier herrschte im Sueden von der
aegyptischen Grenze bis nach Stratons Turm (Caesarea) der Judenfuerst
Alexandros Jannaeos, der im Kampfe mit den syrischen, aegyptischen und
arabischen Nachbarn und mit den Reichsstaedten seine Herrschaft Schritt
vor Schritt erweiterte und befestigte. Die groesseren Staedte Syriens,
Gaza, Stratons Turm, Ptolemais, Beroea versuchten, sich bald als freie
Gemeinden, bald unter sogenannten Tyrannen auf eigene Hand zu behaupten;
vor allem die Hauptstadt Antiocheia war so gut wie selbstaendig.
Damaskos und die Libanostaeler hatten sich dem nabataeischen Fuersten
Aretas von Petra unterworfen. In Kilikien endlich herrschten
die Seeraeuber oder die Roemer. Und um diese in tausend Splitter
zerschellende Krone fuhren die Seleukidenprinzen, als gaelte es das
Koenigtum allen zum Spott und zum Aergernis zu machen, beharrlich fort,
untereinander zu hadern, ja, waehrend von diesem gleich dem Hause des
Laios zum ewigen Zwiste verfluchten Geschlechte die eigenen Untertanen
alle abtruennig wurden, sogar Ansprueche auf den durch den erblosen
Abgang des Koenigs Alexander Il. erledigten Thron von Aegypten zu
erheben. So griff Koenig Tigranes hier ohne Umstaende zu. Das
oestliche Kilikien ward mit Leichtigkeit von ihm unterworfen und
die Buergerschaften von Soloi und anderen Staedten ebenwie die
kappadokischen nach Armenien abgefuehrt. Ebenso wurde die obere syrische
Landschaft, mit Ausnahme der tapfer verteidigten Stadt Seleukeia an der
Muendung des Orontes, und der groesste Teil von Phoenike mit den Waffen
bezwungen: um 680 (74) ward Ptolemais von den Armeniern eingenommen und
schon der Judenstaat ernstlich von ihnen bedroht. Die alte Hauptstadt
der Seleukiden Antiocheia ward eine der Residenzen des Grosskoenigs.
Bereits von dem Jahre 671 (83) an, dem naechsten nach dem Frieden
zwischen Sulla und Mithradates, wird Tigranes in den syrischen
Jahrbuechern als der Landesherr bezeichnet und erscheint Kilikien
und Syrien als eine armenische Satrapie unter dem Statthalter des
Grosskoenigs Magadates. Die Zeit der Koenige von Ninive, der Salmanassar
und Sanherib, schien sich zu erneuern: wieder lastete der orientalische
Despotismus schwer auf der handeltreibenden Bevoelkerung der syrischen
Kueste, wie einst auf Tyros und Sidon; wieder warfen binnenlaendische
Grossstaaten sich auf die Landschaften am Mittelmeer; wieder standen
asiatische Heere von angeblich einer halben Million Streiter an
den kilikischen und syrischen Kuesten. Wie einst Salmanassar und
Nebukadnezar die Juden nach Babylon gefuehrt hatten, so mussten jetzt
aus allen Grenzlandschaften des neuen Reiches, aus Corduene, Adiabene,
Assyrien, Kilikien, Kappadokien, die Einwohner, namentlich die
griechischen oder halbgriechischen Stadtbuerger, mit ihrer gesamten Habe
bei Strafe der Konfiskation alles dessen, was sie zuruecklassen wuerden,
sich zusammensiedeln in der neuen Residenz, einer von jenen mehr die
Nichtigkeit der Voelker als die Groesse der Herrscher verkuendigenden
Riesenstaedten, wie sie in den Euphratlandschaften bei jedem Wechsel
des Oberkoenigtums auf das Machtwort des neuen Grosssultans aus der
Erde springen. Die neue "Tigranesstadt", Tigranokerta, gegruendet an der
Grenze Armeniens und Mesopotamiens und bestimmt zur Hauptstadt der
neu fuer Armenien gewonnenen Gebiete, ward eine Stadt wie Ninive und
Babylon, mit Mauern von fuenfzig Ellen Hoehe und den zum Sultanismus
nun einmal mitgehoerigen Palast-, Garten- und Parkanlagen. Auch sonst
verleugnete der neue Grosskoenig sich nicht: wie in der ewigen Kindheit
des Ostens ueberhaupt die kindlichen Vorstellungen von den Koenigen mit
wirklichen Kronen auf dem Haupte niemals verschwunden sind, so erschien
auch Tigranes, wo er oeffentlich sich zeigte, in Pracht und Tracht eines
Nachfolgers des Dareios und Xerxes, mit dem purpurnen Kaftan, dem halb
weissen, halb purpurnen Untergewand, den langen faltigen Beinkleidern,
dem hohen Turban und der koeniglichen Stirnbinde, wo er ging und
stand von vier "Koenigen" in Sklavenart begleitet und bedient.
------------------------------------------------------------ ^1 Das
Reich von Edessa, dessen Gruendung die einheimischen Chroniken 620 (134)
setzen, kam erst einige Zeit nach seiner Entstehung unter die arabische
Dynastie der Abgaros und Mannos, die wir spaeter daselbst finden.
Offenbar haengt dies zusammen mit der Ansiedlung vieler Araber durch
Tigranes den Grossen in der Gegend von Edessa, Kallirhoe, Karrhae (Plin.