VII.

Ich trat in die Bibliothek (diese Stunde werde ich nie vergessen) und

nahm den letzten Roman von Walter Scott, den ich noch nicht gelesen

hatte. Ich weiß noch, daß ein gegenstandloser Kummer mich fast wie mit

einer Vorahnung quälte. Ich wollte weinen. Im Zimmer war es noch goldig

hell von den letzten schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die mit

einer Lichtfülle durch die hohen Fenster auf das glänzende Parkett

fielen. Es war still. Auch in den Nebenzimmern war keine Menschenseele.

Pjotr Alexandrowitsch war nicht zu Hause und Alexandra Michailowna war

krank und lag zu Bett. Ich weinte auch wirklich, und während ich im

zweiten Teil des Romans blätterte, versuchte ich, aus den einzelnen

abgerissenen Sätzen, die ich hier und da las, den Zusammenhang des

Ganzen zu erraten. Es war fast, wie wenn man ein Buch aufs Geratewohl

aufschlägt und den ersten besten Satz wie einen Orakelspruch liest. Es

gibt solche Augenblicke, wo alle geistigen und seelischen Kräfte sich

krankhaft anstrengen und plötzlich wie in einer hellen Flamme des

Bewußtseins aufflammen, und in diesem Augenblick wird dann die

erschütterte Seele, die sich gleichsam im Vorgefühl, ja vielleicht sogar

schon im Vorgenuß des Zukünftigen quält, wie von einem prophetischen

Traum erfüllt. Und man will so leben, so leben, und das Herz, das in

heißester, blindester Hoffnung aufflammt, will mit einemmal gleichsam

die Zukunft herausfordern – die Zukunft mit ihrer ganzen geheimnisvollen

Unbekanntheit, auch mit Stürmen und Ungewittern, wofern sie nur Leben

ist, wirkliches Leben! Gerade das war es, was ich empfand.

Ich erinnere mich, daß ich gerade das Buch schloß, um es dann aufs

Geratewohl wieder aufzuschlagen und mit dem Gedanken an meine Zukunft

einen Satz als Orakelspruch zu lesen. Doch als ich die Buchdeckel

aufklappte und die Blätter sich teilten, lag vor mir auf dem

aufgeschlagenen Buch ein beschriebener Bogen Postpapier, zweimal

gefaltet und so zusammengepreßt, als sei er schon vor Jahren in dieses

Buch gelegt und dann vergessen worden. Neugierig untersuchte ich meinen

Fund. Es war ein Brief, jedoch ohne Adresse, ohne Anrede und als

Unterschrift standen nur zwei Buchstaben: S. O. Meine Neugier

verdoppelte sich, ich entfaltete das fast zusammengeklebte Papier, das

vom langen Liegen auf den Blättern eine helle Stelle von der Größe

seines Formats hinterlassen hatte. An den Faltstellen war das Papier

schon stark mitgenommen: man hatte den Brief wohl oft gelesen. Die Tinte

war verblaßt – er mußte schon vor langer, langer Zeit geschrieben worden

sein. Einzelne Wörter stachen mir in die Augen und mein Herz begann zu

klopfen vor Erwartung. Verwirrt besah ich den Brief von allen Seiten,

wie um das Lesen noch hinauszuschieben. Zufällig sah ich näher hin und

hob ihn zum Licht: ja! es waren deutliche Tränenspuren zu sehen,

stellenweise waren sogar ganze Buchstaben verwischt. Wessen Tränen

mochten das sein? Und schließlich las ich mit stockendem Herzschlag die

erste halbe Seite und – fast hätte ich aufgeschrien. Ich stellte das

Buch zurück, schloß den Schrank, verbarg den Brief in meinem Kleide und

lief auf mein Zimmer, dessen Tür ich verschloß, und dann machte ich mich

daran, den Brief nochmals vom Anfang an zu lesen. Mein Herz schlug so

laut, daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten und ich lange nicht

begriff, was ich las. Der Brief war eine Aufklärung, für mich eine

Lösung des Geheimnisses, – wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich

erriet sogleich, an wen er gerichtet war. Ich wußte, daß ich nahezu ein

Verbrechen beging, wenn ich diesen Brief las, doch der Augenblick war

stärker als ich! der Brief war an Alexandra Michailowna gerichtet.

Hier ist er: ich schreibe ihn wortgetreu ab. Unklar begriff ich, was er

enthielt und noch lange nachher habe ich über das Rätsel nachgedacht und

mich grübelnd zerquält. Mit diesem Augenblick brach mein früheres Leben

ab. Mein Herz war für lange Zeit erschüttert, fast für immer, denn

dieser Brief hatte viele Folgen. Die Vorahnung, mit der ich das Orakel

nach meiner Zukunft befragen gewollt, hatte mich nicht getäuscht.

Dieser Brief war das Letzte, war ein letzter, furchtbarer Abschied.

Während ich ihn las, krampfte sich mein Herz so schmerzhaft zusammen,

als verlöre ich selbst damit alles, als würden mir auf ewig sogar meine

Träume und Hoffnungen genommen, als bliebe mir nichts mehr als ein

unnötiges, überflüssiges Leben. Wer war er, der diesen Brief

geschrieben? Wie war nachher sein Leben? Dieser Brief enthielt so viele

Andeutungen, so viele Beweisstücke, daß man sich nicht täuschen konnte,

und doch auch so viele Rätsel, daß es unmöglich war, sich nicht in den

Vermutungen zu verlieren. Dennoch kann ich sagen, daß ich mich kaum

irrte; übrigens offenbarte allein schon der Stil des Briefes, der auch

sonst noch vieles verriet, den ganzen Charakter dieses Verhältnisses,

über dem zwei Herzen gebrochen sind. Die Gedanken und Gefühle des

Schreibenden lagen offen zutage. Doch hier ist der Brief – ich schreibe

ihn Wort für Wort ab:

„Du wirst mich nicht vergessen, sagtest Du – und ich glaube Dir, und von

nun an ist mein ganzes Leben in diesen Deinen Worten. Wir müssen uns

trennen, unsere Stunde hat geschlagen. Das wußte ich längst, meine

stille, meine traurige Schönheit, aber erst jetzt habe ich es begriffen.

Während der ganzen Zeit, die _uns_ gehörte, seitdem Du mich liebtest,

hat mein Herz mich geschmerzt und gezittert um unsere Liebe, und – wirst

Du’s glauben? – jetzt ist mir leichter! Ich wußte es schon längst, daß

es so enden werde, so war es schon vor uns bestimmt. Das ist Schicksal.

Und weißt Du, laß es mich Dir sagen, Alexandra: wir waren _nicht

ebenbürtig_; das habe ich immer, _immer_ gefühlt! Ich war Deiner nicht

wert, und ich, ich allein müßte die Strafe für mein durchlebtes Glück

tragen! Sag’, was war ich im Vergleich mit Dir, bevor ich Dich kennen

lernte? Gott! nun sind schon zwei Jahre darüber vergangen und ich bin

immer noch wie von Sinnen; ich kann es bis jetzt noch nicht begreifen,

daß _Du mich_ lieben konntest! Ich verstehe nicht, wie es zwischen uns

so weit kam, womit es begann. Erinnerst Du Dich noch, was ich war im

Vergleich mit Dir? War ich denn Deiner wert, was war an mir, wodurch

zeichnete ich mich aus? Bevor ich Dich kennen lernte, war ich roh und

einfältig, und mein Aussehen traurig und düster. Ein anderes Leben

wünschte ich nicht, ich rief es weder, noch wollte ich es rufen. Alles

in mir war niedergedrückt und ich kannte in der ganzen Welt nichts

Wichtigeres, als meine tägliche Arbeit. Ich hatte nur eine Sorge – das

war der nächste Tag; doch selbst zu dieser verhielt ich mich

gleichmütig. Früher, ja, einmal vor langer Zeit, da hatte ich wohl etwas

Ähnliches erträumt und wie ein Narr phantastische Schlösser gebaut.

Seitdem aber war viel, viel Zeit vergangen und ich richtete mich so gut

es ging in meinem Leben ein, lebte einsam, verschlossen, ruhig und sogar

ohne die Kälte zu fühlen, die mein Herz erstarren ließ. Und so

verstummte es. Ich wußte doch, daß für mich nie eine andere Sonne

aufgehen werde, und ich glaubte daran und murrte nicht, denn ich

begriff, daß es _so sein mußte_. Als Du an mir vorübergingst, wußte ich

nicht, daß ich es wagen durfte, meine Augen zu Dir zu erheben. Ich war

wie ein Sklave vor Dir. Mein Herz bebte nicht neben Dir, es sehnte sich

nicht und verhieß mir nichts von Dir: es war ruhig. Meine Seele erkannte

die Deine nicht, wenn es in ihr auch leicht war neben ihrer schönen

Schwester. Das weiß ich; das fühlte ich dumpf. Das konnte ich fühlen,

denn selbst in das letzte Stäubchen dringt Gottes Sonnenlicht und wärmt

und liebkost es ebenso wie die schönste Blume, neben der es in

wunschloser Demut fröstelt. Als ich aber alles erfuhr, weißt Du noch,

nach jenem Abend, nach jenen Worten, die meine Seele bis auf den Grund

erschütterten – da war ich wie geblendet, bestürzt, alles verwirrte sich

in mir, und – was glaubst Du? – ich war so betroffen, ich traute mir so

wenig, daß ich Dich nicht verstand! Davon habe ich Dir nie etwas gesagt.

Du wußtest nichts; nicht so war ich früher, wie Du mich kennen lerntest.

Wenn ich gekonnt hätte, wenn ich gewagt hätte, zu sprechen, so hätte ich

Dir längst alles gestanden. Doch ich schwieg, jetzt aber werde ich Dir

alles sagen, denn Du sollst wissen, wen Du verlierst, von was für einem

Menschen Du Dich trennst. Weißt Du auch, wie ich Dich anfangs verstand?

Die Leidenschaft erfaßte mich wie ein Feuer, wie ein Gift ergoß sie sich

in mein Blut; sie verwirrte alle meine Gedanken und Gefühle, ich war wie

von schwerem Wein berauscht, wie im Dunst ging ich umher und auf Deine

reine _mitleidige_ Liebe antwortete ich nicht wie ein Ebenbürtiger einer

Ebenbürtigen, nicht wie einer, der Deiner reinen Liebe wert wäre,

sondern besinnungslos, herzlos. Ich erkannte Dich nicht. Ich antwortete

Dir wie einer, die sich in meinen Augen _bis zu mir vergaß_, und nicht

wie einer, die mich bis zu sich erheben wollte. Weißt Du, was ich von

Dir dachte, was das für mich bedeutete: _die sich bis zu mir vergaß_?

Doch nein, ich werde Dich nicht mit meinem Geständnis beleidigen; nur

eines will ich Dir sagen: Du hast Dich bitter in mir getäuscht! Niemals,

niemals konnte ich mich bis zu Dir erheben. Ich konnte Dich nur unnahbar

anschauen, Dein Wesen geistig erfassen in meiner schrankenlosen Liebe.

Meine Leidenschaft aber war nicht Liebe. Liebe fürchtete ich; ich wagte

nicht, Dich zu lieben. In der Liebe – ist Gemeinsamkeit, Gleichheit,

ihrer aber war ich nicht wert ... Oder ich weiß nicht, was mit mir war!

Oh! wie soll ich mich nur ausdrücken, um von Dir verstanden zu werden

... Ich glaubte anfangs nicht ... Oh! weißt Du noch, als meine erste

Erregung sich gelegt und mein Blick sich geklärt hatte, als mir nur ein

reines, makelloses Gefühl geblieben war – da war meine erste Empfindung

Verwunderung, Verwirrung, Furcht und – weißt Du noch – wie ich mich

plötzlich aufschluchzend Dir zu Füßen warf? Weißt Du noch, wie Du

verwirrt, erschrocken, mit Tränen in den Augen mich fragtest, was mit

mir sei? Ich schwieg, ich konnte Dir nicht antworten; aber meine Seele

zerriß sich in Stücke. Mein Glück bedrückte mich wie eine unerträgliche

Last und mein Schluchzen sprach: „Wofür das? Womit habe ich das

verdient? Wofür mir dieses Glück? Meine Schwester, meine Schwester!“ Oh!

und wie oft – Du merktest es nicht – wie oft habe ich heimlich Dein

Kleid geküßt, heimlich, denn ich wußte, daß ich Deiner nicht wert war, –

und es benahm mir den Atem, mein Herz schlug langsam und stark, als

wolle es stehenbleiben und das – für immer. Wenn ich Deine Hand nahm,

erbleichte ich und zitterte; Du verwirrtest mich mit Deiner Reinheit.

Nein, ich verstehe nicht – das alles auszudrücken, wovon meine Seele

erfüllt war und was sich so mächtig in Worten aus ihr herausdrängen

will! Weißt Du auch, daß es mir oft schwer war, Deine mitleidige,

gleichmäßige Zärtlichkeit zu ertragen, daß sie mir eine Qual war? Als Du

mich küßtest (das tatest Du einmal, und ich werde es nie vergessen), da

umflorte sich mein Blick und mein Geist versank wie in einem dunklen

Nebel. Warum starb ich nicht in diesem Augenblick zu Deinen Füßen? Sieh,

ich sage zum erstenmal „Du“ zu Dir, und doch hast Du es schon so oft von

mir verlangt, schon vor langer Zeit. Wirst Du verstehen, was ich sagen

will? Ich will Dir _alles_ sagen und sage Dir dies: ja, Du liebst mich,

mit einer großen Liebe, Du liebtest mich wie eine Schwester ihren

Bruder; Du liebtest mich wie Dein Geschöpf, denn durch Dich ist mein

Herz auferstanden, Du hast meinen Geist aus dem Schlaf geweckt und ihn

mit süßer Hoffnung erfüllt; ich aber konnte es nicht, wagte es nicht ...

ich habe Dich nie meine Schwester genannt, weil ich nicht Dein Bruder

sein konnte, weil wir ungleich waren, weil Du Dich in mir täuschtest!

Doch Du siehst, ich schreibe nur von mir; selbst jetzt in dieser Stunde

des Elends, denke ich nur an mich, obschon ich weiß, daß Du Dich um mich

quälst. Oh, quäle Dich nicht meinetwegen, meine liebe Freundin! Wenn Du

wüßtest, wie ich jetzt in meinen eigenen Augen erniedrigt bin! All das

ist an den Tag gekommen und – wieviel Lärm um nichts! Du wirst statt

meiner verstoßen, Dich straft man mit Verachtung, mit Spott, denn ich

stehe ja so niedrig in den Augen der Menschen! Oh, wie groß ist meine

Schuld, daß ich Deiner nicht wert war! Hätte ich Rang und Titel oder

persönlichen Wert in ihren Augen, wenn ich ihnen mehr Achtung einflößte

– dann würden sie Dir verzeihen! Ich aber bin nichts, bin wertlos, bin

lächerlich, noch Niederigeres aber als das Lächerliche gibt es nicht.

Denn – _wer_ sind sie, die da schreien? Gerade deshalb, weil _diese_

schon schrien, verlor ich den Mut – ich war von jeher schwach. Weißt Du,

in welch einer Stimmung ich jetzt bin? – ich lache über mich selbst und

ich glaube, sie haben recht, wenn sie sagen, ich sei mir selbst verhaßt

und in meinen eigenen Augen lächerlich. Ich hasse sogar mein Gesicht,

meine Gestalt, alle meine Angewohnheiten, alle meine ungeschickten

Bewegungen; ich habe sie immer gehaßt! Oh, vergib mir meine rohe

Verzweiflung! Aber Du selbst hast mich gelehrt, Dir alles zu sagen. Ich

habe Dich ins Unglück gestürzt, durch mich bist Du ihrem Spott und

Gelächter verfallen – weil ich Deiner nicht wert war!

Und dieser eine Gedanke quält mich; er klopft unaufhörlich in meinem

Gehirn und foltert und zerreißt mein Herz. Und immer scheint es mir, daß

Du gar nicht _den_ Menschen geliebt hast, der ich war, sondern einen,

den nur Du in mir sahst –: daß Du Dich getäuscht hast in mir. Das ist

es, was mich schmerzt, das ist es, was mich jetzt quält, was mich zu

Tode quälen wird: oder aber – ich werde darüber wahnsinnig!

Ich muß Abschied von Dir nehmen, Abschied! Jetzt, wo alle es wissen, wo

ihr Geschrei und ihr scharfes Urteil ertönt (ich habe es gehört!),

jetzt, wo ich klein und erniedrigt bin in meinen eigenen Augen und mich

vor mir selber schäme, ja wo ich mich sogar für Dich schäme, wegen

Deiner Wahl, wo ich mich verflucht habe, – jetzt muß ich verschwinden um

Deiner Ruhe willen. So verlangt man es, und Du wirst mich nie mehr

wiedersehen, nie mehr. So muß es auch sein, so ist es vom Schicksal

bestimmt! Es hat mir gar zu viel gegeben; wohl aus Versehen; und jetzt

macht es seinen Irrtum gut, indem es mir alles wieder nimmt. Unsere Wege

haben sich gekreuzt, wir lernten uns kennen, und nun gehen wir

auseinander bis zu einem neuen Wiedersehen! Wo wird das sein, wann wird

das sein? Oh, sag’ mir, Du Liebe, wo werden wir uns wiedersehen, wo kann

ich Dich finden, wie kann ich Dich verstehen lernen – und wirst auch Du

mich dann verstehen? Meine Seele ist so voll von Dir! Oh, wofür, wofür

das uns? Warum gehen wir auseinander? Belehre mich – ich begreife das

nicht, ich werde es nie begreifen, ich kann es nicht – lehre Du mich,

wie man das Leben in zwei Hälften brechen, wie man das Herz sich aus der

Brust reißen und ohne Herz leben kann! Wenn ich daran denke, daß ich

Dich nie mehr sehen werde, nie mehr, nie mehr! ...

Gott, was für ein Geschrei sie erhoben haben! wie ich jetzt für Dich

fürchte! Vor einer Stunde habe ich mit Deinem Mann gesprochen: wir sind

beide seiner nicht wert, obschon wir schuldlos vor ihm sind. Er weiß

alles; er sieht uns so, wie wir sind, und er begreift alles, auch früher

schon ist ihm alles klar gewesen. Und jetzt ist er wie ein Held für Dich

eingetreten. Er wird Dich gegen ihr Geschrei verteidigen und beschützen;

er liebt und achtet Dich grenzenlos; er ist Dein Retter, während ich

verschwinde! ... Ich wollte ihm die Hände küssen! ... Er sagte mir, ich

solle unverzüglich verreisen. Es ist schon beschlossen! Es heißt, er

habe Deinetwegen mit ihnen allen gebrochen; dort sind ja alle gegen

Dich. Man wirft ihm zu große Nachsicht und Schwäche vor. Mein Gott! Was

sie nicht alles von Dir reden! Und dabei wissen sie nichts! _Sie können

ja nicht, sie sind nicht fähig_, die Wahrheit zu begreifen! Vergib,

vergib ihnen, Du Arme, wie auch ich ihnen vergebe. Mir aber haben sie

mehr genommen als Dir!

Ich weiß nicht – nein, ich weiß nicht, was ich Dir schreibe. Was sagte

ich Dir gestern beim Abschied? Ich habe doch alles vergessen. Ich war

wie von Sinnen – Du weintest ... Vergib mir diese Tränen! Ich bin so

schwach, so kleinmütig!

Ich wollte Dir noch etwas sagen ... Oh! Noch einmal Deine Hände küssen,

mit diesen Tränen benetzen, die hier auf dem Papier meine Worte

verwischen! Noch einmal zu Deinen Füßen sitzen! Wenn _sie_ nur wüßten,

wie rein und gut Dein Gefühl war! Aber sie sind ja blind; ihre Herzen

sind stolz und hochmütig; sie sehen nicht und werden das niemals sehen.

Denn _sie haben das nicht, womit man sieht_! Sie werden es nie glauben,

daß Du schuldlos bist, auch wenn die ganze Welt es ihnen schwören

sollte. Wie sollten sie auch das begreifen! Und doch werden sie mit

Steinen nach Dir werfen! Wessen Hand wird die erste sein? Oh, die werden

nicht zaudern, tausend Steine werden sie aufheben! Ja, sie werden sich

dazu erdreisten, weil sie wissen, wie man das macht. Sie werfen alle

zugleich und sagen, sie selber seien schuldlos, deshalb dürften sie es!

Oh, wenn sie wüßten, was sie tun! Wenn man ihnen nur alles sagen könnte,

alles, rückhaltlos alles, damit sie es hören, sehen, begreifen und sich

überzeugen könnten! Doch nein, sie sind nicht so schlecht ... Ich rede

in meiner Verzweiflung ... – vielleicht verleumde ich sie! Vielleicht

stecke ich Dich mit meiner Angst um Dich an! Nein, fürchte sie nicht,

fürchte sie nicht, Du Liebe! Man wird Dich verstehen lernen; wenigstens

hat einer Dich schon begriffen: Dein Mann. Also hoffe!

Leb’ – leb’ wohl! _Ich danke Dir nicht!_ Für immer leb’ wohl.

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 21 / 25 题