Ich trat in die Bibliothek (diese Stunde werde ich nie vergessen) und
nahm den letzten Roman von Walter Scott, den ich noch nicht gelesen
hatte. Ich weiß noch, daß ein gegenstandloser Kummer mich fast wie mit
einer Vorahnung quälte. Ich wollte weinen. Im Zimmer war es noch goldig
hell von den letzten schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die mit
einer Lichtfülle durch die hohen Fenster auf das glänzende Parkett
fielen. Es war still. Auch in den Nebenzimmern war keine Menschenseele.
Pjotr Alexandrowitsch war nicht zu Hause und Alexandra Michailowna war
krank und lag zu Bett. Ich weinte auch wirklich, und während ich im
zweiten Teil des Romans blätterte, versuchte ich, aus den einzelnen
abgerissenen Sätzen, die ich hier und da las, den Zusammenhang des
Ganzen zu erraten. Es war fast, wie wenn man ein Buch aufs Geratewohl
aufschlägt und den ersten besten Satz wie einen Orakelspruch liest. Es
gibt solche Augenblicke, wo alle geistigen und seelischen Kräfte sich
krankhaft anstrengen und plötzlich wie in einer hellen Flamme des
Bewußtseins aufflammen, und in diesem Augenblick wird dann die
erschütterte Seele, die sich gleichsam im Vorgefühl, ja vielleicht sogar
schon im Vorgenuß des Zukünftigen quält, wie von einem prophetischen
Traum erfüllt. Und man will so leben, so leben, und das Herz, das in
heißester, blindester Hoffnung aufflammt, will mit einemmal gleichsam
die Zukunft herausfordern – die Zukunft mit ihrer ganzen geheimnisvollen
Unbekanntheit, auch mit Stürmen und Ungewittern, wofern sie nur Leben
ist, wirkliches Leben! Gerade das war es, was ich empfand.
Ich erinnere mich, daß ich gerade das Buch schloß, um es dann aufs
Geratewohl wieder aufzuschlagen und mit dem Gedanken an meine Zukunft
einen Satz als Orakelspruch zu lesen. Doch als ich die Buchdeckel
aufklappte und die Blätter sich teilten, lag vor mir auf dem
aufgeschlagenen Buch ein beschriebener Bogen Postpapier, zweimal
gefaltet und so zusammengepreßt, als sei er schon vor Jahren in dieses
Buch gelegt und dann vergessen worden. Neugierig untersuchte ich meinen
Fund. Es war ein Brief, jedoch ohne Adresse, ohne Anrede und als
Unterschrift standen nur zwei Buchstaben: S. O. Meine Neugier
verdoppelte sich, ich entfaltete das fast zusammengeklebte Papier, das
vom langen Liegen auf den Blättern eine helle Stelle von der Größe
seines Formats hinterlassen hatte. An den Faltstellen war das Papier
schon stark mitgenommen: man hatte den Brief wohl oft gelesen. Die Tinte
war verblaßt – er mußte schon vor langer, langer Zeit geschrieben worden
sein. Einzelne Wörter stachen mir in die Augen und mein Herz begann zu
klopfen vor Erwartung. Verwirrt besah ich den Brief von allen Seiten,
wie um das Lesen noch hinauszuschieben. Zufällig sah ich näher hin und
hob ihn zum Licht: ja! es waren deutliche Tränenspuren zu sehen,
stellenweise waren sogar ganze Buchstaben verwischt. Wessen Tränen
mochten das sein? Und schließlich las ich mit stockendem Herzschlag die
erste halbe Seite und – fast hätte ich aufgeschrien. Ich stellte das
Buch zurück, schloß den Schrank, verbarg den Brief in meinem Kleide und
lief auf mein Zimmer, dessen Tür ich verschloß, und dann machte ich mich
daran, den Brief nochmals vom Anfang an zu lesen. Mein Herz schlug so
laut, daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten und ich lange nicht
begriff, was ich las. Der Brief war eine Aufklärung, für mich eine
Lösung des Geheimnisses, – wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich
erriet sogleich, an wen er gerichtet war. Ich wußte, daß ich nahezu ein
Verbrechen beging, wenn ich diesen Brief las, doch der Augenblick war
stärker als ich! der Brief war an Alexandra Michailowna gerichtet.
Hier ist er: ich schreibe ihn wortgetreu ab. Unklar begriff ich, was er
enthielt und noch lange nachher habe ich über das Rätsel nachgedacht und
mich grübelnd zerquält. Mit diesem Augenblick brach mein früheres Leben
ab. Mein Herz war für lange Zeit erschüttert, fast für immer, denn
dieser Brief hatte viele Folgen. Die Vorahnung, mit der ich das Orakel
nach meiner Zukunft befragen gewollt, hatte mich nicht getäuscht.
Dieser Brief war das Letzte, war ein letzter, furchtbarer Abschied.
Während ich ihn las, krampfte sich mein Herz so schmerzhaft zusammen,
als verlöre ich selbst damit alles, als würden mir auf ewig sogar meine
Träume und Hoffnungen genommen, als bliebe mir nichts mehr als ein
unnötiges, überflüssiges Leben. Wer war er, der diesen Brief
geschrieben? Wie war nachher sein Leben? Dieser Brief enthielt so viele
Andeutungen, so viele Beweisstücke, daß man sich nicht täuschen konnte,
und doch auch so viele Rätsel, daß es unmöglich war, sich nicht in den
Vermutungen zu verlieren. Dennoch kann ich sagen, daß ich mich kaum
irrte; übrigens offenbarte allein schon der Stil des Briefes, der auch
sonst noch vieles verriet, den ganzen Charakter dieses Verhältnisses,
über dem zwei Herzen gebrochen sind. Die Gedanken und Gefühle des
Schreibenden lagen offen zutage. Doch hier ist der Brief – ich schreibe
ihn Wort für Wort ab:
„Du wirst mich nicht vergessen, sagtest Du – und ich glaube Dir, und von
nun an ist mein ganzes Leben in diesen Deinen Worten. Wir müssen uns
trennen, unsere Stunde hat geschlagen. Das wußte ich längst, meine
stille, meine traurige Schönheit, aber erst jetzt habe ich es begriffen.
Während der ganzen Zeit, die _uns_ gehörte, seitdem Du mich liebtest,
hat mein Herz mich geschmerzt und gezittert um unsere Liebe, und – wirst
Du’s glauben? – jetzt ist mir leichter! Ich wußte es schon längst, daß
es so enden werde, so war es schon vor uns bestimmt. Das ist Schicksal.
Und weißt Du, laß es mich Dir sagen, Alexandra: wir waren _nicht
ebenbürtig_; das habe ich immer, _immer_ gefühlt! Ich war Deiner nicht
wert, und ich, ich allein müßte die Strafe für mein durchlebtes Glück
tragen! Sag’, was war ich im Vergleich mit Dir, bevor ich Dich kennen
lernte? Gott! nun sind schon zwei Jahre darüber vergangen und ich bin
immer noch wie von Sinnen; ich kann es bis jetzt noch nicht begreifen,
daß _Du mich_ lieben konntest! Ich verstehe nicht, wie es zwischen uns
so weit kam, womit es begann. Erinnerst Du Dich noch, was ich war im
Vergleich mit Dir? War ich denn Deiner wert, was war an mir, wodurch
zeichnete ich mich aus? Bevor ich Dich kennen lernte, war ich roh und
einfältig, und mein Aussehen traurig und düster. Ein anderes Leben
wünschte ich nicht, ich rief es weder, noch wollte ich es rufen. Alles
in mir war niedergedrückt und ich kannte in der ganzen Welt nichts
Wichtigeres, als meine tägliche Arbeit. Ich hatte nur eine Sorge – das
war der nächste Tag; doch selbst zu dieser verhielt ich mich
gleichmütig. Früher, ja, einmal vor langer Zeit, da hatte ich wohl etwas
Ähnliches erträumt und wie ein Narr phantastische Schlösser gebaut.
Seitdem aber war viel, viel Zeit vergangen und ich richtete mich so gut
es ging in meinem Leben ein, lebte einsam, verschlossen, ruhig und sogar
ohne die Kälte zu fühlen, die mein Herz erstarren ließ. Und so
verstummte es. Ich wußte doch, daß für mich nie eine andere Sonne
aufgehen werde, und ich glaubte daran und murrte nicht, denn ich
begriff, daß es _so sein mußte_. Als Du an mir vorübergingst, wußte ich
nicht, daß ich es wagen durfte, meine Augen zu Dir zu erheben. Ich war
wie ein Sklave vor Dir. Mein Herz bebte nicht neben Dir, es sehnte sich
nicht und verhieß mir nichts von Dir: es war ruhig. Meine Seele erkannte
die Deine nicht, wenn es in ihr auch leicht war neben ihrer schönen
Schwester. Das weiß ich; das fühlte ich dumpf. Das konnte ich fühlen,
denn selbst in das letzte Stäubchen dringt Gottes Sonnenlicht und wärmt
und liebkost es ebenso wie die schönste Blume, neben der es in
wunschloser Demut fröstelt. Als ich aber alles erfuhr, weißt Du noch,
nach jenem Abend, nach jenen Worten, die meine Seele bis auf den Grund
erschütterten – da war ich wie geblendet, bestürzt, alles verwirrte sich
in mir, und – was glaubst Du? – ich war so betroffen, ich traute mir so
wenig, daß ich Dich nicht verstand! Davon habe ich Dir nie etwas gesagt.
Du wußtest nichts; nicht so war ich früher, wie Du mich kennen lerntest.
Wenn ich gekonnt hätte, wenn ich gewagt hätte, zu sprechen, so hätte ich
Dir längst alles gestanden. Doch ich schwieg, jetzt aber werde ich Dir
alles sagen, denn Du sollst wissen, wen Du verlierst, von was für einem
Menschen Du Dich trennst. Weißt Du auch, wie ich Dich anfangs verstand?
Die Leidenschaft erfaßte mich wie ein Feuer, wie ein Gift ergoß sie sich
in mein Blut; sie verwirrte alle meine Gedanken und Gefühle, ich war wie
von schwerem Wein berauscht, wie im Dunst ging ich umher und auf Deine
reine _mitleidige_ Liebe antwortete ich nicht wie ein Ebenbürtiger einer
Ebenbürtigen, nicht wie einer, der Deiner reinen Liebe wert wäre,
sondern besinnungslos, herzlos. Ich erkannte Dich nicht. Ich antwortete
Dir wie einer, die sich in meinen Augen _bis zu mir vergaß_, und nicht
wie einer, die mich bis zu sich erheben wollte. Weißt Du, was ich von
Dir dachte, was das für mich bedeutete: _die sich bis zu mir vergaß_?
Doch nein, ich werde Dich nicht mit meinem Geständnis beleidigen; nur
eines will ich Dir sagen: Du hast Dich bitter in mir getäuscht! Niemals,
niemals konnte ich mich bis zu Dir erheben. Ich konnte Dich nur unnahbar
anschauen, Dein Wesen geistig erfassen in meiner schrankenlosen Liebe.
Meine Leidenschaft aber war nicht Liebe. Liebe fürchtete ich; ich wagte
nicht, Dich zu lieben. In der Liebe – ist Gemeinsamkeit, Gleichheit,
ihrer aber war ich nicht wert ... Oder ich weiß nicht, was mit mir war!
Oh! wie soll ich mich nur ausdrücken, um von Dir verstanden zu werden
... Ich glaubte anfangs nicht ... Oh! weißt Du noch, als meine erste
Erregung sich gelegt und mein Blick sich geklärt hatte, als mir nur ein
reines, makelloses Gefühl geblieben war – da war meine erste Empfindung
Verwunderung, Verwirrung, Furcht und – weißt Du noch – wie ich mich
plötzlich aufschluchzend Dir zu Füßen warf? Weißt Du noch, wie Du
verwirrt, erschrocken, mit Tränen in den Augen mich fragtest, was mit
mir sei? Ich schwieg, ich konnte Dir nicht antworten; aber meine Seele
zerriß sich in Stücke. Mein Glück bedrückte mich wie eine unerträgliche
Last und mein Schluchzen sprach: „Wofür das? Womit habe ich das
verdient? Wofür mir dieses Glück? Meine Schwester, meine Schwester!“ Oh!
und wie oft – Du merktest es nicht – wie oft habe ich heimlich Dein
Kleid geküßt, heimlich, denn ich wußte, daß ich Deiner nicht wert war, –
und es benahm mir den Atem, mein Herz schlug langsam und stark, als
wolle es stehenbleiben und das – für immer. Wenn ich Deine Hand nahm,
erbleichte ich und zitterte; Du verwirrtest mich mit Deiner Reinheit.
Nein, ich verstehe nicht – das alles auszudrücken, wovon meine Seele
erfüllt war und was sich so mächtig in Worten aus ihr herausdrängen
will! Weißt Du auch, daß es mir oft schwer war, Deine mitleidige,
gleichmäßige Zärtlichkeit zu ertragen, daß sie mir eine Qual war? Als Du
mich küßtest (das tatest Du einmal, und ich werde es nie vergessen), da
umflorte sich mein Blick und mein Geist versank wie in einem dunklen
Nebel. Warum starb ich nicht in diesem Augenblick zu Deinen Füßen? Sieh,
ich sage zum erstenmal „Du“ zu Dir, und doch hast Du es schon so oft von
mir verlangt, schon vor langer Zeit. Wirst Du verstehen, was ich sagen
will? Ich will Dir _alles_ sagen und sage Dir dies: ja, Du liebst mich,
mit einer großen Liebe, Du liebtest mich wie eine Schwester ihren
Bruder; Du liebtest mich wie Dein Geschöpf, denn durch Dich ist mein
Herz auferstanden, Du hast meinen Geist aus dem Schlaf geweckt und ihn
mit süßer Hoffnung erfüllt; ich aber konnte es nicht, wagte es nicht ...
ich habe Dich nie meine Schwester genannt, weil ich nicht Dein Bruder
sein konnte, weil wir ungleich waren, weil Du Dich in mir täuschtest!
Doch Du siehst, ich schreibe nur von mir; selbst jetzt in dieser Stunde
des Elends, denke ich nur an mich, obschon ich weiß, daß Du Dich um mich
quälst. Oh, quäle Dich nicht meinetwegen, meine liebe Freundin! Wenn Du
wüßtest, wie ich jetzt in meinen eigenen Augen erniedrigt bin! All das
ist an den Tag gekommen und – wieviel Lärm um nichts! Du wirst statt
meiner verstoßen, Dich straft man mit Verachtung, mit Spott, denn ich
stehe ja so niedrig in den Augen der Menschen! Oh, wie groß ist meine
Schuld, daß ich Deiner nicht wert war! Hätte ich Rang und Titel oder
persönlichen Wert in ihren Augen, wenn ich ihnen mehr Achtung einflößte
– dann würden sie Dir verzeihen! Ich aber bin nichts, bin wertlos, bin
lächerlich, noch Niederigeres aber als das Lächerliche gibt es nicht.
Denn – _wer_ sind sie, die da schreien? Gerade deshalb, weil _diese_
schon schrien, verlor ich den Mut – ich war von jeher schwach. Weißt Du,
in welch einer Stimmung ich jetzt bin? – ich lache über mich selbst und
ich glaube, sie haben recht, wenn sie sagen, ich sei mir selbst verhaßt
und in meinen eigenen Augen lächerlich. Ich hasse sogar mein Gesicht,
meine Gestalt, alle meine Angewohnheiten, alle meine ungeschickten
Bewegungen; ich habe sie immer gehaßt! Oh, vergib mir meine rohe
Verzweiflung! Aber Du selbst hast mich gelehrt, Dir alles zu sagen. Ich
habe Dich ins Unglück gestürzt, durch mich bist Du ihrem Spott und
Gelächter verfallen – weil ich Deiner nicht wert war!
Und dieser eine Gedanke quält mich; er klopft unaufhörlich in meinem
Gehirn und foltert und zerreißt mein Herz. Und immer scheint es mir, daß
Du gar nicht _den_ Menschen geliebt hast, der ich war, sondern einen,
den nur Du in mir sahst –: daß Du Dich getäuscht hast in mir. Das ist
es, was mich schmerzt, das ist es, was mich jetzt quält, was mich zu
Tode quälen wird: oder aber – ich werde darüber wahnsinnig!
Ich muß Abschied von Dir nehmen, Abschied! Jetzt, wo alle es wissen, wo
ihr Geschrei und ihr scharfes Urteil ertönt (ich habe es gehört!),
jetzt, wo ich klein und erniedrigt bin in meinen eigenen Augen und mich
vor mir selber schäme, ja wo ich mich sogar für Dich schäme, wegen
Deiner Wahl, wo ich mich verflucht habe, – jetzt muß ich verschwinden um
Deiner Ruhe willen. So verlangt man es, und Du wirst mich nie mehr
wiedersehen, nie mehr. So muß es auch sein, so ist es vom Schicksal
bestimmt! Es hat mir gar zu viel gegeben; wohl aus Versehen; und jetzt
macht es seinen Irrtum gut, indem es mir alles wieder nimmt. Unsere Wege
haben sich gekreuzt, wir lernten uns kennen, und nun gehen wir
auseinander bis zu einem neuen Wiedersehen! Wo wird das sein, wann wird
das sein? Oh, sag’ mir, Du Liebe, wo werden wir uns wiedersehen, wo kann
ich Dich finden, wie kann ich Dich verstehen lernen – und wirst auch Du
mich dann verstehen? Meine Seele ist so voll von Dir! Oh, wofür, wofür
das uns? Warum gehen wir auseinander? Belehre mich – ich begreife das
nicht, ich werde es nie begreifen, ich kann es nicht – lehre Du mich,
wie man das Leben in zwei Hälften brechen, wie man das Herz sich aus der
Brust reißen und ohne Herz leben kann! Wenn ich daran denke, daß ich
Dich nie mehr sehen werde, nie mehr, nie mehr! ...
Gott, was für ein Geschrei sie erhoben haben! wie ich jetzt für Dich
fürchte! Vor einer Stunde habe ich mit Deinem Mann gesprochen: wir sind
beide seiner nicht wert, obschon wir schuldlos vor ihm sind. Er weiß
alles; er sieht uns so, wie wir sind, und er begreift alles, auch früher
schon ist ihm alles klar gewesen. Und jetzt ist er wie ein Held für Dich
eingetreten. Er wird Dich gegen ihr Geschrei verteidigen und beschützen;
er liebt und achtet Dich grenzenlos; er ist Dein Retter, während ich
verschwinde! ... Ich wollte ihm die Hände küssen! ... Er sagte mir, ich
solle unverzüglich verreisen. Es ist schon beschlossen! Es heißt, er
habe Deinetwegen mit ihnen allen gebrochen; dort sind ja alle gegen
Dich. Man wirft ihm zu große Nachsicht und Schwäche vor. Mein Gott! Was
sie nicht alles von Dir reden! Und dabei wissen sie nichts! _Sie können
ja nicht, sie sind nicht fähig_, die Wahrheit zu begreifen! Vergib,
vergib ihnen, Du Arme, wie auch ich ihnen vergebe. Mir aber haben sie
mehr genommen als Dir!
Ich weiß nicht – nein, ich weiß nicht, was ich Dir schreibe. Was sagte
ich Dir gestern beim Abschied? Ich habe doch alles vergessen. Ich war
wie von Sinnen – Du weintest ... Vergib mir diese Tränen! Ich bin so
schwach, so kleinmütig!
Ich wollte Dir noch etwas sagen ... Oh! Noch einmal Deine Hände küssen,
mit diesen Tränen benetzen, die hier auf dem Papier meine Worte
verwischen! Noch einmal zu Deinen Füßen sitzen! Wenn _sie_ nur wüßten,
wie rein und gut Dein Gefühl war! Aber sie sind ja blind; ihre Herzen
sind stolz und hochmütig; sie sehen nicht und werden das niemals sehen.
Denn _sie haben das nicht, womit man sieht_! Sie werden es nie glauben,
daß Du schuldlos bist, auch wenn die ganze Welt es ihnen schwören
sollte. Wie sollten sie auch das begreifen! Und doch werden sie mit
Steinen nach Dir werfen! Wessen Hand wird die erste sein? Oh, die werden
nicht zaudern, tausend Steine werden sie aufheben! Ja, sie werden sich
dazu erdreisten, weil sie wissen, wie man das macht. Sie werfen alle
zugleich und sagen, sie selber seien schuldlos, deshalb dürften sie es!
Oh, wenn sie wüßten, was sie tun! Wenn man ihnen nur alles sagen könnte,
alles, rückhaltlos alles, damit sie es hören, sehen, begreifen und sich
überzeugen könnten! Doch nein, sie sind nicht so schlecht ... Ich rede
in meiner Verzweiflung ... – vielleicht verleumde ich sie! Vielleicht
stecke ich Dich mit meiner Angst um Dich an! Nein, fürchte sie nicht,
fürchte sie nicht, Du Liebe! Man wird Dich verstehen lernen; wenigstens
hat einer Dich schon begriffen: Dein Mann. Also hoffe!
Leb’ – leb’ wohl! _Ich danke Dir nicht!_ Für immer leb’ wohl.