VI.

Mein neues Leben verlief so still und ruhig, als hätte ich unter

Einsiedlern gelebt ... Ich brachte bei ihnen mehr als acht Jahre zu und

erinnere mich nicht, daß in dieser Zeit, abgesehen von einigen wenigen

pflichtschuldigen Diners, jemals eine größere Gesellschaft im Hause

gewesen wäre oder daß Verwandte, Freunde und Bekannte sich bei uns

zusammengefunden hätten. Mit Ausnahme von zwei oder drei Personen, die

hin und wieder einmal vorsprachen – z. B. der Künstler B., der ein guter

Freund des Fürsten H. und auch seiner Stieftochter Alexandra Michailowna

war, und die Herren, die fast ausschließlich in Amtsangelegenheiten zu

dem Gemahl Alexandra Michailownas kamen – kam so gut wie niemand zu uns.

Alexandra Michailownas Mann war beständig von seinem Dienst in Anspruch

genommen, und konnte sich nur selten für eine kurze Zeit freimachen,

die er dann gleichmäßig zwischen dem Familienleben und den

gesellschaftlichen Pflichten teilte. Hervorragende Verbindungen, die er

unmöglich vernachlässigen konnte, zwangen ihn ziemlich oft, die

Gesellschaft an sich zu erinnern. Fast überall hielt sich das Gerücht

von seinem schrankenlosen Ehrgeiz, doch da er sich gleichzeitig des

Rufes erfreute, ein tüchtiger, ernster Mensch zu sein, da er überdies,

wie bereits erwähnt, schon ein hohes Amt bekleidete, und Glück und

Erfolg ihn wie es schien von selbst aufsuchten, so war die Gesellschaft

weit davon entfernt, ihm ihre Sympathie zu entziehen. Ja, noch mehr als

das: man brachte ihm beständig und ganz allgemein eine gewisse besondere

Teilnahme entgegen, die man dagegen seiner Frau vollständig versagte.

Alexandra Michailowna lebte in völliger Einsamkeit: aber es war, als sei

ihr das nur angenehm, ja als freue sie sich sogar darüber. Ihr stiller

Charakter war gleichsam geschaffen für dieses stille Leben.

An mir hing sie mit ganzer Seele, sie liebte mich wie ihr eigenes Kind,

und ich, deren Tränen ob der Trennung von Katjä noch nicht versiegt

waren, – ich, mit meinem wehen Herzen, ich warf mich wie erlöst in ihre

mütterlich zärtliche Umarmung. Und vom ersten Tage an hat meine glühende

Liebe zu ihr nie aufgehört, noch jemals etwas von ihrer Glut eingebüßt.

Sie war mir Mutter, Schwester, Freund, sie ersetzte mir alles und hegte

und pflegte meine Jugend. Hinzu kam, daß ich bald erriet und

herausfühlte, daß ihr Geschick durchaus nicht so glücklich war, wie man

es auf den ersten Blick wohl glauben konnte, wenn man nach ihrem stillen

und ruhigen äußeren Leben urteilte, nach ihrer scheinbaren Freiheit und

ihrem guten, stillen Lächeln, das so oft ihr liebes Gesicht verklärte.

Ich entdeckte vielmehr im Laufe meiner Entwicklung fast täglich etwas

Neues im Leben meiner Wohltäterin, etwas, das in langsamer Qual von

meinem Herzen erraten wurde, und mit dieser traurigen Erkenntnis wuchs

zugleich meine Liebe zu ihr und mit der Liebe meine Anhänglichkeit.

Ihr Charakter war schüchtern und weich. Wenn man ihre reinen, klaren

Gesichtszüge sah, die förmlich Ruhe ausströmten, dann hätte man es auf

den ersten Blick nicht für möglich gehalten, daß irgendeine Unruhe in

ihrem reinen Herzen wohnen konnte. Es war undenkbar, daß sie auch nur

irgendeinen Menschen nicht hätte lieben können; das Mitleid siegte stets

in ihrem Herzen, selbst über Ekel und Abscheu – indes war sie aber nur

sehr wenigen Freunden zugetan und lebte auch innerlich in vollständiger

Einsamkeit ... Ihrer Natur nach war sie leidenschaftlich und empfänglich

für alle Eindrücke, gleichzeitig aber war’s, als sei ihr selbst bange

vor ihrer Empfänglichkeit und als bewache sie deshalb ihr Herz jeden

Augenblick, damit es sich nicht vergäße – und wär’s auch nur in Träumen.

Es fiel mir auf, daß ihr bisweilen in den lichtesten Stunden mit einem

Male Tränen in die Augen traten: als sei plötzlich eine Erinnerung in

ihrer Seele aufgetaucht, die Erinnerung an etwas, was ihr Gewissen

qualvoll peinigen mochte und ewig wie auf der Lauer lag, um im

Augenblick des Glücks plötzlich hervorzuspringen und das Glück feindlich

zu verscheuchen. Und je ruhiger, glücklicher, zufriedener sie war, um so

näher, schien es, war der Kummer, um so unfehlbarer erschienen plötzlich

die Tränen – wie ein Anfall, der über sie kam. Ich entsinne mich keines

einzigen vollkommen ruhigen Monats in den ganzen acht Jahren. Ihr Mann

liebte sie anscheinend sehr, und sie – sie vergötterte ihn. Aber schon

auf den ersten Blick schien es einem, als gäbe es etwas

Unausgesprochenes zwischen ihnen. Es mußte da irgendein Geheimnis walten

– ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit – wenigstens geschah es, daß ich

schon vom ersten Tage an etwas Ähnliches vermutete ...

Ihr Mann machte auf mich, als ich ihn zum erstenmal sah, den Eindruck

eines finsteren Menschen. Diesen ersten Eindruck empfing ich noch als

Kind und deshalb konnte ihn auch nichts verwischen. Äußerlich war er ein

hagerer Mensch von hohem Wuchs, und man hatte die Empfindung, als

verberge er mit Absicht seinen Blick hinter den großen, grünen Gläsern

seiner Brille. Er war trocken, nichts weniger als mitteilsam, und selbst

unter vier Augen im Verkehr mit seiner Frau fand er sozusagen niemals

ein rechtes Thema zur Unterhaltung. Offenbar war ihm die Gegenwart von

Menschen lästig. Mich beachtete er überhaupt nicht; dagegen fühlte ich

mich jedesmal, wenn wir abends im Salon Alexandra Michailownas zum Tee

zusammenkamen, während seiner Anwesenheit äußerst ungemütlich. Heimlich

beobachtete ich Alexandra Michailowna, und zu meinem Kummer bemerkte

ich, daß sie dann jedes ihrer Worte erwog und über jede Bewegung

nachdachte. Sie aber erbleichte, wenn sie sah, daß ihr Mann schroffer

oder unfreundlicher wurde; oder sie errötete auch wohl plötzlich, als

habe sie aus einem seiner Worte irgendeine Anspielung oder einen Vorwurf

herausgehört. Ich fühlte es, daß ihr das Zusammensein mit ihm schwer

fiel, und doch schien sie, wenigstens soweit sich das nach äußeren

Anzeichen beurteilen ließ, keinen Augenblick ohne ihn leben zu können.

Mir fiel besonders ihre ungeheure Aufmerksamkeit ihm gegenüber auf: kein

Wort, keine Bewegung wurde von ihr überhört oder übersehen. Es war, als

wolle sie nach allen Kräften es ihm recht machen und als fühle sie, daß

ihr das dennoch nicht gelang. Ja, es war fast, als erbettele sie von ihm

seinen Beifall: ein flüchtiges Lächeln, ein halbes freundliches Wort von

ihm – und sie war glücklich ... glücklich wie ein Mädchen in der ersten

Zeit einer noch schüchternen, noch hoffnungslosen Liebe. Sie ging mit

ihrem Manne um, so vorsichtig, wie mit einem Schwerkranken. Er aber sah

auf sie, wie mir schien, mit einem sie drückenden und quälenden Mitleid

herab. Sobald er mit einem Händedruck von ihr Abschied genommen und sich

wieder in sein Kabinett zurückgezogen hatte, war sie gleich wie

verwandelt. Ihre Bewegungen, ihre Unterhaltung, alles an ihr wurde

sofort viel freier, heiterer, sicherer. Nur eine gewisse Verwirrung war

an ihr noch lange nach jedem Wiedersehen mit ihm bemerkbar. Sie fing

dann gleich an, sich jedes von ihm gesprochene Wort ins Gedächtnis

zurückzurufen, wie um es nochmals zu prüfen. Oft wandte sie sich dann

auch an mich mit der Frage, ob sie sich nicht verhört habe: hatte Pjotr

Alexandrowitsch sich so oder so ausgedrückt? – und als suche sie noch

nach einem anderen Sinn in dem, was er gesagt! Erst nach etwa einer

Stunde wurde sie dann wieder sie selbst, als habe sie sich nun endlich

davon überzeugt, daß er mit ihr vollkommen zufrieden sei und daß sie

sich grundlos beunruhige. Dann wurde sie plötzlich froh und heiter und

gut, küßte mich, lachte mit mir oder setzte sich an den Flügel und

spielte, was ihr gerade einfiel. Oft spielte und improvisierte sie dann,

ohne es zu gewahren, wie zwei Stunden darüber verstrichen. Dann kam es

wohl auch vor, daß das Spiel plötzlich verstummte und ich sie weinen

sah. Sobald sie aber meine Aufregung bemerkte, versicherte sie mir

schnell und flüsternd – als fürchte sie, daß man uns hören könnte –, es

sei nichts, wirklich, es sei nichts, diese Tränen kämen nur so von

selbst, sie hätten nichts zu bedeuten, sie sei, im Gegenteil, sehr froh

und glücklich und ich solle mich nur nicht aufregen. War ihr Mann

abwesend, so geschah es oft, daß sie sich um ihn plötzlich beunruhigt

fühlte und sich nach ihm zu erkundigen begann: wohin er gefahren, warum,

wann, zu wann er die Pferde bestellt, ob er krank oder gesund, bei guter

oder schlechter Laune gewesen, was er gesagt usw., usw. Von seinen

Dienstangelegenheiten und seiner Arbeit mit ihm zu sprechen – das wagte

sie grundsätzlich nicht. Wenn er ihr einmal etwas riet oder sie um etwas

bat, dann hörte sie ihn ergeben an und schien sich in acht zu nehmen,

wie eine Sklavin vor ihrem Gebieter. Sie hatte es sehr gern, wenn er

irgend etwas von ihren Sachen lobte, etwa ein Buch, einen

Kunstgegenstand oder eine ihrer Handarbeiten. Sie war dann gleichsam

stolz darauf, und sah sofort glücklich aus. Ihr Glück aber kannte keine

Grenzen, wenn er einmal – es geschah freilich nur sehr selten und auch

dann fast wie aus Versehen – zu den beiden kleinen Kindern ein wenig

Zärtlichkeit äußerte. Ihr Gesicht verklärte sich dann geradezu, es

strahlte vor Glück, und in diesen Augenblicken gab sie sich in ihrem

Verhalten dem Mann gegenüber manchmal vielleicht etwas zu sehr ihrer

Freude hin. Z. B. trieb sie dann die Kühnheit bisweilen sogar so weit,

daß sie plötzlich selbst und unaufgefordert ihn bat – allerdings immer

noch zaghaft und mit schüchterner Stimme – irgendeine neue Komposition,

die ihr der Musikalienhändler zugesandt, anzuhören, oder seine Meinung

über ein Buch zu sagen, oder ihr gar zu erlauben, ihm ein bis zwei

Seiten daraus vorzulesen, wenn diese einen großen Eindruck auf sie

gemacht hatten. Gewöhnlich kam der Gatte gnädig allen ihren Wünschen

nach und lächelte, wie man über ein Kind nachsichtig lächelt, wenn man

ihm irgendein seltsames Spiel nicht verbieten will, um ihm nicht

vorzeitig seine Naivität zu rauben. Ich weiß nicht, weshalb mich dieses

Lächeln, diese hochmütige Nachsicht, diese Ungleichheit zwischen ihnen

immer so empörte! Ich schwieg aber, bezwang mich und beobachtete sie nur

aufmerksam mit kindlicher Neugier, jedoch mit frühreifen ernsten

Gedanken. Bisweilen bemerkte ich, daß ihm plötzlich etwas einzufallen

schien: es war, als besinne er sich, als erinnere er sich gegen seinen

Willen an etwas Schweres, Furchtbares, Unabwendbares, und im Nu

verschwand das nachsichtig herablassende Lächeln aus seinen Zügen und

seine Augen sahen plötzlich mit solchem Mitleid auf die Frau, daß es wie

eine Lähmung über sie kam und ich von diesem Mitleid förmlich

körperlichen Schmerz verspürte: hätte es mir gegolten – ich glaube, es

hätte mich zu Tode gequält. Im Augenblick verschwand dann auch alle

Freude aus dem Gesicht Alexandra Michailownas. Die Musik, wenn sie

gerade spielte, oder ihre Stimme, wenn sie gerade vorlas, brach ab. Sie

erbleichte, nahm sich krampfhaft zusammen und schwieg. Es folgte ein

peinliches, drückendes Schweigen, das bisweilen lange andauerte. Endlich

versuchte ihr Mann das Schweigen zu brechen. Er erhob sich, um wie mit

Gewalt den Ärger und die Erregung in sich niederzuzwingen, und nachdem

er ein paarmal in finsterem Schweigen durch das Zimmer geschritten war,

drückte er seiner Frau die Hand, atmete tief auf, preßte sichtlich

betreten ein paar abgerissene Worte hervor, die sie beruhigen sollten,

und verließ das Zimmer; Alexandra Michailowna aber brach in Tränen aus

und eine tiefe, qualvolle Traurigkeit kam über sie. Oft segnete und

bekreuzte er sie vor dem Fortgehen, wie ein Kind, abends beim Abschied,

und sie empfing den Segen mit Tränen der Dankbarkeit in stiller

Ehrfurcht. Aber es gab da ein paar Abende (nur zwei oder drei in den

ganzen acht Jahren), die ich nicht vergessen kann ... Dann war Alexandra

Michailowna plötzlich ganz verändert. In ihrem sonst so stillen Gesicht

spiegelten sich dann plötzlich anstatt der beständigen Unterwerfung und

Selbsterniedrigung vor dem Manne – Zorn und Empörung. Das Gewitter zog

langsam herauf. Der Mann wurde schweigsamer, schroffer und sein Gesicht

noch finsterer als sonst. Schließlich hielt es das wunde Herz der armen

Frau nicht mehr aus. Mit vor Aufregung stockender Stimme begann sie ein

Gespräch, anfangs in abgerissenen, unzusammenhängenden Sätzen voll von

Andeutungen und bitter verschwiegenen Worten; bis sie plötzlich, als

könne sie ihr Leid nicht mehr ertragen, in Tränen ausbrach – und dann

folgte ein Zornesausbruch mit Vorwürfen, Klagen und Verzweiflung wie in

einer schweren Krisis. Aber man hätte sehen müssen, mit welcher Geduld

ihr Mann das alles ertrug, mit welcher Teilnahme er sie zu beruhigen

suchte und wie er ihr die Hände küßte, bis schließlich auch ihm die

Tränen in die Augen traten: dann war’s als rufe ihr Gewissen ihr

plötzlich etwas zu und werfe ihr ein Verschulden vor. Die Tränen ihres

Mannes erschütterten sie und händeringend in neuer Verzweiflung warf sie

sich zu seinen Füßen nieder und flehte unter Schluchzen und Weinen um

seine Verzeihung, die er ihr denn auch sofort gewährte. Doch ihr

Gewissen ließ ihr noch lange keine Ruhe und sie fuhr fort, ihn unter

Tränen um Verzeihung zu bitten. Nach diesen Ausbrüchen war sie dann die

ganzen folgenden Monate noch schüchterner, noch ängstlicher vor ihrem

Mann als zuvor. Mir blieben alle diese Klagen und Vorwürfe vollkommen

unverständlich; überdies wurde ich dann immer unter irgendeinem Vorwande

aus dem Zimmer geschickt, aber ganz konnten sie dies alles doch nicht

vor mir verbergen. Ich beobachtete und sah ... und was ich nicht sah,

das erriet ich, und so schöpfte ich schon gleich zu Anfang den Verdacht,

daß es sich dabei um ein Geheimnis handeln mußte, daß diese plötzlichen

Ausbrüche eines wunden Herzens nicht gewöhnliche Nervenkrisen waren, daß

ihr Mann nicht ohne Grund immer so finster aussah und dieses zweideutige

Mitleid mit der armen kranken Frau hatte, daß auch ihre Schüchternheit

und Ängstlichkeit und auch diese bescheidene sonderbare Liebe, die sie

ihrem Manne kaum zu zeigen wagte, ihren besonderen Grund haben mußten,

und ebenso ihre Einsamkeit, ihre nahezu klösterliche Zurückgezogenheit,

sowie ihr plötzliches Erröten und Erbleichen in der Gegenwart ihres

Gatten, das mir immer wieder auffiel und immer wieder zu denken gab.

Doch solche Szenen kamen, wie gesagt, nur sehr, sehr selten vor, und da

unser Leben ohnehin so überaus eintönig verlief und Alexandra

Michailowna mir auch schon so nahe stand, als hätte ich sie mein Leben

lang gekannt, und ich andererseits mich schnell entwickelte und viel

Neues in mir erwachte –, wenn es mir auch noch nicht zu Bewußtsein kam

–, immerhin, ein Neues, das mich von meinen Beobachtungen ablenkte – so

gewöhnte ich mich eben an dieses Leben und an die Eigenheiten der

Menschen, die mich umgaben. Freilich dachte ich, wenn ich sie mitunter

betrachtete, über sie dennoch nach, das war wohl anders auch nicht gut

möglich, aber mein Denken führte vorläufig noch zu keinem Ergebnis.

Hinzu kam, daß ich sie glühend liebte und mich unwillkürlich hütete, mit

meiner Neugier ihre Wunde zu berühren – dazu achtete ich ihr Leid viel

zu sehr. Sie aber verstand mich vielleicht noch besser als ich selbst

mich verstand, und wie oft sagte sie mir für meine Liebe und

Anhänglichkeit ihren stummen Dank! Wie oft, wenn sie meine Sorge um sie

sah, lächelte sie mir unter Tränen zu oder sie scherzte selbst über ihr

häufiges Weinen, oder sie begann mir auch wohl zu erzählen, daß sie sehr

zufrieden, sehr glücklich sei, alle seien so gut zu ihr, alle hätten sie

lieb, nur quäle es sie sehr, daß Pjotr Alexandrowitsch sich ihretwegen

gräme und sich um ihre Seelenruhe sorge, während sie im Gegenteil so

glücklich sei, so glücklich ...! Und sie schloß mich mit tiefem Gefühl

in ihre Arme, innige Liebe verklärte ihr Gesicht, so daß mein Herz, wenn

man dies sagen kann, vor lauter Mitempfinden schmerzte.

Nie werde ich ihr Gesicht vergessen. Es waren regelmäßige Züge, und ihre

Magerkeit und Blässe, schien es, erhöhten nur noch den Reiz ihrer

strengen Schönheit. Das reiche schwarze Haar, das – in der Art wie es

damals getragen wurde – vom Scheitel glatt nach unten gekämmt war, warf

tiefe Schatten auf das Oval der Wangen; um so liebreizender aber war der

frappierende Kontrast ihrer großen kindlich klaren blauen Augen, aus

denen einen soviel Zärtlichkeit, Liebe und Güte ansah, und in denen

bisweilen auch soviel Naivität lag und soviel Zaghaftigkeit und

Schutzbedürftigkeit. Es waren Augen, die jede Empfindung zu scheuen

schienen, die jede Herzensregung fürchteten, gleichviel ob es flüchtige

Freude oder stille Trauer war. Doch in glücklichen ruhigen Stunden lag

in diesem Blick, der so tief ins Herz drang, soviel Klarheit und Wärme,

soviel ruhige Reinheit, dann schauten diese blauen Augen so zärtlich, so

süß einen an, dann spiegelte sich in ihnen soviel Sympathie mit allem,

was edel und gut war, was um Liebe oder um Mitleid bat, daß man sich ihr

mit ganzer Seele hingab, daß die Seele sich ihr vollkommen unterwarf und

zu ihr hinstrebte und von ihr, wie man meinte, dieselbe Klarheit und

Ruhe und Versöhnung und Liebe erhielt. So schaut man bisweilen hinauf in

den blauen Himmel und fühlt, daß man Stunden und Stunden in diesem süßen

Schauen verbringen könnte und daß die Seele freier und ruhiger wird,

ganz als spiegele sich in ihr wie in einem stillen Wasser die große

weite Himmelskuppel. Wenn aber – und das geschah so oft – die

Begeisterung ihr Farbe ins Gesicht trieb und ihre Brust sich vor

Erregung hob und senkte, dann sprühten ihre Augen in dunklem Feuer, als

wenn ihre Seele, die keusch die reine Flamme des sie so begeisternden

Schönen hütete, sich ganz in ihre Augensterne versetzt hätte. Dann war

sie geradezu wie vom Heiligen Geist erfüllt. Und in diesem plötzlichen

Aufschwung der Seele mitten aus stiller ruhiger Stimmung zu glühendster

Begeisterung und reiner strenger Vergeistigung lag so viel von naivem

kindlichen Glauben, daß ein Künstler wohl sein halbes Leben dafür

hingeben würde, wenn er dieses Frauenantlitz in einem solchen Augenblick

hätte sehen und diese Begeisterung auf der Leinwand hätte wiedergeben

können.

Schon in den ersten Tagen nach meiner Übersiedelung merkte ich, daß sie

sich in ihrer Einsamkeit über meine Anwesenheit freute. Damals hatte sie

nur ein Kind und war erst seit einem Jahre Mutter. Doch zu mir war sie

stets wie zu einer leiblichen Tochter und niemals machte sie einen

Unterschied zwischen mir und ihren eigenen Kindern. Und mit welchem

Eifer sie sich an meine Erziehung machte! Madame Léotard mußte oftmals

lächeln, wenn sie in der ersten Zeit ihren Übereifer sah. Und in der

Tat, wir fingen mit einem Mal so ziemlich alles an, wir begannen mit so

vielen Fächern, daß wir uns bald ganz verloren. Sie wollte mir auf ein

Mal so viel beibringen, daß es sie zu liebevoller Ungeduld trieb, ich

aber oder vielmehr mein Wissen keinen großen Nutzen daraus ziehen

konnte. Anfangs betrübte sie meine Hilflosigkeit; dann mußte sie aber

lachen und dann fingen wir nochmals von vorn an – doch trotz des ersten

Mißerfolges erklärte sich Alexandra Michailowna kühn gegen das

altbewährte System der Madame Léotard. Sie stritten lachend um ihre

Methoden, aber meine neue Lehrerin blieb kategorisch bei ihrer

Feindschaft gegen jegliches System und behauptete, wir würden nach

etlichen Versuchen den richtigen Weg schon finden und es habe keinen

Sinn, mir den Kopf mit toten Regeln vollzustopfen: der ganze Erfolg

hinge nur davon ab, daß man meine natürlichen Fähigkeiten erkannte und

weckte und davon, daß man auf meinen guten Willen zu wirken vermochte.

Darin aber hatte sie zweifellos recht, denn ihre Methode siegte mit

glänzendem Erfolg. Erstens fielen bei uns die Rollen der Lehrerin und

Schülerin ganz fort. Wir lernten wie zwei Freundinnen, und nicht selten

machte es sich so, daß ich Alexandra Michailowna belehrte, ohne ihre

kleine List zu bemerken. Und wir gerieten nicht selten sogar in Streit

und mit glühendem Eifer suchte ich die Sache ihr so zu erklären, wie ich

sie begriff, bis Alexandra Michailowna mich unmerklich auf den richtigen

Weg führte. Das endete dann gewöhnlich damit, daß ich, wenn mir endlich

ein Licht aufging und ich plötzlich ihre List erriet und einsah, daß

sie, was oft genug geschah, ganze Stunden zu meinem Nutzen geopfert

hatte – daß ich mich dann an ihren Hals warf und sie krampfhaft umarmte.

Später tat ich das nach jeder Stunde. Meine Empfindsamkeit überraschte

und rührte sie so, daß sie mich immer ganz verwundert ansah. Sie begann

mich nach meinem früheren Leben zu fragen, und nach meinen Erzählungen

wurde sie jedesmal zärtlicher zu mir und ernster – ernster, weil ich ihr

mit meiner traurigen Kindheit außer dem Mitleid auch noch eine gewisse

Achtung einflößte. Nach meinen Geständnissen führten wir gewöhnlich noch

lange Gespräche, in denen sie mir meine Erlebnisse zu erklären

versuchte, so daß es mir vorkam, als erlebe ich das alles nochmals und

als lerne ich dabei viel. Madame Léotard fand diese Gespräche viel zu

ernst für mein Alter, und wenn sie meine unwillkürlichen Tränen

bemerkte, sagte sie oft, sie seien gar nicht am Platz. Ich aber dachte

darüber ganz anders, denn nach _diesem_ Unterricht wurde es mir immer so

leicht und frei und süß ums Herz, ganz als hätte es in meinem Schicksal

nichts Dunkles und Trauriges gegeben. Und ich war auch Alexandra

Michailowna viel zu dankbar dafür, daß sie mich veranlaßte, sie mit

jedem Tage mehr zu lieben. Madame Léotard war natürlich nicht darauf

verfallen, daß auf diese Weise allmählich alles in mir sich glätten und

ordnen und seine Harmonie finden mußte, was sich früher wirr und

vorzeitig stürmisch in meiner Seele erhoben hatte, alles, wovor mein

wundes Kinderherz in seinem bitteren Schmerz so ratlos gestanden, daß es

hätte verstocken müssen, da es nur den Schmerz fühlte, aber nicht

begriff, warum und woher die Schläge es trafen.

Unsere Tage fingen damit an, daß wir uns im Kinderzimmer zusammenfanden,

ihr Kindchen weckten, es ankleideten, wuschen, fütterten, mit ihm

spielten und ihm das Sprechen beizubringen versuchten. Hatten wir uns

mit ihm genug abgegeben, dann begann das Lernen. Dies Lernen erstreckte

sich eigentlich auf alles und war doch an nichts gebunden. Wir lasen,

erzählten einander unsere Eindrücke und Gedanken während der Lektüre;

dann, wenn wir davon genug hatten, gingen wir zur Musik über, und die

Zeit verging wie im Fluge. Die Abende verbrachten wir meist sehr

gemütlich, zuweilen kam B., Alexandra Michailownas Freund, und auch

Madame Léotard gesellte sich zu uns. Oft wurde dann aus der Unterhaltung

ein eifriger Disput über die Kunst oder über das Leben (das wir fast

alle nur vom Hörensagen kannten) oder über die Wirklichkeit und das

Ideal, über Vergangenes und Zukünftiges, und es wurde darüber

Mitternacht und noch später, ohne daß wir es merkten. Ich hörte mit

allen Fibern zu, ich begeisterte mich mit ihnen, ich lachte oder ich war

ergriffen, und an diesen Abenden erfuhr ich denn auch nach und nach

alles Nähere, was meinen Stiefvater und meine erste Kindheit betraf.

Inzwischen wuchs ich heran; man nahm für mich Lehrer an, doch hätte ich

von diesen ohne Alexandra Michailownas Hilfe so gut wie nichts gelernt.

Bei meinem Geographielehrer hätte ich von dem ewigen Suchen der Städte

und Flüsse auf den Karten nur erblinden können! Mit Alexandra

Michailowna dagegen unternahm ich wahre Weltreisen, wir durchstreiften

so märchenhafte Länder, sahen so viele Wunder, verbrachten so viele

phantasieerfüllte Stunden miteinander, und unser Eifer war in der

Begeisterung so groß, daß alle Bücher, die sie gelesen hatte, nicht mehr

genügten und wir uns neue Bücher verschaffen mußten. Bald konnte ich

meinen Geographielehrer belehren, wenn er auch, das muß man ihm um der

Gerechtigkeit willen lassen, bis zum Schluß seine Überlegenheit insofern

bewahrte, als er die Lage jedes Städtchens mit peinlichster Genauigkeit

in Längen- und Breitengraden anzugeben wußte, sowie die Zahl der

Einwohner in Tausenden, Hunderten und Zehnern. Dem Geschichtslehrer

wurden die Stunden gleichfalls pünktlich bezahlt, aber erst nachdem er

gegangen war, fingen wir, Alexandra Michailowna und ich, mit der

Geschichte an: dann holten wir unsere Bücher hervor und lasen – lasen

bis tief in die Nacht. Nie habe ich größere Begeisterung empfunden als

bei diesem Lesen. Wir waren dann beide so begeistert, als wären wir

selber die Helden, die jene großen Taten vollbrachten. Natürlich lasen

wir zwischen den Zeilen noch mehr heraus als aus den Zeilen; überdies

verstand Alexandra Michailowna meisterhaft zu erzählen oder eine

Begebenheit zu erläutern, so daß man das Geschehnis förmlich miterlebte,

als geschähe es eben jetzt. Mag es nun auch meinetwegen komisch anmuten,

daß wir uns so begeisterten und bis nach Mitternacht saßen und lasen,

ich ein Kind, und sie eine Frau mit einem wunden Herzen, das so schwer

am Leben trug! – Aber es war so. Ich wußte, daß sie sich neben und mit

mir gleichsam erholte. Soweit ich mich erinnere, machte ich mir schon

damals seltsame Gedanken, wenn ich sie still betrachtete, und noch bevor

ich etwas aus ihrem Leben erfuhr, hatte ich schon vieles erraten.

Ich wurde dreizehn Jahre alt. Mit Alexandra Michailownas Gesundheit ging

es mehr und mehr bergab. Sie wurde reizbarer und die hoffnungslose

Trauer kam immer öfter über sie. Ihr Gatte verbrachte nun gewöhnlich

längere Zeit bei ihr, wenn er auch ebenso schweigsam und finster blieb

wie früher. Da begann ich denn, immer lebhafteren Anteil an ihrem

Schicksal zu nehmen. Ich entwuchs bereits der Kindheit, viele neue

Eindrücke, Beobachtungen und Vermutungen hatten in mir schon bestimmtere

Formen angenommen, und das Geheimnis, das so schwer auf dieser Familie

lag, begann mich immer mehr zu quälen. Es gab Augenblicke, wo es mir

schien, daß ich dieses Rätsel fast schon erriet. Doch dann kam auch

wieder eine gewisse Gleichgültigkeit, eine Apathie über mich, ja sogar

ein gewisser Ärger konnte mich erfassen, und ich vergaß meine

Anteilnahme, da ich auf die eine Frage doch keine Antwort erhielt.

Bisweilen – und das kam immer häufiger vor – hatte ich das seltsame

Bedürfnis, allein zu bleiben und zu denken, immer nur zu denken. Das war

ganz wie zu jener Zeit, als ich noch bei den Eltern lebte und damals –

noch vor meiner Freundschaft mit meinem Stiefvater – ein ganzes Jahr

lang nachdachte und aus meinem Winkel die Welt Gottes betrachtete, so

daß ich zu guter Letzt unter den von meiner eigenen Phantasie

geschaffenen Phantomen ganz vereinsamte. Der Unterschied bestand nur

darin, daß jetzt mehr neue unbewußte Triebe in mir waren und größere

Ungeduld, stärkere Sehnsucht, mächtigeres Verlangen nach Bewegung, nach

Auflehnung mich quälte, so daß ich nicht mehr wie früher meine Spannung

und Sammlung ausschließlich auf eine einzige Sache hinlenken konnte.

Aber auch Alexandra Michailowna fing an, sich von mir zu entfernen. In

diesem Alter konnte ich ihr fast nicht mehr Freundin sein. Ich war kein

Kind mehr, ich fragte nach gar zu vielem, und zuweilen sah ich sie so

an, daß sie ihre Augen vor mir niederschlagen mußte. Es gab sonderbare

Minuten. Ich konnte ihre Tränen nicht ertragen und oft traten bei ihrem

Anblick auch mir Tränen in die Augen. Ich warf mich an ihre Brust und

umfing sie leidenschaftlich. Was konnte sie mir antworten? Ich fühlte

es, daß ich ihr eine Last war. Bisweilen aber – und das waren dann

schwere traurige Minuten – war sie es, die mich plötzlich wie in innerer

Verzweiflung umarmte, als suche sie meine Teilnahme, als könne sie ihre

Einsamkeit nicht länger ertragen, als hätte ich sie schon ganz

verstanden, als hätten wir schon gemeinsam gelitten. Doch trotz alledem

blieb zwischen uns ein Geheimnis, das fühlten wir, und da war ich es,

die sich in diesen Minuten von ihr zu entfernen begann. Es wurde mir

schwer, mit ihr zusammen zu sein. Überdies verband uns fast nichts mehr,

außer der Musik. Doch auch die wurde ihr von den Ärzten schon verboten.

Bücher? Das war schließlich sogar das gefährlichste Gebiet. Sie wußte

entschieden nicht, was und wie sie mit mir lesen sollte. Wir wären nicht

einmal über die erste Seite hinausgekommen: jedes Wort hätte man als

Andeutung, jeden belanglosen Satz als Rätsel auffassen können. Gespräche

zu zweien, wie früher, in glühender Offenheit – mieden wir schon.

Gerade in dieser Zeit gab das Schicksal meinem Leben plötzlich und in

ganz unvorhergesehener Weise eine andere Richtung. Meine Aufmerksamkeit,

meine Gefühle, mein Herz, mein Kopf – alles wandte sich mit einem Mal

und mit ganzer angespannter Kraft, die bis zur Begeisterung stieg,

plötzlich einer anderen, mir bis dahin noch ganz unbekannten Tätigkeit

zu und ich versetzte mich, fast ohne dessen gewahr zu werden, in eine

neue Welt; ich hatte keine Zeit, zurückzusehen, mich umzuschauen, mich

zu besinnen; es konnte ja leicht mein Verderben sein, was ich auch

deutlich selbst fühlte; doch die Versuchung war größer als die Angst und

ich ging weiter aufs Geratewohl, mit geschlossenen Augen. Und auf lange

Zeit ließ ich mich so ablenken von jener Wirklichkeit, die mir bereits

so lästig geworden war und in der ich schon so durstig und doch

vergeblich einen Ausweg gesucht. Was das war, will ich jetzt erzählen.

Von den drei Ausgängen aus dem Eßzimmer führte der eine in die großen

Empfangsräume, der andere in mein Zimmer und in die Kinderzimmer, und

der dritte in die Bibliothek. In die Bibliothek führte aber noch eine

andere Tür, die von meinem Zimmer nur durch ein Arbeitskabinett getrennt

war, in dem gewöhnlich der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs saß. Der war

zugleich sein Sekretär und gewissermaßen seine rechte Hand. Den

Schlüssel zur Bibliothek und zu den Bücherschränken hatte er. Eines

Tages nach dem Essen, als er nicht zu Hause war, fand ich diesen

Schlüssel auf dem Teppich im Kabinett. Ich wurde neugierig, behielt den

Schlüssel und versuchte, ob sich mit ihm die Tür aufschließen ließ. Ich

trat in die Bibliothek. Es war das ein ziemlich großes, sehr helles

Zimmer, in dem an den Wänden acht große Bücherschränke standen. Die

vielen Bücher waren Pjotr Alexandrowitsch einmal mit einer Erbschaft

zugefallen, oder wenigstens ein großer Teil derselben. Die anderen

Bücher hatten sich nach und nach angesammelt, da Alexandra Michailowna

beständig welche kaufte. Mir hatte man bis dahin nur mit großer Vorsicht

Bücher zum Lesen gegeben, so daß es für mich unschwer zu erraten war,

daß man mich vieles nicht lesen lassen wollte, also vieles für mich noch

ein Geheimnis blieb. Dies nun erweckte in mir unbezwingbare Neugier, und

in einer Anwandlung von Furcht und Freude und mit einem ganz besonderen

Gefühl, über das ich mir keine Rechenschaft gab, schloß ich den ersten

Schrank auf und nahm das erste Buch aus der Reihe. In diesem Schrank

waren nur Romane. Ich behielt den Band, verschloß den Schrank und

brachte das Buch mit einem so eigentümlichen Empfinden, mit klopfendem

und doch wieder stillstehendem Herzen zu mir, auf mein Zimmer, als hätte

ich geahnt, daß damit eine große Umwälzung in meinem Leben eintreten

sollte. Erst als ich in meinem Zimmer in Sicherheit war und auch die Tür

verschlossen hatte, schlug ich das Buch auf. Doch zu lesen wagte ich

noch nicht – eine andere Sorge beschäftigte mich: zunächst mußte ich mir

ein für allemal den freien Zutritt zur Bibliothek sichern, und zwar so,

daß niemand etwas davon merkte, damit ich mir zu jeder Zeit jedes

beliebige Buch verschaffen und bei mir behalten konnte. Ich beschloß

daher, auf das Vergnügen, das entwendete Buch sogleich zu lesen,

vorläufig zu verzichten: statt dessen brachte ich das Buch zurück, aber

den Schlüssel behielt ich dafür bei mir. Ich behielt ihn und

verheimlichte es – das war die erste schlechte Tat in meinem Leben. Nun

wartete ich auf die Folgen, doch die waren nicht schlimm: nachdem der

Sekretär den Schlüssel einen ganzen Abend vergeblich gesucht hatte, ließ

er am nächsten Morgen einen Schlosser rufen und der fand nach kurzem

Suchen in einem mitgebrachten großen Schlüsselbund einen passenden neuen

Schlüssel. Damit war die Sache erledigt und niemand erfuhr, daß er den

alten Schlüssel verloren hatte. Trotzdem war ich vorsichtig und ging mit

List erst nach einer Woche in die Bibliothek, nachdem ich mich überzeugt

hatte, daß nicht der geringste Verdacht gegen mich bestand. Anfangs

wählte ich immer die Zeit, wenn der Sekretär nicht zu Hause war, und

ging dann durch sein Arbeitszimmer; später aber ging ich ruhig aus dem

Eßzimmer in die Bibliothek, denn der Sekretär hatte zwar den Schlüssel

in der Tasche, doch um die Bücher kümmerte er sich so wenig, daß er das

Zimmer überhaupt nicht betrat.

Mit wahrem Heißhunger begann ich zu lesen und das Gelesene nahm mich

ganz in seinen Bann. Alle meine neuen Bedürfnisse, alle unklaren Wünsche

meines Entwicklungsalters, die sich so unruhig und rebellisch in meiner

Seele erhoben hatten, vorzeitig durch meine Frühreife erweckt – all das

strömte von jetzt ab dem neuen Ausweg zu, als hätte es mit ihm den

richtigen Weg gefunden. Bald waren mir Herz und Sinne so bezaubert und

meine Phantasie entwickelte sich so schrankenlos, daß die ganze Welt,

die mich bis dahin umgeben hatte, für mich wie vergessen, irgendwo fern

versunken lag. Es war, als hielte mich das Schicksal selbst an der

Schwelle des neuen Lebens – nach dem es mich schon so stürmisch

verlangte, über das ich bereits Tag und Nacht wie über ein Rätsel

nachgedacht – bevor es mich in dieses Leben eintreten ließ, noch einen

Augenblick zurück, um mich auf eine Höhe zu führen und mir von dort aus

die Zukunft in einem Zauberpanorama zu zeigen, und als eine lockende,

glänzende Perspektive. Es war mir gewiß bestimmt, diese ganze Zukunft

gleichsam im voraus kennen zu lernen, sie zuerst in den Büchern zu lesen

und dann in Träumen, in Hoffnungen und leidenschaftlicher Sehnsucht, in

süßer Erregung meines jungen Geistes zu durchleben. Ich las ohne

Auswahl, wie mir die Bücher in die Hände kamen, doch das Schicksal

behütete mich: das, was ich bis dahin erfahren und empfunden hatte, war

alles so rein, so herb, daß die einzelnen, heimtückischen und

schmutzigen Seiten mir nichts mehr anhaben konnten. Mein guter

Kinderinstinkt, meine Jugend und meine ganze Vergangenheit beschützten

mich, und es war mir nur, als sähe ich plötzlich mein ganzes früheres

Leben bewußt in heller Beleuchtung. Tatsächlich erweckte jede Seite, die

ich las, gleichsam Erinnerungen in mir, als hätte ich das alles oder

doch etwas Ähnliches schon irgendeinmal selbst erlebt; ja gerade diese

Leidenschaften, dieses ganze Leben mit seinen märchenhaften Bildern

kamen mir so bekannt vor. Und wie hätte es denn auch anders sein können:

wie hätte ich darüber die Wirklichkeit nicht bis zur Entfremdung

vergessen sollen, da doch in jedem Buch vor mir die Gesetze desselben

Schicksals verkörpert waren, desselben Geistes, der über dem

Menschenleben thront, alle jedoch wie aus einem obersten Gesetz des

Menschenlebens fließend, das zugleich die Rettung und Erlösung der

Menschheit enthielt. Eben dieses oberste Gesetz, dessen Bestehen ich

schon vermutete, suchte ich nun aus allen Kräften, mit allen Instinkten,

die eine Art Selbsterhaltungstrieb in mir aufgeweckt hatte, zu erraten.

Es war, als sei ich schon im voraus durch irgendwen darauf aufmerksam

gemacht worden, weshalb meine Aufmerksamkeit sich mit einer solchen

Selbstverständlichkeit gerade darauf richtete. Es war, als dränge sich

ein Hellsehen in meine Seele, und mit jedem Tage wuchs und erstarkte in

ihr eine eigene Sehnsucht, obschon gleichzeitig mein Verlangen nach

dieser Zukunft, nach diesem Leben, von dem ich täglich las und das mich

täglich mit der ganzen nur der Kunst eigenen Gewalt und allen Reizen der

Dichtung erschütterte und lockte, immer mächtiger wurde. Doch wie

gesagt, meine Phantasie beherrschte auch meine Ungeduld und ich war, um

die Wahrheit zu gestehen, nur in meinen Träumen kühn, in Wirklichkeit

aber fürchtete ich mich instinktiv vor der Zukunft. Und deshalb, wie

nach geheimer Verabredung mit mir selbst, hatte ich es mir unbewußt zum

Vorsatz gemacht, mich vorläufig mit diesem Leben in der Phantasie zu

begnügen, in dem ich dafür die unbehinderte Selbstherrscherin sein

konnte und in dem es nur Glück und Freude gab; das Unglück aber, wenn es

auch zugelassen war, spielte dort nur eine passive Rolle, eine Art

Übergangsrolle, die notwendig war nur um der Kontraste willen: damit das

Schicksal sich in meinen begeistert erträumten Romanen zum Guten wenden

und zu einem glücklichen Schluß führen konnte. So deute ich mir jetzt

meine damalige Stimmung.

Und dieses Leben, dieses Leben ausschließlich in der Phantasie, dieses

Leben in schroffer Abkehr von allem, was mich umgab, konnte sich ganze

drei Jahre lang fortsetzen!

Dieses Leben war mein Geheimnis, und selbst nach ganzen drei Jahren

wußte ich noch nicht, ob ich mich vor einer plötzlichen Aufdeckung

desselben fürchten sollte oder nicht. Das, was ich in diesen drei Jahren

erlebt hatte, stand mir gar zu nah, war schon zu sehr verwachsen mit

mir! In allen diesen Träumen spiegelte ich mich selbst viel zu deutlich

wider, so daß fremde Augen, gleichviel wessen Augen, durch einen

unvorsichtigen Blick in meine Seele mich verwirrt und erschreckt hätten.

Hinzu kam, daß wir alle im Hause so einsam lebten, so außerhalb der

Gesellschaft, so klösterlich still, daß sich unwillkürlich in jedem von

uns ein Innenleben, eine Konzentration auf sich selbst entwickeln mußte.

Und das geschah denn auch mit mir. In diesen drei Jahren sah ich in

meiner Umgebung nicht die geringste Veränderung: nach wie vor herrschte

das farblose Einerlei, das, wie ich mir jetzt gestehe, wenn ich nicht

von meinem geheimen Leben erfüllt gewesen wäre, ganz entschieden meine

Seele zerrissen und mich aus diesem traurigen Kreise Gott weiß auf

welchen Ausweg getrieben hätte. Madame Léotard alterte merklich und zog

sich fast ganz in ihr Zimmer zurück; die Kinder waren noch so klein, daß

sie nicht in Frage kamen; B. war gar zu einseitig und Alexandra

Michailownas Gatte gar zu ernst, gar zu unnahbar und verschlossen.

Zwischen ihm und seiner Frau herrschte immer noch dasselbe rätselhafte

Verhältnis, das mich wie ein unheilvolles, düsteres Geheimnis immer mehr

bedrückte und meine angstvolle Sorge um Alexandra Michailowna von Tag zu

Tag vergrößerte. Ihr Leben, das so freudlos und farblos war, begann

schon zu erlöschen. Ihr Zustand verschlimmerte sich mit jedem Tage. Von

ihrer Seele hatte allmählich eine Art Verzweiflung Besitz ergriffen;

etwas Unbestimmtes, worüber wohl auch sie keine Rechenschaft zu geben

vermochte, schien lähmend auf ihr zu lasten, und sie trug es still, wie

ein unvermeidliches Kreuz, das zu tragen sie für die kurze Zeit ihres

Lebens nun einmal verurteilt war. Und doch schien es mir, als verstocke

allmählich ihr Herz in dieser dumpfen Qual; ja selbst ihr ganzes Denken

nahm eine andere Richtung und wurde düster, traurig, trostlos.

Namentlich eine Beobachtung traf mich: es schien mir, daß sie, je älter

ich wurde, sich um so mehr von mir entferne, so daß ihre

Verschlossenheit mir gegenüber schließlich die Form einer gewissen

Reizbarkeit annahm, die sich wie Ärger äußerte. Ja es gab Augenblicke,

wo ich die Empfindung hatte, sie liebe mich überhaupt nicht mehr; ich

schien ihr lästig zu sein. Deshalb begann auch ich mich von ihr

zurückzuziehen, und nachdem das einmal geschehen, wurde ich von ihrer

Verschlossenheit gleichsam angesteckt. So kam es denn, daß alles, was

ich in diesen drei Jahren erlebte und was allmählich in mir reifte, mein

Geheimnis blieb. Und da wir uns einmal voreinander verschlossen hatten,

konnte ich ihr später nie mehr ganz offen mein Innerstes zeigen, obschon

ich sie immer noch mehr lieben lernte. Ich kann jetzt nicht ohne Tränen

daran denken, wie sehr sie an mir hing, wie sie sich in ihrem Herzen

gelobt, ihren ganzen großen Liebesreichtum an mich zu verschwenden und

wie sie ihrem Gelübde, mir eine Mutter zu sein, bis zum Tode treu blieb.

Es ist wahr, das eigene Leid lenkte sie zuweilen für eine Zeitlang von

mir ab und ich glaube, daß sie mich dann einfach vergaß – um so mehr,

als ich mich nach Möglichkeit bemühte, sie nicht an mich zu erinnern.

Inzwischen wurde ich sechzehn Jahre alt, ohne daß sie mein Heranwachsen

gemerkt hätte. Aber in klareren Stunden, wenn sie bewußter um sich sah,

war es doch, als erschrecke sie plötzlich: und sie ließ mich dann eilig

aus meinem Zimmer, wo ich gewöhnlich gerade lernte, zu sich rufen, und

überschüttete mich mit Fragen, wie um mich zu prüfen, zu ergründen –

tagelang mußte ich dann bei ihr sitzen. Sie gab sich Mühe, alle meine

Wünsche, alle meine Gefühlsregungen zu erraten und war offenbar in Sorge

um mein Alter. Und wie sie sich um meine Gegenwart sorgte, so sorgte sie

sich auch um meine Zukunft, und mit unerschöpflicher Liebe, ja geradezu

mit Ehrfurcht vor meinem Leben suchte sie mich für alle Zeiten mit ihrer

Hilfe auszurüsten. Doch wir waren uns innerlich schon fremd geworden und

deshalb merkte sie es nicht, daß sie mitunter gar zu naiv vorging und

ich ihre Absicht viel zu sehr durchschaute. So z. B., als sie einmal –

das war schon nach meinem sechzehnten Geburtstag – in meinen Büchern

gekramt hatte, fragte sie mich plötzlich, was ich lese, und als sie sah,

daß es nur kleine Geschichten für etwa zwölfjährige Kinder waren, da

erschrak sie. Ich erriet sofort, was sie erschreckt hatte, und

beobachtete sie aufmerksam. Ganze zwei Wochen ließ sie es sich nun

angelegen sein, mich vorzubereiten und zu prüfen und vor allem meinen

Reifegrad festzustellen. Endlich entschloß sie sich: und auf unserem

Tisch erschien „Ivanhoe“ von Walter Scott, ein Roman, den ich schon

längst und mindestens dreimal gelesen hatte. Anfangs verfolgte sie mit

ängstlicher Erwartung, welcher Art der Eindruck war, den ich empfing;

bald jedoch wich diese Gespanntheit zwischen uns und wir begeisterten

uns beide, und ich war froh, so froh, daß ich mich jetzt nicht mehr vor

ihr zu verstellen brauchte! Als wir den Roman beendet hatten, war sie

entzückt von mir. Jede Bemerkung, die ich während der Lektüre gemacht,

jede Äußerung und Auffassung war richtig gewesen. Ja ihrer Meinung nach

war ich sogar schon zu weit entwickelt. Überrascht und entzückt davon,

machte sie sich nun wieder freudig daran, meine Entwicklung zu leiten;

sie wollte sich nie mehr von mir trennen; doch das lag nicht in ihrer

Macht. Das Schicksal trat sehr bald wieder trennend zwischen uns und

verhinderte eine beiderseitige Annäherung. Dazu bedurfte es nur der

ersten leisen Anwandlung ihrer Krankheit und ihr Leid siegte in ihrer

Seele; und dann folgte wieder eine Entfremdung, wieder stand ihr

Geheimnis, stand Mißtrauen zwischen uns, und vielleicht war es sogar

wieder wie eine Verstockung von ihrer wie von meiner Seite, die sich

zwischen uns schob.

Doch selbst dann gab es Augenblicke, die nicht in unserer Macht standen.

Spannende Lektüre, ein sympathisches Wort, die Macht der Musik – und wir

vergaßen uns, sprachen uns aus, oft sogar mehr als nötig, und dann

fühlten wir uns bedrückt voreinander. Es war dann immer wie ein

plötzliches Sichbesinnen und wir sahen uns wie erschrocken über uns

selbst mit argwöhnischer Neugier und mit Mißtrauen an. Jede von uns

hatte ihre Grenze, bis zu der sie sich der anderen nähern konnte; diese

Grenze zu überschreiten wagten wir nicht, auch wenn wir es gewollt

hätten.

Eines Nachmittags vor der Dämmerung las ich im Salon Alexandra

Michailownas zerstreut in einem Buch. Sie saß am Flügel und

improvisierte nach Motiven italienischer Musik. Als sie schließlich auf

die Melodie einer bekannten Arie überging, begann ich, von der Musik,

die mich gefangennahm, gleichsam dazu aufgefordert, leise die Melodie

mitzusingen. Die Musik bezauberte mich und ich stand plötzlich auf und

trat an den Flügel. Alexandra Michailowna schien meinen Wunsch zu

erraten und ging auf die Begleitung über, liebevoll jedem Ton meiner

Stimme folgend. Es war, als sei sie durch die Stärke meiner Stimme

überrascht. Ich hatte bis dahin noch nie in ihrer Gegenwart gesungen, ja

und auch ich wußte noch nicht, ob ich überhaupt irgendwelche Stimmittel

besaß. Jetzt aber waren wir plötzlich beide wie von einem Geist erfüllt.

Ich hob die Stimme mehr und mehr, eine mir bis dahin unbekannte Energie

erwachte in mir, eine Leidenschaft, die von Alexandra Michailownas

freudiger Verwunderung, die ich aus jedem Takt ihrer Begleitung

heraushörte, noch geschürt wurde. Und der Schluß der Arie gelang mir so

gut, ich war so beseelt, so hingerissen von dem Lied, daß sie ganz

begeistert meine Hände ergriff und mich strahlend ansah:

„Annjeta! Aber du hast ja eine wundervolle Stimme!“ rief sie entzückt.

„Mein Gott! und ich habe davon nichts gewußt!“

„Ja, ich habe es ja selbst jetzt erst bemerkt!“ versicherte ich,

gleichfalls ganz erschüttert vor Freude.

„Ach, Gott segne dich, Gott segne dich, mein liebes, unschätzbares Kind!

Danke Gott für diese Gabe! Wer weiß ... Ach, mein Gott, mein Gott!“ ...

Sie war so ergriffen von der Überraschung, so außer sich vor Freude, daß

sie nicht wußte, was sie mir sagen, wie sie mir ihre Liebe zeigen

sollte. Das war eine jener Stunden der Aufrichtigkeit, der Zuneigung und

Annäherung, die es in der letzten Zeit schon lange nicht mehr zwischen

uns gegeben hatte. Eine Stunde später war es wie ein Fest im Hause. Sie

schickte sogleich zu B. und ließ ihn zu sich bitten. In der Erwartung

seiner nahmen wir ein anderes Lied vor, das mir bekannter war. Diesmal

zitterte ich vor Angst. Ich wollte nicht durch einen Mißerfolg den

ersten Eindruck zerstören. Doch bald gab mir meine Stimme selbst wieder

Mut und machte mich sicher. Ich sang und wunderte, wunderte mich über

den Umfang meiner Stimme. Dieser zweite Versuch verscheuchte jeden

Zweifel. Alexandra Michailowna wußte vor Freude nicht, wo sie sich

lassen sollte, sie schickte nach den Kindern, sogar nach der Kinderfrau,

und schließlich – ließ sie sich so weit hinreißen, daß sie zu ihrem Mann

ging und ihn aus seinem Kabinett zu uns rief – eine Kühnheit, an die sie

zu jeder anderen Zeit nicht einmal zu denken gewagt hätte. Pjotr

Alexandrowitsch nahm die Neuigkeit wohlwollend auf, gratulierte mir und

war der erste, der da sagte, man müsse meine Stimme ausbilden. Alexandra

Michailowna, die vor Dankbarkeit so glücklich war, als hätte er für sie

Gott weiß was getan, wollte ihm dafür fast die Hände küssen. Endlich kam

B. Seine Freude war groß. Er liebte mich sehr und gedachte meines

Stiefvaters, der Vergangenheit, und als ich ihnen zwei oder drei Lieder

vorgesungen, erklärte er mit ernster und sogar besorgter Miene, ja sogar

mit einer gewissen geheimnisvollen Feierlichkeit, daß ich zweifellos

gute Stimmittel hätte, vielleicht auch sogar Talent, und deshalb sei es

natürlich ganz unmöglich, meine Stimme etwa nicht auszubilden ... –

jedoch ... Und nun war es, als besinne er sich, und er wie auch

Alexandra Michailowna schienen sich zu sagen, daß es gefährlich sei,

mich schon zu Anfang so zu loben, und ich bemerkte, wie sie sich nun mit

einigen Blicken schnell verständigten und sich später noch flüsternd

verabredeten, so daß ihre kleine Verschwörung gegen mich recht

ungeschickt und naiv ausfiel. Ich lachte im stillen den ganzen Abend,

denn als ich wieder gesungen hatte, sah ich, wie sie sich Mühe gaben,

gleichgültig zu bleiben und wie sie sogar einige Mängel mit Absicht

hervorheben und laut besprachen. Ihre Selbstbeherrschung währte aber

nicht lange und B. war der erste, der von der Freude übermannt, sich

untreu wurde. Ich hatte nicht vermutet, daß er mich so gern hatte. Den

ganzen Abend herrschte eine frohe Stimmung und die lebhafte Unterhaltung

war so freundschaftlich wie nie zuvor. B. gab die Lebensgeschichten

einiger Künstler zum besten und erzählte von der Kunst der berühmten

Größen mit der Begeisterung des Künstlers, oft sogar fast ehrfurchtsvoll

und ergriffen.

Es war auch die Rede von meinem Stiefvater, und dann ging die

Unterhaltung auf mich über, auf meine Kindheit, dann auf den Fürsten und

die Familie des Fürsten, von der ich nach der Trennung so wenig gehört

hatte. Auch Alexandra Michailowna wußte wenig von ihnen, B. dagegen am

meisten, da er mehrmals in Moskau gewesen war. Doch hier bekam das

Gespräch etwas Geheimnisvolles und Rätselhaftes, und zwei oder drei

Umstände, die hauptsächlich den Fürsten betrafen, blieben mir ganz

unverständlich. Alexandra Michailowna erkundigte sich nach Katjä, doch

B. wußte von ihr nichts Besonderes zu berichten oder schien vielmehr

absichtlich nichts berichten zu wollen. Das machte mich stutzig. Ich

hatte Katjä nicht nur nicht vergessen, sondern meine frühere Liebe zu

ihr hatte sich eher noch vertieft; aber es war mir nie in den Sinn

gekommen, daß mit ihr irgendeine Veränderung vor sich gegangen sein

könnte. Ich hatte weder an die langen Jahre der Trennung, noch an die

Verschiedenheit unserer Erziehung und unserer Charaktere gedacht. Sie

hatte mich in meinen Gedanken nie verlassen, sie lebte immer noch so,

wie ich sie als Kind gesehen, neben mir, und in meiner Phantasie gingen

wir stets Hand in Hand. Da ich mich selbst immer als Heldin jedes von

mir gelesenen Romanes sah, so ersann ich für meine Freundin, die

Prinzeß, immer eine Rolle neben mir und verdoppelte somit den Roman, von

dem dann der zweite Teil ausschließlich von mir handeln sollte, ersann

ihn mit Hilfe aller meiner Lieblingsautoren, die ich natürlich

erbarmungslos bestahl.

An jenem Abend wurde auch gleich im Familienrat beschlossen, welchem

Professor meine Ausbildung nun übertragen werden sollte. B. empfahl den

allerbesten. So fuhr denn schon am nächsten Tage der berühmte Italiener

D. bei uns vor, prüfte meine Stimme, sagte ungefähr dasselbe, was sein

Freund B. gesagt hatte, meinte aber, es wäre für mich von viel größerem

Nutzen, wenn ich zusammen mit seinen anderen Schülerinnen bei ihm

lernte, der Ehrgeiz und das gute Beispiel wären vortreffliche

Hilfsmittel usw., usw. Alexandra Michailowna war damit einverstanden,

und so ging ich von diesem Tage an regelmäßig dreimal wöchentlich früh

morgens um 8 Uhr in Begleitung eines Dienstmädchens ins Konservatorium.

Jetzt muß ich von einem sonderbaren Erlebnis erzählen, das auf mich

einen großen, nachhaltigen Eindruck machte und nach welchem ich wie nach

einem schroffen Bruch in ein anderes Alter eintrat. Ich war damals noch

nicht ganze siebzehn Jahre alt, als plötzlich eine mir selbst ganz

unverständliche Apathie von meiner Seele Besitz zu ergreifen begann;

eine eigentümliche, unerträgliche, schwermütige Stille, die ich selbst

nicht begriff, kam über mich. Alle meine Erwartungen, mein ganzes

Streben und Wollen war verstummt, sogar meine Phantasie schwieg wie vor

Kraftlosigkeit. Eine kalte Gleichgültigkeit war in mir an die Stelle der

früheren unbeholfenen drangvollen Glut getreten. Sogar für mein Talent,

das doch von allen, die ich mit ganzer Seele lieb hatte, so bewundert

wurde, konnte ich keine Neigung und Liebe bei mir mehr aufbringen und

ich mißachtete es gefühllos. An nichts nahm ich Anteil, und selbst für

Alexandra Michailowna empfand ich nur dieselbe kalte Gleichgültigkeit,

obschon ich mir deshalb Vorwürfe machte. Meine Apathie wurde nur von

grundloser Traurigkeit oder von plötzlichen Tränen unterbrochen. Ich

hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Und in dieser eigentümlichen Zeit

wurde durch ein seltsames Erlebnis meine ganze Seele bis auf den Grund

erschüttert und diese Stille in einen wahren Sturm verwandelt. Mein Herz

wurde getroffen und verwundet. Und das geschah folgendermaßen.

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 20 / 25 题