S. O.“

Meine Verwirrung war so groß, daß ich lange Zeit nicht wußte, was in mir

vorging. Ich war erschüttert, erschrocken. Die Wirklichkeit traf mich

gar zu plötzlich, gar zu unerwartet mitten in dem lustigen Leben meiner

Träumereien, wie ich es schon drei Jahre lang lebte. Mit Schrecken wurde

ich gewahr, daß ich ein großes Geheimnis in meinen Händen hielt und daß

dieses Geheimnis mein ganzes Leben in Fesseln schlug ... wie? – das

wußte ich selbst noch nicht. Ich fühlte, daß in diesem Augenblick eine

neue Zukunft für mich begann. Jetzt war ich ungewollt eine nahe, gar zu

nahe Teilhaberin an dem Leben und den Beziehungen jener Menschen, die

noch die ganze mich umgebende Welt ausmachten, und ich fürchtete für

mich. Als was würde ich in ihr Leben eintreten, ich, die Ungerufene,

ich, die ihnen Fremde? Was würde ich ihnen bringen? Was wird jemals

diese Fessel lösen können, die mich so plötzlich an ein fremdes

Geheimnis kettete? Wer konnte das wissen? Vielleicht wird meine neue

Rolle sowohl für sie wie für mich qualvoll sein? Ich konnte nicht

schweigen oder diese Rolle nicht annehmen oder das, was ich erfahren,

für alle Zeit in meinem Herzen verschließen. Aber was erwartete mich?

Was sollte ich tun? Und schließlich – was hatte ich denn eigentlich

erfahren? Tausend Fragen, alle noch unbestimmt und unklar, erhoben sich

vor mir und bedrückten mein Herz unerträglich. Ich war wie verloren.

Dann kamen, erinnere ich mich, andere Minuten mit neuen, seltsamen, von

mir noch nie empfundenen Eindrücken. Es war mir, als löse sich etwas in

meiner Brust, als fiele die frühere Sehnsucht plötzlich von mir ab und

als werde mein Herz langsam von etwas Neuem erfüllt, von dem ich noch

nicht wußte, ob ich darüber trauern oder mich freuen sollte. Meine

Stimmung in dem Augenblick glich derjenigen eines Menschen, der auf ewig

sein Haus, sein früheres, ruhiges, sorgenloses Leben verläßt, um sich

auf einen weiten unbekannten Weg zu begeben, und der sich nun zum

letztenmal im Kreise umschaut und in Gedanken von allem Abschied nimmt,

während es dem Herzen bitter weh ist in einer bangen Vorahnung all des

Unbekannten und Traurigen und vielleicht auch Feindseligen der Zukunft,

in die ihn sein neuer weiter Weg hineinführt. Zuletzt brach ich in

Tränen aus und das krampfhafte Weinen erleichterte mein Herz. Ich hatte

das Bedürfnis, jemanden zu sehen, zu hören, ihn fest, krampfhaft zu

umarmen. Jetzt konnte, jetzt wollte ich nicht mehr allein bleiben; ich

lief zu Alexandra Michailowna und verbrachte den ganzen Abend bei ihr.

Wir waren allein. Ich bat sie, nicht zu spielen, und weigerte mich,

trotz ihrer Bitten, ihr etwas vorzusingen. Ich fühlte mich bedrückt und

konnte mich zu nichts sammeln. Ich glaube, wir weinten beide. Wenigstens

soweit ich mich erinnere, erschrak sie über meine Stimmung und redete

mir in Sorge zu, mich doch zu beruhigen, und mich nicht aufzuregen. Sie

beobachtete mich angstvoll und versicherte mir, ich sei krank und müsse

mich mehr schonen. Ich verließ sie gequält und wie mit mir selbst

zerfallen. Ich war halb bewußtlos und fieberte, als ich zu Bett ging.

Es vergingen mehrere Tage, bevor ich aus diesem Zustande mich

herausfand, gleichsam erwachte und meine Lage klarer übersehen konnte.

Damals lebten wir ganz einsam, denn Pjotr Alexandrowitsch war in einer

besonderen Angelegenheit nach Moskau gereist und blieb dort drei Wochen.

Alexandra Michailowna hatte aber trotz dieser kurzen Zeit der Trennung

schreckliche Sehnsucht nach ihm. Zuweilen war sie innerlich ruhiger,

schloß sich aber dennoch in ihr Zimmer ein, woraus ich ersah, daß ich

ihr lästig war. Aber auch ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Meine

Gedanken arbeiteten mit geradezu krankhafter Angespanntheit und doch kam

ich wie aus einem Nebel nicht heraus. Dann verfiel ich wiederum für

ganze lange Stunden einem quälenden, nicht abzuschüttelnden Sinnen, das

wie ein Traum über mich kam. Und es war mir dann, als lache jemand leise

über mich, als habe sich etwas in mir niedergelassen, was mir jeden

Gedanken verwirrte und vergiftete. Ich konnte die quälenden Bilder nicht

loswerden, die jeden Augenblick vor mir auftauchten und mir keine Ruhe

gaben. Ich sah ein langes, trostloses Martyrium, ein Opfer, das still

und ruhig und klaglos und – umsonst gebracht wurde. Es schien mir, daß

derjenige, dem dieses Opfer galt, sie verachtete und über sie lachte. Es

schien mir, daß ich einen Sünder sah, der einem Gerechten Sünden vergab,

und mein Herz riß in Stücke! Gleichzeitig aber wollte ich mich mit aller

Gewalt von meinem Verdacht befreien; ich verfluchte diesen Verdacht und

haßte mich selbst, weil alle meine Überzeugungen keine Überzeugungen

waren, sondern nur Vorahnungen, und weil ich meine Eindrücke und

Empfindungen vor mir selber nicht rechtfertigen konnte.

Dann wieder erinnerte ich mich all jener Sätze, dieser letzten

hervorgestoßenen Worte des furchtbaren Abschieds. Ich stellte mir diesen

Abschied vor, den – _unebenbürtigen_; ich bemühte mich, den ganzen

qualvollen Sinn dieses Wortes zu erfassen: „unebenbürtig“. Und furchtbar

erschütterte mich dieser letzte verzweifelte Abschiedsgruß: „Ich bin

lächerlich und schäme mich selber Deiner Wahl.“ Was war das? Was sind

das für Menschen? Wonach sehnen sie sich, was quält sie, was haben sie

verloren? Und ich überwand mich und las nochmals mit angespannter

Aufmerksamkeit diesen Brief, der soviel Verzweiflung enthielt, dessen

Sinn mir aber so fremd war, so unbegreiflich. Doch der Brief sank mir

aus der Hand und eine aufrührerische Erregung bemächtigte sich meines

Herzens ... Das alles mußte ja einmal seine Lösung finden, aber ich sah

den Ausweg nicht oder ich fürchtete ihn!

Ich war fast krank, als eines Tages die Reiseequipage Pjotr

Alexandrowitschs in den Hof fuhr. Er war aus Moskau zurückgekehrt.

Alexandra Michailowna eilte außer sich vor Freude ihrem Mann entgegen,

ich aber blieb wie gelähmt stehen. Ich weiß noch, daß ich selber bis zum

Schreck über meine plötzliche Erregung betroffen war. Ich hielt das

nicht lange aus und lief auf mein Zimmer. Ich begriff nicht, was mich so

erschreckt hatte, aber die Tatsache, daß ich erschrocken war, flößte mir

Furcht ein. Nach einer Viertelstunde wurde ich gerufen und ich erhielt

einen Brief vom Fürsten. Im Salon erblickte ich noch einen Unbekannten,

der mit Pjotr Alexandrowitsch aus Moskau angekommen war, und aus

einzelnen Worten, die ich aus dem Gespräch auffing, verstand ich nur so

viel, daß er für lange Zeit bei uns bleiben werde. Das war der

Bevollmächtigte des Fürsten, der in irgendwelchen wichtigen

Angelegenheiten der fürstlichen Familie, die bis dahin in den Händen

Pjotr Alexandrowitschs geruht hatten, nunmehr nach Petersburg

übersiedelte. Er war es, der mir den Brief des Fürsten übergab und

sagte, die Prinzeß habe mir gleichfalls schreiben wollen und noch bis

zum letzten Augenblick versichert, daß sie den Brief unbedingt schreiben

werde, aber zu guter Letzt habe sie ihn doch mit leeren Händen abreisen

lassen und ihn gebeten, mir mündlich folgendes zu sagen: daß sie mir

entschieden nichts zu schreiben habe, sie habe ganze fünf Briefbogen

zerrissen, und sei zu der Überzeugung gekommen, daß in einem Brief sich

doch nichts sagen ließe, wir müßten eben von neuem Freundschaft

schließen; und ferner solle er mich versichern, daß uns ein baldiges

Wiedersehen bevorstehe. Auf meine ungeduldige Frage, wann das sein

werde, antwortete mir der fremde Herr, daß die ganze fürstliche Familie

allerdings die Absicht habe, bald nach Petersburg zurückzukehren, und

vermutlich werde das auch geschehen. Meine Freude darüber war so groß,

daß ich nicht wußte, was ich tun oder sagen sollte, und ich ging schnell

nach oben auf mein Zimmer, schloß mich ein und erbrach unter Tränen den

Brief des Fürsten. Der Fürst verhieß mir ein baldiges Wiedersehen mit

ihm und Katjä und gratulierte mir tief gerührt zu meinem Talent; zum

Schluß gab er mir seinen Segen und versprach, für meine Zukunft zu

sorgen. Ich weinte, während ich den Brief las; doch zu den Tränen

gesellte sich eine so unerträgliche Traurigkeit, daß ich, wie ich mich

erinnere, um mich selber in Angst geriet. Ich wußte nicht, was mit mir

geschah.

Es vergingen ein paar Tage. In dem Zimmer zwischen dem meinigen und der

Bibliothek, wo früher Pjotr Alexandrowitschs Sekretär und Gehilfe

gearbeitet hatte, arbeitete jetzt jeden Vormittag und häufig auch abends

bis nach Mitternacht der neuangekommene Herr. Oft schlossen er und Pjotr

Alexandrowitsch sich im Kabinett des letzteren ein und arbeiteten

zusammen. An einem Nachmittage bat mich Alexandra Michailowna, zu ihrem

Mann ins Kabinett zu gehen und ihn zu fragen, ob er zum Tee zu uns

kommen werde. Im Kabinett war niemand, doch in der Annahme, daß er bald

zurückkehren werde, blieb ich dort und wartete. An der Wand hing sein

Porträt. Ich erinnere mich noch, daß ich zusammenfuhr, als ich plötzlich

dieses Bild erblickte, um es dann mit einer mir selbst unbegreiflichen

Erregung zu betrachten. Es hing ziemlich hoch und die Dämmerung machte

es noch undeutlicher; um es nun besser zu sehen, zog ich einen Stuhl

heran und stieg auf ihn hinauf. Ich wollte etwas aufdecken, ja es war,

als hoffte ich, eine Antwort auf meine Zweifel und Fragen zu finden, und

ich weiß noch, daß mir vor allem die Augen an diesem Porträt auffielen.

Zugleich fiel es mir auch ein, daß ich noch niemals die Augen dieses

Menschen gesehen hatte: er verbarg sie immer hinter den Brillengläsern.

Schon als Kind hatte ich seinen Blick nicht gemocht, und zwar infolge

eines unerklärlichen, seltsamen Vorurteils, das ich aber jetzt gleichsam

als gerechtfertigt empfand. Meine Phantasie war beeinflußt. Plötzlich

schien es mir, daß die Augen des Bildes sich verwirrt abwandten, um

meinem forschenden, prüfenden Blick auszuweichen, daß sie ihn krampfhaft

mieden, und daß Lüge und Betrug in diesen Augen waren; es schien mir,

daß ich es erraten hatte, und eine geheime Freude, die ich selbst nicht

begriff, antwortete in mir auf dieses Erraten. Ein halblautes „Ach!“

entschlüpfte mir unwillkürlich. Da war’s mir plötzlich, als sei noch

jemand im Zimmer. Ich sah mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch

und betrachtete mich aufmerksam. Plötzlich errötete er. Ich wurde

feuerrot und sprang vom Stuhl herab.

„Was tun Sie hier?“ fragte er mich streng. „Warum sind Sie hier?“

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Doch ich nahm mich zusammen

und brachte so gut es ging die Aufforderung Alexandra Michailownas

hervor. Ich weiß nicht, was er mir antwortete; ich weiß auch nicht, wie

ich das Kabinett verließ; als ich aber zu Alexandra Michailowna kam, da

hatte ich die Antwort, auf die sie wartete, spurlos vergessen, und ich

sagte aufs Geratewohl, ja, er werde kommen.

„Aber was ist mit dir, Njetotschka?“ fragte sie, „du bist ja ganz rot;

sieh doch im Spiegel, wie du aussiehst ... Was fehlt dir, Kind?“

„Ich weiß nicht, ich bin schnell gegangen ...“ sagte ich.

„Und was hat denn Pjotr Alexandrowitsch gesagt?“ unterbrach sie mich

etwas verwirrt.

Ich antwortete nicht. Da hörten wir Schritte, er kam schon, und ich ging

schnell hinaus. Ganze zwei Stunden wartete ich in großem Kummer. Endlich

wurde ich zu Alexandra Michailowna gerufen. Sie war schweigsam und

bekümmert. Als ich eintrat, traf mich nur ein schneller forschender

Blick von ihr und sie schlug die Augen nieder. Ich glaubte, eine gewisse

Verwirrung in ihrem Gesicht zu bemerken. Bald sah ich, daß sie bei

schlechter Laune war; sie sprach wenig, vermied mich anzusehen und als

Antwort auf die besorgten Fragen B.’s klagte sie über Kopfschmerz. Pjotr

Alexandrowitsch war dagegen gesprächiger als sonst, unterhielt sich aber

nur mit B.

Alexandra Michailowna trat zerstreut an den Flügel.

„Singen Sie uns etwas vor,“ bat B., sich an mich wendend.

„Ja, Annjeta, singe deine neue Arie,“ sagte Alexandra Michailowna

schnell, als freue sie sich über den Vorwand.

Ich blickte zu ihr auf: sie sah mich in unruhiger Erwartung an.

Doch ich konnte mich nicht überwinden. Statt an den Flügel zu treten, um

wenigstens irgend etwas zu singen, geriet ich in Verwirrung, wurde

verlegen und wußte nicht, zu welcher Ausrede ich meine Zuflucht nehmen

sollte; schließlich ärgerte ich mich und schlug die Bitte rund ab.

„Warum willst du denn nicht singen?“ fragte Alexandra Michailowna, dabei

sah sie mich an und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, ihren Gatten.

Diese zwei Blicke brachten mich um meine ganze Selbstbeherrschung. Ich

erhob mich in größter Verwirrung, die ich nicht mehr zu verbergen

vermochte, und zitternd von einer Empfindung, die wie Ärger und Ungeduld

war, wiederholte ich heftiger als angebracht, daß ich nicht wolle, nicht

könne – ich sei krank. Indem ich das sagte, sah ich alle offen an, doch

Gott weiß, wie gern ich mich in diesem Augenblick in meinem Zimmer vor

allen versteckt hätte.

B. war erstaunt und Alexandra Michailowna sichtlich bekümmert, doch

sagte sie kein Wort. Pjotr Alexandrowitsch aber erhob sich plötzlich von

seinem Platz, sagte, er habe etwas Wichtiges vergessen, und wie im Ärger

darüber, daß er soviel kostbare Zeit vergeudet, verließ er eilig das

Zimmer, nachdem er vorausgeschickt, daß er später vielleicht noch

vorsprechen werde – doch drückte er auf alle Fälle B. schon zum Abschied

die Hand.

„Aber was fehlt Ihnen nur?“ fragte mich B., „Sie sehen auch wirklich

krank aus.“

„Ja, ich bin nicht ganz wohl, wirklich nicht,“ versetzte ich ungeduldig.

„Du bist bleich, vorhin aber warst du so rot,“ sagte Alexandra

Michailowna und plötzlich stockte sie.

„Ach, das ist doch nichts!“ suchte ich sie zu beruhigen und ging

schnurstracks zu ihr. Ich sah ihr offen in die Augen. Die Arme hielt

meinen Blick nicht aus, senkte ihren Blick wie eine Schuldige und eine

leichte Röte stieg in ihre blassen Wangen. Ich nahm ihre Hand und küßte

sie. Sie sah mich – das fühlte ich – mit erheuchelter Freude an.

„Verzeihen Sie, daß ich heute ein so schlechtes, böses Kind war,“ bat

ich sie herzlich, „aber wirklich, ich bin krank. So seien Sie mir nicht

böse und erlauben Sie, daß ich jetzt auf mein Zimmer gehe ...“

„Wir sind alle Kinder,“ sagte sie mit einem schüchternen Lächeln, „auch

ich bin ein Kind, und schlechter, viel schlechter als du,“ flüsterte sie

mir leise ins Ohr. „Dann gute Nacht und bleibe gesund. Nur, um Gottes

willen, sei mir nicht böse.“

„Weswegen?“ fragte ich, so sehr traf mich dieses naive Geständnis.

„Weswegen?“ wiederholte sie in plötzlicher Verwirrung, ja sogar als

erschrecke sie über sich selbst. „Ja weswegen? Nun siehst du, wie ich

bin, Njetotschka. Was habe ich dir da gesagt? Gute Nacht! Du bist klüger

als ich ... Ich aber bin schlimmer als ein Kind.“

„Nun, schon gut!“ Ich war gerührt und wußte nicht, was ich ihr darauf

sagen sollte. Ich küßte sie nochmals und ging aus dem Zimmer.

Mein Unmut galt hauptsächlich mir selbst, denn ich fühlte, daß ich zu

unvorsichtig war und mich nicht zu benehmen verstand. Es war da etwas,

dessen ich mich bis zu Tränen schämte, und mit großem Leid im Herzen

schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster

Gedanke, daß der ganze letzte Abend – nur eine Gespensterseherei gewesen

sei, daß wir uns gegenseitig nur mystifiziert hatten, indem wir solchen

Nichtigkeiten die Bedeutung von Gott weiß was für Begebenheiten

beilegten, daß wir uns einfach übereilt hatten, und zwar alles das nur

infolge unserer Unerfahrenheit im Leben und unserer Ungewohntheit,

äußere Eindrücke zu empfangen. Ich fühlte es, daß dieser Brief an allem

schuld war, daß er mich gar zu sehr beunruhigte, daß meine

Einbildungskraft durch ihn aus ihrem gewöhnlichen Geleise gehoben war

und daß ich deshalb am besten tat, wenn ich in Zukunft überhaupt nicht

mehr an ihn dachte. Nachdem ich so meinen ganzen Kummer verscheucht

hatte, wurde ich – in der Überzeugung, daß ich den Entschluß, überhaupt

nicht mehr an den Brief zu denken, ebenso leicht werde ausführen können

– langsam ruhiger, ja fast sogar heiter, und begab mich in die

Gesangsstunde. Die Morgenluft erfrischte meinen Kopf endgültig. Diese

Wanderungen frühmorgens zu meinem Lehrer waren mir zu einer wahren

Erquickung geworden und ich liebte sie sehr. Es war so lustig, durch die

Stadt zu wandern, die sich schon zu beleben anfing und wie ein Uhrwerk

ihre tägliche Arbeit begann. Wir gingen gewöhnlich durch die

Hauptstraßen, die natürlich am belebtesten waren, und mir gefiel dieser

Anfang meiner Künstlerlaufbahn, eben dieser Kontrast zwischen der

alltäglichen Kleinlichkeit, der engen, doch lebendig pulsierenden Sorge,

und der Kunst, die mich zwei Schritte von diesem Leben entfernt

erwartete, im dritten Stock eines riesigen Hauses, das von oben bis

unten von Menschen bewohnt war, die die Kunst, wie mir schien, so gut

wie überhaupt nichts anging. Ich mit meinen Noten unterm Arm inmitten

dieser geschäftigen, besorgten Menschen – neben mir die alte Natalja,

die mich begleitete und mir jedesmal ahnungslos das Rätsel zu erraten

gab: woran sie eigentlich und vornehmlich denken mochte – und

schließlich mein Lehrer, halb Italiener, halb Franzose, ein ganzer

Sonderling, in manchen Augenblicken ein richtiger Enthusiast, viel öfter

aber ein Pedant und am meisten und vor allem ein Geizhals – alles das

zerstreute mich, brachte mich zum Lachen oder zum Nachdenken. Hinzu kam,

daß ich, so zaghaft ich in der Beziehung auch noch war, doch schon mit

leidenschaftlicher Hoffnung meine Kunst liebte. Ich baute mir schon

Luftschlösser, malte mir die schönste Zukunft aus, und nicht selten kam

ich nach Haus – glühend von meinen Phantasien! Kurz, in diesen Stunden

war ich fast glücklich.

Dasselbe empfand ich auch damals, als ich gegen zehn Uhr zurückkehrte.

Ich hatte alle Sorgen vergessen und war, wie ich mich noch deutlich

erinnere, so froh gelaunt, so ganz erfüllt von irgendwelchen

Zukunftsträumen. Doch plötzlich, wie ich die Treppe hinaufstieg, zuckte

ich zusammen, als hätte ich mich verbrannt. Über mir hörte ich die

Stimme Pjotr Alexandrowitschs, der in diesem Augenblick die Treppe

herabstieg. Das unangenehme Gefühl, das sich meiner bemächtigte, war so

stark, die Erinnerung an den letzten Abend traf mich so plötzlich und so

feindselig, daß ich meine Empfindung wirklich nicht verbergen konnte.

Ich verbeugte mich leicht vor ihm, doch mein Gesicht drückte wohl so

deutlich alles aus, daß er einen Augenblick verwundert vor mir stehen

blieb. Da errötete ich und ging schnell hinauf. Er brummte mir noch

etwas nach und ging dann seiner Wege.

Ich hätte weinen mögen vor Ärger und konnte doch nicht begreifen, was

eigentlich vorgegangen war. Den ganzen Tag war ich wie verwirrt und

wußte nicht, zu was ich mich entschließen sollte, um dieser ganzen Qual

ein Ende zu machen und sie endlich loszuwerden. Tausendmal nahm ich mir

vor, fortan vernünftiger zu sein, und tausendmal nahm mich die Angst

doch wieder gefangen. Ich fühlte, daß ich diesen Menschen haßte, und war

gleichzeitig in Verzweiflung über mich selbst. Ich wurde krank von der

ewigen Aufregung und verlor alle Gewalt über mich. Ich ärgerte mich

schließlich über alle, und verbrachte den ganzen langen Tag auf meinem

Zimmer. Auch zu Alexandra Michailowna ging ich nicht. Sie kam selbst zu

mir. Als sie mich erblickte, schrie sie fast auf. Ich war so bleich, daß

ich, als ich in den Spiegel sah, vor mir selber erschrak. Alexandra

Michailowna blieb eine ganze Stunde bei mir und ging mit mir um wie mit

einem kranken Kinde.

Ihre Aufopferung und Liebe machten mich aber so traurig und ihre

Zärtlichkeit war für mich so schwer zu ertragen und es war mir so

qualvoll, sie anzusehen, daß ich sie bat, mich allein zu lassen. Sie

verließ mich in großer Sorge um meinen Zustand. Endlich brach ich in

Tränen aus und weinte wie in einem richtigen Weinkrampf. Danach wurde

mir bedeutend leichter ...

... Leichter, weil ich mich entschlossen hatte, zu ihr zu gehen. Ich

wollte vor ihr niederknien, ihr den Brief geben, den sie verloren hatte,

und ihr alles gestehen: alle Qualen, die ich ausgestanden, meine

Zweifel, und wollte sie mit der ganzen schrankenlosen Liebe, die in mir

für sie glühte, umfangen, wollte ihr sagen, daß ich ihr Kind, ihr Freund

sei, daß ich mein ganzes Herz vor ihr öffne, damit sie hineinschaue und

sähe, wieviel glühende Liebe und unerschütterliches Vertrauen zu ihr in

ihm waren. Mein Gott! Ich wußte, ich fühlte ja, daß ich die letzte war,

der sie ihr Herz aufdecken konnte, doch um so eher, so schien es mir,

wäre dann eine Rettung möglich, um so gewichtiger wäre dann mein Wort

... Ich erriet, ich begriff ihren Schmerz, wenn auch dunkel und unklar,

und mein Herz bebte vor Entrüstung bei dem Gedanken, daß sie vor mir

erröten könnte, _sie_ vor _meinem_ Richterstuhl ... „Du Arme, du Arme,

_du_ solltest jene Sünderin sein, für die du dich hältst?“ – das wollte

ich ihr sagen, wenn ich vor ihr kniete. Mein Gerechtigkeitsgefühl

empörte sich in mir, ich war meiner selbst nicht mehr mächtig. Ich weiß

nicht, was ich noch alles gesagt hätte – erst später kam ich zur

Besinnung, nachdem ein Zufall mich und sie vor dem Verderben bewahrt,

indem er mich fast beim ersten Schritt zurückhielt. Entsetzen erfaßte

mich. Hätte denn ihr zu Tode gequältes Herz überhaupt noch in neuer

Hoffnung auferstehen können? Ich hätte sie nur auf der Stelle getötet!

Es geschah aber folgendes: Als ich auf dem Wege zu ihr gerade durch das

vorletzte Zimmer vor ihrem Salon gehen wollte, trat plötzlich durch eine

andere Tür in dasselbe Zimmer Pjotr Alexandrowitsch und ging, ohne mich

zu bemerken, wenige Schritte vor mir gleichfalls zu ihr. Ich blieb wie

gelähmt stehen; er war der Letzte, den ich in diesem Augenblick hätte

sehen mögen. Ich wollte schon zurückkehren, doch plötzlich bannte mich

die Neugier regungslos an den Fleck.

Er durchschritt das Zimmer, blieb einen Augenblick vor dem Spiegel

stehen, ordnete mit der Hand das Haar, und mit einem Male – zu meiner

sprachlosen Verwunderung – hörte ich ihn irgendeine muntere Melodie

summen. Wie ein Blitz durchzuckte eine dunkle, ferne Erinnerung aus den

Kinderjahren mein Gedächtnis. Doch damit die seltsame Empfindung, die

ich in diesem Augenblick hatte, verständlicher wird, will ich jene

Erinnerung mitteilen. Noch im ersten Jahre meines Aufenthaltes in diesem

Hause machte mich einmal eine gleichfalls zufällige Beobachtung ganz

betroffen, die mir aber erst jetzt voll zu Bewußtsein kam, denn erst

jetzt, erst in diesem Augenblick begriff ich die Ursache meiner

unerklärlichen Abneigung gegen diesen Menschen! Ich erwähnte bereits,

daß ich mich schon damals in seiner Gegenwart immer bedrückt fühlte.

Auch habe ich bereits erzählt, was für einen Eindruck sein finsteres,

bedrückendes Wesen auf mich machte, sein oft trauriges, geradezu

gramvolles Gesicht; wie schwer es mir ums Herz war nach jenen Stunden,

die wir zusammen am Teetischchen Alexandra Michailownas verbrachten, und

dann – was für ein peinvolles Gefühl mein Herz erfüllte, als ich – was

nur zwei- oder dreimal geschah – fast Zeugin war jener niederdrückenden,

mir so ganz unklaren Szenen.

Es war in demselben Zimmer und um dieselbe Zeit, als er, ganz wie ich,

zu Alexandra Michailowna ging. Mich erfaßte eine rein kindliche Scheu,

als ich allein mit ihm zusammentraf, und ich versteckte mich gleichsam

schuldbewußt im Winkel und betete, daß er mich nicht bemerken möge.

Geradeso wie damals, blieb er vor dem Spiegel stehen und ich zuckte

zusammen von einer unbestimmten, gar nicht kindlichen Empfindung: es

schien mir, daß er sein Gesicht plötzlich verändere. Wenigstens hatte

ich vorher, als er zum Spiegel trat, deutlich ein Lächeln in seinem

Gesicht gesehen – ein Lächeln, während ich ihn früher noch niemals

lächeln gesehen hatte, denn (ich erinnere mich, das machte mich noch am

meisten betroffen) – er lachte nie in Alexandra Michailownas Gegenwart.

Und nun plötzlich, kaum daß er einen Blick in den Spiegel geworfen,

veränderte sich sein ganzes Gesicht: das Lächeln verschwand wie auf

Befehl und an seine Stelle trat der Ausdruck eines unsäglich bitteren

Gefühls, das sich anscheinend mit Gewalt aus dem Herzen drängte, eines

Gefühls, das zu verbergen scheinbar nicht mehr in menschlicher Macht

stand, wie groß auch immer jeder edelmütige Versuch dazu sein mochte,

und es zuckte um seine Lippen – ein anscheinend konvulsivischer Schmerz

ließ seine Stirn sich runzeln und zog die Brauen zusammen. Der Blick

verbarg sich düster hinter den Brillengläsern – kurz, sein Gesicht wurde

wie auf Kommando zum Gesicht eines ganz anderen Menschen. Ich erinnere

mich, daß ich, als ohnehin ängstliches Kind, vor Furcht erzitterte, vor

Furcht, das zu begreifen, das ganz zu erfassen und zu durchschauen, was

ich sah, und seit jenem Augenblick saß die bedrückende, unangenehme

Empfindung unausrottbar in meinem Herzen. Und nach dem Blick in den

Spiegel senkte er den Kopf, nahm eine müdere Haltung an, jene, in der er

gewöhnlich bei Alexandra Michailowna erschien, und ging leise in ihr

Boudoir. Diese Erinnerung war es, die mich nun plötzlich wie ein Blitz

durchzuckte.

Auch jetzt glaubte er, ganz wie damals, daß er allein im Zimmer sei und

blieb vor demselben Spiegel stehen. Ganz wie damals stand ich dort, von

ihm unbemerkt, mit einem feindseligen unangenehmen Gefühl. Als ich ihn

aber dieses Liedchen summen hörte (ein Lied von ihm, von dem man alles

eher als das hätte erwarten können!) und vor Überraschung wie gelähmt

stehenblieb, als mir in diesem Augenblicke blitzartig die Ähnlichkeit

mit dem einen von mir als Kind erlebten Augenblick einfiel – da, ich

kann es nicht wiedergeben, was für eine Empfindung mir plötzlich

messerscharf ins Herz schnitt. Alle meine Nerven zuckten davon zusammen

und als Antwort auf dieses unglückselige Liedchen brach ich in ein

solches Gelächter aus, daß der arme Sänger mit einem Aufschrei zwei

Schritte weit vom Spiegel fortsprang und, bleich wie der Tod, wie ein

schmachvoll auf frischer Tat ertappter Verbrecher, mich ansah, außer

sich vor Schreck, vor Verblüffung und vor Wut. Sein Blick reizte mich

krankhaft und ich antwortete auf ihn mit nervenschüttelndem,

unersättlichem Lachen – ihm gerade ins Gesicht. Dann ging ich lachend an

ihm vorüber und trat, ohne mit dem Lachen aufzuhören, bei Alexandra

Michailowna ein. Ich wußte, daß er hinter der Portiere stand, daß er

vielleicht unschlüssig war, ob er gleichfalls eintreten sollte oder

nicht, daß Wut und Feigheit ihn an den Fleck bannten, wo er stand – und

mit einer seltsam gereizten, herausfordernden Ungeduld erwartete ich,

wozu er sich entschließen werde. Ich hätte wetten können, daß er nicht

eintreten werde, und ich hätte meine Wette gewonnen. Er kam erst nach

einer halben Stunde. Alexandra Michailowna sah mich lange Zeit mit

größter Verwunderung an, doch sie fragte mich vergeblich nach der

Ursache meiner Erregung. Ich konnte nicht antworten, ich war zu atemlos.

Endlich begriff sie, daß ich einen Nervenanfall gehabt hatte, und ihre

Augen folgten mir beunruhigt. Als ich mich etwas erholt hatte, erfaßte

ich ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Jetzt erst besann ich mich

und jetzt erst sagte ich mir, daß ich sie getötet hätte, wenn das

zufällige Zusammentreffen mit ihrem Mann nicht gewesen wäre. Ich sah sie

an, als sähe ich in ihr eine Auferstandene.

Pjotr Alexandrowitsch trat herein.

Ich blickte flüchtig zu ihm hin: er sah aus, als sei nichts geschehen,

also düster und verschlossen wie gewöhnlich. Es fiel mir nur auf, daß er

sehr bleich war und ich sah seine Mundwinkel zucken: da erriet ich, daß

er seine Erregung nur mit Mühe verbarg. Kühl grüßte er Alexandra

Michailowna und setzte sich schweigend auf seinen Platz. Seine Hand

zitterte ein wenig, als er die Tasse in Empfang nahm. Ich erwartete

einen Zornesausbruch und eine stumme Angst erfaßte mich. Ich wollte

schon hinausgehen, konnte mich aber nicht entschließen, Alexandra

Michailowna, deren Gesicht sich beim Anblick ihres Mannes verändert

hatte, zu verlassen. Sie hatte gleichfalls ein Vorgefühl, das ihr nichts

Gutes verhieß. Und das, was ich mit solcher Angst erwartete, geschah

denn auch endlich.

Inmitten des tiefsten Schweigens sah ich auf und mein Blick begegnete

den Brillengläsern Pjotr Alexandrowitschs, die geradeaus auf mich

gerichtet waren. Das war so überraschend, weil so ungewohnt, daß ich

zusammenzuckte, fast einen Schrei ausstieß, und die Augen niederschlug.

Alexandra Michailowna bemerkte meinen Schreck.

„Was ist mit Ihnen? Warum erröten Sie?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch

schroff und fast grob.

Ich schwieg; mein Herz klopfte so stark, daß ich kein Wort hätte

hervorbringen können.

„Weshalb ist sie errötet? Weshalb errötet sie immer?“ fragte er, sich an

Alexandra Michailowna wendend, indem er frech auf mich wies.

Mein Unwille benahm mir den Atem. Ich warf einen flehenden Blick

Alexandra Michailowna zu. Sie verstand mich. In ihre bleichen Wangen

stieg edle Röte.

„Annjeta,“ sagte sie zu mir mit so fester Stimme, wie ich sie von ihr

unter keinen Umständen erwartet hatte, „geh auf dein Zimmer, ich werde

sogleich zu dir kommen; den Abend werden wir zusammen verbringen ...“

„Ich frage Sie, haben Sie mich gehört oder nicht?“ unterbrach Pjotr

Alexandrowitsch mit erhobener Stimme, als höre er gar nicht, was seine

Frau sagte. „Weshalb erröten Sie, wenn Sie mir begegnen? Antworten Sie!“

„Weil Sie sie erröten machen und mich gleichfalls,“ antwortete statt

meiner Alexandra Michailowna, vor Aufregung stockend.

Ich blickte erstaunt zu ihr auf. Die Schärfe ihrer Entgegnung schon

gleich zu Anfang war mir ganz unverständlich.

„_Ich_ mache Sie erröten, _ich_?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch, wie es

schien auch über alle Maßen erstaunt und das „Ich“ stark betonend. „Für

_mich_ sind _Sie_ errötet? Ja kann _ich_ denn überhaupt _Sie_ für _mich_

erröten machen? An wem ist es, an _mir_ oder an _Ihnen_, zu erröten, was

meinen Sie?“

Diese Frage war so deutlich, auch für mich, und mit so gehässigem

beißenden Spott gesagt, daß ich vor Entsetzen aufschrie und zu Alexandra

Michailowna stürzte. Überraschung, Schmerz, Vorwurf und Entsetzen

sprachen aus ihrem todbleichen Gesicht. Ich blickte flehend auf Pjotr

Alexandrowitsch und faltete die Hände, um ihn zu beschwören. Wie es

schien, war er selber etwas erschrocken, doch die Wut, die ihm diese

Worte entrissen, war noch nicht vergangen. Aber meine stumme Bitte

schien ihn doch einigermaßen zu verwirren. Meine Geste mußte verraten,

daß ich schon vieles von dem wußte, was zwischen ihnen ein Geheimnis

gewesen war und daß ich den Sinn seiner Worte sehr gut verstanden hatte.

„Annjeta, geh auf dein Zimmer,“ wiederholte Alexandra Michailowna mit

schwacher, jedoch fester Stimme und sie erhob sich vom Stuhl, „ich habe

dringend mit Pjotr Alexandrowitsch zu sprechen ...“

Sie war anscheinend ruhig; doch diese Ruhe beängstigte mich mehr als

jede Aufregung es vermocht hätte. Ich stand, als habe ich ihre Worte

nicht gehört, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sah sie an und

versuchte mit Anspannung aller Kräfte aus ihrem Gesicht zu erraten, was

in ihrer Seele vorging. Es schien mir, daß sie weder meinen Ausruf, noch

meine Geste richtig verstanden hatte.

„Da sehen Sie jetzt Ihr Werk!“ sagte Pjotr Alexandrowitsch, auf seine

Frau weisend.

Mein Gott! Noch niemals hatte ich eine solche Verzweiflung gesehen, wie

ich sie jetzt in diesem vor Gram todmüden, gleichsam erstorbenen

Gesicht, sah. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich zur Tür. Im

Hinausgehen blickte ich mich noch einmal nach ihnen um. Alexandra

Michailowna stand am Kamin, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf

zwischen beiden Händen, mit denen sie ihn krampfhaft zusammenpreßte. Die

ganze Stellung ihres Körpers drückte unerträgliche Qual aus. Ich griff

nach Pjotr Alexandrowitschs Hand und drückte sie flehend.

„Um Gottes willen! Um Gottes willen!“ flüsterte ich stockend, „haben Sie

Erbarmen mit ihr!“

„Fürchten Sie sich nicht, fürchten Sie sich nicht!“ sagte er und sah

mich dabei eigentümlich an. „Das ist nichts, nur ein Anfall. Gehen Sie,

gehen Sie.“

In meinem Zimmer warf ich mich auf das Sofa und vergrub das Gesicht in

den Händen. Ganze drei Stunden verblieb ich in dieser Stellung und in

der Zeit stand ich Höllenqualen aus. Schließlich konnte ich mich doch

nicht mehr bezwingen und ließ fragen, ob ich zu Alexandra Michailowna

kommen dürfe. Die Antwort brachte mir Madame Léotard. Pjotr

Alexandrowitsch ließ mir durch sie sagen, daß der Anfall überstanden und

eine Gefahr nicht vorhanden sei, doch bedürfe sie noch der Ruhe. Ich

blieb aber trotzdem bis drei Uhr nachts auf und ging ruhelos in meinem

Zimmer hin und her. Meine Gedanken arbeiteten. Ich befand mich in einer

Lage, die mir rätselhafter als jemals war, aber ich fühlte mich

gewissermaßen ruhiger – vielleicht deshalb, weil ich mich am

schuldigsten von allen fühlte. In ungeduldiger Erwartung des nächsten

Morgens ging ich zu Bett.

Am anderen Tage bemerkte ich zu meinem großen Kummer eine mir

unerklärliche Kälte im Wesen Alexandra Michailownas. Zuerst glaubte ich,

das sei nur deswegen, weil es ihrem reinen, vornehmen Herzen schwer

werde, nach der Szene mit ihrem Mann, deren Zeugin ich gewesen war, mit

mir zusammen zu sein. Ich wußte, daß dieses Kind imstande war, vor mir

zu erröten und _mich_ womöglich noch um Verzeihung zu bitten, weil diese

unglückliche Szene _meinem_ Herzen weh getan. Bald aber bemerkte ich an

ihr so etwas wie eine bestimmte Sorge, wie einen Unwillen, der einen

einzigen bestimmten Grund zu haben schien und sich nun in verschiedenen

Formen äußerte: bald antwortete sie trocken und kühl, bald klang aus

ihren Worten ein gewisser Doppelsinn, als wolle sie etwas Besonderes

andeuten; dann wurde sie wiederum sehr lieb und gut zu mir, als bereue

sie diese Schroffheit und Kälte, die ihr Herz ja doch nicht lange für

mich empfinden konnte, und ihre freundlichen leisen Worte suchten den

Eindruck zu verwischen und verrieten, daß ihre Unfreundlichkeit ihr von

Herzen leid tat. Schließlich fragte ich sie ganz offen, was mit ihr sei

und ob sie mir vielleicht etwas zu sagen habe. Meine plötzliche schnelle

Frage verwirrte sie ein wenig, doch sofort sah sie wieder auf, sah mich

mit großen, stillen Augen und einem zarten Lächeln an und fragte mich:

„Nichts, Njetotschka; nur, weißt du, als du mich so plötzlich fragtest,

da geriet ich in Verwirrung. Aber das geschah nur deshalb, weil es so

plötzlich kam ... ich versichere dir. Doch höre, sage mir die Wahrheit,

mein Kind: hast du nicht so etwas auf dem Herzen, wovon du ebenso

verwirrt werden könntest, wenn man dich ebenso plötzlich und unerwartet

danach fragen würde?“

„Nein,“ antwortete ich, und sah sie mit hellen Augen offen an.

„Nun, dann ist es ja gut! Wenn du wüßtest, mein Kind, wie ich dir

dankbar bin für diese schöne und offene Antwort. Nicht, daß ich dich

irgendeines Schlechten verdächtigt hätte, – niemals! Einen solchen

Gedanken würde ich mir nie verzeihen. Doch höre: ich nahm dich als Kind

zu mir und jetzt bist du siebzehn Jahre alt. Du hast ja selbst gesehen:

ich bin leidend; ich bin selbst wie ein Kind, das Nachsicht beansprucht.

Ich konnte dir die leibliche Mutter nicht vollständig ersetzen, obgleich

mein Herz für dich überreich an Liebe war. Wenn mich jetzt Sorgen um

dich quälen, so bin ich selbstverständlich schuld daran und nicht du.

Verzeihe daher meine Frage und vergib mir, wenn ich mein Versprechen

nicht erfüllt habe, das ich dir und dem Vater gegeben, als ich dich in

mein Haus nahm. Das quält mich sehr und hat mich immer gequält, mein

Kind.“

Ich umarmte sie und brach in Tränen aus.

„Oh, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen für alles!“ sagte ich, und

benetzte ihre Hände mit meinen Tränen. „Sprechen Sie nicht so zu mir,

zerreißen Sie mir nicht das Herz. Sie sind mir mehr denn eine Mutter

gewesen, Gott segne Sie für alles, was Sie an mir getan haben, Sie und

der Fürst, an mir Armen, Verlassenen! meine Liebe, meine Gütige!“

„Genug, Njetotschka, genug! Umarme mich lieber, so, von Herzen! Denn,

siehe, Gott weiß, warum es mir scheint, daß du mich zum letztenmal

umarmen wirst.“

„Nein, nein,“ rief ich laut aufschluchzend wie ein Kind, „nein, nur das

nicht! Sie werden noch glücklich sein! ... Noch vieles steht Ihnen

bevor. Glauben Sie mir, wir werden alle noch glücklich sein.“

„Ich danke dir, ich danke dir für deine Liebe, Njetotschka. Nur wenige

lieben mich; sie haben mich alle verlassen!“

„Wer hat Sie denn verlassen? Wer denn?“

„Früher waren es ihrer mehr; du weißt es nicht, Njetotschka. Sie haben

mich alle verlassen, sie sind fortgegangen, als wären Zeichen geschehen.

Und ich habe auf sie gewartet, mein ganzes Leben lang gewartet; nun Gott

mit ihnen! Sieh Njetotschka, wie spät schon der Herbst ist; bald gibt es

Schnee: und mit dem ersten Schnee sterbe ich, – doch ich will nicht

klagen. Lebt alle wohl!“

Ihr Gesicht war schmal und durchsichtig; auf ihren Wangen brannten rote

Flecke; ihre Lippen bebten und waren wie von einem inneren Feuer

verbrannt.

Sie ging ans Klavier und schlug ein paar Akkorde an; in dem Augenblick

riß eine Seite und ein langer zitternder Ton heulte auf ...

„Hörst du, Njetotschka, hörst du?“ fragte sie mit verlöschender Stimme,

und wies auf das Klavier. „Diese Saite hat man zu sehr angespannt: sie

hielt’s nicht aus und zerriß. Hörst du, wie der Ton klagend erstirbt!“

Sie sprach mühevoll. Ein stumpfer, seelischer Schmerz lag auf ihrem

Gesicht, ihre Augen standen voll Tränen.

„Genug davon, Njetotschka, meine Liebe, genug; bringe die Kinder her.“

Ich führte sie herbei. Ihre Gegenwart schien sie zu beruhigen und sie

erholte sich. Nach einer Stunde aber mußten alle sie wieder verlassen.

„Wenn ich sterbe, so bleibst du bei ihnen, Annjeta? Ja?“ sagte sie

flüsternd, als fürchte sie, gehört zu werden.

„Haben Sie Erbarmen, Sie töten mich!“ konnte ich ihr nur antworten.

„Ich habe ja bloß gescherzt,“ sagte sie und verstummte lächelnd. „Und du

hast daran geglaubt? Ich sage doch manchmal, Gott weiß was! Ich bin wie

ein Kind, mir muß man alles verzeihen.“

Dabei sah sie mich ganz schüchtern an, als fürchtete sie sich, etwas

auszusprechen, was ihr auf dem Herzen lag. Ich wartete.

„Sieh zu, erschrick ihn nicht,“ sagte sie endlich mit niedergeschlagenen

Augen und mit heller Röte im Gesicht, so leise, daß ich es kaum hören

konnte.

„Wen?“ fragte ich verwundert.

„Meinen Mann. Du erzählst ihm am Ende alles wieder.“

„Wieso, warum denn?“ wiederholte ich meine Frage mit immer wachsendem

Erstaunen.

„Nun, vielleicht erzählst du es ihm auch nicht, wer kann es wissen!“

antwortete sie und sie versuchte offenbar, mich schlau anzusehen, und

ein gutmütiges Lächeln spielte in ihren Mundwinkeln und die Farbe stieg

ihr mehr und mehr zu Gesicht. „Lassen wir das; ich scherze ja nur.“

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

„Nur höre, du wirst sie aber lieben, wenn ich sterbe, – ja?“ fügte sie

ernst hinzu und wieder mit einem geheimnisvollen Gesicht, „so, als

liebtest du deine eigenen Kinder, – ja? Denke daran: ich habe dich immer

wie eine mir Verwandte behandelt und geliebt.“

„Ja, ja,“ antwortete ich, ohne zu wissen, was ich vor Tränen und

Erregung sagte.

Ein heißer Kuß brannte auf meiner Hand – es gelang mir nicht, sie ihr

rechtzeitig zu entziehen. Verwunderung lähmte meine Zunge.

„Was geht in ihr vor? Was denkt sie sich? Was war gestern mit ihr?“ ging

es mir durch den Kopf.

Dann klagte sie über Müdigkeit.

„Ich fühle mich schon längst krank, ich wollte euch nur nicht

ängstigen,“ sagte sie. „Ihr liebt mich doch beide, – nicht wahr? ... Auf

Wiedersehen, Njetotschka; verlaß mich jetzt, am Abend komme bestimmt

wieder?! Wirst du kommen?“

Ich gab ihr mein Wort, und freute mich, nur fort zu kommen. Länger

konnte ich es nicht mehr ertragen.

„Du Arme, Arme! Welch ein Verdacht treibt dich ins Grab?“ schluchzte ich

auf: „was für ein neuer Kummer zernagt und zerreißt dein Herz, ein

Kummer, den du nicht einmal auszusprechen wagst? Mein Gott! Dieses Leid,

das ich an ihr schon so lange kannte, dieses Leben ohne Freude, diese

bescheidene Liebe, die nichts fordert. Und noch dazu jetzt, jetzt, vor

dem Tode, da ihr Herz müde ist, fühlt sie sich als Schuldige, die nicht

einmal zu murren wagt, und nicht zu klagen – und jetzt überfällt sie

noch ein neues Leid, dem sie sich widerstandslos ergeben muß!“

Am Abend, in der Dämmerstunde, benutzte ich die Abwesenheit Owroffs

(desselben, der aus Moskau gekommen war), ging in die Bibliothek,

öffnete einen Schrank und suchte in den Büchern etwas, um es Alexandra

Michailowna vorzulesen. Ich wollte sie von ihren schweren Gedanken

ablenken und sie durch etwas Lustiges, Leichtes aufheitern ... Ich

suchte lange. Die Dunkelheit trat ein und mit ihr wuchs mein Leid. In

meine Hände fiel wieder dieses Buch, in dem sich der Brief befand,

dessen Folgen mich bis jetzt nicht mehr verlassen hatten – dessen

Geheimnisse mein Dasein von neuem zerbrachen, und es wehte aus ihm so

kalt, so unbekannt und geheimnisvoll, wehte noch jetzt aus der Ferne des

Gewesenen so drohend zu mir herüber ... Was wird mit uns, dachte ich:

der Winkel, in dem mir so warm war, so leicht und frei – verödet. Der

reine, helle Geist, der meine Jugend hütete, verläßt mich. Was steht mir

bevor? Ich stand in Versunkenheit, nachdenkend über alles Vergangene,

das meinem Herzen so teuer war, stand da, als fühlte ich das

Bevorstehende, Unbekannte und mir Drohende ... Ich erinnere mich dieses

Augenblicks so deutlich, als erlebte ich ihn noch einmal: so tief hat er

sich mir ins Gedächtnis eingeschnitten.

Ich hielt in meinen Händen den Brief und das aufgeschlagene Buch, meine

Wangen waren feucht von Tränen. Plötzlich fuhr ich zusammen: über mir

ertönte eine mir bekannte Stimme. In demselben Augenblick fühlte ich,

daß man mir den Brief aus den Händen riß. Ich schrie auf und wandte mich

um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch. Er packte mich an der Hand und

zwang mich, auf dem Platz zu bleiben; mit der rechten Hand hielt er den

Brief ans Licht und mühte sich, die ersten Zeilen zu entziffern ... Ich

wäre bereit gewesen, eher zu sterben, als ihm den Brief zu überlassen.

An seinem triumphierenden Lächeln sah ich, daß es ihm gelungen war, den

Anfang des Briefes zu lesen. Ich verlor meine Sinne ...

Einen Augenblick später, ohne mir bewußt zu sein, was ich tat, stürzte

ich auf ihn und riß ihm den Brief aus der Hand. Das geschah so

unerwartet, daß ich selbst nicht mehr begreife, wie es mir gelingen

konnte, mich des Briefes zu bemächtigen. Doch, als ich bemerkte, daß

auch er wieder den Brief mir entwenden wollte, steckte ich ihn schnell

in meine Bluse und wich einige Schritte zurück.

Einen Augenblick sahen wir einander schweigend an. Mich schauerte, er –

bleich, mit zitternden, blau angelaufenen Lippen, – brach zuerst das

Schweigen.

„Nun wohl!“ sagte er mit einer Stimme, die vor Erregung schwach war –

„ich hoffe, Sie wollen selbst nicht, daß ich hier Gewalt anwende – geben

Sie mir also freiwillig den Brief.“

Erst jetzt kam ich zu mir. Scham und Unwille ob eines so groben

Überfalls überwältigten mich. Heiße Tränen stürzten mir aus den Augen.

Ich zitterte vor Aufregung und eine Zeitlang war ich nicht imstande, ein

Wort hervorzubringen.

„Haben Sie gehört?“ sagte er und trat einen Schritt auf mich zu.

„Lassen Sie mich, lassen Sie!“ rief ich und ich wich vor ihm zurück,

„Sie handeln niedrig an mir, unedel. Sie haben sich vergessen! ...

Lassen Sie mich gehen! ...“

„Wie? Was heißt das? Wie wagen Sie es noch, einen solchen Ton

anzuschlagen ... nach alledem, was Sie ... Geben Sie ihn mir zurück,

sage ich Ihnen!“

Er trat noch einen Schritt auf mich zu, doch als er in meinen Augen

soviel kalte Entschlossenheit sah, da blieb er stehen und überlegte ...

„Gut!“ sagte er endlich trocken, als hätte er einen Entschluß gefaßt,

wenn er sich auch immer noch mühsam beherrschte. „Eines nach dem andern,

doch zuerst ...“

Er sah sich im Zimmer um.

„Wer ... hat Sie in die Bibliothek gelassen? Warum steht dieser Schrank

offen? Wie kommt es, daß Sie den Schlüssel dazu haben?“

„Ich werde Ihnen darauf nicht antworten,“ sagte ich, „ich kann mit Ihnen

nicht darüber sprechen. Lassen Sie mich gehen!“

Ich ging zur Tür.

„Erlauben Sie,“ sagte er, und faßte mich an der Hand – „so werden Sie

nicht davonkommen!“

Ich entzog ihm schweigend meine Hand und wandte mich wieder zur Tür.

„Wie Sie wollen. Aber ich kann es Ihnen nicht gestatten, daß Sie in

meinem Hause Briefe von Liebhabern empfangen ...“

Ich schrie auf und sah ihn entsetzt an ...

„Und darum ...“

„Halten Sie ein!“ rief ich aus. „Wie können Sie das? ... Wie können Sie

mir das sagen? ... Mein Gott! Mein Gott! ...“

„Wie? Was! Sie drohen mir noch! ...“

Ich sah ihn verzweifelt an, wie zerschmettert. Der Kampf zwischen uns

stieg bis zur höchsten Erbitterung. Doch ich konnte nicht begreifen. Ich

flehte ihn mit einem Blick an, nicht weiter zu gehen. Ich war bereit,

ihm jede Beleidigung zu verzeihen, wenn er nur jetzt innehielt. Er sah

mich durchbohrend an und schien zu überlegen.

„Bringen Sie mich nicht zum Äußersten,“ flüsterte ich erschrocken.

„Nein, damit muß ein Ende gemacht werden!“ sagte er schließlich, als

besinne er sich wieder. „Ich muß Ihnen gestehen, ich wankte einen

Augenblick vor diesem Blick,“ fügte er mit eigentümlichem Lächeln hinzu.

„Doch unglücklicherweise spricht die Sache für sich selbst. Es ist mir

gelungen, den Anfang des Briefes zu lesen. Das war ein Liebesbrief! Sie

werden mich nicht davon abbringen! Nein, lassen Sie alles! Und wenn ich

einen Augenblick zögerte, so geschah es nur, weil ich zu Ihren übrigen

schönen Eigenschaften auch Ihre Fähigkeit zu lügen hinzufügen mußte, und

darum wiederhole ich ...“

Mit jedem Wort, das er sprach, füllte er sich mit Bosheit an. Er war

bleich; seine Lippen verzogen sich und zitterten und nur mit Mühe konnte

er die letzten Worte hervorbringen. Es war vollkommen dunkel geworden.

Ich stand schutzlos da, vor einem Menschen, der fähig war, einer Frau

das Schlimmste anzutun. Und im Grunde war alle Wahrscheinlichkeit gegen

mich; ich wand mich vor Scham, alles verwirrte sich in mir, ich konnte

die Wut dieses Menschen nicht verstehen. Ohne ihm zu antworten, außer

mir vor Angst, stürzte ich aus dem Zimmer, und ich kam erst zu mir, als

ich vor der Zimmertür Alexandra Michailownas stand. In dem Augenblicke

hörte ich seine Schritte; und schon wollte ich ins Zimmer stürzen, als

ich plötzlich wie vom Schlag gerührt stehen blieb.

„Was wird mit ihr geschehen?“ ging es mir durch den Kopf ... „Diesen

Brief ...! Nein, lieber alles auf der Welt, als diesen Stoß in ihr Herz

–“ und ich stürzte zurück. Doch schon war es zu spät: er stand neben

mir.

„Wohin wollen Sie, kommen Sie ... nur nicht hier, nicht hier!“ flüsterte

ich ihm zu und griff nach seiner Hand ... „Schonen Sie sie ...! Ich

komme zurück in die Bibliothek, oder ... wohin Sie wollen?! Sie werden

sie vernichten!“

„Sie sind es, die sie vernichtet!“ antwortete er, und trat von mir

zurück.

Alle meine Hoffnungen schienen verloren. Ich begriff, daß er die ganze

Szene vor Alexandra Michailowna tragen wollte.

„Um Gottes willen!“ rief ich und hielt ihn aus aller Kraft zurück. Doch

in diesem Augenblick hob sich die Portiere und Alexandra Michailowna

stand vor uns. Sie sah uns verwundert an. Ihr Gesicht wurde noch

bleicher. Mit Mühe hielt sie sich auf den Füßen. Es hatte sie viel

gekostet, bis zu uns zu kommen, als sie unsere Stimme gehört.

„Wer ist da? Wovon redet ihr hier?“ fragte sie, in großer Verwunderung.

Es trat Schweigen ein und sie erbleichte wie ein Leinentuch. Ich stürzte

auf sie zu, umarmte sie und führte sie zurück in ihr Kabinett. Pjotr

Alexandrowitsch folgte uns. Ich drückte mein Gesicht an ihre Brust und

umschlang sie immer fester und fester, ersterbend in Erwartung.

„Was ist mit dir, was ist mit euch?“ fragte noch einmal Alexandra

Michailowna.

„Fragen Sie sie. Sie haben sie noch gestern so verteidigt,“ sagte Pjotr

Alexandrowitsch und ließ sich schwer auf einem Sessel nieder.

Ich umklammerte sie immer fester und fester in meiner Umarmung.

„Aber, mein Gott, was bedeutet denn das?“ rief Alexandra Michailowna in

großem Schrecken angstvoll aus. „Sie zittert ja und ist in Tränen

aufgelöst. Annjeta sag’ mir doch, was ist zwischen euch geschehen.“

„Nein, erlauben Sie mir zuerst das Wort,“ sagte Pjotr Alexandrowitsch

und näherte sich uns. Er ergriff mich an der Hand und zog mich von ihr

fort. „Bleiben Sie dort stehen,“ sagte er und wies in die Mitte des

Zimmers. „Ich werde Sie richten vor derjenigen, die Ihnen die Mutter

ersetzte. Und Sie, bitte, beruhigen Sie sich, Alexandra Michailowna, und

setzen Sie sich in den Lehnstuhl. Mir tut es bitter leid, daß ich Sie

nicht mit dieser unangenehmen Aufklärung verschonen kann. Denn sie ist

nötig –!“

„Mein Gott! Was wird das sein?“ murmelte Alexandra Michailowna und sah

mit qualvollen Augen erst mich, dann ihren Mann an. Ich rang die Hände

vor diesem verhängnisvollen Augenblick. Von ihm erwartete ich keine

Schonung.

„Kurz,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch fort, ... „ich wünsche, daß Sie in

der Sache urteilen. Sie haben immer (und ich weiß nicht warum, das ist

so eine Ihrer Phantasien), Sie haben immer – noch gestern, zum Beispiel,

gedacht, gesagt ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... ich

schäme mich dieser Voraussetzungen ... Kurz, Sie haben sie immer

verteidigt, und mich angegriffen, Sie warfen mir ungerechtfertigte

Strenge vor; Sie haben dabei noch auf ein anderes Gefühl hingewiesen,

das mich zu dieser unerlaubten Strenge beeinflusse; Sie ... ja, ich

begreife nicht, warum ich meiner Aufregung nicht Herr werden kann, warum

ich erröte bei dem Gedanken an Ihre Anspielungen, warum ich sie nicht

offen vor ihr auszusprechen vermag ... Kurz, Sie ...“

„Oh, das werden Sie nicht tun! Nein, Sie werden das nicht sagen!“ rief

Alexandra Michailowna aus, errötend vor Scham. „Nein, Sie werden sie

schonen. Das habe ich, ich, alles ausgedacht! Ich habe jetzt keinen

Verdacht mehr. Verzeihen Sie es mir, verzeihen Sie. Ich bin krank, man

muß mir verzeihen, nur sagen Sie ihr nichts, nein ... Annjeta, gehe fort

von hier, schnell, schnell! Er scherzt; an alledem bin ich schuld; oh,

das ist ein böser Scherz ...“

„Kurz, Sie sind auf sie eifersüchtig gewesen,“ warf Pjotr

Alexandrowitsch erbarmungslos ihr zur Antwort hin.

Sie schrie auf, erbleichte und stützte sich auf den Sessel, kaum noch

imstande, sich auf den Füßen zu halten.

„Möge Gott Ihnen verzeihen!“ murmelte sie endlich mit schwacher Stimme.

„Vergib mir für ihn, Njetotschka, vergib; ich bin an allem schuld. Ich

war krank, ich ...“

„Das ist Grausamkeit, Schamlosigkeit, Niedrigkeit!“ rief ich, außer mir,

denn ich begriff jetzt alles, alles, begriff vor allem, warum er mich

vor den Augen seiner Frau richten wollte. „Das ist nur verachtungswürdig

– Sie ...“

„Annjeta!“ rief Alexandra Michailowna, vor Schreck nach mir greifend.

„Komödie! Komödie und weiter nichts,“ Pjotr Alexandrowitsch trat in

unbeschreiblicher Erregung auf uns zu. „Komödie, sage ich Ihnen,“

während er ununterbrochen mit hämischem Lächeln seine Frau ansah, „und

die Betrogene in dieser ganzen Komödie sind nur – Sie. Glauben Sie, daß

wir,“ stieß er atemlos hervor und wies auf mich – „solche Erklärungen

fürchten; glauben Sie, daß wir noch so dumm sind, beleidigt zu sein und

bis an die Ohren zu erröten, wenn man uns von ähnlichen Dingen redet.

Entschuldigen Sie bitte, ich drücke mich vielleicht zu einfach, zu

aufrichtig, zu grob aus, doch – das muß geschehen. Sind Sie denn noch

immer überzeugt, meine Dame, von der ordentlichen Aufführung dieses ...

Mädchens?“

„Mein Gott! Was ist Ihnen? Sie vergessen sich!“ murmelte Alexandra

Michailowna, halb erstarrt vor Schreck.

„Bitte, nicht diese großen Worte!“ unterbrach sie verächtlich Pjotr

Alexandrowitsch. „Ich liebe das nicht. Hier liegt die Sache sehr

einfach: gemein bis zur höchsten Gemeinheit. Ich frage Sie nach ihrem

Betragen: wissen Sie ...“

Doch ich ließ ihn nicht zu Ende sprechen, ich ergriff ihn an der Hand

und zog ihn zur Seite. Nur ein Augenblick und – alles war verloren.

„Sagen Sie nichts von dem Brief!“ flüsterte ich ihm zu, „Sie werden sie

auf der Stelle vernichten. Ein Vorwurf über mich, wird zugleich ein

Vorwurf für sie sein. Sie kann mich nicht verurteilen, denn ich weiß

alles ... verstehen Sie, _ich weiß alles_!“

Er sah mich scharf mit durchbohrender Neugier an und – das Blut trat ihm

ins Gesicht.

„Ich weiß _alles, alles_!“ wiederholte ich.

Er schien noch zu zögern. Auf seinen Lippen lag eine Frage. Ich griff

vor:

„An allem, was geschehen ist –“ sagte ich laut, mich zu Alexandra

Michailowna wendend, die uns mit schüchterner, mit trauriger

Verwunderung ansah, „bin ich allein schuld. Bereits seit vier Jahren

habe ich Sie betrogen. Ich habe den Schlüssel zur Bibliothek genommen

und seit vier Jahren lese ich heimlich Bücher. Pjotr Alexandrowitsch hat

mich überrascht – bei einem Buch ... das sich nicht in meinen Händen

befinden durfte. Aus Sorge um mich hat er die Gefahr vor Ihnen

vergrößert! ... Doch, ich will mich nicht verteidigen“ (beeilte ich mich

hinzuzufügen, als ich ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen

bemerkte): „ich bin an allem schuld. Die Versuchung war stärker als ich,

und da es einmal geschehen war, schämte ich mich, es Ihnen zu gestehen

... Das ist alles, fast alles, was zwischen uns vorgefallen ist.“

„O – ho, das ist aber kühn!“ flüsterte neben mir Pjotr Alexandrowitsch.

Alexandra Michailowna hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Auf

ihrem Gesicht spiegelte sich ein Mißtrauen. Sie sah abwechselnd erst

mich, dann ihren Mann an. Es trat Schweigen ein. Ich wagte kaum zu

atmen. Sie senkte ihren Kopf auf die Brust und bedeckte die Augen mit

der Hand, offenbar um jedes Wort zu erwägen, das ich gesprochen hatte.

Endlich hob sie den Kopf und sah mich forschend an.

„Njetotschka, mein Kind, ich weiß, du verstehst nicht zu lügen,“ sagte

sie. „Ist das nun alles, was geschehen, wirklich alles?“

„Alles,“ antwortete ich.

„Alles?“ wandte sie sich fragend an ihren Mann.

„Ja, alles,“ antwortete er mit großer Überwindung, „alles!“

Ich atmete auf.

„Du gibst mir das Wort, Njetotschka?“

„Ja,“ antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber ich konnte mich doch nicht beherrschen und blickte auf Pjotr

Alexandrowitsch. Er lachte, als er hörte, wie ich mein Wort gab. Ich

wurde über und über rot und meine Verwirrung konnte der armen Alexandra

Michailowna nicht entgehn. Ein qualvolles Leid drückte sich auf ihrem

Gesicht aus.

„Genug,“ sagte sie traurig. „Ich glaube euch. Wie sollte ich euch nicht

glauben?“

„Ich denke, ein solches Geständnis genügt,“ bemerkte Pjotr

Alexandrowitsch. „Sie haben’s gehört? Was glauben Sie wohl?“

Alexandra Michailowna schwieg. Die Situation wurde immer unerträglicher

und unerträglicher.

„Ich werde morgen alle Bücher durchsehen,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch

fort. „Ich weiß nicht, um was es sich dort noch handelte; aber ...“

„Welches Buch las sie denn?“ fragte Alexandra Michailowna.

„Welches Buch? Antworten Sie doch,“ wandte er sich an mich. „Sie

verstehen es ja besser, die Sache zu erläutern,“ fügte er mit

verhaltenem Spott hinzu.

Ich verlor meine Fassung und konnte kein Wort mehr hervorbringen.

Alexandra Michailowna errötete und schlug die Augen nieder. Es folgte

ein langes Schweigen. Pjotr Alexandrowitsch ging geärgert im Zimmer auf

und ab.

„Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorging,“ begann endlich Alexandra

Michailowna, zaghaft jedes Wort aussprechend – „doch wenn das wirklich

alles gewesen ist,“ fuhr sie fort, bemüht, jedem Wort einen besonderen

Nachdruck zu geben, während sie gleichzeitig vermied, ihn anzusehen, da

der unbewegliche Blick ihres Mannes sie immer mehr verwirrte, „wenn es

nur das _gewesen ist_, dann weiß ich nicht, warum wir uns so quälen und

darüber fast verzweifeln wollen. Schuld daran bin nur ich, ich allein,

und das schmerzt mich sehr. Ich habe ihre Erziehung auf mich genommen,

ich muß auch für sie verantworten. Sie muß mir daher meine

Nachlässigkeit verzeihen. Ich wage es nicht, sie zu verurteilen. Und

doch, worüber sollen wir uns jetzt noch aufregen? Die Gefahr ist ja

vorüber. Sehen Sie sie doch an: hat ihre unvorsichtige Handlungsweise

auch nur irgendwelche Folgen hinterlassen? Als ob ich mein Kind, meine

geliebte Tochter nicht kennte? Weiß ich denn nicht, daß ihr Herz rein

und edel ist, und daß in diesem lieben Köpfchen,“ fuhr sie fort, indem

sie mich zu sich heranzog und mich streichelte, „der Verstand rein und

hell ist ... Laßt gut sein, meine Lieben! Hören wir damit auf! Offenbar

liegt etwas anderes in unserem Kummer, vielleicht lag auf uns allen nur

ein vorübergehender Schatten. Aber wir wollen durch Liebe und durch

unser gutes Einvernehmen alle Mißverständnisse zerstreuen. Vielleicht

ist vieles unausgesprochen zwischen uns und ich bin vor allem schuld

daran. In mir sind zuerst, weiß Gott was für Verdächtigungen

aufgestiegen, an denen nur mein armer kranker Kopf schuld ist ... Und

... und, wenn ich sie auch zum Teil schon ausgesprochen habe, so müßt

ihr sie mir beide verzeihen, weil ... weil die Sünde doch nicht so groß

ist, wenn ich vermutete ...“

Sie errötete und sah schüchtern ihren Mann an und erwartete mit Bangen

ein Wort von ihm. Während sie sprach, lag ein spöttisches Lächeln auf

seinen Lippen. Er brach seinen Gang durch das Zimmer ab und stellte sich

gerade vor sie hin, die Hände auf dem Rücken. Er betrachtete sie in

ihrer Erregung und ergötzte sich an ihr; als sie aber seinen

unverwandten Blick auf sich ruhen fühlte, wurde sie verwirrt. Er blieb

ruhig stehen, als erwartete er noch irgend etwas. Ihre Erregung

verdoppelte sich. Endlich unterbrach er diese erdrückende Szene durch

ein leises, anhaltendes boshaftes Lachen:

„Mir tun Sie leid, arme Frau!“ sagte er endlich, bitter und ernst,

nachdem er zu lachen aufgehört hatte. „Sie spielen eine Rolle, der Sie

nicht gewachsen sind. Was wollen Sie im Grunde genommen? Sie wollen mir

wieder neue Verdächtigungen unterschieben, oder, besser gesagt, die

alten Verdächtigungen, die Sie nur mangelhaft in ihren Worten verbergen

können. Der Sinn Ihrer Worte ist der, daß kein Grund vorhanden sei, ihr

böse zu sein, daß sie rein und gut sei auch nach der Lektüre

unsittlicher Bücher, deren Moral – das sage ich von mir aus – bereits

etliche Früchte gezeitigt zu haben scheint; und schließlich, daß Sie

selber für sie einständen; war es nicht so? Und dann – nachdem Sie das

erklärt, deuten Sie noch etwas anderes an. Sie denken, mein Argwohn und

meine Feindseligkeit entsprängen einem gewissen anderen Gefühl. Sie

deuteten mir gestern sogar an – bitte, unterbrechen Sie mich nicht, ich

liebe es, alles offen auszusprechen – Sie deuteten gestern an, daß bei

manchen Menschen (nach Ihrer Bemerkung, wenn ich mich recht erinnere,

wären diese Leute in der Regel gesetzte, ernste, gerade, kluge, starke

Menschen und Gott weiß was für Vorzüge Sie Ihnen in einer Anwandlung von

Großmut noch gaben!), daß bei gewissen Menschen also, sage ich, die

Liebe (und Gott weiß wozu Sie sich das ersannen!) sich auch gar nicht

anders äußern könne, als eben schroff, heftig, verletzend, oft mit

Argwohn und Feindseligkeit gepaart. Übrigens entsinne ich mich nicht

mehr genau, ob Sie sich gerade mit diesen Worten ausdrückten ... Bitte,

unterbrechen Sie mich nicht; ich kenne Ihren Zögling ausgezeichnet: sie

darf bereits alles hören, alles, wiederhole ich Ihnen zum hundertsten

Mal, – alles! Sie sind betrogen. Doch ich begreife nicht, warum es Ihnen

beliebt, auf der Behauptung zu bestehen, daß gerade ich solch ein Mensch

sei! – weshalb Sie gerade mich mit diesem Narrenhemd aufputzen wollen!

Liebe zu diesem jungen Mädchen steht meinen Jahren nicht mehr an; ja und

schließlich kann ich Sie versichern, meine Gnädigste, daß _ich weiß, was

meine Pflicht ist_, und wie großmütig Sie mich auch entschuldigen

wollten, ich bleibe dabei, was ich gesagt habe: _daß ein Verbrechen

immer ein Verbrechen, eine Sünde immer eine Sünde, immer eine

schmutzige, ehrlose Schandtat sein wird, auf welche Stufe der Größe und

Herrlichkeit Sie das lasterhafte Gefühl auch erheben mögen_! Doch genug!

Genug davon! Und daß mir nichts mehr von diesen Schändlichkeiten zu

Ohren kommt!“

Alexandra Michailowna weinte.

„Mag das mir gesagt sein, mag ich das verdient haben und tragen – ich

will’s ja!“ sagte sie, indem sie mich unter Schluchzen umarmte. „Mögen

meine Vermutungen schlecht und schändlich gewesen sein, daß Sie so

grausam über sie spotten können! Aber du, mein armes Kind, wofür bist du

verurteilt, solche Kränkungen zu hören? Und ich kann dich nicht einmal

beschützen! Ich muß stumm sein! Mein Gott! – nein! ich kann nicht

schweigen, das können Sie nicht von mir verlangen! Ich ertrage es nicht

... Ihr Benehmen ist widersinnig! ...“

„Lassen Sie, lassen Sie, beruhigen Sie sich nur!“ redete ich ihr

flüsternd zu, um sie in ihrer Aufregung zu beschwichtigen, denn ich

fürchtete, daß Vorwürfe von ihr ihn um seine letzte Beherrschung bringen

würden.

„Aber Sie blindes Weib! ...“ rief er denn auch heftig, „Sie wissen ja

nicht, Sie sehen ja nicht ...“

Er stockte einen Augenblick.

„Fort von ihr!“ befahl er heftig und riß meine Hand aus den Händen

Alexandra Michailownas. „Ich gestatte Ihnen nicht, meine Frau zu

berühren! Ihre Berührung besudelt! Ihre Anwesenheit ist eine Beleidigung

für sie! Aber ... ja aus welchem Grunde soll ich schweigen, wo doch

alles ausgesprochen werden muß!“ rief er, mit dem Fuß stampfend. „Und

ich werde es sagen, ich werde alles sagen. Ich weiß nicht, was Sie da

_wissen_, mein gnädiges Fräulein, und womit Sie mir drohen wollten, und

ich will es auch nicht wissen. So hören Sie denn ...“ fuhr er fort, sich

an Alexandra Michailowna wendend.

„Schweigen Sie!“ rief ich, und ich hätte mich fast auf ihn gestürzt,

„schweigen Sie! Sie sagen kein Wort!“

„So hören Sie denn ...“

„Schweigen Sie!! Im Namen ...“

„Im Namen wessen, mein Fräulein?“ griff er das Wort blitzschnell auf und

sah mir eine Sekunde lang durchdringend in die Augen. „Im Namen wessen?

... So hören Sie denn – ich habe ihr einen Brief ihres Geliebten

entrissen! Jetzt wissen Sie, was in unserem Hause geschieht! Nun haben

Sie es gehört, was unmittelbar neben Ihnen sich zuträgt! Das war es, was

Sie nicht gesehen, nicht bemerkt haben!“

Ich hielt mich kaum auf den Füßen. Alexandra Michailowna wurde

totenblaß.

„Das kann nicht sein,“ stammelte sie, kaum hörbar.

„Ich habe diesen Brief gesehen, ich habe ihn in der Hand gehabt und die

ersten Zeilen gelesen – von einer Täuschung kann also keine Rede sein.

Der Brief war von einem Geliebten. Sie entriß ihn mir und jetzt ist er

wieder in ihrem Besitz. Die Sache ist so klar, sie liegt ja auf der

Hand! Und wenn Sie noch zweifeln, so sehen Sie sie doch nur an und dann

versuchen Sie, auch nur auf den Schatten eines Zweifels noch zu hoffen!“

„Njetotschka!“ schrie Alexandra Michailowna plötzlich auf. „Nein, nein,

sag’ nichts, sprich nichts! Ich weiß nicht, was gewesen ist, was ... wie

... mein Gott, mein Gott!“

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.

„Nein! Das ist nicht möglich!“ rief sie wieder. „Sie haben sich geirrt.

Das ... das ... ich weiß, was das bedeutet!“ sagte sie plötzlich

langsam, während sie ihren Mann mit unverwandtem Blick ansah. „Sie ...

ich ... konnte nicht, – nein, du wirst mich nicht betrügen, du kannst

mich nicht betrügen! Erzähl’ mir alles, sag’ mir alles: er hat sich doch

geirrt? Ja, nicht wahr, er hat sich geirrt? Er hat etwas anderes

gesehen, er war verblendet? Ja, nicht wahr? Nicht wahr? Höre: warum

solltest du mir nicht alles sagen, Annjeta, mein Kind, mein liebes

Kind?“

„Antworten Sie, antworten Sie schnell!“ ertönte über mir die Stimme

Pjotr Alexandrowitschs. „Antworten Sie: habe ich oder habe ich nicht den

Brief in Ihren Händen gesehen?“

„Ja!“ antwortete ich atemlos vor Aufregung.

„Dieser Brief war von Ihrem Geliebten?“

„Ja!“

„Mit dem Sie auch jetzt in Verbindung stehen?“

„Ja, ja, ja!“ sagte ich schon außer mir, bestätigte alles blindlings,

nur um unserer Qual ein Ende zu machen.

„Haben Sie gehört? Nun, und was sagen Sie jetzt! Glauben Sie mir, Sie

mit Ihrem guten, allzu vertrauensseligen Herzen,“ fügte er hinzu und

nahm die Hand seiner Frau, „glauben Sie mir und sehen Sie Ihren Irrtum

ein, – Ihren Irrtum in allem, was Ihre kranke Phantasie Ihnen

vorgegaukelt hat. Sie sehen jetzt, wer dieses ... Mädchen ist. Ich

wollte nur Ihre Vermutungen ^ad absurdum^ führen. Ich habe das alles

schon längst bemerkt und es freut mich, daß ich sie endlich vor Ihnen

entlarvt habe. Es war mir schwer, sie neben Ihnen zu sehen, in Ihren

Armen, an einem Tisch mit uns, ja, in meinem Hause. Und Ihre Blindheit

empörte mich. Deshalb, und zwar nur deshalb, schenkte ich ihr überhaupt

meine Aufmerksamkeit und beobachtete sie; und diese Aufmerksamkeit haben

Sie bemerkt; und nachdem Sie Gott weiß was für einen Verdacht als Grund

angenommen, haben Sie dann auf dieser Grundlage in Ihrer Einbildung

weitergebaut. Doch jetzt ist die Sache aufgeklärt, alle Zweifel sind

widerlegt, und morgen, mein Fräulein, morgen noch werden Sie nicht mehr

in meinem Hause sein!“ schloß er, sich an mich wendend.

„Halten Sie ein!“ sagte Alexandra Michailowna und sie erhob sich. „Ich

traue dieser ganzen Szene nicht. Sehen Sie mich nicht so zornig an,

lachen Sie nicht über mich. Ich rufe Sie selbst zum Richter auf, ich

will nur meine Meinung sagen. Annjeta, mein Kind, komm zu mir, gib mir

deine Hand, so. Niemand ist ohne Fehl, wir sind alle sündig!“ sagte sie

mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, und sie sah gleichsam demütig

zu ihrem Mann auf. „Und wer von uns darf jemandes Hand von sich stoßen?

Gib mir doch deine Hand, Annjeta, mein liebes Kind! Ich bin nicht

würdiger, nicht besser als du; du kannst mich nicht durch deine

Gegenwart kränken, denn ich bin gleichfalls, _gleichfalls eine

Sünderin_.“

„Meine Gnädigste!“ rief Pjotr Alexandrowitsch betroffen. „Was reden Sie!

Vergessen Sie nicht! ...“

„Ich vergesse nichts. Unterbrechen Sie mich nicht, lassen Sie mich zu

Ende sprechen. Sie haben in ihren Händen einen Brief gesehen, Sie haben

ihn sogar gelesen; Sie sagen – und sie ... hat gestanden, daß dieser

Brief von demjenigen sei, den sie liebt. Aber beweist denn das, daß sie

sich vergangen habe? Gibt Ihnen denn das schon das Recht, sie so zu

behandeln, sie so in Gegenwart Ihrer Frau zu beleidigen? Ja, mein Herr,

in Gegenwart Ihrer Frau? Haben Sie denn schon alles ergründet? Wissen

Sie denn schon, wie sich das alles verhält?“

„Ja was! – jetzt soll ich sie wohl noch um Verzeihung bitten? Ist es

das, was Sie wollen?“ rief Pjotr Alexandrowitsch wütend. „Ich danke, ich

habe die Geduld verloren über Ihrem Gerede! Und wissen Sie überhaupt,

von wem Sie reden, was und _wen_ Sie verteidigen? Ich durchschaue doch

alles ...“

„Und sehen doch nicht einmal die Hauptsache, weil Ihr Zorn und Ihr Stolz

Sie blenden. Sie sehen das nicht, was ich verteidige und wovon ich rede.

Nicht das Laster verteidige ich. Doch haben Sie auch bedacht – und das

werden Sie einsehen, sobald Sie nachdenken – haben Sie bedacht, daß sie

vielleicht wie ein Kind unschuldig und unwissend ist! Noch einmal, nicht

das Laster verteidige ich! Ich beeile mich, mich zu rechtfertigen, wenn

Ihnen das erwünscht ist. Ja, wenn sie Gattin, wenn sie Mutter wäre und

ihre Pflichten vergessen hätte –, dann würde ich Ihnen beistimmen ...

Sie sehen, ich rechtfertige mich. So vergessen Sie das nicht und machen

Sie mir keine Vorwürfe! Wenn sie aber diesen Brief erhalten hat, ohne

etwas Böses zu ahnen? Wenn sie sich in ihrer Unerfahrenheit nur von

einem großen Gefühl hat verleiten lassen und weil sie keinen Menschen

fand, der sie zurückgehalten hätte? Wenn vielleicht gerade mich die

größte Schuld trifft, weil ich ihr Herz nicht behütet habe? Wenn dieser

Brief der erste war? Wenn Sie mit Ihrem rohen Verdacht ihr mädchenhaft

reines Empfinden verletzt haben? Wenn Sie ihre jugendliche Phantasie mit

Ihren zynischen Reden und Bemerkungen über diesen Brief beschmutzt

haben? – wenn Sie nicht sehen oder nicht sehen wollen, daß in diesem

keuschen mädchenhaften Antlitz nichts als Reinheit und Unschuld ist und

bange mädchenhafte Scham, – die Scham, die ich jetzt erkenne, die ich

auch dann erkannte, als sie wie verloren in dieser Pein nicht wußte, was

sie sagte, und in ihrer Herzensangst auf alle Ihre unmenschlichen Fragen

mit diesem ‚Ja, ja, ja!‘ antwortete. Das war unmenschlich von Ihnen, das

war grausam; ich erkenne Sie nicht wieder; das werde ich Ihnen niemals,

niemals verzeihen!“

„Ach, erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich!“ rief ich beschwörend, und

ich drückte sie mit meinen Armen fest an mich. „Hören Sie auf, glauben

Sie mir, verstoßen Sie mich nicht ...“

Ich fiel vor ihr auf die Knie.

„Und wenn,“ fuhr sie atemlos fort, „wenn nun ich nicht bei ihr wäre,

wenn Sie sie mit Ihren Worten erschreckt hätten und die Arme jetzt

selbst glaubte, sie sei schuldig, wenn Sie ihr Gewissen, ihre Seele

verwirrt, die Ruhe ihres Herzens zerstört hätten ... Mein Gott! Und Sie

wollten sie aus dem Hause jagen! Aber wissen Sie denn nicht, mit wem man

das tut? Sie wissen, daß Sie, wenn Sie sie aus dem Hause jagen, dann uns

beide, uns zusammen fortjagen, – mich gleichfalls. Haben Sie gehört,

mein Herr?“

Ihre Augen blitzten, ihre Brust arbeitete schwer; ihre krankhafte

Erregung steigerte sich bis zur letzten Krisis ...

„Jetzt habe ich aber wahrlich genug gehört, meine Gnädigste!“ rief Pjotr

Alexandrowitsch, „genug davon! Ich weiß, es gibt platonische

Leidenschaften – und weiß das zu meinem Verderben, meine Gnädigste!

Hören Sie? – zu meinem Verderben! Aber ich bedanke mich dafür, mit

diesem vergoldeten Laster unter einem Dach zu leben! Ich verstehe es

nicht. Und deshalb – fort mit ihm! Und wenn Sie sich schuldig fühlen,

wenn Sie sich irgendeiner Schuld bewußt sind (nicht an mir ist es, Sie

zu erinnern, meine Gnädigste), wenn Ihnen der Gedanke gefällt, mein Haus

zu verlassen ... so bleibt mir nichts weiter übrig, als zu sagen, als

Sie daran zu erinnern, daß Sie bedauerlicherweise vergessen haben, Ihre

Absicht auszuführen, als es die rechte Zeit war, die eigentliche Zeit,

vor Jahren, schon vor ... sollten Sie das Datum vergessen haben, so kann

ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen ...“

Ich sah sie an. Sie stützte sich krampfhaft auf mich, vergehend vor

Seelenschmerz, die Augen halb geschlossen, in unmenschlicher Qual. Noch

ein Moment – und sie wäre hingefallen.

„Oh, um’s Himmels willen, haben Sie wenigstens diesmal Erbarmen! Sagen

Sie nicht das letzte Wort!“ rief ich außer mir und warf mich Pjotr

Alexandrowitsch zu Füßen, ohne daran zu denken, was ich tat: doch – es

war schon zu spät. Nur ein leiser Schrei ertönte als Antwort auf meine

Worte und die Arme fiel bewußtlos hin.

„Da! Sie haben sie getötet!“ sagte ich. „Rufen Sie zu Hilfe, retten Sie

sie! – Ich erwarte Sie in Ihrem Kabinett. Ich muß mit Ihnen sprechen:

ich werde Ihnen alles sagen ...“

„Ja, was? Ja, was denn?“

„Später!“

Die Ohnmacht dauerte zwei Stunden. Das ganze Haus war in Aufregung. Der

Arzt schüttelte zweifelnd das Haupt. Nach zwei Stunden ging ich ins

Kabinett zu Pjotr Alexandrowitsch. Er war soeben erst von seiner Frau

gekommen. Jetzt ging er im Zimmer auf und ab, biß sich die Lippen fast

blutig und sah bleich und verstört aus. Ich hatte ihn noch nie so

gesehen.

„Was wollen Sie mir denn sagen?“ fragte er mich schroff. „Sie sagten

vorhin ...!“

„Hier ist der Brief, den Sie mir entrissen. Sie erkennen ihn doch?“

„Ja.“

„Nehmen Sie ihn.“

Er nahm den Brief und führte ihn ans Licht. Ich beobachtete ihn

aufmerksam. Nach wenigen Sekunden drehte er den Brief hastig um und sah

nach der Unterschrift. Ich sah, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß.

„Was ist das?“ fragte er mich starr vor Betroffenheit.

Ich blieb ihm die Antwort nicht schuldig.

„Vor drei Jahren fand ich diesen Brief in einem Buch. Ich erriet, daß er

vergessen war, las ihn und – erfuhr alles. Ich behielt ihn, denn ich

wußte niemanden, dem ich ihn hätte geben können. Ihr konnte ich ihn

nicht geben. Ihnen? Doch Ihnen konnte der Inhalt dieses Briefes nicht

unbekannt sein, er aber enthält die ganze traurige Lebensgeschichte ...

Welchen Zweck nun Ihre Verstellung hatte – das weiß ich nicht –, das ist

mir vorläufig noch unklar. Noch durchschaue ich Ihre dunkle Seele nicht

ganz. Sie wollten Ihre Überlegenheit bewahren – und das ist Ihnen denn

auch gelungen. Aber wozu? Um über ein Wahnbild den Sieg davonzutragen,

um über eine Kranke zu herrschen, um ihr zu beweisen, daß sie sich

verirrt habe und daß Sie dagegen _sündlos_ vor ihr ständen! Und Sie

haben Ihren Zweck erreicht, denn dieser Verdacht ist – zur fixen Idee

eines erlöschenden Geistes geworden, ist vielleicht die letzte Klage

eines gebrochenen Herzens über die Ungerechtigkeit des Urteils der

Menschen, mit dem Sie übereinstimmten. ‚Was ist denn dabei Schlimmes,

daß Sie mich liebten?‘ Das war es, was sie sagte, das wollte sie Ihnen

beweisen. Aber Ihr Stolz, Ihr eifersüchtiger Egoismus waren

unbarmherzig. Leben Sie wohl. Weitere Erklärungen sind nicht nötig! Aber

nehmen Sie sich in acht, ich kenne Sie jetzt, ich durchschaue Sie,

vergessen Sie das nicht!“

Ich ging auf mein Zimmer – fast bewußtlos. An der Türe hielt mich

Owroff, der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs, auf.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen,“ sagte er mit einer höflichen

Verbeugung.

Ich sah ihn an und begriff nicht gleich, was er sagte.

„Später, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht wohl,“ sagte ich

schließlich und ging an ihm vorbei.

„Also dann morgen,“ sagte er und machte seine Verbeugung mit einem

zweideutigen Lächeln.

Vielleicht schien es mir aber auch nur so? Es war fast wie eine Vision,

die vor meinen Augen flüchtig auftauchte ...

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 22 / 25 题