Das war die zweite und letzte Periode meiner Krankheit.
Als ich wieder zu Bewußtsein erwachte, erblickte ich das Gesicht eines
Kindes vor mir, eines Mädchens von ungefähr meinem Alter, und
unwillkürlich streckte ich ihr die Hände entgegen. Schon der erste Blick
auf diese Altersgenossin hatte meine Seele wie mit einem Glücksgefühl,
wie mit einer süßen Vorahnung erfüllt. Es war ein ideal schönes
Gesichtchen, eine geradezu ergreifende, eine strahlende Schönheit – von
jener Schönheit, vor der man plötzlich stehen bleibt, wie durchbohrt in
süßer Verwirrung, wie erschrocken vor Entzücken, und der man dankbar ist
allein schon für ihr Vorhandensein, dafür, daß unsere Augen sie schauen
dürfen, und daß sie uns begegnet ist. Es war die Tochter des Fürsten,
Katjä, die während meiner Krankheit aus Moskau zurückgekehrt war. Sie
lächelte mir zu, als sie meine unwillkürliche Bewegung sah, und meine
geschwächten Nerven erbebten bei diesem Lächeln in süßem Entzücken.
Die kleine Prinzeß rief sogleich ihren Vater, der keine zwei Schritte
vom Bett mit dem Arzt sprach.
„Nun, gottlob! Endlich! Nun, Gott sei Dank!“ rief der Fürst, meine Hand
erfassend, und sein Gesicht verriet aufrichtige Freude. „Das freut mich,
das freut mich, das ist doch ein Glück!“ fuhr er schnell zu sprechen
fort – es war seine Art, schnell, wenn auch meist leise zu sprechen.
„Und dies kleine Mädchen hier ist meine Katjä, mein Töchterchen. Nun
könnt ihr Freundschaft schließen – jetzt hast du eine Spielgefährtin.
Aber du mußt nun auch schnell gesund werden, Njetotschka. Du böses
kleines Mädchen, wie wir uns um dich geängstigt haben! ...“
Meine Genesung machte auch wirklich sehr schnelle Fortschritte. Nach ein
paar Tagen konnte ich schon das Bett verlassen. Jeden Morgen kam Katjä
an mein Bett, immer mit einem Lächeln oder gar Lachen, das nicht von
ihren Lippen wich. Auf ihr Erscheinen wartete ich wie auf ein Glück. Ich
hätte sie so gern geküßt! Aber das mutwillige Prinzeßchen kam immer nur
auf ganz kurze Zeit, sie konnte fast überhaupt nicht stillsitzen. Ewige
Unruhe, laufen, springen, lachen und tollen, daß man es im ganzen Hause
hörte – das war für sie einfach Lebensbedingung. Deshalb erklärte sie
mir auch gleich am ersten Tage, daß es sie furchtbar langweile, bei mir
zu sitzen: sie werde daher nur sehr selten zu mir kommen, und auch das
nur deshalb, weil ich ihr leid täte – da ginge es eben nicht anders,
denn gar nicht kommen, das ginge wiederum auch nicht. Aber wenn ich
gesund sein würde, dann sollten wir – so versprach sie – sehr gut
miteinander auskommen. Es war denn auch jeden Morgen ihr erstes Wort:
„Nu, bist du jetzt gesund?“
Da ich aber immer noch mager und bleich war und das Lächeln sich nur
schüchtern, mit zaghafter Angst gepaart, in meinem traurigen Gesicht
hervorwagte, so runzelte das Prinzeßchen die Stirn, schüttelte
mißbilligend das Köpfchen und ihr kleiner Fuß stampfte oft ungeduldig
auf.
„Aber ich sagte dir doch gestern, daß du heute gesund sein sollst! Was?
Man gibt dir wohl nichts zu essen?“
„Ja, wenig,“ antwortete ich schüchtern, denn ich fürchtete mich schon
vor ihr. Ich hatte nur den einen Wunsch: ihr zu gefallen, und deshalb
fürchtete ich für jedes Wort, für jede Bewegung. Ihr Kommen entzückte
mich mit jedem Tage mehr. Solange sie bei mir saß, ließ ich sie nicht
aus den Augen, und wenn sie fortgegangen war, sah ich immer noch
dorthin, wo sie zuletzt gestanden oder gesessen hatte. Ja, in der Nacht
sah ich sie sogar schon in meinen Träumen. Im Wachen aber, wenn sie
nicht bei mir war, ersann ich ganze Gespräche mit ihr, war ihr Freund,
tollte, spielte und weinte mit ihr, wenn man uns schalt oder für
irgendeine besondere Tollheit bestrafen wollte. Kurz, ich dachte an sie
und sah sie im Traum und träumte von ihr, als wäre ich in sie verliebt
gewesen. Ich wollte um jeden Preis bald gesund werden und schnell
zunehmen, wie sie es wünschte. Wenn sie zuweilen morgens in mein Zimmer
gestürmt kam und ich dann wieder ihre ungeduldige Frage hörte: „Bist
noch nicht gesund? Ach Gott, immer noch bist du so mager!“ dann wurde
ich ängstlich, als wäre dies meine Schuld. Es konnte aber auch
schwerlich etwas Ernsteres geben, als die Verwunderung Katjäs darüber,
daß ich nicht binnen vierundzwanzig Stunden genas, worüber sie sich
bereits allen Ernstes zu ärgern anfing.
„Nu, dann – willst du, ich bringe dir heute eine Pastete?“ sagte sie mir
einmal. „Iß sie, davon wirst du bald wieder dick.“
„Bring,“ sagte ich, froh darüber, daß ich sie nochmals zu sehen bekommen
würde.
Nach der Erkundigung, ob ich schon gesund sei, setzte sich das
Prinzeßchen gewöhnlich mir gegenüber und begann mich mit ihren dunklen
Augen ernsthaft zu betrachten. Und auch jedesmal, wenn sie mir etwas
sagte oder mich fragte, betrachtete sie mich zuvor von oben bis unten
mit der naivsten Verwunderung. Aber unsere Unterhaltung kam nie so recht
in Gang. Ich fürchtete mich vor Katjä und ihren schroffen Ausfällen,
während ich anderseits fast verging vor Verlangen, mit ihr zu sprechen.
„Warum schweigst du?“ begann sie, nachdem wir uns eine Zeitlang stumm
betrachtet hatten.
„Was macht dein Papa?“ fragte ich, froh über die plötzlich gefundene
Frage, mit der ich nun jedesmal ein Gespräch anfangen konnte.
„Nichts. Es geht ihm gut. Ich habe heute zwei Tassen Tee getrunken,
nicht eine. Und du wieviel?“
„Eine.“
Wieder Schweigen.
„Heute hätte mich Falstaff beinahe gebissen.“
„Ist das ein Hund?“
„Ja, ein Hund. Hast du ihn denn noch nicht gesehen?“
„Nein, ich hab’ ihn wohl nicht gesehen.“
Ich wußte nichts mehr zu sagen und das Prinzeßchen sah mich wieder mit
Verwunderung an.
„Sag? Gefällt es dir, wenn ich mit dir spreche?“
„Ja, sehr: komm öfter, wenn du kannst.“
„Das hat man mir auch gesagt, daß es dich freuen werde, wenn ich zu dir
komme, aber du, steh schneller auf. Die Pastete werde ich dir heute ganz
bestimmt bringen ... Aber warum schweigst du denn immer?“
„So.“
„Du denkst wohl viel?“
„Ja, ich denke viel.“
„Mir aber sagt man immer, daß ich viel spreche und wenig denke. Ist es
denn schlecht, wenn man spricht?“
„Nein. Ich bin froh, wenn du sprichst.“
„Hm! ich werde Madame Léotard fragen, die weiß alles. Aber woran denkst
du denn?“
„Ich denke an dich,“ sagte ich nach kurzem Schweigen.
„Und das macht dir Spaß?“
„Ja.“
„Dann liebst du mich wohl?“
„Ja.“
„Aber ich liebe dich noch nicht. Du bist so mager! Wart’, ich werde dir
gleich die Pastete bringen! Nu, adieu!“
Und das Prinzeßchen, das mich fast im Fluge abküßte, war schon
verschwunden.
Nach dem Essen brachte sie mir auch wirklich die Pastete. Sie kam
hereingelaufen, ausgelassen wie ein Kobold, lachend und jauchzend vor
Freude, daß sie mir etwas zu essen brachte, was mir zu essen verboten
worden war.
„Iß, iß mehr, iß recht viel, das ist nämlich meine eigene Pastete, ich
habe selbst nicht gegessen. Nu, adieu!“ Und schon war sie fort.
Ein anderes Mal kam sie wie ein Wirbelwind ins Zimmer, gleichfalls nach
dem Essen. Ihre schwarzen Locken waren wie vom Sturm verwirrt, ihre
Augen blitzten und die Bäckchen glühten wie Purpur: sie mußte nach ihren
Lernstunden schon etliche Stunden gelaufen und gesprungen sein.
„Kannst du Federball spielen?“ rief sie atemlos, übersprudelnd und in
größter Eile.
„Nein,“ sagte ich, und es tat mir schrecklich leid, daß ich nicht „ja“
sagen konnte.
„Ach, wie du bist! Nu, werd schnell gesund, dann zeig’ ich es dir. Ich
kam nur deshalb. Ich spiele jetzt mit Madame Léotard. Adieu, man wartet
auf mich!“
Endlich durfte ich das Bett verlassen, obschon ich mich noch immer
schwach und kraftlos fühlte. Mein erster Gedanke war, mich jetzt nie
mehr von Katjä zu trennen. An ihr war etwas, was mich unwiderstehlich zu
ihr hinzog. Ich konnte mich kaum sattsehen an ihr, worüber Katjä sich
sehr zu verwundern schien. Dieser Drang zu ihr war so stark und ich gab
mich diesem neuen Gefühl so leidenschaftlich hin, daß es von ihr
natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte, und anfangs erschien es ihr
denn auch unerhört seltsam. Ich weiß noch, einmal während eines
gemeinsamen Spiels hielt ich es plötzlich nicht mehr aus und warf mich
ihr an den Hals, um sie zu küssen. Sie befreite sich aus meiner
Umarmung, erfaßte meine Hände – und mit zusammengezogenen Brauen, als
hätte ich sie beleidigt, fragte sie mich:
„Was fällt dir ein? Warum küßt du mich?“
Ich fuhr schuldbewußt zusammen bei ihrer schnellen Frage und sagte kein
Wort. Die Prinzeß zuckte mit ihren kleinen Schultern, zum Zeichen ihres
Nichtbegreifenkönnens (dieses Achselzucken war ihr schon zur
Angewohnheit geworden), dann preßte sie überernst ihre kleinen weichen
Lippen zusammen, ließ die Spielsachen liegen und setzte sich auf den
Diwan, von wo aus sie mich sehr lange betrachtete – wobei sie
anscheinend tief und ernsthaft über etwas nachdachte, ganz als habe sie
da ein schwieriges Problem zu lösen, das plötzlich in ihren Gedanken
aufgetaucht war. Es war dies gleichfalls so ihre Angewohnheit in allen
unklaren Fällen. Ich aber konnte mich an diese schroffen Äußerungen
ihres Charakters lange nicht gewöhnen.
In der ersten Zeit beschuldigte ich nur mich allein und dachte, daß ich
wirklich sehr viele Eigenheiten haben mußte. Aber wenn dies auch zum
Teil zutreffen mochte, so quälte ich mich doch in einer gewissen
Ungewißheit mit der einen Frage: warum ich mit Katjä nicht gleich
Freundschaft schließen und ihr ein für allemal gefallen konnte? Meine
Mißerfolge in der Beziehung kränkten mich bis zum körperlichen Schmerz
und ich hätte über jedes unbedachte Wort Katjäs, über jeden
mißtrauischen Blick von ihr weinen mögen. Mein Leid wuchs nicht nur mit
jedem Tage, sondern sogar mit jeder Stunde, denn mit Katjä ging alles
sehr schnell. Schon nach ein paar Tagen merkte ich, daß sie mich gar
nicht mehr leiden konnte, ja daß ich ihr schon verhaßt wurde. In der
Seele dieses kleinen Mädchens geschah alles schnell, schroff, – manch
einer würde sagen brutal, und vielleicht mit Recht, wenn in allen diesen
blitzschnellen Veränderungen eines geraden, naiv-offenherzigen
Charakters nicht zugleich eine angeborene, eine gewisse vornehme Grazie
gewesen wäre. Unsere Entfremdung begann damit, daß zuerst Zweifel in ihr
aufstiegen und aus den Zweifeln wurde Verachtung, und zwar wie ich
glaube, deshalb, weil ich kein einziges Spiel zu spielen verstand. Die
Prinzeß liebte zu tollen, zu laufen, sie war stark, lebhaft, gewandt,
ich aber – gerade das Gegenteil. Ich war noch von der Krankheit her
schwach, war still und nachdenklich: Kinderspiele machten mir kein
Vergnügen. Mit einem Wort, mir fehlten alle Eigenschaften, deren ich
bedurft hätte, um Katjä zu gefallen. Außerdem konnte ich es nicht
ertragen, andere mit mir unzufrieden zu sehen: dann wurde ich traurig,
verlor allen Mut und hatte erst recht nicht mehr die Kraft, das
Verfehlte wieder gutzumachen und den schlechten Eindruck zu verwischen,
– kurz, ich verfiel dem Unglück ganz. Das war nun etwas, was Katjä nicht
begreifen konnte. Anfangs schien es sie eher zu verblüffen, sie sah mich
dann, wie es ihre Art war, mit stummer Verwunderung an, nachdem sie
sich, wie es zuweilen vorkam, eine ganze Stunde mit mir abgemüht hatte,
um mich z. B. das Reifenspiel zu lehren, das ich immer noch nicht
begreifen wollte. Und da ich gleich traurig wurde und Tränen mir in die
Augen traten, so wandte sie sich, nachdem sie über mich nachgedacht und
doch weder durch ihr Denken noch durch mich selbst einen Aufschluß
erhalten hatte, einfach von mir ab und spielte allein weiter, ohne mich
noch zum Mitspielen aufzufordern, ja sogar ohne überhaupt noch mit mir
zu sprechen, – und das nicht nur an diesem einen Tage, sondern gleich
ein paar Tage lang. Von diesem Verhalten war ich so betroffen, daß ich
ihre Geringschätzung kaum ertragen konnte. Meine neue Einsamkeit wurde
nun fast noch bedrückender als die frühere in der Dachstube, und ich
begann wieder zu trauern und zu grübeln: wieder bedrückten dunkle
Gedanken mein Herz.
Madame Léotard, die uns beaufsichtigte, bemerkte schließlich diese
Veränderung in unserem Verhalten zueinander. Und da ihr natürlich mein
fremdes Wesen zuerst auffiel, vor allem meine Verlassenheit, so wandte
sie sich ohne weiteres an die Prinzeß und schalt sie sehr, weil sie mit
mir nicht umzugehen verstünde. Die Prinzeß runzelte die Stirn, zuckte
mit den Schultern und erklärte darauf, sie könne mit mir nichts
anfangen, zu spielen verstände ich nicht, ich dächte immer Gott weiß
woran, sie aber werde lieber auf den Bruder warten, der bald aus Moskau
zurückkehren müsse, dann könne sie mit ihm ganz anders spielen, mit ihm
sei es viel lustiger.
Doch Madame Léotard begnügte sich nicht mit dieser Antwort, sie hielt
ihr vor, daß sie mich allein sitzen lasse und nicht bedenke, daß ich
noch krank wäre, deshalb könne ich auch nicht so lustig und ausgelassen
sein wie sie, Katjä, was übrigens auch viel besser sei, denn das, was
Katjä anrichte, sei unerhört, sie habe dies verbrochen und jenes
angestiftet und vorvorgestern hätte die Bulldogge sie deshalb zur Strafe
fast aufgefressen. Kurz, Madame Léotard schalt ohne Nachsicht und schloß
ihre Strafpredigt damit, daß sie sie zu mir schickte, mit der Weisung,
sich sogleich mit mir zu versöhnen.
Katjä hatte die Standrede mit großer Aufmerksamkeit angehört, als sage
man ihr nun wirklich etwas Neues, und es schien ihr einzuleuchten, daß
in diesem Neuen etwas richtig und gerecht war. Sie ließ ihren Reifen,
den sie durch das Zimmer gerollt hatte, liegen, trat auf mich zu, sah
mich ernst an und fragte etwas ungläubig:
„Willst du denn spielen?“
„Nein,“ sagte ich schnell, noch erschrocken von der Standrede der Madame
Léotard.
„Was willst du denn?“
„Ich werde hier sitzen, denn mir fällt das Laufen schwer. Nur sei mir
deshalb nicht böse, Katjä, ich habe dich sehr lieb.“
„Nun gut, dann werde ich allein spielen,“ sagte sie langsam, gleichsam
überlegend und als wundere sie sich darüber, wenn sich jetzt beinahe
herausstellte, daß sie an gar nichts schuld wäre. „Nun denn, adieu, ich
werde dir nicht böse sein.“
„Adieu,“ sagte ich, stand auf und reichte ihr die Hand.
„Vielleicht wollen wir uns küssen?“ fragte sie nach kurzem Nachdenken –
wohl in der Erinnerung an jenen Kußzwischenfall und zugleich, um mir
etwas Angenehmes zu erweisen und dadurch schneller den Zwist mit mir
beizulegen.
„Wie du willst,“ sagte ich in scheuer Hoffnung.
Sie trat an mich heran und küßte mich todernst, ohne auch nur im
geringsten zu lächeln. Und als sie so alles getan, was man von ihr
verlangte, ja sogar noch mehr als das, nur um einem armen Mädchen ein
Vergnügen zu bereiten, da lief sie zufrieden und froh von mir fort, und
bald hörte man wieder in allen Zimmern ihr Lachen und Tollen, bis sie
sich erschöpft und atemlos auf einen Diwan warf, um sich zu erholen und
neue Kräfte zu sammeln. Dann sah sie mich aber doch die ganze Zeit
mißtrauisch an, da ich ihr offenbar wunderlich erschien. Es war, als
hätte sie gern mit mir gesprochen, als hätte sie gern gewisse Fragen,
die ihr in bezug auf mich durch den Sinn fuhren, beantwortet, aber ich
weiß nicht, weshalb sie diesmal nicht fragte und sich bezwang.
Katjä lernte gewöhnlich morgens. Madame Léotard unterrichtete sie nur in
der französischen Sprache. Der ganze Unterricht bestand im Wiederholen
der Grammatik und im Lesen der Fabeln von Lafontaine. Man unterrichtete
sie deshalb nur in diesem Fach, weil es ohnehin schon schwer gewesen
war, sie dazu zu bewegen, wenigstens zwei Stunden täglich zu lernen. Auf
diesen Ausgleich war sie schließlich nur auf Bitten des Vaters
eingegangen, und auf Befehl der Mutter. Ihr Versprechen aber erfüllte
sie sehr gewissenhaft. Sie war außerordentlich begabt, sie begriff
leicht und behielt das Begriffene. Aber auch in der Art ihres Lernens
hatte sie ihre kleinen Eigenheiten: wenn sie z. B. irgend etwas einmal
nicht sofort begriff, dann begann sie gleich selbst nachzudenken, denn
eher tat sie alles Mögliche, als daß sie andere um eine Erklärung dessen
bat, was sie sich selbst mit eigenem Verstande nicht zu erklären
vermochte, – sie schien sich dann einfach zu schämen. Ja, es soll sogar
vorgekommen sein, daß sie sich tagelang mit einer Frage gequält und über
sich selbst geärgert hatte, weil sie sie nicht ohne fremde Hilfe
beantworten konnte: denn nur im äußersten Fall, wenn sie schon ganz müde
geworden war vom Denken, ging sie zu Madame Léotard und bat sie, ihr die
Sache zu erklären, der ihr eigener Verstand noch nicht gewachsen war.
Und so war sie in allem. Sie hatte schon viel nachgedacht, was man ihr
freilich auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Und doch konnte
sie mitunter noch furchtbar naiv sein: zuweilen stellte sie für ihr
Alter unglaublich dumme Fragen, und zuweilen wiederum verrieten ihre
Antworten die spitzfindigste Schlauheit und das weitsichtigste, feinste
Verständnis.
Da ich mit der Zeit auch zu lernen anfangen konnte, so nahm mich Madame
Léotard eines Tages gewissermaßen ins Verhör, und nachdem sie
festgestellt, daß ich schon sehr gut las, aber noch sehr schlecht
schrieb, erklärte sie, es sei nun die höchste Zeit und die größte
Notwendigkeit, daß ich mit dem Französischen anfinge.
Ich widersprach natürlich nicht und am nächsten Vormittage setzten wir
uns, Katjä und ich, an den Lerntisch zu beiden Seiten von Madame
Léotard. Unglücklicherweise war Katjä gerade an diesem Tage so zerstreut
und auch schwerfällig im Begreifen, daß Madame Léotard sie gar nicht
wiedererkannte. Ich aber lernte im Nu das französische Alphabet, denn
ich hatte nur den einen Wunsch, es Madame Léotard recht zu machen. Sie
aber ärgerte sich die ganze Zeit über Katjä und zum Schluß wurde sie so
böse, daß sie sie heftig schalt:
„Nehmen Sie sich an ihr ein Beispiel,“ sagte sie, auf mich weisend, „ein
noch halbkrankes Kind lernt zum erstenmal und hat in einer Stunde
zehnmal mehr begriffen als Sie. Schämen Sie sich!“
„Sie weiß mehr als ich?“ fragte Katjä verwundert, „aber sie lernt doch
erst das Alphabet!“
„In wieviel Stunden haben Sie das Alphabet gelernt?“
„In drei.“
„Und sie in einer einzigen. Folglich begreift sie dreimal schneller als
Sie und wird Sie im Nu überholen. Das sehen Sie doch ein?“
Katjä dachte einen Augenblick nach und plötzlich wurde sie feuerrot.
Überhaupt war Erröten, Beschämtsein – das erste bei ihr, gleichviel ob
es sich um einen Mißerfolg, einen Ärger, um eine Kränkung handelte oder
ob man sie bei einer Unart ertappte und schalt. Diesmal traten ihr fast
Tränen in die Augen, aber sie schwieg und sah mich nur einmal so an, als
wolle sie mich verbrennen mit ihrem Blick. Da erriet ich, was sie
empfand. Die Arme war über alle Maßen stolz und ehrgeizig!
Als wir Madame Léotard verließen, versuchte ich, ein Gespräch mit ihr
anzuknüpfen, um ihren Ärger zu verscheuchen und zu zeigen, daß es mich
nichts anging, was die Französin sagte, aber Katjä schwieg, als hätte
sie mich überhaupt nicht gehört.
Etwa nach einer Stunde kam sie in das Zimmer, wo ich mit einem Buch saß,
jedoch ohne zu lesen, denn ich dachte die ganze Zeit nur an Katjä – ich
war doch noch zu bestürzt und erschrocken bei dem Gedanken, der nicht
von mir wich, daß Katjä nun wieder nicht mit mir sprechen wollte.
Sie sah mich finster an, setzte sich wie gewöhnlich auf den Diwan und
betrachtete mich eine gute halbe Stunde. Länger hielt ich es nicht aus:
ich hob den Kopf und sah sie fragend an.
„Kannst du tanzen?“ fragte sie mich darauf.
„Nein.“
„Aber ich.“
Schweigen.
„Kannst du denn Klavier spielen?“
„Nein, auch nicht.“
„Aber ich spiele. Das ist sehr schwer zu erlernen.“
Ich schwieg.
„Madame Léotard sagt, du seist klüger als ich.“
„Madame Léotard war nur böse auf dich,“ sagte ich.
„Wird Papa auch böse sein?“
„Das weiß ich nicht,“ antwortete ich.
Wieder Schweigen. Plötzlich stampfte die Prinzeß ungeduldig mit dem Fuß
auf.
„So wirst du jetzt über mich lachen, weil du schneller begreifen kannst
als ich?“ rief sie, unfähig ihren Ärger zu verbergen.
„Ach nein, nein!“ Ich sprang auf, um zu ihr zu laufen und sie zu
umarmen.
„Und Sie schämen sich nicht, so etwas zu denken und so zu fragen,
Prinzeß?“ ertönte plötzlich die Stimme der Madame Léotard, die uns schon
eine Weile aus dem anderen Zimmer beobachtet und das Gespräch gehört
hatte. „Schämen Sie sich! Sie beneiden das arme Kind und prahlen vor
ihr, daß Sie tanzen und Klavier spielen können. Wie häßlich von Ihnen!
Ich werde alles dem Fürsten erzählen.“
Die Prinzeß errötete.
„Das war schlecht von Ihnen. Sie haben Sie mit Ihren Fragen absichtlich
gekränkt. Ihre Eltern waren arm und konnten keine Gouvernanten für sie
halten; sie hat alles aus sich selbst gelernt, weil sie ein kluges Kind
ist. Sie sollten Sie lieben und gut zu ihr sein, Sie aber wollen mit ihr
nur streiten und sie kränken. Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Sie
ist doch eine Waise! Sie hat keinen Menschen, der ihr nahe steht. Es
fehlte nur noch, daß Sie auch damit zu prahlen anfangen, daß Sie eine
Prinzeß sind und sie nicht. Ich lasse Sie allein. Denken Sie darüber
nach, was ich Ihnen gesagt habe und bessern Sie sich.“
Die Prinzeß dachte genau zwei Tage nach. Zwei Tage lang hörte man sie
weder lachen noch tollen. In der Nacht hörte ich, wie sie sogar im Traum
mit Madame Léotard stritt. Ja, es schien fast, als magere sie ein wenig
ab in diesen zwei Tagen, wenigstens wurde ihr zartes Gesichtchen
merklich bleicher. Am dritten Tage begegneten wir uns zufällig unten in
den großen Räumen. Die Prinzeß kam von der Mutter und als sie mich
erblickte, blieb sie stehen und setzte sich nicht weit von mir auf einen
Stuhl. Ich erwartete mit Bangen, was nun kommen würde.
„Njetotschka, weshalb hat man mich deinetwegen gescholten?“ fragte sie
plötzlich.
„Oh, das geschah nicht meinetwegen, Katenjka[2],“ sagte ich schnell, wie
um mich zu rechtfertigen.
„Aber Madame Léotard sagt doch, ich hätte dich beleidigt.“
„Nein, Katenjka, du hast mich nicht beleidigt.“
Die Prinzeß zuckte mit der Achsel – ein Zeichen, daß sie mich nicht
verstand.
„Warum weinst du denn immer?“ fragte sie nach kurzem Schweigen.
„Ich werde nicht mehr ... wenn du es nicht willst,“ sagte ich und die
Tränen traten mir schon in die Augen.
Sie hatte dafür wieder nur ein Achselzucken.
„Hast du auch früher immer geweint?“
Ich antwortete nicht.
„Warum lebst du bei uns?“ fragte sie plötzlich, wieder nach neuem kurzem
Schweigen.
Ich sah sie verwundert an und fühlte so etwas wie einen Stich ins Herz.
„Weil ich eine Waise bin,“ sagte ich schließlich, nachdem ich mich
zusammengenommen.
„Hattest du Eltern?“
„Ja.“
„Nun, und – die haben dich nicht geliebt?“
„Nein ... sie liebten mich,“ antwortete ich mit Mühe.
„Sie waren aber arm?“
„Ja.“
„Sehr arm?“
„Ja.“
„Und bei denen hast du nichts gelernt?“
„Nur lesen.“
„Hattest du Spielsachen?“
„Nein.“
„Hattest du Kuchen?“
„Nein.“
„Wieviel Zimmer hattet ihr?“
„Ein Zimmer.“
„Nur ein Zimmer?“
„Ja.“
„Und hattet ihr Dienstboten?“
„Nein, wir hatten keine Dienstboten.“
„Aber wer hat euch denn bedient?“
„Ich ging selbst ... einkaufen ...“
Die Fragen der Prinzeß zerrissen mir immer mehr das Herz. Dazu kamen die
Erinnerungen ... und meine Verlassenheit und die Verwunderung der
Prinzeß – all das traf und verletzte mein Herz, daß es wie aus Wunden
blutete. Ich zitterte fieberhaft vor Erregung und die Tränen drohten
mich zu ersticken.
„Dann bist du wohl froh, daß du bei uns wohnst?“
Ich schwieg.
„Hattest du schöne Kleider?“
„Nein.“
„Schlechte?“
„Ja.“
„Ich habe dein Kleid gesehn, man hat es mir gezeigt.“
„Warum fragst du mich dann noch?“ rief ich aufstehend, erschüttert von
einem neuen, noch nie empfundenen Gefühl, „warum fragst du dann noch?“
fuhr ich fort, und das Blut stieg mir vor Unwillen heiß ins Gesicht.
„Warum lachst du über mich?“
Die Prinzeß war gleichfalls errötet und erhob sich auch, aber sie
beherrschte sich schnell.
„Nein ... ich lache nicht,“ sagte sie. „Ich wollte nur wissen, ob es
wahr ist, daß deine Eltern arm waren?“
„Warum fragst du mich nach meinen Eltern?“ rief ich und Tränen rollten
mir über die Wangen vor Seelenschmerz. „Warum fragst du mich _so_ nach
ihnen? Was haben sie dir getan, Katjä?“
Katjä stand betreten vor ihrem Stuhl und wußte nicht, was sie antworten
sollte. Da trat der Fürst ins Zimmer.
„Was fehlt dir, Njetotschka?“ fragte er, als er meine Tränen bemerkte.
„Was fehlt dir, weshalb weinst du?“ fragte er nochmals und sah Katjä an,
die feuerrot geworden war. „Wovon spracht ihr? Worüber habt ihr
gestritten? Njetotschka, worüber weinst du?“
Ich konnte nicht antworten, aber ich ergriff die Hand des Fürsten und
küßte sie unter Tränen.
„Katjä, sag du, und sprich die Wahrheit: was ist hier vorgefallen?“
Katjä verstand nicht zu lügen.
„Ich sagte ihr, daß ich gesehen habe, was für ein schlechtes Kleid sie
trug, als sie noch bei ihrem Papa und ihrer Mama lebte.“
„Wer hat es dir gezeigt? Wer hat es dir zu zeigen gewagt?“
„Ich habe es selbst gesehen!“ sagte Katjä in bestimmtem Tone.
„Nun gut! Ich kenne dich, du willst niemanden angeben. Und was weiter?“
„Und dann fing sie an zu weinen und fragte: warum ich mich über ihren
Papa und ihre Mama lustig gemacht?“
Das hatte sie zwar nicht getan, aber offenbar war es ihre Absicht
gewesen, da auch ich es nach der ersten Frage so aufgefaßt hatte. Sie
antwortete dem Vater keine Silbe: und dies war ebenso gut wie ein
Geständnis.
„Du gehst sofort zu ihr und bittest sie um Verzeihung,“ befahl der
Fürst, auf mich weisend.
Die Prinzeß stand bleich und stumm und rührte sich nicht.
„Nun,“ sagte der Fürst.
„Ich will nicht,“ sagte Katjä schließlich halblaut, aber mit fest
entschlossener Miene.
„Katjä!“
„Nein, ich will nicht, ich will nicht!“ schrie sie plötzlich mit
blitzenden Augen und stampfte mit beiden Füßchen. „Ich will nicht, Papa,
ich will nicht um Verzeihung bitten. Ich liebe sie nicht. Ich will nicht
mit ihr zusammenwohnen ... Ich bin nicht schuld, daß sie den ganzen Tag
weint. Ich will nicht, ich will nicht!“
„Komm mit,“ sagte der Fürst, sie an der Hand fassend, um sie in sein
Kabinett zu führen. „Njetotschka, geh nach oben,“ wandte er sich zu mir.
Ich wollte ihn zurückhalten, wollte für Katjä um Verzeihung bitten, doch
der Fürst wiederholte streng seinen Befehl und ich ging nach oben,
eiskalt vor Schreck, wie eine Tote. In unserem Zimmer sank ich auf den
Diwan und umklammerte meinen Kopf mit den Händen. Ich zählte die
Minuten. Ich erwartete Katjä mit fiebernder Ungeduld, ich wollte mich
ihr zu Füßen werfen. Endlich kam sie: sie ging ohne ein Wort an mir
vorüber und setzte sich in den fernsten Winkel; Ihre Augen waren rot und
die Wangen geschwollen von Tränen. Da schwand meine ganze
Entschlossenheit. Ich sah sie angstvoll an und meine Angst lähmte mich.
Ich beschuldigte mich mit allen Fibern, ich mühte mich krampfhaft, mir
vor mir selbst zu beweisen, daß ich allein an allem schuld sei.
Tausendmal wollte ich zu Katjä gehen und tausendmal sank mir der Mut, da
ich nicht wußte, wie sie sich zu mir verhalten würde. So verging ein Tag
und noch einer. Am Abend dieses zweiten Tages wurde Katjä wieder
munterer und nahm sogar ihr Reifenspiel vor, doch bald ließ sie den
Reifen liegen und zog sich wieder in ihren Winkel zurück. Kurz bevor wir
zu Bett gingen, wandte sie sich plötzlich zu mir und kam sogar zwei
Schritte auf mich zu: ihre weichen Lippen zuckten, als setze sie zum
Sprechen an, aber sie blieb stehen, wandte sich wieder fort und ging zu
Bett. Nach diesem Tage verging noch ein Tag, und die erstaunte Madame
Léotard nahm Katjä zu guter Letzt ins Verhör: ob sie krank sei oder was
mit ihr geschehen, daß sie sich mit einemmal so still verhalte? Katjä
antwortete ausweichend irgend etwas, was ich nicht hören konnte, doch
kaum hatte Madame Léotard ihr den Rücken gekehrt, da wurde sie rot und
begann zu weinen. Sie lief aus dem Zimmer, um von mir nicht weinend
gesehen zu werden. Einmal aber mußte doch die Erlösung kommen; und dies
geschah denn auch am dritten Tage nach unserem Streit: nach dem Essen
kam sie in mein Zimmer und näherte sich mir zaghaft.
„Papa hat mir befohlen, dich um Verzeihung zu bitten,“ sagte sie. „Wirst
du mir verzeihen?“
Ich erfaßte schnell ihre beiden Hände und stieß in atemloser Hast
hervor:
„Ja! Ja!“
„Papa befahl mir, dich zu küssen, – wirst du mich küssen?“
Als Erwiderung auf ihre Frage küßte ich ihre Hände. Als ich aufsah,
bemerkte ich in ihrem Gesicht eine seltsame Bewegung. Ihre Lippen und
ihr Kinn bebten, in ihren Augen standen Tränen, aber sie unterdrückte
schnell ihre Erregung und flüchtig erschien sogar ein Lächeln auf ihren
Lippen.
„Ich werde gehen und Papa sagen, daß ich dich geküßt und um Verzeihung
gebeten habe,“ sagte sie leise, fast wie zu sich selbst. „Ich habe ihn
schon drei Tage nicht gesehen. Er sagte, ich dürfe nicht eher zu ihm
kommen, als bis ich sein Gebot erfüllt habe,“ fügte sie nach kurzem
Nachdenken hinzu.
Und sie ging zögernd und mit nachdenklichem Gesichtchen zum Vater, als
wäre sie selbst noch nicht sicher, wie nun der Empfang beim Vater
ausfallen würde.
Eine Stunde später hörte ich oben wieder den alten Lärm, Katjäs Lachen
und Laufen, Falstaffs Gebell, ja irgend etwas wurde umgeworfen und
zerschlagen, Bücher fielen von einem Tisch, der Reifen rollte wieder
federleicht durch alle Räume – kurz, ich hörte, daß Katjä sich mit dem
Vater versöhnt hatte, und mein Herz erbebte vor Freude.
Doch zu mir kam sie nicht und vermied es sichtlich, mit mir zu sprechen.
Dafür hatte ich die Ehre, in hohem Maße ihre Neugier zu erregen. Immer
öfter setzte sie sich mir gegenüber, um mich in Ruhe zu betrachten. Und
ihre Beobachtungen wurden immer naiver. Das verwöhnte, eigenwillige
Kind, das von allen im Hause verzogen und gehätschelt und wie ein
kostbarer Schatz gehegt wurde, konnte es nicht begreifen, wie es kam,
daß ich schon ein paarmal auf ihrem Wege mit ihr zusammengestoßen war,
während sie das gar nicht gewollt hatte. Sie hatte aber ein gutes,
prächtiges Herzchen, das allein schon mit seinem guten Instinkt immer
den richtigen Weg fand. Den größten Einfluß auf sie hatte der Vater, den
sie geradezu vergötterte. Von der Mutter wurde sie bis zum Wahnsinn
geliebt, nur war die Mutter gleichzeitig unglaublich streng, und von ihr
hatte Katjä den Eigensinn, den Stolz und die Charakterfestigkeit geerbt,
dafür aber mußte sie auch alle Launen der Mutter ertragen, obschon diese
oft in moralische Tyrannei ausarteten. Doch – sie ertrug sie. Die
Fürstin hatte eine sonderbare Auffassung von dem, was Erziehung ist, und
so war Katjäs Erziehung eine eigenartige Mischung von grenzenloser
Verwöhnung und unerbittlicher Strenge. Was gestern erlaubt war, war
heute plötzlich verboten, und zwar ganz grundlos, so daß das
Gerechtigkeitsgefühl im Kinde völlig mißachtet und ständig verletzt
wurde ... Doch davon später. Ich will hier nur bemerken, daß das Kind
sein Verhalten zu den Eltern danach richtete. Dem Vater gegenüber war
sie ganz so, wie sie war, sie gab sich ihm rückhaltlos, mit vollen
Händen: da war in ihrem Wesen nichts Verborgenes, nichts
Zurückhaltendes. Im Verkehr mit der Mutter dagegen war sie das gerade
Gegenteil: verschlossen, mißtrauisch und widerspruchslos gehorsam. Aber
ihr Gehorsam war nicht aufrichtig, sie gehorchte nicht aus Überzeugung,
sondern sozusagen einem notwendigen System gemäß. Ich werde später noch
darauf zurückkommen und mich dann klarer auszudrücken versuchen.
Übrigens sei es hier noch zur besonderen Ehre meiner Katjä gesagt, daß
sie schließlich ihre Mutter vollkommen verstand, und wenn sie ihr
gehorchte, so tat sie das schon mit der vollen Erkenntnis der
grenzenlosen Mutterliebe, die die Fürstin zu ihr hatte und die sich bis
zur krankhaften Exaltation steigern konnte – dem aber trug die Prinzeß
in nachsichtiger Großmut Rechnung. Leider sollte dies später ihrem
heißen Köpfchen wenig helfen!
Doch ich habe fast noch gar nicht erwähnt, was in mir vorging.
Ein neues, mir unerklärliches Gefühl erregte mich damals in einer ganz
ungewohnten Weise und ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, daß ich
unter diesem neuen Gefühl wie unter einer Pein litt. Kurz – man verzeihe
mir das Wort, aber – ich war in meine Katjä verliebt. Ja, das war
Verliebtheit, richtige Verliebtheit, Verliebtheit mit Tränen und
Entzücken, leidenschaftliche Verliebtheit! Was zog mich so zu ihr?
Woraus entstand diese meine Liebe? Sie begann mit dem ersten Blick auf
Katjä, als alle meine Sinne plötzlich so – so süß betroffen wurden von
dieser Schönheit. Alles an ihr war schön: keine einzige ihrer schlechten
Eigenschaften war angeboren, – alle waren sie nur angenommen und alle
standen sie mit ihrem Instinkt auf Kriegsfuß. Aus allem ersah man die
gute Veranlagung, die nur zeitweilig eine falsche Form annehmen konnte,
doch alles an ihr, angefangen mit jenem inneren Kampf, leuchtete in
froher Zuversicht, alles versprach, in Zukunft Schönheit zu sein. Alle
Menschen hatten Freude an ihr, alle liebten sie, verwöhnten sie. Wenn
man uns spazieren führte – gewöhnlich gegen drei Uhr – blieben die
Menschen, die uns begegneten und sie erblickten, beinahe betroffen
stehen, und nicht selten hörten wir hinter uns einen Ausruf der
Bewunderung. Sie war zum Glücklichsein geboren, sie mußte dazu geboren
sein – das war die erste Empfindung eines jeden, der sie sah. Vielleicht
hatte sich damals, als ich aus tiefem Schlaf erwachte und sie erblickte,
zum erstenmal mein ästhetisches Empfinden geregt, war mein Gefühl für
das Schöne durch ihre Schönheit erweckt worden, – und dies wird wohl die
ganze Ursache meiner Liebe gewesen sein.
Der größte Fehler der Prinzeß – oder richtiger der Grundzug ihres
Charakters, der sich gewaltsam in seine natürliche Form prägen wollte
und sich deshalb naturgemäß in einem unnormalen, eben in einem
Kampfzustand befand – war _Stolz_. Dieser Stolz erstreckte sich bis in
naive Kleinigkeiten, schlug oft in Eigenliebe um und wurde zu einer
unbewußten Überhebung, so daß z. B. Widerspruch, gleichviel welcher Art,
sie nicht kränkte und auch nicht einmal ärgerte, sondern nur in
Verwunderung setzte. Sie begriff nicht, wie etwas anders sein konnte,
als wie sie es wünschte. Aber das Gerechtigkeitsgefühl siegte doch immer
in ihrem Herzen. Wenn sie sich einmal überzeugt hatte, daß sie wirklich
unrecht getan, dann fügte sie sich ohne zu murren und mit fester
Entschlossenheit dem Urteilsspruch ihrer Erzieher. Daß sie aber anfangs
im Verkehr mit mir sich selbst nicht immer ganz treu blieb, erkläre ich
mir mit ihrer unüberwindlichen Abneigung, die zeitweilig die Geradheit
und Einheit ihres ganzen Wesens störte. Anders aber konnte es wohl gar
nicht sein: sie war viel zu leidenschaftlich in ihren Empfindungen, und
so waren es immer erst die Zusammenstöße mit der Wirklichkeit, die ihr
allmählich die Augen öffneten und sie auf den richtigen Weg
zurückführten. Alles, was sie unternahm und anfing, hatte ein gutes
Endergebnis, doch wurden diese Endergebnisse regelmäßig mit
fortwährenden Abweichungen und unter ständigen Verirrungen erkauft.
Katjä hatte mich bald genügend beobachtet und entschloß sich deshalb,
mich fortab in Ruhe zu lassen. Sie tat, als wäre ich überhaupt nicht da.
Sie sprach mit mir kein überflüssiges Wort, ja fast nicht einmal das
Notwendige. An ihren Spielen beteiligte ich mich nicht mehr – doch hatte
sie mich nicht etwa mit Gewalt verdrängt, sondern es so geschickt
einzurichten verstanden, daß es den Anschein hatte, als wäre ich selbst
damit einverstanden gewesen. Der Unterricht wurde fortgesetzt, aber wenn
man mich ihr noch wegen meiner Aufmerksamkeit und meines schnellen
Begreifens als Beispiel vorhielt, so würdigte sie mich nicht mehr der
Ehre, sich dadurch in ihrer Eigenliebe gekränkt zu fühlen, obschon diese
Eigenliebe eine höchst peinlich ausgeprägte war – eine so heikele, daß
sogar unsere Bulldogge, Sir John Falstaff, sie verletzen konnte.
Falstaff war ein kaltblütiger Phlegmatiker, dabei aber böse wie ein
Tiger, ja wenn man ihn reizte, ging er sogar so weit, daß er nicht
einmal mehr seinem Herrn gehorchte. Und noch ein bedeutsamer
Charakterzug: er liebte entschieden keinen einzigen Menschen im ganzen
Hause; sein größter Feind aber war zweifellos die alte Prinzessin, die
Tante des Fürsten ... Doch davon später. Die ehrgeizige Katjä gelüstete
es nun eines Tages, den unfreundlichen Falstaff zu besiegen. Es war ihr
unangenehm, daß es ein Wesen gab, sei es auch nur ein vierbeiniges, das
ihre Autorität nicht anerkannte, sich ihr nicht unterwarf, ja, sie nicht
einmal liebte. So beschloß denn die Prinzeß, Falstaff anzugreifen. Sie
wollte über alle herrschen – warum sollte nun Falstaff allein ungestört
seine Freiheit genießen dürfen? Aber die unbeugsame Bulldogge ergab sich
ihr doch nicht.
Es war einmal nach dem Essen, wir saßen beide unten im großen Saal,
während Falstaff mitten im Saal auf der Diele lag und faul seine
Nachmittagssiesta genoß. Da fiel es der Prinzeß plötzlich ein, ihn sich
unterwerfen zu wollen. Sie ließ ihr Spiel liegen und begann sogleich mit
dem Versuch, sich Falstaff zu nähern: vorsichtig, auf den Fußspitzen
schleichend, umschmeichelte sie Falstaff mit den zärtlichsten Kosenamen,
winkte liebevoll beschwichtigend mit der Hand und ging immer näher,
immer näher. Falstaff aber zeigte schon von ferne seine furchtbaren
Zähne. Prinzeßchen blieb stehen. Ihr ganzes Vorhaben bestand ja nur
darin, zu Falstaff zu gelangen und ihn einmal zu streicheln – eine
Kühnheit, die er bisher noch keinem gestattet hatte, außer der Fürstin –
und ihn dazu zu bringen, daß er ihr folge. Das war nun eine schwere
Aufgabe, verbunden mit einer ernsten Gefahr, denn Falstaff hätte sich
keineswegs gescheut, ihr eine Hand abzubeißen oder auch das ganze
Prinzeßchen zu zerfleischen. Er war stark wie ein Bär und ich verfolgte
von meinem Platze aus nicht grundlos mit angstvoller Spannung Katjäs
Vorgehen. Ich wußte, wie schwer es war, sie zum Verzicht auf eine
Absicht, wenn sie sich eine solche einmal in den Kopf gesetzt, zu
bewegen, und selbst das Gebiß Falstaffs, das dieser ihr in äußerst
unmanierlicher Weise zeigte, war für sie noch kein genügendes Argument.
Sie begriff nur, daß sie sich doch nicht so geradeswegs ihm nähern
konnte und änderte nach kurzem Zögern ihre Taktik, indem sie nun im
Kreise um ihn herumging und diese Kreise immer enger machte. Als sie
aber bei der dritten Umkreisung der Grenze zu nahe kam, die Falstaff als
nächste und eben noch erlaubte Distanz zu sich nicht überschritten
wissen wollte, da zeigte er wieder die Zähne. Die Prinzeß stampfte mit
den Füßchen auf, kehrte ihm geärgert den Rücken und setzte sich aufs
Sofa, um nachzudenken.
Da fiel ihr nach einigen Minuten ein neues Mittel ein; sie verließ
sofort den Saal und kehrte mit einem ganzen Vorrat von Kringeln, Kuchen
und Pasteten zurück – kurz, sie änderte die Waffen. Doch auch die neuen
Waffen ließen Falstaff völlig kalt, wohl weil er ohnehin schon viel zu
satt war. Den Kringel, den sie ihm zuwarf, würdigte er nicht einmal
eines Blickes; und als die Prinzeß wieder an der besagten äußersten
Grenze anlangte, erfolgte ein diesmal noch energischerer Protest: er
erhob den Kopf, zeigte die Zähne, knurrte und machte eine Bewegung, als
wolle er gleich aufspringen. Die Prinzeß wurde rot vor Zorn, ließ den
ganzen Vorrat liegen und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Sie war sichtlich sehr erregt. Ihr kleiner Fuß schlug ununterbrochen auf
den Teppich, ihre Wangen glühten und in die Augen traten fast Tränen vor
Ärger. Da geschah es, daß sie plötzlich meinen Blick auffing – alles
Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Sie sprang auf und ging mit
entschlossenen Schritten gerade auf die furchtbare Dogge zu.
Vielleicht war es diesmal die Überraschung, die Falstaff lähmte. Er ließ
den Feind die Grenze überschreiten, und erst als sie nur noch zwei
Schritte von ihm entfernt war, empfing er die Unbedachte mit dem
unheimlichsten Knurren. Katjä blieb für eine Sekunde stehen –, aber nur
für eine Sekunde –: dann trat sie entschlossen vorwärts. Ich erstarb vor
Schreck. Sie war aber so beseelt von ihrem Entschluß, wie ich sie noch
nie gesehen hatte: ihre Augen blitzten in trotziger Siegesgewißheit. Sie
hätte ein entzückendes Modell für einen Künstler abgegeben. Mutig
widerstand sie dem drohenden Blick des bösen Tieres, und auch sein
unheimliches Gebiß schreckte sie nicht ab. Die Dogge hob den Kopf. Aus
der breiten Brust kam ein unheildrohendes Knurren – im nächsten Moment,
so schien es, werde das Tier sie zerfleischen. Doch die Prinzeß legte
stolz ihre kleine Hand auf seinen Rücken und streichelte ihm
dreimal über das Fell. Einen Augenblick verharrte Falstaff in
Unentschlossenheit. Dieser Augenblick war der furchtbarste: dann stand
das Tier schwerfällig auf, streckte sich und verließ in phlegmatischer
Ruhe den Saal, vermutlich in der Erwägung, daß mit Kindern zu kämpfen
sich doch nicht lohne. Die Prinzeß blieb triumphierend auf dem eroberten
Platz stehen und warf mir nur einen unbeschreiblichen Blick zu, einen
siegesgesättigten, siegesberauschten Blick. Ich war noch bleich wie ein
Handtuch. Sie bemerkte das und lächelte. Aber da breitete sich mit
einemmal auch über ihr Gesichtchen Totenblässe. Kaum konnte sie noch bis
zum Sofa gehen, auf das sie nahezu ohnmächtig niedersank.
Doch meine Liebe zu ihr kannte keine Grenzen. Seit diesem Tage, wo ich
eine solche Angst um sie ausgestanden, konnte ich mich nur noch mit Mühe
beherrschen. Ich verging vor Sehnsucht, tausendmal wollte ich mich ihr
an den Hals werfen, aber eine unerklärliche Scheu hielt mich regungslos
und wie gebannt auf meinem Platz zurück. Ich erinnere mich noch, daß ich
ein Zusammensein mit ihr absichtlich zu vermeiden suchte, damit sie
meine Erregung nicht sähe; trat sie aber zufällig in das Zimmer, in das
ich mich zurückgezogen hatte, dann fuhr ich zusammen und mein Herz
begann so stark zu pochen, daß ich wie von einem Schwindel erfaßt wurde.
Ich glaube, dies alles entging Katjä nicht, und nachdem sie es bemerkt
hatte, war sie die nächsten zwei Tage, wie mir schien, etwas verwirrt.
Bald aber hatte sie sich auch damit abgefunden. So verging ein ganzer
Monat, in dem ich einsam litt. Meine Gefühle besitzen eine gewisse
unerklärliche Dehnbarkeit, wenn man sich so ausdrücken kann; meine Natur
ist bis zur letzten Möglichkeit geduldig, so daß ein plötzlicher
Ausbruch der Gefühle nur im wirklich äußersten Fall eintritt. Man muß
nämlich wissen, daß Katjä und ich in dieser ganzen Zeit kaum fünf Worte
miteinander gewechselt haben. Nach und nach wurde es mir aber infolge
gewisser Anzeichen immer klarer, daß ihr Verhalten zu mir nicht auf
Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit zurückzuführen sei, sondern daß es
nur eine absichtliche Fernhaltung ihrerseits war: ganz als habe sie sich
das Wort gegeben, mich in gewissen Schranken zu halten. Doch ich schlief
schon nicht mehr in den Nächten und am Tage konnte ich meine Verwirrung
selbst vor Madame Léotard nicht verbergen. Meine Liebe zu Katjä verstieg
sich bis zu Seltsamkeiten: so nahm ich einmal heimlich ihr Taschentuch,
ein anderes Mal ihr Haarband an mich, und diese Gegenstände küßte ich
dann nachts unter Tränen. Anfangs kränkte mich ihre Gleichgültigkeit so
sehr, daß ich mich wirklich verletzt fühlte; hernach aber war alles in
mir verwirrt und ich konnte mir selbst nicht mehr über meine
Empfindungen Rechenschaft geben. So kam es, daß meine alten Eindrücke
allmählich von den neuen verdrängt wurden, und die Erinnerung an mein
früheres trauriges Leben verlor mit der Zeit ihre krankhafte Intensität,
da sie der neuen Wirklichkeit weichen mußte.
Ich weiß noch, wenn ich in der Nacht erwachte, stand ich bisweilen leise
auf und schlich auf den Fußspitzen zum Bett der Prinzeß. Stundenlang
konnte ich dann stehen und die Schlafende in dem milden Licht unserer
Nachtlampe betrachten. Manchmal setzte ich mich sogar auf ihr Bett und
beugte mich über ihr Gesicht, und ihr warmer regelmäßiger Atem berührte
mich wie ein traumhaft sanftes Wehen. Leise, bebend vor Unsicherheit,
küßte ich dann wohl oft ihre Händchen, ihre kleinen Schultern, Wangen,
auch ihr Füßchen küßte ich, wenn die Decke sich verschoben hatte und das
Füßchen hervorsah. Bald glaubte ich zu bemerken – ich beobachtete sie
doch unausgesetzt, wenn auch heimlich – daß sie von Tag zu Tag mehr
nachsann und ihr Charakter seine frühere gefestigte Gleichmäßigkeit
eingebüßt hatte: es kam vor, daß wir sie oft einen ganzen Tag nicht
tollen hörten, dann aber machte sie wieder solchen Lärm, wie ich ihn
zuvor noch nie gehört. Sie wurde reizbar, anmaßend, sie wurde
abwechselnd bleich und rot und trieb es mit mir oft bis zu kleinen
Grausamkeiten: bald wollte sie plötzlich nicht gleichzeitig mit mir
essen und nicht neben mir sitzen, ganz als flöße ich ihr Abscheu ein;
bald ging sie zur Mutter und saß dort fast ganze Tage, obschon sie genau
wußte, wie sehr die Sehnsucht nach ihr mich verzehrte; bald wiederum
setzte sie sich mir gegenüber und betrachtete mich stundenlang, so daß
ich vor tödlicher Verwirrung nicht wußte, wo ich mich lassen sollte, nur
immer errötete und erbleichte und doch nicht aus dem Zimmer zu gehen
wagte. Zweimal hatte Katjä sich bereits über Fieber beklagt, während man
sie früher nie krank gesehen hatte. Da erfolgte eines Morgens eine
besondere und bedeutungsvolle Wandlung: auf unbedingten Wunsch der
Prinzeß zog sie nämlich nach unten zur Mutter, die fast ohnmächtig wurde
vor Angst, als Katjä über Erkältung klagte. Ich muß bemerken, daß die
Fürstin mit mir sehr unzufrieden war und die ganze Veränderung, die sie
an Katjä bemerkte, meinem schädlichen Einfluß zuschrieb, oder doch dem
Einfluß meines „düsteren Charakters“, wie sie sich ausdrückte. Sie hätte
uns schon viel früher getrennt, doch hielt sie es für ratsamer, die
Trennung noch aufzuschieben, da sie damit, wie sie wußte, beim Fürsten
auf hartnäckigen Widerstand gestoßen wäre. Obschon der Fürst ihr in
allem ihren Willen ließ, konnte er bisweilen doch mit geradezu
eigensinniger Starrheit auf seinem Willen bestehen. Sie kannte den
Fürsten gut.
Dieser Umzug der Prinzeß machte mich so betroffen, daß ich eine ganze
Woche in der schrecklichsten Gemütsverfassung zubrachte. Ich quälte mich
mit meiner Sehnsucht nach ihr und zerbrach mir den Kopf über der Frage,
weshalb ich Katjä wohl solchen Abscheu einflößte. Meine Trauer darob
zerriß mir die Seele und das Gerechtigkeitsgefühl und ein bitterer
Unwille begann sich in meinem gekränkten Herzen zu erheben. Es entstand
plötzlich ein gewisser Stolz in mir, und wenn ich mit Katjä vor unserem
Spaziergang zusammentraf, dann sah ich sie so frei, so ernst an, so
anders als früher, daß es sie offenbar betroffen machte. Natürlich trat
diese meine Veränderung nur hin und wieder zutage, wie in sich
durchdringenden Ausbrüchen, dann aber tat mir das Herz von neuem weh und
der Schmerz wuchs und wuchs und ich wurde noch schwächer, noch
kleinmütiger als ich vorher gewesen war. Da, eines Morgens, zu meiner
größten, mich freudig verwirrenden Überraschung, kehrte die Prinzeß zu
uns nach oben zurück. Ihr erstes war, daß sie gleich unter unbändigem
Lachen Madame Léotard an den Hals flog und lachend erklärte, nun werde
sie wieder bei uns wohnen – dann grüßte sie mich mit einem Nicken, sah
aber schnell wieder fort und erbettelte sich die Erlaubnis, an diesem
Tage nichts lernen zu brauchen. Den ganzen Vormittag tollte sie umher.
Ich habe sie nie lebhafter und ausgelassener gesehen. Doch gegen Abend
wurde sie still, nachdenklich und wieder breitete eine gewisse
Traurigkeit einen Schatten über ihr reizendes Gesichtchen. Als die
Fürstin am Abend bei uns erschien, um nachzufragen, wie es ihr gehe, da
sah ich, daß Katjä sich aus allen Kräften bemühen mußte, froh und lustig
zu scheinen. Nachher aber, als wir allein zurückblieben, brach sie
plötzlich in Tränen aus. Ich war bestürzt. Die Prinzeß bemerkte, daß ich
sie beobachtete, und verließ das Zimmer. Es waren Anzeichen, daß eine
unerwartete Krisis sich in ihr vorbereitete. Die Fürstin beriet mit den
Ärzten, ließ sich von Madame Léotard jeden Tag ausführlich Bericht
erstatten, und wünschte, daß sie Katjä nicht aus den Augen ließ. Nur ich
ahnte den wahren Grund dieser Veränderung. Mein Herz begann vor Hoffnung
laut zu pochen.
In der Tat, unser kleiner Roman näherte sich der entscheidenden Wendung.
Am dritten Tage nach Katjäs Rückkehr zu uns nach oben fiel es mir auf,
daß sie mich den ganzen Vormittag mit so guten Augen ansah und so lange
ihre Blicke auf mir ruhen ließ ... Ein paarmal trafen sich unsere Blicke
und jedesmal erröteten wir und schlugen die Augen nieder, als schämten
wir uns. Da lachte zu guter Letzt Prinzeßchen auf und ging fort. Um drei
Uhr kleidete man uns für den Spaziergang an. Plötzlich trat Katjä an
mich heran.
„Dein Schuhband hat sich gelöst,“ sagte sie zu mir, „komm, ich werde es
zubinden.“
Ich wollte mich bücken, um selber die Schleife zu binden, tief errötend
darüber, daß Katjä nun endlich wieder etwas zu mir sprach, doch sie kam
mir zuvor.
„Gib her!“ sagte sie in lachender Ungeduld und kniete schnell nieder,
zog meinen Fuß zu sich und band die Schleife von neuem. Mir stockte der
Atem; ich wußte nicht, was tun, und ich empfand nur eine süße Wonne in
meiner Erschrockenheit. Als die Schleife fertig war, stand sie auf und
musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen.
„Da ist auch das Hälschen bloß,“ sagte sie, mit dem Finger an meinen
Hals tippend. „Nein, laß nur, ich werde es dir schon richtig binden.“
Ich widersprach nicht. Sie löste die Schleife meines Halstüchleins und
band es von neuem nach ihrem Geschmack.
„So kann man sich ja einen Husten holen,“ sagte sie mit einem
schelmischen Lächeln und aus ihren dunklen feuchten Augen streifte mich
ein spitzbübischer Blick.
Ich war wie von Sinnen: ich wußte nicht, wie mir geschah, noch was in
Katjä vorging. Zum Glück dauerte unser Spaziergang nicht lange, sonst
hätte ich es nicht ausgehalten und sie auf der Straße geküßt. Als wir
aber die Treppe hinaufstiegen, gelang es mir, sie heimlich auf die
Schulter zu küssen. Sie bemerkte es, zuckte zusammen, sagte jedoch kein
Wort. Am Abend wurde sie festlich angekleidet und nach unten geführt.
Bei der Fürstin waren Gäste. Doch noch am selben Abend stand dem ganzen
Hause eine große Aufregung bevor.
Katjä bekam einen Nervenanfall. Die Fürstin war außer sich vor Schreck.
Der Arzt kam und wußte nicht, was er sagen sollte. Man schrieb alles den
üblichen Kinderkrankheiten zu, auch dem Alter Katjäs, ich aber dachte
darüber ganz anders. Am nächsten Morgen erschien Katjä wieder so wie
immer, rosig, lustig, von unerschöpflicher Gesundheit, dafür aber mit
solchen Launen und Eigenheiten, wie sie noch niemand an ihr beobachtet
hatte.
Erstens wollte sie den ganzen Vormittag Madame Léotard nicht gehorchen.
Darauf erklärte sie mit einemmal, zur Großtante, der alten Prinzessin,
gehen zu wollen. Und richtig, diesmal wurde der Prinzeß der Zutritt zu
den Gemächern der Großtante gewährt, freilich ganz gegen die
Gepflogenheit der alten Dame, die ihre Großnichte gar nicht leiden
konnte, ewig an ihr etwas auszusetzen fand und sie gewöhnlich überhaupt
nicht sehen wollte – diesmal aber, wie gesagt, entschloß sie sich, Gott
weiß weshalb, sie zu empfangen. Anfangs ging auch alles gut, die erste
Stunde verlief im schönsten Frieden, denn dem Schelm war es plötzlich
eingefallen, für alle ihre Ungezogenheiten, den verursachten Lärm und
alle Störungen freiwillig um Verzeihung zu bitten. Und die Großtante
verzieh ihr auch feierlich und sichtlich tief gerührt. Das war aber der
Spitzbübin noch zu wenig. Und es fiel ihr ein, auch solche Streiche zu
beichten, die sie noch gar nicht verbrochen hatte, die vorerst nur als
Pläne in ihrem Köpfchen lebten. So nahm sie den Ausdruck einer
reumütigen Büßerin an und beichtete, daß die fromme Dame ob solchen
Insichgehens anfangs ganz verzückt war, denn es schmeichelte ihrer
Eigenliebe nicht wenig, über Katjä diesen Sieg davonzutragen, über
Katjä, den Abgott des ganzen Hauses, den Liebling aller Menschen, deren
Launen gegenüber sogar die Fürstin machtlos war.
Katjä gestand also, daß sie die Absicht gehabt habe, eine Visitenkarte
an das Kleid der Großtante zu kleben; dann – Falstaff unter ihrem Bett
zu verbergen; dann – ihre Brille zu zerbrechen; dann – alle ihre frommen
Bücher fortzuschleppen und an deren Stelle die französischen Romane der
Mama zu legen; dann – Knallerbsen in ihren Zimmern auszustreuen; dann –
ein Spiel Karten in ihre Tasche zu stecken, usw., usw. Kurz, eine Sünde
war schlimmer als die andere. Die Großtante wurde starr und bleich und
schließlich gelb vor Ärger – bis Katjä zuletzt doch nicht mehr an sich
halten konnte, in tolles Lachen ausbrach und wie ein Wirbelwind
davonlief. Die alte Prinzessin ließ sogleich die Fürstin zu sich bitten,
und aus dem Vorfall wurde eine große Geschichte, in deren Verlauf die
Fürstin ihre Anverwandte fast unter Tränen bat, Katjä diese Unart zu
verzeihen und nicht auf einer Strafe zu bestehen, schon wegen ihres
krankhaften Zustandes nicht. Die Prinzessin jedoch wollte davon nichts
wissen und erklärte, am nächsten Tage noch das Haus zu verlassen, welche
Drohung sie erst dann zurückzog, als die Fürstin ihr auf ihr Ehrenwort
versprach, die Bestrafung nur bis zur völligen Genesung der Tochter
hinauszuschieben, dann aber dem gerechten Wunsch der alten Dame
gewissenhaft nachzukommen. Dennoch erhielt Katjä sogleich einen strengen
Verweis und mußte unten bei der Fürstin bleiben. Aber der Schelm blieb
dort nicht lange.
Als ich etwas später gleichfalls nach unten ging, traf ich sie bereits
auf der Treppe. Sie hatte die Tür aufgesperrt und rief Falstaff. Ich
aber erriet sofort, daß sie eine furchtbare Rache plante. Und wirklich:
die Sache verhielt sich folgendermaßen.
Unter allen Feinden der alten Dame gab es entschieden keinen
unversöhnlicheren als Falstaff. Er war zwar gegen niemand freundlich,
liebte die Menschen grundsätzlich nicht, war hochmütig, stolz, ja sogar
bis zur Rücksichtslosigkeit anmaßend. Er liebte, wie gesagt, niemanden,
verlangte aber von allen den schuldigen Respekt, den ihm denn auch alle
pflichtschuldigst und möglichst von weitem entgegenbrachten, wobei sie
dem Respekt noch eine Dosis Furcht beizumischen pflegten. Da traf nun
eines Tages die alte Prinzessin ein und mit einemmal veränderte sich
seine ganze Lebenslage – ihm ward schnödes Unrecht angetan: man verbot
ihm formell den Zutritt zur oberen Etage.
In der ersten Zeit war Falstaff außer sich vor Empörung über diese
Beleidigung und kratzte eine ganze Woche an der Tür, die ihm am Ende der
Treppe den Zugang versperrte. Bald jedoch erriet er, wer und was die
Veranlassung zu dieser Maßregel gewesen war, und als am nächsten Sonntag
die alte Prinzessin ihre Gemächer verließ, um sich zum Gottesdienst in
die Kirche zu begeben, da stürzte sich Falstaff mit einem Wutgeheul auf
die Arme. Nur dem glücklichen Zufall, daß mehrere Diener anwesend waren,
hatte sie es zu verdanken, daß sie der schrecklichen Rache des
gekränkten Köters entging. Falstaff wurde schmählich hinausgejagt und
von dem Tage an wurde er jedesmal ins entfernteste Zimmer gezerrt, bevor
die alte Dame ihre Gemächer verließ. Sämtliche Dienstboten erhielten die
strengsten Vorschriften. Aber dennoch fand das rachedurstige Tier zwei-
oder dreimal Gelegenheit, in das verbotene Gebiet einzubrechen. War er
erst auf der Treppe, so raste er wie der Blitz durch die ganze
Zimmerflucht bis zum Schlafgemach der Alten. Kein Dienertroß konnte ihn
dann mehr zurückhalten. Zum Glück war die Tür zu dem Schlafzimmer immer
verschlossen und Falstaff konnte weiter nichts tun, als so lange
fürchterlich heulen, bis die Diener ihn wieder fortgeschafft hatten. Die
alte Dame aber, die während des Geheuls so schrie, als werde sie von
Falstaff schon lebendig aufgefressen, wurde jedesmal krank von dem
Schreck und von der ausgestandenen Angst. Mehrmals schon hatte sie ihr
Ultimatum an die Fürstin gestellt und einmal war sie sogar so weit
gegangen – in einem Moment der Kopflosigkeit vermutlich – daß sie
erklärt hatte, entweder sie oder Falstaff müsse das Haus verlassen; aber
die Fürstin hatte in eine Trennung von Falstaff nicht eingewilligt.
Die Fürstin hatte im allgemeinen für andere nicht gerade viel Liebe
übrig, aber diesen Falstaff liebte sie, nächst den Kindern, mehr als
alles auf der Welt. Vor etwa sechs Jahren war der Fürst einmal von einem
Spaziergang mit einem kleinen jungen Hunde zurückgekehrt, einem
schmutzigen, kranken Wesen von wahrhaft mitleiderregendem Aussehen, der
aber nichtsdestoweniger eine Bulldogge reinster Rasse war. Der Fürst
hatte ihn irgendwie gerettet. Der Hund freilich benahm sich äußerst
unmanierlich und deshalb wurde er auf Wunsch der Fürstin auf den
Hinterhof geschafft und dort an die Kette gelegt. Der Fürst hatte nichts
dagegen einzuwenden. Zwei Jahre darauf nun, als die Familie den Frühling
in einem Landhause an der Newa verbrachte, fiel der kleine Alexander –
Katjäs jüngerer Bruder, gewöhnlich Ssascha genannt – in den Fluß. Die
Fürstin sah es, schrie auf und wollte sich sogleich in die Fluten
stürzen, nur mit Gewalt konnte man sie davon abhalten, denn es wäre ihr
Tod gewesen. Die Strömung aber riß schon das Kind mit sich fort und nur
das Kleidchen sah man noch an einer Stelle an der Oberfläche auftauchen.
In größter Hast versuchte man ein Boot loszubinden, aber eine Rettung
des Kindes wäre ein Wunder gewesen. Da jagte plötzlich in großen Sätzen
die riesige Bulldogge ans Ufer und sprang ins Wasser, schwamm in
mächtigen Stößen dem ertrinkenden Knaben nach, packte ihn mit dem Gebiß
und schwamm im Triumph ans Ufer zurück. Die Fürstin stürzte vor ihm
nieder, umarmte den schmutzigen, nassen Hund und küßte ihn wie von
Sinnen. Doch Falstaff, der übrigens damals noch auf den prosaischen, ja
sogar höchst plebejischen Namen „Frix“ hörte, war ein ausgesprochener
Feind aller Zärtlichkeiten und erwiderte die Liebe der Fürstin damit,
daß er sie in die Schulter biß, soweit sein Rachen nur fassen konnte.
Die Fürstin litt bis an ihr Lebensende an der Narbe, aber ihre
Dankbarkeit für die Rettung des Sohnes kannte trotzdem keine Grenzen.
Falstaff mußte in die Gemächer der fürstlichen Familie übersiedeln,
wurde gereinigt, gewaschen und bekam ein Halsband aus getriebenem
Silber. Er hielt sich fortan zumeist im Boudoir der Fürstin auf, lag
dort auf einem prachtvollen Bärenfell, und bald brachte es die Fürstin
so weit, daß sie ihn ungestraft streicheln durfte. Als sie erfuhr, daß
ihr Liebling „Frix“ hieß, war sie entsetzt über diese Geschmacklosigkeit
und sogleich mußten alle helfen, einen anderen passenderen Namen
ausfindig zu machen, wenn möglich einen klassischen, recht
altertümlichen. Hektor und Cerberus waren leider schon zu abgedroschen,
es mußte ein ganz besonderer Name sein, wie er dem Günstling der Fürstin
zukam. Nach langer vergeblicher Liebesmüh’ schlug der Fürst zu guter
Letzt, im Hinblick auf die ungeheure Gefräßigkeit der Dogge, den Namen
Falstaff vor. Der Name fand den größten Beifall und wurde gewählt.
Falstaff führte sich hinfort auch weit besser auf. Als reinblütiger
Engländer war er naturgemäß schweigsam und ernst, griff niemanden als
erster an, sondern verlangte nur, daß man sein Ruhelager auf dem
Bärenfell achtete, und ihm überhaupt die schuldige Ehrfurcht bezeuge.
Von Zeit zu Zeit jedoch bemächtigte sich seiner so etwas wie ein Spleen
und Falstaff gedachte mit bitteren Gefühlen der Tatsache, daß sein
unversöhnlicher Feind, der ihm seine souveränen Rechte genommen, immer
noch unbestraft weiterlebte. Dann schlich er heimlich bis zur Treppe,
die nach oben führte, und da er diese gewöhnlich verschlossen fand,
legte er sich dort in ihrer Nähe irgendwohin, möglichst unbemerkbar in
einen Winkel, oder wo er sonst am wenigsten auffiel, und nun wartete er
arglistig auf einen vergeßlichen Dienstboten, der die Tür vielleicht zu
schließen vergaß. Bisweilen wartete er in seiner Rachsucht drei Tage
lang vergeblich, denn es war allen aufs strengste eingeschärft, die Tür
nicht offen stehen zu lassen. Auf diese Weise hatte er zuletzt seine Wut
schon zwei Monate verbeißen müssen – vor zwei Monaten nämlich war er zum
letztenmal nach oben gerast.
„Falstaff, Falstaff!“ rief die Prinzeß, die Tür offen haltend, in den
freundlichsten Tönen Falstaff auf die Treppe bittend.
In diesem Augenblick hatte Falstaff bereits gewittert, daß die
Treppentür aufgemacht wurde und war schon im Begriff, über seinen
Rubikon zu springen. Aber die Aufforderung dazu von seiten der kleinen
Prinzeß erschien ihm dermaßen unbegreiflich, daß er im ersten Moment
entschieden seinen Ohren nicht traute. Er war schlau wie eine Katze, und
um sich den Anschein zu geben, als habe er die Fahrlässigkeit, die die
Tür offen stehen ließ, gar nicht bemerkt, ging er zum Fenster, legte die
Vorderpfoten auf das Fensterbrett und begann, das Haus gegenüber zu
betrachten ... Kurz, er benahm sich wie die argloseste Seele der Welt,
etwa wie ein gleichgültiger Spaziergänger, der für einen Augenblick
stehenbleibt, um die Architektur eines schönen Gebäudes zu bewundern.
Indessen schlug aber und wiegte sich sein Herz schon in süßester
Hoffnung. Wie groß war daher seine Überraschung, seine Freude, wie
geriet er förmlich außer sich vor Übermut, als die Tür vor ihm sogar
sperrangelweit aufgemacht wurde und er überdies noch gerufen, gebeten,
angefleht wurde, das verbotene Gebiet zu betreten und seinen gerechten
Rachedurst unverzüglich zu stillen! Er heulte auf vor Freude, zeigte die
Zähne, und raste, es war unheimlich anzuschauen, in wahrem Siegesrausch
wie der Wind an uns vorüber.
Er raste mit solcher Wucht, daß der Diener, der ihm oben in den Weg kam,
vom Stoß reichlich eine Klafter weit zur Seite flog und sich nach dem
entsprechenden Naturgesetz noch einmal in die Runde drehte. Falstaff
flog wie eine Kanonenkugel. Madame Léotard kreischte auf vor Schreck.
Doch Falstaff prallte schon an die verschlossene Tür, richtete sich hoch
auf und heulte los, daß Gott erbarm’. Als Antwort ertönte ein
fürchterliches Geschrei des alten Fräuleins. Und schon stürmte von allen
Seiten die Legion der Feinde herbei, das ganze Haus lief nach oben, und
das Ende war, daß Falstaff, der wilde Falstaff, gefesselt an allen vier
Beinen, mit einem geschickt über seinen Kopf geworfenen Maulkorb
unschädlich gemacht und schmachvoll am Lasso geschleift, wie ein
besiegter Sieger vom Felde des Kampfes nach unten zurückkehrte.
Ein Bote wurde zur Fürstin entsandt.
Diesmal war die Fürstin nicht mehr zum Entschuldigen und Begnadigen
geneigt. Aber wer sollte nun bestraft werden? Sie erriet natürlich
sofort, wer die Schuldige war, – ihr Blick fiel auf Katjä ... Die stand
bleich und schuldbewußt da. Die Arme dachte erst jetzt an die Folgen
ihres Streiches. Der Verdacht konnte aber auch auf die unschuldigen
Dienstboten fallen, und deshalb war Katjä schon im Begriff, die Wahrheit
zu gestehen.
„Du hast es getan?“ fragte die Fürstin streng.
Ich sah, wie Katjä totenblaß wurde – da trat ich schnell einen Schritt
vor und sagte mit fester Stimme:
„Ich habe Falstaff heraufgelassen ... Aus Versehen,“ fügte ich hinzu,
denn mein ganzer Mut sank zusammen vor dem drohenden Blick der Fürstin.
„Madame Léotard, bestrafen Sie sie. Aber ich wünsche, daß Sie mit dieser
Strafe ein Exempel statuieren!“ sagte die Fürstin und verließ das
Zimmer.
Ich sah Katjä an: sie stand wie getroffen, wie betäubt, ihre Arme hingen
schlaff herab, ihr erbleichtes Gesichtchen sah zu Boden.
Die einzige Strafe, die man in der Erziehung der Kinder des Fürsten
anwandte, war, daß man sie in einem leeren Zimmer einschloß. In einem
leeren Zimmer zwei Stunden allein zu sein – das ist wohl weiter nicht
schlimm. Wenn aber das Kind mit Gewalt, gegen seinen Willen,
eingeschlossen wird und man ihm erklärt, daß ihm die Freiheit genommen
ist, so ist die Strafe gar nicht so unbedeutend. Gewöhnlich wurde Katjä
oder ihr Bruder auf zwei Stunden eingesperrt. Mich sperrte man, in
Anbetracht der ganzen Ungeheuerlichkeit meines Vergehens, auf vier
Stunden ein. Ich verging fast vor Freude, als ich in mein Gefängnis
trat. Ich dachte an Katjä. Ich wußte, daß ich gesiegt hatte. Doch
anstatt der vier Stunden saß ich dort bis vier Uhr morgens. Und das
geschah auf folgende Weise.
Zwei Stunden nach meiner Einkerkerung erhielt Madame Léotard die
Nachricht, daß ihre Tochter aus Moskau eingetroffen und erkrankt sei und
sie zu sprechen wünsche. Sie fuhr sogleich hin und natürlich vergaß sie
mich darüber ganz und gar. Das Mädchen, welches nach uns zu sehen hatte,
nahm an, ich sei von Madame Léotard schon vor ihrer Abfahrt aus der Haft
entlassen worden. Katjä wurde bald darauf nach unten zur Mutter gerufen
und mußte dort bis elf Uhr abends sitzen. Als sie nach oben
zurückkehrte, war sie sehr erstaunt, mich nicht in meinem Bett zu sehen.
Nastjä half ihr beim Auskleiden, doch die Prinzeß hatte ihre Gründe,
weshalb sie sie nicht nach mir fragte. Sie legte sich hin und wartete
auf mich, denn obschon sie wußte, daß ich nur auf vier Stunden
eingesperrt war, dachte sie doch, das Kindermädchen werde mich sogleich
bringen. Nastjä aber hatte mich ganz vergessen, um so mehr, als ich mich
immer allein auskleidete. So kam es, daß ich in meinem Gefängnis
nächtigen mußte.
Es war gegen vier Uhr morgens, als mich plötzlich Lärm und Gepolter
aufweckten. Ich hatte mich auf die Diele gelegt und war eingeschlafen.
Im ersten Augenblick schrie ich auf vor Angst, doch dann unterschied ich
Katjäs Stimme, die von allen anderen am lautesten ertönte, darauf die
Stimmen von Madame Léotard, Nastjä und der Beschließerin. Endlich wurde
die Tür aufgemacht und Madame Léotard umarmte und drückte mich unter
Tränen an ihr Herz, und bat mich, ihr zu verzeihen, daß sie mich
vergessen hatte. Ich schlang meine Arme um ihren Hals und zerfloß in
Tränen. Dabei zitterte ich vor Kälte und alle Knochen taten mir weh von
der harten Diele. Ich suchte mit den Augen Katjä, sie lief aber schon in
unser Schlafzimmer zurück, und als ich hinkam, lag sie schon im Bett und
schlief oder stellte sich schlafend. Am Abend hatte sie anfangs
allerdings auf mich gewartet, war aber dann unwillkürlich und
unversehens eingeschlummert und hatte bis vier Uhr morgens geschlafen.
Nach ihrem plötzlichen Erwachen hatte sie dann alle aus den Federn
gebracht, zunächst die zurückgekehrte Madame Léotard, darauf Nastjä,
alle weiblichen Dienstboten – und zusammen mit diesen befreite sie mich.
Am nächsten Morgen wußte schon das ganze Haus von meinem Abenteuer.
Sogar die Fürstin soll gesagt haben, man sei gar zu streng mit mir
verfahren. Den Fürsten aber sah ich damals zum erstenmal wirklich
aufgebracht. Er kam in sichtlich großer Erregung gegen zehn Uhr zu uns
nach oben.
„Ich bitte Sie, Madame,“ wandte er sich an die Französin, „was soll denn
das für eine Methode sein? Wie sind Sie mit dem armen Kinde umgegangen?
Das ist ja barbarisch, wahrhaft barbarisch! einfach skythisch! Ein
armes, schwächliches Kind, und noch dazu solch ein verträumtes,
eingeschüchtertes, kleines Mädchen – und das sperren Sie in ein dunkles
Zimmer für die ganze Nacht ein! Das heißt doch das Kind geradezu dem
Verderben ausliefern! Wissen Sie denn nicht, was sie in ihrem jungen
Leben schon erlebt hat? Nein, das war von Ihnen einfach unmenschlich,
ich versichere Sie, Madame! Und wie ist eine solche Strafe überhaupt
möglich? Wer hat sich nur so etwas ausdenken können?“
Die arme Madame Léotard begann unter Tränen und in großer Verwirrung den
Sachverhalt zu erklären. Sie sagte, daß ihre Tochter angekommen sei, und
darüber habe sie mich vergessen, die Strafe an sich sei gut, wenn sie
nicht zu lange dauere, und sogar Jean Jacques Rousseau sage etwas
Ähnliches.
„Jean Jacques Rousseau, Madame! Was geht mich Jean Jacques an! Der ist
keine Autorität. Und übrigens hat Rousseau kein Recht, von Erziehung zu
sprechen, denn er hat sich von seinen eigenen Kindern losgesagt, Madame!
Jean Jacques Rousseau war ein unsittlicher Mensch, Madame!“
„Jean Jacques Rousseau! Jean Jacques ein unsittlicher Mensch! ^Prince!
Prince!^ Was sagen Sie!“
Und Madame Léotard wurde rot vor Entsetzen.
Sie war im Grunde eine prächtige Frau und nahm nicht gern etwas übel;
wenn man sich aber unterfing, an ihren Lieblingen etwas auszusetzen,
etwa den klassischen Schatten eines Corneille oder Racine im Jenseits zu
beunruhigen, oder Voltaire zu beleidigen oder Jean Jacques Rousseau
einen unsittlichen Menschen zu nennen – oh Gott! Tränen entstürzten den
Augen der guten alten Dame und sie bebte vor Erregung.
„Sie vergessen sich, ^mon prince^!“ rief sie außer sich, mit vor
Aufregung unsicherer Stimme.
Der Fürst besann sich denn auch sofort und entschuldigte sich, dann trat
er zu mir, küßte mich mit tiefem Gefühl, bekreuzte mich und verließ uns.
„^Pauvre prince!^“ seufzte Madame Léotard, die nun ihrerseits weich
wurde. Darauf setzten wir uns an den Lerntisch und der Unterricht
begann.
Die Prinzeß war aber sehr zerstreut. Bevor wir hernach zum Essen nach
unten gingen, kam sie auf mich zu, mit glühendem Gesichtchen, doch
lachenden Lippen, blieb vor mir stehen, faßte mich an den Schultern und
sagte schnell, als schäme sie sich Gott weiß aus welchem Grunde:
„Was? Hast du gestern lang genug für mich gesessen? Nach dem Essen
wollen wir heute in den Saal gehen und spielen.“
Jemand kam und die Prinzeß wandte sich blitzschnell von mir fort.
Nach dem Essen, in der Dämmerung, gingen wir beide Hand in Hand in den
großen Saal. Die Prinzeß war sehr aufgeregt und atmete schwer. Ich
dagegen war froh und glücklich wie nie zuvor.
„Willst du Ball spielen?“ fragte sie mich. „Stell’ dich hierhin!“
Sie stellte mich in die eine Saalecke, doch anstatt nun von mir
fortzugehen und den Ball mir zuzuwerfen, blieb sie drei Schritte vor mir
stehen, sah mich an, errötete, schlug die Hände vors Gesicht und warf
sich aufs Sofa. Ich machte eine Bewegung zu ihr hin – sie dachte aber,
ich wolle fortgehen.
„Geh nicht fort, Njetotschka, bleib bei mir,“ sagte sie schnell, „das
wird gleich vergehen.“
Da sprang sie auch schon auf, und über und über erglühend, mit Tränen in
den Augen, warf sie sich an meine Brust. Ihre Wangen waren feucht, ihre
Lippen wie Kirschen so rot – und die Locken in wirrem Durcheinander. Sie
küßte mich wie von Sinnen, küßte mein Gesicht, meine Augen, Lippen, den
Hals, die Hände, und dabei weinte sie, wie in einem Nervenanfall; ich
schmiegte mich fest an sie und wir umarmten uns süß und selig, wie zwei
gute Freunde oder – wie ein Liebespaar, das sich nach langer, langer
Trennung wiedersieht. Katjäs Herz pochte so stark, daß ich jeden Schlag
spürte.
Im Nebenzimmer ertönte eine Stimme: Katjä wurde zur Fürstin gerufen.
„Ach Njetotschka! Nu! Auf Wiedersehen – bis zum Abend! bis zur Nacht!
Geh jetzt nach oben und wart’ auf mich!“
Sie küßte mich noch ein letztes Mal leise, unhörbar, fest, und dann
eilte sie dem Ruf nach. Ich lief nach oben, sinnlos, trunken, wie
erlöst, warf mich auf den Diwan, preßte das Gesicht ins Kissen und
weinte vor Entzücken. Mein Herz schlug so heftig, als wolle es die Brust
sprengen. Ich weiß nicht, wie die Stunden bis zum Abend vergingen.
Endlich schlug es elf und ich ging zu Bett. Die Prinzeß kehrte erst um
zwölf zurück; sie lächelte mir von ferne zu, sagte aber kein Wort.
Nastjä entkleidete sie und schien es wie absichtlich langsam zu tun.
„Schneller, schneller, Nastjä!“ drängte Katjä.
„Was ist denn das, Prinzeßchen, sind wohl die Treppe heraufgelaufen, daß
das Herzchen so schlägt?“ fragte Nastjä.
„Ach, mein Gott, Nastjä! Wie kann man so langweilig sein! Schneller,
schneller doch!“ Und Prinzeßchen stampfte geärgert mit dem Fuß auf.
„Ach, was für’n Herzchen!“ sagte Nastjä und küßte das Füßchen der
Prinzeß, von dem sie gerade den Strumpf abzog.
Endlich war alles beendet, die Prinzeß lag im Bett und Nastjä verließ
uns. Im Nu sprang Katjä aus dem Bett und eilte zu mir. Ich empfing sie
mit einem Freudenschrei.
„Komm zu mir, komm in mein Bett!“ sagte sie schnell und selbst schon im
Begriff, mich aus dem Bett zu heben. Einen Augenblick später lagen wir
beide in ihrem Bett, umschlangen uns fest und schmiegten uns aneinander.
Die Prinzeß erstickte mich fast mit ihren Küssen.
„Ich weiß doch, wie du mich geküßt hast, wenn du glaubtest ich
schliefe!“ flüsterte sie, über und über errötend.
Ich weinte.
„Njetotschka!“ flüsterte Katjä unter Tränen, „du mein Engel, ich hab’
dich doch schon so lange, so lange schon lieb! Weißt du, seit wann?“
„Nein, seit wann?“
„Als Papa mir befahl, dich um Verzeihung zu bitten, nachdem du deinen
Papa verteidigt hattest, Njetotschka ... Du mein Wai–sen–kindchen!“
sagte sie gedehnt und wieder bedeckte sie mich mit Küssen. Sie weinte
und lachte zugleich.
„Ach, Katjä!“
„Nu was? – nu – was?“
„Warum hast du so lange ... so lange ...“ ich sprach nicht zu Ende. Wir
hielten uns krampfhaft umschlungen und sprachen wohl drei Minuten lang
kein Wort.
„Hör’ mal, was hast du denn alles von mir gedacht?“ fragte die Prinzeß.
„Ach, ich hab’ so vieles gedacht, Katjä! Ich habe nur an dich gedacht,
Tag und Nacht.“
„Und in der Nacht von mir gesprochen, das habe ich gehört.“
„Wirklich?“
„Und sogar geweint!“
„Siehst du! – warum warst du denn so stolz?“
„Ich war doch dumm, Njetotschka! Das kommt so zuweilen über mich und
dann bin ich machtlos. Ich war die ganze Zeit böse auf dich.“
„Weshalb?“
„Weil ich selber schlecht war. Anfangs deshalb, weil du besser warst als
ich. Dann deshalb, weil Papa dich mehr liebte! Papa aber ist ein guter
Mensch, Njetotschka. Nicht wahr?“
„Ach ja, das ist er!“ rief ich ganz begeistert.
„Ja, ein guter Mensch,“ wiederholte Katjä ernsthaft. „Aber was soll ich
mit ihm anfangen? Er ist immer so ... Nun, und dann bat ich dich um
Verzeihung und begann dabei fast zu weinen, und darüber ärgerte ich mich
wieder.“
„Das sah ich, das sah ich, daß du dem Weinen nahe warst.“
„Schweig, Dummchen, weinst selbst jeden Augenblick!“ rief Katjä und
hielt mir den Mund zu. „Weißt du, ich wollte dich furchtbar lieben, dann
aber wollte ich dich plötzlich wieder so hassen und ich haßte dich,
haßte dich so!“ ...
„Weswegen denn?“
„Ja so – ich war bös auf dich. Ich weiß nicht, weshalb! Dann aber sah
ich, daß du ohne mich nicht mehr leben konntest, und da dacht’ ich:
wart’, ich werde sie doch noch quälen, die Schändliche!“
„Ach, Katjä!“
„Mein Seelchen!“ rief sie, meine Hand küssend, „und dann, weißt du,
wollte ich mit dir nicht mehr sprechen, ich wollte nicht, für keinen
Preis! Und weißt du noch, wie ich Falstaff streichelte?“
„Ach du, du Unerschrockene!“
„Aber wie ich mich _fürchtete_!“ sagte sie und schüttelte sich. „Doch
weißt du auch, warum ich zu ihm ging?“
„Warum?“
„Ja, weil du zuschautest. Als ich sah, daß du mich ansahst ... Ach! – da
war mir alles andere gleich – ich ging! Hab’ ich dich erschreckt, was?
Fürchtetest du dich für mich?“
„Entsetzlich!“
„Ich weiß. Aber wie ich dann froh war, daß Falstaff abtrollte! Mein
Gott, und wie mich dann plötzlich die Angst packte, als er aus dem
Zimmer war! Solch ein Scheu–sal!“
Und die Prinzeß schüttelte sich wieder und lachte nervös, indes ein
Gruseln sie faßte. Plötzlich erhob sie ihr heißes Köpfchen und sah mich
lange aufmerksam an. Zwei Tränchen glänzten noch wie Diamanten an ihren
langen Wimpern.
„Nu, was ist denn eigentlich an dir, daß ich dich so liebgewonnen habe?
Du! – bleich bist du, die Haare blond, selbst solch ein Dummchen, das
immer gleich weint, die Augen blau ... Du mein Wai–sen–kindchen!“
Und Katjä umfing mich wieder, um mich von neuem mit Küssen zu bedecken.
Einige ihrer Tränen fielen auf meine Wangen. Sie war tief gerührt.
„Und wie ich dich doch liebte! – aber immer dachte ich: nein und nein,
ich sag’s ihr doch nicht! Ich war ja so eigensinnig! Was fürchtete ich
denn eigentlich, weshalb schämte ich mich vor dir? Sieh doch, wie gut
wir es jetzt haben!“
„Katjä! Es schmerzt mich so!“ sagte ich außer mir vor Freude. „Es bricht
mir das Herz entzwei!“
„Ja, Njetotschka! Hör’ weiter ... Ja aber, wart’, sag’ zuerst, wer hat
dir den Namen Njetotschka gegeben?“
„Mama!“
„Wirst du mir von deiner Mama erzählen?“
„Alles, alles!“ versprach ich begeistert.
„Aber wohin hast du meine zwei Taschentücher gesteckt, die mit den
Spitzen? Und mein Haarband, warum hast du das versteckt? Ach du, schämst
du dich nicht! Ich weiß doch alles!“
Ich lachte und errötete tief.
„Nein, da dachte ich doch: wart’, da werd’ ich sie noch ein bißchen
quälen, mag sie warten. Manchmal aber dachte ich wieder: aber ich lieb’
sie ja gar nicht, ich kann sie nicht ausstehen! Du aber warst immer so
still, wie so ein frommes Lämmchen! Und wie ich fürchtete, daß du mich
für dumm halten könntest! Du bist klug, Njetotschka, du bist doch sehr
klug, nicht?“
„Ach, pfui Katjä, was fällt dir ein!“ rief ich fast beleidigt.
„Nein, du bist klug,“ sagte Katjä in bestimmtem und ernstem Ton, „das
weiß ich. Nur, weißt du, eines Morgens stand ich auf und hatte dich
plötzlich so lieb, ganz furchtbar lieb! Die ganze Nacht hatte mir nur
von dir geträumt. Da dachte ich: ich werde zu Mama übersiedeln und ganz
dort wohnen. Ich will sie nicht lieben, ich will nicht! Als ich aber
dann am Abend unten bei Mama einschlief, da dachte ich: wenn sie jetzt
käme, wie in der vorigen Nacht – doch du kamst nicht. Und wieviel Mühe
es mich da kostete, zu tun als schlafe ich ganz ruhig! Ach, wie dumm wir
waren, Njetotschka!“
„Aber warum wolltest du mich denn nicht lieben?“
„So ... Ach, was sage ich! – ich hab’ dich doch die ganze Zeit geliebt!
Immer hab’ ich dich geliebt. Erst später kam das – daß ich dich nicht
ausstehen konnte. Ich dachte, ach, ich werde sie einmal totküssen oder
totkneifen! Da hast du’s nun, du Dummchen!“
Und sie kniff mich.
„Aber erinnerst du dich noch, wie ich dir deine Schuhschleife band?“
„O ja!“
„O ja! – war’s dir angenehm? Weißt du, ich sah dich an: wie lieb sie
doch ist, dachte ich, halt, ich werd’ ihr die Schleife binden – was sie
dann wohl denken wird? Und da hatte ich gleich selbst solch ein gutes
Gefühl. Und wirklich, ich wollte dich auf der Stelle abküssen ... Aber
ich küßte dich doch nicht. Dann aber fand ich das alles so komisch, so
schrecklich komisch! Und auf dem ganzen Wege, während unseres
Spazierganges, glaubte ich, jetzt, im nächsten Augenblick nicht mehr an
mich halten zu können und laut auflachen zu müssen. Ich konnte dich
nicht ansehen, so komisch war’s. Und wie froh ich doch war, daß du für
mich ins Gefängnis gingst!“ – Das leere Zimmer wurde „das Gefängnis“
genannt. – „Und hattest du Angst?“
„Ach, fürchterlich!“
„Ja, und weißt du, ich freute mich nicht nur darüber, daß du vor Mama
meine Schuld auf dich genommen hattest, sondern noch viel mehr darüber,
daß du für mich im Gefängnis sitzen mußtest! Ich dachte: jetzt sitzt sie
da und weint, ich aber – wie habe ich sie lieb! Morgen werde ich sie so
küssen, so küssen! Und du tatest mir doch kein bißchen leid, bei Gott,
du tatest mir gar nicht leid, obschon ich auch etwas weinte.“
„Ich aber, siehst du, habe nicht geweint, ich war dir zum Trotz gerade
sehr froh!“
„Hast nicht geweint? Ach, du Böse!“ rief die Prinzeß und saugte sich an
mir fest mit ihren weichen Lippen.
„Katjä, Katjä! Mein Gott, wie bist du reizend!“
„Nicht wahr? Aber jetzt mach’ mit mir, was du willst! Schlag mich, kneif
mich! Bitte, kneif mich! Täubchen, ach, nu, so kneif mich doch!“
„Wildfang!“
„Nu, und was noch?“
„Dummchen ...“
„Und was noch?“
„Küss’ mich!“
Und wir küßten uns, weinten, lachten, unsere Lippen waren schon
geschwollen vom Küssen.
„Njetotschka! Erstens, höre: du wirst jetzt immer zu mir schlafen
kommen. Küßt du gern? Dann werden wir uns auch küssen. Und dann: ich
will nicht, daß du so langweilig bist. Warum langweiltest du dich? Wirst
du mir das erzählen, ja?“
„Alles werde ich dir erzählen. Aber jetzt bin ich nicht mehr traurig,
sondern lustig!“
„Nein, wart’ nur, bald wirst du auch so rote Wangen haben wie ich! Ach,
wenn doch der Morgen schneller käme! Willst du schon schlafen,
Njetotschka?“
„Nein.“
„Nu, dann, laß uns erzählen!“
Und wir sprachen wohl gute zwei Stunden. Gott weiß was wir da alles
zusammenphantasierten. Zuerst entrollte Katjä alle ihre Zukunftspläne
und teilte mir mit, daß sie ihren Papa am meisten von allen liebte, fast
sogar mehr als mich. Dann kamen wir überein, daß Madame Léotard eine
gute Frau und gar nicht streng war. Dann setzten wir sogleich fest, was
wir am nächsten und übernächsten Tage tun würden, und überhaupt
bestimmten wir unser Leben etwa schon für zwanzig Jahre im voraus. Für
die allernächste Zukunft entwarf Katjä folgenden Plan: an einem Tage
würde sie mir befehlen und ich alles ausführen, und am nächsten Tage
umgekehrt, dann würde ich befehlen und sie widerspruchslos gehorchen;
und dann würden wir beides zugleich tun, also uns gegenseitig Befehle
erteilen; und dann würden wir es einmal absichtlich so machen, daß wir
in Streit gerieten, nur so zum Schein, und dann uns schnell wieder
versöhnen. Mit einem Wort, uns erwartete schier unendliches Glück.
Schließlich wurden wir aber doch müde. Meine Augen fielen mir schon zu.
Katjä lachte mich aus, nannte mich eine Schlafmütze und – schlief selbst
noch vor mir ein.
Am nächsten Morgen erwachten wir beide zugleich, küßten uns schnell,
denn wir hörten Schritte, und ich konnte gerade noch rechtzeitig in mein
Bett schlüpfen, bevor Nastjä ins Zimmer trat.
Den ganzen Tag wußten wir nicht, was wir miteinander anfangen sollten
vor Freude. Wir liefen aus einem Zimmer ins andere und versteckten uns
fast die ganze Zeit vor den anderen, denn fremde Augen fürchteten wir am
meisten. Zu guter Letzt begann ich ihr meine Lebensgeschichte zu
erzählen. Katjä war geradezu erschüttert.
„Du, du Böse! Warum hast du mir das alles nicht früher erzählt? Ich
hätte dich dann gleich so lieb gehabt, so lieb! Doch sag’: haben dich
die Jungen auf der Straße schmerzhaft geschlagen?“
„O ja. Und ich hatte schreckliche Angst vor ihnen!“
„Pfui, die schändlichen! Weißt du, Njetotschka, ich habe selbst einmal
gesehen, wie ein Knabe einen anderen auf der Straße schlug. Weißt du,
morgen werde ich heimlich Falstaffkas Hundepeitsche mitnehmen und wenn
mir noch solch einer begegnet, dann werde ich ihn so hauen, so hauen!“
Ihre Augen blitzten vor Zorn.
Wir erschraken, wenn jemand ins Zimmer trat; wir fürchteten, beim Küssen
überrascht zu werden, denn wir küßten uns an jenem Tage wenigstens
hundertmal. So vergingen der erste und der zweite Tag. Ich fürchtete
schon, zu sterben vor Entzücken. Das Glücksgefühl war so mächtig, daß es
mir den Atem raubte. Doch unser Glück sollte nicht von langer Dauer
sein.
Madame Léotard, die Katjä auf Wunsch der besorgten Fürstin nicht aus den
Augen lassen sollte, beobachtete uns drei Tage mit wachsender
Verwunderung und in dieser Zeit bemerkte sie manches, was ihr zu denken
gab. Am dritten Tage ging sie zur Fürstin und berichtete gewissenhaft,
was ihr an uns aufgefallen war: daß wir beide wie außer Rand und Band
seien, schon drei Tage uns nicht voneinander trennten – uns jeden
Augenblick küßten, weinten, lachten und unaufhörlich plauderten, was sie
früher nie bemerkt habe: sie wisse gar nicht, welchem Einfluß das
zuzuschreiben sei; aber es wolle ihr scheinen, daß die Prinzeß sich in
einem krankhaften Zustande befinde, und deshalb meine sie, es wäre
vielleicht besser, wir kämen seltener zusammen.
„Das habe ich schon längst gedacht,“ versetzte die Fürstin. „Ich ahnte
es, daß man von dieser sonderbaren Waise nur Scherereien haben werde!
Was man mir von ihr erzählt hat, von ihrem früheren Leben, – ist
geradezu haarsträubend, ist einfach entsetzlich! Sie hat augenscheinlich
Einfluß auf Katjä. Sie sagen, Katjä liebe sie sehr?“
„Ich glaube, sogar unsinnig!“
Die Fürstin errötete vor Ärger. Sie war schon damals eifersüchtig auf
die Liebe ihrer Tochter zu mir.
„Das ist mir doch zu unnatürlich,“ sagte sie. „Früher waren sie einander
so fremd, und ich muß gestehen, das freute mich. So klein dieses Mädchen
auch noch ist, aber ich bin vor nichts sicher. Sie verstehen mich? Sie
hat schon mit der Muttermilch alles das eingesogen, ihre Angewohnheiten
oder vielleicht sogar ihre Neigungen. Ich begreife nicht, was der Fürst
an ihr gefunden hat! Tausendmal habe ich ihm schon den Vorschlag
gemacht, sie in einer Pension unterzubringen.“
Madame Léotard versuchte nun, mich zu verteidigen, aber die Fürstin
hatte ihren Entschluß bereits gefaßt. Katjä wurde nach unten gerufen und
dort sagte man ihr, daß sie mich nicht vor dem nächsten Sonntag
wiedersehen dürfe, also erst nach einer ganzen Woche.
Ich erfuhr das erst am späten Abend und Entsetzen erfaßte mich. Ich
dachte an Katjä und fürchtete, sie werde unsere Trennung nicht
überleben. Ich geriet außer mir und meine Verzweiflung war so groß, daß
ich in der Nacht krank wurde. Am nächsten Morgen kam der Fürst zu mir
und sagte mir leise, als wir allein blieben, ich solle ruhig auf ein
baldiges Wiedersehen hoffen. Leider waren aber seine Bemühungen
vergeblich, denn die Fürstin blieb bei ihrem Entschluß. Meine
Verzweiflung dagegen wuchs mit jeder Stunde und der Schmerz würgte mich,
daß ich an ihm zu ersticken glaubte.
Am dritten Morgen brachte mir Nastjä einen Zettel von Katjä. Sie schrieb
mir mit dem Bleistift auf einem abgerissenen Stück Papier in
fürchterlichen Krähenfüßen folgendes:
„Ich liebe dich unsinnig. Ich sitze bei ^maman^ und denke nur darüber
nach, wie ich fortlaufen könnte. Ich werde unbedingt fortlaufen, das
schwöre ich dir, und deshalb weine nicht. Schreib’ mir, wie du mich
liebst. Ich aber umarme dich die ganze Nacht im Schlaf, und habe
furchtbar gelitten, Njetotschka. Ich schicke dir Konfekt. Adieu.“
Ich antwortete auf demselben Wege. Den ganzen Tag las ich immer wieder
Katjäs Brief und weinte. Madame Léotard quälte mich mit ihrer
Zärtlichkeit. Am Abend erfuhr ich, daß sie zum Fürsten gegangen war und
gesagt hatte, daß ich sicherlich zum drittenmal krank werden würde, wenn
ich Katjä nicht wiedersähe, und daß sie es bereue, die Fürstin
beunruhigt zu haben. Ich fragte Nastjä, was Katjä mache. Sie sagte,
Katjä weine nicht, sei aber sehr bleich.
Am nächsten Morgen flüsterte Nastjä mir zu:
„Gehen Sie ins Kabinett des Fürsten. Aber gehen Sie über die Treppe, die
rechts nach unten führt.“
Alles in mir wurde lebendig in froher Vorahnung. Atemlos vor Erwartung
lief ich nach unten und klinkte die Tür auf zum Kabinett. Es war niemand
da. Plötzlich wurde ich hinterrücks krampfhaft umschlungen und Katjä
küßte mich leidenschaftlich. Lachen, Tränen ... Im Nu riß sie sich aus
meinen Armen, lief zum Vater, kletterte wie eine Eichkatze an ihm empor
bis auf seine Schulter, konnte sich aber dort nicht halten und sprang
auf den Diwan. Das brachte auch den Fürsten so aus dem Gleichgewicht,
daß er sich setzen mußte. Katjä lachte unter Tränen.
„Papa, was bist du für ein guter Papa!“
„Wildfang! Ihr seid mir beide gut! Was ist denn mit euch geschehen?
Woher diese Freundschaft? Woher diese Liebe?“
„Ach, frag’ nicht, Papa, davon verstehst du nichts!“
Und wir hielten uns wieder fest umschlungen.
Ich betrachtete sie bang: sie hatte abgenommen in den drei Tagen. Die
frische Farbe ihres Gesichtchens war einer zarten Blässe gewichen. Da
mußte ich weinen vor Leid.
Nastjä klopfte an die Tür – ein Zeichen, daß Katjäs Abwesenheit der
Fürstin aufgefallen war. Katjä wurde leichenblaß.
„Laßt es jetzt genug sein, Kinder. Wir werden hier jeden Tag
zusammenkommen. Nehmt jetzt Abschied für heute und Gott mit euch!“ sagte
der Fürst.
Er war sichtlich gerührt, da er unseren Schmerz sah; doch es sollte
anders kommen. Am Abend desselben Tages kam aus Moskau die Nachricht,
daß der kleine Ssascha schwer erkrankt sei und fast schon in den letzten
Zügen liege. Die Fürstin beschloß sofort, am nächsten Morgen die Reise
anzutreten. Das geschah alles so schnell, daß ich es erst eine Minute
vor ihrer Abfahrt erfuhr. Daß wir uns überhaupt noch verabschieden
konnten, Katjä und ich, hatten wir nur dem Fürsten zu danken, denn die
Fürstin hatte davon nichts wissen wollen. Die Prinzeß war wie
zerschlagen. Ich lief wie von Sinnen nach unten und warf mich an ihre
Brust. Der Reisewagen wartete schon vor dem Portal. Katjä sah mich an
und plötzlich wurde sie ohnmächtig. Ich bedeckte sie mit Küssen. Die
Fürstin bemühte sich erschrocken um sie und gab ihr Essenzen zu riechen.
Endlich schlug sie die Augen auf und ihre erste Bewegung war, daß sie
mich wieder umarmte.
„Leb’ wohl, Njetotschka!“ sagte sie plötzlich und sie versuchte zu
lächeln, aber es sprach nur eine unsagbare Rührung aus ihrem
Gesichtchen. „Du, sieh nicht auf mich; das ist nur so; ich bin nicht
krank, nach einem Monat komme ich wieder. Dann werden wir uns nie mehr
trennen.“
„Genug, Katjä,“ sagte die Fürstin ruhig, „fahren wir!“
Aber die Prinzeß kehrte noch einmal zurück. Noch einmal umfing sie mich
krampfhaft.
„Mein Leben!“ konnte sie mir noch zuflüstern, „auf Wiedersehen!“
Wir küßten uns zum letztenmal und die Prinzeß verließ mich – für lange,
sogar für sehr lange Zeit. Es vergingen acht Jahre, bis wir uns
wiedersahen!
* * * * *
Ich habe von dieser Episode meiner Kindheit mit Absicht so ausführlich
erzählt. Unsere Lebensgeschichten sind eben untrennbar verbunden. Ihr
Roman – ist auch mein Roman. Es war mir wie vom Schicksal bestimmt, sie
kennen zu lernen, und ebenso ihr, mich zu finden. Und überdies konnte
ich der Lust nicht widerstehen, mich nochmals in meine Kindheit zu
versetzen ... Jetzt wird meine Erzählung schneller fortschreiten. Mein
Dasein sank damals wie in eine große Stille und erst als ich mein
sechzehntes Jahr bereits vollendet hatte, war es mir, als erwachte ich
wieder zu einem wirklichen Leben ...
Doch zuvor muß ich noch ein paar Worte über die erste Zeit nach der
Abfahrt der fürstlichen Familie sagen.
Ich blieb mit Madame Léotard zurück.
So vergingen zwei Wochen. Dann traf aus Moskau ein Abgesandter des
Fürsten ein und brachte die Nachricht, daß die Rückkehr nach Petersburg
auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden sei. Da nun Madame Léotard
aus Gründen, die ihre eigene Familie angingen, nicht nach Moskau
übersiedeln konnte, so hatte sie im Hause des Fürsten nichts mehr zu
tun. Sie blieb aber in derselben Familie, indem sie zur ältesten Tochter
der Fürstin übersiedelte.
Ich bin bisher noch nicht auf Alexandra Michailowna zu sprechen gekommen
– wohl deshalb, weil ich sie bis dahin nur ein einziges Mal gesehen
hatte. Sie war die Tochter der Fürstin aus deren erster Ehe. Die
Herkunft und Verwandtschaft der Fürstin waren etwas dunkel. Ihr erster
Mann war ein Gutspächter gewesen. Als sie dann zum zweitenmal geheiratet
hatte, wußte sie nicht, was sie mit ihrer ältesten Tochter anfangen
sollte. Auf eine glänzende Partie konnte sie nicht hoffen. Die Mitgift
war mäßig; aber schließlich, vier Jahre vor meiner Aufnahme, hatte man
für sie dennoch einen reichen Mann, der schon einen bedeutenden Posten
bekleidete, gefunden. Alexandra Michailowna kam in neue
Gesellschaftskreise und sah um sich eine andere Welt. Die Fürstin
besuchte ihre Tochter im ganzen nur zweimal im Jahre. Der Fürst, ihr
Stiefvater, besuchte sie dagegen in jeder Woche und nahm dann auch Katjä
mit. In der letzten Zeit sah die Fürstin es sehr ungern, daß Katjä zur
Schwester ging; da brachte der Fürst sie oft heimlich hin. Katjä
vergötterte die Schwester, obwohl sie ganz entgegengesetzte Charaktere
waren.
Alexandra Michailowna war damals zweiundzwanzig Jahre alt, still, zart,
sehr liebreich. Ja es war, wie wenn ein heimlicher Kummer, ein
verborgener Schmerz ihre schönen Züge verklärte. Und dennoch hatte ich
die Empfindung, als paßten der Ernst und die Trauer nicht gut zu ihrem
schönen lieben Antlitz, ganz wie etwa einem Kinde Trauer nicht steht.
Man konnte sie nicht ansehen, ohne sogleich tiefe Sympathie für sie zu
empfinden. Sie war fast durchsichtig bleich und wie es hieß, zur
Schwindsucht geneigt. Sie lebte sehr zurückgezogen und liebte weder bei
sich viele Gäste zu empfangen, noch selbst Besuche zu machen. Ihr Leben
war das einer Einsiedlerin. Kinder hatte sie zunächst nicht. Ich weiß
noch, sie kam einmal zu uns gefahren, um mit Madame Léotard zu sprechen,
und sie trat damals zu mir und küßte mich mit tiefem Gefühl. Mit ihr war
ein hagerer, schon älterer Herr gekommen. Ihm traten die hellen Tränen
in die Augen, als er mich sah. Das war der Geigenvirtuose B. ...
Alexandra Michailowna legte den Arm um mich und fragte, ob ich bei ihr
leben und ihr Töchterchen sein wolle. Ich sah ihr ins Gesicht und
erkannte in ihr die Schwester meiner Katjä, und ich umarmte sie mit
einem dumpfen Schmerz im Herzen und empfand wieder, wie groß meine
Einsamkeit war ... Ganz, als hätte mir wieder jemand gesagt: „Du bist
eine Waise!“ Darauf gab mir Alexandra Michailowna einen Brief des
Fürsten, den ich mit unterdrücktem Schluchzen las. Der Fürst schrieb in
Liebe und Güte, Gottes Segen möge auf mir ruhen und ich möge in dem
langen Leben, das mir noch bevorstehe, glücklich sein. Zum Schluß bat er
mich noch, auch seine andere Tochter zu lieben. Katjä schrieb mir
gleichfalls einige Zeilen. Sie schrieb, daß sie sich nun gar nicht mehr
von der Mutter trenne.
Bevor dieser Tag zu Ende ging, kam ich also wieder in ein anderes Haus,
zu anderen Menschen, nachdem ich mein Herz von neuem von allem hatte
losreißen müssen, was mir schon lieb und traut geworden war. Müde, wie
zerschlagen, betrat ich das neue Heim. Mein Herz blutete ...
Und so beginnt in meiner Erzählung denn jetzt ein neuer Abschnitt meines
Lebens.