IV.

Meine Genesung machte nur langsame Fortschritte; doch auch dann noch,

als ich schon nicht mehr zu Bett lag, waren meine Sinne noch lange Zeit

wie gelähmt und ich konnte nicht begreifen, was nun eigentlich mit mir

geschehen war. Es gab Augenblicke, in denen es mir schien, daß ich

träumte, und ich weiß noch, wie sehr ich wünschte, daß alles Geschehene

wirklich nur ein Traum gewesen sein möge! Wenn ich abends einschlief,

dann hoffte ich, plötzlich wieder in unserer ärmlichen Dachstube zu

erwachen und den Vater und die Mutter zu erblicken ... Allmählich aber

wurde mir doch meine neue Lage klarer und ich begriff nach und nach, daß

ich ganz allein zurückgeblieben war und bei fremden Menschen lebte. Da

fühlte ich es denn zum erstenmal, daß ich eine Waise war.

Wißbegierig begann ich, all das Neue, das mich nun umgab, zu betrachten

und zu beobachten. Anfangs erschien mir das Ganze so seltsam und

märchenhaft, alles verwirrte mich: sowohl die neuen Gesichter wie die

neue Lebensart und die Gemächer des alten fürstlichen Hauses, die mir

noch heute so deutlich vor Augen stehen, – so groß und hoch und

prächtig, aber auch so düster und dunkel waren sie, daß ich, ich weiß es

noch wie heute, im Ernst fürchtete, durch irgendeinen langen, langen

Saal gehen zu müssen, in dem ich mich, wie mir schien, vollständig zu

verlieren glaubte. Meine Krankheit war noch nicht ganz überstanden und

deshalb waren auch meine Eindrücke so lastend, wie es bei meiner

Stimmung und dem Düster-Feierlichen dieses Hauses wohl eben nicht anders

sein konnte. Hinzukam, daß eine mir selbst unklare Sehnsucht und

Bangigkeit in meinem kleinen Kinderherzen immer größer wurde. Mit

Verwunderung blieb ich zuweilen vor einem Gemälde, einem Spiegel, einem

Kamin von kunstvoller Arbeit stehen, oder vor einer Statue, die sich

gleichsam nur zu dem Zweck in einer tiefen Nische versteckt hatte, um

von dort aus mich besser beobachten zu können oder mich irgendwie zu

erschrecken. – Ich blieb stehen und dann wußte ich plötzlich selbst

nicht mehr, weshalb ich stand, was ich wollte, woran ich dachte, und

nach diesem Erwachen befiel mich immer eine gewisse Angst und Verwirrung

und mein Herz schlug laut.

Von den Menschen, die ich während meiner Krankheit außer dem alten

kleinen Hausarzt hin und wieder zu sehen bekam, machte ein schon

ältlicher Herr den größten Eindruck auf mich. Er war immer ernst, aber

zugleich war er so gütig, und er konnte mich bisweilen mit so tiefem,

aufrichtigem Mitleid ansehen! Sein Gesicht war mir bald das liebste von

allen. Gern hätte ich mit ihm gesprochen, aber ich wagte nicht

anzufangen: er sah fast immer niedergeschlagen aus, auch sprach er

wenig, meist nur ein paar Worte, und niemals erschien ein Lächeln auf

seinen Lippen. Das war der Fürst H., der mich gefunden und in seinem

Hause aufgenommen hatte. Als ich mich schon auf dem Wege der Besserung

befand, wurden seine Besuche seltener. Und als er, wie es hieß, zum

letztenmal kam, brachte er mir Konfekt, ferner ein Kinderbuch mit

Bildern mit und küßte und bekreuzte mich und bat mich, doch nicht mehr

so traurig zu sein. Während er mir tröstend zuredete, sagte er mir, daß

ich bald eine Freundin haben werde, ein kleines Mädchen wie ich, seine

Tochter Katjä, die vorläufig noch in Moskau sei. Darauf sprach er mit

einer ältlichen Französin, der Erzieherin seiner Kinder, und mit dem

mich pflegenden Mädchen, wies auf mich und verließ uns. Seitdem sah ich

ihn ganze drei Wochen nicht. Der Fürst lebte in seinem Hause sehr

einsam. Die größere Hälfte des Hauses bewohnte die Fürstin, doch sah sie

ihren Mann oft wochenlang nicht ein einziges Mal. Mit der Zeit fiel es

mir auf, daß auch die Dienstboten, daß überhaupt alle Hausbewohner

selten von ihm sprachen, als hätte er gar nicht im Hause gelebt. Alle

achteten ihn und augenscheinlich liebten sie ihn sogar, indessen

schienen sie ihn doch für so etwas wie einen Sonderling zu halten. Und

es war, als wisse auch er, daß er sehr seltsam erschien, irgendwie

unähnlich den anderen Menschen, und als vermeide er es deshalb nach

Möglichkeit, sich zu zeigen ... Ich werde an einer anderen Stelle noch

auf ihn zurückkommen und sehr viel und recht ausführlich von ihm

erzählen müssen.

Eines Morgens zog man mir reine, feine Wäsche an und ein schwarzes

wollenes Kleid mit weißem Trauerbesatz – ein Kleid, auf das ich mit

trauriger Verwunderung sah; mein Haar wurde sorgfältig gebürstet, und

dann führte man mich aus den oberen Zimmern nach unten in die Gemächer

der Fürstin. Ich stand wie gebannt, als die mich Führende schließlich

meine Hand freigab: eine solche Pracht, solch einen Reichtum ringsum

hatte ich noch nie gesehen. Doch dieser Eindruck währte nur einen

Augenblick und ich erbleichte, als ich die Stimme der Fürstin vernahm,

die mich näher herantreten hieß. Schon während des Ankleidens hatte ich

gefühlt und gefürchtet, daß mich irgendeine Qual erwartete, obschon ich

selber nicht begreife, wie ich auf diesen Gedanken kam. Überhaupt trat

ich mit einem seltsamen Mißtrauen in die Welt meines neuen Lebens und

dieses Mißtrauen brachte ich ohne Ausnahme allem entgegen, was an mich

an Neuem herankam.

Die Fürstin war sehr freundlich zu mir und küßte mich. Da wagte ich

denn, sie etwas weniger befangen anzusehen. Sie war dieselbe schöne

Dame, die ich schon an meinem Bett gesehen hatte, als ich aus meiner

Bewußtlosigkeit zu mir kam. Ich küßte ihre Hand, zitterte aber dabei

doch so sehr, daß ich auf ihre Fragen keine einzige Antwort zu geben

vermochte – ich konnte mich einfach nicht so weit sammeln. Sie ließ mich

auf einem niedrigen Taburett neben sich hinsetzen. Ich glaube, dieser

Platz war schon im voraus für mich bestimmt. Allem Anschein nach hatte

die Fürstin nur den einen Wunsch, mich mit ganzer Seele an sich zu

schließen, mich ganz zu gewinnen und mir vollständig die Mutter zu

ersetzen. Ich dagegen konnte nicht begreifen, daß ich bereits in ihrer

Gunst stand, durch mein Verhalten aber in ihrer Einschätzung nichts

gewann. Man gab mir ein schönes Bilderbuch und sagte, ich solle die

Bilder betrachten. Die Fürstin selbst schrieb an einem Brief, hielt aber

hin und wieder im Schreiben inne, um verschiedene Fragen an mich zu

stellen, auf die ich jedoch nichts Gescheites zu antworten wußte – ich

war verwirrt, stockte, verlor den Faden und wagte nicht, von neuem

anzufangen. Kurz, obschon mein früheres Leben ein recht ungewöhnliches

gewesen war und die größere Rolle das Schicksal in ihm gespielt hatte,

das die Wege der Eltern, man kann wohl sagen, mystisch verbunden, und

obgleich es überhaupt viel Interessantes und Unerklärliches, ja sogar

etwas Phantastisches gehabt, so erschien ich doch in diesem Augenblick –

es wirkte ordentlich komisch inmitten der ganzen melodramatischen

Situation, in der ich mich befand – als ein ganz gewöhnliches,

schüchternes oder eingeschüchtertes und genau genommen sogar dummes

Kind. Namentlich letzteres gefiel der Fürstin äußerst wenig, und ich

glaube, sie hatte mich sehr bald satt, was natürlich nur meine Schuld

war. Gegen drei Uhr kamen die ersten Gäste – es war der Empfangstag der

Fürstin – und sie war nun wieder sehr freundlich und lieb zu mir. Auf

die Fragen der Fremden nach mir, antwortete sie: oh, das sei ein sehr

interessanter Fall – und dann erzählte sie auf französisch alles

Weitere. Während ihrer Erzählung sahen mich alle an, man schüttelte die

Köpfe, Ausrufe des Bedauerns wurden laut. Ein junger Herr richtete seine

Lorgnette auf mich und musterte mich eingehend; ein wohlriechender alter

kleiner Herr wollte mich küssen, ich aber saß erbleichend und errötend,

mit niedergeschlagenen Augen, wagte mich nicht zu rühren und zitterte am

ganzen Körper. Mein Herz schlug dumpf und tat mir zum Brechen weh. Ich

versetzte mich in mein früheres Leben, in unsere ärmliche Dachkammer,

ich dachte an den Vater, an unsere langen, schweigsamen Abende, an die

Mutter, und als ich an die Mutter dachte – da schwammen meine Augen

plötzlich in Tränen und die Kehle war mir wie zugeschnürt. Ach, und ich

wäre so gern fortgelaufen, verschwunden, allein geblieben ... Dann, als

der letzte Besuch gegangen war, wurde das Gesicht der Fürstin wieder

merklich strenger. Sie sah mich jetzt nichts weniger als freundlich an,

sprach trocken zu mir, indes ihre durchdringend blickenden fast

schwarzen Augen auf mir ruhten, die bisweilen wohl eine Viertelstunde

lang auf mich gerichtet waren, und ihre fest zusammengepreßten schmalen

Lippen mich ganz besonders einschüchterten. Am Abend wurde ich nach oben

zurückgeführt. Ich fieberte im Einschlafen, erwachte in der Nacht aus

wirren Träumen, weinte und war so unglücklich! Am nächsten Tage aber

begann wieder dasselbe Spiel, d. h. man brachte mich wieder zur Fürstin.

Schließlich wurde es ihr langweilig, ihren Gästen von mir zu erzählen,

und den Gästen – ihr Mitleid und Bedauern zu äußern. Überdies war ich

auch noch ein so gewöhnliches Kind, „ohne jegliche Naivität“, wie, ich

weiß noch, die Fürstin sich in einem Gespräch mit einer älteren Dame

unter vier Augen auf deren Frage ausdrückte, ob es sie denn wirklich

nicht langweile, sich mit mir „abzugeben“? Da wurde ich denn am Abend

fortgeführt und brauchte nicht wieder zu ihr zurückzukehren. Ich hatte

meine Rolle in ihrer Gunst ausgespielt. Übrigens durfte ich überall

hingehen und mich aufhalten wo ich wollte. Und ich konnte auch nicht

stillsitzen: eine tiefe, krankhafte Unruhe, die wohl aus dem Heimweh und

einer unbestimmten Sehnsucht irgendwohin entstand, peinigte mich und ich

war froh, wenn ich endlich von allen fortgehen konnte, nach unten in die

großen Räume. Ich weiß noch, ich hätte so gern mit den Dienstboten

gesprochen, aber ich fürchtete, sie könnten böse werden, und so schwieg

ich lieber und blieb einsam. Mein liebster Zeitvertreib war: mich

irgendwo in einem Winkel zu verstecken, wo es möglichst unauffällig war

– hinter einem Stuhl oder einem anderen Gegenstand, der mich vollständig

verbarg – und mich dann dort gleich in die Erinnerung zu versenken und

über alles, was mit mir geschehen war, nachzudenken. Doch sonderbar! –

Das Ende meines Zusammenseins mit den Eltern, diese furchtbaren letzten

Tage unseres gemeinsamen Lebens, die hatte ich wie vergessen, wenigstens

als lebendige Vorgänge lebten sie nicht mehr in mir. Freilich wußte ich

noch alles – entsann mich der Nacht und der Geige und des Vaters, ich

wußte, wie ich ihm das Geld verschafft hatte; aber alle diese Vorgänge,

sagen wir, begreifen, sie mir erklären – das konnte ich nicht ... Es

wurde mir nur noch schwerer ums Herz, und wenn ich in der Erinnerung zu

jenem Augenblick gelangte, in dem der Vater mich vor der toten Mutter

niederknien hieß, dann erschauerte ich plötzlich vor Kälte. Ich zitterte

und hätte schreien mögen. Das Atmen wurde mir schwer, so eng wurde mir

die Brust und so laut pochte mein Herz, daß ich schließlich erschrocken

aus meinem Winkel hinausstrebte und wieder nach oben lief. Übrigens –

ich sagte, daß man mich allein ließ, doch ist das nicht ganz wörtlich zu

nehmen: ich wurde die ganze Zeit mit peinlicher Gewissenhaftigkeit

beaufsichtigt, denn der Fürst hatte es so angeordnet, daß man mir volle

Freiheit geben, jedoch mich gleichzeitig nie aus den Augen lassen solle.

Es fiel mir auf, daß von Zeit zu Zeit jemand von den Dienstboten oder

von den anderen, die im Hause lebten, in das Zimmer sah, wo ich mich

gerade aufhielt, und dann wieder fortging, ohne mir ein Wort zu sagen.

Diese Aufmerksamkeit wunderte mich und zum Teil beängstigte sie mich

sogar. Ich begriff nicht, warum man das tat. So dachte ich mir denn, man

wolle mich zu irgendeinem Zweck aufbewahren und dann später Gott weiß

was mit mir angeben. Ich weiß noch, deshalb wollte ich auch das Haus

immer weiter durchsuchen, um ein Versteck auszukundschaften, in dem ich

mich im Notfall verbergen konnte.

So verirrte ich mich einmal und kam ganz unvermutet ins Treppenhaus. Da

war alles aus weißem Marmor, die Treppe selbst mit Läufern bedeckt und

mit Blumen und Vasen geschmückt. Auf jedem Absatz der Treppe saßen je

zwei große Menschen, die sehr bunt gekleidet waren, in Handschuhen und

blendend weißen Halsbinden. Ich sah sie in höchster Verwunderung an und

konnte trotz eifrigen Nachdenkens nicht begreifen, warum sie dort saßen,

schwiegen und nur einander ansahen, sonst aber nichts taten.

An diesen einsamen Streifzügen durch das fürstliche Palais fand ich mit

der Zeit immer mehr Gefallen. Aber es gab da noch einen anderen Grund,

weshalb ich so gern aus den oberen Zimmern fortlief. Dort oben lebte

eine alte Tante des Fürsten, ein altes Fräulein, das so gut wie nie das

Haus, ja fast nicht einmal ihre Zimmer verließ. Diese alte Dame war

womöglich die wichtigste Person im Hause und ich fürchtete sie sehr. Im

Verkehr mit ihr beobachteten alle eine geradezu feierliche Etikette und

sogar die Fürstin, die so stolz und selbstbewußt auf alle herabsah,

mußte genau zweimal wöchentlich, an bestimmten Tagen, der Tante

persönlich ihren Besuch machen. Sie kam gewöhnlich vormittags; es

entspann sich ein trockenes Gespräch, das häufig von feierlichem

Schweigen unterbrochen wurde, während die Alte ein Gebet flüsterte oder

den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten ließ. Der Besuch dauerte so

lange, wie die Tante es gerade für gut befand: sie erhob sich dann von

ihrem Platz und küßte die Fürstin auf den Mund, womit sie zu verstehen

gab, daß die Fürstin sie nun verlassen konnte. Anfangs hatte die Fürstin

diese Tante sogar jeden Tag besuchen müssen, doch war in der Folge auf

Wunsch der alten Dame eine Änderung und Erleichterung erfolgt: und zwar

brauchte die Fürstin hinfort an den übrigen fünf Tagen der Woche nicht

mehr persönlich zu erscheinen, sondern mußte sich nur an jedem Morgen

durch einen Diener nach dem Befinden des alten fürstlichen Fräuleins

erkundigen. Überhaupt verbrachte sie ihr Leben fast wie in einer

Klosterzelle. Mit fünfunddreißig Jahren hatte sie sich auch wirklich

einmal in ein Kloster zurückgezogen und siebzehn Jahre daselbst verlebt,

jedoch nicht den Schleier genommen. Dann hatte sie das Kloster wieder

verlassen und war nach Moskau gezogen, um bei ihrer Schwester, einer

verwitweten Gräfin L., deren Gesundheit mit jedem Jahr mehr zu wünschen

übrigließ, zu wohnen und sich auch mit der älteren Schwester, einer

gleichfalls unverheirateten Fürstin H., zu versöhnen, nachdem sie etwa

zwanzig Jahre lang in Feindschaft mit ihr gelebt hatte. Man sagt aber,

die drei alten Damen sollen keinen Tag in Eintracht verbracht haben,

tausendmal seien sie schon im Begriff gewesen, auseinanderzugehen, was

sie dann aber doch nicht taten, da schließlich eine jede von ihnen den

beiden anderen unentbehrlich geworden war, eben weil die Streitigkeiten

die Langeweile und damit die trüben Stunden des Alterns verscheuchten.

Doch ungeachtet dieses ihres wenig anziehenden Lebens und des

feierlichen Stumpfsinns, der in ihrem Moskauer Palais herrschte, hielt

es doch die ganze Moskauer Gesellschaft für ihre Pflicht, die Besuche

bei den drei alten Damen fortzusetzen. Man sah in ihnen einfach die

Hüterinnen aller aristokratischen Überlieferungen und Gesetze des alten

Bojarentums. Die Gräfin soll übrigens eine prächtige Frau gewesen sein,

wenigstens lebte sie noch nach ihrem Tode in vielen guten Erinnerungen

fort. Petersburger, die nach Moskau kamen, machten bei ihnen ihre ersten

Besuche. Wer in ihrem Hause empfangen wurde, der wurde überall

empfangen. Nach dem Tode der Gräfin trennten sich die unverheirateten

Schwestern: die ältere blieb in Moskau und trat dort ihren Teil von der

Hinterlassenschaft der kinderlosen Gräfin an, und die jüngere, die

zeitweilige Klosterfrau, siedelte nach Petersburg zu ihrem Neffen, dem

Fürsten H., über. Dafür mußten die beiden Kinder des Fürsten, Katjä und

Alexander, nach dem Tode der Gräfin in Moskau bei der Großtante bleiben,

zu ihrer Zerstreuung und zu ihrem Trost in der Einsamkeit. Die Fürstin,

die ihre Kinder leidenschaftlich liebte, durfte kein Wort dawider reden

und mußte für die ganze Zeit der Trauer auf ihre Kinder verzichten. Ich

vergaß zu sagen, daß das ganze Haus noch Trauer trug als ich hinkam,

aber die Frist nahte sich schon ihrem Ende.

Die alte kleine Dame kleidete sich nur in Schwarz und die Kleider waren

alle von gewöhnlichem schwarzem Wollenstoff. Dazu trug sie fein

gefältelte und gesteifte weiße Krägelchen, die ihr das Aussehen einer

Stiftsdame verliehen. Der Rosenkranz kam nie aus ihrer Hand, und

feierlich fuhr sie regelmäßig zum Morgengottesdienst, fastete nahezu

täglich, empfing verschiedene höhere Geistliche und andere ehrbare

Personen und las in frommen Büchern. Sie führte, mit einem Wort, ein

richtiges Klosterleben. Deshalb herrschte auch in den oberen Zimmern

eine unheimliche Stille; nicht einmal eine Tür durfte kreischen: die

Alte hatte ein Gehör wie eine fünfzehnjährige und ließ sogleich nach der

Ursache des geringsten Geräusches fragen. Deshalb sprachen dort alle nur

flüsternd und schlichen auf den Fußspitzen, ja die arme Französin, auch

ein altes Dämchen, mußte sogar auf ihr geliebtes Schuhwerk verzichten –

auf Stiefel mit hohen Absätzen! Denn: Absätze waren verpönt. Zwei Wochen

nach meiner Aufnahme im Hause, ließ die alte Dame sich plötzlich nach

mir erkundigen: wer ich sei, was ich tue, wie ich ins Haus gekommen

usw., usw. Ihre Wißbegier wurde sogleich mit größter Diensteifrigkeit

befriedigt. Darauf erschien der zweite Abgesandte bei der Französin, um

zu fragen, warum die Prinzessin mich bis jetzt noch nicht zu Gesicht

bekommen habe. Da war die Aufregung groß: mir wurde schnell das Haar

gekämmt, wurden Gesicht und Hände gewaschen, obschon sie ganz rein

waren, man zeigte mir, wie ich mich verbeugen, wie ich die Hand küssen

mußte, auch sollte ich freundlich dreinschauen und munter sprechen –

kurz, man brachte mich vollständig aus dem Gleichgewicht. Darauf machte

sich von uns aus eine Abgesandte auf den Weg, um die Prinzessin zu

fragen, ob sie nicht das Waisenkindchen zu sehen wünsche? Die Antwort

lautete zunächst verneinend, doch gab sie dann eine andere Stunde an:

man solle mich am nächsten Tage nach der Morgenandacht zu ihr bringen.

Ich schlief die ganze Nacht nicht und man sagte mir später, ich hätte

viel phantasiert, wohl weil ich im Traum schon zu ihr gegangen sei, denn

ich habe sie aus Gott weiß welchem Grunde immer wieder um Verzeihung

gebeten. Endlich erfolgte meine Vorstellung. Ich erblickte eine hagere,

kleine Dame, die auf einem riesengroßen Lehnstuhle saß. Sie nickte mir

zu und setzte sich die Brille auf, um mich besser betrachten zu können.

Ich weiß noch, daß ich ihr gar nicht gefiel. Sie machte die Bemerkung,

ich sei ganz verwildert, verstände weder die Hand zu küssen, noch zu

knixen. Es folgten Fragen, auf die ich keine Silbe zu antworten wußte;

als sie mich aber nach meinen Eltern zu fragen anfing, da begann ich zu

weinen. Das war der alten Dame sehr unangenehm. Übrigens versuchte sie

mich zu trösten und sagte mir, ich solle auf Gott vertrauen. Darauf

fragte sie, wann ich zum letztenmal in der Kirche gewesen sei, und da

ich ihre Frage kaum verstand – denn in der Beziehung wußte ich noch so

gut wie nichts – geriet sie in Entsetzen über meine bisherige Erziehung.

Sie ließ die Fürstin zu sich bitten. Es folgte eine ernste Beratung, die

damit endete, daß man beschloß, mich sogleich am nächsten Sonntag in die

Kirche zu führen. Bis dahin wollte die alte Dame für mich beten.

Zugleich sagte sie, man solle mich wegbringen, ich hätte einen sehr

ungünstigen Eindruck auf sie gemacht. Das war freilich kein Wunder,

anders hätte es wohl gar nicht sein können. Aber ihr Mißfallen war doch

schon mehr als augenscheinlich. Am selben Tage noch ließ sie sagen, ich

sei zu unartig, man höre mich im ganzen Hause – während ich die Zeit

über mäuschenstill gesessen hatte. Natürlich hatte es der alten Dame nur

so geschienen. Indes erfolgte diese Bemerkung auch am nächsten Tage. Zum

Unglück ließ ich noch eine Tasse fallen, die auf dem Parkett zerschlug.

Darüber gerieten die Französin und alle Dienerinnen fast außer sich, und

ich wurde sogleich ins entlegenste Zimmer gebracht, wohin mir alle

händeringend und kopfschüttelnd folgten.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie die Sache schließlich auslief.

Jedenfalls lag hier der andere Grund, weshalb ich mich so viel lieber

unten in den großen Räumen aufhielt, denn dort, das wußte ich,

beunruhigte ich keinen Menschen.

Einmal saß ich unten in einem Saal ganz allein. Ich saß, das Gesicht

wieder in den Händen vergraben, den Kopf gesenkt, und rührte mich nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden darüber vergingen. Ich dachte und

dachte vergeblich, denn mein junger unreifer Verstand konnte meinen Gram

nicht bewältigen und es wurde mir immer schwerer ums Herz und mein

Kummer wurde immer größer. Da vernahm ich plötzlich eine leise Stimme

über mir:

„Was fehlt dir, meine Arme?“

Ich sah auf: es war der Fürst. Aus seinem gütigen Gesicht sprach soviel

tiefes Mitleid, so aufrichtige Teilnahme! Aber ich sah ihn so

unglücklich, so traurig an, daß seine großen blauen Augen feucht wurden.

„Arme kleine Waise!“ sagte er leise und streichelte meinen Kopf.

„Nein, nein, nicht Waise! Nein!“ stammelte ich – und ich stöhnte, denn

alles erhob sich in mir und ich wollte mich gleichsam losringen von

etwas Ungreifbarem, das mich zu umklammern drohte. Ich glitt vom Stuhl,

hielt seine Hand umfaßt, küßte sie, daß meine Tränen sie benetzten, und

wiederholte nur flehend:

„Nein, nein, nicht Waise! Nicht!“

„Mein Kind, – was hast du nur, meine arme Kleine? Was fehlt dir,

Njetotschka?“

„Wo ist Mama? Wo ist meine Mama?“ rief ich laut weinend, unfähig, meinen

Kummer noch länger zu verbergen – und kraftlos sank ich vor ihm auf die

Knie. „Wo ist meine Mama? Sag’ mir, wo ist meine Mama?“

„Verzeih mir, mein Kind! ... Ach, du arme Kleine, da habe ich sie daran

erinnert ... Mein Gott, was habe ich getan! Komm, komm mit mir,

Njetotschka, komm!“

Er faßte mich an der Hand und führte mich mit sich fort. Er war

sichtlich erschüttert. Wir gelangten in einen Raum, in dem ich noch nie

gewesen war.

Es war das Betzimmer. Draußen herrschte bereits Dämmerung. Im Licht der

Lämpchen strahlten hell die goldenen Einfassungen und die Edelsteine der

Heiligenbilder. Aus all diesem Glanz und Gold schauten dunkel und matt

die Antlitze der Heiligen. Alles erinnerte hier so wenig an die anderen

Zimmer, war so unähnlich dem, was ich bis dahin überhaupt gesehen hatte,

war so geheimnisvoll und ernst, daß ich bestürzt stillstand und der

Schreck sich meines Herzens bemächtigte. Meine Nerven waren ja ohnehin

schon in krankhafter Erregung.

Der Fürst ließ mich vor dem Muttergottesbilde niederknien und blieb

neben mir stehen.

„Bete, Kind, bete hier; oder laß uns gemeinsam beten,“ sagte er mit

leiser, stockender Stimme.

Doch ich konnte nicht beten: ich war zu bestürzt, zu erschrocken – mir

fielen die Worte des Vaters ein, in jener letzten Nacht, an der Leiche

der Mutter, und ich bekam einen neuen Nervenanfall. Ich mußte wieder das

Bett hüten, und während dieser zweiten Periode meiner Krankheit wäre ich

fast gestorben. Die Ursache dieser Verschlimmerung war folgende:

Eines Morgens schlug ein bekannter Name an mein Ohr: S–z. Eines von den

Dienstmädchen hatte den Namen an meinem Bett genannt. Ich fuhr zusammen:

die Erinnerungen stürzten über mich, und sinnend, träumend und mich

quälend lag ich in Fieberphantasien, ich weiß nicht wie viele Stunden.

Als ich erwachte, mußte es schon sehr spät sein: im Zimmer war es

dunkel. Die Nachtlampe war erloschen, das Mädchen, das im Zimmer

gesessen hatte, war nicht da. Plötzlich hörte ich ferne Musik. Bisweilen

verstummten die Töne ganz, dann aber wurden sie wieder deutlicher und

deutlicher, als näherten sie sich mir. Ich weiß nicht, welch ein Gefühl

sich meiner bemächtigte, noch welch eine Absicht in meinem fiebernden

Kopf plötzlich entstand. Ich erhob mich, stieg aus dem Bett – woher ich

die Kraft dazu nahm, weiß ich nicht – zog mir schnell mein

Trauerkleidchen an und verließ tastend das Zimmer. Im zweiten und

dritten Zimmer traf ich auch keinen Menschen. Endlich erreichte ich den

Korridor. Die Musik wurde lauter und lauter. In der Mitte des Korridors

war die Treppe; auf diesem Wege hatte ich mich immer nach unten in die

großen Säle geschlichen. Die Treppe war hell erleuchtet; unten hörte ich

Schritte. Ich verbarg mich in einem Winkel, um nicht gesehen zu werden,

und bei der ersten Möglichkeit schlich ich nach unten in den großen

Korridor. Die Musik tönte aus dem angrenzenden großen Saal; von dorther

kam auch Geräusch und ein Stimmengewirr, als hätten sich an tausend

Menschen dort versammelt. Die große Tür, die aus dem Korridor in den

Saal führte, war verhängt mit doppelten purpurroten Sammetportieren. Ich

hob die erste auf, die auf der Korridorseite hing, und stellte mich

zwischen beide Portieren. Mein Herz schlug so stark, daß ich mich kaum

auf den Füßen hielt. Nach ein paar Minuten hatte ich meine Aufregung so

weit bezwungen, daß ich schon wagte, den Rand der anderen Portiere, die

an der Saalseite der Tür hing, ein wenig umzubiegen ... Mein Gott!

Dieser riesengroße düstere Saal, den am Tage zu betreten ich mich kaum

getraut hatte, flimmerte jetzt im Licht von tausend Kerzen. Wie ein Meer

von Licht strahlte es mir entgegen, so daß meine Augen, die sich an das

Dunkel gewöhnt hatten, im ersten Moment bis zum Schmerz geblendet waren.

Aromatische Luft schlug mir wie ein heißer duftender Wind entgegen. Eine

Unmenge Menschen wogte dort durcheinander und alle sahen, wie mir

schien, froh, heiter, glücklich aus. Die Damen hatten so schöne, so

helle Toiletten, überall sah ich vor Vergnügen leuchtende Augen. Ich

stand wie bezaubert. Doch war es mir, als hätte ich das alles schon

irgendwo, irgendwann wie im Traum gesehen ... Mir fielen die Stunden der

Dämmerung ein, unsere Dachstube, das hohe Fenster, tief unten die Straße

mit den strahlenden Laternen, die Fenster des gegenüberliegenden Hauses

mit den roten Vorhängen, die Equipagen vor dem Portal, der Hufschlag und

das Schnaufen der stolzen Pferde, das Rufen und Durcheinander auf der

Straße, die Schattenbilder hinter den Fenstern auf den leuchtend roten

seidenen Vorhängen, und dazu eine gedämpfte ferne Musik ... Also hier

war dieses Paradies! fuhr es mir durch den Sinn, hierher also wollte ich

mit dem armen Vater gehen ... So war denn das alles kein Traum? ... Ja,

ich hatte das alles in meinen Träumen schon gesehen! ... Hellauf lohte

meine Phantasie, deren Feuer von der Krankheit bereits doppelt geschürt

sein mochte, und Tränen einer geradezu schrankenlosen Seligkeit rollten

mir über die Wangen. Ich suchte mit den Augen den Vater in dieser

Gesellschaft: „der muß hier sein, er ist gewiß hier,“ dachte ich und

mein Herz schlug so vor Erwartung und Spannung, daß mir der Atem stockte

... Die Musik verstummte, doch gleich darauf erhob sich ein großes

Getöse, und dann ging es durch den ganzen Saal wie ein Geflüster. Ich

betrachtete voll Neugier und Unruhe die Gesichter, die ich sehen konnte,

und bemühte mich, jemanden zu erkennen. Plötzlich ging eine neue große

Erregung durch den Saal. Ich erblickte auf einer Erhöhung einen großen,

hageren Greis. Sein bleiches Gesicht lächelte, er verbeugte sich etwas

steif und grüßte nach allen Seiten. In der Hand hatte er eine Geige.

Tiefes Schweigen trat ein, es war, als hielten alle den Atem an, alle

sahen auf den Greis, alle schienen etwas zu erwarten. Da nahm er die

Geige, hob den Arm und berührte mit dem Bogen die Saiten. Die Musik

begann, und ich fühlte, wie etwas mir das Herz zusammenpreßte. Mit einem

Gefühl von unsagbarer Angst und mit zurückgehaltenem Atem horchte ich

auf diese Töne: etwas Bekanntes erklang in meinen Ohren, als hätte ich

das schon irgendwo gehört: – und wie eine Vorahnung stieg es in mir auf,

wie eine Erwartung von etwas Furchtbarem, etwas Entsetzlichem, das sich

auch in meinem Herzen entscheiden sollte. Schon klang die Geige lauter,

schneller und greller folgten die Töne. Da klang es bereits wie eines

Menschen Gestöhn, darauf wie klagendes Schluchzen, wie jemandes

vergebliches Flehen, doch die Menge blieb stumm, während die Töne über

sie hinklangen – dann stöhnten sie auf und versagten wie in

Verzweiflung. Immer bekannter, immer bekannter wurde mir etwas im

Herzen. Aber das Herz weigerte sich noch, daran zu glauben ... Ich biß

die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen vor Schmerz, ich klammerte

mich an die Portiere, um nicht hinzufallen ... Ich schloß die Augen, und

schlug sie plötzlich wieder auf: ich glaubte nichts anderes, als daß es

ein Traum sei, aus dem ich in einem furchtbaren, mir aber schon

bekannten Augenblick erwachen werde, und ich sah wie im Traum wieder

jene letzte Nacht, ich hörte dieselben Töne ... Ich schlug wieder die

Augen auf, um mich zu überzeugen – sah die Menschenmenge ... Nein, das

waren andere Menschen, andere Gesichter ... Und doch war es mir, als ob

alle ganz wie ich etwas erwarteten, ganz wie ich sich in tiefer

Sehnsucht quälten, wie ich diesen Tönen der Verzweiflung

entgegenschreien wollten: doch aufzuhören, nicht ihre Seelen zu

zerreißen – aber das zitternde Beschwören und Flehen der Töne wurde nur

noch herzzerreißender, verzweifelter und haltloser ... bis plötzlich der

letzte furchtbare, rasende Schrei ertönte und mir fast die Sinne nahm

... Kein Zweifel! das war derselbe, derselbe Schrei! Ich erkannte ihn,

ich hatte ihn schon einmal gehört, wie damals in jener Nacht durchbohrte

er mich. „Der Vater! der Vater!“ durchzuckte es mich wie ein Blitz, „er

ist hier, das ist er, er ruft mich, das ist seine Geige!“ Und wie ein

Stöhnen erhob es sich aus dieser Menschenmasse, ohrenbetäubendes Getöse

erschütterte den Saal. Lautes, verzweifeltes Weinen brach aus meiner

Brust. Ich hielt es nicht mehr aus, ich schlug die Portiere zurück und

stürzte in den Saal.

„Papa! Papa! das bist du! Wo bist du?“ rief ich wie von Sinnen.

Ich weiß nicht, wie ich zu ihm hinkam: man ließ mich durch, man trat vor

mir auseinander, und ich warf mich mit einem gequälten Schrei ihm

entgegen – ich glaubte, den Vater zu umarmen ... Plötzlich sah ich, daß

mich jemandes lange, hagere Hände erfaßten und hoch in die Luft hoben.

Jemandes schwarze Augen sahen mich an und schienen mich verbrennen zu

wollen mit ihrem Feuer. Ich starrte ihn an: „Nein! Das ist nicht der

Vater! Das ist sein Mörder!“ fuhr es mir durch den Sinn. Da geriet ich

so außer mir, eine so rasende Verzweiflung erfaßte mich – und plötzlich

schien es mir, daß über mir ein Lachen erklang und dieses Lachen vom

ganzen Saal widerhallte, wie ein einziger brausender Beifall ... Ich

verlor das Bewußtsein.

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 18 / 25 题