III.

Zu jener Zeit wurde ganz Petersburg alarmiert durch eine große

Neuigkeit: es verbreitete sich das Gerücht von der bevorstehenden

Ankunft des berühmten S–z. Alles, was musikalisch war in Petersburg,

geriet in Aufregung. Sänger, Schauspieler, Dichter, Maler, sämtliche

Musiknarren, aber auch solche, die niemals Musiknarren gewesen waren und

mit bescheidenem Stolz gestanden, daß sie keinen Ton von der ganzen

Musik begriffen, jagten nun alle mit wahrer Gier nach den Billetten zu

diesem Konzert. Der Saal konnte kaum den zehnten Teil der Enthusiasten

fassen, die die Möglichkeit hatten oder sich schufen, fünfundzwanzig

Rubel Eintrittsgeld zu zahlen. Doch die europäische Berühmtheit dieses

S–z, sein lorbeerumkränztes hohes Alter, dabei die unverwüstliche

Frische seines Talentes, sowie die Tatsache, daß er in letzter Zeit nur

noch äußerst selten öffentlich spielte, und ferner die Versicherung, daß

er zum letztenmal eine europäische Konzertreise unternehme, dann aber

das Spielen endgültig aufgeben werde, erregten die Gemüter und die

Neugier der Menschen. Mit einem Wort, die Spannung war eine ungeheuere.

Ich erzählte bereits, daß die Ankunft jedes neuen Violinvirtuosen, jeder

auch noch so kleinen „Berühmtheit“, auf meinen Stiefvater stets den

unangenehmsten Eindruck machte. Er war dann immer einer der ersten, die

sich beeilten, den angereisten Künstler zu hören, um möglichst bald die

Größe seiner Kunst beurteilen zu können. Nicht selten wurde er geradezu

krank, nur dadurch, daß er das Lob anhören mußte, das irgendeinem neuen

Stern gespendet wurde, und er beruhigte sich nicht eher, als bis er an

dem Spiel des Gelobten irgend etwas auszusetzen fand, was er dann als

seine „unmaßgebliche Meinung“ mit beißendem Spott überall, wo er nur

konnte, zum besten gab. Der arme Wahnsinnige glaubte, daß es nur ein

einziges Genie in der ganzen Welt gäbe, nur einen einzigen Künstler, und

dieser Künstler war natürlich er selbst. Das Gerücht nun, und alsbald

die Gewißheit, daß das Weltgenie S–z in Petersburg konzertieren werde,

wirkte auf ihn geradezu wie eine Erschütterung. Übrigens muß ich

bemerken, daß Petersburg in den letzten zehn Jahren kein einziges

größeres Talent gehört hatte, geschweige denn ein Genie gleich S–z.

Deshalb hatte auch mein Stiefvater von dem Spiel wirklich erstrangiger

europäischer Künstler noch gar keine richtige Vorstellung.

Man hat mir erzählt, mein Vater habe sich damals schon nach dem ersten

unsicheren Gerücht wieder hinter den Kulissen eingefunden. Er sei sehr

aufgeregt gewesen und habe sich mit größter Unruhe nach S–z und dessen

bevorstehendem Konzert erkundigt. Da man ihn lange nicht gesehen, soll

sein plötzliches Wiederauftauchen sogar einen gewissen Effekt gemacht

haben. Jemand habe ihn reizen wollen und herausfordernd gemeint: „Ja,

mein lieber Jegor Petrowitsch, jetzt werden Sie nicht mehr Ballettmusik

zu hören bekommen, sondern eine, die Sie nicht mehr leben lassen wird

auf Erden!“ Er soll erbleicht sein, als er diesen Spott hörte, habe aber

doch noch ruhig geantwortet, wenn auch mit verzerrtem Lächeln:

„Warten wir ab. Aus der Ferne hält man oft für einen Berg, was sich in

der Nähe als ein Kamel entpuppt. Dieser S–z ist ja doch nur in Paris

gewesen, da haben eben die Franzosen seinen Ruhm ausgeschrien, aber –

nun ja, man weiß doch, was Franzosen sind!“ usw.

Alles lachte. Der Arme fühlte sich gekränkt, aber er bezwang sich und

fügte nur hinzu, daß er übrigens gar nichts sagen wolle, man werde es ja

bald erleben, vorläufig müsse man abwarten, bis übermorgen sei nicht

lange, die Wunder würden schon an den Tag kommen.

B. erzählte mir, an demselben Tage, kurz vor der Dämmerung, sei ihm auf

der Straße Fürst H. begegnet – ein Dilettant als ausübender Künstler,

als Mensch jedoch ein unvergleichlicher Kunstkenner und Kunstliebhaber.

Sie setzten gemeinsam ihren Weg fort, sprachen natürlich auch von dem

bereits eingetroffenen großen Virtuosen, als B. plötzlich meinen Vater

erblickte, der vor dem Fenster einer Musikalienhandlung stand und

aufmerksam ein Konzertprogramm studierte, das in großen Lettern das

Konzert des berühmten Geigenvirtuosen S–z ankündigte.

„Sehen Sie dort diesen Menschen, der vor dem Fenster steht?“ wandte sich

B. schnell an den Fürsten.

„Wer ist das?“ fragte der Fürst.

„Sie haben von ihm schon gehört. Das ist derselbe Jefimoff, von dem ich

Ihnen mehrmals erzählt habe, und der einmal durch Ihre Protektion eine

Anstellung erhielt.“

„Ach ja, ich entsinne mich!“ sagte der Fürst. „Sie haben mir viel von

ihm erzählt. Er soll ja sehr interessant sein, sagt man. Könnte ich ihn

nicht mal spielen hören?“

„Lohnt nicht,“ versetzte B. kurz. „Und es ist auch so niederdrückend.

Das heißt, ich weiß nicht, wie es auf Sie wirkt, aber auf mich macht es

immer einen schrecklichen Eindruck. Sein Leben ist – eine einzige

entsetzliche Tragödie. Eine Hölle. Ich habe tiefes Mitgefühl mit ihm,

wie schmutzig er auch sein mag, immer wieder nehme ich Anteil an ihm.

Sie sagten, er müsse interessant sein. Das ist er wirklich, aber der

Eindruck, den er in einem hinterläßt, ist gar zu schmerzhaft und schwer.

Erstens ist er ein Wahnsinniger, und zweitens hat dieser Wahnsinnige

drei Verbrechen auf dem Gewissen, denn außer seinem eigenen Leben hat er

noch zwei andere Menschenleben zugrunde gerichtet: das seiner Frau und

seiner Tochter. Wie ich ihn kenne, würde es ihn auf der Stelle töten,

wenn er sich von seinem Verbrechen überzeugte. Aber das ganze Entsetzen

besteht ja gerade darin, daß er es sich nun schon acht Jahre lang _fast_

eingesteht und daß er acht Jahre lang mit seinem Gewissen ringt, um es

sich nicht nur ‚fast‘, sondern vollkommen einzugestehen.“

„Sie sagten, er sei arm?“ fragte der Fürst.

„Ja; aber die Armut ist für ihn jetzt eher ein Glück, denn sie ist in

seinen Augen seine Rechtfertigung. Solange er arm ist, kann er einem

jeden versichern, daß nur die Armut ihn zurückhalte und daß er, wenn er

reich wäre, dann auch genügend Zeit hätte, und vor allem keine Sorgen,

um zeigen zu können, was für ein Künstler er sei. Er hat mit der

sonderbaren Hoffnung geheiratet, daß tausend Rubel, die seine Frau

damals besaß, ihm helfen würden, sein Ziel zu erreichen. Er handelte wie

ein Phantast, wie ein Dichter, und so hat er stets gehandelt. Wissen

Sie, was er in diesen acht Jahren immer behauptet hat und auch jetzt

noch zu behaupten nicht müde wird? – Daß die Ursache seines ganzen

Elends seine Frau sei: die hindere ihn an allem. Und er selbst tut dabei

nichts: denkt nicht einmal daran, zu arbeiten. Nehmen Sie ihm aber diese

Frau – da wäre er der unglücklichste Mensch der Welt. Jetzt hat er schon

mehrere Jahre lang die Geige nicht angerührt – und wissen Sie, warum

nicht? Weil er jedesmal, sobald er den Bogen in die Hand nimmt, sich

innerlich doch gestehen muß, daß er nichts ist, eine Null, aber kein

Künstler. So dagegen, wenn er den Bogen nicht anrührt, kann er sich noch

dem schönen Glauben hingeben, daß es doch wieder nicht wahr sei. Er ist

ein Träumer. Er glaubt, daß er mit einemmal, wie durch ein Wunder,

plötzlich der berühmteste Mensch der Welt sein werde. Sein Wahlspruch

ist: ^aut Caesar, aut nihil^, als könnte man so einfach und in einem

Augenblick ein Cäsar werden. Sein ganzes Verlangen, seine einzige

Begierde ist – Ruhm. Wenn aber ein solches Gefühl zum ersten und

einzigen Antrieb eines Künstlers wird, so ist der Betreffende schon

nicht mehr Künstler, da er dann den Grundtrieb des Künstlers eingebüßt

hat, nämlich die Liebe zur Kunst einzig um der Kunst willen, und nicht

aus anderen Gründen, wie etwa, weil sie Ruhm verschafft. Da nehmen Sie

zum Beispiel diesen S–z: wenn er den Bogen in die Hand nimmt, dann gibt

es für ihn in der ganzen Welt nichts mehr außer seiner Musik. Nach der

Musik ist für ihn das Geld die Hauptsache, und erst an dritter Stelle,

glaube ich, steht für ihn der Ruhm. Aber er hat sich wenig um ihn

gesorgt ... Wissen Sie, was dagegen diesen Unglücklichen jetzt am

meisten beschäftigt,“ fuhr B. fort, mit einer Kopfbewegung auf Jefimoff

deutend. „Ihn beschäftigt jetzt nur eine allerdümmste, nichtigste, ja

sogar erbärmlichste und lächerlichste Sorge, und zwar die: ist er,

Jefimoff, größer als S–z oder ist S–z größer als er – und nichts weiter,

denn er ist auch jetzt noch überzeugt, daß er der erste Künstler der

Welt sei. Versuchen Sie ihn zu überzeugen, daß er kein Künstler ist, und

ich versichere Sie, er wird tot hinfallen – es wäre zu schwer, zu

schrecklich für ihn, auf seine fixe Idee zu verzichten, der er schon

sein ganzes Leben geopfert hat und deren Grundlage immerhin tief und

ernst war, denn anfangs gehörte er wirklich zu den Berufenen.“

„Dann kann das ja interessant werden, wenn er jetzt S–z zu hören

bekommt,“ bemerkte der Fürst.

„Ja,“ sagte B. nachdenklich. „Doch nein: er wird sich auch dann wieder

mit sich zurechtfinden. Seine Einbildung ist stärker als die Wahrheit,

die er erfahren könnte: deshalb würde er auch sicherlich gleich

irgendeine neue Erklärung für sie finden.“

„Meinen Sie?“ fragte der Fürst.

Sie hatten sich inzwischen meinem Vater genähert. Dieser wollte, als er

sie erblickte, unbemerkt an ihnen vorübergehen, doch B. hielt ihn auf

und redete ihn an. Er fragte ihn, ob er das Konzert des berühmten S–z

besuchen werde. Jefimoff antwortete gleichmütig, er wisse das noch

nicht, er habe da etwas vor, was wichtiger sei als Konzerte und alle

angereisten Virtuosen: doch übrigens, er werde sehen, bestimmt könne er

es noch nicht sagen, aber wenn sich gerade ein freies Stündchen

erübrigen sollte – warum dann schließlich nicht? – vielleicht, wie

gesagt, werde er sich die Mühe nehmen. Ein schneller, etwas unruhiger

Blick streifte B. und den Fürsten, ein mißtrauisches, flüchtiges

Lächeln, dann hob er den Hut, nickte B. zu und ging weiter, unter dem

Vorwand, daß er keine Zeit habe.

Doch ich wußte schon seit einem Tage um die Sorge des Vaters. Was es nun

gerade war, was ihn quälte, das wußte ich freilich nicht, aber meiner

Beobachtung war natürlich nicht entgangen, daß er in der letzten Zeit

etwas auf dem Herzen hatte. Sogar die Mutter schien dies bemerkt zu

haben. Sie war in diesen Tagen sehr krank und konnte kaum die Füße

bewegen, was ihr das Gehen fast unmöglich machte. Der Vater kam bald

nach Haus, bald ging er wieder fort. Am Morgen erschienen bei uns drei

oder vier Gäste, seine ehemaligen Freunde, worüber ich mich sehr

wunderte, da sonst außer Karl Fedorytsch so gut wie kein Mensch zu uns

kam. Die anderen hatten ja alle schon längst ihre Besuche bei uns

eingestellt, eben seitdem der Vater nicht mehr am Theater angestellt

war. Schließlich erschien auch noch Karl Fedorytsch ganz außer Atem und

in höchster Eile und brachte ein Konzertprogramm. Ich hörte ihren

Gesprächen zu und beobachtete sie aufmerksam: alles das peinigte mich

so, daß ich mich gewissermaßen schuld fühlte an dieser ganzen Aufregung

und Unruhe, die ich im Gesicht des Vaters las. Ich wollte unbedingt

wissen, wollte verstehen, wovon sie sprachen: und da hörte ich denn zum

erstenmal den Namen S–z. Aus den weiteren Gesprächen erfuhr ich, daß man

mindestens fünfzehn Rubel zahlen mußte, wenn man diesen S–z hören

wollte. Ferner entsinne ich mich noch, wie der Vater plötzlich irgendwie

die Geduld verlor, mit der Hand geringschätzig durch die Luft schlug und

halb spöttisch sagte, er kenne diese fremdländischen Wunder, die

angeblich unerreichbaren Größen mit ihren fabelhaften Talenten, kenne

auch diesen S–z. Das seien alles Juden, die auf russisches Geld Jagd

machten, was ihnen hier besonders leicht fiele, da die Russen in ihrer

Einfalt sowieso schon jeden Unsinn bewunderten, um wieviel mehr noch

das, was der Franzose aus Chauvinismus in den Himmel höbe, ohne

beurteilen zu können, was Talent sei und was nicht. Damals wußte ich

bereits, was das bedeutete: kein Talent haben. Die Gäste lachten und

bald gingen sie alle wieder fort, während der Vater ganz verstimmt

zurückblieb. Ich erriet, daß er aus irgendeinem Grunde auf diesen S–z

böse war, und so trat ich, um ihm zu gefallen und seinen Kummer zu

zerstreuen, an den Tisch, nahm das Programm, versuchte das Gedruckte zu

buchstabieren und las laut den Namen S–z. Dann lachte ich, sah den Vater

an, der in Nachdenken versunken auf dem Stuhl saß, und sagte: „Ach, das

ist gewiß auch so einer wie Karl Fedorytsch, der wird’s auch nie zu

etwas bringen!“ Der Vater zuckte zusammen, als hätte ich ihn erschreckt,

entriß mir das Programm, schrie mich an und trampelte mit den Füßen,

ergriff seinen Hut und wollte schon aus dem Zimmer gehen, kehrte aber

sogleich zurück und rief mich auf den Flur hinaus. Dort küßte er mich,

sagte mir, ich sei ein gutes Kind, ein kluges Kind, und ich würde ihn

deshalb bestimmt nicht betrüben wollen, er erwarte von mir einen großen

Dienst – worin dieser aber bestehen sollte, das sagte er nicht. Zudem

bedrückte es mich, ihn anzuhören: ich sah und fühlte, daß seine

Freundlichkeit nicht aufrichtig war – und das erschütterte mich

geradezu. Ich fing an, mich um seinetwillen zu quälen.

Am folgenden Tage beim Mittagessen – d. h. am Tage vor dem Konzert – war

der Vater wie zerschlagen. Er war so ganz anders und sah immer wieder

nach der Mutter hin. Schließlich – ich wunderte mich nicht wenig – fing

er sogar an, mit ihr zu sprechen (ich wunderte mich deshalb, weil er

sonst fast nie mit ihr sprach). Nach dem Essen aber ließ er es sich

plötzlich angelegen sein, um meine Gunst zu werben: jeden Augenblick

rief er mich, bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand auf den

Treppenflur und nachdem er sich vorher umgesehen, als hätte er

gefürchtet, daß jemand kommen könnte, streichelte und küßte er mich,

nannte mich ein gutes Kind und ein folgsames Kind, ganz gewiß, sagte er,

liebte ich meinen Papa und deshalb würde ich auch bestimmt das tun,

worum er mich bitten werde. Alles das versetzte mich in eine höchste

Spannung, die schließlich unerträglich wurde. Endlich, als er mich zum

zehntenmal auf den Treppenflur gerufen hatte, fand die Sache ihre

Erklärung. Mit schuldbewußter, gequälter Miene, sich fortwährend unruhig

nach allen Seiten umsehend, fragte er mich, ob ich wisse, wo die Mutter

jene fünfundzwanzig Rubel aufbewahrte, die sie vor einem Tage nach Haus

gebracht. Ich erstarrte vor Schreck, als ich diese Frage vernahm. Da

hörten wir plötzlich ein Geräusch auf der Treppe, der Vater erschrak,

ließ mich stehen und eilte fort. Er kam erst gegen Abend zurück,

verwirrt, betreten, niedergeschlagen und besorgt, setzte sich schweigend

auf einen Stuhl und seine Blicke suchten nun wieder mich, ja er sah mich

geradezu frohen Mutes an. Da erfaßte mich wieder eine sonderbare Angst

und ich wich absichtlich seinem Blick aus. Als es schon ganz dunkel

geworden war, rief mich die Mutter, die den ganzen Tag im Bett gelegen,

zu sich und gab mir etwas Kupfergeld, für das ich ihr aus dem kleinen

Laden ein wenig Tee und Zucker kaufen sollte. Tee wurde bei uns sehr

selten getrunken. Die Mutter erlaubte sich diesen Luxus – denn das war

er bei unseren beschränkten Mitteln – nur dann, wenn sie sich krank

fühlte und fieberte. Ich nahm das Geld und kaum war ich auf dem Flur, da

lief ich, was ich laufen konnte, lief in der Furcht, daß man mir

nachkommen könnte. Meine Vorahnung täuschte mich auch nicht: der Vater

holte mich auf der Straße ein und zog mich ins Haus zurück.

„Njetotschka!“ begann er mit unsicherer Stimme. „Mein Täubchen! Höre:

gib mir dieses Geld, ich werde es dir gleich morgen ...“

„Papa! Papachen!“ rief ich flehend und zitternd und ich warf mich vor

ihm auf die Knie, um ihn zu beschwören, „Papachen! Ich kann nicht! Ich

darf nicht! Mama ist krank, sie muß Tee trinken ... Man kann das Geld

doch nicht Mama nehmen, wirklich nicht, glaub mir! Ein anderes Mal,

nächstens werde ich dir ...“

„Du willst nicht? Du willst nicht?“ flüsterte er wie in rasender Wut.

„Also du willst mich nicht mehr lieben? Nun gut! Jetzt verlasse ich

dich! Bleib denn allein bei Mama, ich werde von euch fortgehen und dich

nehme ich nicht mit. Hörst du, böses Mädchen, hörst du, was ich sage?“

„Papachen!“ rief ich entsetzt, „nimm das Geld, nimm! Was soll ich jetzt

tun?“ stammelte ich, mich an seinen Rockschoß klammernd, „Mama wird doch

weinen, sie ist doch krank, sie wird mich doch wieder schelten!“

Ich glaube, er hatte diesen Widerstand nicht erwartet, aber das Geld

nahm er; dann – wohl in der Furcht, meinem Jammern und Weinen nicht

standhalten zu können – verließ er mich schnell und lief auf die Straße.

Ich stieg die Treppen hinauf, aber vor unserer Stubentür verließen mich

meine Kräfte. Ich wagte nicht, einzutreten, ich konnte nicht eintreten;

alles, was an Herz in mir war, war erschüttert und in Aufruhr gebracht.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen und wankte zum Fenster, wie

damals, als ich den Vater hatte sagen hören, er wünsche, die Mutter

stürbe bald. So stand ich, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt,

wie benommen und erstarrt, und doch lauschte ich und gab acht auf jedes

noch so leise Geräusch unten auf der Treppe. Endlich hörte ich jemand

schnell heraufkommen. Das war er; ich erkannte ihn am Gang.

„Bist du hier?“ flüsterte er, als er mich erblickte.

Ich warf mich ihm entgegen.

„Da!“ stieß er rauh hervor und steckte mir das Geld in die Hand, „nimm

es! Nimm es zurück! Ich bin jetzt nicht mehr dein Vater, hörst du? Ich

will nicht mehr dein Vater sein! Du liebst Mama mehr als mich! So geh zu

Mama! Ich will von dir nichts mehr wissen!“ Damit stieß er mich fort und

eilte wieder die Treppe hinunter. Ich lief ihm weinend nach.

„Papa! Papa! lieber Papa! Ich werde gehorchen!“ rief ich schluchzend,

„ich liebe dich mehr als Mama! Nimm das Geld, behalt es! – Papa! ...“

Er hörte mich nicht mehr – ich sah nur, daß er verschwunden war.

Diesen ganzen Abend war ich wie krank und zitterte in Fieberschauern.

Ich weiß noch, die Mutter sagte mir irgend etwas, rief mich zu sich: ich

war aber nicht bei Besinnung, ich hörte nichts und sah nichts. Es endete

mit einem Anfall: ich fing an zu weinen, zu schreien – Mama erschrak

sehr und wußte nicht, was sie tun sollte. Sie nahm mich zu sich ins Bett

und ich umschlang ihren Hals und schlief denn auch allmählich ein, doch

zuckte ich im Schlaf noch jeden Augenblick zusammen oder erschrak über

irgend etwas. So verging die Nacht. Am anderen Morgen erwachte ich erst

sehr spät, als die Mutter schon fortgegangen war. Sie ging um diese Zeit

immer ihrer Arbeit nach. Der Vater und ein Unbekannter saßen im Zimmer

und beide sprachen sehr laut. Ich konnte es kaum abwarten, bis der

Fremde endlich aufbrach, und als wir allein waren, lief ich zum Vater

und bat ihn leise, unter Tränen, mir doch zu verzeihen.

„Und wirst du auch wieder ein gutes Kind sein wie früher?“ fragte er

mich streng.

„Ja, Papa, ja!“ stammelte ich. „Ich werde dir sagen, wo Mamas Geld

liegt. Sie hat es in ihrem Kasten, in der Schatulle, dort lag es

wenigstens gestern.“

„Gestern? Wo?!“ rief er und sprang auf. „Wo lag es?“

„Aber der Kasten ist verschlossen, Papa!“ sagte ich schnell. „Du mußt

warten, bis Mama mich am Abend schickt, um das Geld zu wechseln, denn

das Kupfergeld, das habe ich gesehen, ist ausgegangen.“

„Ich brauche fünfzehn Rubel, Njetotschka! Hörst du? Nur fünfzehn Rubel!

Verschaff’ sie mir heute; morgen werde ich dir alles zurückgeben. Ich

werde gleich gehen und dir Bonbons bringen, Nüsse auch ... auch eine

Puppe werde ich dir kaufen ... und morgen wieder eine ... und jeden Tag

werde ich dir Naschwerk bringen, wenn du ein gutes und folgsames Kind

sein wirst!“

„Ach nein, das ist nicht nötig, Papa, das ist nicht nötig! Ich will kein

Naschwerk, ich werde es nicht essen, ich werde es dir zurückgeben!“ rief

ich, während die Tränen mich fast erstickten, denn mein Herz krampfte

sich zusammen und wollte vergehen. Ich fühlte in diesem Augenblick, daß

ich ihm nicht leid tat und daß er mich auch gar nicht liebte, da er doch

nicht sah, wie ich ihn liebte, und sogar glauben konnte, daß ich für

Naschwerk ihm dienen werde. In diesem Augenblick begriff ich

zehnjähriges Kind ihn vollkommen, ich durchschaute ihn ganz und gar und

schon fühlte ich, daß diese Erkenntnis mich nun für immer durchdrungen

hatte, daß ich ihn nicht mehr lieben konnte, daß ich meinen früheren

Papa für immer verloren. Er aber war geradezu begeistert von der

Aussicht, durch mich das Geld zu bekommen. Er sah nun, daß ich für ihn

zu allem bereit war, daß ich alles für ihn tun werde, aber nur Gott weiß

es wie viel dieses „alles“ damals für mich war. Ich wußte, was dieses

Geld für meine arme Mutter bedeutete; ich wußte, daß sie krank werden

konnte vor Aufregung und Sorge, wenn ihr dieses Geld abhanden kam, und

meine Reue schrie in mir. Er aber sah nichts davon, er hielt mich immer

noch für ein dreijähriges Kind, während ich schon alles begriff. Seine

Freude kannte keine Grenzen: er küßte mich, redete mir zu, nicht zu

weinen, versprach mir, heute noch mit mir von der Mutter fortzugehen –

wahrscheinlich um meiner in dieser Richtung unermüdlich arbeitenden

Phantasie zu schmeicheln. Schließlich zog er aus seiner Tasche ein

Konzertprogramm: und nun erzählte er und beteuerte, daß dieser Mensch,

zu dem er am Abend gehen werde, sein Feind sei, sein Todfeind, aber

seinen Feinden werde der Anschlag gegen ihn nicht gelingen. Er glich

entschieden selber einem Kinde, während er von seinen Feinden sprach.

Als er dann aber bemerkte, daß ich nicht wie gewöhnlich während seiner

Erzählungen lächelte, sondern ernst und schweigend zuhörte, da nahm er

seinen Hut und ging aus dem Zimmer, da er noch irgendeinen eiligen Gang

vorhatte, wie er sagte, aber im Fortgehen küßte er mich noch einmal und

nickte mir mit einem ungewissen Lächeln zu, als hätte er sich meiner

doch nicht ganz sicher gefühlt, und wie um der Möglichkeit vorzubeugen,

daß ich meine Absicht etwa wieder änderte.

Ich sagte bereits, daß er wie ein Wahnsinniger war: das fühlte ich schon

am Tage vor dem Konzert. Das Geld brauchte er, um ein Billett zu diesem

Konzert kaufen zu können – als wenn sein Vorgefühl ihm ganz richtig die

Ahnung eingegeben hätte, daß dieses Konzert sein ganzes Schicksal

entscheiden mußte! Darüber verlor er so den Kopf, daß er am Vorabend das

bißchen Kupfergeld von mir nehmen wollte, als hätte er sich schon damit

das Billett verschaffen können. Noch stärker machte sich sein seltsames

Wesen bei Tisch bemerkbar, als wir wie gewöhnlich spät am Nachmittag zu

Mittag aßen. Er konnte einfach nicht stillsitzen und aß keinen Bissen,

jeden Augenblick stand er auf und setzte sich, wie sich besinnend,

wieder hin; bald griff er nach dem Hut, als wollte er fortgehen, bald

war er seltsam zerstreut, bald flüsterte er vor sich hin, bald sah er

plötzlich auf und suchte mich mit den Augen, um mir dann zuzuzwinkern

und verschiedene Zeichen zu machen, vor lauter Ungeduld, endlich in den

Besitz des Geldes zu gelangen, und als ärgere er sich über mich, daß ich

es noch immer nicht der Mutter entwendet hatte. Sogar der Mutter fiel

sein fremdes Wesen auf und sie sah ihn verwundert an. Ich aber war wie

zum Tode verurteilt. Nach dem Essen zog ich mich in meinen Winkel zurück

und zitternd vor Fieber zählte ich die Sekunden bis zu der Zeit, wo die

Mutter mich gewöhnlich nach Kleinigkeiten in den Laden schickte. In

meinem Leben habe ich nicht qualvollere Stunden verbracht: sie werden

ewig und unverwischbar in meiner Erinnerung stehen. Was durchfühlte ich

da nicht alles in Gedanken! Es gibt Zeitspannen – man könnte sie mit

einer Anzahl Minuten beziffern –, wo man in seiner Erkenntnis viel mehr

erlebt, als in ganzen Jahren. Mein Gefühl wußte, daß ich etwas

Schlechtes und Häßliches zu tun im Begriff war; er selbst hatte ja noch

meine guten Instinkte bestärkt, als er mich das erstemal kleinmütig zum

Schlechten verleitet, um mir dann, vielleicht erschrocken, jedenfalls

aber das Geschehene bereuend, zu erklären, daß ich sehr schlecht

gehandelt hatte. Begriff er denn nicht, wie schwer es ist, eine Natur zu

betrügen, die begierig ist, ihre Eindrücke ganz zu erfassen und die

schon viel Schlechtes und Gutes durchfühlt und durchdacht hat? Ich

begriff doch, daß es die äußerste Not war, die ihn bewog, mich nochmals

ins Laster zu stoßen und somit meine arme, schutzlose Kindheit zu opfern

– die ihn bewog, es nochmals zu wagen, meinem noch ungefestigten

Gewissen diesen Stoß zu versetzen. Und während ich dort in meinem Winkel

kauerte, fing ich an, bei mir darüber nachzudenken: warum versprach er

mir noch eine Belohnung für das, was ich schon aus eigenem freiem Willen

tun wollte? Neue Empfindungen, neue, bis dahin noch nie empfundene

Triebe, neue Fragen erhoben sich scharenweis in mir, und ich quälte mich

mit ihnen. Dann mußte ich plötzlich an die Mutter denken. Ich stellte

mir ihre Verzweiflung vor, wenn ihr dieser mühselig erarbeitete Lohn

genommen würde. Endlich legte die Mutter die Arbeit, die sie schon über

ihre Kräfte verrichtete, aus der Hand und rief mich. Ich erbebte und

ging zu ihr. Sie nahm aus der Kommode das Geld und indem sie es mir gab,

sagte sie:

„Geh, Njetotschka. Nur laß dir um Gottes willen nicht falsch

zurückgeben, wie neulich, und sieh dich vor, daß du auch nichts

verlierst.“

Ich sah flehend zum Vater hinüber, aber er nickte mir zu, lächelte

zustimmend und rieb sich die Hände vor Ungeduld. Die Uhr schlug sechs,

das Konzert sollte um acht beginnen. Auch er muß während dieses Wartens

viel erduldet haben.

Ich blieb auf der Treppe stehen, um auf ihn zu warten. Er war aber so

aufgeregt und ungeduldig, daß er alle Vorsicht vergaß und mir hastig und

fast auf dem Fuß folgte. Ich gab ihm das Geld: auf der Treppe war es

dunkel, sein Gesicht konnte ich nicht sehen; aber ich fühlte, daß er am

ganzen Körper zitterte, als er das Geld empfing. Ich stand erstarrt wie

im Krampf, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich kam erst zu mir, als er

mich nach oben schickte, um ihm seinen Hut aus dem Zimmer zu holen. Er

wollte nicht einmal mehr hineingehen.

„Papa! Wirst du ... denn nicht mitkommen ins Zimmer?“ fragte ich mit

versagender Stimme, mich noch an meine letzte Hoffnung klammernd – an

seinen Beistand.

„Nein ... du geh lieber allein ... was? Wart’ wart’!“ rief er, sich

schnell besinnend, „wart’, ich werde dir gleich Naschwerk bringen – aber

du geh nur erst ins Zimmer und bring mir meinen Hut her.“

Mir war, als presse eine eiskalte Hand mein Herz zusammen. Plötzlich –

stieß ich ihn fort und eilte wie gejagt die Treppe hinauf. Als ich ins

Zimmer trat – sah ich verstört aus, und wenn ich damals gesagt hätte,

daß man mir das Geld genommen, da hätte die Mutter es mir wohl geglaubt.

Aber ich konnte keinen Laut hervorbringen. In einem Anfall der

Verzweiflung, die mich plötzlich wie ein Krampf packte, warf ich mich

über das Bett der Mutter und vergrub das Gesicht in den Händen. Nach

einer Weile hörte ich die Tür leise kreischen und der Vater trat ins

Zimmer. Er kam, um sich seinen Hut zu holen.

„Wo ist das Geld?!“ rief plötzlich die Mutter, die jetzt blitzartig

erriet, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. „Wo ist das Geld?

Sprich! Sprich!“ Und sie riß mich vom Bett und stellte mich vor sich

hin, mitten ins Zimmer.

Ich schwieg, den Blick zu Boden gesenkt; ich wußte kaum, was in mir

vorging und was man mit mir tat.

„Wo ist das Geld?!“ schrie sie mich an und plötzlich – sah sie sich nach

dem Vater um, der schon nach dem Hut griff. „Wo ist das Geld?“

wiederholte sie. „Ah! Dir hat sie es gegeben? Du Verruchter! Mein Mörder

du! Mein Henker! So willst du auch sie verderben! Das Kind! sie, sie?!

Nein doch! So gehst du mir nicht fort!“

Und schon war sie bei der Tür, verschloß sie und steckte den Schlüssel

zu sich.

„Sprich! Gestehe!“ wandte sie sich an mich – mit einer Stimme, die vor

Erregung kaum hörbar war, „gestehe mir alles! So sprich doch, sprich!

Oder ... ich weiß nicht, was ich mit dir mache!“

Sie ergriff meine Hände und zerdrückte sie beinahe, um mich zum

Geständnis zu zwingen. Sie war außer sich und sich gewiß nicht

vollkommen bewußt dessen, was sie tat. Ich aber schwor mir, zu

schweigen, kein Wort vom Vater zu sagen, – doch schlug ich schüchtern

zum letzten Male die Augen zu ihm auf ... Ein Blick von ihm, nur ein

Wort, irgend etwas, was ich von ihm erwartete und worum ich bei mir im

stillen betete – und ich wäre glücklich gewesen trotz aller Schmerzen,

trotz jeder Folter ... Doch – mein Gott! Mit einer gefühllosen,

drohenden Geste befahl er mir, zu schweigen, als hätte ich in diesem

Augenblick noch irgendeines anderen Drohung fürchten können. Es schnürte

mir die Kehle zu, benahm mir den Atem, meine Füße – ich fühlte sie nicht

mehr ... bewußtlos fiel ich hin ... Der Anfall, den ich tags zuvor

gehabt, wiederholte sich.

Ich erwachte, als plötzlich an unsere Tür geklopft wurde. Die Mutter

öffnete sie und erblickte einen Menschen in einer Livree, der etwas

zögernd ins Zimmer trat, sich verwundert umsah und nach dem Musiker

Jefimoff fragte. Der Vater sagte, daß er derjenige sei, den er suche. Da

überreichte ihm der Diener ein Kuvert und erklärte, Herr B., der

augenblicklich beim Fürsten H. weile, habe ihn geschickt. Das Kuvert

enthielt ein Billett zum Konzert des berühmten S–z.

Das Erscheinen dieses Dieners in der glänzenden Livree, dieses

Abgesandten vom Fürsten H., der ihn zu dem armen Musiker schickte – all

das machte im ersten Augenblick einen großen Eindruck auf die Mutter.

Ich sagte bereits, daß die arme Frau meinen Vater immer noch liebte.

Selbst nach ganzen acht Jahren der Enttäuschungen, des Kummers und Leids

hatte ihr Herz sich noch nicht verändert: ja, sie konnte ihn immer noch

lieben! Weiß Gott, vielleicht sah sie nun wieder eine Veränderung in

seinem Leben bevorstehen. Sogar der Schatten einer Hoffnung konnte sie

schon beeinflussen. Wer weiß, vielleicht hatte er sie in seiner

Verschrobenheit einfach angesteckt mit seinem unerschütterlichen

Selbstbewußtsein! Und es wäre doch auch gar nicht anders möglich

gewesen, als daß dieses Selbstbewußtsein auf sie, die schwache Frau,

nicht einen gewissen Einfluß gehabt hätte – was Wunder, wenn sie da auf

diese Aufmerksamkeit des Fürsten gleich tausend Pläne für ihn baute.

Sofort war sie bereit, wieder gut zu ihm zu sein, ihm alles zu

verzeihen, die Qual der ganzen Zeit ihres gemeinsamen Lebens, sogar

diese letzte Schandtat miteinbegriffen, – daß er ihr einziges Kind zu

opfern sich nicht scheute – war bereit, getragen von der Flut ihrer

wieder hervorbrechenden Hoffnung, diese Schandtat als ein einfaches,

kleines Vergehen aufzufassen, als einen Kleinmut, wenn man will, den die

Armut, das elende Leben und seine verzweifelte Lage entschuldigen

konnten. So verzieh sie ihm, und empfand in diesem Augenblick

unendliches Mitleid für den verkommenen Mann.

Der Vater geriet in Aufregung. Auch ihn überraschte die Aufmerksamkeit

B.s und des Fürsten. Er wandte sich ohne weiteres an die Mutter,

flüsterte ihr etwas zu und sie verließ das Zimmer. Nach etwa zwei

Minuten kehrte sie zurück, brachte das gewechselte Geld und der Vater

gab dem Diener sogleich einen Silberrubel, worauf dieser nach einer

höflichen Verbeugung fortging. Die Mutter verließ nun wieder für einen

Augenblick das Zimmer und kehrte mit einem Bügeleisen zurück, suchte das

beste Vorhemd ihres Mannes heraus und bügelte es auf. Sie band ihm

eigenhändig die weiße Batistkrawatte um den Hals, die sich seit

undenklichen Zeiten noch erhalten hatte samt einem schwarzen, schon

recht abgetragenen Frack, der für ihn noch vor seinem Eintritt ins

Orchester angefertigt worden war. Nachdem er die Toilette beendet hatte,

nahm er den Hut, doch vor dem Fortgehen bat er noch um ein Glas Wasser.

Er war bleich und setzte sich in vollkommener Erschöpfung auf einen

Stuhl. Das Wasser mußte ich ihm übrigens reichen – vielleicht hatte sich

schon ein feindseliges Gefühl ins Herz der Mutter geschlichen und ihre

erste Aufwallung abgekühlt?

Dann ging der Vater. Wir waren allein. Ich zog mich wieder in meinen

Winkel zurück und von dort aus sah ich lange schweigend auf die Mutter.

Zum erstenmal sah ich sie in einer solchen inneren Aufregung: ihre

Lippen bebten, die bleichen Wangen hatten sich gerötet und von Zeit zu

Zeit bemerkte ich an ihr nervöse Zuckungen. Zuletzt brach ihre Qual das

Schweigen und ihr ganzes Elend drängte sich in Klagen unter dumpfem,

verzweifeltem Aufschluchzen hervor.

„Ich, ich allein bin an allem schuld, ich Unselige!“ klagte sie sich an.

„Und was soll aus ihr werden? Was wird aus ihr, wenn ich sterbe?“ Sie

blieb plötzlich mitten im Zimmer stehen wie getroffen durch diesen einen

Gedanken. „Njetotschka! Mein Kind! Mein armes Kind! Du Unglückliche, du

Arme!“ sagte sie, meine Hände erfassend und mich krampfhaft umarmend.

„Bei wem lasse ich dich, wenn ich dich nun nicht mehr erziehen, dich

nicht mehr hegen und pflegen kann? Mein armer Liebling! Oh, du verstehst

mich nicht! Oder doch? Wirst du behalten, was ich dir jetzt sage,

Njetotschka? Wirst du dich später noch dessen erinnern?“

„Ja, Mamachen, ja!“ beteuerte ich und faltete die Hände, wie um es zu

beschwören.

Lange und fest hielt sie mich in ihren Armen, als bangte ihr vor dem

Gedanken, daß sie sich von mir trennen mußte. Mein Herz wollte brechen.

„Mamachen! Mama ...“ stammelte ich stockend, denn das Schluchzen saß mir

in der Kehle, „warum ... warum liebst du Papa nicht?“ Und die

unterdrückten Tränen liefen mir über die Wangen.

Ein Stöhnen entrang sich ihrer Brust. Und wieder, von neuer Qual

gepeinigt, setzte sie ihre Wanderung durch das Zimmer fort.

„Die Arme, die Arme! Und ich hab’ es nicht einmal bemerkt, wie sie

herangewachsen ist! Sie weiß, sie weiß alles! Mein Gott! Und was waren

das hier für Eindrücke, welch ein Beispiel!“ Und sie rang die Hände in

ihrer Verzweiflung.

Dann kam sie wieder zu mir und küßte mich in wahnsinniger Liebe, küßte

meine Hände, auf die ihre Tränen fielen, bat, flehte um Verzeihung ...

Ich hatte noch nie soviel Leid, noch nie einen Menschen so vor Leid

zusammenbrechen gesehen ... Schließlich versank sie gleichsam ermattet

in stumpfes Brüten. So verging wohl eine ganze Stunde. Endlich stand sie

müde auf, sichtlich erschöpft, und sagte mir, ich solle schlafen gehen.

Ich ging in meinen Winkel, tat wie sie geheißen, wickelte mich fest in

die Decke – aber einschlafen konnte ich nicht. Mich quälten die Gedanken

an sie und die Gedanken an den Vater. Mit Ungeduld erwartete ich seine

Rückkehr. Entsetzen erfaßte mich bei dem Gedanken an ihn. Ungefähr nach

einer halben Stunde nahm die Mutter das Licht und trat leise an mein

Bett, um zu sehen, ob ich schlafe. Ich schloß schnell die Augen und

stellte mich schlafend, damit sie sich beruhigte. Als sie sich dann von

meinem Schlaf überzeugt hatte, ging sie leise zum Schrank, öffnete ihn

und schenkte sich ein Glas Wein ein. Sie trank und legte sich dann

schlafen. Das brennende Licht blieb auf dem Tisch und die Tür

unverschlossen, wie das immer geschah, wenn der Vater spät nach Hause

kam.

Ich lag in halber Bewußtlosigkeit, doch kein Schlaf schloß meine Augen.

Kaum sank ich in Schlummer, da wachte ich auch schon wieder auf,

erschreckt durch furchtbare Traumgesichte. Die Beklemmung wuchs und

wurde immer bedrückender. Ich wollte schreien, doch der Schrei erstarb

in meiner Brust. Endlich – schon spät in der Nacht – hörte ich, wie

unsere Tür geöffnet wurde. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit darüber

verstrich, als ich aber die Augen plötzlich ganz aufschlug, da erblickte

ich den Vater. Wie es mir schien, war er sehr bleich. Er saß auf dem

Stuhl gleich neben der Tür und war in Gedanken versunken. Im Zimmer

herrschte Totenstille. Das tropfende Talglicht erhellte traurig unser

Heim.

Ich sah lange auf den Vater, aber er rührte sich noch immer nicht. Er

saß unbeweglich, immer in derselben Stellung, den Kopf auf die Brust

gesenkt und die Hände starr auf die Knie gestützt. Zwei-, dreimal wollte

ich ihn anrufen, aber ich konnte es nicht. Meine Erstarrung wich nicht

von mir. Plötzlich erwachte er gleichsam aus seiner Versunkenheit, sah

auf und erhob sich vom Stuhl. Eine Weile stand er mitten im Zimmer – es

war, als suchte er nach einem Entschluß. Dann trat er plötzlich ans Bett

der Mutter, horchte, und nachdem er sich überzeugt, daß sie schlief,

ging er zum Koffer, in dem seine Geige lag.

Er öffnete den Verschluß, nahm den schwarzen Violinkasten und stellte

ihn auf den Tisch; dann sah er sich wieder um; sein Blick war trüb und

unstet, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.

Er nahm die Violine, legte sie aber gleich wieder hin, kehrte zurück zur

Tür und verschloß sie. Dann, als er den offenstehenden Schrank bemerkte,

ging er leise hin, sah dort das Glas und den Wein stehen, schenkte sich

ein und trank. Darauf griff er zum drittenmal zur Geige, legte sie aber

zum drittenmal wieder hin und ging nochmals zum Bett der Mutter. Starr

vor Angst erwartete ich, was nun geschehen werde.

Er stand lange horchend, zu lange, wie mir schien. Dann schlug er

plötzlich die Decke von ihrem Gesicht zurück und befühlte es mit der

Hand. Ich zuckte zusammen. Er beugte sich nochmals über sie, ganz tief,

sein Kopf berührte sie fast, als er sich aber zum letztenmal

aufrichtete, da glitt es wie ein Lächeln über sein unheimlich bleiches

Gesicht. Leise und behutsam breitete er die Decke wieder über die

Schlafende, bedeckte den Kopf, die Füße ... ich aber begann zu zittern,

in einer dunklen, unklaren Angst: ich fürchtete für die Mutter,

fürchtete ihren tiefen Schlaf, mit bangem Herzklopfen sah ich unverwandt

auf diese unbewegliche Linie der Decke, die in eckigen Umrissen über den

Gliedmaßen ihres Körpers lag ... Wie ein Blitz durchzuckte plötzlich ein

furchtbarer Gedanke mein Gehirn!

Nachdem er alle Vorbereitungen beendet, ging er wieder zum Schrank und

trank den Rest des Weines aus. Er zitterte am ganzen Körper, als er an

den Tisch trat. Man konnte ihn kaum wiedererkennen – so totenblaß war

er. Wieder nahm er die Geige. Ich hatte sie schon gesehen und wußte, daß

sie ein Instrument zum Spielen war, aber jetzt erwartete ich von ihr

etwas Schreckliches, Unheimliches, Wunderbares ... und ich fuhr zusammen

unter ihren ersten Tönen. Der Vater begann zu spielen. Doch die Töne

sprangen seltsam und unterbrochen durcheinander; auch hielt er jeden

Augenblick inne, wie um sich an etwas zu erinnern; – bis er mit

zerquältem Antlitz den Bogen hinlegte und so eigentümlich auf das Bett

sah. Dort schien ihn etwas immer noch zu beunruhigen. Wieder ging er zum

Bett ... Jede seiner Bewegungen verfolgte ich und ließ ihn nicht aus den

Augen, obgleich mir das Herz stillstand vor Angst.

Plötzlich begann er eilig nach irgend etwas zu suchen – und wieder

durchzuckte mich jener furchtbare Gedanke. Ich fragte mich: warum wachte

sie denn nicht auf, als er ihr Gesicht befühlte? Dann sah ich, daß er

alles zusammenschleppte, was es an Kleidern bei uns gab: er nahm die

Jacke der Mutter, seinen alten Rock und seinen Schlafrock, sogar mein

Kleid, das ich über eine Stuhllehne geworfen hatte, und mit all dem

deckte er sie zu, so daß von ihr unter dem Kleiderhaufen nichts mehr zu

sehen war. Sie lag immer noch regungslos, ohne ein Glied zu rühren.

Sie schlief einen tiefen Schlaf.

Es war mir, als atmete er freier auf, sobald auch diese Arbeit getan

war. Jetzt störte ihn nichts mehr, nur irgend etwas beunruhigte ihn

noch: er rückte das Licht von seinem Platz und setzte es etwas weiter,

und sich selbst stellte er mit dem Gesicht zur Tür, um vom Bett nichts

mehr zu sehen. Dann nahm er die Geige und wie mit einer Geste der

Verzweiflung schlug er mit dem Bogen auf die Saiten ... Die Musik

begann.

Doch das war nicht Musik ... Ich erinnere mich deutlich jener Nacht,

erinnere mich alles dessen, was ich damals sah und hörte, und um wieviel

mehr noch dessen, was einen so erschütternd tiefen Eindruck auf mich

machte. Nein, das war nicht Musik, wie ich sie später zu hören

Gelegenheit gehabt habe! Das waren nicht Töne einer Geige, sondern es

war, als wenn zum erstenmal in unserer dunklen Wohnung jemandes

grauenhafte Stimme donnernd erscholl. Oder waren meine Empfindungen

falsch, vielleicht krankhaft und überreizt, oder hatte das, was ich

bereits erlebt und gesehn, meine Gefühle auf diese erschütternden und

erlösungslos qualvollen Eindrücke schon derartig vorbereitet –

gleichviel! – ich bin trotzdem fest überzeugt, daß ich Gestöhn, eines

Menschen Schreie und Schluchzen hörte. Tiefste Verzweiflung ergoß sich

in diesen Tönen, und als es schließlich zum furchtbaren Finale kam, in

dem alles hervorbrach, was es an schluchzendem Weh, was es an Qual in

zerquälten Herzen und an Sehnsucht in hoffnungslosem Sehnen gibt, und

als all das sich plötzlich wie zu einem einzigen Ausdruck vereinigte ...

da konnte ich es nicht mehr aushalten – ich erbebte, Tränen entströmten

meinen Augen und mit einem verzweifelten Schrei stürzte ich zum Vater

und umklammerte ihn mit meinen Armen. Er schrie auf und ließ seine Geige

sinken.

Eine Weile stand er betäubt, wie verloren. Dann begannen seine Augen

nach allen Seiten hin zu springen und zu laufen, als suche er etwas –

plötzlich erfaßte er die Geige, holte mit ihr über meinem Kopfe aus ...

noch ein Augenblick, und er hätte mich wohl auf der Stelle erschlagen.

„Papa!“ schrie ich auf, „Papachen!“

Er erzitterte am ganzen Körper und trat taumelnd zwei Schritte zurück.

„Ach! Da bist ja auch du noch! So ist noch nicht alles aus! So bist du

mir noch geblieben!“ schrie er, mich an den Schultern mit Wucht

emporhebend.

„Papachen!“ rief ich, in der Luft von ihm gehalten, „nicht, nicht! Ich

fürchte mich! Ach, bitte, nicht!“

Mein Weinen schien Eindruck auf ihn zu machen. Er stellte mich

vorsichtig wieder hin und sah mich eine Weile stumm an, als erkenne er

mich – und erinnere er sich nach und nach an etwas Vergessenes. Und

plötzlich war es, als drehe ihn innerlich irgend etwas um, als träfe ihn

plötzlich ein furchtbarer Gedanke – aus seinen trüben Augen brach ein

Strom von Tränen, und er beugte sich zu mir nieder und begann mir

aufmerksam ins Gesicht zu sehen.

„Papachen!“ bettelte ich angstvoll, „sieh mich nicht so an, Papachen!

Laß uns von hier fortgehen! Komm schnell! Komm, wir wollen laufen!“

„Ja, laufen wir, laufen wir! Es ist Zeit! gehen wir, Njetotschka!

Schnell, schnell!“ Und eine Hast kam über ihn, als sei er erst jetzt

drauf verfallen, was er zu tun hatte. Geschäftig sah er sich nach allen

Seiten um, – ein Taschentuch der Mutter, das auf dem Fußboden lag, hob

er schnell auf und steckte es zu sich, dann erblickte er noch eine

Kopfbedeckung und auch diese hob er auf und verbarg sie bei sich, als

rüste er sich zu einer weiten Reise und wolle sich nun mit allem

versorgen, was er vielleicht brauchen konnte.

Ich zog mir im Nu mein Kleid an und begann gleichfalls in großer Eile

zusammenzuraffen, was mir für die Reise notwendig erschien.

„Hast du alles? hast du alles?“ fragte er, mich zur Eile antreibend,

„ist alles fertig? Dann schnell, schnell!“

Ich machte eilig mein Bündel fertig, warf mir ein Tuch um den Kopf und

schon waren wir im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als es mir

plötzlich einfiel, daß ich ja auch noch das Bild, das an der Wand hing,

mitnehmen mußte. Der Vater war damit sogleich einverstanden. Er war

jetzt ganz still, sprach nur flüsternd und trieb mich nur zur Eile an.

So holten wir beide einen Stuhl herbei, stellten auf ihn die Bank – und

dann erst gelang es uns, als wir endlich mit Mühe und Not auf dieses

wackelige Gestell hinaufgeturnt waren, das Bild zu erreichen. Damit

hatten wir alle Vorbereitungen getroffen. Er nahm mich an der Hand und

wir wollten schon gehen – aber plötzlich blieb er stehen. Er rieb sich

lange die Stirn, als müsse er sich auf irgend etwas besinnen, was wir

noch vergessen hatten. Endlich fiel es ihm ein: er suchte unter dem

Kopfkissen der Mutter nach dem Schlüsselbund, schloß die Kommode auf und

begann eilig nach etwas zu kramen und zu wühlen. Endlich kehrte er zu

mir zurück und brachte mir einiges Geld, das er in der Schatulle

gefunden hatte.

„Hier, nimm, nimm das, verwahre es,“ flüsterte er, „verlier’s nicht, und

vergiß es nicht, vergiß es nicht!“

Er gab mir zuerst das Geld in die Hand, nahm es aber wieder zurück und

steckte es mir in das Leibchen. Ich weiß noch, daß ich zusammenzuckte,

als dieses Silber meinen Körper berührte, und es war, als begriffe ich

jetzt zum erstenmal, was Geld ist. Wir waren nun wieder fertig zum

Aufbruch, doch plötzlich hielt er mich nochmals zurück.

„Njetotschka!“ – er dachte ersichtlich mit großer Anstrengung nach.

„Mein Kindchen, ich ... ich vergaß ... Ja was denn? ... was war’s doch?

... Ich weiß nicht mehr ... Ja, ja richtig! da fällt’s mir ein! ... Komm

her, Njetotschka!“

Er führte mich nach dem Winkel, wo das Heiligenbild hing und sagte, ich

solle niederknien.

„Bete, mein Kind, bete! Es wird dir besser sein! ... Ja, wirklich, es

wird besser sein,“ flüsterte er mir zu, auf das Heiligenbild deutend,

und dabei sah er mich so seltsam an. „Bete, Njetotschka, bete, bete!“

sagte er mit eigentümlich flehender, beschwörender Stimme.

Ich warf mich auf die Knie, faltete die Hände, und, erfüllt von

Entsetzen, von Verzweiflung, die sich meiner bemächtigt hatten, schlug

ich mit der Stirn auf den Boden und lag minutenlang wie erstarrt. Ich

nahm krampfhaft alle meine Gedanken zusammen, sammelte alle meine

Gefühle in meinem Gebet – aber die Angst überwältigte mich. Ich erhob

mich wie gemartert von Leid. Ich wollte nicht mehr mit ihm gehen; ich

fürchtete ihn; ich wollte dableiben. Schließlich brach das, was mich so

quälte und bedrückte, mit Gewalt aus mir hervor.

„Papa!“ rief ich unter strömenden Tränen, „aber Mama? ... – Was wird mit

Mama? Wo ist sie? Wo ist meine Mama?“ ...

Die Tränen erstickten meine Stimme, ich brachte nichts mehr hervor.

Auch er sah mich unter Tränen an. Dann faßte er mich an der Hand, führte

mich zum Bett, schob den draufgeworfenen Haufen Kleider fort und schlug

die Decke zurück. Mein Gott! Sie lag tot, schon erkaltet und erstarrt.

Das Gesicht hatte bereits bläuliche Leichenfarbe. Da warf ich mich, als

wäre mir jede Empfindung abhanden gekommen, über sie und umklammerte

ihre Leiche. Der Vater stellte mich auf die Knie.

„Verneige dich vor ihr, Kind!“ sagte er, „nimm Abschied von ihr ...“

Ich neigte mich tief. Der Vater tat es zugleich mit mir ... Er war

unheimlich bleich; seine Lippen bewegten sich und schienen zu flüstern.

„_Ich_ war es _nicht_, Njetotschka, _ich nicht_,“ sagte er zu mir, mit

zitternder Hand auf die Leiche deutend. „Hörst du, _ich nicht_: _ich bin

nicht schuld daran_. Behalt das, Njetotschka.“

„Papa, laß uns jetzt gehen,“ flüsterte ich angstvoll. „Es ist Zeit!“

„Ja, jetzt ist’s Zeit, schon längst Zeit!“ sagte er schnell, faßte fest

meine Hand und beeilte sich, das Zimmer zu verlassen. „So, jetzt brechen

wir auf! Gott sei Dank, Gott sei Dank, jetzt hat alles ein Ende!“

Wir stiegen die Treppen hinunter. Der verschlafene Hausknecht öffnete

uns die Tür, während er uns etwas mißtrauisch musterte und sich fragen

mochte, weshalb der Vater sich so beeilte, daß ich ihm kaum nachkam. Wir

gingen unsere Straße bis zum Ende und gelangten auf den Kai des Kanals.

In der Nacht war Schnee gefallen, der lag weiß auf der Straße, und es

schneite auch jetzt noch in feinen Flöckchen. Es war kalt; mich fror bis

ins Mark und ich lief dem Vater nach, mich krampfhaft an seinem

Frackschoß festhaltend. Die Geige hatte er unterm Arm und immer wieder

blieb er stehen, um das Futteral, das zurückglitt, nach vorn zu ziehen.

Wir gingen etwa eine Viertelstunde. Da bog er vom Trottoir auf den

abschüssigen Weg, der zum Kanal hinabführt, und setzte sich auf den

letzten Prellstein. Zwei Schritte von uns war ein Durchgang. Ringsum war

keine Menschenseele zu sehen. Gott! Als erlebte ich es noch in diesem

Augenblick, so deutlich erinnere ich mich jenes furchtbaren Gefühls, das

mich dort plötzlich erfaßte! Endlich also ging das in Erfüllung, wovon

ich schon ein Jahr lang geträumt: wir hatten unser armseliges Heim

verlassen ... Aber war es denn das, was ich ersehnt, was ich erträumt

und erhofft, was meine Kinderphantasie sich aufgebaut, wenn ich mir das

Glück desjenigen, den ich so unkindlich liebte, vorzustellen versucht

hatte? Doch am meisten quälte mich plötzlich der Gedanke an die Mutter.

Warum hatten wir sie verlassen? fragte ich mich, – so ganz allein? Warum

hatten wir ihren Leib wie eine unnütze Sache dort liegen lassen? Und ich

weiß noch, das quälte und beunruhigte mich mehr als alles andere.

„Papachen,“ begann ich, unfähig, meine qualvolle Sorge länger zu

ertragen, „Papachen!“

„Was willst du?“ fragte er rauh.

„Warum haben wir, Papa, warum haben wir Mama dort gelassen? Warum

verließen wir sie?“ fragte ich weinend. „Papachen! Laß uns nach Haus

zurückkehren! Laß uns jemand zu ihr rufen.“

„Ja, ja!“ rief er plötzlich auffahrend und er erhob sich vom Prellstein,

als sei ihm etwas Neues eingefallen, das alle seine Zweifel aufhob. „Ja,

Njetotschka, so geht das nicht: wir müssen zur Mama zurückkehren; sie

hat es dort kalt! Geh zu ihr, Njetotschka, dort ist ein Licht, du weißt

doch! Fürchte dich nicht, ruf jemand zu ihr und dann komm wieder her zu

mir. Geh allein, ich werde dich hier erwarten ... Ich werde nirgendwohin

fortgehen ...“

Ich ging, aber kaum war ich wieder auf dem Trottoir, als plötzlich ein

Etwas durch mein Herz fuhr ... Jäh blickte ich mich um und da – sah ich

ihn laufen, schon auf der anderen Seite, sah ihn von mir fortlaufen! Er

verließ mich also, verließ mich in diesem Augenblick! Ich schrie aus

aller Kraft und lief ihm in furchtbarer Angst nach. Ich war außer Atem,

er aber lief immer schneller, immer schneller ... ich verlor ihn schon

aus den Augen. Ich fand seinen Hut, den er im Laufen verloren hatte. Ich

hob ihn auf und lief wieder weiter. Ich rang nach Atem und meine Füße

wollten mir versagen. Ich hatte die Empfindung, daß etwas Schreckliches

mit mir geschah: es schien mir die ganze Zeit, daß das ein Traum sei,

und zuweilen hatte ich sogar dasselbe Gefühl wie in einem Traum, wenn

mir träumte, daß ich von irgend jemand fortlief, meine Füße aber brechen

wollten, während meine Verfolger mich bereits erreichten – und ich

selbst jäh in einen Abgrund stürzte. Qual wollte mich zerreißen: er tat

mir so leid, mein Herz schrie nach ihm und es wollte brechen, als ich

mir vorstellte, wie er lief, so ohne Mantel, ohne Hut, und noch dazu von

mir fort, von mir, seinem geliebten Kinde ... Ich wollte ihn schließlich

nur erreichen, um ihn noch einmal mit meinen Armen fest zu umschlingen

und ihn zu küssen und ihm zu sagen, daß er mich nicht fürchten solle: um

ihn meiner Liebe zu versichern, ihn zu beruhigen, um ihm zu sagen, daß

ich ihm ja nicht weiter nachlaufen wolle, wenn er das nicht wünsche, daß

ich vielmehr allein zur Mutter zurückgehen werde. Ich sah, wie er in

eine Straße einbog. Als ich gleichfalls an diese Ecke kam und auch in

die Straße einbog, sah ich ihn noch einmal, doch weit vor mir,

dahinlaufen ... Dann verließen mich meine Kräfte: ich fing an zu weinen,

zu schreien. Ich weiß noch, daß ich während des Laufens mit zwei Männern

zusammenstieß, die mitten auf dem Trottoir stehenblieben und verwundert

uns beiden nachschauten.

„Papa! Papachen!“ rief ich zum letztenmal, doch plötzlich glitt ich aus

auf dem Trottoir und fiel hin, gerade vor dem Portal eines Hauses. Ich

fühlte, wie Blut mein ganzes Gesicht überströmte. Im nächsten Augenblick

verlor ich die Besinnung. – – – –

* * * * *

Ich erwachte in einem weichen, warmen Bett und erblickte vor mir

freundliche, liebevolle Gesichter, die über mein Erwachen sehr froh zu

sein schienen. Ich sah eine alte kleine Frau mit einer Brille auf der

Nase, einen großen Herrn, der mit tiefem Mitleid auf mich blickte, dann

eine wunderschöne junge Dame und zuletzt einen grauen alten Herrn, der

meine Hand am Gelenk festhielt und auf seine Uhr sah. Ich war zu einem

neuen Leben erwacht. Der eine von den beiden Männern, die mir begegnet

waren, während ich dem Vater nachlief, war Fürst H. gewesen, und gerade

vor dem Portal seines Hauses war ich hingefallen. Als man nach vieler

Mühe endlich erfuhr, wer ich war, entschloß sich der Fürst, der meinem

Vater das Billett geschickt hatte und nun nicht wenig bestürzt war über

den seltsamen Zufall, mich in sein Haus zu nehmen und mich zusammen mit

seinen Kindern zu erziehen. Nachforschungen nach dem Vater ergaben, daß

er irgendwo außerhalb der Stadt angehalten und festgenommen worden war,

wobei er sich in einem Anfall von Tobsucht wie rasend gewehrt hatte. Er

wurde in die Irrenabteilung eines Hospitals geschafft, wo er nach zwei

Tagen starb.

Er starb, weil ein solcher Tod die natürliche Folge seines Lebens war.

Er mußte so sterben, als alles, was ihn im Leben bis dahin

aufrechterhalten hatte, mit einemmal zusammengebrochen, als es wie ein

Phantom, wie ein Traum vergangen war, wie ein körperloses leeres

Phantasiegebilde. Er starb, als auch seine letzte Hoffnung verschwunden,

als wie mit einem einzigen Schlage vor seinen eigenen Augen das ganze

Werk seiner Einbildung zerspellt worden war und ihm plötzlich alles das

klar zur Erkenntnis kam, womit er sich sein Leben lang betrogen und

worauf er sich sein Leben lang gestützt hatte. Die Wahrheit blendete ihn

mit ihrem unerträglichen Licht, und das, was Irrtum gewesen war, wurde

nun auch für ihn selbst Lüge. An jenem Abend hörte er die Kunst eines

wirklichen Genies, das unmittelbar zu ihm von sich sprach und das ihn

zugleich auf ewig verurteilte. Mit dem letzten Ton, der den Saiten der

Geige des großen S–z entflog, tat sich vor ihm das ganze Geheimnis der

Kunst auf, und das Genie, das ewig junge, mächtige und echte, erdrückte

ihn mit seiner Wahrheit. Als ob alles, was ihn sein ganzes Leben lang

nur in geheimen, ungreifbaren Qualen gepeinigt, alles, was ihn bis dahin

nur wie ein Spuk geschreckt und in seinen Träumen unfühlbar,

unerhaschbar gequält hatte, was sich ihm, wenn auch nur von Zeit zu

Zeit, ins Bewußtsein gedrängt, doch wovor er stets mit Entsetzen

geflohen war, wovor er sich hinter der Lüge seines ganzen Lebens zu

verschanzen gesucht, und alles, was ihm sein Vorgefühl gesagt, aber was

er bis dahin nicht hatte einsehen wollen, – als ob all das plötzlich

strahlend hell vor ihm aufleuchtete und sich seinen Augen offenbarte,

die sich bis dahin so eigensinnig geweigert hatten, das Licht als Licht

anzuerkennen, und die Finsternis als Finsternis! Doch die Wahrheit war

unerträglich für seine Augen, die zum erstenmal in all das hineinsahen,

was gewesen, in das, was war und in das, was ihn erwartete: sie blendete

ihn und verbrannte seine Vernunft. Sie traf ihn jäh wie ein Blitz, und

sie zündete auch wie ein Blitz. So war denn das geschehen, was er sein

Leben lang mit Bangen und Schauder erwartet hatte. Das Richtschwert, das

schon immer über seinem Kopf gehangen, als habe er zeit seines Lebens in

unsagbaren Qualen jeden Augenblick erwartet, daß es auf ihn fallen

werde, – nun endlich war es wirklich gefallen! Der Schlag war tödlich.

Er wollte fliehen vor dem Gericht über sich, aber es gab für ihn kein

Wohin, denn seine letzte Hoffnung war verschwunden, seine letzte

Entschuldigung ihm genommen. Diejenige, deren Leben so viele Jahre auf

ihm gelastet, die ihn angeblich nicht leben ließ, die, nach deren Tode

er seinem blinden Glauben nach plötzlich aufleben, ja gewissermaßen

auferstehen würde, – die war nun tot. Jetzt war er endlich allein,

nichts bedrückte ihn mehr, nichts fesselte ihn mehr: jetzt war er

endlich frei! Da wollte er zum letztenmal in krampfhafter Verzweiflung

über sich ein Urteil fällen, wollte wie ein unparteiischer Richter ohne

Ansehen der Person unerbittlich streng und gerecht über sich selbst

Gericht halten. Doch sein entkräfteter Bogen war unfähig, seinen

innersten musikalischen Willen zu gestalten ... Und in dem Augenblick,

in dem er das erkannte, ergriff der Wahnsinn, der schon zehn Jahre lang

auf ihn gelauert hatte, von ihm Besitz.

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held · 第 17 / 25 题