Meine Erinnerung an meine Kindheit reicht nicht sehr weit zurück,
eigentlich nur bis zu meinem zehnten Jahr. Ich weiß nicht, wie es zu
erklären ist, daß alles, was ich bis dahin erlebt habe, keinen einzigen
klaren Eindruck in mir hinterlassen hat, an den ich mich jetzt noch
erinnern könnte. Aber ungefähr von der Mitte meines neunten Jahres an,
da erinnere ich mich des Erlebten fast Tag für Tag: es ist wie eine
laufende Kette von Erinnerungen, ganz als wäre das alles erst gestern
geschehen ... Allerdings kann ich mich auch noch einiger früherer
Erlebnisse entsinnen, aber doch nur wie im Traum. So erinnere ich mich
z. B. des immer brennenden Lämpchens in der dunklen Ecke vor einem
altertümlichen Heiligenbilde; dann, wie ich einmal auf der Straße einem
Pferde unter die Beine geriet, worauf ich, wie man mir später erzählt
hat, drei Monate lang krank gelegen habe; ferner, wie ich während dieser
Krankheit einmal in der Nacht neben meiner Mutter, in deren Bett ich
schlief, plötzlich im Traum aufschrak und vom Schreck erwachte, und wie
ich mich dann vor der nächtlichen Stille und Dunkelheit und den in der
Ecke raschelnden und knabbernden Mäusen fürchtete; Ich zitterte die
ganze Nacht vor Angst, ich zog mir sogar die Decke über den Kopf, aber
ich wagte trotzdem nicht, meine Mutter zu wecken, woraus ich schließe,
daß meine Furcht vor ihr noch größer war als vor den Mäusen und der
Dunkelheit. Aber von der Stunde an, wo plötzlich das Bewußtsein in mir
erwachte, entwickelte ich mich schnell, wider Erwarten schnell, und
viele nichts weniger als kindliche Geschehnisse wurden mir mit einemmal
in geradezu unheimlicher Weise faßbar. Alles klärte sich vor mir auf,
alles wurde mir in kürzester Zeit verständlich. Und diese Zeit, in der
ich bewußt zu leben anfing, an die ich mich, im Gegensatz zu den
vorhergegangenen Jahren, mit ungewöhnlicher Deutlichkeit erinnere, hat
in mir einen tiefen und traurigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck
wiederholte sich dann jeden Tag und wuchs mit jedem Tag; er verlieh der
ganzen Zeit meines Zusammenlebens mit meinen Eltern und somit meiner
ganzen Kindheit eine dunkle und eigenartige Farbe.
Jetzt scheint es mir, daß ich damals ganz plötzlich wie aus einem tiefen
Traum erwachte (obschon dies mir, als es geschah, natürlich gar nicht
weiter auffiel). Ich fand mich in einem großen Zimmer mit einer
niedrigen Decke. Es war unsauber und die Luft darin dumpf. Die
getünchten Wände waren von schmutziggrüner Farbe, in einer Ecke stand
ein riesiger russischer Ofen. Durch die Fenster sah man auf die Straße,
oder richtiger auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und diese
Fenster waren breit und niedrig, fast nur wie horizontale Spalten in der
Wand. Die Fensterbretter waren so hoch vom Fußboden, daß ich auf einen
Stuhl und eine Fußbank klettern mußte, um mich, und auch noch immer mit
Mühe, auf meinen Lieblingsplatz hinaufschwingen zu können – wenn niemand
zu Hause war, der es mir verbot. Aus unserer Wohnung konnte man fast die
halbe Stadt sehen, denn wir wohnten unter dem Dach in einem
sechsstöckigen, sehr, sehr großen Hause. Unsere ganze Einrichtung
bestand aus der Ruine eines alten zerrissenen Ledersofas, das ganz
verstaubt war und aus dem überall der Bast der Polsterung hervorsah,
ferner einem einfachen, ungestrichenen Tisch, zwei Stühlen, einem Bett,
in dem meine Mutter schlief, einem Schränkchen in der Ecke, einer
Kommode, die immer schief stand, und einem zerrissenen papierenen
Wandschirm.
Ich erinnere mich, es war einmal in der Dämmerung: das ganze Zimmer
befand sich in Unordnung, auf der Diele lag alles durcheinander, Bürsten
und Lappen, unser hölzernes Eßgeschirr, eine zerschlagene Flasche und
ich weiß nicht was noch. Ich erinnere mich, meine Mutter war sehr
aufgeregt und aus irgendeinem Grunde weinte sie. Mein Stiefvater saß in
der Ecke, wie immer in einem zerrissenen Rock. Er antwortete ihr irgend
etwas, antwortete unter einem höhnischen Auflachen, was meine Mutter
noch mehr ärgerte, und dann flogen wieder Bürsten und Teller auf den
Boden. Ich begann zu weinen und zu schreien und stürzte zu ihnen beiden.
Ich war entsetzlich erschrocken und umklammerte wie verzweifelt meinen
Vater, um ihn mit meinem Körper zu schützen. Gott mag wissen, weshalb es
mir schien, daß der Ärger meiner Mutter grundlos und mein Vater
unschuldig sei. Ich wollte für ihn um Verzeihung bitten, gleichviel was
für eine Strafe an seiner Stelle auf mich nehmen. Ich fürchtete mich
entsetzlich vor meiner Mutter und glaubte, daß alle sie ebenso
fürchteten. Meine Mutter sah mich im ersten Augenblick ganz verwundert
an, dann faßte sie mich an der Hand und zog mich hinter den Schirm. Ich
beschädigte meine Hand am Bett – es schmerzte sehr –, aber der Schreck
war doch größer als der Schmerz, und ich wagte nicht mal zu mucksen. Ich
weiß noch, meine Mutter machte darauf meinem Vater bittere Vorwürfe,
indem sie auf mich deutete. (Übrigens nenne ich ihn hier meinen Vater,
obgleich er doch nur mein Stiefvater war, aber ich habe es erst viel
später erfahren, daß zwischen uns überhaupt keine Verwandtschaft
bestand.) Diese ganze Szene dauerte etwa zwei Stunden und zitternd vor
Spannung bemühte ich mich, zu erraten, womit das alles enden werde.
Endlich verstummte der Streit und die Mutter ging irgendwohin fort. Da
rief mich der Vater zu sich, küßte mich, streichelte mein Haar, nahm
mich auf den Schoß und ich schmiegte mich fest und süß an seine Brust.
Es war die erste väterliche Zärtlichkeit, die ich empfand, und
vielleicht kann ich mich deshalb von der Zeit an so gut alles Erlebten
erinnern. Auch begriff ich, daß ich mir diese Liebe des Vaters durch
meine Parteinahme für ihn verdient hatte, und da kam mir, ich glaube,
zum erstenmal der Gedanke, daß er von der Mutter viel zu erdulden und
viel Leid zu ertragen habe. Seit der Zeit konnte ich mich von dieser
Vorstellung nicht mehr befreien und mit jedem Tag erregte und empörte
sie mich mehr.
In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liebe zum Vater, aber
es war eine wunderliche, gleichsam gar nicht kindliche Liebe. Ich würde
sagen, daß es eher ein gewisses mitleidvolles _mütterliches_ Gefühl war,
wenn eine solche Bezeichnung nicht komisch wäre – für ein Kind! Der
Vater erschien mir immer dermaßen bedauernswert, so ungerecht verfolgt,
so tyrannisiert, kurz, ich sah in ihm einen solchen Märtyrer, daß es für
mich etwas ganz Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht bis zur
Besinnungslosigkeit zu lieben, zu trösten, nicht zärtlich zu ihm zu
sein, mich nicht aus allen Kräften zu bemühen, für ihn zu sorgen und ihm
Gutes zu tun. Ich verstehe bis jetzt noch nicht, woher mir gerade das in
den Kopf gekommen sein mag, daß er ein solcher Märtyrer, ein so
unglücklicher Mensch sei! Wer hat mir das eingegeben? Wie konnte ich,
ein Kind, von seinen persönlichen Mißerfolgen und Enttäuschungen
überhaupt etwas verstehen? Und doch verstand ich sie, wenn ich mir auch
alles nach meiner Art zurechtlegte. Aber vorzustellen vermag ich mir
trotzdem nicht, wie ich zu einer solchen Auffassung gelangen konnte.
Vielleicht kam das daher, daß meine Mutter gar zu streng mit mir umging,
weshalb ich mich denn an den Vater hielt, als an einen Menschen, der,
wie ich glaubte, ebenso ungerecht von ihr behandelt wurde und in dem ich
deshalb meinen Leidensgenossen sah.
Ich erzählte bereits von meinem ersten Erwachen aus dem Kindheitsschlaf,
von meiner ersten Regung in einem bewußten Leben. Mein Herz war von dem
Augenblick an verwundet, meine Entwicklung setzte ein und vollzog sich
mit unglaublicher, sich überhastender, ermüdender Schnelligkeit. Jetzt
konnte ich mich nicht mehr mit bloßen äußeren Eindrücken zufriedengeben.
Ich begann nachzudenken, zu überlegen, zu beobachten; aber dieses
Beobachten geschah meinerseits so unnatürlich früh, daß mein Verstand
nicht umhin konnte, alles nach eigenen Begriffen und Vorstellungen sich
zurechtzulegen, und so befand ich mich denn plötzlich in einer anderen
nur mir eigenen Welt. Alles um mich herum wurde immer ähnlicher jenem
Wundermärchen, das der Vater mir oft erzählt hatte und das ich damals
natürlich für lauterste Wahrheit hielt. So entstanden in mir seltsame
Vorstellungen. Ich begriff sehr gut – aber wie das geschah, vermag ich
nicht zu sagen –, daß ich in einer sonderbaren Familie lebte und daß
meine Eltern irgendwie ganz und gar nicht den anderen Menschen glichen,
die ich in dieser Zeit kennen lernte. Ich fragte mich, weshalb sind die
anderen Menschen, die ich sehe, meinen Eltern auch äußerlich so
unähnlich? Weshalb sah ich andere lachen und warum fiel es mir plötzlich
auf, daß in unserem Winkel niemals gelacht wurde und niemand sich
freute? Welche Macht zwang mich, das neunjährige Kind, so aufmerksam
meine Umgebung zu beobachten und auf jedes Wort zu achten, das ich
zufällig von den Leuten vernahm, die mir auf der Treppe oder auf der
Straße begegneten, wenn ich abends meine Lumpen mit der alten Jacke
meiner Mutter bedeckte, um in den nächsten Krämerladen zu gehen und für
einige wenige Kupferlinge Zucker, Tee oder Brot zu kaufen? Ich begriff,
und ich weiß nicht wie, daß in unserem Winkel irgendein ewiger Kummer,
ein unerträgliches Leid herrschte. Ich zerbrach mir den Kopf, um zu
erraten, warum das so war, und ich weiß nicht, wer mir dabei half, das
Rätsel auf meine Art zu deuten: ich beschuldigte meine Mutter, ich hielt
sie für die Todfeindin meines Vaters, aber ich wiederhole – ich verstehe
es selber nicht, wie eine so ungeheuerliche Auffassung in meiner
Phantasie entstehen konnte. Und je mehr ich mich dem Vater anschloß, um
so mehr mußte ich meine arme Mutter hassen. Die Erinnerung an all das
quält mich noch jetzt schmerzlich. Doch da gab es noch einen anderen
Zwischenfall, der noch mehr als jener erste meine seltsame Annäherung an
den Vater bewirkte.
Einmal, es war gegen zehn Uhr abends, schickte mich meine Mutter in den
Laden nach Hefe. Der Vater war nicht zu Hause. Auf dem Rückwege
stolperte ich versehentlich und fiel hin, mitten auf dem Trottoir, und
verschüttete den ganzen Inhalt der Tasse. Mein erster Gedanke war, wie
sehr sich die Mutter ärgern werde. Da fühlte ich einen schrecklichen
Schmerz im linken Arm, und zugleich merkte ich, daß ich mich nicht
aufrichten konnte. Die Menschen blieben stehen. Ein altes Frauchen
versuchte, mich aufzuheben, ein Knabe aber, der vorüberlief, schlug mit
einem Schlüssel auf meinen Kopf. Endlich wurde ich wieder auf die Füße
gestellt, ich hob die Scherben der zerschlagenen Tasse auf und ging
wankend weiter, kaum fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Plötzlich sah ich den Vater. Er stand in der Volksmenge vor einem
schönen Hause, das dem unsrigen gegenüberlag. Dieses Haus gehörte
irgendwelchen vornehmen Leuten und war an jenem Abend herrlich
erleuchtet. Vor dem Portal standen viele Equipagen und aus dem Inneren
hörte man Orchestermusik. Ich faßte den Vater am Rockschoß, zeigte ihm
die zerschlagene Tasse und sagte unter Tränen, daß ich vor Angst nicht
wagte, zur Mutter zu gehen. Ich war plötzlich ohne weiteres überzeugt,
daß er mich beschützen werde. Aber weshalb ich davon überzeugt war und
wer es mir gesagt oder mich sonst irgendwie darauf gebracht hatte, daß
ich von ihm mehr geliebt wurde, als von meiner Mutter, das weiß ich
nicht. Warum ging ich zu ihm ganz furchtlos, während ich mich vor der
Mutter aus lauter Furcht nicht zu zeigen wagte? Er nahm mich an der
Hand, tröstete mich, und dann sagte er, er wolle mir etwas Schönes
zeigen, und er hob mich auf und nahm mich auf den Arm. Ich konnte
freilich nichts sehen vor Schmerz, denn er hatte meinen Arm gerade an
der Stelle angefaßt, wo ich ihn mir beim Fall verletzt hatte, und das
tat entsetzlich weh, aber ich schrie nicht, nur um ihn nicht zu
beunruhigen. Er fragte mich mehrmals, ob ich etwas sähe. Und ich bemühte
mich mit allen Fibern, ihm so zu antworten, daß es ihm recht wäre, und
ich sagte, ich sähe rote Vorhänge hinter den Fenstern. Als er mich aber
über die Straße auf das andere Trottoir tragen wollte, näher zum Hause,
da fing ich plötzlich an zu weinen – ich weiß nicht, weshalb – umarmte
seinen Hals und bat ihn, schneller nach Haus zur Mutter zu gehen. Ich
weiß noch, seine Zärtlichkeit bedrückte mich und ich konnte es nicht
mehr ertragen, daß der eine von ihnen, der Vater, – während ich doch
beide so lieben wollte – gut und lieb zu mir war, und ich zur anderen,
zur Mutter nicht zu gehen mich getraute und mich vor ihr nur fürchtete.
Sie war übrigens fast gar nicht böse und sagte nur, ich solle schlafen
gehen. Ich weiß noch, der Schmerz im Arm wurde immer heftiger, ich
begann zu fiebern, doch war ich trotzdem ganz besonders glücklich und
froh darüber, daß alles so gut verlaufen, und die ganze Nacht träumte
mir von dem Hause gegenüber und von den schönen roten Vorhängen.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, meine
erste Sorge das Haus mit den roten Vorhängen. Kaum hatte die Mutter das
Zimmer verlassen, da kletterte ich gleich auf das Fensterbrett, um das
schöne Haus zu betrachten. Eigentlich hatte dieses Haus auch früher
schon meine kindliche Neugier erregt. Am besten gefiel es mir abends,
wenn auf der Straße die Laternen angezündet wurden und wenn dann aus dem
Hause und in einem nahezu blutigen Licht die purpurroten Gardinen hinter
den großen Scheiben zu leuchten begannen. Vor dem Portal hielten meist
vornehme Equipagen, oder die Leute kamen gerade mit schönen, stolzen
Pferden angefahren, und alles das fesselte mich sehr: das Geräusch und
das Rufen der Kutscher und Diener, das ganze Hin und Her vor dem Hause
und die farbigen Laternen an den Wagen und die geputzten Damen, die dann
ausstiegen. Das ganze wurde in meiner kindlichen Phantasie zu etwas
kaiserlich Großartigem und märchenhaft Wundervollem. Und gar nach meiner
Begegnung mit dem Vater vor diesem reichen Hause, da wurde es in meinen
Augen noch einmal so schon und beachtenswert. Nun entstanden in meiner
erwachten Phantasie seltsame Vorstellungen und Vermutungen. Es ist wohl
auch kein Wunder, daß ich unter so eigentümlichen Menschen, wie meine
Eltern waren, gleichfalls zu einem eigentümlichen, zu einem
leidenschaftlich phantastischen Kinde wurde. Was mich ganz besonders
betroffen machte, war der Kontrast der Charaktere meiner Eltern. So z.
B. wunderte es mich, daß die Mutter sich beständig um unsere armselige
Wirtschaft sorgte und mühte und fortwährend dem Vater darüber Vorwürfe
machte, daß sie allein für alle arbeiten und alle ernähren müsse, – ich
fragte mich deshalb unwillkürlich, warum denn der Vater ihr gar nicht
half, warum er fast wie ein Fremder bei uns wohnte? Einzelne Worte
meiner Mutter gaben mir hierüber eine gewisse Aufklärung. So vernahm ich
mit Verwunderung, daß Papa ein Künstler sei (dieses Wort merkte ich mir
sogleich), ein Mensch mit einem großen Talent. Meine Vorstellungskraft
schuf nun sofort den Begriff für das neue Wort, eben daß ein „Künstler“
etwas ganz Besonderes, jedenfalls ein außergewöhnlicher Mensch, also
etwas ganz anderes als die übrigen Menschen sein müsse. Vielleicht war
es zum Teil auch das Verhalten meines Vaters, das gerade diese
Auffassung begünstigte; oder vielleicht hatte ich auch vorher schon das
eine oder das andere gehört, was ich jetzt vergessen habe. Seltsam
verständlich war mir der Sinn der Worte, die der Vater einmal in meiner
Gegenwart mit einem ganz besonderen Gefühl sagte: „Es werde eine Zeit
kommen, wo auch er nicht mehr arm, sondern gleichfalls ein reicher Herr
sein werde, und erst wenn die Mutter gestorben sei, würde er endlich
aufleben.“
Ich weiß noch, ich erschrak entsetzlich, als ich diese Worte hörte. Mein
Schreck und Entsetzen waren so groß, daß ich nicht im Zimmer bleiben
konnte und auf unseren kalten Flur hinauslief, wo ich in Tränen
ausbrach: und ich weinte dort herzbrechend, die Ellenbogen auf das
Fensterbrett gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Dann aber,
als ich fortwährend darüber nachdachte und mich allmählich an diese
schreckliche Hoffnung des Vaters gewöhnte – kam mir bald meine eigene
Phantasie zu Hilfe. Wenigstens ertrug ich diese Qual der Ungewißheit
nicht lange und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Vermutung gekommen
sein. Und da – ich weiß nicht, wie es anfing, aber zu guter Letzt
glaubte ich wirklich, daß der Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei,
alsbald diese langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwohin
fortziehen werde. Aber wohin? – das konnte ich mir auch bis zuletzt
nicht klar vorstellen. Ich erinnere mich nur, daß alles, womit ich jenen
Ort, wohin wir beide gehen würden (daß wir zwei unbedingt zusammen gehen
würden, stand für mich außer Frage), schmücken konnte, daß alles, was
ich mir an Schönheit und Glanz und Großartigkeit vorzustellen vermochte
– daß all das Verwendung in meinen Träumen von jener Zukunft fand. Ich
glaubte, wir würden dann sofort reich sein und ich brauchte nicht mehr
in den kleinen Laden zu gehen, um für die Mutter etwas zu besorgen, was
mir immer sehr schwer fiel, da die Kinder aus dem Nachbarhause mich nie
in Ruhe ließen, sobald ich aus dem Hause trat – und davor fürchtete ich
mich sehr, namentlich wenn ich Milch trug oder Eier, denn ich wußte, daß
ich fürs Verschütten oder Zerschlagen strenge Strafe zu erwarten hatte.
Und dann malte ich mir aus, wie der Vater sich sogleich schöne Kleider
bestellen und wir in ein glänzendes Haus ziehen würden, und da – da kam
nun jenes reiche Haus mit den roten Vorhängen, meine Begegnung mit dem
Vater vor demselben und der Umstand, daß er mir dort etwas zeigen
wollte, meiner Phantasie sehr zu Hilfe. In meinen Zukunftsträumen war es
ganz selbstverständlich, daß wir gerade in dieses Haus zogen, um dort
wie in ewiger Seligkeit zu leben. Seit der Zeit sah ich täglich,
namentlich abends, mit angespannter Neugier und Teilnahme aus unserem
Fenster nach diesem für mich gleichsam verzauberten Hause, dachte an die
Vorfahrt der Equipagen an jenem Abend und an die Gäste in den festlichen
Gewändern, wie ich sie vorher noch nie gesehen. Und dann bildete ich mir
ein, wieder die weichen Töne der Musik zu hören, die gedämpft aus dem
Hause drang, und ich beobachtete die Schattenbilder der Gestalten, die
sich auf den Vorhängen bewegten, und ich bemühte mich, zu erraten, was
dort hinter den Fenstern vorging, – und immer schien es mir, daß dort
das Paradies sei und ein ewiger Feiertag. Ich fing an, unsere armselige
Dachstube und die zerlumpten Kleider, die ich trug, zu hassen. Und als
einmal die Mutter mich schalt und mir befahl, vom Fensterbrett
herabzuklettern, wo ich gerade wie gewöhnlich saß, da kam mir sogleich
der Gedanke, sie sei eifersüchtig und wünsche nicht, daß ich dieses Haus
betrachtete oder an dasselbe auch nur dachte, unser Glück sei ihr
unangenehm und deshalb wolle sie es hintertreiben, wenigstens so lange,
wie sie noch lebte ... Und den ganzen Abend beobachtete ich sie
mißtrauisch.
Wie konnte mein Herz sich nur so verstocken gegen ein so armes,
unglückliches Wesen, wie es meine Mutter war! Jetzt erst begreife ich
die ganze Qual ihres Lebens und kann nicht ohne stechenden Schmerz im
Herzen an ihr Martyrium denken. Ja selbst damals schon, in jener dunkeln
Zeit meiner wunderlichen Kindheit, während meiner unnatürlich schnellen
Entwicklung, krampfte sich mein Herz oft zusammen vor Schmerz und
Mitleid – und Unruhe, Verwirrung und Zweifel drängten sich in meine
Seele. Auch damals schon lehnte sich mein Gewissen gegen mich selbst auf
und ich empfand es sehr wohl, daß ich ungerecht gegen sie war. Aber es
war, als scheuten und mieden wir einander. Ich entsinne mich nicht,
jemals zärtlich zu ihr gewesen zu sein. Jetzt sind es oft die
geringfügigsten Erinnerungen, die meine Seele nachträglich erschüttern
und martern. Einmal, ich weiß noch (natürlich ist das, was ich jetzt
erzählen werde, nichtig, fast belanglos, aber gerade solche Erinnerungen
quälen mich nun am meisten und haben sich am tiefsten meinem Gedächtnis
eingeprägt), – einmal, an einem Abend, als der Vater nicht zu Hause war,
wollte die Mutter mich in den kleinen Laden schicken, um für sie etwas
Tee und Zucker zu kaufen. Aber sie dachte lange nach und konnte sich
immer nicht entschließen und zählte halblaut die Kupferstücke – ein
Bettelsümmchen, über das sie noch verfügen konnte. Sie zählte und
rechnete, wenn ich nicht irre, wohl eine halbe Stunde lang und konnte
doch nicht die Rechnung beenden. Zudem verfiel sie in manchen
Augenblicken, wahrscheinlich vom Leid, gleichsam in einen Zustand
vollkommener Gedankenversunkenheit. Als sähe ich sie vor mir, so
deutlich erinnere ich mich, wie sie vor sich hin sprach, langsam, dazu
die Geldstücke einzeln zählend, als wäre jedes Wort ein wichtiges Ding.
Ihre Wangen und Lippen waren blaß, ihre Hände zitterten beständig und
wenn sie allein dasaß und nachdachte, dann bewegte sie immer den Kopf
dazu.
„Nein, nicht nötig,“ sagte sie endlich mit einem Blick auf mich, „ich
werde lieber zu Bett gehen und schlafen. Wie? Willst du schlafen,
Njetotschka?“ Ich schwieg; da hob sie ein wenig mein Kinn und sah mich
so still und freundlich an, und ihr trauriges Antlitz klärte sich auf
und verklärte sich in einem so mütterlichen und stillen Lächeln, daß
mein Herz weich wurde und zu pochen begann. Überdies hatte sie mich
„Njetotschka“ genannt, was bedeutete, daß sie mich in diesem Augenblick
besonders lieb hatte. Diese Koseform meines Namens hatte sie selbst
erfunden, indem sie meinen eigentlichen Namen Anna in ihn umwandelte.
Wenn sie mich so nannte, „Njetotschka“, dann wußte ich, daß sie damit
zärtlich zu mir sein wollte. Das rührte mich: ich hätte sie umarmen,
mich an sie schmiegen, zusammen mit ihr weinen mögen. Sie, die Arme,
streichelte dann lange meinen Kopf – vielleicht schon ganz mechanisch,
ohne daran zu denken, daß sie mich streichelte, und dazu sagte sie
immer: „Mein Kind, Annjeta, Njetotschka!“ Tränen wollten mir über die
Wangen rollen, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und beherrschte
mich. Ich widersetzte mich gewissermaßen sogar ihrer Zärtlichkeit, indem
ich ihr gegenüber nicht das geringste Empfinden äußerte, obschon ich
mich damit selber quälte. Nein, diese Verstocktheit konnte nichts
Natürliches sein! Der Mutter Strenge allein hätte mich nicht so gegen
sie einnehmen können. Aber ich weiß, was es war: es war diese
meine phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer
Ausschließlichkeit verdarb. Zuweilen, wenn ich nachts auf meiner harten
Unterlage in meinem Schlafwinkel unter der dünnen Decke erwachte, dann
wandelte mich immer eine gewisse Furcht an. Halb im Schlaf erinnerte ich
mich, wie ich bis vor kurzem, als ich noch etwas jünger und kleiner war,
mit der Mutter in einem Bett geschlafen und mich dann nachts beim
Erwachen weniger gefürchtet hatte: da brauchte ich mich nur fest an sie
zu schmiegen, die Augen zu schließen und ich schlief sofort wieder ein.
Ich fühlte, daß ich sie, ob ich nun wollte oder nicht, im geheimen doch
lieben mußte. In meinem späteren Leben habe ich die Beobachtung gemacht,
daß viele Kinder oft entsetzlich gefühllos sind, und daß sie, wenn sie
jemand liebgewinnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich lieben,
und selbstverständlich auf Kosten anderer. So war’s auch mit mir.
Bisweilen herrschte in unserer Dachstube ganze Wochen lang Totenstille.
Der Vater und die Mutter waren dann müde vom Streiten und ich lebte
zwischen ihnen wie gewöhnlich, immer schweigend, immer denkend,
träumend, mich sehnend, und stets in meinem Denken irgendwie bestrebt,
irgend etwas mir Unbekanntes zu enträtseln. Indem ich sie beide
beobachtete, begriff ich vollkommen, wie sie zueinander standen: ich
begriff diese ihre dumpfe ewige Feindschaft, begriff das ganze Leid und
diesen beklemmenden Druck des unordentlichen Lebens, das sich in unserer
Dachstube eingenistet hatte, – begriff sie natürlich ohne ihre Ursachen
und ihre ganze Tragweite, begriff sie eben nur so weit, wie ich sie
damals begreifen konnte. An langen, stillen Winterabenden beobachtete
ich sie aus meinem Winkel oft ganze Stunden ungestört, verfolgte jede
Bewegung, studierte förmlich das Gesicht des Vaters, und gab mir die
größte Mühe, zu erraten, woran er wohl denken mochte, und was ihn
geistig so beschäftigte. Und dann war es wieder die Mutter, die mich
betroffen machte und ängstigte. Sie konnte unermüdlich im Zimmer hin und
her gehen, stundenlang, oft ging sie sogar mitten in der Nacht, wenn sie
nicht schlafen konnte – sie litt überhaupt an Schlaflosigkeit – dabei
flüsterte sie vor sich hin, als wäre außer ihr niemand im Zimmer, bald
streckte sie die Arme aus, bald kreuzte sie sie über der Brust, bald
rang sie die Hände wie in Verzweiflung oder unendlichem Weh und Kummer.
Bisweilen rollten ihr Tränen aus den Augen, Tränen, die sie vielleicht
selbst nicht verstand, denn es kam vor, daß sie zeitweilig wie in ein
vollständiges Sich-selbst-vergessen versank. Sie hatte, zudem, außer
ihren Sorgen, irgendein sehr schweres körperliches Leiden, das sie aber
gar nicht beachtete.
Die Einsamkeit und das Schweigen, das ich nicht zu brechen wagte, fingen
an, immer schwerer auf mir zu lasten. Schon ein ganzes Jahr hatte ich
mit erwachtem Geiste gelebt, immer gedacht, gegrübelt, geträumt und im
geheimen mich mit unbekannten, unklaren Wünschen gequält, die plötzlich
auftauchten. Ich war wie in einem Walde verirrt. Da war es der Vater,
der mich zuerst bemerkte, mich zu sich rief und mich fragte, warum ich
ihn so unverwandt ansähe. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete:
ich weiß nur noch, daß er nachdenklich wurde und zum Schluß sagte, er
werde ein Abc-Buch bringen und mich im Lesen unterrichten. Mit Ungeduld
erwartete ich nun dieses sonderbare Buch und baute die ganze Nacht
phantastische Träume auf – denn meine Vorstellung von einem Abc war
nichts weniger als klar. Endlich, d. h. am nächsten Tage, begann der
Vater auch wirklich mit dem Unterricht. Ich begriff sogleich, was von
mir verlangt wurde, und lernte schnell und gut, denn ich wußte, daß ich
ihm damit etwas zu Gefallen tat. Das war die glücklichste Zeit meines
damaligen Lebens. Wenn er mich lobte, meinen Kopf streichelte und mich
küßte, traten mir vor Freude sogleich Tränen in die Augen. So gewann
mich der Vater allmählich lieb. Bald wagte ich denn auch schon, ihn
anzureden, und dann sprachen wir oft ganze Stunden unermüdlich
miteinander, obschon ich mitunter kaum ein Wort von dem, was er mir da
erzählte, verstand. Aber ich fürchtete ihn doch noch irgendwie,
fürchtete vor allem, er könnte denken, daß ich mich mit ihm langweilte,
und deshalb bemühte ich mich nach Kräften, so zu tun, als verstünde ich
alles. Zu guter Letzt wurde es ihm zur Gewohnheit, abends mit mir zu
sitzen und zu sprechen. Sobald er mit sinkender Dämmerung nach Haus
zurückkehrte, kam ich unverzüglich mit meinem Abc-Buch. Er setzte mich
sich gegenüber auf die Bank und nach der Stunde las er mir gewöhnlich
noch aus einem Buch irgend etwas vor. Davon verstand ich in der Regel
fast nichts, aber ich lachte soviel ich konnte, denn ich glaubte, ihm
damit Vergnügen zu bereiten. Und in der Tat, ich unterhielt ihn und mein
Lachen schien ihn zu belustigen. Einmal aber erzählte er mir nach der
Stunde ein Märchen. Es war das erste Märchen, das ich hörte. Ich saß wie
verzaubert, fieberte vor Spannung, fühlte mich wie in ein Paradies
versetzt, während ich ihm zuhörte, und zum Schluß wußte ich kaum noch,
wo ich mich lassen sollte vor Begeisterung. Nicht, daß das Märchen an
sich mir dermaßen gefallen hätte – nein, das war es nicht; aber das
Unmöglichste war nun plötzlich möglich geworden, denn ich nahm doch
alles für bare Münze. Natürlich ließ ich sogleich meiner eigenen
Phantasie die Zügel schießen und im Nu waren alle meine phantastischen
Träume für mich ebensogut wie bereits verwirklicht. Da stand natürlich
gleich an erster Stelle das Haus mit den roten Vorhängen, die handelnde
Person aber war – aus unbekannten Gründen – der Vater, obwohl er selbst
das Märchen erzählte; dann kam die Mutter, die uns hinderte, ich weiß
nicht wohin fortzuziehen; ferner – oder richtiger – ganz zuerst ich
selbst mit meinen wunderschönen Träumen, mit allen meinen
phantastischen, meinen tollen, meinen ganz unmöglichen Zukunftsbildern:
alles das verwirrte sich dermaßen in meinem Kopf, daß es bald ein
unentwirrbares Chaos bildete und mir für eine Zeitlang den Eltern
gegenüber jedes Zartgefühl, sowie den Dingen gegenüber jedes
Unterscheidungsvermögen für das, was Wirklichkeit und das, was
Einbildung war, abhanden kam und ich Gott weiß wo lebte. In dieser Zeit
verging ich fast vor Verlangen, mit dem Vater darüber zu sprechen, was
uns bevorstand, was er selber erwartete und wohin er mich führen werde,
wenn wir endlich unsere Dachstube verließen. Ich war meinerseits
überzeugt, daß alles dies irgendwie sehr schnell in Erfüllung gehen
werde, wie aber und in welcher Art – das wußte ich nicht, und gerade
damit quälte ich mich so, daß ich mir beständig den Kopf darüber
zerbrach. Bisweilen – und zwar vornehmlich abends – schien es mir, daß
der Vater mir nun gleich heimlich zuzwinkern und mich auf den Flur
hinausrufen werde, und ich nahm schon heimlich, so daß die Mutter es
nicht sah, mein Abc-Buch und dann noch unser Bild, das seit undenklichen
Zeiten uneingerahmt an der Wand hing und das unbedingt mitzunehmen ich
in meinem Sinn fest beschlossen hatte – und dann liefen wir heimlich
irgendwohin fort und kehrten nie wieder zur Mutter zurück. Und eines
Tages, als die Mutter nicht zu Haus und der Vater gerade bei besonders
guter Laune war – das aber war er regelmäßig, wenn er etwas getrunken
hatte – da faßte ich mir ein Herz und ging zu ihm und fing an, von
irgend etwas zu sprechen, in der Absicht, bei der ersten Gelegenheit auf
mein geliebtes Thema überzugehen. Endlich erreichte ich es auch, daß er
belustigt auflachte und da – da umschlang ich ihn fest und begann mit
bebendem Herzen ganz angstvoll, als wäre ich im Begriff, von etwas
Geheimnisvollem und Furchtbarem zu sprechen, verwirrt und
zusammenhanglos und stockend ihn auszufragen: wohin wir denn eigentlich
gehen sollten und wann denn und was wir mitnehmen und wo wir wohnen
wollten und schließlich, ob wir denn nicht in das Haus mit den roten
Vorhängen einziehen würden?
„Was für ein Haus? Rote Vorhänge? Was soll das? Was phantasierst du,
dummes Kind?“
Ich erschrak und versuchte angstvoll, ihm zu erklären, daß wir beide,
wenn die Mutter einmal gestorben sei, doch nicht mehr hier auf dem
Dachboden bleiben würden, daß er mich dann doch irgendwohin fortführen
müsse, wo wir zwei reich und glücklich leben könnten. Und zu guter Letzt
versicherte ich ihm noch, daß er selbst mir das alles versprochen habe.
Dabei war ich vollkommen überzeugt, daß er mir wirklich früher einmal so
etwas gesagt hatte, wenigstens schien es mir in dem Augenblick so.
„Die Mutter? Gestorben? Wenn sie gestorben sein wird? ...“ wiederholte
er und er sah mich verwundert an, während sich zwischen seinen
buschigen, graumelierten Brauen eine Falte bildete und sein Gesicht sich
ein wenig veränderte. „Was phantasierst du, Kind, dummes, armes Ding
...“
Und dann schalt er mich, und schalt mich sogar sehr und sagte, ich sei
ein dummes Kind, ich könne nichts begreifen ... und ich weiß nicht, was
er noch alles sagte, – sicher war er sehr betrübt.
Ich begriff allerdings kein Wort von seinen Vorwürfen, begriff vor allem
nicht, wie schmerzlich es für ihn sein mußte, daß ich seine Worte, die
er der Mutter im Zorn und unter dem Druck des Elends gesagt, aufgefangen
und behalten, sie womöglich auswendig gelernt und schon viel über sie
nachgedacht hatte. Aber was es auch sein mochte und so groß auch seine
eigene Überspanntheit war, dieser Zwischenfall mußte ihm doch zu denken
geben. Ich aber konnte gar nicht verstehen, weshalb er sich über mich
ärgerte, und ich fühlte eine gewisse Bitterkeit und Trauer in mir
aufsteigen, immer höher und höher, bis ich zu weinen anfing. Dann dachte
ich, daß alles, was uns dort in dem schönen Leben erwartete, wohl so
wichtig sei, daß ich dummes Kind weder davon sprechen noch daran denken
durfte. Nebenbei aber fühlte ich doch, obwohl ich ihn nicht sogleich
verstand, daß ich die Mutter gekränkt hatte. Darob erfaßten mich Angst
und Entsetzen und dann schlichen sich auch leise Zweifel in meine Seele
und machten dort alles in mir unsicher. Als er jedoch sah, daß ich
weinte und mich quälte, versuchte er mich wieder zu trösten, wischte mir
mit dem Ärmel die Tränen ab und bat mich, ich solle nicht mehr weinen.
So saßen wir denn eine Zeitlang schweigend. Er machte ein finsteres
Gesicht und schien nachzudenken; dann fing er von neuem zu sprechen an;
aber wie sehr ich mich auch anstrengte, es war mir doch alles, was er da
sagte, zum mindesten unklar. Ich schließe aus einzelnen Worten, die ich
noch behalten habe, daß er mir damals erklärte, wer er sei, was für ein
großer Künstler er wäre; ferner, wie ihn niemand verstehe, und zuletzt,
daß er ein ungeheures Talent habe. Ich weiß noch, daß er mich dann
fragte, ob ich auch alles verstanden und daß er nach meiner
selbstverständlich bejahenden Antwort die Frage wiederholte: „Also hat
er Talent?“ Und ich antwortete: „Ja, er hat Talent,“ worüber er leise
auflachen mußte, wahrscheinlich weil es ihm selbst zuletzt lächerlich
erschien, daß er über einen für ihn so ernsten Gegenstand mit einem
Kinde sprach. Unsere Unterhaltung unterbrach Karl Fedorytsch, der ganz
unerwartet bei uns eintrat, und der Vater wies auf ihn und sagte:
„Dieser dagegen, der Karl Fedorytsch, der hat zum Beispiel für keine
fünf Kopeken Talent.“
Darüber mußte ich lachen, denn das kam mir, Gott weiß weshalb, sehr
komisch vor und ich war wieder ganz froh und glücklich.
Dieser Karl Fedorytsch war eine äußerst merkwürdige Erscheinung. Ich sah
damals so wenige Menschen, daß ich mich seiner noch lebhaft erinnere.
Ja: als stände er hier, so deutlich sehe ich ihn vor mir. Er war ein
Deutscher, Meyer mit Namen, der nach Rußland gekommen war, weil er nur
den einen Wunsch hatte: zum Petersburger kaiserlichen Ballett zu
gehören. Leider war er aber ein so schlechter Tänzer, daß man ihn nicht
einmal unter die Chortänzer, die den Hintergrund der Bühne ausfüllen
mußten, aufnehmen konnte und ihn nur als Statisten verwandte. So spielte
er stumme Rollen, etwa in der Suite des Fortinbras oder als einer der
Ritter von Verona, die alle zwanzig mit einem Male ihre gepappten
Klingen ziehen und ^unisono^ ausrufen: „Wir sterben für den König!“
Nichtsdestoweniger gab es wohl keinen einzigen Künstler auf Erden, der
an seinen Rollen so leidenschaftlich hing wie Karl Fedorytsch. Sein
größtes Unglück und Lebensleid war, daß er nicht ins Ballettkorps
aufgenommen wurde. Die Tanzkunst stellte er über jede andere Kunst und
in seiner Art hing er an ihr ebensosehr, wie der Vater an seiner Geige.
Sie waren beide an demselben Theater angestellt gewesen, dort hatten sie
sich kennen gelernt, und seit der Zeit besuchte der Statist, der nun
auch schon außer Diensten war, seinen ehemaligen Kollegen vom Orchester
und blieb ihm als einziger von allen bis zuletzt treu. Sie sahen sich
sogar recht oft und beklagten dann beide ihr trauriges Los, das ihnen
den Fluch auferlegt hatte, von den Menschen nicht verstanden zu werden.
Der Deutsche war der gefühlvollste, der liebevollste Mensch der Welt und
meinem Stiefvater in glühendster, uneigennützigster Freundschaft
zugetan. Der Vater dagegen hatte, glaube ich, keine gerade besondere
Zuneigung zu ihm, er duldete ihn eben nur als seinen Bekannten in
Ermangelung anderer. Leider konnte der Vater in seiner Einseitigkeit
durchaus nicht begreifen, daß die Tanzkunst auch eine Kunst sei, womit
er den armen Deutschen bis zu Tränen kränkte. Da er nun diese schwache
Seite des anderen kannte, machte es ihm Spaß, sie immer wieder wie von
ungefähr zu berühren, um sich dann an dem Eifer des armen Karl
Fedorytsch zu ergötzen, der fast aus der Haut fuhr vor Empörung und
Leidenschaft in seinem Bemühen, für seine geliebte Tanzkunst das
Gegenteil zu beweisen. Von diesem Karl Fedorytsch und seiner
Freundschaft mit meinem Stiefvater hat mir nachher noch manches derselbe
B. erzählt, der diesen begeisterten Ballettänzer immer den Nürnberger
Springkäfer nannte. Unter anderem entsinne ich mich noch lebhaft ihrer
Zusammenkünfte, wenn sie beide etwas getrunken hatten und dann als
verkannte Größen ihr Schicksal betrauerten. Auch ich, die ich diese
beiden Sonderlinge still für mich betrachtete, trauerte mit ihnen, und
wenn sie Tränen vergossen, so heulte ich mit, wenn ich auch selber nicht
wußte, worüber und warum. Das trug sich aber immer in der Abwesenheit
der Mutter zu, denn der Deutsche fürchtete sie sehr und wartete deshalb,
wenn er kam, gewöhnlich so lange auf dem Treppenflur, bis jemand aus dem
Zimmer trat: erfuhr er dann, daß die Mutter zu Hause war, so machte er
schleunigst kehrt und lief die Treppe hinunter. Jedesmal brachte er
deutsche Gedichte mit, begeisterte sich an ihnen, indem er sie uns laut
vorlas, und dann deklamierte er mit Gesten, wobei er zwischendurch die
Sätze mit Müh und Not in ein zum mindesten eigenartiges Russisch
übersetzte, damit auch wir den Sinn verstanden. Das belustigte den
Vater, ich aber lachte oft Tränen. Einmal hatten sie sich irgendein
russisches Werk verschafft, das sie beide ungeheuer begeisterte, in
einem solchen Maße begeisterte, daß sie es nachher fast bei jeder
Zusammenkunft immer wieder von neuem lasen. Ich erinnere mich, es war
ein Drama in Versen von irgendeinem vorübergehend berühmten russischen
Schriftsteller. Die ersten Strophen hatte ich so gut behalten, daß ich
später nach mehreren Jahren dieses Drama gleich wiedererkannte, als ich
das Buch einmal zufällig in die Hände bekam. Es handelte von dem Unglück
eines großen Künstlers, irgendeines Jacopo, der auf der einen Seite
ausruft: „Ich bin verkannt!“ und auf der folgenden: „Ich bin erkannt!“ –
oder war es: „Ich bin talentlos!“ und dann: „Ich habe Talent!“? Kurz,
etwas Ähnliches war es jedenfalls. Es endete natürlich höchst tragisch.
Das Drama war freilich an sich ganz wertlos. Nur auf diese beiden Leser,
die in dem Helden viel Ähnlichkeit mit sich selbst entdeckten, wirkte es
in der naivsten und zugleich tragischsten Weise. Ich weiß noch, Karl
Fedorytsch geriet dann zuweilen in solche Ekstase, daß er aufsprang, zur
anderen Wand des Zimmers eilte und den Vater und mich, die er
„Madmuasell“ nannte, unabweisbar beschwörend, mit Tränen in den Augen
und im heiligen Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit bat,
„sogleich hierselbst“ zwischen ihm, seinem Schicksal und dem Publikum
die Schiedsrichter zu sein. Darauf begann er zu tanzen, und während der
verschiedenen Pas, die er uns nun vortanzte, schrie er uns zu, wir
sollten ihm sogleich sagen, was er sei, ein Künstler oder nicht, und ob
man wohl das Gegenteil sagen könne, d. h. daß er etwa kein Talent habe?
Der Vater war dann sofort höchst aufgeräumt, gab mir heimlich Winke, als
wollte er sagen, ich solle nur aufpassen, wie vorzüglich er sich gleich
über den Armen lustig machen werde. Mich wandelte die Lachlust an, aber
der Vater drohte heimlich mit dem Finger und ich nahm mich aus allen
Kräften zusammen, um mir das Lachen zu verbeißen. Auch jetzt noch, bei
der bloßen Vorstellung jenes Bildes, ist es mir unmöglich, nicht zu
lachen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, diesen armen Karl Fedorytsch!
Er war äußerst klein von Wuchs, dazu spindeldünn, das Haar schon grau,
die Nase gebogen und rot und immer mit Tabakspuren geschmückt. Seine
Beine hatten eine ganz absonderlich krumme Form; trotzdem schien er auf
ihren Bau noch stolz zu sein und trug Beinkleider, die so eng wie Trikot
anlagen. Wenn er dann endlich nach dem letzten Sprunge stehen blieb, mit
zu uns ausgestreckten Armen und uns zulächelnd – in der Pose und mit dem
Lächeln der Ballettänzer auf der Bühne – da wahrte der Vater noch eine
gute Weile das Schweigen, als könne er sich nicht entschließen, das
Urteil zu fällen, und ließ absichtlich den verkannten Tänzer in dieser
schwierigen Pose verharren, bis jener auf seinem einen dünnen Bein schon
zu schwanken begann, trotz seiner krampfhaften Anstrengung, das
Gleichgewicht nicht zu verlieren. Schließlich erbarmte sich der Vater:
zunächst sah er nur mit ernster Miene mich an, als wolle er mich fragen:
„Was sagen wir ihm nun?“ – und gleichzeitig richtete sich auch der
furchtsam flehende Blick des Tänzers auf mich.
„Nein, Karl Fedorytsch, man sieht, es ist verlorene Liebesmüh, du
triffst doch nicht das Richtige!“ sagte der Vater dann endlich in einem
Ton, als fiele es ihm schwer, die bittere Wahrheit sagen zu müssen. Dann
entrang sich der Brust Karl Fedorytschs ein richtiges Stöhnen, aber im
Nu faßte er wieder Mut, erbat mit beschleunigten Gesten von neuem unsere
Aufmerksamkeit, versicherte, er habe nicht nach dem betreffenden System
getanzt, und flehte uns an, nochmals die Schiedsrichter zu sein. Und
wieder eilte er zur anderen Wand und sprang dann zuweilen mit solchem
Eifer umher, daß er mit dem Kopf an die Stubendecke stieß, und zwar
schmerzhaft stark – aber er verwand den Schmerz wie ein Spartaner, stand
dann wieder in der schwierigen Pose, streckte wieder mit einem Lächeln
die zitternden Arme aus und erwartete wieder unser Urteil. Doch der
Vater war unerbittlich und wiederholte nur ebenso düster:
„Nein, Karl Fedorytsch, das scheint nun einmal dein Schicksal zu sein:
du triffst es nicht!“
Dann versagte gewöhnlich meine letzte Selbstbeherrschung und ich brach
in erlösendes Lachen aus, und der Vater desgleichen. Karl Fedorytsch,
der nun endlich den Scherz begriff, wurde rot vor Zorn und sagte mit
Tränen in den Augen und mit einem tiefen, wenn auch komischen Gefühl,
das mich später quälte, weil es mein aufrichtiges Mitleid mit diesem
armen Unglücklichen erweckte, zum Vater gewandt:
„Du bist ein treuloser Freund!“
Und er griff nach seinem Hut und lief von uns fort, mit allen Schwüren
schwörend, daß er nie wieder zu uns kommen werde.
Aber der Schatten dieses Streites pflegte nie lang zu sein. Nach ein
paar Tagen erschien er wieder bei uns, wieder wurde das berühmte Drama
gelesen, wieder wurden Tränen vergossen und zum Schluß bat uns der naive
Karl Fedorytsch abermals, die Schiedsrichter zwischen ihm, den Menschen
und dem Schicksal zu sein, bat flehentlich, diesmal aber wirklich im
Ernst über ihn zu urteilen, wie es sich wahren Freunden gezieme, und
nicht wieder unseren Spott mit ihm zu treiben.
Einmal schickte mich die Mutter in den kleinen Laden, wo ich etwas
Notwendiges kaufen sollte, und als ich zurückkehrte, hielt ich hübsch
achtsam das silberne Kleingeld in der Hand, das man mir herausgegeben
hatte. Auf der Treppe traf ich den Vater, der im Begriff war,
auszugehen. Ich lachte ihn an, denn ich konnte mein Gefühl der Freude
nicht verbergen, wenn ich ihn sah. Als er sich zu mir herabbeugte, um
mich zu küssen, bemerkte er das silberne Geldstück in meiner Hand ...
Ich habe noch nicht erwähnt, daß ich jeden Ausdruck seines Gesichts so
gut kannte, daß ich seine Wünsche gewöhnlich auf den ersten Blick
erriet. Sah ich ihn bedrückt und traurig, so hätte ich vergehen mögen
vor Leid. Am niedergeschlagensten war er, wenn er gar kein Geld hatte
und sich nichts zu trinken kaufen konnte – denn das Trinken hatte er
sich schon zur Gewohnheit gemacht. In jenem Augenblick nun, als wir
einander auf der Treppe begegneten, schien es mir, daß in ihm etwas
Besonderes vorgehe. Seine trüben Augen irrten eigentümlich unruhig
umher, ja, ich glaube, im ersten Augenblick sah er mich gar nicht. Als
er aber dann das Geld in meiner Hand bemerkte, da wurde er plötzlich rot
und gleich darauf sehr bleich, dann streckte er die Hand aus, wie um das
Geld von mir zu nehmen, zog sie aber sofort wieder zurück. Offenbar
kämpfte er mit sich. Endlich war es, als habe er sich überwunden und er
sagte, ich solle nur zur Mutter hinaufgehen; er selbst aber ging schnell
ein paar Stufen hinab – bis er plötzlich von neuem stehen blieb und mich
zurückrief.
Er sah sehr verlegen aus.
„Hör mal, Njetotschka,“ sagte er hastig, „gib mir dieses Geld, ich werde
es dir zurückgeben. Nicht? Du gibst es doch deinem Papa? Du bist doch
ein gutes Kindchen, Njetotschka?“
Ich hatte das fast vorausgefühlt. Aber im ersten Augenblick ließen mich
doch der Gedanke, wie böse die Mutter sein werde, meine Ängstlichkeit
und vor allem die instinktive Scham für mich und für den Vater
unwillkürlich zögern und hielten mich davon ab, ihm das Geld zu geben.
Er bemerkte es sofort und sagte rasch:
„Nein, nein, nicht nötig, ist nicht nötig! ...“
„Nein, nein, Papa, da, nimm! Ich werde sagen, ich habe es verloren oder
die Nachbarkinder haben es mir fortgenommen.“
„Nun gut, gut; ich wußte doch, daß du ein kluges Mädchen bist,“ sagte
er. Und er lächelte mit zitternden Lippen, ohne sein Entzücken zu
verbergen, als er das Geld in seiner Hand fühlte. „Du bist ein gutes
Mädchen, bist ja mein Engelchen! Gib her, ich werde dir dein Händchen
küssen!“
Und er griff nach meiner Hand, aber ich zog sie schnell zurück. Ein
gewisses Mitleid mit ihm bemächtigte sich meiner und die Scham stieg in
mir immer höher und wurde qualvoll. Ich hielt es nicht aus und lief in
meinem Schreck nach oben, ohne mich nach dem Vater weiter umzusehen, den
ich stehen ließ, wo er stand. Als ich ins Zimmer trat, glühten meine
Wangen und mein Herz schlug laut in einer quälenden, mir bis dahin noch
unbekannten Empfindung. Dennoch sagte ich der Mutter ganz furchtlos, ich
hätte das Geld im Schnee verloren und lange gesucht, trotzdem aber nicht
wiederfinden können. Ich hatte mindestens Schläge erwartet, doch die
bekam ich nicht. Die Mutter war anfangs allerdings außer sich, denn wir
waren damals furchtbar arm. Sie schrie mich an, aber schon im nächsten
Augenblick schien sie sich zu besinnen und hörte auf, mich zu schelten;
sie sagte nur, ich sei ein ungeschicktes, nachlässiges Mädchen und
offenbar liebte ich sie nicht, da ich mit ihrem schwer erworbenen Gelde
so unachtsam umginge. Diese Bemerkung betrübte mich mehr, als Schläge es
vermocht hätten. Denn meine Mutter kannte mich bereits: meine
Empfindsamkeit, die oft schon an eine krankhafte Reizbarkeit grenzte,
war von ihr nicht unbemerkt geblieben, und so glaubte sie gerade mit
diesen bitteren Vorwürfen – wie dem, daß ich sie wohl nicht liebte –
mich mehr zu strafen und eher zu größerer Achtsamkeit erziehen zu
können, als mit den sonst üblichen Strafmitteln.
In der Dämmerung, um die Zeit, wo der Vater gewöhnlich zurückkehrte,
erwartete ich ihn wie immer auf dem Flur. Ich war in großer Verwirrung.
Meine Gefühle waren aufgepeitscht durch etwas, das auch mein Gewissen
geradezu krankhaft peinigte. Endlich kam der Vater und ich war sehr froh
über sein Kommen, ganz als hätte ich gehofft, daß es mir dadurch
leichter werden würde. Er war heiterer Laune, aber als er mich
erblickte, nahm sein Gesicht sofort einen geheimnisvollen, ein wenig
verzerrten Ausdruck an. Er blickte ängstlich nach unserer Tür und zog
mich in den verstecktesten Winkel, blickte wieder scheu nach der Tür,
nahm dann aus der Tasche einen von ihm gekauften Pfefferkuchen und
begann nun flüsternd, jedoch in ermahnendem Tone mir zu erklären, daß
ich der Mutter niemals mehr Geld entwenden und es ihr verheimlichen
dürfe: das sei häßlich und eine Schande und überhaupt sehr schlecht.
Diesmal sei es nur deshalb so gekommen, weil er das Geld gerade sehr
notwendig gebraucht habe, aber er werde es zurückgeben und dann könne
ich sagen, ich hätte das Geld wiedergefunden; es der Mutter abzunehmen
sei jedoch eine Schande, und ich solle in Zukunft nicht einmal mehr
daran denken, so etwas wieder zu tun, er aber werde mir, wenn ich auf
ihn hörte, noch mehr solcher Pfefferkuchen kaufen. Zum Schluß sagte er
sogar, ich möchte mit der Mutter Mitleid haben, sie sei so krank, die
Arme, und sie allein arbeite für uns alle und ernähre uns. Ich hörte in
großer Angst zu, ja ich zitterte am ganzen Körper und die Tränen wollten
mich fast überwältigen. Ich war so bestürzt, daß ich kein Wort zu sagen
wußte und mich nicht von der Stelle rührte. Endlich ging er ins Zimmer,
nachdem er mir vorher noch verboten hatte, zu weinen oder der Mutter
etwas davon zu sagen – letzteres schärfte er mir ganz besonders ein. Wie
ich bemerkte, war auch er sehr verwirrt. Den ganzen Abend verbrachte ich
wie unter einem entsetzlichen Bann und zum erstenmal wagte ich nicht,
ihn anzusehen oder zu ihm zu gehen. Und auch er mied sichtlich meinen
Blick. Die Mutter ging im Zimmer auf und ab und sprach vor sich hin, wie
sie es gewöhnlich in ihrer Gedankenversunkenheit tat. An jenem Tage
fühlte sie sich bedeutend schlechter und hatte auch schon die Anzeichen
von einem Anfall zu überstehen gehabt. Kurz, infolge dieser ganzen
inneren Qual stellte sich bei mir Fieber ein. Krankhafte, wirre Träume
peinigten mich – bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und zu
weinen anfing. Mein Weinen weckte die Mutter; sie rief mich leise an und
fragte, ob mir etwas fehle. Ich antwortete nicht, weinte aber noch
verzweifelter. Da zündete sie das Licht an, kam zu mir und versuchte
mich zu beruhigen, im Glauben, ein Traum habe mich erschreckt.
„Ach, du kleines, dummes Kind!“ sagte sie, „immer noch weinst du, wenn
dir etwas träumt. Nun, schon gut, sei ruhig!“ Und sie küßte mich und
sagte, ich solle in ihr Bett kommen und bei ihr schlafen. Aber ich
wollte nicht, denn ich wagte nicht, sie zu umarmen und zu ihr zu gehen.
Ich wand mich innerlich vor Qual. Ich wollte ihr alles erzählen. Ich war
schon im Begriff anzufangen, aber da fiel mir wieder der Vater ein und
sein Verbot, und ich sagte nichts.
„Mein armes Kindchen ... Njetotschka ...“ hörte ich die Mutter leise
sprechen, während sie mich noch mit ihrer alten Jacke zudeckte, da sie
bemerkt hatte, daß ich wie von Schüttelfrost am ganzen Körper zitterte,
„du wirst wohl ebenso krank werden wie ich.“ Und sie sah mich dabei so
traurig an, daß ich ihren Blick nicht ertragen konnte, krampfhaft die
Augen schloß und mich fortwandte. Ich erinnere mich nicht mehr, daß ich
einschlief, aber noch lange hörte ich im Halbschlaf, wie die arme Mutter
mich leise beruhigte, um mich in den Schlaf zu lullen. Noch nie hatte
ich eine schwerere Qual zu erdulden gehabt. Mein Herz krampfte sich bis
zum körperlichen Schmerz zusammen. Am nächsten Tage ward mir etwas
leichter zumut. Ich fing wieder an mit dem Vater zu sprechen, aber ohne
des Vorgefallenen zu erwähnen, denn ich erriet, daß ihm das sehr
unangenehm sein müsse. Ich täuschte mich nicht: er war sogleich zur
Unterhaltung bereit und sofort guter Dinge, denn auch er schien die
Spannung zwischen uns als ungemütlich empfunden zu haben, wenigstens
hatte er immer ein finsteres Gesicht gemacht, wenn unsere Blicke sich
trafen. Jetzt bemächtigte sich seiner eine seltsame Freude, eine fast
kindliche Zufriedenheit, als er mich wieder ganz arglos und munter sah.
Die Mutter ging wie gewöhnlich bald fort und dann tat er sich keinen
Zwang mehr an. Er küßte mich so, daß ich in ein nahezu übertriebenes
Entzücken geriet und weinte und lachte – beides zugleich. Schließlich
sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, das zu sehen mich sehr
freuen werde – als Belohnung dafür, daß ich ein so kluges und gutes
kleines Mädchen bin. Damit knöpfte er seine Weste auf und nahm einen
Schlüssel, den er an einer schwarzen Schnur am Halse trug, sah mich
geheimnisvoll bedeutsam an, als wolle er in meinen Augen das ganze
Vergnügen sehen, das ich seiner Meinung nach empfinden mußte, öffnete
unseren großen Koffer und entnahm ihm behutsam einen länglichen
schwarzen Kasten, den ich bis dahin noch niemals gesehen hatte. Diesen
Kasten berührte er mit einer gewissen Zaghaftigkeit – überhaupt war er
plötzlich ganz verändert: das Lachen war aus seinem Gesicht
verschwunden, das nun einen wahrhaft feierlichen Ausdruck annahm. Diesen
geheimnisvollen Kasten also öffnete er ganz behutsam und entnahm ihm
einen absonderlichen Gegenstand, den ich bis dahin auch noch nicht
gesehen hatte – ein Ding von äußerlich recht seltsamer Form. Er nahm es
gleichfalls mit großer Vorsicht und nahezu mit Andacht in die Hand und
sagte, das sei seine Geige, sein Instrument. Hierauf fing er an mit
leiser, feierlicher Stimme zu mir zu sprechen – und er redete sehr
lange, aber ich verstand ihn nicht. Ich behielt nur die mir bereits
bekannten Ausdrücke, daß er ein Künstler sei, daß er Talent habe, daß er
einmal auf dieser Geige spielen werde und zu guter Letzt, daß wir dann
alle reich sein werden und daß uns schließlich irgendein großes Glück
blühen werde. Tränen traten ihm in die Augen und rollten über seine
Wangen. Ich war sehr ergriffen. Zum Schluß küßte er seine Geige und ließ
auch mich sie küssen. Als er sah, daß ich sie gern näher betrachtet
hätte, führte er mich zum Bett der Mutter und gab mir die Geige in die
Hand; aber ich sah wohl, daß er zitterte vor Angst, ich könnte sie
vielleicht irgendwie zerschlagen oder zerbrechen. Ich nahm die Geige und
berührte die Saiten, die in einem leisen schwingenden Ton erklangen.
„Das ist Musik!“ sagte ich, indem ich zu ihm aufsah.
„Ja, ja, das ist Musik,“ wiederholte er, sich freudig die Hände reibend,
„du bist ein kluges Kind, bist ein gutes Kind!“
Aber trotz seines Lobes und Entzückens sah ich doch, daß er sich um
seine Geige ängstigte, und da ergriff mich gleichfalls eine Angst, – ich
gab sie ihm schnell zurück. Sie wurde mit derselben Behutsamkeit wieder
eingepackt, der Kasten verschlossen und in den Koffer zurückgelegt; der
Vater aber, der nochmals meinen Kopf streichelte, versprach, mir
jedesmal die Geige zu zeigen, wenn ich wieder so klug, brav und gehorsam
sein würde wie jetzt. So hatte die Geige unseren gemeinsamen Kummer
vertrieben. Erst am Abend flüsterte er mir im Fortgehen heimlich zu, ich
solle nicht vergessen, was er mir tags zuvor auf dem Treppenflur gesagt
habe.
So wuchs ich in unserer Dachstube auf, und allmählich steigerte sich
meine Liebe, – nein, richtiger gesagt, meine Leidenschaft, denn ich
kenne kein anderes Wort, das ein so unbezwingbares, mich selbst
quälendes Gefühl, wie ich es für den Vater empfand, ausdrücken könnte –
steigerte sich bis zu einer krankhaft ausgearteten Empfindsamkeit. Ich
kannte nur noch eine einzige Lust: an ihn zu denken, von ihm zu träumen,
nur noch einen Wunsch und Willen – alles zu tun, nur um ihm eine Freude
oder sei es auch ein noch so kleines Vergnügen zu bereiten. Wie oft
erwartete ich ihn, zitternd und blau vor Kälte, auf der zugigen Treppe,
nur um wenigstens ein paar Augenblicke früher sein Kommen zu hören und
ihn zu sehen. Streichelte er mich, wenn er bisweilen zärtlich zu mir
war, so wurde ich ganz wirr vor Freude. Und doch peinigte es mich oft
bis zum körperlichen Schmerz, daß ich in meinem Verhalten zu meiner
armen Mutter so hartnäckig kühl blieb. Es gab Augenblicke, wo ich hätte
vergehen mögen vor Qual und Mitleid, wenn ich sie ansah. Bei dem ewigen
Streit der Eltern konnte ich nicht gleichmütig bleiben und unparteiisch
zusehen, ich mußte zwischen ihnen wählen und mich für einen von ihnen
entscheiden. Und so stellte ich mich denn auf die Seite dieses halb
wahnsinnigen Menschen, nur weil er in meinen Augen so mitleiderregend,
so erniedrigt war und ganz zu Anfang einen so unauslöschlichen Eindruck
auf mich gemacht, meine Phantasie entfesselt hatte. Doch schließlich –
wer könnte das so genau sagen, weshalb ich gerade seine Partei ergriff?
Vielleicht fühlte ich mich gerade deshalb so zu ihm hingezogen, weil er
so eigenartig war, sogar in seiner äußeren Erscheinung eigenartig, und
nicht so ernst und unwirsch wie die Mutter, weil er fast wahnsinnig,
weil an ihm hin und wieder so etwas von Gauklerart war, und schließlich,
weil ich ihn weniger fürchtete und sogar weniger achtete als die Mutter.
Er war irgendwie – mehr meinesgleichen. Ja allmählich bemächtigte sich
meiner das Gefühl, daß ich ihm sogar überlegen sei, daß ich ihn mir
unmerklich unterwarf, und daß ich ihm unentbehrlich wurde, ja zuweilen
kokettierte ich geradezu mit ihm. In der Tat, diese wunderliche
Anhänglichkeit meinerseits erinnerte in etwas an einen Roman ... Doch
dieser Roman sollte nicht von langer Dauer sein: ich verlor bald meine
Mutter und meinen Vater. Ihr Leben fand ein schreckliches Ende, das sich
schwer und qualvoll meiner Erinnerung eingeprägt hat. Wie sich das
zutrug, will ich jetzt erzählen.