Meinen Vater habe ich nicht gekannt. Er starb, als ich zwei Jahre alt
war. Dann heiratete meine Mutter zum zweitenmal. Diese zweite Ehe
brachte ihr viel Leid, obgleich es eine Liebesheirat war. Mein
Stiefvater war Musiker. Er hatte ein sehr merkwürdiges Schicksal, und
überhaupt war er der seltsamste und wunderlichste Mensch, den ich bisher
kennen gelernt habe. Sein Einfluß auf mich war groß und die Eindrücke,
die ich von ihm empfing, waren so stark, daß ich sie mein Leben lang
nicht vergessen werde. Doch muß ich zunächst, damit meine Erzählung
verständlicher sei, seine Lebensgeschichte wiedergeben. Alles was sich
auf dieselbe bezieht, habe ich von dem berühmten Geigenvirtuosen B.
erfahren, der in seiner Jugend ein guter Freund meines Stiefvaters
gewesen ist.
Der Familienname meines Stiefvaters lautete Jefimoff. Geboren wurde er
auf dem Gute eines reichen Großgrundbesitzers als Sohn eines armen
Musikers, der nach langen Irrfahrten sich dort niedergelassen hatte und
in das Orchester des Gutsherrn eingetreten war. Sein Brotherr lebte auf
großem Fuß und liebte Musik bis zur Leidenschaft. Man erzählte von ihm,
daß er, der sich nie von seinem Gute rührte und nicht einmal nach Moskau
fuhr, sich plötzlich aufgemacht habe und ins Ausland gereist sei, in
irgendeinen Kurort, nur um einen berühmten Geigenvirtuosen zu hören, der
dort, wie die Zeitungen berichteten, drei Konzerte geben sollte. Auf
seinem Gut unterhielt er ein großes Orchester und gab fast seine ganzen
Einkünfte für die Besoldung und den Unterhalt der Musiker aus. In dieses
Orchester nun trat mein Stiefvater als Klarinettist ein. Als er
zweiundzwanzig Jahre alt war, machte er die Bekanntschaft eines
eigenartigen Menschen. In demselben Gouvernementskreise lebte ein
reicher Graf, der sich durch den Unterhalt eines Haustheaters ruinierte.
Dieser Graf hatte den Kapellmeister seines Orchesters, einen Italiener,
wegen seiner schlechten Aufführung entlassen. Der Kapellmeister war in
der Tat ein schlechter Mensch. Als er seine Stellung verloren, kam er
bald ganz herunter, trieb sich in den Dorfschenken umher, betrank sich,
ja er bettelte sogar, und da hatte natürlich niemand mehr Lust, ihm eine
Anstellung zu geben. Mit diesem Menschen befreundete sich nun mein
Stiefvater. Ihre Freundschaft war aber von einer ganz besonderen Art,
denn niemand konnte behaupten, daß der Jüngere sich durch diesen Umgang
irgendwie zu seinem Nachteil veränderte, und selbst der Gutsbesitzer,
der ihm anfangs verboten hatte, mit dem Italiener zu verkehren, ließ
schließlich diese sonderbare Freundschaft gewähren. Da starb plötzlich
der Italiener. Bauern fanden ihn eines Morgens im Graben an einem Zaun
liegen. Eine Untersuchung wurde eingeleitet und ergab, daß er am
Herzschlage gestorben war. Sein ganzes Hab und Gut befand sich bei
meinem Stiefvater, der sogleich an der Hand von Dokumenten nachwies, daß
er das volle Recht hatte, die Sachen zu behalten: er besaß ein
eigenhändiges Schreiben des Verstorbenen, in dem dieser Jefimoff zu
seinem Erben erklärte, falls er, der Italiener, früher sterben sollte,
als Jefimoff. Die Hinterlassenschaft bestand aus einem schwarzen Frack,
den er sorgfältig aufbewahrt hatte, in der Hoffnung, doch noch einmal
eine Anstellung zu finden, und einer Geige, an der nichts Sonderliches
auffiel. Dieses Erbe machte denn auch niemand dem Klarinettisten
streitig. Da erschien nach einiger Zeit ein Musiker, der im Orchester
des Grafen die erste Geige spielte, bei dem Gutsbesitzer und überreichte
ihm einen Brief vom Grafen. In diesem Brief bat der Graf den
Gutsbesitzer, seinen Klarinettisten Jefimoff zu bereden, ihm, dem
Grafen, die Geige des verstorbenen Italieners zu verkaufen. Er bot für
dieselbe dreitausend Rubel und schrieb, daß er den Jegor Jefimoff schon
mehrmals zu sich habe bitten lassen, um den Kauf persönlich
abzuschließen, doch dieser Mensch sei leider zu nichts zu bewegen. Der
Graf schloß seinen Brief mit der Bemerkung, daß er für die Geige das
biete, was sie wert sei: deshalb sehe er in der hartnäckigen Weigerung
Jefimoffs, sie ihm dafür abzutreten, den beleidigenden Verdacht, er, der
Graf, wolle bei diesem Kauf die Unkenntnis des Klarinettisten ausnutzen.
Aus diesem Grunde bäte er jetzt um seine, des Gutsbesitzers,
Vermittelung.
Dieser ließ Jefimoff sogleich zu sich rufen.
„Weshalb willst du die Geige nicht verkaufen?“ fragte er ihn, „du
brauchst sie doch nicht. Man bietet dir dreitausend Rubel, gerade so
viel, wie sie wert ist, und du irrst dich, wenn du glaubst, daß dir
jemand mehr für sie zahlen wird. Der Graf will dich doch nicht
übervorteilen.“
Jefimoff erwiderte, daß er aus freien Stücken zu dem Grafen nicht gehen
werde, doch wenn man ihn zwingen wolle, so müsse er sich eben dem Willen
seines Herrn fügen. Dem Grafen werde er aber die Geige nicht verkaufen,
und wenn man sie ihm mit Gewalt nehmen werde, so hinge auch das wiederum
nur von dem Willen seines Herrn ab.
Natürlich verletzte er mit einer solchen Antwort die empfindlichste
Charakterseite des Gutsbesitzers. Dieser pflegte nämlich immer mit Stolz
von sich zu sagen, daß er wisse, wie er mit seinen Musikern umzugehen
habe, denn sie seien alle bis auf den letzten wirkliche Künstler, und
deshalb sei sein Orchester nicht nur besser als dasjenige des Grafen,
sondern besser sogar als eines in der Hauptstadt!
„Nun, schön,“ entgegnete der Gutsbesitzer, „ich werde dem Grafen
schreiben, daß du die Geige nicht verkaufen willst, weil du eben nicht –
willst ... basta! weil du das volle Recht hast, sie zu verkaufen oder
nicht zu verkaufen, wie es dir beliebt, hast du mich verstanden? Aber
ich frage dich jetzt selber: was machst du mit der Geige? Dein
Instrument ist die Klarinette, die du leider noch recht mittelmäßig
spielst. Verkauf’ die Geige mir. Ich gebe dir dreitausend.“ (Wer wußte
denn, daß es ein solches Instrument war!)
Jefimoff lächelte.
„Nein, Herr, ich werde sie Ihnen nicht verkaufen,“ sagte er, „aber
versteht sich, wenn Sie mit Gewalt ...“
„Ja, zwinge ich dich denn, will ich dir denn Gewalt antun!“ rief der
Gutsbesitzer empört – um so mehr empört, als es sich in Gegenwart des
gräflichen Musikers zutrug und dieser nach solchen Antworten eine recht
unvorteilhafte Vorstellung von der Stellung der Musiker des
Gutsbesitzers gewinnen mußte. „Mach’, daß du fortkommst, du Undankbarer!
Geh mir aus den Augen! Was würdest du ohne mich überhaupt anfangen mit
deiner Klarinette, auf der du nicht einmal zu spielen verstehst? Bei mir
aber wirst du satt, wirst du bekleidet und erhältst dein Gehalt; du
lebst hier in einem vornehmen Hause, spielst nur hier die Rolle eines
Künstlers, aber du willst das nicht einsehen! Geh mir aus den Augen und
reiz’ mich nicht durch deine Anwesenheit!“
Der Gutsbesitzer pflegte denjenigen immer fortzuschicken, über den er
sich ärgerte, denn er fürchtete seine eigene Heftigkeit. Mit einem
„Künstler“, wie er seine Musiker nannte, wollte er aber unter keinen
Umständen streng ins Gericht gehen.
Der Kauf kam nicht zustande und damit schien die Sache abgetan zu sein –
als plötzlich, etwa einen Monat nach jener Auseinandersetzung, der erste
Violinist des Grafen etwas Unerhörtes angab: auf eigene Verantwortung
nämlich reichte er eine Anzeige ein, nach der Jefimoff die Schuld am
Tode des Italieners trug, den er umgebracht habe, um in den Besitz der
Hinterlassenschaft zu gelangen. Ferner beschuldigte er ihn, jenes
Schriftstück, in dem der Italiener Jefimoff zu seinem Erben einsetzte,
mit List und Gewalt dem Verstorbenen abgerungen zu haben, was er durch
Zeugen beweisen zu können vorgab. Weder die Bitten des Gutsbesitzers,
der für Jefimoff eintrat, noch die Vorhaltungen des Grafen konnten ihn
von seinem Vorhaben abbringen. Man gab ihm zu bedenken, daß gegen die
ärztliche Untersuchung der Leiche sich nichts einwenden lasse, daß er
gegen sein Gewissen handle, vielleicht aus persönlicher Rache, weil
jener ihm das kostbare Instrument nicht abgetreten hatte. Der Musiker
blieb aber bei seiner Behauptung, schwur sogar, daß er im Recht sei und
der Herzschlag nicht infolge des Trunkes eingetreten wäre, sondern als
Folge einer Vergiftung, weshalb er eine nochmalige Untersuchung der
Leiche verlangte. Auf den ersten Blick konnte man seine Beweise sehr
wohl ernst nehmen. Natürlich wurde das Verfahren sogleich eingeleitet.
Jefimoff wurde verhaftet und nach dem Stadtgefängnis abgeführt. Die
Gerichtsverhandlungen, die das ganze Gouvernement mit Spannung
verfolgte, nahmen einen sehr schnellen Verlauf und endeten damit, daß
der Musiker der falschen Anklage überführt wurde. Man verurteilte ihn zu
einer gerechten Strafe, ungeachtet dessen, daß er bei seiner Behauptung
beharrte. Endlich gestand er, daß er zwar keine positiven Beweise besaß
und die angeführten selbst erfunden hatte, jedoch habe er sich dabei von
seinen Vermutungen leiten lassen, die schließlich zu seiner festen
Überzeugung geworden seien, und deshalb bliebe er auch jetzt – nachdem
die Unschuld Jefimoffs vom Gericht bereits unzweifelhaft festgestellt
worden war – bei seiner Überzeugung, daß die Ursache des Todes jenes
italienischen Kapellmeisters einzig und allein Jefimoff gewesen, der
ihn, wenn nicht gerade vergiftet, dann eben auf irgendeine andere Weise
umgebracht habe. Es blieb ihm übrigens erspart, seine Strafe abzubüßen:
er erkrankte plötzlich an einer Gehirnentzündung, verfiel in Wahnsinn
und starb im Krankenhause.
Während dieser ganzen Zeit sorgte der Gutsbesitzer für Jefimoff wie ein
Vater für seinen Sohn. Er, der sonst nie sein Gut verließ, fuhr mehrmals
in die Stadt, um den Armen im Gefängnis zu besuchen und ihn zu trösten;
er schenkte ihm Geld, und als er erfuhr, daß Jefimoff gern rauchte,
brachte er ihm die besten Zigaretten; und als dann mein Stiefvater
endlich freigesprochen wurde, veranstaltete er für sein ganzes Orchester
ein großes Freudenfest. Er betrachtete die gegen Jefimoff erhobene
Anklage als etwas, was sein gesamtes Orchester anging, denn auf die gute
Aufführung seiner Musiker legte er wenn nicht mehr, so doch ebensoviel
Wert, wie auf ihr musikalisches Können.
Es verging ein Jahr, als man eines Tages auf dem Gute erfuhr, daß in der
Gouvernementsstadt ein bekannter französischer Violinvirtuose
eingetroffen sei und daselbst konzertieren werde. Als der Gutsbesitzer
dies hörte, bot er sogleich alles auf, um diesen Künstler als Gast bei
sich auf dem Gute zu sehen. Zu seiner Freude nahm der Franzose die
Einladung an. Schon war alles zu seinem Empfang bereit, die ganze
Gesellschaft der Umgegend eingeladen, als plötzlich etwas Überraschendes
geschah.
Eines Morgens wurde dem Gutsbesitzer gemeldet, Jefimoff sei nirgends zu
finden. Man suchte, forschte, schickte Boten aus – er war und blieb
spurlos verschwunden. Das Orchester befand sich in einer verzweifelten
Lage: der Klarinettist fehlte, was tun? Da erhielt der Gutsbesitzer am
dritten Tage nach der Flucht Jefimoffs einen Brief von dem Franzosen, in
dem dieser mit verletzendem Hochmut absagte und hinzufügte, er werde
hinfort sehr vorsichtig sein müssen mit solchen Herren, die ein eigenes
Orchester hielten: es sei so „deprimierend“, ein großes Talent im Dienst
eines Menschen zu sehen, der es nicht zu schätzen wisse. Er brauche als
Beispiel nur Jefimoff zu nennen, den genialsten Künstler und besten
Violinisten, den er in Rußland gehört habe!
Der Gutsbesitzer las den Brief mit wachsender Verwunderung. Wie?
Jefimoff, derselbe Jefimoff, um den er sich so gesorgt hatte, dem er
soviel Gutes erwiesen, derselbe Jefimoff hatte es fertiggebracht, ihn so
gewissenlos, so unverschämt zu verleumden, und das noch bei einem
berühmten Künstler, auf dessen gute Meinung von seinem Orchester er
soviel Wert legte! Und dann – der Brief enthielt noch ein anderes
Rätsel: der Franzose nannte Jefimoff den genialsten Künstler und besten
Violinisten, den er in Rußland gehört, und aus seiner Schlußbemerkung
ging hervor, daß er dachte, man wolle Jefimoffs Talent nicht anerkennen,
und zwinge ihn, ein anderes Instrument zu spielen, als dasjenige,
welches ihm zukam. Dies überraschte den Gutsbesitzer dermaßen, daß er
beschloß, sogleich in die Stadt zu fahren, um mündlich mit dem Franzosen
zu sprechen. Da traf kurz vor seiner Abfahrt ein Schreiben vom Grafen
ein, in dem dieser ihn zu sich aufforderte und ihm mitteilte, daß der
französische Künstler und Jefimoff beide bei ihm seien und der Franzose
ihm den Fall erzählt habe. Er, der Graf, sei über die Frechheit der
Verleumdung Jefimoffs so empört, daß er ihn vorläufig nicht aus dem
Hause lasse, und außerdem sei die Anwesenheit des Gutsbesitzers auch
deshalb notwendig, weil die Verleumdungen Jefimoffs auch ihn, den Grafen
selbst, beträfen. Kurz, man müsse in der Sache Klarheit schaffen, und
zwar je eher, desto besser.
Da begab sich denn der Gutsbesitzer unverzüglich zum Grafen, ließ sich
dem Franzosen vorstellen und erklärte ihm den Sachverhalt. Er sagte, er
habe es nicht geahnt, daß in Jefimoff ein so großes Talent stecke: er
kenne ihn nur als einen recht mittelmäßigen Klarinettisten – daß der
Mensch auch die Geige spiele, habe er erst aus dem Brief erfahren.
Außerdem, fügte er hinzu, sei Jefimoff ein freier Mensch gewesen und
hätte ihn zu jeder Zeit verlassen können, wenn er wirklich so unzulässig
behandelt worden wäre. Der Franzose war sehr verwundert. Man ließ
Jefimoff kommen. Der war aber in seinem Benehmen kaum wiederzuerkennen:
hochmütig trat er ein, antwortete spöttisch und hatte die Frechheit, zu
behaupten, daß alles wahr sei, was er dem Franzosen gesagt. Diese
Unverschämtheit ärgerte den Grafen dermaßen, daß er meinem Stiefvater
ins Gesicht sagte, er sei ein Lump und Lügner und habe verdient, daß man
ihn schonungslos bestrafe.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Herr Graf,“ versetzte mein Stiefvater
höhnisch, „dank Ew. Gnaden bin ich nur mit genauer Not der Strafe für
ein Kriminalverbrechen entgangen. Ich weiß ja doch nur zu gut, auf
wessen Veranlassung hin Alexei Nikiforytsch, Ihr ehemaliger Musiker, die
Anzeige gegen mich erstattet hat.“
Das war zu viel für den Grafen. Er geriet außer sich vor Wut über diese
empörende Beschuldigung. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Und
ein Polizeibeamter, der sich gleichfalls im Saal befand und wegen einer
Rücksprache mit dem Grafen kurz zuvor eingetroffen war, erklärte
hierauf, daß die beleidigende Frechheit Jefimoffs eine böswillige
Verleumdung sei, weshalb er höflichst um die Erlaubnis bäte, ihn
sogleich und ohne weiteres hier im Hause des Grafen arretieren zu
dürfen. Auch der Franzose äußerte seinen größten Unwillen und sagte,
eine solche Undankbarkeit hätte er nie für möglich gehalten. Da brauste
mein Stiefvater jähzornig auf und rief aus, selbst Gefängnishaft unter
dem Verdacht eines Kriminalverbrechens und alle Gerichtsverhandlungen
der Welt ziehe er jenem Leben vor, das er bisher erduldet, da er als
Musiker im Orchester des Gutsbesitzers sein Brot habe verdienen müssen
und in seiner Armut keine Mittel und folglich keine Möglichkeit gehabt
habe, sich früher freizumachen. Er wurde aus dem Saal geführt. Man
schloß ihn in einem entlegenen Zimmer ein und sagte ihm, daß man ihn am
nächsten Tage nach der Stadt bringen werde.
Gegen Mitternacht öffnete sich die Tür des Zimmers, in dem Jefimoff
gefangen saß. Es war der Gutsbesitzer. Er war im Schlafrock und in
Morgenschuhen und hielt eine brennende Laterne in der Hand. Offenbar
hatte er nicht einschlafen können, hatte wach gelegen, bis er
schließlich, um den quälenden Gedanken ein Ende zu machen, trotz der
späten Stunde wieder aufgestanden war. Jefimoff schlief nicht: mit
Verwunderung sah er den späten Gast eintreten. Der stellte die Laterne
auf den Tisch und setzte sich in schwerer Erregung ihm gegenüber auf
einen Stuhl.
„Jegor,“ sagte er, „warum hast du mir das angetan?“
Jefimoff antwortete nicht. Der Gutsbesitzer wiederholte die Frage und
ein seltsam tiefes Gefühl, ein seltsamer Kummer klang aus seinen Worten.
„Ja, das mag Gott wissen, warum!“ entgegnete endlich mein Stiefvater und
wandte das Gesicht fort. „Da muß schon der Teufel seine Hand im Spiel
gehabt haben! Ich weiß es selber nicht, wer mich zu all dem treibt! Nun
ja, ich kann nicht mehr bei Ihnen bleiben, ich kann nicht ... Der Teufel
sitzt mir auf dem Halse!“
„Jegor!“ hub der Gutsbesitzer an, „komm zu mir zurück! Ich werde alles
vergessen, werde dir alles verzeihen. Höre: du wirst der Erste unter
meinen Musikern sein, ich werde dich unvergleichlich besser stellen ...“
„Nein, Herr, nein, reden Sie nicht weiter – ich gehöre nicht mehr zu
Ihnen! Ich sagte Ihnen schon, der Teufel sitzt mir auf dem Halse. Ich
würde Ihr Haus anzünden, wenn ich bliebe. Es kommt so über mich – und
zuweilen ist es solch eine Qual, daß es besser wäre, ich wär’ nicht
geboren! Jetzt kann ich nicht mehr für mich einstehen, also lassen Sie
mich schon lieber in Ruh, Herr. Das ist alles über mich gekommen,
seitdem dieser Teufel mit mir Freundschaft schloß ...“
„Wer das?“ fragte der Gutsbesitzer.
„Nun, jener doch, der dort wie ein Hund am Zaun krepierte, von dem
keiner mehr was wissen wollte, der Italiener!“
„Hat _er_ dich, Jegoruschka, im Geigenspiel unterrichtet?“
„Ja. Er. Vieles habe ich von ihm gelernt – zu meinem Verderben. Hätt’
ich ihn doch lieber nie gesehn!“
„Aber spielte er denn auch so meisterhaft die Geige, Jegoruschka?“
„Nein, er selbst spielte schlecht, aber er unterrichtete gut. Gelernt
habe ich allein, er hat mich nur geleitet – und eher könnte mir die Hand
verdorren, als daß ich diese Kunst verlernte! Ich weiß jetzt selbst
nicht, was ich will. Versuchen Sie es, fragen Sie mich: ‚Jegorka! was
willst du? Ich kann dir alles geben!‘ – Ich würde gewiß, so wahr ich
lebe, Ihnen kein Wort zu antworten wissen, denn ich weiß selbst nicht,
was ich will. Nein, Herr, lassen Sie mich lieber in Ruh. Ich werde doch
unbedingt so etwas mit mir anstellen, daß man mich ... etwas weiter
fortschickt, und damit Punktum!“
„Jegor!“ begann der Gutsbesitzer nach einer Weile wieder, „so ohne
weiteres werde ich dich nicht verlassen. Willst du nicht bei mir
bleiben, dann geh; du bist ein freier Mensch, halten kann ich dich
nicht. So einfach aber werde ich jetzt doch nicht von dir fortgehen,
Jegor. Spiel’ mir etwas vor, auf deiner Geige, tu mir den Gefallen,
Jegor. Ich bitte dich, spiel’! – um Christi willen! Ich befehle dir
nicht, verstehe mich nicht falsch, ich will dich nicht zwingen; aber ich
bitte dich von Herzen: spiel’ mir, Jegoruschka, spiel’ mir das vor, was
du dem Franzosen vorgespielt hast! Erleichtere mein Herz! Du bist
halsstarrig – gut, ich bin’s auch. Du siehst, ich habe gleichfalls
meinen Dickschädel, Jegoruschka. Ich kann dir nachfühlen, so fühl’ auch
du, wie ich fühle. Ich will nicht leben, wenn du mir nicht aus eigenem
freiem Willen das vorspielst, was du dem Franzosen vorgespielt hast!“
„Nun gut, es sei!“ sagte Jefimoff. „Ich hatte mir wohl geschworen, Ihnen
niemals vorzuspielen, gerade Ihnen nicht, aber mein Herz entbindet mich
jetzt von meinem Schwur. Ich werde Ihnen vorspielen, doch, damit Sie’s
wissen, zum ersten und zum letzten Mal, Herr, Sie sollen mich nie wieder
hören, niemals, und sollten Sie mir auch – tausend Rubel bieten.“
Er nahm seine Geige und begann, seine Variationen russischer Lieder zu
spielen. B. sagte mir, nichts habe er mit solcher Leidenschaft und so
wundervoll gespielt, wie diese Variationen – sie wären sein erstes und
bestes Können gewesen. Dem Gutsbesitzer, der ohnehin Musik nicht
gleichmütig anhören konnte, rannen die hellen Tränen über die Wangen.
Als das Spiel zu Ende war, stand er auf, nahm dreihundert Rubel aus
seiner Brieftasche, reichte sie meinem Stiefvater und sagte:
„Jetzt geh, Jegor. Ich werde dich von hier hinauslassen, und deine
Beleidigung des Grafen – auch das laß meine Sorge sein: ich werde alles
beilegen. Aber nun höre: komme mir nie wieder in den Weg. Die Welt steht
dir offen, und wenn wir uns begegnen sollten, so wird es sowohl mir wie
dir peinlich sein. Nun, leb’ wohl! ... Wart’! Noch einen Rat gebe ich
dir auf den Weg, nur einen: trink nicht und lerne, lerne unermüdlich.
Auch bilde dir nicht zu viel ein! Das sage ich dir, sage es dir wie dein
leiblicher Vater es dir sagen würde. Also gib acht, ich wiederhole es:
lerne und rühre das Glas nicht an, greifst du aber einmal nach ihm und
trinkst einen Schluck aus Kummer (und den wirst du reichlich kennen
lernen!) – dann ist alles verloren, das wisse, dann geht dir alles zum
Teufel und dann wirst auch du vielleicht genau so, wie dein Italiener,
irgendwo in einem Graben verrecken. Jetzt lebe wohl! ... wart’, küss’
mich.“
Sie küßten sich, und darauf erhielt er seine Freiheit.
Doch kaum war er frei, da begann er damit, daß er in der nächsten
Kreisstadt seine dreihundert Rubel verjubelte, und zwar in Gesellschaft
heruntergekommener, ganz verwahrloster Menschen, worauf er sich
gezwungen sah, in das jämmerliche Orchester einer wandernden
Theatertruppe einzutreten, wo er die erste und wahrscheinlich einzige
Geige spielte. Das stimmte nun freilich nicht ganz überein mit seinen
anfänglichen Absichten: so bald als möglich nach Petersburg zu fahren,
dort in ein gutes Orchester einzutreten, um seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, und die übrige Zeit des Tages ausschließlich dazu zu
benutzen, um sich zu einem vollendeten Künstler auszubilden. In jener
kleinen Musikkapelle hielt er es denn auch nicht lange aus: er geriet
mit dem Unternehmer in Streit, kündigte ihm und verließ die
Gesellschaft. Dann brach für ihn eine Zeit an, in der er schließlich
seinen Mut so weit verlor, daß er sich zu einer verzweifelten Tat
entschloß, die seinen Stolz tief erniedrigte. Er schrieb an den
Gutsbesitzer, seinen früheren Brotherrn, schilderte seine Lage und bat
um Geld. Der Brief war noch in ziemlich selbstbewußtem Tone geschrieben,
eine Antwort aber erhielt er auf ihn nicht. Dann schrieb er einen
zweiten, diesmal einen erniedrigend schmeichelhaften Brief, in dem er
den Gutsbesitzer seinen Wohltäter und einen wirklichen Kunstkenner
nannte, um ihn zum Schluß wieder um eine Unterstützung zu bitten. Auf
diesen Brief erhielt er endlich eine Antwort. Der Gutsbesitzer sandte
ihm hundert Rubel mit ein paar von der Hand seines Kammerdieners
geschriebenen Zeilen, in denen er erklärte, daß er hinfort mit Ähnlichem
verschont zu bleiben wünsche. Nach Empfang dieses Geldes wollte mein
Stiefvater sogleich nach Petersburg reisen, als er aber seine Schulden
bezahlt hatte, blieb ihm nur noch so wenig von dem Gelde übrig, daß er
an die Ausführung der geplanten Reise nicht mehr denken konnte. Er blieb
also in der Provinz, trat wieder in irgendeine Musikkapelle ein, geriet
dort wieder in Streit mit den anderen, und indem er sich so durchschlug,
immer in der Hoffnung, bald nach Petersburg reisen zu können, verlebte
er ganze sechs Jahre in der Provinz – bis ihn eines Tages Entsetzen
erfaßte. Mit Verzweiflung sah er ein, wie viel seine Kunst durch dieses
bedrückende und ungeordnete Bettlerleben bereits eingebüßt hatte. So
ließ er eines Morgens seine Kapelle im Stich, nahm seine Geige und
machte sich auf den Weg nach Petersburg, wo er nahezu als Strolch ankam.
Er mietete sich irgendwo in einer elenden Dachkammer ein: und dort traf
er zum erstenmal mit B. zusammen, der damals gerade erst aus Deutschland
herübergekommen war und gleichfalls hier Karriere machen wollte. Sie
schlossen bald Freundschaft miteinander. B. denkt jetzt noch mit tiefer
Rührung an jene Zeit. Sie waren beide jung, beide hatten sie dieselben
Hoffnungen und dasselbe Ziel, dem sie zustrebten. Nur war B. noch jünger
und hatte von Armut und Leid und Künstlerelend erst wenig erfahren:
überdies war er vor allen Dingen Deutscher und strebte zu seinem Ziel
gewissermaßen systematisch und starrköpfig hin, mit ganz objektiver
Einschätzung seiner Begabung, nachdem er schon im voraus genau berechnet
hatte, wie weit er es bringen würde. Sein neuer Freund dagegen war
immerhin schon dreißig Jahre alt, hatte sich durch das Elend bereits
ermüden lassen, hatte schon an Geduld und Spannkraft verloren und seine
ersten Kräfte eingebüßt, da er ganze sieben Jahre für sein täglich Brot
in Provinztheatern und kleinen Orchestern auf verschiedenen Gütern hatte
fiedeln müssen. Was ihn in dieser Zeit aufrechterhalten, war der ewige
unverrückbare Gedanke, sich endlich aus seiner Misere herauszuarbeiten,
Geld zu sparen und dann nach Petersburg zu reisen. Aber der Gedanke war
unklar, dunkel, fast nur wie ein innerliches „Sich zu etwas berufen
fühlen“, so daß er denn auch mit den Jahren viel von der anfänglichen
Klarheit verlor. Als er nun endlich in Petersburg eintraf, da war
eigentlich alles gleichsam unbewußt geschehen, wie aus einer alten
Gewohnheit an einen ewigen Wunsch und ein ewiges Sichausmalen dieser
Reise, so daß er beinahe selbst nicht mehr wußte, was er hier eigentlich
suchte. Sein Enthusiasmus war konvulsivisch, sprunghaft, oft mit
geradezu galliger Bitterkeit gepaart, oft sinnverwirrend, als wollte er
mit diesem Enthusiasmus sich selbst betrügen und glauben machen, daß
seine Kraft noch ungebrochen, daß seine erste Glut, seine erste
Begeisterung noch ungeschwächt seien. Diese immerwährende Begeisterung
machte auf den kühlen, mehr wissenschaftlich veranlagten B. den größten
Eindruck. Sie blendete ihn und er sah in meinem Stiefvater geradezu ein
zukünftiges Weltgenie. Anders konnte er sich die Zukunft seines
Gefährten gar nicht vorstellen. Doch bald wurden ihm die Augen geöffnet
und er erkannte, mit wem er es zu tun hatte. Er sah und begriff, daß
diese ganze gewaltsame Begeisterung, diese Hitze und Ungeduld nichts
anderes waren, als eine unbewußte Verzweiflung in der Erinnerung an die
verlorene Zeit, in der er seine Begabung nicht auszuentwickeln vermocht
hatte, begriff, daß schließlich sogar das Talent an sich, vielleicht
sogar auch in den Anfangsjahren, gar nicht so groß gewesen war, fühlte
heraus, daß da viel Verblendung mitspielte, unnützes Selbstgefühl,
ursprünglicher Ehrgeiz und eine unausgesetzt arbeitende Phantasie, die
sich immer nur mit dem eigenen Genie beschäftigt hatte.
„Aber trotzdem,“ erzählte B., „muß ich die eigenartige Natur meines
Freundes immer wieder bewundern. Vor meinen Augen spielte sich ein
steter Kampf ab – der verzweifelte, fieberhafte Kampf eines krampfhaft
angespannten Willens mit einer inneren Kraftlosigkeit. Der Unglückliche
hatte sich bis dahin ganze sieben Jahre mit den bloßen Gedanken an
seinen zukünftigen Ruhm begnügt und über diesen Zukunftsträumen gar
nicht bemerkt, wie ihm mit der Zeit die Grundlage der Kunst immer mehr
abhanden kam, wie er nach und nach seine Technik verlor und damit das
Werkzeug seiner Kunst. Währenddessen aber entstanden in seiner wirren
Phantasie jeden Augenblick die großartigsten Zukunftspläne. Er wollte
nicht etwa nur ein erstklassiges Genie sein, der größte aller
Violinvirtuosen der Welt, für den er sich bereits allen Ernstes hielt, –
nein, er wollte überdies noch Komponist werden, – ohne vom Kontrapunkt
auch nur eine Ahnung zu haben. Am meisten jedoch wunderte mich,“ fuhr B.
fort, „daß dieser Mensch bei seinen geringen Kenntnissen von der Theorie
der Kunst ein so tiefes, klares und man kann wohl sagen instinktives
Kunstverständnis hatte. Er erfaßte und fühlte die Kunst so tief, daß es
schließlich kein Wunder war, wenn er sich in seiner Selbsterkenntnis
verirrte und sich, anstatt für einen tief nachempfindenden Kunstkritiker
zu halten, für einen Kunstschöpfer, für ein Genie hielt. Zuweilen konnte
er in seiner ungeschliffenen einfachen Ausdrucksweise, ohne, wie gesagt,
etwas von einer Theorie oder Musikwissenschaft zu ahnen, so tiefe
Wahrheiten sagen, daß ich ihn ganz verblüfft ansah und nicht begriff,
wie er das alles erraten hatte, er, der nie etwas las, nie etwas lernte!
Ich verdanke ihm viel,“ gestand B. freimütig, „denn er hat mit seinen
Ratschlägen mir nicht wenig bei meiner Selbstvervollkommnung geholfen.
Was nun mich betrifft,“ fuhr B. fort, „so war ich über meine Zukunft
ganz ruhig. Auch ich liebte meine Kunst leidenschaftlich, obwohl ich von
Anfang an wußte, was aus mir werden konnte, eben, daß ich im Grunde doch
nur so etwas wie ein Handwerker in der Kunst bleiben würde.
Ich bin aber doch stolz darauf, daß ich das, was die Natur mir gegeben,
nicht wie ein fauler Knecht verscharrt, sondern hundertfältig vergrößert
habe. Und wenn man jetzt die Reinheit meines Spiels hervorhebt und meine
ausgearbeitete Technik bewundert, so verdanke ich das nur meiner
ununterbrochenen, unermüdlichen Arbeit, der vollen Erkenntnis, d. h. der
sachlichen Einschätzung meiner Kräfte, meiner freiwilligen
Selbstverleugnung und meinem ewigen Kampf gegen Eigendünkel, gegen
Zufriedenheit mit dem eigenen Können, gegen die Faulheit, der
natürlichen Folge dieser Zufriedenheit.“
B. hatte dann versucht, auch seinerseits auf den Gefährten einzuwirken,
nachdem er sich ihm anfangs ganz untergeordnet, aber sein gutgemeinter
Rat hatte den anderen nur geärgert. Die Folge davon war eine langsam
zunehmende Entfremdung. Bald bemerkte B., daß sein Genosse sich immer
häufiger einer gewissen Apathie hingab, verstimmt und gelangweilt war,
daß die Ausbrüche seiner Begeisterung immer seltener wurden, und sich
statt dessen eine trostlose Mutlosigkeit bemerkbar machte. Zu guter
Letzt schien Jefimoff auch seine Geige zu vergessen und rührte sie oft
wochenlang nicht an. Da war es denn nicht mehr weit bis zum endgültigen
Verkommen – und bald gab der Arme sich allen Lastern hin. Wovor ihn der
Gutsbesitzer gewarnt hatte, gerade das geschah: er ergab sich dem Trunk.
B. beobachtete ihn mit Entsetzen. Raterteilen und Zureden half nichts,
das wußte er, und übrigens getraute er sich kaum noch, dem anderen ein
Wort zu sagen. Allmählich verfiel Jefimoff in den größten Zynismus und
verlor offenbar jedes Ehrgefühl. So, zum Beispiel, schämte er sich nicht
im geringsten, auf B.s Kosten zu leben, und zwar tat er das in einer
Art, als habe er das volle Recht dazu. Dabei waren die Mittel knapp. B.
schlug sich noch irgendwie durch, erteilte Unterricht, spielte bei
Kaufleuten, Deutschen und geringeren Beamten, wenn diese ihre Kränzchen
und Tanzabende hatten, bekam dafür zwar nicht viel, aber immerhin genug,
nun, um sich eben durchzuschlagen. Jefimoff dagegen wollte, wie es
schien, die Notlage seines Freundes überhaupt nicht bemerken. Er nahm
nicht die geringste Rücksicht auf ihn, sprach mit ihm in strengem Tone
oder würdigte ihn mehrere Tage lang keines Wortes. Einmal äußerte B. mit
aller Rücksicht und Vorsicht zugleich, daß es nicht schlecht wäre, wenn
er sein Geigenspiel nicht gar zu sehr vernachlässigte, da er sonst ganz
aus der Übung kommen könnte. Darüber ärgerte sich Jefimoff sehr und
erklärte, er werde seine Geige hinfort überhaupt nicht mehr anrühren, –
ganz als erwartete er, daß jemand ihn kniefällig darum bitte. Ein
anderes Mal forderte B. ihn auf, mit ihm auf einem jener Bälle zu
spielen: es sei ein größeres Fest, eine Geige genüge nicht. Diese
Aufforderung versetzte Jefimoff in helle Wut. Empört erklärte er, er sei
kein Straßenfiedler und könne nicht so gemein sein wie B. und die edle
Kunst dermaßen erniedrigen, daß er simplen Spießbürgern, die von seinem
Spiel und Talent doch nichts begriffen, zum Tanze aufspielte. B.
erwiderte darauf kein Wort, Jefimoff aber begann in der Abwesenheit des
Genossen, der fortgegangen war, um zu spielen, über den Zwischenfall
nachzudenken und kam zu dem Schluß, B. habe ihm damit nur sagen wollen,
daß er, Jefimoff, auf seine Rechnung lebe, und mit dieser Andeutung habe
er ihm den Gedanken nahelegen wollen, gleichfalls Geld zu verdienen. Als
B. zurückkehrte, begann Jefimoff plötzlich, ihm wegen seiner gemeinen
Handlungsweise Vorwürfe zu machen, und schloß damit, daß er keine Minute
länger mit ihm unter einem Dach bleiben werde. Er verschwand auch
wirklich auf zwei Tage, am dritten aber erschien er wieder bei B., als
wäre nichts geschehen, und setzte ruhig seine alte Lebensweise bei ihm
fort.
Nur die frühere Freundschaft und die alte Gewohnheit, und überdies wohl
auch noch das Mitleid, das B. mit dem verlorenen Menschen empfand,
hielten ihn davon ab, dieser schmählichen Lebensweise ein Ende zu machen
und sich endgültig von seinem Stubengenossen loszusagen. Schließlich
trennten sie sich aber doch. B. hatte Glück: er gewann die Protektion
eines hohen Würdenträgers und bald darauf gab er sein erstes Konzert,
das glänzend ausfiel. Damals war er schon ein vorzüglicher Künstler und
bald verschaffte ihm seine schnell zunehmende Berühmtheit eine Stellung
im Orchester der Kaiserlichen Oper, wo er vollauf verdienten Erfolg
errang. Beim Abschied gab er Jefimoff noch Geld und beschwor ihn, doch
wieder auf den rechten Weg zurückzukehren. Auch jetzt kann B. nicht ohne
ein inniges Mitgefühl an ihn zurückdenken. Seine Bekanntschaft mit
Jefimoff ist eben eines der größten Erlebnisse seiner Jugend gewesen und
hat den tiefsten Eindruck in ihm hinterlassen. Gemeinsam hatten sie das
gleiche Ziel erreichen wollen, wie sollten sie sich da nicht einander
anschließen. Einerseits kam es, wie es nicht anders kommen konnte;
anderseits waren es vielleicht gerade die Seltsamkeiten und die
gröbsten, unangenehmsten Mängel Jefimoffs, die B. noch mehr an ihn
fesselten. B. begriff ihn vollkommen. Er durchschaute ihn völlig und
ahnte, wie das ganze enden mußte. Beim Abschied umarmten sie sich und
ihre Augen wurden feucht. Da sagte Jefimoff unter Tränen mit versagender
Stimme, daß er ein verlorener Mensch sei, er wisse es ja schon längst,
aber jetzt erst habe er die ganze Größe seines Elends erfaßt.
„Ich habe kein Talent!“ stieß er hervor, totenblaß.
B. war erschüttert.
„Höre, Jegor Petrowitsch,“ begann er, „was machst du aus dir? Du
richtest dich mit deiner Verzweiflung nur zugrunde, hab’ doch nur ein
bißchen Ausdauer und Mannhaftigkeit! Jetzt sagst du in einer Anwandlung
von Mutlosigkeit, du hättest kein Talent. Das ist aber doch nicht wahr!
Du hast Talent, ich versichere dich! Gerade _du_ hast es! Ich ersehe das
schon daraus, wie du Kunst fühlst und begreifst. Und ein Beweis dafür
ist auch schon dein ganzes früheres Leben. Du hast mir doch alles
erzählt, und auch damals schon hat dich unbewußt dieselbe Verzweiflung
ergriffen. Damals hat dein erster Lehrer, jener seltsame Mensch, von dem
du mir so oft gesprochen hast, deine Liebe zur Kunst geweckt und dein
Talent erraten. Du fühltest das damals ebenso stark und schwer, wie du
es auch jetzt wieder fühlst. Damals wußtest du selbst nicht, was in dir
vorging. Du hieltest es nicht aus bei deinem Gutsbesitzer und du
wolltest fort von ihm, du wolltest etwas anderes, – aber was eigentlich,
das wußtest du nicht. Dein Lehrer starb viel zu früh. Er ließ dich mit
einem unklaren Streben zurück und vor allen Dingen erklärte er dir nicht
dich selbst. Du fühltest, daß jener Weg nichts für dich war, du
brauchtest einen anderen, einen breiteren, du fühltest, daß dir anderes
zu erreichen bestimmt war, aber du begriffst nicht, wie dieses andere zu
erreichen sei, und in deiner Sehnsucht und Qual ward dir deine ganze
Umgebung zuwider und verhaßt. Deine sechs Jahre Armut und Elend hast du
nicht umsonst durchgemacht: du hast in der Zeit gelernt, du hast
gedacht, du hast dich selbst, hast deine Kraft erkannt. Jetzt kennst du
die Kunst und zugleich deine Bestimmung. Mein Freund, glaub’ mir, jetzt
tut dir nur noch Ausdauer und Mannhaftigkeit not. Dir steht Größeres
bevor, als mir: du bist hundertmal mehr Künstler, als ich, doch gäbe
Gott dir wenigstens ein Zehntel von meiner Ausdauer. Lerne und trink
nicht, wie dir dein prächtiger alter Gutsbesitzer bereits sagte, und die
Hauptsache – fange von neuem an, fang von Anfang an, fang mit dem
Alphabet an, wenn du willst. Was quält dich denn jetzt? Armut? Hunger?
Aber Armut und Hunger entwickeln doch den Künstler. Sie gehören zum
Anfang, sind sogar untrennbar mit ihm verbunden. Vorläufig kennt dich
noch niemand, und es will dich auch niemand kennen, so ist nun einmal
die Welt. Das wird anders werden, sobald man erfährt, daß du Talent
hast. Dann werden dich wieder Neid, kleinliche Gemeinheit, vor allem
aber Dummheit viel mehr bedrücken, als Armut es je vermag. Ein Talent
bedarf der Teilnahme, es will verstanden sein. Du aber wirst dann erst
sehen, wie die Leute sind, die dich umgeben, sobald du nur annähernd
etwas erreicht hast. Was sich in dir durch mühevolle Arbeit,
Entbehrungen, Hunger und schlaflose Nächte herausgearbeitet hat, das
werden sie geringschätzen, verachten oder überhaupt nicht beachten. Sie
werden dich nicht ermutigen, dich nicht trösten, diese deine zukünftigen
Freunde. Sie werden dir auch nicht sagen, was in dir gut und echt ist,
wohl aber werden sie mit boshafter Freude deine Fehler hervorheben,
werden gerade darauf hinweisen, was an dir schlecht ist, und darauf,
worin du irrst, und unter dem äußeren Anschein der Kaltblütigkeit und
der Gleichgültigkeit oder gar Verachtung deiner Person werden sie über
jeden deiner Fehler frohlocken, als hätten sie ein Fest zu feiern – und
Fehler hat doch wohl ein jeder! Du aber bist hochmütig, bist oft am
unrechten Platz stolz, du könntest leicht einen dünkelhaften Wicht
kränken, und dann wehe dir! Du bist allein und ein einziger, sie aber
sind viele – sie werden dich mit Stecknadeln zu Tode quälen. Sogar ich
fange schon an, das kennen zu lernen. So nimm dich doch jetzt endlich
zusammen! Du bist noch längst nicht so arm, daß du nicht leben könntest,
nur mißachte die Arbeit nicht, säge Holz, wie ich Holz gesägt habe bei
den Bürgern und Beamten, wenn sie tanzten. Aber du bist ungeduldig, du
bist krank vor Ungeduld, es ist zu wenig Einfachheit in dir, du
verstellst dich zu viel, du denkst zu viel, du gibst deinem Kopf zu viel
Arbeit. In Worten bist du dreist, sobald du aber den Violinbogen in die
Hand nehmen mußt, wirst du mutlos. Du bist eigenliebig und es steckt in
dir wenig Tapferkeit. So sei doch mutiger, warte ab, lerne, und wenn du
auch deinen Kräften nicht traust, so arbeite nur. Es steckt Glut in dir,
du hast etwas Elementares! Vielleicht erreichst du dein Ziel, oder wenn
nicht, so laß es doch immerhin auf das Vielleicht ankommen. Verlieren
kannst du dabei auf keinen Fall etwas, um so größer aber ist der
mögliche Gewinn. Hier, Freund, ist euer russisches ‚Vielleicht‘ eine
große Sache!“
Jefimoff hörte seinen einstigen Genossen mit tief aufgewühlten Gefühlen
an. Während jener noch sprach, trat allmählich wieder Farbe in seine
bleichen Wangen, seine Augen leuchteten auf und Mut und Hoffnung
erglänzte in ihnen. Aber der gute Mut wurde schnell zum Selbstgefühl und
dann zu der bei ihm üblichen Anmaßung: als B. sich dem Schluß seiner
Standrede näherte, da hörte Jefimoff nur noch zerstreut und schon
ungeduldig zu. Trotzdem drückte er ihm zum Schluß kräftig die Hand,
dankte und – schnell wie immer in seinen Übergängen von tiefster
Mutlosigkeit und Selbstverurteilung zum größten Hochmut, wenn nicht gar
zur frechsten Vermessenheit – erklärte er selbstbewußt, der Freund möge
sich nicht um ihn sorgen, er wisse, wie er seine Zukunft zu gestalten
habe. Er hoffe, bald gleichfalls Protektion zu finden, dann werde er ein
Konzert geben und mit einem Schlage Ruhm und Geld erwerben. – B. zuckte
mit den Achseln, erwiderte nichts darauf und sie schieden voneinander,
natürlich nicht auf lange. Jefimoff verjubelte sogleich das empfangene
Geld und suchte ihn dann auf, um ihn wieder um Geld anzugehen. Dasselbe
tat er zum dritten-, vierten- und bald zum zehntenmal, bis endlich die
Geduld B.s erschöpft war und er ihm sagen ließ, er sei nicht zu Hause.
Von da an verlor er ihn ganz aus den Augen ...
Es vergingen ein paar Jahre. Da stieß B. eines Tages auf dem Heimwege
aus der Probe in einer Gasse vor einer schmutzigen Trinkstube mit einem
schlecht gekleideten, betrunkenen Menschen zusammen, der ihn plötzlich
beim Namen nannte. Es war Jefimoff. Er hatte sich sehr verändert, sein
Gesicht war gelb und aufgedunsen. Man sah es ihm auf den ersten Blick
an, daß das liederliche Leben bereits seinen Zügen einen unverwischbaren
Stempel aufgedrückt hatte. B. war trotzdem sehr erfreut, ihn
wiederzusehen, und folgte ihm in die Trinkstube, wohin Jefimoff ihn
schon nach den ersten zwei Worten zog. Dort, in einer abgelegenen
kleinen verräucherten Stube, musterte er etwas eingehender seinen
ehemaligen Stubengenossen. Da erst sah er, daß jener ganz zerlumpt war
und daß seine Stiefel zerrissen waren. Die zerknüllte Hemdbrust hatte
Weinflecke. Sein Haar fing schon an zu ergrauen und sich zu lichten.
„Wie geht es dir jetzt? Wo lebst du?“ fragte B.
Jefimoff schaute etwas betreten darein, im ersten Augenblick sogar
beinahe eingeschüchtert, und antwortete so unzusammenhängend und
stockend, daß B. nahe daran war, ihn für halbwegs verrückt zu halten.
Endlich gestand Jefimoff, er könne nicht sprechen, bevor er nicht einen
Schnaps getrunken, hier aber habe er schon lange keinen Kredit mehr. Er
errötete, als er das sagte, wollte sich aber mit einem gewissen flotten
Gehaben darüber hinweghelfen, was ihm jedoch mißlang: es wurde daraus
etwas aufdringlich Gemeines, Unnatürliches, so daß der ganze Eindruck
ein recht trauriger war und in dem gutmütigen B. aufrichtiges Mitleid
erweckte. Er sah, daß alle seine Befürchtungen eingetroffen waren. Er
bestellte also Schnaps. Jefimoffs Gesicht veränderte sich vor
Dankbarkeit und er geriet so aus dem Gleichgewicht, daß er mit Tränen in
den Augen fast im Begriffe war, B. die Hand zu küssen. Während des
Essens erfuhr dann B. zu seiner größten Verwunderung, daß der
Unglückliche inzwischen geheiratet hatte. Aber seine Verwunderung nahm
noch zu, als er gleich darauf hören mußte, daß die Frau an seinem ganzen
Unglück und Elend schuld sei, daß die Heirat sein ganzes Können
vernichtet habe.
„Aber wie denn das?“ fragte B.
„Ja, Freund, seit zwei Jahren nehme ich meine Geige nicht mehr in die
Hand,“ antwortete Jefimoff. „Sie ist eben ein ungebildetes, rohes Weib,
eine richtige Köchin. Daß sie der ...! Na ja. Wir liegen uns nur in den
Haaren, das ist alles, was wir tun.“
„Aber warum hast du sie denn geheiratet, wenn sie so ist?“
„Hatte nichts zu essen. Da machte ich ihre Bekanntschaft. Sie besaß etwa
tausend Rubel ... da heiratete ich sie denn. Sie aber hatte sich in mich
verliebt. Hat sich selbst mir an den Hals gehängt. Wer hatte sie drum
gebeten! Das Geld ist verlebt, vertrunken, Freund, und – was Kunst! Es
ist alles zum Teufel gegangen!“
B. hatte die Empfindung, als wolle Jefimoff sich gewissermaßen
rechtfertigen, und zwar schien er sich damit sehr zu beeilen, wie um
einer Bemerkung oder einer Frage zuvorzukommen.
„Habe alles an den Nagel gehängt, alles,“ fuhr er fort und erzählte
dann, daß er es in der letzten Zeit im Spiel fast bis zur Vollendung
gebracht habe, so daß ... nun ja, B. sei zwar einer der ersten
Violinspieler in Petersburg, aber ihm, Jefimoff, könne er doch nicht
einmal das Wasser reichen, wenn er, Jefimoff, mal spielen wollte.
„Ja, aber wie steht es denn jetzt mit dir?“ fragte B., dem der ganze
Sachverhalt noch unklar war. „Warum suchst du dir dann nicht einen
Verdienst?“
„Äh! – lohnt nicht!“ bemerkte Jefimoff mit wegwerfender Gebärde. „Wer
versteht denn bei euch etwas von wirklicher Kunst! Was wißt ihr
überhaupt? Nicht so viel, gar nichts wißt ihr! Irgend so einen
Hopserwalzer den Ballettspringern vorzufiedeln – das könnt ihr
allenfalls noch. Aber das ist auch alles. Wirkliche Künstler habt ihr ja
überhaupt noch nicht gesehn, noch viel weniger gehört. Wozu euch
aufrütteln! Bleibt, was ihr seid!“
Hierbei machte Jefimoff wieder eine geringschätzige Bewegung – geriet
aber ins Wanken, da er schon ziemlich viel getrunken hatte. Dann
forderte er B. auf, zu ihm zu kommen. Dieser lehnte das vorläufig ab,
fragte ihn aber nach seiner Adresse und versprach, ihn am nächsten Tage
aufzusuchen. Jefimoff, der nun schon genug gegessen und getrunken hatte,
blickte spöttisch seinen früheren Genossen an und schien die größte Lust
zu verspüren, ihn irgendwie zu verletzen. Als sie aufbrachen, griff er
schnell nach B.s kostbarem Pelz und hielt ihn, wie ein Geringerer einem
Höherstehenden, dem er beim Anziehen behilflich sein will. Und als sie
durch das vordere Zimmer, die eigentliche Schenkstube, gingen, blieb er
stehen und stellte B. den Wirtsleuten und dem Publikum als den ersten
und einzigen Violinvirtuosen der ganzen Hauptstadt vor. Kurz, er benahm
sich schmutzig.
Nichtsdestoweniger suchte B. ihn am anderen Morgen in der Dachkammer
auf, wo wir in größter Armut lebten. Ich war damals vier Jahre alt und
meine Mutter war schon seit zwei Jahren mit Jefimoff verheiratet. Meine
arme Mutter! Als völlig unbemittelte Gouvernante hatte sie, die eine
vortreffliche Bildung besaß und schön war, einen älteren Bekannten
geheiratet, meinen Vater, um aus der Armut herauszukommen. Aber die Ehe
dauerte kaum drei Jahre. Mein Vater starb ganz plötzlich. Und als sein
geringer Nachlaß unter seinen Erben verteilt wurde, blieb meine Mutter
mit mir und einer nur kleinen Summe zurück, die von der
Hinterlassenschaft ihres Mannes ihr zufiel. Wieder eine
Gouvernantenstelle anzunehmen, wäre kaum möglich gewesen, jetzt, wo sie
ein kleines Kind hatte. In dieser Zeit machte sie durch einen Zufall die
Bekanntschaft Jefimoffs und verliebte sich tatsächlich in ihn. Auch sie
war eine Enthusiastin, eine phantastische Träumerin. Auch sie sah in ihm
ein großes Genie und glaubte seinen stolzen Worten, wenn er von seiner
glänzenden Zukunft sprach. Ihrer Phantasie schmeichelte die Vorstellung
von dem beneidenswerten Los, die Stütze und Gefährtin eines genialen
Künstlers zu sein, und so heiratete sie ihn. Schon im ersten Monat
schwanden alle ihre Hoffnungen und Träume: vor ihr blieb nichts, als die
armselige Wirklichkeit. Jefimoff, der sie vielleicht nur aus dem Grunde
geheiratet hatte, weil sie etwa tausend Rubel besaß, legte, als das Geld
zu Ende war, sogleich die Hände in den Schoß und erklärte allen und
jedem – es war geradezu, als hätte er sich über den Vorwand gefreut –,
daß die Heirat sein Talent vernichtet habe, daß er in einer dumpfen
Stube nicht arbeiten könne, unter den Augen einer hungrigen Familie ...
da könne der Verstand weder Noten noch Melodien fassen, und schließlich:
dieses Unglück sei ihm eben offenbar von Anfang an bestimmt gewesen. Wie
es scheint, hat er bald selbst an die Richtigkeit seiner Klagen geglaubt
und sich vermutlich über diese neue Rechtfertigungsmöglichkeit wirklich
gefreut. Dieser unselige, trotz aller Begabung verlorene Mensch hatte
wohl schon lange nach einem äußeren Vorwand gesucht, dem er alles
Unglück und alle Mißerfolge zuschreiben konnte. An den furchtbaren
Gedanken, daß er für die Kunst schon längst und unrettbar verloren war,
an den konnte er sich natürlich nicht gewöhnen. Er kämpfte krampfhaft
gegen diese unheimliche Erkenntnis an, kämpfte wie mit einem Alb, der
auf ihm lastete, und als die Wirklichkeit ihn endlich zu besiegen begann
und seine Augen für Sekunden öffnete, da war es ihm, als müßte er vor
Entsetzen den Verstand verlieren. Wie sollte er auch auf das verzichten,
was so lange Ziel und Zweck seines Lebens gewesen war, und so glaubte er
bis zur letzten Minute, oder redete es sich wenigstens ein, daß noch
nichts verloren sei. Kamen aber Stunden des Zweifels, dann gab er sich
wieder dem Trunk hin, um vom Rausch die Qual verdrängen zu lassen. Zu
guter Letzt wußte er vielleicht selbst nicht, wie unentbehrlich ihm die
Frau in dieser Zeit war. Sie war ja für ihn eine lebendige
Rechtfertigung, wie es denn fast zu seiner fixen Idee wurde, daß erst
dann alles wieder gut werden würde, wenn er seine Frau, _die an allem
Schuldige_, begraben habe. Meine arme Mutter verstand ihn aber nicht.
Als geborene Träumerin ertrug sie nicht einmal den ersten Schritt in der
feindlichen Wirklichkeit. Sie wurde heftig, böse, zänkisch, geriet jeden
Augenblick in Streit mit dem Mann, dem es geradezu ein Vergnügen zu sein
schien, sie zu quälen, und immer wieder sagte sie ihm, er solle doch
arbeiten, sonst verlerne er ja alles. Aber die Verblendung und die fixe
Idee meines Stiefvaters, überhaupt seine ganze Überspanntheit machten
ihn gefühllos und fast unmenschlich grausam gegen sie. Er lachte nur und
schwor, die Geige vor ihrem Tode nicht wieder in die Hand zu nehmen,
ohne sich über seine grausame Rücksichtslosigkeit auch nur Gedanken zu
machen, wenn er ihr dies ganz unumwunden ins Gesicht sagte. Meine
Mutter, die ihn trotz allem bis zu ihrem Tode leidenschaftlich liebte,
war einem solchen Leben nicht gewachsen. Sie wurde kränklich und zuletzt
wirklich krank, und da sie sich nie erholen konnte, lebte sie, leidend
wie sie war, nur unter ewigen Qualen. Und überdies mußte sie ganz allein
für den Unterhalt der Familie sorgen. Sie begann zu kochen und richtete
einen Mittagstisch für Fremde ein, aber ihr Mann entwand ihr heimlich
alles Geld, und da kam es denn nicht selten vor, daß sie diejenigen, die
das Essen abholen wollten, mit leerem Geschirr zurückschicken mußte. Als
B. uns aufsuchte, hatte sie das Kochen schon aufgegeben; sie
beschäftigte sich damals mit dem Färben alter Kleider und wusch außerdem
Wäsche. So fristeten wir unser Leben dort oben in der Dachstube.
Unsere Armut überraschte B.
„Hör’ mal, was redest du denn da von deiner vernichteten Kunst?“ wandte
er sich an meinen Stiefvater. „Sie ernährt dich doch, und was tust du?“
„Nichts!“ versetzte mein Stiefvater.
Doch B. kannte noch nicht das ganze Unglück meiner Mutter. Ihr Mann
brachte oft, wenn er nach Hause kam, eine ganze Bande der
verschiedensten Kumpane mit und dann – was gab es dann nicht alles!
B. redete lange Zeit auf seinen früheren Genossen ein. Er sagte ihm
auch, daß er ihm in keiner Beziehung helfen werde, wenn er sich nicht
besserte, auch Geld werde er ihm nicht geben, da er es doch nur
vertrinke. Zum Schluß bat er ihn, ihm etwas vorzuspielen, damit er
beurteilen könne, was sich für ihn tun ließ. Während mein Stiefvater die
Geige hervorholte, wollte B. meiner Mutter heimlich Geld zustecken, aber
sie nahm es nicht. Zum erstenmal sollte sie Almosen annehmen! Da gab B.
das Geld mir, und die arme Frau brach in Tränen aus. Mein Stiefvater
nahm die Geige aus dem Kasten, besah sie, sagte aber dann, daß er zuerst
Schnaps trinken müsse, ohne den könne er nicht spielen. Der Schnaps
wurde geholt. Er trank und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Ich werde dir aus alter Freundschaft etwas von meinen eigenen
Kompositionen vorspielen,“ sagte er B. und zog unter der Kommode ein
dickes, verstaubtes Heft hervor.
„Alles dies habe ich selbst geschrieben,“ sagte er, auf das Heft
deutend. „Nun, du wirst ja sehen ... Das, Freund, ist etwas anderes als
eure Ballettstückchen!“
B. blätterte schweigend ein paar Seiten um; dann schlug er die Noten
auf, die er bei sich hatte, und bat ihn, daraus etwas vorzuspielen.
Es kränkte Jefimoff, daß seine Kompositionen so zur Seite geschoben
wurden, aber er kam doch der Aufforderung nach, wohl in der Furcht, B.s
Gunst und Anteilnahme zu verlieren.
Er spielte. B. erkannte, daß er in der Zeit nach ihrer Trennung viel
zugelernt, also auch viel gearbeitet haben mußte, obgleich er damit
geprahlt, daß er die Geige seit seiner Heirat nicht mehr angerührt habe.
Da hätte man die Freude meiner armen Mutter sehen sollen! Sie sah ihren
Mann an und war wieder stolz auf ihn. Der gute B. war aufrichtig erfreut
und wollte unbedingt meinem Stiefvater helfen. Er hatte schon damals
gute Beziehungen und so tat er denn auch alles mögliche für seinen armen
Studiengenossen, nachdem er von diesem das ehrenwörtliche Versprechen
gefordert und erhalten hatte, daß er sich gut aufführen werde. Zunächst
kleidete er ihn besser ein, natürlich auf seine Rechnung, dann ging er
mit ihm zu ein paar bekannten Persönlichkeiten, von denen es abhing, ob
Jefimoff in dem Orchester ankam, wo B. ihn unterbringen wollte. Was nun
die Annahme einer Stellung betraf, so hatte Jefimoff natürlich nur
großgetan, wie gewöhnlich, wenn es sich bloß um Worte handelte.
Wenigstens nahm er das Anerbieten seines alten Freundes mit der größten
Bereitwilligkeit an. B. erzählte mir, er habe sich für ihn geschämt
wegen der Schmeicheleien und der geheuchelten Bewunderung, mit denen
mein Stiefvater seine Dankbarkeit habe bezeugen wollen, wahrscheinlich
in der Absicht, sich dadurch B.s Wohlwollen zu sichern. Er begriff
endlich, daß man ihn auf den rechten Weg stellen wollte und er hörte
sogar auf, zu trinken. Schließlich erhielt er auch wirklich eine
Anstellung im Orchester eines Theaters. Die Prüfung bestand er gut, denn
in einem Monat hatte er sich durch Fleiß und guten Willen alles wieder
angeeignet, was er in anderthalb Jahren des Nichtstuns verlernt hatte.
Er versprach, auch hinfort gut zu üben, seinen neuen Pflichten getreu
nachzukommen und pünktlich und nüchtern zu sein. Unsere Verhältnisse
besserten sich jedoch deshalb noch keineswegs. Mein Stiefvater gab
nämlich von seinem Monatsgehalt meiner Mutter nicht einen Kopeken, er
verlebte alles allein, vertrank und verjubelte das Geld mit seinen neuen
Freunden, von denen er sich sogleich eine ganze Schar anlegte. Es waren
das größtenteils am Theater Angestellte, Choristen, Statisten, mit einem
Wort Leute, unter denen er der Erste sein konnte, während er alle
Talentvolleren geflissentlich mied. Diesen dagegen konnte er imponieren
und eine ganz besondere Achtung einflößen, was ihm schon gleich zu
Anfang gelungen war, indem er ihnen sofort erklärt und sie durch seine
Überzeugung gleichfalls überzeugt hatte, daß er eine verkannte Größe,
ein Genie sei, daß seine Frau ihn zugrunde gerichtet und daß ihr
Kapellmeister von der ganzen Musik keine Ahnung habe. Er machte sich
über alle Solisten des Orchesters lustig, ebenso über die Wahl der
Stücke, die gespielt wurden, wie auch über die Komponisten der Opern.
Schließlich fing er an, eine ganz neue Theorie der Musik zu erklären.
Kurz, er wurde dem ganzen Orchester lästig, geriet mit allen in Streit,
nicht zuletzt auch mit dem Kapellmeister, wurde seinen Vorgesetzten
gegenüber grob, erwarb sich den Ruf, der unruhigste, verdrehteste und
zugleich der nichtsnutzigste Mensch zu sein, und brachte es so weit, daß
er allen unerträglich wurde.
Und in der Tat, es war doch recht seltsam anzusehen, daß ein so
unansehnlicher Mensch, ein so schlechter und fahrlässiger Musiker so
riesige Ansprüche stellte und in einem so selbstbewußten Ton prahlte.
Es endete damit, daß er sich mit B. verfeindete: er erfand eine häßliche
Klatschgeschichte, eine ganz niederträchtige Verleumdung seines
Wohltäters und gab sie als selbsterlebte Wirklichkeit zum besten. Nach
einem halben Jahr wurde er aus diesem Orchester wegen Nachlässigkeit und
unzulässiger Aufführung in nicht nüchternem Zustande ausgeschlossen.
Doch damit hatte man ihn noch nicht abgeschüttelt. Bald sah man ihn
wieder in zerlumpten Kleidern, denn die guten waren verkauft oder
versetzt, und in diesen Kleidern suchte er seine gewesenen Kollegen vom
Orchester auf, ohne darauf zu achten, ob diese davon erbaut waren oder
nicht, erzählte Klatschgeschichten, schwätzte Unsinn, klagte über sein
Leben und forderte alle auf, zu ihm zu kommen, um seinen Hausdrachen zu
sehen. Natürlich fanden sich Zuhörer, es fanden sich auch solche, denen
es Spaß machte, dem an die Luft gesetzten Kollegen mittels Alkohol die
Zunge zu lösen und sich durch sein Geschwätz erheitern zu lassen.
Übrigens sprach er dann immer mit Geist und Witz, untermischte seine
Reden mit beißendem Spott und diversen Zynismen, die namentlich bei
gewissen Zuhörern stets des Beifalls sicher sind. Man nahm ihn für einen
etwas verschrobenen Narren, den plaudern zu hören in müßigen Stunden
ganz amüsant war. Auch zogen die Kollegen ihn gern auf, indem sie in
seiner Gegenwart von einem neuen großen Violinvirtuosen zu sprechen
anfingen, der sich angeblich auf einer Konzertreise in Rußland befinden
sollte und auch nach Petersburg kommen werde. Sobald er das hörte,
veränderte sich sein Gesicht, er wurde kleinlauter, erkundigte sich, wie
der Künstler hieß, wo er konzertierte, wie groß denn sein Talent sei,
und war offenbar eifersüchtig auf den Ruhm der ihm unbekannten Größe. Es
scheint, daß erst in dieser Zeit sein systematischer Wahnsinn, sein
Größenwahnsinn begann, diese fixe Idee, daß er der erste Geigenvirtuose,
mindestens in Petersburg sei, daß aber das Schicksal ihn verfolge und er
dank verschiedenen Intrigen natürlich nicht verstanden werde und deshalb
in seiner Unbekanntheit verbleibe. Letzteres schmeichelte ihm sogar,
denn es gibt solche Charaktere, die sich mit Vorliebe für verfolgt und
unverstanden halten und sich laut darüber beschweren, oder im stillen
zur Sättigung ihres Ehrgeizes wenigstens selber ihre nicht anerkannte
Größe anbeten. Jefimoff kannte alle Petersburger Violinvirtuosen und
konnte sie an den Fingern herzählen, doch war von ihnen allen, nach
seiner Ansicht, kein einziger ihm gewachsen. Seine Kollegen aber und
andere Sachverständige, auch manche Laien, die seinen Größenwahn
kannten, brachten das Gespräch gerade deshalb auf die angebliche neue
Größe, um ihn zu veranlassen, den vermeintlichen Rivalen im voraus zu
kritisieren. Ihnen gefiel sein Grimm, seine boshaften Einfälle, es
gefielen vor allen Dingen die sachlichen, klugen Bemerkungen, die er
machte, wenn er das Spiel der anderen kritisierte. Oft verstanden sie
ihn nicht, doch dafür waren sie überzeugt, daß kein zweiter auf der Welt
so geschickt und in so packenden Karikaturen die Größen unter den
zeitgenössischen Musikern darzustellen und herunterzureißen wußte. Und
sogar diese Künstler, über die er so schonungslos spottete, fürchteten
ihn ein wenig, denn sie kannten nicht nur seinen beißenden Witz, sondern
erkannten auch die Richtigkeit seiner Angriffe und Urteile. Man hatte
sich gewissermaßen schon daran gewöhnt, ihn in den Korridoren und hinter
den Kulissen des Theaters zu sehen. Die Bedienten gewährten ihm
widerspruchslos den Zutritt, wie einer unentbehrlichen Person. So wurde
er im Theater zu einer Figur, etwa von der Art eines musikalischen
Thersites. Das dauerte etwa zwei bis drei Jahre. Endlich aber fiel er
allen auch in dieser seiner letzten Rolle lästig. Man setzte ihn formell
vor die Tür und in den zwei letzten Jahren seines Lebens war mein
Stiefvater für diese Leute wie verschollen, keiner von ihnen sah ihn je
wieder. Übrigens – B. ist ihm doch noch zweimal begegnet, und zwar sah
er ihn in einer so elenden Verfassung, daß noch einmal das Mitleid
seinen Ekel besiegte. Er rief ihn an, aber das kränkte Jefimoff und er
tat, als hätte er nichts gehört, zog seinen alten verbeulten Filz noch
mehr über die Augen und ging vorüber. Es verging einige Zeit, da wurde
B. am Morgen eines großen Festtages gemeldet, daß sein ehemaliger
Kollege Jefimoff ihm zum Fest zu gratulieren wünsche. B. ging ihm
entgegen. Jefimoff stand berauscht im Vorzimmer, verbeugte sich äußerst
tief, fast bis zur Erde, seine Lippen murmelten etwas Unverständliches,
doch weigerte er sich hartnäckig, näherzutreten. Der Sinn seines
Besuches war ungefähr der: „Wie können wir unbegabten Leute mit so
großen und vornehmen Berühmtheiten wie Euer Wohlgeboren Umgang pflegen?
Für uns Geringe genügt auch ein Dienerplatz, wenn wir zum Fest
gratulieren kommen: wir machen unseren Bückling und gehen wieder.“ Mit
einem Wort, er war schmutzig, dumm und widerlich gemein. Seit jenem
Morgen sah ihn B. lange Zeit nicht mehr, bis – bis zu der Katastrophe,
mit der dieses ganze traurige, erstickend trostlose, kranke Leben
endete. Es geschah das auf eine furchtbare Weise. Diese Katastrophe ist
nicht nur das erschütterndste Erlebnis meiner Kindheit, sie ist sogar
für mein ganzes Leben entscheidend gewesen. Doch zuvor muß ich noch
erzählen, wie meine Kindheit war, und erklären, welche Bedeutung dieser
Mensch für mich hatte, dieser Mensch, der einen so qualvollen Eindruck
auf mein Kindergemüt machte und der die Ursache des Todes meiner armen
Mutter gewesen.