Was? du klagst über die Behandlung in meinem Hause, rief Osmin höchst

aufgebracht, elender Sklave! Ist das der Lohn für meine Verwendung bei

Hassan, der mir mit dir nur ein Geschenk machte, über welches ich nach

Willkühr verfügen kann?

Dann habt ihr mir unter den Palmen, entgegnete Karl, die Unwahrheit gesagt

und mir wäre besser, ich befände mich noch als Gärtner-Junge in Hassan's

Gärten! Ich weiß aber, daß Ihr gegen Hassan's Worte handelt und ich werde

mich selbst an Hassan wenden und Euch anklagen!

Elender, undankbarer Sklave! rief Osmin in Wuth, ich will Dir den Weg zu

Hassan schon abschneiden!

Und Osmin gab Befehl, daß Karl zwölf Peitschenhiebe auf die Fußsohlen

erhielt. Nebstdem erhielten zwei Sklaven des Hauses den Auftrag, Ilev nicht

aus den Augen zu lassen, und es wurde ihnen mit dem Tode gedroht, falls sie

ihr Amt vernachläßigen sollten und es sich begeben würde, daß Ilev sich aus

dem Hause entferne.

Auf diese Weise befand sich Karl wieder in der elendesten Lage.

Er weinte oft des Nachts auf seinem harten Lager und wünschte sich in

Hassan's Gärten zurück.

Seine Zuflucht war wieder das Gebet, in welchem er sich an Gott den

allgütigen Vater der Menschen wandte; dann nahm er auch das Kreuz, welches

er von Ossira erhalten hatte, preßte es an seine Brust und betete für sich

und für Ossira.

Ach wüßte sie, sagte er, in welcher Noth ich mich befinde, sie würde mir

gewiß helfen. Aber wie soll ich zu ihr, wie soll ich zu Hassan gelangen?

Indessen ertrug er mit Stillschweigen und mit vieler Ergebung sein hartes

Geschick, immer die Gelegenheit abwartend, die es ihm möglich mache, Hassan

seine Noth zu klagen.

Diese Gelegenheit ergab sich endlich.

Osmin mußte in Handelsgeschäften verreisen, einer der Sklaven, welchem die

strenge Aufsicht über Karl anbefohlen war, erkrankte und konnte sein Lager

nicht verlassen und der andere war immer so beschäftigt, daß er nicht in

dem Maße der Aufsicht sich unterziehen konnte, wie ihm vorgeschrieben war.

Da machte sich Karl eines Morgens aus dem Hause und da ihm alle Eingänge

in Hassan's Gärten bekannt waren, eilte er dahin in der Absicht, den alten

Sklaven aufzusuchen, dem er früher beigegeben war, ihm seine Noth zu klagen

und ihn um Rath zu befragen, wie er es anzustellen habe, um vor Hassan zu

kommen.

Er war auch so glücklich, den alten Sklaven gleich aufzufinden, der ob

Ilev's üblem Aussehen sehr in Verwunderung gerieth. Karl klagte ihm nun

seine Noth und bat ihn um Rath.

Wer hätte das von Osmin gedacht! rief der alte Sklave, aber ich kenne

diesen Osmin schon, der gieriger nach Geld ist, als der Rabe nach Aas.

Bleibe, lieber Ilev, fuhr er fort, nur bei mir bis Mittag, da kommet Hassan

hier vorüber, du wirfst dich vor ihm nieder und erzählst ihm die grausame

Behandlung, die dir dieser Osmin angedeihen läßt. Hassan wird sich deiner

erbarmen, denn sein Herz ist edel und so wirst du besseren Tagen entgegen

gehen.

Trinke indessen hier aus meinem Kruge und iß von meinem Brode, denn es

scheint, auch Speis und Trank werde dir in Osmin's Hause nicht im Uebermaße

gereicht.

Karl folgte der wohlwollenden Einladung des alten Sklaven und erquickte

sich erst, dann aber zog ihn sein Herz hin nach der Einsiedelei, welche er

aufsuchte, um dort die Zeit bis Mittag zu verbringen.

Aber wie überrascht war er, als er vor der ihm so wohlbekannten Trauerweide

stand, wie war Alles so anders geworden, wie lieblich war der Platz

eingerichtet! Hier blüthen Rosen und Jasmin, wo früher wildes Gesträuch

stand und das in der Trauerweide eingeschnittene Kreuz, wie hatte sich das

verändert! Vor demselben war ein kleiner Altar errichtet und vor dem Altare

befand sich ein Schemel von frischem Rasen, zur Rechten und Linken mit den

schönsten Blumen geziert.

Das Kreuz war mit Gold und Silber eingefaßt, und in der Mitte hing der

sterbende Heiland mit der Dornenkrone, gleichfalls von Silber und mit

Edelsteinen besetzt. Der Wipfel der Trauerweide bildete ein Dach, welches

dem Kreuze mit dem Altare und Schemel zum Schutze gegen üble Witterung

diente.

Hier, rief Karl aus, hat Ossira mit frommem Herzen Alles so geschaffen,

hier ist Ossira's Betort, nur Ossira ist die Schöpferin dieses stillen

Betortes.

Und er warf sich nieder auf den Schemel vor dem Altare, faltete recht fromm

die Hände, und schickte innbrünstige Gebete zu Gott.

Und siehe, als er aufstand -- stand Ossira vor ihm.

Seh ich recht, sprach Ossira, Ilev du hier?

Guter Gott! rief Karl aus, fiel zu Ossira's Füßen nieder und küßte

wieder den Saum ihres Gewandes, guter Gott! du schickst mir wieder deinen

rettenden Engel! Ach, hohe Gebieterin, ich bin Ilev, der unglückliche Ilev,

welchem Ihr Freiheit und Rückkehr in die Heimath verkündigt habt, der aber

von Osmin dem Kaufmann zurückgehalten und grausam behandelt wird.

Wie? fragte Ossira, so hätte dich Osmin noch gar nicht zu deinem Vater

gesandt?

Hohe Gebieterin, sagte Karl, Osmin schloß mich bis jetzt in seinem Hause

ein, ließ mich streng bewachen, und ich erfuhr eine Behandlung, wie man sie

kaum einem Sklaven angedeihen läßt.

Und hast du denn nie Gelegenheit gehabt, fragte Ossira weiter, mich oder

Hassan von deiner kummervollen Lage in Kenntniß zu setzen?

Ich war der strengsten Aufsicht unterworfen, erwiederte Karl und nur jetzt

erst, da Osmin in Handelsgeschäften sich entfernt hat, bot sich mir die

Gelegenheit, in diese Gärten zu kommen, ach, und kaum war ich wieder in

diesen prächtigen Gefilden, so zog es mich mit Gewalt hieher an diesen Ort,

den ich so herrlich umgewandelt fand.

Osmin, sagte Ossira, hat schlimm an dir gehandelt, und sich schwer wider

Hassan vergangen, dem ich Alles, was du mir jetzt mitgetheilt hast,

hinterbringen und dabei Osmin schwer anklagen werde, damit man ihn streng

zur Strafe ziehe.

Erlaubet mir, hohe Gebieterin, sprach Karl, daß ich mich in diesen Gärten

aufhalten darf, denn ich befürchte, kehre ich in Osmin's Haus zurück, nur

grausam mißhandelt zu werden.

Gehe hin zu jenem Sklaven, sagte Ossira, welcher eben die beiden Körbe voll

Blumen in Hassan's Gemächer trägt, sage ihm, ich hätte befohlen, er

solle dich so lange in seinen Schutz nehmen, bis man dich von ihm zurück

verlange. Ich aber will mich bei Hassan für dich verwenden.

Ossira verschwand wieder und Karl ging auf den Sklaven zu und hinterbrachte

ihm Ossira's Befehle.

Zwölftes Kapitel.

Osmin vor Hassan.

Osmin war von seiner Reise heimgekehrt; glücklich sah er die Geschäfte

vollendet, die ihm reichen Gewinn eintrugen; deshalb war er heiter und

guter Dinge und dachte an nichts weniger als an seinen Sklaven Ilev.

Da kam an ihn eine Einladung von Hassan und eilig machte sich Osmin auf den

Weg zu Hassan, neuen Gewinn hoffend.

Hassan empfing ihn äußerst freundlich und machte wichtige

Waaren-Bestellungen bei dem Kaufmann, der im Stillen die großen Vortheile

berechnend, allen Wünschen Hassan's nachzukomnen suchte.

Doch, Osmin, sagte jetzt Hassan, ich beschwere dich wieder mit neuen

Bestellungen und kann mich doch nicht erinnern, ältere Schulden getilgt zu

haben, die nicht unbeträchtlich seyn dürften. Du hast meinen Sklaven Ilev,

dem ich, da mein Sohn Selim mit Tod abgegangen war, die Freiheit schenkte,

ausgestattet und dafür gesorgt, daß er zurück in seine Heimath gebracht

wurde, gib nun an, was ich hierfür schulde!

Edler Hassan, sprach Osmin, sich im Herzen freuend, so unerwartet wieder

treffliche Geschäfte zu machen, es ist nur eine Kleinigkeit, mit welcher

ich dir seither nicht beschwerlich fallen wollte.

Kleinigkeit? wiederholte Hassan, solltest du etwa vergessen haben, daß ich

dir auftrug, den Sklaven so auszustatten, daß sich Hassan der Ausstattung

nicht zu schämen habe?

Edler Hassan, versetzte Osmin, ich habe nichts gespart und glücklich

gelangte Ilev in seine Heimath.

Hast du auch sichere Nachricht hierüber? fragte Hassan.

Die sicherste, edler Hassan, sagte Osmin, ist mir von dem Handlungshause

zugekommen, welchem ich deinen Schützling anvertraute. Vater und Sohn

preisen sich nun glücklich und erflehen für dich täglich den himmlischen

Segen.

Gut, Osmin, sprach Hassan, so lasse mich nun auch nicht länger in Schulden

und gib mir an, wie hoch sich deine Auslagen belaufen.

Nur eine Kleinigkeit für dich, edler Hassan, sagte Osmin, der ganze Betrag

beläuft sich nur auf fünftausend Piaster.

Fünftausend Piaster! wiederholte Hassan und mit den Worten winkte er

einem Sklaven: geh, und lasse meinen Schatzmeister eintreten, damit er

Richtigkeit mache.

Der Sklave entfernte sich, eine Seitenthüre des Gemaches öffnete sich, und

herein trat Ilev.

Wie vom Blitze getroffen stand Osmin da. Er traute kaum seinen Augen,

die Röthe auf seinem Gesichte veränderte sich in falbe Todtenblässe, er

zitterte und fiel mit den Worten zu Hassan's Füßen: Erbarmen! edler Hassan,

Allah ist gerecht und bestraft meine schwarze That!

Weg von mir! rief Hassan, elender, abgefeimter Betrüger, so lohnst du das

Vertrauen, welches ich dir bis jetzt in so großem Maße geschenkt habe? Dich

möge Allah mit dem Fluche verfolgen, das Geld möge sich in deiner Hand

in glühendes Erz verwandeln, und dein auf so niederträchtige Weise

zusammengescharrter Reichthum möge dir die Brust zuschnüren, Elendester

unter der Sonne! Ich will deine Schandthaten aufdecken und Allah ist

dir gnädig, wenn du nicht mit dem Galgen oder mindestens mit dem Kerker

bestraft wirst.

Erbarmen, edler Hassan, habe Erbarmen, flehte Osmin auf dem Boden, habe

Erbarmen mit mir!

Weg, Elender! rief aber Hassan und entfernte sich mit Ilev, während

Hassan's Sklaven den betrügerischen Kaufmann dem Gerichte überlieferten,

welches strenge Strafe über ihn verhängte.

Zu Ilev sprach dann Hassan: gehe zu Ossira, meinem Weibe, danke ihr, die

es war, die sich deiner annahm, und hinterbringe es ihr, wie ich mit Osmin,

deinem Bedrücker verfuhr. Ich selbst aber will jetzt dafür sorgen, daß du

in deine Heimath gelangst, und nicht wieder einem Betrüger in die Hände

fällst.

Und Ilev that unter Thränen des Dankes, wie ihm Hassan befohlen.

Dreizehntes Kapitel.

Karl reist in die Heimath.

Der edle Hassan hielt Wort. Karl befand sich auf einem sehr schönen

Schiffe, welches nach Bremen abging. Hassan hatte so für ihn gesorgt, daß

es ihm an keiner Bequemlichkeit fehlte. Nebstdem gab er ihm so viel an

Geld, daß Karl sich im Stande befand, als wohlhabender Mann aufzutreten.

Beim Abschiede sprach Hassan: ich habe nun Alles gethan, um dir die

Drangsale vergessen zu machen, deren du in Osmin's Hause gegen mein Wissen

und meinen Willen ausgesetzt warst; du kehrst nun zu deinem Vater heim, dem

sich Hassan empfiehlt. Wende das Wenige, das dir aus meiner Schatzkammer

zugeflossen ist, gut an und so oft du Gelegenheit hast, mildthätig gegen

Leidende und Bedrückte zu seyn, so verhärte dein Herz nicht und stehe ihnen

bei, so viel in deinen Kräften liegt. Keine gute That bleibt unbelohnt

und jede gute Handlung ist ein Samenkern, welcher zu einem mächtigen

Baume aufschießt, unter dessen Schutz du bei herannahendem Sturme flüchten

kannst. Es gibt keine reinere Freude, als Thränen der Noth zu trocknen.

Erinnere dich oft deiner Erlebnisse in unserem Lande und vergiß nie, wie

wohl es dir that, ein menschenfreundliches Herz gefunden zu haben; du wirst

dann doppelt geben und auch eine zweifache Erndte zu hoffen haben.

So sprach Hassan und mit gerührtem Herzen, das ihm kaum gestattete, seinen

Dank mit Worten auszudrücken, schied Karl, welcher jetzt in den rüstigsten

Jahren stand, von Hassan und Ossira, dessen Weibe.

Die Fahrt ging gut von Statten.

An einem schönen Morgen sahen endlich die Reisenden das ersehnte Ziel vor

Augen und das Schiff lief in den Hafen.

Karl, welcher noch auf der See sich unpäßlich fühlte, wurde kränker und

so wenig er auch damit einverstanden war, so brachte man ihn doch in das

Spital.

Hier blieb er die vorgeschriebene Zeit, welche für jene festgesetzt ist,

die aus den heißeren Ländern kommen und von irgend einer Krankheit befallen

sind. Er war ganz abgeschlossen und bekam nur jene zu Gesicht, die sich mit

seiner Verpflegung beauftragt sahen.

Während dieser Zeit hörte Karl aus einem nicht weit von ihm gelegenen

Zimmer die hellen, unsicheren Töne, als wenn eine alte Frau andächtig dem

Gesange obliege. Diese Töne wurden dann von einem Gelächter unterbrochen,

welches keineswegs zum andächtigen und erbaulichen Gesange paßte.

Karl erkundigte sich nach der Sängerin und der Wärter antwortete: ach, die

tolle Margareth, der Mond ist wieder im Zunehmen, das spürt das alte Ding

und da hat sie wenig Ruhe.

Sprichst du von einer Wahnsinnigen? fragte Karl.

Ja wohl! Ihr meint doch die Person, welche so erbaulich singt? Nun ja,

diese ist die tolle Margareth, sagte der Wärter.

Bei dem Namen Margareth kam Karl sogleich jene Margaretha in das

Gedächtniß, welche ihn vor vielen Jahren aus der polizeilichen Haft

entließ.

Er erschrack bei dem Gedanken, daß Margaretha durch seine Schuld vielleicht

dem Wahnsinne anheim gefallen sei und begierig fragte er weiter: ist denn

diese Person schon alt und kennt man keinen Grund, was sie vielleicht zum

Wahnsinne brachte?

Das weiß man wohl, entgegnete der Wärter, das alte Ding wurde aus dem

Dienste gestoßen und hat ihren Anspruch auf Pension verloren; das hat nun

der armen Margareth so zugesetzt, daß sie von jener Stunde an wahnsinnig

ist.

Ach Gott! sagte Karl, sie ist es!

Kennt Ihr sie auch? fragte der Wärter.

Karl wollte sich nicht verrathen und sprach: ich habe wohl von dieser

Person schon gehört, aber persönlich kenne ich sie nicht. Doch wäre mir

daran gelegen, sie einmal zu sehen.

Das steht Euch frei, sagte der Wärter, sobald Ihr genesen seid und Eure

Zeit ausgehalten habt.

Diese Person, fuhr Karl fort, wurde also aus dem Dienste gejagt und hat

ihre Pension verloren? Was hat sie sich denn zu Schulden kommen lassen und

bei wem stand sie in Diensten?

Die alte Margareth, erzählte nun der Wärter, stand damals bei der Polizei

dahier in Diensten, nun wurde ein junger Bursche aufgegriffen, den man

des Diebstahls zeihte, weil man einen kostbaren Ring bei ihm fand, der

entwendet war; das gute alte Ding mag sich durch das klägliche Thun dieses

Burschen haben verführen lassen und wie sie eingestand, hat sie denselben

aus der Haft richtig entwischen lassen.

Karl erschrack sehr, denn nun zweifelte er nicht mehr, daß die unglückliche

Wahnsinnige seine arme Margarethe sei, die ihm damals zur Freiheit

verholfen, die er hintergangen und auf diese Weise höchst unglücklich

gemacht hatte. Er verbarg aber sein Inneres, so gut er konnte und fragte

wieder:

Wie ist man denn dahinter gekommen, daß Margaretha den Burschen entwischen

ließ, hat sie es denn sogleich einbekannt?

Das nicht, versetzte der Wärter, aber man hat den Rock bei ihr gefunden,

den dieser Bursche bei seiner Haftnahme getragen haben soll.

Gut, daß jetzt wieder die hellen Töne der Wahnsinnigen erfolgten, Karl

nahm zum Vorwande, daß er durch diesen Gesang bei seiner Unpäßlichkeit sehr

ergriffen werde und so brach der Wärter dieses Gespräch ab und entfernte

sich.

Karl besserte sich immer mehr und die Zeit ging zu Ende, welche er im

Spital zuzubringen hatte.

Er ging nun mit sich zu Rathe, ob es nicht besser sei, seinen Vater

von seiner Ankunft erst in Kenntniß zu setzen; er überlegte, daß sein

plötzliches Erscheinen im elterlichen Hause nach so vielen Jahren

nachtheilig auf den alten Vater einwirken könne und so ließ er einen Brief

von anderer Hand an seinen Vater abgehen, in welchem stand, daß sein Sohn

Karl nach vielen erstandenen Mühseligkeiten auf der Rückkehr in seine

Heimath begriffen sei und demnächst ankommen werde.

Dann ordnete Karl seine Sachen und bereitete sich vor, das Spital zu

verlassen.

Vierzehntes Kapitel.

Karl und Margaretha.

Wenn Ihr Euch nicht scheut, sprach der Wärter zu Karl, allein bei einer

Wahnsinnigen zu bleiben, so kann ich Euch jetzt dienen und Euch zu ihr

einführen, ich kann mich aber nicht lange dabei aufhalten.

Führt mich nur zu ihr, entgegnete Karl, ich fühle keine Scheu, ihr könnt

dann unbesorgt euren Geschäften nachgehen.

Die dritte Thür da rechts im Gange, sagte der Wärter und faßte den

Schlüssel um die Thüre zu öffnen.

Halt! sprach Karl, noch eine Frage: hat denn die unglückliche Person nicht

auch zuweilen lichte Augenblicke?

Genug, entgegnete der Wärter.

Und ist sie dann im Stande, fragte Karl weiter, ihre Bekannten zu erkennen

und vernünftig mit ihnen zu sprechen?

Ja wohl, erwiederte der Wärter, schloß die Thüre auf und während er

mit Karl eintrat blickte die Wahnsinnige mit starren Augen nach den

Eintretenden.

Wie geht's Margareth? fragte der Wärter.

Margaretha schüttelte blos mit dem Kopfe.

Nicht gut? fragte sie der Wärter. Margaretha schüttelte wieder.

Ihr könnt jetzt bald, wandte sich nun der Wärter an Karl, vernünftig mit

ihr reden, sie hat wieder einen Sturm ausgehalten. Wollt Ihr jetzt allein

mit ihr bleiben?

Laßt mich nur allein mit ihr, sagte Karl und der Wärter verließ das Zimmer.

Karl sah, daß ihn Margaretha nicht erkannte, er ging auf sie zu und faßte

sie bei der Hand.

Margaretha zog schnell ihre Hand zurück, sah stier vor sich hin und rief:

Herr Commissär lassen Sie mich!

Um Gotteswillen lassen Sie mich! Ich habe ja Alles einbekannt, ich weiß

nicht, wo der Junge ist!

Karl traten die Thränen in die Augen, er fühlte das ganze Gewicht seiner

Schuld und merkte wohl, daß er der Gegenstand von Margaretha's Aeusserung

sei.

Furchtsam sah nun Margaretha auf Karl, blickte ihn lange unverwandt an und

sank dann auf einen Lehnstuhl, indem sie die Augen wie zu einem Schlafe

schloß.

Karl ging näher auf sie zu und betrachtete sie mit der größten Theilnahme

und als nun Margaretha nach kurzer Zeit die Augen wieder aufschlug, da

gewahrte Karl mit Freuden, daß ihr Blick freier und ihr Auge klarer war.

Ihr kennt mich nicht, sagte Karl, ich komme vom alten Kaufmann Daruff und

soll euch Grüße von ihm ausrichten.

Danke Euch, sagte Margaretha, ach, ich habe diesem Manne, bei dem ich so

lange in Diensten war und bei dem ich so viel Gutes genossen habe, herbe

Stunden bereitet. Der liebe Gott soll es mir verzeihen, daß ich mich

verführen ließ; ich habe ja dem Jungen alles Gute zugetraut, wer hätte denn

denken sollen, daß es so kommen würde. Ich kann, so wahr Gott im Himmel

ist! mit gutem Gewissen sagen, daß ich nur des Beste des Hauses Daruff im

Sinne hatte. Nun ist der Junge fort und wer weiß, wo er elend zu Grunde

gegangen ist!

Und sie fing an bitterlich zu weinen und hielt die Schürze vor das Gesicht.

Karl vermochte kaum aufrecht zu stehen, so ging ihm der Anblick der tief

bekümmerten Margaretha zu Herzen.

Gebt Euch zufrieden, sagte Karl, ich kann Euch nur die beste Nachricht

geben, Daruffs Sohn, Namens Karl, ist auf der Reise zu seinem Vater

begriffen; er ist gesund, hat freilich viele Mühseligkeiten erstanden, aber

das ist jetzt Alles vorüber.

Gott im Himmel! rief Margaretha und schlug die Arme über dem Kopfe

zusammen, während sie vom Lehnstuhl herunter auf die Knie sank, großer Gott

im Himmel! Da hast du ja mein Seufzen und Flehen vernommen! Du hast mein

Ringen mit angesehen und hast dich einer Unglücklichen erbarmt!

Karl weinte, hob die Knieende auf und während ihm unaufhaltsam die Thränen

hervorschossen sprach er mit bewegter Stimme.

Kennt ihr mich denn nicht mehr, meine gute Margaretha? haben mich denn die

Jahre und die ausgestandenen Leiden so sehr entstellt, daß ihr euern Karl

nicht mehr erkennt?

Starr sah ihm Margaretha in das Gesicht und mit einem lauten Schrei fiel

sie in Karls Arme.

Wahrhaftig! wahrhaftig! schrie sie, mein Karl! ach mein Karl! Und sie

lachte und weinte und sank dann wieder erschöpft in den Lehnstuhl.

Ach sagte Karl, gute Margaretha, was habe ich euch so vieles Leid

geschaffen, könnt ihr mir denn verzeihen?

O Gott im Himmel ist gut! sprach Margaretha mit gegen Himmel gewandtem

Blicke; er hat ja mir geholfen und hat mir meine Schuld verziehen, warum

sollte ich nun meinem Karl einen Jugendfehler nicht vergessen können?

Ach, die arme Margaretha hat so oft an Euch gedacht und allezeit lief es

mir ganz schauerlich durch alle Glieder, wenn ich der Besorgniß Raum gab,

Ihr wäret durch meine Schuld und durch Euren Leichtsinn elend zu Grunde

gegangen. Gepriesen sei der Herr! der da Alles zum Besten lenkte.

Karl erzählte nun so kurz als möglich seine Erlebnisse von der Stunde

an, in welcher er sich einschiffte bis jetzt und mit Rührung hörte ihm

Margaretha zu.

Damit schloß Karl: Durch die Güte Hassan's meines großen Wohlthäters sehe

ich mich nun in den Stand gesetzt, euch, gute Margaretha, einen kleinen

Theil meiner Schuld abzutragen. Ich will euch zu mir nehmen und euch in

euren alten Tagen so verpflegen, wie es nur eine gute Mutter von einem

dankbaren Sohne verlangen kann.

Ich schätze mich glücklich, auf diese Weise euch, gute Margaretha, zu

zeigen, daß Karl nicht so schlimm ist und eure frühere Aufopferung für ihn

ganz zu würdigen weiß.

Margaretha nickte nur mit dem Kopfe, denn reden konnte sie nicht und sie

verbarg ihr verweintes Antlitz hinter der Schürze.

Nach diesem verwendete sich Karl für Margaretha, diese wurde aus dem Spital

entlassen und in einem hübschen Wagen fuhren nun Karl und Margaretha aus

Bremen der Heimath Karls zu.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Brief.

Während Karl fern von der Heimath als Sklave die niedrigsten Geschicke zu

ertragen hatte, änderte sich in dem Hause des alten Daruff vieles.

Aurelie, die gute Tochter war zur sittsamen Jungfrau herangereift und

Daruffs Sorge ging nun dahin, einen annehmbaren Eidam in das Haus zu

bekommen, der das Glück seiner geliebten Tochter begründe und das Geschäft

tüchtig fortführe, denn der Alte merkte, daß seine Kräfte abnehmen und ihm

die Uebersicht und Gewandheit immer mehr entgehe, welche die Führung der

Geschäfte erforderte.

Und der alte Daruff war so glücklich, sich bald als zufriedener

Schwiegervater, und auch bald darauf als der glücklichste Großvater zu

sehen.

Aurelie reichte einem jungen Manne, der ihrer Wahl ganz würdig war die

Hand, und nun verlebte Daruff in Mitte seines Schwiegersohnes und seiner

Tochter die heitersten Tage.

Das Handlungshaus blieb in seinem alten guten Rufe und nichts fehlte den

Glücklichen als bestimmte Nachricht über das Geschick des nun so schon

lange vermißten Sohnes.

Die Schreiben, welche Osmin an Karls Vater abgehen ließ, waren nicht

angekommen.

Der alte Daruff erinnerte sich oft seines Sohnes Karl und er machte sich

zuweilen sogar Vorwürfe, daß er zu streng gegen seinen Sohn möchte gewesen

seyn.

Tochter und Schwiegersohn suchten ihn dann zu beruhigen und trösteten ihn

mit der Aussicht da noch keine Kunde über Karls Ableben eingetroffen sei,

so könne ja derselbe noch leben und wohl glücklich wieder heimkommen.

Allein Daruff hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, in diesem Leben seinen

Sohn wieder zu sehen und dieser Gedanke war oft seine einzige Betrübniß.

Da langte unerwartet der Brief von Karl an, welcher meldete, der lang

vermißte Sohn sei auf der Rückkehr in das elterliche Haus begriffen.

Die jungen Leute wußten nun nicht gleich, wie sie diese frohe Botschaft dem

alten Vater hinterbringen sollten.

Ueberlasse es mir, sagte Aurelia's Gatte, dem Alten die frohe Nachricht

beizubringen.

O nimm mir diese Freude nicht! sprach Aurelie, gib mir den Brief, daß ich

meinem alten Vater mit einer so glücklichen Bothschaft eine frohe Stunde

bereite. Und der Gatte gab dem liebevollen Weibe nach.

Als nun der alte Daruff in seinem Lehnsessel vor dem Ofen saß, denn die

liebliche Wärme that dem Alten wohl, trat Aurelie vor ihn hin und während

sie den Brief hoch empor hielt sprach sie mit freudenglänzenden Augen:

Einen Brief, mein bester Vater, einen Brief! und von wem meinst du wohl?

Ach, sagte der alte Daruff, habe ich doch während meiner langjährigen

Geschäftsführung so viele Briefe erhalten, aber ein Schreiben von meinem

Karl -- nein, das kam mir nicht zu! Wozu mir noch Briefe?

Ach, bester Vater, sagte Aurelie, du sprichst selbst von Karl und sieh, wie

glücklich wir sind! Ist auch dieser Brief nicht von Karls Hand, so ist doch

Karl der Urheber dieses Briefs!

Mein Karl! rief freudig der Alte, so lebt noch mein Sohn Karl?

Ja, bester Vater, antwortete Aurelie, Karl lebt und ist wohlauf.

Und er hat selbst geschrieben? fragte der Alte mit zitternder Stimme.

Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.« Eine neue Erzählung für die Jugend · 第 3 / 4 段