Nicht doch, bester Vater, versetzte Aurelie, er hat den Brief schreiben

lassen.

O guter Gott! sprach der Alte, so sage mir doch, wo ist Karl und weshalb

hat er nicht selbst geschrieben?

Unser Karl, sagte Aurelie, ist nach diesem Briefe auf der Heimkehr in das

elterliche Haus begriffen, und bald, bald wird Karl unter uns seyn, welche

Freude!

Gute Tochter, sagte jetzt der Alte mit wankender Stimme und suchte sich aus

dem Sessel zu erheben, ich bin vorbereitet, ja, ja! du hast mich genugsam

vorbereitet; mein Karl, mein Karl ist nicht so weit mehr von mir, als du

sagst, er ist hier! Lasse mich meinen Sohn sehen! Mein Sohn Karl! mein Sohn

Karl!

Nein, bester Vater, sprach Aurelie, Karl ist noch nicht hier, ich will den

Brief vorlesen.

Da ließ sich der Alte wieder im Sessel nieder und horchte auf den Inhalt

des Briefes.

Und als Aurelie zu Ende war, da faltete der alte Daruff andächtig die Hände

und sprach:

O guter Gott! der du einen alten, bekümmerten Vater nicht verlassen hast,

wie kann ich dir genug danken? Du gabst mir väterlich milde meinen Sohn

zurück, Ehre, Lob und Preiß sei dir in Ewigkeit!

Sechzehntes Kapitel.

Karl im elterlichen Hause.

In Daruffs Hause herrschte heute besondere Lebhaftigkeit. Es war der

Morgen, an welchem der siebzigste Geburtstag des alten Daruff feierlich

begangen werden sollte.

Während noch der Alte sanft schlummerte waren schon Aurelie, ihr Gatte und

die drei Enkel, zwei muntere Knaben und ein liebliches Töchterchen eifrig

beschäftigt, das Zimmer zum festlichen Empfange herzustellen.

Sinnig waren Blumenkränze und Sträuße angebracht und die Enkel hatten

Carmina gelernt, mit welchen sie den guten Großvater überraschen wollten.

Und als nun die Thür sich öffnete und der freundliche Alte hereinschritt

wie strahlte da sein Antlitz nicht von der reinsten Freude!

Aurelie und ihr Gatte brachten zuerst ihre herzlichen Wünsche dar, dann

brachten die beiden Enkel ihre Carmina vor und die Enkelin hatte ein

kleines Lied einstudirt, welches sie mit vieler Sicherheit und zur Rührung

ihrer Eltern sowohl als des Großvaters vortrug.

Ihr guten Kinder, hub der Alte an, ihr macht mir viele Freude und mit

Vergnügen sehe ich, wie ihr nur bemüht seid, mir die alten Tage zu

versüßen. Nehmt meinen herzlichsten Dank hin; ich bin überzeugt, wie gut

ihr es mit mir meint. Der Himmel wolle euch stets segnen!

Und wie der alte Simon den Knaben Jesus zu sich nahm und Gott innigst

dankte, daß er ihm diese Seligkeit vorbehalten hatte, so nahm nun der alte

Daruff seine Enkel auf den Schooß und sprach: werdet gut und fromm und möge

stets Gottes Beistand mit euch seyn, damit eure Eltern viele Freude an euch

erleben und ihr selbst nur glücklich werdet!

Und nach diesen Worten glänzten ihm Thränen in den Augen, denn der Alte

erinnerte sich seines Sohnes Karl.

Eine feierliche Stille trat ein.

Da pochte es an der Thür, sie ging auf und -- Karl trat herein.

Aurelie erkannte ihn auf der Stelle, und ihr Ruf war: ach, Karl! du bist's,

unser Karl!

Karl aber fiel dem alten Vater zu Füßen, weinte und wie der verlorne Sohn

im Evangelium sprach er: Vater vergieb mir! Ich habe gefehlt wider Gott und

wider Dich!

Und wie der Vater im Evangelium den verlornen Sohn aufnahm, so nahm auch

der alte Daruff seinen Sohn Karl auf; er preßte ihn in die Arme und küßte

ihn und sprach: o wie glücklich bin ich nun! Siebzig Jahre drücken dieses

graue Haupt darnieder, siebzig Jahre gestattete mir der Himmel, um mir

die Freude zu verleihen, meinen so lange verloren gegebenen Sohn wieder zu

sehen. O mein Karl, was hast du deinem Vater zugefügt? Und -- doch, doch,

du bist wieder unter meinem Dache, wir wollen Gottes Güte preisen!

Und der Alte faltete andächtig die Hände.

Das Entgegenkommen zwischen Bruder und Schwester war rührend anzusehen,

sprachlos lagen sie sich in den Armen.

Und als nun Aurelie ihren Bruder mit dem Gatten und den freundlichen

Kindern bekannt machte, da näherte sich Karl denselben mit aller jener

Anhänglichkeit, mit welcher er allezeit seiner Schwester zugethan war.

Ach, sagte er dann, während du meine gute Schwester die Stütze des Vaters

warst und während du dein häusliches Glück gegründet hast, war ich den

bittersten Drangsalen des Lebens ausgesetzt.

Vergiß das nun, lieber Bruder, sagte Aurelie, jetzt bist du wieder bei uns

und wir wollen Alles dazu beitragen, was dich glücklich machen könnte.

Nach dem ersten Rausche des Wiedersehens kam es zum Erzählen und während

nun der alte Daruff, Aurelie und ihr Gatte mit den drei Kindern einen

freundlichen Kreis um Karl bildeten erzählte dieser getreu Alles was er

von der Flucht aus dem elterlichen Hause an bis zur Rückkehr in dasselbe

verlebt hatte.

Als er der Margaretha erwähnte traten ihm die Thränen in die Augen und

fragte er den ihn umgebenden Kreis: ist Margaretha nicht würdig, heute in

unserm Kreise zu erscheinen?

Ach, daß sie doch hier wäre, die arme unglückliche Margaretha! sagte

Aurelie und der alte Daruff wandte sich zu seinem Schwiegersohne mit den

Worten: Du mußt morgen nach Bremen und die alte Margaretha zu uns bringen;

gleich und gleich, setzte er noch lächelnd hinzu, gesellt sich gern und so

will ich denn die Margaretha zu mir nehmen.

Sie ist schon hier, sagte Karl, öffnete die Thüre und führte seine

Margaretha herein, welche laut schluchzte, als sie des alten Daruff

ansichtig wurde und da sie sich nach solanger Zeit wieder in demselben

Zimmer befand, in welchem sie der Kinder Karl und Aurelie wartete.

Auch der alte Daruff war sehr gerührt; er drückte der Margaretha die Hand

und ließ dieselbe neben sich sitzen.

Setzt euch doch nur fest, Margaretha, sagte er, ich habe euch da ein für

allemal einen Platz angewiesen, den ihr nicht so bald wieder verlassen

sollt.

Zur Nutzanwendung für die drei Enkel fügte Karl noch bei: seht Kinder, so

ist es eurem Oheim gegangen, der da in der Jugend den großen Fehler hatte,

Thiere zu quälen. Hätte ich das Dohlen-Nest nicht zerstört, so würde ich

den Ring nicht gefunden haben, der mich, nachdem mich die Verstümmlung aus

der Heimath getrieben hatte, in das Gefängniß brachte. Mein unglücklicher

Hang zur Thierquälerei und meine jugendliche Unbesonnenheit, so wie mein

Leichtsinn haben mir die bittersten Strafen nachgezogen. Laßt es euch daher

ja zur Warnung seyn und quälet nie ein Thier, damit es euch nicht ergehe,

wie eurem unglücklichen Oheim Karl.

Die Enkel reichten dem Oheim die Hand und versprachen ihm fest und theuer,

nicht nur nie ein Thier zu quälen, sondern auch jederzeit wo möglichst zu

verhindern, daß ein Thier von Andern gequält werde.

Der alte Daruff und Margaretha erlebten noch viele frohe Tage in der

traulichen Umgebung Aurelien's und ihres Gatten, mit welchem nun Karl

gemeinschaftlich die Handlung fortführte.

Endlich reichte auch Karl einer unbescholtenen Jungfrau als Gatte die Hand

und als noch der alte Daruff auch die Enkel seines Sohnes Karl auf dem

Schooße wiegte, da erzählte ihnen der Großvater die harten Begegnisse ihres

Vaters und fest prägten es sich die Kleinen in die Herzen, wie sehr

gefehlt es sei, Thiere zu quälen und sie gedachten immer des Spruches:

»Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes« und verfielen so nie in den

schweren Frevel der Thierquälerei.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=

hervorgehoben.

Eine ganzseitige Illustration am Buchanfang wurde hinter die Titelseite

verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 4:

"flüchteteu" geändert in "flüchteten"

(von den Dächern flüchteten, indem sie die Erscheinung)

Seite 9:

"«" eingefügt

(Denn es fühlt wie du den Schmerz.«)

Seite 9/10:

"Ein-" geändert in "Eindruck"

(auf den diese Rede keinen Eindruck gemacht hatte)

Seite 10:

"setzt" geändert in "jetzt"

(Die Knaben folgten jetzt der Richtung)

Seite 11:

"gehen" geändert in "geben"

(auf die Worte seines Lehrers wird er mehr geben als auf)

Seite 18:

"Gebet" geändert in "Gebot"

(verfehlte sich so gegen das Gebot, welches uns vorschreibt)

Seite 20:

"," hinter "Vergehen" entfernt

(deine Vergehen reumüthig einbekannt)

Seite 24:

"weist" geändert in "weißt"

(Du weißt, wie streng der Vater ist)

Seite 32:

"Fragte" geändert in "fragte"

(Wie viel verlangst du für diesen Ring! fragte er dann.)

Seite 35:

"Auffoderung" geändert in "Aufforderung"

(daß er der freundlichen Aufforderung des Metzgergesellen)

Seite 41:

"," eingefügt

(gute Margaretha, hub er an)

Seite 42:

"Innnersten" geändert in "Innersten"

(So betete Karl aus dem Innersten seines Herzens.)

Seite 43:

"," eingefügt

(und, fügte sie schmunzelnd bei)

Seite 44:

"," eingefügt

(freien Platz, öffnete mühsam ein großes Thor)

Seite 47:

"Falls" geändert in "falls"

(an den Hafen zu gehen und falls ein Schiff)

Seite 70:

"Blumenstraus" geändert in "Blumenstrauß"

(Karl pflückte einen hübschen Blumenstrauß)

Seite 73:

"," geändert in "."

(dem er das Gespräch mit Osmin mittheilte.)

Seizte 104:

"?" geändert in "."

(Wie geht's Margareth? fragte der Wärter.)

Seite 104:

"," geändert in "."

(sie hat wieder einen Sturm ausgehalten.)]

Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.« Eine neue Erzählung für die Jugend · 第 4 / 4 段