Daruff zu eröffnen war. Daruff war wie vom Schlage getroffen, als ihm der
Inhalt des Schreibens bekannt gemacht war. Dasselbe enthielt nämlich den
Hergang mit Karls Einsperrung in Bremen in Folge des bei ihm vorgefundenen
Ringes und die Aufforderung an Daruff, nach Bremen zu kommen und seinen
Sohn anzuerkennen.
Unverzüglich setzte sich Daruff in einen Wagen und fuhr nach Bremen.
Aber wie erschrack er erst dort, als man ihm sagte, sein Sohn sei aus dem
Gefängnisse entwischt, ohne daß sein Aufenthalt bis jetzt ausgemittelt sei.
Sehr traurig und niedergeschlagen kehrte er zurück, höchst besorgt um das
Schicksal seines Sohnes.
Er schrieb allen Verwandten und Bekannten und erkundigte sich nach Karl, in
der Meinung derselbe habe aus Furcht vor Strafe bei einem oder dem andern
Zuflucht gesucht. Es langten nun viele Briefe an, aber alle konnten keinen
Aufschluß über Karl geben.
Die Polizei in Bremen schrieb öffentlich aus und Karl wurde aufgefordert
sich vor der Behörde zu stellen.
Achtes Kapitel.
Karl wird Sklave.
Während Kaufmann Daruff und seine Tochter Aurelie sich abkümmerten, wo Karl
sich wohl aufhalten und wie es ihm gehen möge, und während die Polizei
in Bremen thätig ihre Nachforschungen fortsetzte, um Karls Aufenthalt zu
entdecken, war dieser auf dem Schiffe, welches sich schon auf hoher See
befand, und seine Fahrt bei günstigem Winde nach Brasilien verfolgte.
Das Leben auf dem Schiffe war für Karl etwas Neues und es bot ihm so viele
mannichfaltige Auftritte und Erscheinungen dar, daß es ihm nicht sehr
schwer wurde, sich der Gedanken meistens zu entschlagen, die ihn quälend
heimsuchten, wenn er sich des elterlichen Hauses, aller darin genossenen
Freuden, wenn er sich seiner guten Schwester Aurelie, die ihm mit so vieler
Liebe zugethan war und wenn er sich seiner Jugend-Genossen erinnerte. Ein
kalter Schauer aber überlief ihn allzeit, wenn er der guten Margaretha zu
Bremen gedachte die ihm als rettender Engel erschienen war, die sich seiner
so herzlich annahm, die ihre künftige Wohlfahrt aufs Spiel setzte, nur
um ihn vor Schande zu bewahren und ihn aus der traurigen Gefangenschaft
befreit zu sehen. Er hatte ihr fest sein Wort gegeben, in das elterliche
Haus zurück zu kehren; das that er nicht nur nicht, er schrieb sogar
nicht einmal seinem Vater, eh er eine so große Reise unternahm. Welche
Besorgnisse nun für einen Vater!
Diese Gedanken und das stete Bewußtseyn, nicht redlich gehandelt zu haben,
verursachten ihm große Pein, der er sich kaum dadurch entschlagen konnte,
daß er seinen ihm zugewiesenen Geschäften als Schiffsjunge mit allem Eifer
nachzukommen suchte.
Freund und Vater auf dem Schiffe war ihm der ehrliche Matrose, der sich
seiner im Hafen angenommen und ihn auf dem Schiffe untergebracht hatte. Er
suchte seinen Schützling so weit er im Stande war, über Alles aufzuklären,
was diesem neu und seltsam erschien. Er machte ihn mit den Gebräuchen der
Schiffsleute, mit ihrer Lebensart und ihrer Beschäftigung vertraut; er
erklärte ihm alle Theile eines Schiffes und machte ihn mit den Benennungen
bekannt; er zeigte ihm die Himmelsgegenden und nannte ihm die Küstenländer,
an welchen sie vorüber fuhren. Fische, Vögel und Insekten, welche
bei dieser Fahrt zum Vorschein kamen, dienten Karl zur Belehrung und
Unterhaltung.
Viele Tage segelte so das Schiff dem Orte seiner Bestimmung zu.
Da bemerkte Karl eines Morgens eine besondere Geschäftigkeit unter dem
Schiffsvolke; die Matrosen rannten hin und wieder, zogen alle Segel auf und
suchten die Fahrt mit aller Anstrengung zu beschleunigen.
Der Kapitain stand mit dem Fernrohre auf dem Verdecke des Schiffes und
gab seine Befehle mit lauter Stimme, welcher die Matrosen mit der größten
Geschäftigkeit nachzukommen suchten.
Dabei war es ein schöner, heiterer Morgen und keine Spur war von dem
Herannahen eines Sturmes zu bemerken.
Was bedeutet denn das Treiben auf dem Schiffe? fragte Karl den Matrosen,
der ihm so zugethan war und eben an ihm vorüber eilte.
Siehst du den Punkt dort in der Ferne? erwiderte der Matrose und deutete
mit dem Finger hinaus auf die weite See, der Kapitain erkennt darin das
Fahrzeug eines Seeräubers; wir müssen deshalb so die Fahrt beschleunigen,
um den Räubern aus dem Gesichtskreise zu kommen.
Sind uns denn, fragte Karl weiter, die Seeräuber so gefährlich?
So gefährlich, entgegnete der Matrose, als dem Fußwanderer der
Strassen-Räuber ist. Nicht nur, daß man alle Habe verliert, so muß man noch
froh seyn, wenn man mit der Freiheit oder mit dem Leben davon kommt, so
bald man einmal diesen See-Genien in die Krallen gefallen ist.
Der Matrose eilte vorüber.
Karl blieb am Verdecke und bemerkte mit Furcht, daß der Punkt auf der See,
welchen ihm der Matrose gezeigt hatte, immer größer wurde.
Endlich erkannte er deutlich ein Fahrzeug, welches sich in der Bauart
wesentlich von dem Schiffe, auf welchem er sich befand, unterschied. Und zu
seinem nicht geringen Schrecken bemerkte er jetzt auch, daß jenes Fahrzeug
mit vielen Bewaffneten angefüllt war.
Während sein Augenmerk so ganz auf das fremde Fahrzeug gerichtet war,
daß er den Tumult auf seinem Schiffe und die Anstalten, welche zur
Vertheidigung getroffen wurden, kaum bemerkte, da erscholl ein mächtiger
Kanonendonner vom jenseitigen Fahrzeuge, und daß die Kugeln ihr Ziel nicht
verfehlt haben mochten, entnahm Karl aus den Kommando-Worten des Kapitains
und aus dem Umstande, daß der Schiffs-Zimmermann die Hände voll zu thun
hatte.
Der Kapitain erwiderte das Kanonen-Feuer, so daß eine ganze Kanonade
entstand.
Karl wurde von dem ihm so wohlwollenden Matrosen, der ihn plötzlich beim
Arme gepackt hatte, in den untern Schiffsraum geführt, wo sich viele der
übrigen Reisenden, die an dem Werke der Vertheidigung keinen Antheil nehmen
konnten oder mochten, schon befanden.
Hier bleibe, sagte der Matrose und bete zu Gott, daß er uns erhalten möge!
Mit diesen Worten entfernte er sich schnell wieder.
Unter den Reisenden, die hier versammelt waren, entstand hierauf ein lautes
Seufzen, Wehklagen und Stöhnen; die meisten fielen auf die Kniee und riefen
den Himmel um Beistand an, und Furcht und Schrecken hatten sich auf Aller
Gesichts-Zügen tief eingeprägt.
Der Kanonen-Donner erscholl immer heftiger und das Geschrei der Matrosen
und jener Männer, die freiwillig auf dem Schiffe sich zur Vertheidigung
stellten, drang schauerlich herab in den untern Schiffsraum.
Auf einmal prallte das Schiff heftig an, ein lautes Krachen erfolgte und
sogleich drang auch auf vielen Seiten schon das Wasser herein.
Nun strömte Alles dem Verdecke zu, wo ein wilder Kampf tobte.
Die Seeräuber waren überlegen, das Schiff, auf welchem sich Karl befand,
fing an zu sinken, viele der verwundeten und mit ihnen Karl wurden von den
Seeräubern ergriffen und auf ihr Fahrzeug gebracht. Was die Seeräuber auf
dem überwältigten Schiffe an Gütern noch erbeuten konnten, das eigneten sie
sich zu und schleppten es in ihr Schiff.
Endlich sah Karl vom feindlichen Fahrzeuge aus das Schiff, auf welchem er
sich noch vor kurzer Zeit so wohl befand, untersinken.
Die Seeräuber erhoben ein lautes und wildes Geschrei und segelten mit ihren
Gefangenen und den erbeuteten Gütern davon.
Schmerzlich vermißte Karl unter den Mitgefangenen den Matrosen, der sich
seiner auf der ganzen Reise so väterlich angenommen hatte, er mochte
vielleicht im Kampfe geblieben oder mit dem Schiffe untergegangen seyn.
Auch des Kapitains wurde er nicht gewahr, der vielleicht gleiches Loos mit
dem Matrosen hatte.
Karl schauderte bei dem Gedanken, sich in den Händen von Seeräubern zu
befinden, zusammen.
Ach, wie bereute er jetzt den so unbesonnenen Schritt, den er gethan hatte.
Wehe! rief er aus, wäre ich doch nie an den Hafen gegangen und hätte der
guten Margaretha gefolgt, und wäre zu meinem Vater zurück gekehrt!
Ach, wehe mir, was wird nun aus mir werden! Ich sehe vielleicht nie mehr
meinen Vater und meine Schwester!
Und Karl setzte sich in einen Winkel des Schiffes und weinte.
Die Seeräuber kümmerten sich wenig um den weinenden Knaben.
Sie landeten nach einigen Tagen und suchten ihre Güter in Sicherheit
zu bringen, während sie auch ihr Fahrzeug, das Schaden genommen hatte
ausbessern ließen.
Die Gefangenen aber und mit ihnen Karl wurden als Sklaven in Tripolis
verkauft.
Neuntes Kapitel.
Karls Beschäftigung als Sklave.
Karl gerieth auf dem Sklaven-Markte in die Hände eines reichen und
vornehmen Türken, dem das gesunde Aussehen des Knaben sehr wohl gefiel.
Allah! sagte der Türke, welche Zierde wird dieser junge Sklave in meinen
Gärten werden, es muß sich schön ausnehmen, wenn er so zwischen den Blumen
und Gewächsen einher geht. Und so kaufte er den Knaben, ohne um den Preis
zu feilschen.
Nun kam Karl auf die weiten Besitzungen des Türken, welcher die
schönsten Gärten besaß, die mit den seltensten Blumen und Bäumen, mit den
kostspieligsten Brunnen und Wasserleitungen und mit den geschmackvollsten
Gartenhäuschen, Grotten und Tempeln prangten.
Er wurde einem betagten Sklaven, der sich auf die Gärtnerei verstand,
beigegeben; dem mußte er stets zur Hand seyn.
Er wurde angewiesen, die Blumen-Beeten vom Unkraute rein zu halten und
die Blumen und Pflanzen zu begießen. Auch die Gänge im Garten waren ihm
theilweise zugetheilt, auf welchen er den Sand gleichmäßig zu vertheilen,
und solche von Steinen und Reisern rein zu halten hatte.
Mit dieser Beschäftigung verfloß eine lange Zeit, während welcher sich Karl
oft nach Hause sehnte und heiße Thränen vergoß, wenn er so seinem Tagwerke
nachging und über seine Erlebnisse nachdachte.
Kam nicht sein ganzes widriges Geschick von seinem Hange zur Thierquälerei
her?
Am meisten aber lag ihm am Herzen, daß sein Vater unbekannt mit dem
Geschicke seines Sohnes war. Er hätte so viel darum gegeben, wenn er seinem
Vater Nachricht von sich hätte zukommen lassen können, aber wie sollte er
es anfangen? Dabei hegte er die Hoffnung, daß sein Vater, sobald er den
traurigen Aufenthalt des Sohnes erfahre, gewiß alle Mittel aufbieten werde,
ihn zurück in die Heimath zu bringen.
Allein er sah keinen Weg, dem Vater Mittheilungen zu machen.
Karl konnte zwar schreiben, es fehlte ihm aber hier an den nöthigen
Schreibmaterialien sowohl, als auch an der Gelegenheit, den Brief zu
befördern.
Da ging er nun oft sehr traurig und niedergeschlagen in den schönen
Gefilden des Gartens umher.
Er wandte sich oft im Gebete zu Gott, suchte und fand Trost darin.
Ich sehe ein, sprach er, daß ich diese Prüfung verdient habe; aber guter
Vater im Himmel! führe mich auch wieder den Meinigen zu. Hier muß ich dem
Leibe und dem Geiste nach Verkümmern. Wie glücklich sind gegen mich meine
Jugend-Genossen, denen Unterricht ertheilt wird und welchen so täglich
Gelegenheit gegeben ist, sich zu vervollkommnen und Dir himmlischer Vater
so stets ähnlicher zu werden, der Du das vollkommenste Wesen bist.
Der alte Sklave, welchem Karl beigegeben war, bemerkte die große
Traurigkeit des Gärtner-Jungen und er sprach eines Tages zu Karl:
Du scheinst mir nicht mit deinem Stande zufrieden zu seyn? hast du
vielleicht eine Angelegenheit, aus der ich dir zu helfen im Stande wäre?
Ich sehe ja kein Ende meiner Leiden, antwortete Karl, warum sollte ich
da nicht traurig seyn? Ich muß hier die Arbeiten eines Gärtner-Jungen
verrichten, während ich, wenn ich bei meinem Vater wäre, nun dessen
Geschäft als Kaufmann übernehmen und ein herrliches Leben führen könnte.
Besitzt denn dein Vater, fragte der alte Sklave, Reichthum?
Das Haus Daruff, versetzte Karl, steht in gutem Rufe.
Wenn das ist, sagte der Sklave, so wird es ja deinem Vater auch nicht
schwer halten, dich frei zu machen und dich in die Heimath zurück kommen zu
lassen?
Mein Vater, erwiederte Karl, würde einen beträchtlichen Theil seines
Vermögens daran setzen, mich frei zu machen, aber wo finde ich Mittel und
Wege, ihn von meinem Geschicke in Kenntniß zu setzen?
Das will ich dir sagen, versetzte der Sklave, du wendest dich an den
reichen Kaufmann Osmin dahier, welcher oft in diesen Gärten lustwandelt und
bei Hassan, unserm Gebieter in hohen Ehren steht. Der wird sich gewiß
für dich verwenden, denn Osmin liebt das Geld, ist er gleich einer der
reichsten Kaufleute und hier sieht er mit scharfem Blicke Vortheile
erwachsen.
Macht mich doch, bat nun Karl, mit Osmin bekannt, sollte ich meine Freiheit
erringen, so soll es euch gut belohnt werden, daß ihr mir diesen Rath
ertheilt habt.
Glücklicher Zufall! sagte der Sklave, dort wandelt Osmin zwischen den
Palmen, begib dich zu ihm, trage ihm deine Noth vor, sage, daß das Haus
deines Vaters in gutem Rufe stehe und ich müßte diesen Osmin nicht kennen,
wenn er dir nicht behilflich seyn sollte!
Karl pflückte einen hübschen Blumenstrauß, band ihn sinnig zusammen und
begab sich damit zum reichen Kaufmann Osmin.
Allah sei mit Euch, edler Osmin, sagte Karl, verschmäht es nicht, diesen
Blumenstrauß anzunehmen!
Wer schickt mir den Strauß? fragte Osmin.
Ich habe ihn für Euch gepflückt, entgegnete Karl, da man mir sagte, daß Ihr
ein großer Blumenfreund seyd.
Osmin betrachtete den Blumenspender mit Wohlgefallen, griff dann in die
Tasche, um demselben ein Silberstück zu geben.
Verzeiht, edler Osmin, sagte Karl, der sich anständig weigerte, das
ihm zugedachte Geschenk zu nehmen, ich bitte Euch um eine andere
Gunst-Bezeigung.
Und worin besteht diese? fragte Osmin den Gärtner-Jungen, dessen seines
Wesen ihm wohlzugefallen schien.
Habt die Güte, versetzte Karl und schreibt an meinen Vater, daß ich hier
als Sklave in Diensten stehe, daß er sich meiner doch annehmen und mich aus
dem Sklaven-Joche befreien möge.
Wer ist denn dein Vater, fragte Osmin, dem du so Großes zutraust!
Mein Vater, entgegnete Karl, ist der reiche Kaufmann Daruff unfern Bremen,
dessen einziger Sohn ich bin.
Der reiche -- der reiche Kaufmann Daruff, wiederholte Osmin, aber sage mir
doch, wie bist du denn Sklave geworden?
Karl erzählte, daß er von seinem Vater zum Onkel Heinrich nach London
geschickt worden sei, daß indessen das Schiff, auf welchem er sich
befunden, von Seeräubern genommen worden und er so in die Sklaverei
gekommen sei.
Dein Geschick geht mir zu Herzen, sagte Osmin, und denken kann ich mir
auch, wie du dich zurück nach deinem Vater sehnest; aber Summen kann es
kosten; doch dein Vater, der reiche Kaufmann wird die Piaster nicht erst
ängstlich in der Hand wiegen, wenn es sich darum handelt, seinen einzigen
Sohn wieder um sich zu sehen.
Aber Hassan, fuhr er fort, Hassan, dein Gebieter hat hier auch ein Wort zu
reden und ist der mit deiner Freiheit nicht einverstanden so hilft aller
Reichthum nichts, den dein Vater besitzt und den er zu deinem Besten willig
opfern würde.
Ach, edler Osmin, sagte Karl, man hat mich darüber verständigt, wie hoch
Ihr bei Hassan dem Gebieter in Ehren steht; würdet Ihr nun Eure gütige
Fürsprache mir zu Theil werden lassen, so dürfte ich gewiß seyn, daß ich
frei werde. Und daß sich dann mein Vater höchst erkenntlich gegen Euch
bezeigen würde, dessen versichere ich Euch hoch und theuer.
Ich will deinem Vater schreiben, sagte Osmin; zuvor aber muß ich mit Hassan
reden. Ich kenne deinen Gebieter; solltest du so unglücklich seyn, daß er
dich, er, der so viele Sklaven besitzt, persönlich kennt, so ist auch meine
Fürsprache und Alles umsonst; ja, dann darf ich es nicht einmal wagen, an
deinen Vater zu schreiben, um ihn mit deinem Geschicke bekannt zu machen.
Morgen will ich schon zu Hassan gehen und Rücksprache mit ihm nehmen; sage
mir nun, welchen Namen führest du als Sklave?
Mir wurde, entgegnete Karl, der Name Ilev beigelegt, dessen Geschäft es
ist, in Hassan's schönen Gärten die Blumenbeete vom Unkraute zu reinigen
und die Gänge in reinlichem Stande zu erhalten.
Sei also morgen um diese Zeit, sagte Osmin, wieder hier unter den Palmen,
ich werde dir dann mittheilen, welchen Erfolg meine Unterredung mit Hassan
dem Gebieter hatte.
Mit diesen Worten entfernte sich Osmin in stolzer Haltung.
Allah schütze Euch, edler Osmin, rief ihm Karl noch nach und ging dann zu
dem alten Sklaven zurück, dem er das Gespräch mit Osmin mittheilte.
Zehntes Kapitel.
Die verschleierte Dame.
Hassan, sprach Osmin, du hast einen jungen Sklaven, welcher Ilev heißt und
in deinen Gärten beschäftigt ist, der sehnt sich zurück zu seinem Vater,
welcher reich seyn soll und seinen Sohn gerne auslösen wird. So du nicht
anders beschlossen hast wage ich es, für Ilev zu bitten, gib ihn frei und
lasse ihn heim ziehen!
Wie sprichst du Osmin? versetzte Hassan, du sprichst von dem Vater eines
meiner Sklaven, welcher reich seyn soll, hast du je von mir gehört, daß ich
Geld aus meinen Sklaven zu lösen suchte? Hassan hat schon so viele Sklaven
gekauft, wer kann aber sagen, daß Hassan je einen Sklaven verkauft, oder
ihm die Freiheit des Geldes halber gegeben habe?
Groß sind die Reichthümer Hassan's, aber auch edel ist Hassan's Herz,
sagte Osmin, wenn es dein Wille ist, so erhält Ilev die Freiheit, nicht des
Geldes halber, nein, weil es Hassan so will, der da den Vater des Sklaven
glücklich zu machen sucht, indem er ihm den einzigen Sohn zurück gibt.
Wisse Osmin, sagte Hassan, während er eine verschleierte Dame, die neben
ihm ruhte, gütig und wohlwollend anblickte, daß mir an dem Tage, an welchem
ich den jungen Sklaven Ilev kaufte, meine Ossira mir meinen Sohn Selim
schenkte. So ist dieser Sklave mir ein theures Zeichen süßer Erinnerung,
den ich um Gold und Perlen nicht entferne; denn müßte ich nicht besorgen,
meinen Sohn Selim zu verlieren, wenn ich den Sklaven von mir ließe?
Großer Hassan, sprach hierauf die verschleierte Dame, lasse diesen Sklaven
ziehen und mache ihn und seinen Vater glücklich, auf daß Allah uns segne!
Ach, dein Sohn Selim ist nicht mehr; deshalb kam ich so traurig zu dir,
weil ich dir eine so schlimme Botschaft zu bringen hatte.
Und aus ihrem Tone, mit welchem sie diese Worte hervor brachte, konnte man
wohl entnehmen, daß Ossira weine.
Da kreuzte Hassan die Arme auf der Brust und rief wehmüthig aus: Allah,
Allah! du hast mir meinen Sohn Selim genommen? Allah, was hat sich Hassan
zu Schulden kommen lassen, daß du solche Strafe über ihn verhängst? Selim,
mein Selim todt!
So klagte Hassan und Osmin ging auf die Seite, denn sein Herz ward ob dem
Schmerze Hassans um seinen Sohn Selim tief gerührt.
Osmin, sprach hierauf Hassan, da mich Allah mit Strafe heimgesucht hat
und da mir nun Ilev der Sklave kein freudiges Erinnerungszeichen mehr ist,
vielmehr mein Herz bei seinem Anblicke nur stets mit Trauer erfüllt würde,
so nimm den Sklaven zu dir, sage ihm, daß ihm Hassan die Freiheit geschenkt
habe, statte ihn auf Kosten Hassan's reichlich aus und sorge dafür, daß er
wohlerhalten in seine Heimath zu seinem Vater gebracht werde!
Edler Hassan, sagte Osmin, du legst mir eine edle Pflicht auf, der ich
getreu nachkommen werde.
Während dieses in Hassan's Gemache vorging war Karl im Garten mit seinen
Blumen beschäftigt. Er erinnerte sich wieder besonders lebhaft seines
Vaters und seiner Schwester und sehnte sich stärker als je nach seiner
Heimath.
Er hatte in einem entlegenen Theile des Gartens, welcher wild mit
Strauchwerk verwachsen war, sich eine kleine Einsiedelei errichtet; in
den Stamm einer Trauerweide schnitt er ein Kreuz, vor welchem er sich oft
niederwarf und zu Gott betete, da holte er sich Trost, wenn sein Herz mit
Kummer erfüllt war; hier durfte er beten, Niemand störte ihn. Da wandte er
sich an den Erlöser, der so viel für die Menschheit litt.
Auch heute ging er seiner Einsiedelei zu, warf sich wieder vor dem Kreuze
nieder und betete recht inständig zu Gott, er möge doch mit ihm seyn und
Hassan's Herz bewegen, daß er ihm die Freiheit schenke und ihn in die
Heimath ziehen lasse.
Guter Gott! sprach er, erhöre mein Gebet! Und Thränen flossen ihm von den
Wangen.
Hierauf erhob er sich und fühlte sich recht gestärkt.
Da erschrack er, denn eine verschleierte Dame stand hinter ihm, welche wohl
sein Gebet mochte angehört haben.
Erschrick nicht, Ilev! sagte die Dame mit lieblichem Tone, Gott hat dein
Gebet erhört, Hassan hat dir die Freiheit geschenkt, du wirst zu deinem
Vater zurück kehren!
O guter Gott! rief Karl, da hast du ja mein Gebet wieder erhört, und
schickst mir abermals einen Engel, der mir verkündet, daß du mich nicht
verlassen hast. Und seine Thränen brachen aufs Neue hervor.
Wie freut es mich, sagte die Dame, in dir einen Christen zu finden; wie
erhebt mich sichtbar dein Glaube, dem auch ich zugethan bin. Nimm dieses
Andenken, fuhr sie fort, und überreichte ihm ein kostbares Kreuz, es
möge dich an die heutige Stunde erinnern, in welcher dir Ossira, das Weib
Hassan's, deine Freiheit verkündigte. Solltest du wieder in Noth gerathen,
so nimm deine Zuflucht zu dem Heilande, welcher für uns am Kreuze starb,
und wie er dir heute geholfen hat, so wird er dir auch ferner helfen.
Karl warf sich ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Kleides, unvermögend,
seinem Inneren durch Worte Luft zu machen.
Osmin, der Kaufmann, sagte Ossira und reichte dem vor ihr liegenden frei
gewordenen Sklaven die Hand zum Aufstehen, ist beauftragt, dafür zu sorgen,
daß du wohl ausgestattet, zu den Deinigen zurück gebracht wirst.
Lebe nun wohl, Ilev und so oft du dich zu Gott im Gebete wendest vergiß
auch meiner nicht!
Mit diesen Worten verschwand Ossira, welche im Kummer ihres Herzens ob dem
Tode ihres Sohnes Selim die unbesuchtesten Theile des Gartens ausgesucht
und so den betenden Sklaven gefunden hatte.
Karl warf sich nun nochmals vor dem Kreuze nieder und dankte mit gerührtem
Herzen Gott dem allgütigen Vater für das Werk der Barmherzigkeit, welches
er an ihm gethan hatte. Dann ging er auf die Palmen zu, wohin ihn Osmin
bestellt hatte.
Osmin wandelte schon unter den Palmen und als Ilev auf ihn zukam sprach er:
Preiße dich glücklich, da du von nun an nicht mehr Hassan's Sklave bist,
der dich mir übergab, auf daß ich dich pflege und nicht als einen Sklaven
behandle.
Ich sage Euch meinen tiefsten Dank, edler Osmin, sprach Karl, denn nur wohl
auf Euere Verwendung hat mir Hassan der Gebieter die Freiheit geschenkt.
So folge mir nun in mein Haus nach, sagte Osmin und nimm Abschied von
diesen Gärten, die du jetzt nie mehr betreten wirst.
Karl warf noch einen langen Blick nach dem Theile des Gartens hin, wo er
seine Einsiedelei errichtet hatte und wo ihm Ossira mit den Trostesworten
erschienen war, wo er von Kummer niedergebeugt auf den Knieen vor dem in
die Trauerweide eingeschnittenen Kreuze lag und Muth und Stärke im Gebete
erlangte, dann folgte er Osmin nach, ohne demselben von der Erscheinung
Ossira's eine Mittheilung zu machen.
Eilftes Kapitel.
Karl im Hause Osmin's.
Nicht wie Ossira gesagt hatte und nicht wie Osmin selbst unter den Palmen
erklärte, erfuhr Karl in Osmins Hause eine Behandlung, man machte vielmehr
wenig Unterschied zwischen ihm und den übrigen Sklaven.
Zudem verstrichen Tage, Monate, ja ganze Jahre, ohne daß Osmin auch nur die
geringsten Anstalten traf, Karl in die Heimath zu bringen.
Denn Osmin war gierig nach Geld und hoffte, mit Ilev gute Geschäfte zu
machen. Er schrieb wohl an Karls Vater, forderte aber Behufs der Auslösung
seines Sohnes ungeheure Summen, welche das Vermögen Daruffs zweimal
überstiegen. Sei es nun, daß die Briefe nicht an Daruff gelangten, oder
daß der bekümmerte Vater einsehen mochte, nicht im Stande zu seyn, solchen
überspannten Forderungen nachzukommen, kurz es erfolgte keine Antwort und
Osmin wurde deßhalb grimmig und aufgebracht gegen Karl, indem er vermeinte,
Ilev habe ihm in der Absicht, frei zu werden, Unwahrheiten gesagt und der
Reichthum des Vaters sei nur erdichtet gewesen.
Er behandelte nun Karl wie einen Sklaven und ließ sich sogar Grausamkeiten
gegen ihn zu Schulden kommen.
Da sagte eines Tages Karl: Osmin, entweder hat mir Hassan die Freiheit
nicht geschenkt, oder Ihr handelt nicht nach Hassan's Worten, der da
wollte, daß Ihr mich zu meinem Vater zurückbringet, in dessen Wille es aber
gewiß lag, daß Ihr mich nicht wie einen Sklaven in Eurem Hause behandelt.