Doch, sagt zuvor noch, hat sich, während wir fort waren, nichts
besonders ereignet?« »Nichts, sagte die alte Försterin; nur ist leider,
bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte
angekommen. Was es wohl seyn mag!« Sie reichte ihm das Schreiben
verschlossen hin. Er öffnete es -- erblaßte -- und sagte mit einem Blick
zum Himmel: »Nun, Herr, dein Wille geschehe!« Alle schauten erschrocken
und erwartungsvoll auf ihn. »Was ist es denn?« fragte die Großmutter.
»Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort
seyn. Der Oberförster befiehlt in diesem Schreiben, das Försterhaus
müsse längstens bis zum Weihnachtsabende geräumt und gereiniget seyn,
damit der neue Förster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen könne. Er
droht, wenn wir ihm nicht gehorchen würden, uns durch die Amtsdiener
abführen zu lassen. Mich wundert, daß sie noch nicht da sind; wir sind
keinen Augenblick sicher, daß sie uns aus dem Hause werfen.«
»Ach Gott! rief die junge Försterin, jetzt, in dieser fürchterlich
stürmischen Nacht! Hört ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es
regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!« Sie sank
auf einen Sessel und umfaßte ihre zwey Kinder. »Guter Gott, seufzte sie,
ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen!« Der junge Förster stand mit
gefalteten Händen sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey
Kinder mit Augen voll Thränen an.
»O Du mein Gott, sagte die Großmutter schluchzend und die Hände ringend,
in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu
werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Großvater
lebten -- ach, es ist schrecklich! Guter Gott, laß mich in diesem Hause,
in dem ich geboren ward, vollends absterben.«
Katharine weinte stille Thränen; Luise stand zitternd und bebend da, wie
ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Förster aber mit seinem
ehrwürdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen
Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig
und gefaßt: »Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, daß wir dieses
Haus verlassen müssen. Ich weiß keinen Menschen, der uns alle zugleich
in sein Haus aufnehmen könnte. Wir werden jetzt wohl von einander
getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu
genießen -- hoffte, ihr würdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt
seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott
beschloß es anders -- wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.«
Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: »Unser Herz regt sich,
wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein
liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden über
uns, so hat Er gewiß die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer
wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerste
gekommen, muß es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus
wohlbewährter Erfahrung: Ist die Noth am höchsten, so ist Gottes Hülfe
am nächsten. -- Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in
Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand
willig annehmen.«
»Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Försterin; wir wollen
alles Gott überlassen und in unserm großen Jammer getrost seyn. Ach, ich
dachte oft daran, wie es Marien seyn mußte, als sie nicht nur in dem
Stalle übernachten mußte, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler
Nacht -- wie jetzt wir -- gar verlassen, und mit ihrem göttlichen Kinde
fortziehen sollte in ein anderes Land. O so groß ihr Glauben, ihr
Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch
um ihres Kindes willen, Thränen in die Augen traten! Ich weiß, was es um
ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewiß herzzerschneidend. Jeder
Mensch auf Erden aber muß in ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines
seiner Kinder ungeprüft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse
Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle
und auf ihrer traurigen Flucht, tröstende Freunde und leitende Engel
zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter
Zeit Hülfe schicken.«
Nun wurde mit einem Male an der Hausthüre geklopft. »Jetzt kommen sie,
sagte der alte Förster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben.« Der
Förstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: »Das sollen
sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine
Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie
Hand anlegt, den -- --«
»O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese
schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus.
Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmäßiger Gewalt! Gott ist über
uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre
Bitten und Vorstellungen über diese Männer, die uns zu vertreiben
kommen, nichts vermögen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flüchten
uns, bis die Nacht vorüber ist, in jene Höhle des Waldes, in der wir bey
stürmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach,
sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein
jedes aus euch könnte mit mir altem, vielgeprüftem Manne sagen:
Um mich hab' ich mich ausbekümmert,
Und alle Sorg' auf Gott gelegt,
Würd' Erd' und Himmel auch zertrümmert,
So weiß ich doch, daß Er mich trägt;
Und hab' ich meinen treuen Gott,
So frag' ich nichts nach Noth und Tod.«
Achtes Kapitel.
Ein unerwarteter Besuch.
Indessen wurde wiederholt geklopft, und noch stärker, als zuvor. »Geh,
Christian, sagte der alte Förster, und öffne die Thüre.« Christian ging.
Nach einigen Augenblicken trat ein schöner, ansehnlicher Herr, den sie
nicht kannten, in einen dunkelgrünen Mantel gehüllt und mit einer
Pelzmütze bedeckt, zur Thüre herein. »Das ist der neue Förster!« dachten
alle mit erschrockenen Herzen. Der Unbekannte schien aber selbst
erschrocken, so viele rothgeweinte Augen und schreckenblasse Angesichter
zu sehen. Er nahm seine Mütze ab, stand einige Augenblicke still und
sagte: »Kennen Sie mich denn nicht mehr?« »Ach Gott, rief Luise, es ist
Anton!« »Anton! rief Katharine, ists möglich?« »Was fällt euch ein,
sagte die alte Mutter; dieser Herr da ist ja viel größer und stärker als
Anton.« »Wahrhaftig, er ist es, sprach Christian, es ist Anton! Um des
Himmels willen, Bruder, wie kommst du hieher? Ich hätte dich in Rom
gesucht, mehrere hundert Stunden von hier!« Der alte Vater rieb sich die
Augen, als traute er ihnen nicht, trat langsam näher, eilte aber
plötzlich mit weitausgestreckten Armen auf Anton zu, schloß ihn in die
Arme und konnte nichts mehr sagen, als: »O mein Sohn Anton!« Sie
umarmten sich lange und innig. Nun grüßte Anton seine ehrwürdige
Pflegmutter, seine Geschwister, Christian, Katharinen und Luisen, voll
der herzlichsten Freude des Wiedersehens. Auch die junge Försterin und
ihre Kinder, die er das erste Mal sah, grüßte er mit großer Freude und
Herzlichkeit. So tief betrübt alle noch vor wenigen Augenblicken waren,
so hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle
Traurigkeit verscheucht, wie die aufgehende Sonne die nächtlichen
Schatten zerstreut.
Jetzt aber fing die alte Mutter an: »Ach Anton, du findest uns in sehr
traurigen Umständen. Du hast ja unsere Thränen noch gesehen, als du in
die Stube herein kamest. Ach, laß dir unsern Jammer doch erzählen.« »Ich
weiß alles, sprach Anton; seyen Sie aber vollkommen ruhig, liebste
Aeltern! Ihre Angelegenheiten stehen aufs Beste. Ich komme eben vom
Fürsten. Er grüßt Sie, liebster Vater, auf das freundlichste.«
»Mich? rief der alte Vater? Wie kamst du zum Fürsten? Das begreife ich
nicht. Wahrhaftig, ich fürchte, dieses alles ist nur ein glücklicher
Traum.«
»Nein, sprach Anton, nichts weniger als ein Traum, sondern die gewisse
Wahrheit. Setzen Sie sich einmal in Ihren Lehnsessel, liebster Vater,
und Sie, liebste Mutter, nehmen Sie hier Platz, und lassen Sie sich
alles ausführlich erzählen.« Er legte seinen Mantel ab und holte noch
ein Paar Sessel herbey. Die erfreuten Pflegältern nahmen ihn in ihre
Mitte. Alle übrigen standen umher und sahen voll Verwunderung und
Erwartung auf ihn. Anton erzählte:
»Unser jetziger gnädigster Fürst war, wie Sie wissen, noch vor Kurzem
als Erbprinz in Italien. Da wurden nun einmal zu Rom die Gemälde junger
Künstler zur Schau ausgestellt. Er ging hin, und unter den vielen
Gemälden gefiel ihm eines ganz vorzüglich. Man sagte ihm, ein junger
Mahler aus seinem Fürstenthume, Anton Kroner, habe es gemahlt. Der Prinz
ließ mich rufen, lobte mich sehr und war gegen mich ganz ungemein
gnädig. Er fragte mich, was ich für das Gemälde fordere, und bezahlte
mir mit fürstlicher Großmuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er
die berühmtesten Gemälde zu Rom sehen wollte, so mußte ich ihn öfter
begleiten, durfte neben ihm in seinem Wagen sitzen, ja sogar einige Male
bey ihm speisen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemälde von ganz
vorzüglicher Schönheit zum Verkauf ausgebothen. Der Prinz fuhr mit mir
hin, sie zu besehen. Er fragte mich bey jenen Stücken, die ihm besonders
gefielen, um meine Meynung, und beschloß sie zu kaufen. Es war ein Tag
bestimmt, an dem sie öffentlich sollten versteigert werden. Der Prinz
konnte aber nicht mehr so lange bleiben; er mußte nach Hause reisen, und
die Regierung übernehmen. Er gab mir daher den Auftrag, die Gemälde zu
kaufen, und dafür zu sorgen, daß sie ihm sicher und unbeschädigt
überliefert würden. Er bestimmte, wie viel ich im äußersten Falle für
die Gemälde geben dürfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieser für
mich so ehrenvolle Auftrag lag mir nun sehr am Herzen. Ich war auch so
glücklich, die Gemälde für eine bedeutend geringere Summe, als er mir
gestattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was für einen Mahler
in Italien vorzüglich sehenswerth ist, gesehen hatte, und da eben ein
Schiff zum Absegeln bereit lag, so schiffte ich mich sammt den Gemälden
ein. Ich kam mit meinem kostbaren Schatze glücklich an das Land. Da
miethete ich nun für die Gemälde einen besondern Wagen, und fuhr, damit
sie ja keinen Schaden nehmen möchten, selbst mit, bis wir auf dem Wagen
zusammen in der Residenz anlangten. Ich eilte sogleich nach Hofe und
ließ mich melden. Der Fürst war eben von der Mittagstafel aufgestanden
und befand sich in seinem Kabinette. Ich kam sogleich vor. »Nun,
willkommen in Deutschland, sprach der Fürst sehr freundlich; was bringen
Sie mir Gutes aus Italien?« »Die Gemälde, sagte ich, die ich Eurer
Durchlaucht höchstem Befehle gemäß gekauft habe.« »Nun, sprach der
Fürst, und wie viele davon?« »Alle!« sagte ich. »Alle!« rief er sehr
erfreut; »das ist ja ganz vortrefflich.« Er gab sogleich Befehl, daß die
Bilder ausgepackt und aufgestellt würden. Ich legte auch mit Hand an.
Alle waren vollkommen unbeschädigt. Der Fürst war in seinem größten
Vergnügen. Denn er ist nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner
von Gemälden. Ich überreichte ihm die Quittungen für die bezahlten
Gemälde. »Die Summe, sprach er, beträgt ja ein Merkliches weniger, als
ich Ihnen gestattete.« Ich sagte: »Eure Durchlaucht wollen befehlen, wo
ich das übrige Geld abzugeben habe.« »Ach, sagte er sehr gnädig, davon
kann keine Rede seyn. Ich bin Ihnen Dank schuldig. Wenn Sie mit mir
zufrieden sind, so bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch -- Sie sind
müde von der Reise und haben sich mit Auspacken noch mehr abgemattet.
Sie bedürfen der Ruhe.« Er befahl, mir ein Zimmer in der Residenz
anzuweisen.
Als ich Abends in meinem Zimmer saß, fiel mir plötzlich ein, den alten
Forstrath Müller zu besuchen. Er war ja, außer dem Fürsten, der einzige
Mann, den ich in der Residenz kannte, und ich erinnerte mich sehr wohl,
wie er ehemals als Oberförster Sie, bester Vater, öfter besuchte und mit
Ihnen in der herzlichsten Freundschaft lebte. Er fragte mich, wie ich
hieher komme. Ich sagte es ihm. »Sie kommen zur glücklichsten Stunde!«
sprach er, und fing nun sogleich an, mir zu erzählen, wie es Ihnen,
liebster Vater, gehe, wie viel Verdruß Ihnen der Oberförster mache, wie
Sie deßhalb selbst in die Residenz gekommen, wie Sie aber einige Tage
vor meiner Ankunft unverrichteter Sache wieder abgereiset wären. Ich
wollte sogleich wieder zum Fürsten. »Nicht doch! sagte der Forstrath,
das geht nicht. Morgen frühe müssen Sie um eine besondere Audienz
bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache ist jetzt schon so
vorbereitet, daß wir ein geneigtes Gehör finden werden.« Wir wurden am
folgenden Morgen sehr bald vorgelassen. Ich fing sogleich von Ihnen an,
und redete mit großem Eifer. Ich erzählte, wie ich in Ihr Haus gekommen,
und was Sie alles an mir gethan haben. Ich war sehr ausführlich. Der
Forstrath sagte einige Male: »Zur Sache, zur Sache!« Der Fürst aber
lächelte nur und sagte: »Lassen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes
gegen seine alten Pflegältern gefällt mir. Wir werden ja am Ende finden,
wo das alles hinaus will.« Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und
sagte es gerade zu, warum er Ihnen so aufsäßig sey, und daß er als ein
Wilddieb in das Zuchthaus gekommen wäre, wenn der hochselige Fürst nicht
zu gnädig gewesen wäre. »Nicht doch, sagte der Forstrath ernsthaft zu
mir, Sie vergessen den schuldigen Respekt. Fürsten können kaum zu gnädig
seyn. Der Oberförster war damals ein junger Mensch, und es konnte
deßhalb immer einige Schonung eintreten.« »Nur weiter, nur weiter!«
sagte der Fürst zu mir. Ich zeigte ihm nun die Briefe, die Sie, liebster
Vater, mir nach Italien geschrieben. Ich hatte sie noch in der Nacht aus
meinem Koffer hervor gesucht. Da ist auch nicht ein einziger darunter,
in dem nicht für den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in
einem Lande lebte, die besten Segenswünsche enthalten wären. Der Fürst
las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, sondern, nachdem er mich
zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubniß gefragt hatte, die ganzen
Briefe. »Nun wohl, sprach er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir schon
in Italien von dem wackern Manne gesagt haben; ein Mann, der so schreibt
und einen so guten Sohn erzog, kann kein schlechter Mann seyn.«
»Deßhalb, sagte ich, müssen Eure Durchlaucht den Oberförster bestrafen,
und dem Sohne des Försters den väterlichen Dienst geben.« Der Forstrath
blickte mich unwillig an und sagte: »Spricht man denn auch einmal so mit
dem gnädigsten Herrn.« Der Fürst sprach aber mit Lächeln: »So schnell
geht es freylich nicht, wie Sie meinen, junger Mann. Ich muß den
Oberförster erst auch hören.« Er winkte den Forstrath an ein Fenster und
redete einige Zeit besonders mit ihm. Der Forstrath setzte sich hierauf
und schrieb. Der Fürst sagte aber zu mir: »Seyen Sie ruhig, es wird
recht werden.«
Er redete nun, während der Forstrath schrieb, mit mir von Gemälden.
»Mein seliger Vater, sagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung
hinterlassen. Ich bin begierig, was Sie dazu sagen. Indeß müssen alle
Gemälde wieder in bessern Stand gesetzt werden. Diese Arbeit übertrag
ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geschäft übernehmen?« »Mit dem größten
Vergnügen, sagte ich; aber erst nach den Weihnachtsfeyertagen. Am
heiligen Weihnachtsabende habe ich meine ehrwürdigen Pflegältern das
erste Mal gesehen; an dem Weihnachtsabende muß ich sie wieder sehen;
besonders da sie in einer so traurigen Lage sind, und ich ihnen
erfreuliche Nachrichten bringen kann.« »Das ist nicht mehr als billig!«
sagte der Fürst. Der Dankbarkeit gegen Aeltern will ich gerne
nachstehen.«
Der Forstrath war indessen mit Schreiben fertig geworden und überreichte
dem Fürsten das Blatt. Der Fürst unterzeichnete es. »Grüßen Sie mir
Ihren guten Pflegvater, sprach er zu mir, und sagen Sie dem braven,
alten Manne, er solle außer Sorgen seyn.«
»Aber wie frey Sie doch mit dem Fürsten sprachen, sagte der Forstrath,
indem er mich auf mein Zimmer begleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber
Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegältern ist
dieses zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeste Weg ist immer der
kürzeste.« Ich fragte nun den Forstrath, was der Fürst mit ihm
gesprochen und was er ihm zu schreiben befohlen. Nach vielem Bitten
gestand er mir endlich, der Fürst habe gesagt: »Bald hätte man mich zu
einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die
Stelle des alten Försters ein andrer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch
einige Bedenklichkeiten dabey und habe, so sicher man auch darauf
rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor
noch gründlicher untersuchen.« Was der Forstrath schreiben mußte, war
ein besonderer Befehl an den Oberförster, ohngefähr dieses Inhalts:
»Seine Durchlaucht hätten mit allergrößtem Mißfallen vernommen, wie
unwürdig der Oberförster den würdigen Förster Grünewald behandle; der
Oberförster erhalte hiemit die geschärfteste Weisung, bis auf weiters
weder den alten Förster noch dessen Sohn im Geringsten zu beunruhigen.«
Den Befehl mußte der Forstrath sogleich durch eine Staffete absenden.
»Denn, hatte der Fürst gesagt, es liegt mir sehr daran, dem alten
ehrlichen Manne, sobald möglich, Ruhe zu verschaffen.« Der Forstrath gab
mir nun noch auf, Sie zu grüßen und Ihnen zu sagen: »Die Untersuchung,
die der Fürst anordnen werde, falle zuverläßig zu Ihrem Besten aus, und
Ihr Sohn erhalte sicher den Försterdienst.«
Der alte Förster wischte sich, so wie alle übrigen, während dieser
Erzählung öfter die Augen. Jetzt stand er auf, umarmte Anton, nahm den
Flor von dem Gemälde der Geburt Jesu hinweg, blickte dankend zum Himmel,
und rief: »Nun laßt uns in den Lobgesang der Engel einstimmen: Ehre sey
Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten
Willens sind.«
Neuntes Kapitel.
Der Weihnachtsbaum.
Nachdem Anton seine Erzählung geendet hatte, erkundigte er sich sehr
angelegentlich nach dem Befinden seiner lieben Aeltern. Er hatte nicht
ohne Schmerzen bemerkt, wie sehr beyde seit seiner Abreise gealtert
hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preßten ihm beynah
Thränen aus. Indeß ließ er sich davon nichts merken, um sie nicht zu
betrüben. Gar sehr mußte er sich hingegen verwundern, seine Geschwister,
Christian, Katharine und Luise nun in der vollen Blüthe des Lebens zu
erblicken. Er rief Christians beyde Kinder freundlich herbey. »Mein
Gott, sagte er, so verfließt die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren
Christian, Katharine und ich Kinder wie diese hier; Luise noch kleiner.
Jetzt sind diese Kinder in unsre Stelle eingerückt.« Er betrachtete die
zwey Kinder mit Wohlgefallen. »Nun, sprach er, habt ihr aber auch eure
Weihnachtsgeschenke schon bekommen?« »Ach nein; sagte der kleine Franz.
Der Oberförster hat uns den Spaß verdorben; er ist ein rechter Herodes.«
Die Mutter verwies ihm diese Rede. Die kleine Klara sagte: »Anton, dich
hat gewiß ein Engel hieher geschickt. Hast du uns aber auch ein
Weihnachtsgeschenk mitgebracht?« »O ja wohl,« sagte er, ich habe eurer
nicht vergessen. Nur müßt ihr warten, bis meine Kutsche nachkommt. In
dieser ist alles.« Die Kinder gaben sich zufrieden.
Hierauf wurde das Abendessen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet,
als gegessen. Nach Tische verlangten die Kinder in das Bett. Alle
übrigen blieben aber noch bey einander auf. »Den lieben Kleinen, sagte
Anton, müssen wir morgen frühe noch eine besondere Freude machen. Wir
müssen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen
Gegenden die Krippe, so ist in andern der Weihnachtsbaum Sitte.
Christian muß sich aus Liebe zu seinen Kindern schon bequemen, noch
diese Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nöthige,
den Baum zu schmücken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutscher, dessen
Pferde fast erlegen waren, in Aeschenthal zurückgelassen, und bin auf
dem Fußsteig über alle Berge hieher geeilt; morgen frühe aber vor
Anbruch des Tages wird die Kutsche mit meinem Koffer und übrigem Gepäcke
hier eintreffen.«
Am folgenden Morgen, sehr frühe, da die Kinder noch süß und sanft
schliefen, waren schon alle Erwachsene im Hause mit Aufstellung und
Ausschmückung des Weihnachtsbaumes beschäftigt. Ein junger schöner
Tannenbaum mit dichten grünen Aesten wurde in der Stubenecke zwischen
den Fenstern angebracht. Anton öffnete, nachdem die Kutsche abgepackt
war, eine große Schachtel, die fast mit allem, was Kinder freuen kann,
gefüllt war. Er hängte die kleinen Geschenke -- schönes Obst, allerley
buntes Zuckerwerk, niedliche Körbchen voll verzuckerter Mandeln, Kränze
von künstlichen Blumen mit rosenfarbenen oder himmelblauen Bändern
geziert, nebst allerley flimmernden Spielzeugen an den Baumzweigen auf.
Er wußte alles sehr mahlerisch zu ordnen. Nun nahm er auch ein Paar
Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegossen waren.
Er hängte sie vorsichtig, damit sie den Baum schön beleuchten, aber
nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Da alles fertig war, gingen
Katharine und Luise, die Kinder zu wecken. »Sie dürfen aber nicht früher
kommen, sagte Anton, als bis ich mit dem Anzünden der Lampen fertig bin
und bis die Mutter ruft.«
Als die Kinder von den Weihnachtsgeschenken hörten, verging ihnen
sogleich aller Schlaf. Man konnte sie nicht schnell genug ankleiden.
Endlich rief die Mutter: »Jetzt kommt!« Die Kinder sprangen eilig in die
Stube -- blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet plötzlich stehen.
Vor Erstaunen und Entzücken über den unerwarteten Anblick konnten sie
Anfangs nicht reden. Sie staunten den wundersam schimmernden Baum mit
starren Augen und offnem Munde unverwandt an. Der grüne Glanz der
Zweige, die Lichter, die dazwischen wie Sterne schimmerten, die hochroth
strahlenden Aepfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und
funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberey vor. Sie wußten nicht, ob sie
wachten oder träumten. Endlich riefen sie höchst entzückt: »O wie schön,
o wie herrlich!« Franz sagte: »Einen solchen Baum, der so schön ist und
im Winter so vielerley Früchte trägt, giebts in unserm ganzen Walde
nicht.« »Ey, sagte Klara, solche Bäume wachsen nur im Paradiese, oder
gar nur im Himmel. Nicht wahr, Mutter, das Christuskindlein hat uns den
Baum geschickt?« »So, wie er da ist, sprach die Mutter, nun eben nicht.
Indeß hat doch Christus, der einst als ein Kind in der Krippe lag und
nun im Himmel ist, euch diese Freude beschert. Denn wäre Er uns nicht
geboren, so wüßten wir nichts von Weihnachtsfreuden und
Weihnachtsgeschenken.« »Nun gut, sagten die Kinder, wir wollen Ihn schon
recht lieb haben und Ihm recht folgen. Er ist doch gar so gut, und hat
die Kinder gar so lieb. Eine solche Freude, wie Er uns macht, hatte noch
kein Mensch in der Welt.«
Die Großmutter sprach: »Es ist wohl wahr, ein erwachsener Mensch kann
kaum eine solche Freude empfinden, wie ihr Kinder. Schuldlose Kinder
sind die seligsten Geschöpfe auf Erden; ihre Freuden sind rein und
lauter. Gott erhalte euch unschuldig und gut!« -- »Ach, sagte sie zu den
übrigen, die Freuden der Erwachsenen werden nur zu oft von Kummer und
Sorge, von Ehrsucht, Geiz, andern bösen Leidenschaften, wohl gar von
Gewissensbissen verbittert. Darum ist es ein schönes, wahres Wort unsers
göttlichen Erlösers: »Wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie
die Kinder, so könnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.«