Zu Ihm steht jedem Menschen der Zutritt offen. Er offenbarte sich zuerst

armen, einfältigen Landleuten -- den Hirten, auch seine Mutter ist arm,

sein Nährvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit sein Brod erwirbt.

Schon bey der Krippe Jesu wird uns gezeigt, daß Reichthum, hoher Rang

und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menschen um sich

sammeln, die eines guten Willens sind, wie Maria, die heiligste

Jungfrau, wie Joseph, der Gerechte, wie die Hirten, diese frommen Männer

voll Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Doch weiset Er auch den größten

Sünder nicht zurück, der seine Sünden bereut und sich ernstlich bessern

will. Darauf deutet schon der Namen des göttlichen Kindes. Deßwegen

verkündete der Engel Marien den göttlichen Befehl: »Ihm sollst du den

Namen Jesus geben!« Deßhalb wiederholte er diesen Befehl dem Joseph:

»Jesus, das heißt Erlöser, sollst du Ihn nennen, denn Er wird sein Volk

von Sünden erlösen.« Das sündige Menschengeschlecht sollte sein Volk,

ein heiliges Volk Gottes werden. Deßwegen sehen wir über der Krippe Jesu

den offnen Himmel. Er wollte den Menschen den verschlossenen Himmel

wieder öffnen, ein Himmelreich auf Erden gründen, und so Himmel und Erde

wieder vereinigen. Darüber freuen sich die heiligen Engel Gottes, jubeln

und frohlocken, preisen Gott in der Höhe und wünschen den Menschen Glück

zu dem Heile, das Ihnen durch Christus bereitet ward.«

Was uns bey der Krippe Jesu verkündet wird, das hat Jesus Christus

erfüllt, so große Hindernisse Ihm auch der Unglaube und die

Hartnäckigkeit der Menschen entgegen setzte; an so vielen seine Geburt

und sein Tod verloren war. Er gründete ein Himmelreich auf Erden, und

sein Werk bestand. Manche Welteroberer stifteten indessen Weltreiche;

allein sie überlebten ihre Reiche nicht lange, oder sahen wohl noch

lebend sie in Trümmer zerfallen. Das Reich Jesu allein -- das wahre

Christenthum -- breitete sich immer weiter aus und bestand bis auf diese

Stunde. Ganze Völker kamen zum Glauben an Ihn und Könige zierten ihre

Kronen mit seinem Kreuze. Die alten heidnischen Gräuel, Menschenopfer

und dergleichen, verschwanden aus den christlichen Ländern der Erde.

Eine Menge von Tempeln und Kirchen erhoben sich, in denen der wahre Gott

angebethet und göttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzählige Schulen,

Armenanstalten, Krankenhäuser kamen durch die christliche Liebe zu

Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke müßten ohne diese milden

Stiftungen in Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Elend umkommen!

Millionen von Menschen haben im Glauben an Christus Beruhigung über

begangene Sünden gefunden, und sind durch Ihn edle Menschen geworden.

Und noch jetzt, so sehr auch der Unglaube und das Verderben über Hand

nehmen, schlagen Ihm unzählige Herzen und finden in Ihm Trost in Noth

und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freudenbothschaft von Ihm,

den Heiden verkündet, und wilde Völker bekehren sich zum Glauben an Ihn,

freuen sich der himmlischen Wahrheit und nehmen sanftere Sitten an. Der

Geburtstag Jesu ist daher der wichtigste Tag in der Weltgeschichte, und

mit Recht fingen die weisen Alten von diesem Tage eine neue Zeitrechnung

an. Jede Jahrszahl soll uns daran erinnern, der Geburtstag Jesu sey der

Geburtstag des Lichtes und Heiles für alle Menschen, die Ihm Augen und

Herzen öffnen wollen -- der Geburtstag des wahren Menschenglückes, der

Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechtes. Laßt uns denn, meine

Kinder, an diesem Abende und am morgigen Tage dem Erlöser aufs neue

huldigen und in den Lobgesang der Engel mit einstimmen.«

So sprach der Förster; die Försterin sagte gerührt: »Ja, Kinder, das

wollen wir! Das schöne Gemälde, das Anton uns schickte, ist das schönste

Weihnachtsgeschenk, das Anton oder irgend ein Mensch -- ja wohl ein

Fürst! -- uns hätte machen können. Die Andacht, mit der Ihr die frommen

Bemerkungen eures Vaters angehört habt, ist die schönste

Weihnachtsfeyer, mit der wir den heiligen Abend feyern können. Wir

wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete,

dankbar annehmen. Dann ist der Geburtstag des Erlösers auch der

Geburtstag unsers Heils.«

Sechstes Kapitel.

Widerwärtige Schicksale des Försters.

Der treffliche Förster hatte mit den Seinigen seit Antons Abreise

mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren

erwachsen; der Sohn ein rüstiger junger Mann, die Töchter blühende

Jungfrauen; alle sehr gut erzogen und von untadelicher Aufführung.

Allmählig empfand der gute Vater aber die Beschwerden des herannahenden

Alters. Er war darauf bedacht, seinen Dienst dem Sohne abzutreten. Der

Fürst des Landes besuchte jährlich im Herbste auf einige Tage das

fürstliche Jagdschloß Felseck; denn die Jagd war ihm bey seinen vielen

Geschäften immer einige Erholung. Er war ein sehr leutseliger Herr;

jeden seiner Unterthanen, auch den Geringsten, hörte er liebreich an und

redete freundlich mit ihm. Als der Fürst wieder auf dem Jagdschlosse

angekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Försters besonders gut

ausgefallen war, näherte sich ihm der Fürst, klopfte ihm sehr zufrieden

auf die Schulter und sagte: »Nun wie gehts, mein lieber Förster?«

»Eure Durchlaucht, sprach der Förster, diesen alten Schultern will die

Last des Tages zu schwer werden; ich wünsche sie jüngern Schultern

übertragen zu dürfen.« »Nun, sprach der Fürst, doch wohl Eurem Sohne,

dem Christian dort? Er ist ein braver Jäger, und, was ich ohne Vergleich

mehr schätze, ein sehr guter Forstmann. Die Waldungen sind, wie ich auf

der Jagd gar wohl bemerkte, im besten Zustande. Verlaßt Euch darauf;

kein Anderer bekommt den Dienst. Er mag ihn auch einstweilen versehen.

Indeß ist mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufsicht und den

Förstertitel beybehaltet. Auch die besten jungen Leute werden leicht

übermüthig und nachläßig, wenn ihr Rockkragen zu frühe mit goldenen

Börtchen verbrämt wird. Es ist mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch

eine Zeit Förster bleibt.«

Der Förster bezeugte dem Fürsten für die gnädige Zusicherung seinen

Dank, und sagte dann: »Es ist aber noch ein anderer Umstand dabey. Mein

Sohn könnte sich eben jetzt gut verheirathen -- mit der Tochter meines

Jugendfreundes, des längst verstorbenen Försters Busch. Das Mädchen hat

erst kürzlich auch ihre Mutter verloren, und weiß nun nicht wohin. Sie

ist arm -- aber sehr fromm, fleißig und die lautere Unschuld, Güte und

Bescheidenheit.« »Nun wohl, sprach der Fürst; ich lobe es sehr, daß ein

braver Mann bey seiner Wahl mehr auf Unschuld und Tugend, als Geld und

Gut sehe. Ich gebe ihm die Erlaubniß zu heirathen mit Vergnügen -- und

die Anwartschaft auf den Försterdienst dazu. Ich werde sogleich Befehl

geben, damit das Dekret ausgefertigt werde.«

Der Förstersohn, der voll banger Erwartung in einiger Entfernung stand,

kam auf den Wink seines Vaters herbey, und dankte dem Fürsten. Die

Heirath kam zu Stande. Mit der jungen sanften Frau kam neuer Segen in

das Haus; Friede und Eintracht wohnten unter dem Dache des guten

Försters. Dem alten Manne wurde noch die Freude, seine Enkel auf seinem

Schooße zu sehen, und die alte Försterin wurde wie verjüngt, nun ihre

kleinen Enkel pflegen und tragen zu können. Die Töchter des Hauses

lebten mit der jungen Försterin wie mit einer Schwester. Alle waren sehr

glücklich.

Allein bald kam über dieses glückliche Haus eine große Widerwärtigkeit.

Sie entspann sich aus einer alten Geschichte, die der alte Förster

beynahe vergessen hatte. Jener junge Herr von Schilf, der ehemals mit

dem Förster öfter auf die Jagd gegangen war, hatte bald darauf sich

herausgenommen, allein und ohne Erlaubniß des Försters in den Wald zu

gehen, und alles, was ihm zu Gesicht kam, ohne Erbarmen

niederzuschießen. Der Förster traf ihn im Walde und sagte: »Das

Wildschießen ist sehr strenge verbothen. Haben Sie, mein lieber junger

Herr, Lust zur Jagd, so kommen Sie, wie bisher, zu mir. Ich nehme Sie

dann gern mit mir, und weise Ihnen die besten Plätze an, wo Sie dann

nach Herzenslust schießen können. Allein das darf ich nicht zugeben, daß

Sie eigenmächtig in dem mir anvertrauten Forste schalten und walten.«

Wer aber nach wie vor auf die Jagd ging, war der junge Herr. Der Förster

traf ihn wieder, nahm ihm das Gewehr und sagte: »Gott weiß es, ich thu

es ungern. Allein ich muß. Die Befehle sind streng; ich kann nicht

anders. Wenn ich Sie nochmals treffe, muß ich weitere Anzeige machen,

und dann -- geht es Ihnen nicht gut.« Der brave Förster ging überdieß

noch zu dem alten Herrn von Schilf, und bath ihn, dem jungen Herrn das

Jagen zu verbiethen. Der alte Herr ließ zwar sonst seinem Sohne alles

hingehen. Allein dieses Mal ward er doch sehr aufgebracht; er fürchtete

die fürstliche Ungnade. Er drohte seinem Sohne mit der Enterbung, wenn

er noch ein einziges Mal auf die Jagd gehen würde; es sey denn, der

Förster gehe mit ihm. Allein der junge Herr war es schon gewohnt, seinem

Vater nicht zu gehorchen. Bald darauf hörte der Förster einen Schuß,

eilte hin und traf den jungen Herrn bey einem erlegten Hirsch. Der

Förster machte die Anzeige. Der alte Herr von Schilf reisete selbst zum

Fürsten und flehte um Gnade. Der Fürst sagte: »Nach den Gesetzen sollte

der junge Herr in das Zuchthaus wandern. Ich will ihn zwar begnadigen;

allein läßt er sich noch einmal treffen, so schicke ich ihn sicher dahin

-- und da begreifen Sie wohl, daß ich mir denn einmal keinen Rath oder

andern Diener aus dem Zuchthause nehmen kann.« Die Sache wurde so

beygelegt. Der junge Herr von Schilf faßte aber einen grimmigen Haß

gegen den ehrlichen Förster, und glühte, wiewohl indeß viele Jahre

verflossen waren, noch immer von Rache gegen ihn.

Jetzt starb der Fürst sehr unerwartet; der Erbprinz war noch

minderjährig und befand sich eben auf Reisen. Es wurde eine

Vormundschaft angeordnet und in dem Lande ging manche Veränderung vor.

Der junge Herr von Schilf, der sehr reich war und angesehene Verwandte

hatte, wurde Oberförster. Mit großer Pracht zog er in das fürstliche

Jagdschloß Felseck ein, von dem ihm ein Theil zur Wohnung angewiesen

wurde. Er war nunmehr der Vorgesetzte des guten Försters, und quälte den

alten Mann unsäglich. Des Tadelns war kein Ende. Der Förster konnte ihm

nichts recht machen.

Der Erbprinz hatte zwar nunmehr die Regierung angetreten. Allein der

Oberförster von Schilf, der sehr abgeschliffen, gewandt und beredt war,

wußte den obersten Forstmeister, der bey dem neuen Fürsten sehr viel

galt, ganz für sich einzunehmen, und ward nun gegen den guten Förster

noch übermüthiger und feindseliger, als zuvor. »Ihr taugt nicht mehr zum

Dienste, sagte er einmal zu ihm; ich werde darauf antragen, einen

brauchbareren Mann für den schönen Forst zu bekommen.« Der Förster

sagte: »Herzlich gern lege ich mein Amt nieder. Ich hätte es schon

längst gethan, wenn der hochselige Fürst es zugegeben hätte. Es ist also

mein Sohn Förster.« »Das wäre! sagte Herr von Schilf höhnisch lächelnd.

Da müßte ich auch etwas davon wissen.« Der Förster berief sich auf jenes

fürstliche Dekret, dem zu Folge sein Sohn geheirathet hatte. »Pah, rief

Herr von Schilf, ich kenne es wohl.« Er wußte es sehr künstlich

auszulegen. »Es ist, sagte er, blos ein Versprechen auf Wohlverhalten;

nichts weiter. Der Junge taugt aber nichts. Ich werde meinen Mann besser

zu wählen wissen.«

Der alte, graue Förster bemühte sich vergebens, eine Thräne zu verhehlen

und sagte: »Seyn Sie nicht ungerecht, Herr Oberförster! Sie glaubten

sich einmal von mir beleidigt. Deßhalb sollten Sie sich zweyfach in Acht

nehmen, mir wehe zu thun.« »Was, rief Herr von Schilf, und seine Augen

funkelten von Zorn; Ihr selbst erinnert mich an Eure Grobheiten! Ihr

selbst mahnt mich daran, daß Ihr mir mein einziges Jugendvergnügen

geraubt und mich bey Hofe angeschwärzt habt. Ihr seyd ein

ungeschliffner, übermüthiger Kerl. Von jeher hattet Ihr keine Achtung

für höhere Stände, und hieltet Euch nur an Bettlergesindel. Eurem Sohne

habt Ihr gestattet, ein Mädchen ohne Heller und Pfennig, eine wahre

Bettlerin zum Weibe zu nehmen. Euer hübsches Vermögen habt Ihr an den

Bettelbuben, den Anton, weggeworfen. Ihr wußtet Euer eigenes Vermögen

nicht zu verwalten, wie solltet Ihr fremdes Eigenthum und das Interesse

des Fürsten gut besorgen? Geht, geht, mit Euch ist nichts anzufangen.

Ich hoffe, wir werden bald wenig mehr mit einander zu thun haben und Ihr

sollet mir bald gar nicht mehr unter die Augen kommen.«

Der Förster ging. »Hum, dachte er auf dem Heimwege, der Oberförster mag

sagen, was er will. Meine Waldungen sind in der besten Ordnung. Er kann,

so abgeneigt er mir auch ist, mir nichts anhaben. Ich lasse es darauf

ankommen.« Er sagte indessen zu Hause den Seinigen von allem, was der

Oberförster gesagt hatte, nichts, um sie nicht ohne Noth zu betrüben.

Allein bald darauf, da der alte Mann eben aus dem Walde zurückgekommen

war und in seinem Lehnsessel ausruhte, trat ein Bothe in die Stube, und

überreichte ihm ein Schreiben vom Oberforstamte. In dem Schreiben stand:

Der bisherige Förster Grünewald sey vermög höchsten Befehls, wegen

Altersschwäche und davon herrührender Unfähigkeit, seines Dienstes

entlassen und der Forst bis zur Wiederbesetzung einstweilen dem

benachbarten Förster zu Waldenbruch zur Verwaltung übergeben worden. Von

einem Ruhegehalt für den verdienten alten Mann, von einer andern

Anstellung seines Sohnes war keine Rede. Nur wurde noch bemerkt, der

abgekommene Förster solle sich von dem Augenblick an, da er dieses

Schreiben erhalte, nicht mehr unterstehen, im Walde einen Schuß zu thun

oder sich auch nur mit einem Gewehre blicken zu lassen, bey Strafe, daß

es ihm abgenommen werde.

Der alte Förster öffnete das Schreiben und ward sehr bestürzt; seine

Hand zitterte, in der er es hielt. Indessen faßte er sich wieder und las

den Seinigen, die in der Stube mit allerley Arbeiten beschäftigt waren,

das Schreiben laut vor. Die alte Försterin und ihre zwey Töchter wurden

bleich vor Schrecken. Der junge Förster glühte vor Zorn über die Bosheit

des Oberförsters. Die junge Försterin stand eine Weile sprachlos da und

fing dann an, laut zu weinen. Ihre Kinder, die in der Stube spielten,

und die Mutter weinen sahen, weinten auch. Es entstand ein allgemeiner

Jammer. Nur der alte ehrwürdige Förster stand ruhig in ihrer Mitte, und

sprach: »Vergeßt nicht, daß der alte Gott noch lebt. Du, Großmutter,

höre zuerst auf zu weinen, und gieb unsern Kindern und Enkeln ein

Beyspiel von Vertrauen auf Gott. Gegen seinen Willen können böse

Menschen uns nicht schaden. Diese Prüfung kommt von Ihm; sie wird uns

einmal zu unserm Besten gereichen. Also Muth gefaßt! Gott ist unser

mächtiger Beschützer. Er verstoßt uns nicht, wenn uns auch alle Welt

verstoßen sollte. Er, der gute, reiche Vater wird es uns, seinen

Kindern, nie an Brod fehlen lassen. Auf Ihn wollen wir vertrauen und

unverzagt und getrost seyn.«

»Indeß, fuhr er fort, will ich nichts von dem unterlassen, was ich thun

kann. Ich reise Morgen des Tages zum Fürsten. Er ist so edelmüthig, als

sein hochseliger Vater. Er wird mich hören, so überhäuft er auch jetzt,

bald nach dem Antritte seiner Regierung, mit Geschäften seyn mag. Er ist

gerecht; er wird nicht zugeben, daß man einen alten Diener, der dem

Fürstenhause über vierzig Jahre treu und redlich diente, so ohne Weiters

mit Weib, Kindern und Enkeln dem Mangel und dem Hungertode preis gebe.

Du, Christian, mußt mich begleiten. Wir können ja jetzt beyde abwesend

seyn, ohne den Oberförster um Urlaub zu bitten. Wir machen die Reise zu

Fuß; das Reiten oder Fahren wäre für unsre jetzigen Umstände zu kostbar;

ist auch gar nicht nothwendig. Die nöthigen Kleidungsstücke für die

Reise finden in unsern Jagdtaschen wohl Platz. Macht nur Anstalt, daß

Morgen frühe alles bereit sey.«

Der alte Förster war am folgenden Morgen schon vor Anbruch des Tages

aufgestanden und weckte seinen Sohn. »Es wird mir zu lange, auf den Tag

zu warten, sagte er; es ist ja Mondschein und wir kennen alle Wege. Laß

uns gehen!« Die alte Försterin legte die grüne, goldbordirte Uniform

hübsch zusammen, und schlug ein reines Leinentuch darüber, um sie

bequemer in die Jagdtasche zu packen. Katharine brachte Weißzeug und

einige Lebensmittel für die Reise. Die junge Försterin und Luise machten

das Frühstück zurecht und kamen damit in die Stube. Die Kleinen

schliefen noch. »Und bis wann gedenkst du denn wieder zurück zu kommen?«

fragte die alte Försterin ihren Mann. »Das weiß ich selbst noch nicht

genau, sprach er; vor acht Tagen schwerlich.« »Morgen über vierzehn Tage

ist der heilige Weihnachtsabend, sagte die alte Försterin; bis dahin

kommst du doch gewiß?« »Wills Gott, morgen über acht Tage, sagte der

Förster. Uebrigens gehe es, wie es will, den heiligen Weihnachtsabend

muß ich mit Euch feyern.« »Gott gebe, in Freuden!« sagte die Försterin.

»Bethet indessen, sagte der Förster noch, und vertraut auf Gott. Er wird

machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist.« Alle begleiteten die

zwey Männer unter die Hausthüre. Es war noch völlig Nacht und man sah

noch nicht das Geringste von der Morgenhelle. Sie gingen indessen in der

kalten schauerlichen Dezembernacht getrost weiter.

Alle im Hause waren nun um die lieben Reisenden, besonders um den alten

Vater sehr besorgt. Die ersten acht Tage wußten sie sich zwar immer zu

trösten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern verging und die

Witterung höchst unfreundlich und stürmisch wurde, und es fast

unaufhörlich regnete, wurden sie sehr unruhig. »Ach, sprachen sie, der

Christian, so rüstig er ist, wird genug auszustehen haben; wie aber wird

der alte Vater durchkommen?« Die zwey Kinder des jungen Försters liefen

alle Augenblicke vor die Hausthüre, um zu sehen, ob der Vater und der

Großvater denn noch nicht kämen.

So verfloßen zu den ersten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und

Sorgen. Ueberdieß hatte bald nach der Abreise der beyden Förster ein

Jägerbursch des Oberförsters ein amtliches Schreiben gebracht. Die

Försterin getraute sich zwar nicht, es zu öffnen; allein sie fürchtete,

daß es nichts Gutes enthalte. Denn der Jägerbursch hatte noch mündlich

mit höhnischer Miene gesagt: »Es ist toll, daß der alte Mann mit seinem

jungen Brausekopf in die Residenz lauft. Der Herr Oberförster ist seiner

Sache gewiß. Sie richten sicherlich nichts aus und kehren mit Schand und

Spott zurück.« Alle im Hause betheten indeß täglich, Gott wolle die

beyden Reisenden bey dem Fürsten ein gnädiges Gehör finden lassen und

sie glücklich wieder nach Hause führen! Auch die Kinder betheten

ungeheißen mit.

Siebentes Kapitel.

Wie es mit dem Förster weiter gegangen.

Unter diesen traurigen Umständen brach der heilige Weihnachtsabend an.

Es wurde heute früher Nacht als sonst. Denn der ganze Himmel war mit

schweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen

und die schwankenden Tannen des Waldes. Es schneyete und regnete sehr

heftig und die Dachrinne rauschte gleich einem Regenbach, der von einem

Felsen stürzt. »Ach Du mein Gott, sagte die alte Försterin, nachdem sie

lange zum Fenster hinaus gesehen hatte, sie kommen noch nicht. Wenn sie

heute, am heiligen Christabende, ausbleiben, so ist ihnen sicherlich ein

Unglück begegnet. Mir ist ganz unaussprechlich bange. Es ist ja ein

Wetter, man sollte keinen Hund vor die Thüre jagen, und die Wege sind

zum Versinken schlecht. Ach, wenn sie nur wieder da wären, gehe dann

alles Uebrige, wie es wolle!«

Sie öffnete wieder das Fenster, sah hinaus und rief: »O Gottlob, nun

kommen sie!« Alle eilten ihnen vor die Hausthüre entgegen; alle fragten:

»Nun, wie ist es in der Stadt gegangen?« »Ich hoffe, es soll noch alles

gut gehen! sagte der alte Förster. Ihr werdet aber unsertwegen Kummer

gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reise nicht

ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder besser ging,

waren von dem vielen Regen die Flüße und Bäche so angeschwollen, daß wir

noch einige Tage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, daß wir wieder da

sind!« Er trat in das Haus, kleidete sich um, und setzte sich in seinen

Lehnsessel an den wärmenden Ofen. Die alte Försterin brachte eine

Flasche Wein, zwey Gläser und die brennende Oellampe. »Erquickt euch

doch beyde ein wenig, sagte sie, indem sie einschenkte; ihr werdet es

beyde sehr nöthig haben. Das Essen wird bald fertig seyn.« »Wohl! sprach

der Förster, beym Scheine des hellen Oellichtes umher schauend; es ist

doch gut, wieder zu Hause zu seyn, unter den lieben Seinigen, wo man

lauter freundliche und fröhliche Gesichter um sich erblickt.«

Der junge Förster hatte aber indeß seiner Frau im Vertrauen gesagt: »O,

es steht gar nicht gut; wir kommen wahrscheinlich um den Dienst.« Diese

erschrak sehr, und sagte es heimlich den übrigen. Der alte Förster sah,

wie sich auf einmal alle Gesichter verfinsterten, und von Schrecken und

Angst zeigten. »Hat Christian schon geplaudert? sagte er; je nun, es ist

da nichts zu verhehlen. Ihr sollet alles hören; doch werdet mir nicht zu

traurig. Es ist uns ja heute Nacht ein Erlöser geboren; über dieser

großen Freude müssen wir unsere kleinen Erdensorgen vergessen;

wenigstens sie uns nicht zu sehr zu Herzen nehmen.« --

»Als wir, sprach er hierauf, Abends spät in der Residenz ankamen, ging

ich noch zu dem alten Forstrath Müller. Er ist ein sehr biederer Mann,

dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberförster und immer mein

Freund. Die übrigen Räthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe

versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschäften zurück

gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben.« So dacht' ich.

Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herzlichkeit auf.

Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: »Sie haben an dem Oberförster

einen sehr schlimmen Feind, der dahier mächtige Freunde hat. Er will

Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen

und sendet immer die nachtheiligsten Berichte über Sie und Ihren Sohn

ein. Ich fürchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian

um das väterliche Brod.« »Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit

kommen! Indeß bin ich Willens, selbst zum Fürsten zu gehen.« »Thun Sie

das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu

der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschäfte. Sie werden kaum

vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forsträthen müssen

Sie gehen. Allein ich fürchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr

von Schilf hat sie alle ganz verblendet.« Ich fand auch, daß der

Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der

oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab.

Die andern Räthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur

finstere Gesichter und mußte manche harte Rede anhören. Bey dem Fürsten

aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht

vorgelassen. Der Oberförster wußte mich und den Christian sehr schlau zu

verleumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausführlich erzählen; es

betrifft ohnehin Geschäfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir

hoffen können, ist eine Untersuchung; allein es ist zu fürchten, daß sie

in solche Hände kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten

haben. -- Doch diese Gespräche machen uns zu traurig, und heute Abend

sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit fröhlich seyn. Es ist

ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlösers

gedenken. Das wird unsern trüben Sinn erheitern.«

Er richtete seine Blicke auf das Gemälde von der Geburt Jesu, das Anton

einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin

der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem

Flor verhüllt. Die kleinen Enkel des alten Försters, zwey liebliche

Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die

Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und

trockneten sich schnell die Thränen von ihren erheiterten Gesichtchen.

»Großmutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und

zünde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht

sehe.« »Und du, Großvater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir

wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.«

Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder · 第 3 / 5 段