Obgleich keiner der Hüter meiner Sachen in deren Nähe sich befand,

welche auch, wie ich später erfuhr, ohne besondere Aufsicht sicher

gestanden haben würden, so hielten doch alle drei die Hände auf, in

dem Glauben, daß in jede ein Schilling gelegt werde. Der Gemahl meiner

jungen Leidensgefährtin, welcher zurückgekommen war, nahm sich aber

der Sache an, und fertigte in meinem Namen Alle für ihr Nichtsthun mit

einem Schilling ab.

Um ein deutsches Kosthaus, wo man billig logiren sollte, zu beziehen

(wenn das Wort „billig“ in London Anwendung finden kann), nahm ein

vereideter Lastträger, wie es das angehängte Schild zu erkennen gab,

meinen Koffer mit auf seinen schon mit andern Sachen beladenen,

zweirädrigen Wagen, welcher von zwei kleinen Buben gezogen wurde, und

bestimmte, da dieses ~Hôtel~ weit entfernt seyn sollte, sechs

Schillinge Fuhrlohn. In der bald erreichten ~Bishopsgate-Street~,

bei ~Old Catherine Wheel Jun.~, wurden die übrigen Sachen

abgeladen und zu meiner Freude fand ich hier einen Straßburger wieder,

den ich schon in Amerika kennen gelernt, und der jetzt, wie ich, auf

der Heimreise begriffen war, da er jenseits des Meeres auch nicht

gefunden, was Tausende vergeblich suchen. Auf den Vorschlag, hier zu

logiren, und dann mit ihm und einem zweiten Landsmann, welcher auch aus

Amerika kam, die Reise über Paris zu machen, war nichts einzuwenden,

und da er versicherte, daß der Wirth, ein geborner Franzose, zwar auch

die Feder zu spitzen verstehe, er doch nicht, wie es hier die Sitte in

andern ~Hôtels~ sey, das Fell über die Ohren ziehe, und ich leicht

auch bei dem rekommandirten deutschen Wirthe aus dem Regen in die

Traufe kommen könne, so gab ich nach und blieb hier.

Dagegen hatte der Fuhrmann nichts einzuwenden; als ich aber statt

sechs nur drei Schillinge für den Transport des Koffers zahlen wollte,

da noch nicht die Hälfte des akkordirten Weges zurückgelegt war, und

dieses schon übertheuer bezahlt sey, wie die Andern versicherten, so

predigte ich doch tauben Ohren. Ohne seine Schuld sey der Weg gekürzt

worden, war die Antwort, und Niemand könne sein gutes Recht auf die

bedungene Summe ihm absprechen, auch würde er bei weiterm Aufenthalt

noch wegen Zeitverlust auf Vergütung Anspruch machen.

Mit den englischen Gesetzen zu wenig bekannt, und um einen Rechtsstreit

zu beginnen, nicht nach London gekommen, zahlte ich also, und mache

dieses als Vorgeschmack bekannt, damit man sehe, was den wenig

bemittelten Reisenden für Genüsse in England erwarten.

Noch zu sehr erschöpft und ärgerlich gestimmt über die unverschämten

Forderungen dienstbarer Geister, ward beschlossen, die letzten

Stunden des heutigen Tages zu ruhen, und morgen erst die Wanderung

durch Britanniens Hauptstadt zu beginnen. -- Um die Wollust, auf

einem weichen Bette sich zu pflegen, recht zu empfinden, muß man, wie

ich, mehrere Wochen vorher unter immerwährenden Stürmen auf hartem

Lager zugebracht haben. -- Schon war es hoch an der Zeit, was ich

nicht bemerkt hatte, da die herabwallenden Bettvorhänge dem Auge die

Tageshelle verbargen, als die im Nebenzimmer logirenden Landsleute mich

weckten, da der auf heute bestellte Lohnbediente angekommen sey.

Schnell war die Toilette gemacht, schneller noch das Frühstück

verzehrt, und: „Wohin nun zuerst die Schritte gerichtet?“ war die

Frage des Wegweisers. Die Ansichten stimmten nicht überein. Der

Themse-Tunnel, dieses Riesenwerk, erregte vor Allem meine Neugierde,

dagegen der dritte Landsmann, als Bierbrauer, die großartigen Anstalten

Londons zuerst besehen wollte, der Straßburger, als Handelsmann, aber

die Börse und von der großen Brücke herab, das Gewühl der Fahrzeuge

auf der Themse zu sehen wünschte. „Es wird wohl das Beste seyn“,

versetzte der ~Cicerone~, „wenn Sie sonst keine bestimmten

Geschäfte abzumachen haben, und die Briefe nebenbei abgegeben werden

können, daß wir uns zuerst nach dem volkreichsten Theile der Stadt,

der ~City~, begeben, damit Sie sogleich einen Blick in Londons

Geschäftsleben werfen, und auf dem Wege durch ~Lutgad-hill~, das

Packet besorgen können.“

Kaum hatten wir unser Logis im Rücken, als der Führer den Antrag

stellte, im Falle wir einige Wochen hier verleben wollten, unsern

jetzigen Aufenthalt zu verlassen, wo, im Verhältniß zu andern großen

Städten, bei aller Billigkeit noch theuer zu logiren sey. Dagegen

finde man mit leichter Mühe, wie auf den an den Häusern angeschlagenen

Zetteln zu ersehen sey, überall zur Miethe ausgebotene Wohnungen, groß

oder klein, elegant und einfach meublirt, je nach Bedarf. Da wir aber

nur einige Tage in London zu bleiben gedachten, wurde für die Nachricht

gedankt, ohne selbst Gebrauch davon zu machen. Ich halte es aber der

Angabe werth, da es vielleicht dem geehrten Leser zu Gute kommen mag,

wenn er nach vollendeten Eisenbahnen einen Abstecher nach England zu

machen, willens seyn sollte.

Größer noch, wie in ~New-York~, ist das Treiben und Wogen der

geschäftigen Menge in diesem Stadtviertel. Die Trottoirs in den

Hauptstraßen, breit genug um sechs und mehreren Personen neben einander

das Gehen zu gestatten, sind beständig mit Menschen überfüllt.

Schwieriger aber noch wird das Durchkommen in den engen und krummen

Gassen der eigentlichen ~City~, wo die Fußwege schmal und der

Koth in den, wie es scheint, nie gereinigten Fahrstraßen, den dahin

Tretenden, oder quer über die Straße Gehenden, in die Gefahr versetzt,

die Fußbekleidung im Stiche zu lassen. Demnach befinden sich gewöhnlich

Bettler, mit Besen bewaffnet, an den Orten, wo die Trottoirs durch

eine Straße unterbrochen werden, um einen schmalen Fußweg zu fegen. Da

aber die Arbeit nur ein Gewerb zum Betteln ist, und das ewige Fahren

Alles wieder sogleich mit Koth überzieht, auch bei dem ewigen Nebel die

Trottoirs nicht immer die reinlichsten sind, so bedient man sich in der

Regel der Galloschen, und die Frauenzimmer mit Zwecken beschlagener

Stelzschuhe, welches Klappern schon aus der Ferne die Ankunft der

Schönen verräth.

Die vornehme Welt besucht diesen Stadttheil nie zu Fuß, und selbst der

Mittelstand bedient sich der Miethwagen, welche den ganzen Tag auf den

angewiesenen Plätzen bereit stehen, und deren Zahl über 1200 seyn soll.

Da durch das ewige Hin- und Herfahren, so wie das durch Einanderdrängen

nach allen Richtungen, im Fahrwege ohne Gefahr zu gehen, nicht möglich

ist, so spatzieren auch auf den Trottoirs die vielen Lastträger,

Schubkärner, Milchhändler, Brod- und Kuchen-Händler mit ihren Körben,

Straßenkehrer mit ihrem Geräthe, wie alle mit Baumaterial belasteten

Maurer und Zimmerleute, und die größte Vorsicht ist nöthig, um

nicht umgerannt zu werden. Durch die langen Züge der sich aneinander

reihenden Wagen entstehen oft bei Passirung der Querstraßen,

Viertelstunden lange Stockungen, welche Zeit des Aufenthaltes der

Fußgänger verwendet, um die geschmückten Läden, da fast jedes untere

Stock dazu eingerichtet ist, zu besehen. -- Die Pracht und Schönheit

dieser Gewölbe, mit all den sinnreich aufgestellten Waaren, setzt

den Fremden in Erstaunen, und der Reichthum und Glanz der Gold-

und Silber-Arbeiter ist nicht zu beschreiben. Die Galanterie-Läden

bieten jedes Luxuriöse, und die schönen Draperieen, mit welchen die

Schnitthändler hinter großen Spiegelfenstern die Waaren dem Publikum

zeigen, reizen zum Kauf. Die lockenden Obst- und Kuchen-Läden erwecken

den Appetit, und wässern den Mund unwillkürlich, da Alles, was

Konditoren nur erfunden haben, hier zur Schau aufgestellt ist. Auch

die Apotheker stehen nicht nach, und verzieren die Ladenfenster mit

gläsernen Kugeln, gefüllt mit gefärbtem Spiritus, zwischen welchen

Vasen mit künstlichen Blumensträußen aufgestellt sind, welche,

vorzüglich Abends erleuchtet, einen imposanten Anblick gewähren. Vor

Allem aber fesseln den Blick die Kupferstichläden, wo täglich neue

Gegenstände ausgehängt sind, weshalb immer ein Kreis Neugieriger die

Fenster umlagern, und den Weg verengen. Nichts mag es wohl in der Welt

geben, womit Handel getrieben wird, was in London nicht zu bekommen

wäre.

Um aber auch bei ungünstiger Witterung dem Publikum die Gelegenheit zu

geben, geschützt vor Koth und Wetter, ihre Einkäufe machen zu können,

den Neugierigen und Geschäftslosen Promenaden, wie den Verkäufern

trockene und sichere Magazine zu verschaffen, so sind mit Glas bedeckte

Passagen errichtet worden, welche prachtvollen Glasgallerien Alles

bieten, was man wünscht und sucht, und diese Durchgänge noch dem

Fußgänger den Vortheil gewähren, den weiten Weg zu kürzen, indem man

durch solche schnell aus einer Straße in die andere gelangen kann. Mein

Gefährte hatte beim Passiren der ~Arcade Bourlington~ die Gewölbe

gezählt und deren zweiundsiebenzig gefunden.

Je mehr man sich wieder aus der ~City~ entfernt, desto mehr

nimmt das Gewühl der geschäftigen Menge ab, denn hier wohnt mehr der

konsumirende Theil der Einwohner, welche in größter Bequemlichkeit sich

des Lebens zu freuen suchen. Kein rauschender Erwerb, kein Gedränge der

arbeitenden Klasse, nur geputzte Herren und Damen und bunte Livreen

beleben die Straßen, so wie nur glänzende Equipagen und Lohnkutscher

sichtbar sind.

Achtundvierzigster Brief.

Fortsetzung.

Im Februar 1841.

Die durch den fortwährenden Steinkohlendampf schwarz geräucherten

Häuser haben im Allgemeinen, mit Ausnahme einiger fürstlichen

Wohnungen, kein imposantes Ansehen; sie sind meist drei Stock hoch, von

Ziegelsteinen ohne die geringste äußere Verzierung aufgeführt, meist

schmal, da sie in der Regel nur von Einer Familie bewohnt werden und

haben deshalb keinen Thorweg; dabei sind die Hausthüren auffallend eng

und hoch, eben so die Fenster, welche, gleich den Amerikanischen, keine

Flügel haben, sondern zum Aufschieben eingerichtet sind. Die Treppen

sind ebenfalls äußerst schmal, und im Souterrain befinden sich die

Küche und Bedienten-Wohnungen.

Alle, meist von großen Plätzen ausgehende, oder in solche einmündende

Straßen sind gerade, breit und mit Trottoirs versehen. Die schönste

Straße ist aber die ~Regent-Street~, in welcher an beiden Seiten

längs der Häuser, eine Säulen-Colonnade aufgeführt ist.

Mit Besteigung der Säule, das Monument genannt, welche zur Erinnerung

der Stelle, wo 1666 der große Brand entstand, der 13,000 Häuser

zerstörte, errichtet ist, wurde der erste Tag beschlossen. Von der Höhe

der Säule, welche oben mit einer Gallerie umgeben ist, und wohinauf 365

Stufen einer Wendeltreppe führen, genießt man eine herrliche Aussicht,

wenn die Witterung günstig und der Steinkohlendampf weniger die Luft

verdickt. Leider war es jetzt der Fall, daß der Nebel die Fernsicht

hemmte, und wir unbefriedigt den Ort verließen.

Alles, was wir während des siebentägigen Aufenthalts in London,

bei wenig Ruhe, Gelegenheit zu sehen hatten, genau zu beschreiben,

würde einen ganzen Band füllen, und durch meine ungeübte Feder nur

unvollkommen geschehen können. Dabei würde solches über das gesteckte

Ziel hinausführen, und Zeit in Anspruch nehmen, welche mir jetzt schon

zu andern nothwendigen Arbeiten verloren ginge. Im Allgemeinen will ich

nur bemerken, was mir unter der Größe und Pracht Londons am Meisten

aufgefallen, wovon aber manches weniger Merkwürdige dem Gedächtniß

wieder entschwunden ist.

Die schönen Statuen, Monumente, Brücken und die Eisenbahnen, von

welchen eine der Letzteren in einem Stadttheil über die Häuser führt,

die Straße unter dem Wasser weg (der Themse-Tunnel), die großartigen

Bierbrauereien, die Theater, die St. Paulskirche, der Palast von

Westmünster, Westmünster-Abtey und der so geschichtlich berühmte Tower.

Unter andern Aufträgen von Amerika aus, war mir auch die Besorgung

eines Briefes an Prinz Albert (Gemahl der Königin), übertragen, weil

man glaubte, daß solcher auf diesem Wege sicherer, als durch die Post,

in seine Hände gelangen würde. Die Veranlassung zeigte, daß nicht immer

auf das Wort großer Herren zu bauen, und die Sache selbst interessant

genug ist, um sie hier zu veröffentlichen.

Ein Schneidergeselle in ~New-York~, mit Namen Karl, welcher auf

Stück für einen Kleiderhändler arbeitete, und dessen Bekanntschaft

ich machte, hatte die Milchschwester des Prinzen Albert von Koburg

geehelicht, welche ihren Mann mit einem kleinen Söhnchen beschenkte.

Nach langem Berathschlagen, wer wohl der annehmbarste Pathe seyn

möchte, erinnerte sich die Wöchnerin der Worte des Prinzen, welcher bei

ihrer Konfirmation, wo sie ihm vorgestellt worden, gesagt haben sollte:

„Bedürfen Sie Meiner einmal in spätern Jahren, so erinnern Sie sich

nur des Milchbruders, und ich werde, der Worte eingedenk, helfen, wenn

ich’s vermag.“

Der Bedarf war da, denn der arme Modekünstler verdiente nur zur Noth,

was er nebst Frau täglich brauchte. Leider blieb aber nichts zur

Bestreitung der nöthigsten Ausgaben für den kleinen Wurm übrig, auf

welchen gar nicht gerechnet worden war.

In aller Form wurden Tauf- und Trau-Schein und sonstige Atteste der

Armuth nach London abgeschickt, und bis die gewünschte Antwort ankommen

würde, das Kind ungetauft gelassen. Nach langem Hoffen kam endlich das

ersehnte Schreiben, mit Königlichem Siegel gut verwahrt, an, und nach

seiner Größe zu schließen, enthielt es vielleicht gar noch außer der

Banknote als Pathengeschenk, ein Diplom als Leibschneider Sr. Majestät,

für den lieben Mann.

Zum Unglück für die Frau war bei Ankunft des Briefträgers der Mann

nicht zu Haus, und ruhig abzuwarten, bis er komme, ließ die Neugierde

der Hochbeglückten nicht zu. Boten wurden nach allen Seiten

ausgeschickt, und die nächsten Bekannten gerufen.

„Wenn nur nicht gar ein Orden darin verborgen ist“, bemerkte im Scherz

der Hauswirth, „denn ein solcher darf hier nicht angenommen und

getragen werden.“

„Dafür weiß ich Rath“, versetzte die Frau lakonisch, „wir verlassen

sogleich Amerika, denn allerliebst muß sich mein kleiner Mann, mit dem

großen Orden geschmückt, ausnehmen.“

Dem aufgefundenen Schneider wurde nicht allein die Ankunft des Packets

gemeldet, sondern mehr noch zugesetzt, als wahr war, und wer konnte es

dem Freudetrunkenen verargen, wenn er sogleich auf Pump einige Gläser

leerte, und so seelenvergnügt der Familie zueilte. Mit ängstlicher

Spannung wurden die Siegel gelöst. Doch wer malt das Erstaunen der

versammelten Menge, als nichts mehr, noch weniger in dem Packet

enthalten war, als was man nach London abgeschickt hatte. Mit keiner

Sylbe war über das Verfahren berichtet, die Unterschrift des Absenders,

oder dessen Bevollmächtigten fehlte und eben so Ort und Datum des

Abgangs.

Der Mann hätte gern das auf Pump Getrunkene dem Wirthe wiedergegeben,

wenn dieses möglich gewesen wäre, und die Frau dem Briefträger das

ganze Schreiben überlassen, wenn dieser das Postgeld restituirt hätte.

Vor Allem aber schien das kleine Pathchen selbst, welches die Mutter

im Geiste reichlich bedacht, jetzt aber, über der Freude, zu füttern

versäumt hatte, wegen des Vorgefallenen erzürnt zu seyn, denn es schrie

entsetzlich, und vertrieb uns, die noch zusammen waren, um zu berathen,

was nun zu thun sey, aus dem Hause.

Beschlossen ward, da zu vermuthen stand, daß die Hauptperson von der

Sache gar nicht in Kenntniß gesetzt worden sey, daß ich bei meiner

Ankunft in England, einen Brief mit dem kurzen Inhalte des Ereignisses

in die Hände des Gemahls Ihrer Majestät der Königin, nun auf Umwegen,

zu bringen suchen sollte, da diesmal nicht der gerade Weg, wie das

Sprichwort sagt, der beste war.

Bei einem Londoner Restaurateur, wohin der Kammerdiener des Prinzen

zuweilen kommen sollte, und welchen ich bat, den Brief in die Hände

des Dieners des Prinzen Albert zu legen, da Ersterer die Mutter des

Kindes von Koburg aus kenne, und zu erwarten stehe, daß solcher sich

deshalb des Auftrages unterziehen würde, wurde mir die Nachricht:

daß der Dienerschaft streng verboten sey, Schreiben an die höchsten

Herrschaften anzunehmen, und demnach zu befürchten stehe, wenn ich

nicht persönlich den Brief dem Kammerdiener nebst Fürsprache übergeben

würde, daß derselbe ebenfalls unbeachtet verloren gehen könnte. Jetzt

blieb nichts übrig, als auf gut Glück nach dem ~Buckingham-Palast~

wo die Majestäten residirten, bis zum -- Kammerdiener vorzudringen.

Der Hofraum dieses Palastes, mit zwei Seitenflügeln versehen, wird von

eisernen Spalieren geschlossen, und die Eingänge mit Garde-Grenadieren

besetzt, welche jedem unberufenen Gast den Zutritt verwehren. Gern

hätte ich mit der Equipage des Königs der Belgier, welcher zur Zeit

zum Besuch in London war, und dessen Ankunft im Schlosse die Soldaten

unter’s Gewehr rief, den Eingang erstürmt, wenn nicht die reichlich

hintenaufstehende Dienerschaft dieses unmöglich gemacht hätte. So

standen wir lange, und berathschlagten, was zu thun sey, da der Rückweg

zu unserer Wohnung weit war, indem solcher durch die Gärten von

~Kensington~ und ~Hyde-Park~ genommen werden sollte.

Endlich erschien, wie seine Eilfertigkeit verrieth, der Laufbursch des

Gehülfen vom Fußbekleidungs-Reiniger des Kammerdieners, der durch ein

Geschenk bewogen wurde, den Brief anzunehmen, und in die Hände seines

Gebieters zu legen[56].

Die Gärten von ~Kensington~ bieten in Bezug auf die daselbst

befindlichen Thiere nichts besonderes Merkwürdiges dar, und nur

Wildpret, Fasanen und verschiedene andere Vögel sind in eingezäunten

Distrikten zu sehen.

Die Königliche Menagerie mit ihren reißenden Thieren, wie Löwen, Tiger,

Panther, Leoparden und verschiedene andere Bewohner der Wüste waren

früher im ~Tower~ mit verwahrt, wo den Reisenden die Gelegenheit

ward, solche sehen zu können, nach dem daselbst statt gehabten Brande

aber, dort nicht mehr existiren.

Der ~Hyde-Park~, dieses große Terrain, ist nach englischer Manier

angelegt, und hie und da sind nur einige Bäume sichtbar; wegen der

Winterzeit verlor sich auch das Grün der Rasenplätze, wodurch dieselben

eher einer Sandwüste glichen, doch ist der Geschmack verschieden.

Der Engländer liebt einmal die weite Aussicht, und des Sonntags

Nachmittags, wo hier 5-6 Tausend Personen aus allen Ständen auf- und

abwandeln, und die Wege voll sind von Reitern, Wagen und Kabriolets,

wovon immer ein Pferd, ein Fuhrwerk schöner als das andere ist, soll

auch dieser Ort höchst interessant seyn, und zum öftern Besuche

einladen.

Herzog ~Wellington’s~ und ~Sutherland’s~ Paläste wurden nur

von fern gesehen, denn als in einer andern Richtung eine Rauchsäule,

welcher bald die helle Flamme folgte, in die Luft wirbelte und

die Umgegend erhellte, wurden die Schritte verdoppelt da wir uns

verpflichtet hielten, hier, wo’s Noth that, mit zu helfen.

Noch ehe wir ankamen, waren schon einige Spritzen in Thätigkeit,

wovon die erste 30, die zweite 20 Schillinge als Prämie erhielt.

Auffallend war die Ruhe, welche dabei herrschte. Keine Sturmglocke

ertönte, kein Feuerlärm wurde vernommen. Niemand war beängstigt und

bestürzt. Von der Brandstätte etwas entfernt, standen Hunderte und

sahen mit Wohlgefallen diesem schönen Schauspiele zu, doch Keinem

fiel es ein, thätig mit einzuschreiten, weil auf den ersten Feuerruf

die aus allen Stadtvierteln mit Pferden und Menschen bespannten

Spritzen herbeieilten, und nur dazu beauftragte Leute dem Feuer sich

nähern dürfen. Die Direktion dieser Löschanstalten ist weislich den

Häuptern der Feuer-Assekuranzen anvertraut, da diese bei Feuerunglück

am mehrsten interessirt, nichts unterlassen, um der Kasse den Verlust

weniger fühlbar zu machen.

Nicht allein jedes Gebäude ist versichert, wie man an den Schildern

der Häuser sehen kann, sondern in der Regel auch das Mobiliar, und es

steht dem Eigenthümer der Sachen, wegen möglicher Veruntreuung, nicht

zu, beim Ausräumen derselben mit Hand anzulegen, sondern dies geschieht

Alles durch eigends dafür besoldete Leute.

Des Feuers wurde man bald Meister, da es sich selbst verzehrte, die

Spritzen, denen es nicht an Wasser fehlte, welches durch unterirdische

Röhren durch alle Straßen Londons geleitet wird, nicht nutzlos in

die Feuersäule gossen, und die Bemühung der Spritzenleute nur darauf

gerichtet war, die weitere Ausbreitung des Feuers zu hindern, als das

einmal in Brand gerathene Haus zu löschen.

Die neugierige Menge verlor sich mehr und mehr und eine besondere

Art Nachtvögel wurde bemerkbar, welche die einzelnen oder in kleinen

Trupps zusammenstehenden Jünglinge und Männer umschwärmten. Auch zu uns

gesellten sich einige dieser öffentlichen Stadtnymphen und stellten

Anträge, welchen am besten zu entgehen unser ~Cicerone~ den

Vorschlag machte, eine Lohnkutsche zu besteigen, bis wo hinein nur auf

Verlangen der Fuß einer Begleiterin sich verirren darf.

An Kreaturen, welche für Geld ihre Reize feilbieten, fehlt es, wie

überall in der Welt, auch in Amerika nicht, doch werden öffentliche

Häuser dort nicht geduldet, und streng wacht das Gesetz über die

moralischen Sitten des schönen Geschlechts. Kupplerinnen dürfen nur

im Geheimen die Hand zur Verführung bieten, und bei der geringsten

Anzeige oder Verdacht wird ihnen das Handwerk gelegt und sie büßen mit

Gefängniß und ihrer weltlichen Habe. Aber auch dem lüsternen Manne wird

der Appetit benommen, da nach dem Gesetz die verworfendste Dirne selbst

den Familienvater zum Vater ihres Kindes nicht allein schwören kann,

sondern dazu ermuntert wird, indem 400 Dollars der geringste Preis ist,

welchen das Gesetz zum Lohn für einen solchen Schwur aus dem Beutel

des angegebenen Vaters bewilligt, insofern nicht durch Zeugen bewiesen

wird, daß die Klägerin schon früher oder gleichzeitig auch gegen Andere

nicht ..... unerbittlich gewesen sey.

Doch auch diese Strenge hat ihre Schattenseite, da, wie Gall bemerkt,

der Beklagte in den meisten Fällen vorzieht, mit jenem Sündenlohn

lieber die erforderlichen Zeugen nöthigenfalls zu erkaufen. Daß die

scandalösen Prozesse, welche sich aus solchen Klagen entspinnen, den

verderblichsten Einfluß auf die Sittlichkeit ausüben, kann man sich

denken.

Neunundvierzigster Brief.

Reise nach Paris.

Im Februar 1841.

Den 20. Februar ward das Dampfschiff ~City of Londonderry~

bestiegen, um mit diesem nach Frankreich abzugehen, und in ~Havre

de Grace~ zu landen. Die zweitägige Seereise dahin ist freilich

länger, als durch den Kanal von ~Dover~ nach ~Calais~, welche

Fahrt in so viel Stunden gemacht wird, dabei ist aber zu bemerken, daß

die Landreise von ~Havre~ nach ~Paris~ auch weit kürzer und

billiger ist, als von ~Calais~ dahin, und dann wünschte ich auch

die Hafenstadt kennen zu lernen, von wo aus meistens die Rheinländer

die Reise nach Amerika antreten.

Ueber die Rechnung des Wirths, bei welchem wir während der Zeit des

Aufenthalts in London logirt hatten, konnte man sich nicht beschweren,

und zwar aus dem triftigen Grunde, da wir bei ihm außer Bett, früh

Kaffee und Abends einem Krug Bier, nichts erhalten hatten. Frühstück,

Mittag- und Abend-Brod wurde nach Bedarf auf der Wanderung verzehrt,

und da wir nicht, um den Gaumen zu kitzeln, nach London gekommen waren,

so wurden auch nicht die vornehmsten Restaurationen besucht, sondern in

gewöhnlichen Speisehäusern eingesprochen. Zu jeder Zeit kömmt man hier

recht, immer füllen und leeren sich die Tische; man speis’t ungenirt

und hat den Vortheil, nicht nach einem guten Trunke lüstern zu werden,

da die Wirthe dieser Tabernen keine Getränke verkaufen dürfen, und

deshalb Wasser, woran ich und meine Begleiter schon in Amerika gewöhnt

waren, ~gratis~ verabreichen.

Wie zu vermuthen steht, ißt nur die vornehme Welt in England die

Speisen halb gar gekocht, denn niemals habe ich in den besuchten

Speisehäusern darüber zu klagen gehabt, daß die Zähne mit dem

Zerkleinern nicht hätten fertig werden können. Im Gegentheil war

alles Fleisch mehr als zu weich; dagegen herrscht aber auch hier,

wie in Amerika, die Sitte, alles Gemüse nur in Wasser zu kochen und

ungeschmelzt zu serviren. So gelebt, hat man über die Theuerung

unumgänglich nöthiger Lebensbedürfnisse in Betracht des Maaßstabes,

wie solcher in England angewandt werden muß, nicht zu klagen, und die

direkten Ausgaben schmerzen den Reisenden weniger, als die indirekten,

da hier das Sprichwort gilt: „Für Nichts hat man Nichts!“ Alles, was

man sehen will, wie die geringste Handleistung muß theuer bezahlt

werden.

Vorsichtig gemacht, wurden die Transportkosten unserer Sachen nach dem

Dampfschiffe vorher bestimmt; da aber das Boot einige Schritte vom

Ufer abstand, weil ein zwischenliegendes Fahrzeug das Näherankommen

verhinderte, so wurde abermals eine Ausgabe herbeigeführt, und für

diesen geringen Dienst von der Person ein Schilling bezahlt. Als man

aber nach Erreichung des Dampfboots für die mit uns zugleich mit

übergesetzten drei Koffer noch besonders eine Vergütung verlangte,

und sich mit dem in fünf Minuten verdienten Thaler nicht begnügen

wollte, wäre es bald zu einer thätlichen Demonstration gekommen, da

der Bierbrauer Miene machte, diesen Schurken über Bord zu werfen, wenn

nicht die dazwischenspringenden Matrosen es verhindert hätten.

Zwanzig Schillinge war der bestimmte Preis, in der zweiten Kajüte zu

reisen. Als aber das Geld von dem Steward einkassirt wurde, verlangte

derselbe noch von jeder Person zwei Schillinge, als Trinkgeld für

sich, da dieses so Gebrauch sey. Alles Einreden der Passagiere wegen

Unbilligkeit dieser Forderung, fruchtete nichts. Wer kein Geld habe,

solle nicht reisen, war die lakonische Antwort des Britten, und so

blieb nichts übrig, als abermals den englischen Blutegeln den Beutel

vorzuhalten und als Wiedervergeltung wäre die Strafe nicht zu hart,

wenn man den Herren Insulanern, welche nur, um Geld zu ersparen, nach

Deutschland gehen, ihnen wenigstens dieses weniger möglich zu machen

suchte.

War auch die Witterung am ersten Tage der Reise nicht die günstigste,

so gewahrte sie doch einen freien Blick, und die Fahrt der Themse

hinab, an welcher an beiden Ufern diese Riesenstadt mit ihren

Schiffswerften sich hinzieht, gewährte einen herrlichen Anblick. Unter

den vielen großen und kleinen Fahrzeugen zeichnete sich besonders ein

schwimmendes Lazareth aus, welches kolossale Gebäude mitten auf dem

Wasser über tausend Kranke beherbergte; es ist mit allem Nöthigen

versorgt, von aller Kommunikation des festen Landes abgeschnitten, und

daher bei ansteckenden Krankheiten eine treffliche Anstalt.

Das Packet-Dampfboot ~Londonderry~, welches jetzt regelmäßig die

Fahrt zwischen London und ~Havre de Grace~ zu machen bestimmt ist,

soll an bequemer Einrichtung seinen Vorgänger, welcher acht Tage zuvor

untergegangen und an dessen Stelle Ersteres von der Kompagnie dieser

Anstalt angenommen war, nicht nachstehen. Um so unverzeihlicher war es

aber, das Kommando von diesem Fahrzeug Männern, wie der Kapitän, Ober-

und Untersteuermann waren, anzuvertrauen, welche diese so gefährliche

Tour, wie der sich erst ereignete Fall bewies, noch nicht gemacht

hatten. Wie unkundig sie mit der Gegend waren, ging daraus hervor, daß

sie von annähernden Fischerbooten das Nähere wegen der Fahrt erst zu

erforschen suchten. Als aber der Nebel, statt sich zu verlieren, in

dicken Wolken sich auf die Wasserfläche legte und außer dem Dampfboot

nichts mehr erkannt werden konnte, da sah man dem Kapitän im Gesicht

an, wie ihm zu Muthe war, da er die Gefahr, in welcher wir schwebten,

besser kennen mochte, als die Passagiere, welche, ins Innere des Bootes

zurückgezogen, von keinem Unglück träumten. Plötzlich erhielt aber das

Schiff einen heftigen Stoß, welchem weniger fühlbare folgten und in

allen seinen Theilen krachend, glaubte man es schon auseinander bersten

zu sehen.

Jesus Marie! schrie eine neben mir sitzende gute Katholikin und holte

in der Angst ihren Rosenkranz hervor; wir Andern eilten alle bestürzt

dem Ausgang zu, wodurch die Treppe verstopft, dieses weniger möglich

gemacht werden konnte. In dem Augenblick verstummten die Töne der

Dampfmaschine und das Boot saß unbeweglich auf Steinbänken fest, wie

dieses das ausgeworfene Senkblei bekundete. Zum Glück war dasselbe

dauerhaft genug, um bei ruhiger See und langsamer Fahrt einen solchen

Stoß vertragen zu können, ohne einen Leck zu erhalten. Was wäre aber

aus den Passagieren geworden, wenn bei Sturm das tobende Meer die

Gewalt verdoppelt hätte?

Alle Anstrengung, wieder flott zu werden, war vergebens und immer

schwieriger, da während der Zeit der Ebbe das zurückgehende Wasser

immer seichter wurde, bis das Dampfschiff, förmlich trocken, mitten in

Steinmassen stand und bei sich zertheilendem Nebel Frankreichs nahe

Küste sichtbar wurde, wohin man trocknen Fußes gelangen konnte.

Der uns sogleich bemerkt habende Telegraph berichtete diesen Vorfall

nach ~Havre~, worauf ein von dort abgeschicktes Pilotenboot ankam

und nach wieder eingetretener Fluth der des Weges kundige Führer uns

sicher in den Hafen von ~Havre de Grace~ geleitete.

Schon war es spät, als wir am 21. dieses in den leeren Straßen der

Stadt den deutschen Gastgeber Köhler noch aufsuchten, da Hunger und

Durst uns vom Dampfboote trieb, und nur mit Mühe gelang es, die aus dem

tiefen Schlafe geweckten Wirthsleute zu bewegen, uns noch aufzunehmen,

da schon einige auswanderungslustige Familien hier logirten. Erst als

der Straßburger Handelsmann seinen Namen nannte, wodurch der Wirth

einen seiner frühern Gäste erkannte, der bei seinem Abgange nach

Amerika hier gewohnt hatte, änderte sich die Scene. Die Thür wurde

freudig geöffnet, das Feuer schnell geschürt und bald saßen wir um

eine ~Bowle~ Glühwein. Vor Meereswellen, Feuer- und Hungersnoth

geborgen, erhöhten die überstandenen Strapazen nur die allgemeine

Fröhlichkeit und auf das Wohl des ~Continents~, des lieben

Vaterlandes, und Aller, welche es wohl mit uns meinen, wurden die

Gläser geleert. Durch die Stille der Nacht drang bald der Freudenruf

zu den neben und über uns schlafenden Auswanderern, welche glaubten,

daß wir als halbe Millionärs zurückkehrten und von dem Wunsche beseelt,

von gleichem Glück begünstigt zu werden, wünschten sie am Morgen zu

erfahren, wie man es in Amerika anfangen müsse, um in kurzer Zeit

reich zu werden. Doch belehrt, daß wir darüber hoch erfreut wären,

wenigstens mit heiler Haut zurückgekommen zu seyn, erzählten wir ihnen

einzelne Bruchstücke unserer ~Aventuren~ und stellten ihnen das

Prognostikon, was im gelobten Lande Jeden erwarte; aber man predigte

doch tauben Ohren. Ein Jeder glaubte, daß ihn ein besseres Geschick

erwarte und begeistert von Berichten, welche lieblicher geklungen, als

unsere Töne, eilten sie unaufgehalten ihrem Elend entgegen. -- Möge

Gott sie bewahren, daß sie nie Ursache haben, einen Schritt zu bereuen,

welchen zu verbessern nicht immer einem Jeden möglich ist.

Als Beleg, wie die Reue oft zu spät kömmt, mag folgender Vorfall noch

bezeugen. Unser Landsmann, der Müller S.[57] landete mit Familie in

~Baltimore~, wurde während der Seereise schon bestohlen, fand auf

keine Art mit seinem Tochtermann und Kindern bei der Ankunft in Amerika

Unterkommen und Verdienst, und setzte so Alles zu. In dieser bedrängten

Lage erfuhr er, daß ich aus den südlichen Staaten nach ~New-York~

zurückgekehrt sey und machte es möglich, allein dahin zu kommen, um

meine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Doch, ein gebranntes Kind scheut

das Feuer; ich kannte jetzt Amerika und seine Grundsätze zu gut, um

mich abermals der Gefahr auszusetzen, eine Summe zu verlieren, da ihm

mit Wenigem nicht geholfen war. Auf die Frage, warum der Bittsteller

versäumt, vor Ausführung seines Vorhabens bei meiner Frau in Weimar

Erkundigung einzuziehen, über das, was ich an sie von Amerika und dem

Loose der Auswanderer berichtet hatte, gestand er mit weinenden Augen,

daß dieses zwar geschehen sey, aber man hätte dem Inhalt meiner Briefe

nicht geglaubt, weil andere Nachrichten mit demselben widersprechend

gewesen wären. Leider müßten sie aber jetzt die Ueberzeugung gewinnen,

wer es am Besten mit dem Menschen gemeint und daß ich nur zu wahr

gesprochen habe.

Manchem Andern wird es nicht besser gehen, da Viele, der Warnungen

ohngeachtet, immer noch das Vaterland verlassen und ein Jeder glaubt,

es besser als seine Vorgänger zu machen; er vergißt aber, daß die

Zeiten in Amerika schwerlich besser, leider aber durch den ungeheuern

Zudrang großentheils unbemittelter Einwanderer für den Armen immer

schlechter werden müssen.

Um zu zeigen, wie groß der Zudrang in den Verein. Staaten ist, habe

ich Haxard’s kommerzielles und statistisches Register mit aufgenommen,

welches eine umständliche Aufzählung der Anzahl des Geschlechts,

Alters, der Beschäftigung und der Heimath aller Fremden, welche im

Laufe des Jahres 1839 in amerikanischen Häfen landeten, enthält. Diese

Zusammenstellung ist den jährlichen Berichten des Staats-Sekretärs

entnommen und es erhellet daraus, daß die ganze Anzahl von Passagieren,

welche im Verlaufe dieses Jahres landeten, 74,666 betrug, von welchen

70,509 Eingeborne fremder Länder und 4157 Eingeborne der Vereinigten

Staaten waren. 47,688 landeten in ~New-York~, 10,306 in ~New-Orleans~,

6081 in ~Baltimore~, 3949 in ~Philadelphia~, 3081 in ~Boston~ und

sonstigen Plätzen. 34,213 waren Eingeborne von Großbritannien, 10,474

von Deutschland, 7018 von Frankreich, 1234 von Preußen und 2108 von

andern Theilen Europas; also im Ganzen 64,227 Europäer. Der Ueberrest

kam von Westindien, Südamerika und hauptsächlich von den Britischen

Provinzen von Nordamerika. 37,658 hatten keine Beschäftigung; in

dieser Zahl sind jedoch 26,001 Frauenzimmer und der größte Theil von

15,166 Knaben unter 15 Jahren mitbegriffen. 12,870 waren Ackerbauer,

8930 Handwerker, 1870 Arbeitsleute und 5633 Kaufleute, (von denen

wahrscheinlich die meisten Amerikaner waren). 571 Matrosen, 143

Geistliche, 254 Mediziner, 296 Näherinnen, und 208 Ladendiener. 7195

waren über 40 Jahre alt, 61,078 in einem Alter von 18-40 Jahren.

Wer eine nicht zu weite Landreise bis ~Havre~ zu machen hat, wird

wohlthun, in diesem Hafen sich nach Amerika einzuschiffen, da die

Passage eben nicht theurer wie in Bremen und Hamburg zu stehen kommt,

wenn die zur Reise nöthige Verproviantirung von den Schiffsrhedern

mit besorgt wird. Auch findet man hier immer Fahrgelegenheit, ohne

Beköstigung, welches in Bremen nicht der Fall ist und es zahlte zur

Zeit meines Aufenthaltes hier, die erwachsene Person 100 Franks

(25 Thaler). Der Betrag für anzuschaffende Nahrung läßt sich nicht

bestimmen, da es darauf ankommt, ob man an frugale Kost gewöhnt oder

als Leckermaul sich auch auf dem Schiff nichts abgehen lassen will.

Alle Ursache habe ich, den Auswanderungslustigen das deutsche Gasthaus

von J. C. Köhler, ~Daffin~-Straße No. 48 in ~Havre~ zu empfehlen, da

man hier in jeder Hinsicht gut und billig bedient wird.

Das Dampfboot war sogleich bei der Ankunft unter Aufsicht gestellt

worden und die am Morgen nach dem Zollhaus geschafften Koffer streng

untersucht, so daß Alles bis auf das letzte Stück ausgeräumt werden

mußte. Nach einem Reisepaß oder sonstiger Legitimation wurde auf die

Angabe, daß wir aus Amerika kommend über London gereist seyen und ohne

einen solchen Begleitschein wären, weiter nicht gefragt, sondern nur

bemerkt, daß wir sogleich bei Ankunft in Paris die nöthigen Schritte

deshalb thun sollten.

Theils um die Stadt besser kennen zu lernen, theils auch die zur

Fastnachtzeit auf den Straßen maskirt herumziehende Menschenmenge,

welche mitunter hübsche Aufzüge darstellten, zu sehen, folgten wir

Herrn Köhler, welcher so gefällig war, uns herumzuführen, um uns das

Merkwürdigste zu zeigen.

~Havre~ liegt auf dem rechten Ufer der ~Seine~-Mündung, ist mit

Festungswerken umgeben, hat eine Citadelle, zwei Thürme, welche

den Hafen vertheidigen, zwei Kirchen, ein Marine-Arsenal, ein

Quarantainehaus, ein Ursulinerkloster, ein städtisches Kollegium, eine

Schifffahrt-Schule und eine Börse; verschiedene Manufakturen, eine

Ankerfabrik, bedeutende Seilereien, und Schiffswerfte, beschäftigen

Viele der Einwohner und durch den bedeutenden Handel, da ~Havre~ nicht

allein über die Mündung der ~Seine~ gebietet, sondern seine Schiffe

in die entferntesten Länder der Erde sendet, gewinnt es täglich an

Wohlstand. Der Hafen, welcher durch eine lange Mulje[58] gebildet

wird, wie das Bassin, sind tief genug, um Fregatten von 60 Kanonen zu

tragen und mehr als 400 Schiffe aufnehmen zu können. Doch soll für die

Fahrzeuge bei Strömen nicht die gewünschte Sicherheit vorhanden seyn.

~Havre~ ist der Sitz eines Handels-Tribunals, einer Handelskammer, hat

Wechsler, Mäkler und eilf Assekuranz-Gesellschaften, so wie 26,000

Einwohner.

Am 23. Februar wurden zur Landreise nach Paris, wohin man auch von

hier auf der ~Seine~ gelangen kann, bei der Postanstalt ~Laffitte,

Coillard et Comp.~ Plätze belegt und für die Entfernung von 52

Stunden nur zwanzig Franks bezahlt. Abends ~präcis~ sechs Uhr ging

die ~Diligence~ ab, welcher ein zweiter Wagen, von einer andern

Gesellschaft abgesendet, folgte, und diese nun, hinsichtlich der

Schnelligkeit, mit welcher jede Kompagnie die Passagiere zu befördern

sucht, sich den Rang abzulaufen streben. Während des Umspannens,

welches alle zwei Stunden erfolgte, da die fünf Pferde bergan im Trabe,

sonst immer Gallopp laufen mußten, blieb höchstens den Passagieren so

viel Zeit, nöthigenfalls aus- und wiedereinsteigen zu können; doch darf

mit Podagra wahrlich kein Reisender behaftet seyn, wenn er in dieser

Frist den Kutschenhimmel, wo wir placirt waren, verlassen und wieder

erklimmen will.

Obgleich der Schaffner während der Fahrt die Offerte machte, im

zweiten Wagenrange leere Plätze einzunehmen, so blieben wir doch,

gegen die Witterung gut verwahrt, auf unsern hohen Sitzen, um nicht

durch unzeitige Bequemlichkeit die freie Aussicht zu verlieren und

Frankreich, wenn auch nur wie im Fluge, zu sehen.

Die schnelle Reise wurde während der Nacht nur ein Mal unterbrochen um

den hungrigen Magen zu beschwichtigen, und so war es möglich, schon den

andern Tag um ein Uhr in Paris anzukommen.

Funfzigster Brief.

Aufenthalt in Paris.

Im Februar 1841.

Jetzt war ich am Ziele aller derzeitigen Wünsche, ich sage derzeitigen,

denn welcher rege Geist ließe sich wohl Grenzen setzen? Mit eigenen

Augen sollte ich die Kaiserstadt sehen, nach welcher schon der

jugendliche schwärmerische Geist sehnlich verlangte und der die jungen

Männer, wie die im Dienste ergrauten Krieger beneidet hatte, die nach

errungenem Siege hier den Triumph ihrer Thaten feierten.

Während der Fahrt von ~Havre~ nach ~Paris~ kam uns von Frankreich nicht

viel zu Gesicht, denn bald nach Abgang aus der Hafenstadt verbarg die

Dunkelheit die Orte, welche während der Nacht durchflogen wurden, und

der trübe, naßkalte Morgen war unfreundlich genug, der Sonne nicht zu

gestatten, die bei ungünstiger Jahreszeit erstarrten Glieder von Neuem

zu erwärmen und zu stärken. -- Zum Glück war der gewöhnliche Landwein

nicht theuer und mundete, beim Mangel besserer Sorten, ganz trefflich.

Dabei war der Kondukteur ein ganz charmanter Mann, welcher, in Betracht

der schlechten Passage von unserm Thronhimmel herab, die leere Flasche

wieder zu füllen, mit übernommen hatte.

So fuhren wir seelenvergnügt in Frankreichs Hauptstadt ein, nachdem

wir in jeder Lehmhütte ein hübsches Landhaus, und in einem solchen,

einen Palast erblickt, ja mein Gefährte, der Bierbrauer, eine nach der

Hauptstadt zu getriebene Heerde Ochsen, für schwere Kavalerie ansah und

meine Sinne für umnebelt hielt, als ich es nicht glauben wollte. Mir

selbst kam es zuletzt auch vor, als wenn der Wagen stille hielt, und

die Häuser so lange vorüber marschirten, bis der Posthof ankam, und

die verpflichteten Lastträger, wegen des Transportes der Koffer, sich

erkundigten, wo man logiren wolle.

Das in nächster Straße gelegene Gasthaus war schnell erreicht, und

von uns jetzt nichts Besseres zu thun, als bis zur Ankunft des

Lohnbedienten das Räuschchen auszuschlafen.

Ohne Führer nur das Merkwürdigste in Paris aufzufinden, würde einen

längern als von uns beabsichtigten Aufenthalt zur Folge gehabt haben,

wobei immer noch eine nähere Definition über das Gesehene verloren

gegangen seyn würde, weshalb beschlossen wurde, wie in London, einen

~Cicerone~ anzunehmen, und sogleich bei Ankunft in der Hauptstadt

die Wanderung zu beginnen.

Auf dem ~Vendome-~Platze waren Briefe abzugeben, weshalb wir dahin

zuerst die Schritte richteten. Doch bald glaubten wir uns in den bald

engen, bald weiten, meist aber krummen und mit hohen Häusern besetzten,

Straßen von Paris in die Londoner ~City~ versetzt, da man hier wie

dort, in den von Koth überzogenen, mit Menschen und Wagen gefüllten

Gassen, sich nur mit Mühe durchzuwinden vermochte, und beim Mangel von

Trottoirs, dem fortwährenden Rufen und Schreien der herumziehenden

Verkäufer, wie dem Getöse der rollenden Räder, welche Wagen kaum Platz

genug haben, sich einander ausweichen zu können, der Fußgänger immer

in Gefahr kömmt, überfahren oder an die Häuser gequetscht zu werden.

Die allgegenwärtige Polizei hat daher immer ein wachsames Auge auf

die Lenker der Rosse, und ohne Erbarmen wird ein solcher zur Strafe

gezogen, welcher das Unglück hat, während des Ausweichens, oder um eine

Ecke fahrend, einen der Fußgänger zu verletzen.

Die Häuser dieser Riesenstadt sind fast alle 4 bis 5 Stockwerk

hoch, viele noch höher, und bis in das letzte Dachstübchen bewohnt;

daher kommt es, daß Paris aus drei bis vier gleichsam übereinander

gethürmten Städten besteht, deren viele Bewohner sich alle unten

in dem kleinen Raume herumdrängen müssen. London dagegen bietet

außer der ~City~ ein ganz anderes Bild. Die Häuser, weniger

zusammengedrängt, sind meist nur von einer Familie bewohnt, wodurch

die Stadt an Umfang bedeutend gewinnt, und die Masse der Bevölkerung,

weniger konzentrirt, keinem Ameisenhaufen gleicht, wie in Paris.

Die engen Straßen der Stadt, in welche, wegen der Höhe der Häuser, kein

Sonnenstrahl dringen kann, sind hauptsächlich während der Winterszeit

ewig naß und düster, und die kellerartigen Wohnungen hinter den Läden

selbst am Tage dunkel und mit Kerzen oder Gas beleuchtet, welche

Lichtflammen aus allen Etagen bis zum Lämpchen des Dachbewohners am

Abend einen magischen Schein über die bis spät in die Nacht auf den

Straßen wogende Menge verbreiten, deren Lärm dumpf bis zum Ohr der

Bewohner der höchsten Region dringt.

Wohler und freundlicher wird dem Wanderer, wenn er die innern

~Boulevards~ erreicht hat, wo auf breiten Trottoirs, vor dem

Fuhrwerk geschützt, in der Mitte des regsten Lebens, der höchste Glanz

und die reichsten Kunstprodukte dem Auge sich entfalten. Die Menge der

elegant aufgeputzten Magazine aller Art erinnern wieder an Londons

großartigen Markt, und Paris wetteifert im Bieten des Luxuriösen

mit jener Riesenstadt. Hinter Spiegelscheiben erblickt man auch

hier, was menschlicher Erfindungsgeist zur Verschönerung des Lebens

hervorgebracht hat. Gold und Silber, Seide und Spitzen, wie Prunk

aller Art sind zur Schau aufgestellt und eine Anzahl von Gemälden und

Kupferstich-Handlungen suchen den neugierigen Beobachter zu fesseln.

Daß es dieser Promenade der schönen Welt nicht an Restaurationen und

Kaffeehäusern fehlt, verrathen die Schilde, und um uns mit solchen auf

eine feine Manier bekannt zu machen, schützte der Führer entsetzlichen

Durst vor, und lud uns ein, ihm zu folgen, wohl wissend, daß ihm diese

Restauration nichts kostete.

Mit neugierigem Blicke schauten wir nach dem kleinen Manne, dem großen

Napoleon empor, welcher in moderner Kleidung, Ueberrock und dreieckigem

Hute, auf der ~Vendome-~Säule thront. -- Als Kind stand ich schon

einmal dem lebenden Manne in meiner Geburtsstadt nahe und jetzt sollte

mir zum zweiten Male die Gelegenheit werden, die Bekanntschaft des

Abgottes der Franzosen in seiner Residenz zu erneuern, um von seinem

Standpunkte aus die am Fuße pilgernden Liliputtaner zu betrachten.

Statt mit Empfehlungsschreiben an den sonstigen Machthaber versehen

zu werden, empfängt man, um den Zutritt sicher zu erlangen, von dem

wachthabenden Invaliden der Napoleonischen Garde eine Leuchte, mit

welcher der Führer die schmale dunkle Treppe voranschreitet und die

Fallthür öffnet. -- Die herrliche Säule, mit der Statue 140 Fuß

hoch, ist äußerlich mit bronzenen Basreliefs bekleidet, welche sich

schneckenförmig an ihr in die Höhe ziehen, und die Heldenthaten

der großen Armee vom Jahre 1805 an verzeichnen. Die Plattform, mit

eisernem Geländer umgeben, gewährt einen sichern Stand, und bietet

einen Ueberblick der Stadt, welcher leider! von den umstehenden hohen

Gebäuden beschränkt wird.

Die mehr und mehr zunehmenden Lichtflammen in den Läden gaben zu

erkennen, daß es Zeit sey, aus der Nähe des Kaisers sich zu entfernen,

um auf Umwegen durch herrlich beleuchtete Straßen dem Glanzpunkte von

Paris, dem weltberühmten ~Palais-Royal~, uns zu nähern, wo das

Auge bald rechts, bald links mit Entzücken auf reich geschmückten

und mit einer Menge von Gas-Flammen beleuchteten Magazinen verweilt.

Hier steht der Fremde bei dem ersten Anblicke wie bezaubert. Hunderte

von Gas-Laternen, welche mit Tausenden der illuminirten Läden die

Nacht zum Tage umwandeln, geben den Waaren einen blendenden Reiz und

bestimmen Einen, hier seine Einkäufe zu machen. Die Arkaden, die sich

längs der Läden hinziehen, so wie die Gallerieen, sind mit Menschen

überfüllt, da zur Winterzeit die freien Plätze weniger besucht sind,

und die vor dem unfreundlichen Wetter Schutz suchende Menge sich hier

erlustiget, wo man nicht nur Alles, was man an Schmuck und Kleidung

bedarf, sondern auch in Restaurationen und Kaffeehäusern erhält, was

zur Erhaltung des Lebens von Nöthen, und wo auch für geistigen Genuß

durch Lesekabinete und Theater gesorgt ist. Ja, in diesem Königlichen

Palaste, welcher mehrere Millionen Renten trägt, soll es unter seinen

Tausenden von Bewohnern Viele geben, welche das ganze Jahr hindurch

diesen Aufenthalt nicht verlassen, weil sie auf diesem Punkte beisammen

finden, was sie zu ihrer Art von Lebensgenuß nöthig haben.

Am nächsten Morgen machte ein Jeder von uns seiner Gesandtschaft die

Aufwartung, um die nöthigen Pässe zur Weiterreise zu erhalten, und

solche wegen Zulaß in öffentlichen Anstalten zu benutzen.

Ganz anders, wie in London, wo ohne Geld nichts zu sehen ist, wird

in Paris dem Fremden mit der größten Liberalität Alles gezeigt, und

derselbe genießt sogar noch das Vorrecht, daß ihm zu jeder Zeit nach

vorzeigen seiner fremden Legitimation da die Thüren geöffnet werden,

wo den Franzosen nur an bestimmten Wochentagen der Zutritt frei

ist. Trinkgelder sind nur dann zu entrichten, wenn eine besondere

Dienstleistung von dem Aufsichts-Personale verlangt wird, sonst ist

nirgends etwas zu bezahlen.

Eile mit Weile! Die Bureaux waren noch nicht geöffnet, was unser

~Cicerone~ wohl gewußt, dieses Manövre aber benutzt hatte, um

uns vor der Frühstückszeit aus der Wohnung zu locken, und in nächster

Restauration als unser Gesellschafter ~gratis~ an dem Frühstück

Theil nehmen zu können. Dieser Mensch, ein wahrer Nassauer[59],

verstand die deutsche Dreistigkeit mit der französischen Pfiffigkeit zu

vereinen, um sich so außer dem bedungenen Lohne auch noch die Zehrung

frei zu machen.

Mein Paß, bis zur Unterschrift des abwesenden Minister-Residenten in

aller Form ausgestellt, blieb zurück, und die Zeit des Abholens wurde

auf den nächsten Tag bestimmt. Die Reisegefährten dagegen erhielten

auf ihren Bureaux die vollständige Legitimation, welcher nur das

~Visa~ zur Weiterreise fehlte, und so wurde ich wider Willen schon

in Paris von ihnen getrennt, da sie den andern Morgen den Postwagen

bestiegen und mir voraus nach Straßburg eilten. So unangenehm mir

der Vorfall war, so gab er doch Anlaß zu größerer Freude, da dieses

Gelegenheit darbot, an Freundeshand die Hauptstadt von Frankreich in

ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit kennen zu lernen.

Noch ehe der Polizei-Palast erreicht war, wo die Gefährten das Weitere

besorgten, machte uns der Führer auf die ~Morgue~ aufmerksam, in

welchem Todtenhause alle unbekannten Leichname aufgestellt werden,

welche man im Flusse, in den Straßen, auf den Plätzen und in nächster

Umgebung der Stadt findet, und wo die über dem Kopfe aufgehängten

Sachen der oft nicht mehr kenntlichen Leichen den Angehörigen und

Freunden, welche in der Regel ein vermißtes Familienglied hier suchen,

das Loos dieser Unglücklichen bekannt machen, welche die Leichen

reklamiren können, wenn sie nicht auf Staatskosten beerdigt werden

sollen.

Bald war das Nöthige auf der Polizei geschehen und dem Thiergarten

zugepilgert, wo man ohne Anstoß Einlaß findet und Alles mit der

größten Artigkeit dem Fremden gezeigt wird.

Der Thier- oder Botanische Garten, ein Vergnügungsort der Pariser und

ein Lockvogel für Fremde, vereinigt Alles in sich, um den Botaniker,

Naturforscher, Mediziner und Pharmaceuten zu belehren und zu bilden,

dem Lustwandelnden Ruhe, Schatten und Wohlgerüche zu verschaffen und

das Publikum zu ergötzen, da man die reichhaltigste Menagerie, welche

es wohl geben mag, hier zu sehen Gelegenheit hat.

Nachdem der Garten in allen Richtungen durchwandelt, Irrwege,

Treibhäuser, Lauben und Sitze gemustert waren, und der Führer zum

Schlusse auf die große Ceder von Libanon aufmerksam gemacht hatte,

sollte von hier aus über die eiserne Brücke ~d’Austerlitz~

nach dem berühmten Gottesacker ~Pére la chaise~ die Wanderung

fortgesetzt werden. Doch auf dem so geschichtlich merkwürdigen

Bastille-Platze, wo jetzt an der Stelle des frühern Staatsgefängnisses

eine Säule, ähnlich der auf dem ~Vendome-~Platze, errichtet ist,

auf welcher eine Siegesgöttin prangt, besannen sich meine Gefährten

eines Anderen, ließen die Todten ruhen und verzichteten auf einen

Genuß, welcher mir später noch zu Gute kam.

Schon schickten wir uns an, nachdem auch das neben der Siegessäule

stehende kolossale Elephanten-Modell[60] mit seinem Thurme auf dem

Rücken besehen worden war, nach dem Invalidenhause zu eilen, als der

Führer, welcher neben dem Fehler, immer Durst zu haben, auch den

Hunger nicht zu beschwichtigen verstand, an die Mittagszeit erinnerte,

welche längst vorbei sey.

Beim nächsten ~Marchand de vin~, wo Posto gefaßt ward, fanden

wir außer einem reinlichen Zimmer, gebratene Fische und einen Wein,

gut genug für Seereisende, welche an weit geringere Kost gewöhnt und

aus ökonomischer Rücksicht keine vornehmen Speisehäuser frequentiren

konnten.

Jeder Zeit von der Ansicht ausgehend, nur unter Wölfen mit zu heulen,

wurde von mir nie Anlaß gegeben, die Gelder durch Leckereien zu

vergeuden, dagegen immer unverdrossen jedes Opfer gebracht, wenn es

galt, Etwas zu sehen und die Kenntnisse zu bereichern.

Der Weg zum Invalidenhause war weit, und daher an der Zeit nichts zu

verlieren, weshalb ein ~Omnibus~ bestiegen wurde, welche Wagen die

Hauptstadt in allen Richtungen durchfahren und den Passagier für sechs

~Sous~ von einem Ende der Stadt bis zum andern spediren.

Das ~Hôtel des Invalides~, welches funfzehn Morgen Land bedeckt,

und seine Gebäude funfzehn Höfe einschließen, die durch ~Corridors~

verbunden sind, ist groß genug, um 7000 Mann aufnehmen und mit allen

Bequemlichkeiten versehen zu können, auf welche Versorgung jeder

Krieger Anspruch zu machen hat, der durch Wunden arbeitsunfähig,

oder dreißig Jahre untadelhaft gedient hat. Alle die Schönheiten

und Meisterwerke der Kirche dieser Anstalt zu besehen, ging für uns

verloren, da hinter dem Hochaltare, wo die zweite Abtheilung oder

der Dom anfängt, wegen Vorarbeiten zur Aufnahme der Napoleonsleiche,

dieselbe zugeschlagen und der Zutritt verwehrt war. Die Decke der

ersten Kirche schmücken meist spanische, portugiesische und algierische

eroberte Fahnen, da die mehrsten der 3000 Flaggen, welche unter

Napoleon die Kirche zierten, vor dem Einzuge der Alliirten am 31. März

1814 verbrannt worden sind, wie der Führer erzählte.

Auf der herrlichen Esplanade vor dem Gebäude standen noch theilweis

die, Napoleons Leichenbegängnisse zu Ehren, mit vielen Kosten

errichteten Statuen, Krieger alter und neuerer Zeit darstellend,

unterbrochen von Ornamenten und Kandelabres, welche man jetzt wieder

demolirte, und Plätze wie Straßen von den Ueberbleibseln großartiger

Anstalten des Trauerfestes gereinigt wurden.

Die unfern der Invaliden-Wohnungen liegenden Elysäischen Felder werden

im Winter von den Parisern weniger besucht, und dienen zur Zeit meist

nur zu Revüen, Mannövres und Pferderennen.

Nachdem die ~Champs Elysées~ passirt waren, gelangten wir auf den

~Place de la Concorde~, der imposanteste von Paris, welcher mehrmals

den Namen, wie seine Ausschmückung, verändert hat. -- Vieles Bürgerblut

ist hier im Kampfe der streitenden Partheien geflossen, unzählige Opfer

sind hier während der Revolution unter der Guillotine gefallen; auch

Ludwig ~XVI.~ und seine Familie.

Jetzt prangt da, wo früher das Henkerbeil mordete, auf einem Piedestal

von schönem französischen Granit der aus Egypten mit großer Mühe

hieher geschaffte Obelisk von Luxor, der durch seine Alterthümlichkeit

die allgemeine Aufmerksamkeit fesselt. Dieser 72 Fuß hohe Block ist

noch vollkommen erhalten, aus einem Stück gearbeitet und ganz mit

Hieroglyphen von der feinsten und kräftigsten Arbeit bedeckt. Mit dem

Piedestal ist das Ganze 89 Fuß hoch. -- Zu beiden Seiten des Obelisks

befinden sich große, reich und geschmackvoll verzierte Wasserkünste,

wie überhaupt eine Menge stark vergoldeter Kandelabres-Figuren und

Marmor-Gruppen, die dem Ganzen ein imposantes Ansehen geben.

Durch den Tuilerieen-Garten eilten wir der Wohnung des Königs zu,

um mit Beschauung dieses Schlosses die Wanderung für diesen Tag zu

beschließen, welches meine Gefährten in jeder Hinsicht befriedigte,

und diese, im Glauben nun Paris gesehen zu haben, am andern Morgen

die Hauptstadt verließen, nicht ahnend, was für den Fremden noch an

Kunstschätzen hier zu sehen ist, und ein günstiges Geschick mir diesen

Genuß noch gewährte.

Nur anständig gekleideten Personen ist der Zutritt in den Garten der

Tuilerieen gestattet, da die Eingänge mit Militär besetzt, Jeden

abweisen, welcher diesem Befehl zuwider handeln will. Deshalb ist

dieser Königliche Park auch der Einigungspunkt der vornehmen Welt,

welche hier sehen und gesehen seyn will.

Diese herrliche, wohlunterhaltene Anlage vereinigt Alles, was zur

Verschönerung der Natur, und dem Vergnügen der Menschen beitragen kann,

und bei jeder Wendung begegnen dem Blicke die schönsten Statuen und

Gruppen, welche von Wasserkünsten und Fontänen unterbrochen werden.

Der Name des Palastes der französischen Könige soll seinen Ursprung von

Ziegelhütten haben, welche früher da standen, wo Katharine von Medicis

das jetzige Tuilerie-Schloß angelegt hat, welcher Bau von jedem der

nachfolgenden Regenten vergrößert und verschönert worden ist. Auch

Ludwig Philipp unterläßt nicht, ihn von innen und außen zu verbessern

und zu erweitern.

Einundfunfzigster Brief.

Fortsetzung.

Im Februar 1841.

Der Minister-Resident, Herr Staatsrath Weiland, wünschte persönlich

meine Bekanntschaft zu machen, nahm mich sehr zuvorkommend auf, und

stellte mir beim Abschiede eine Karte zu, welcher ich mich da, wo der

Paß nicht auslangen würde, um Einlaß in die Kunstkabinete zu erhalten,

bedienen möchte. Dabei war ich auch von dem Aufenthalte der zur Zeit

in Paris lebenden Weimaraner in Kenntniß gesetzt, von welchen ich vor

Allen Herrn Martersteig aufzufinden mich bemühte. Dieser, in seinem

Atelier mit einem großen Kunstgemälde beschäftigt, war nicht wenig

erstaunt, als er den Amerikaner erblickte, der, ihm in Paris einen

Besuch abzustatten, gekommen war, und ich mußte sogleich bei diesem

Braven meine Wohnung nehmen, da ein mehrtägiger Aufenthalt unerläßlich

war, um das Weitere von Paris kennen zu lernen. Ein zweiter Landsmann,

Herr Rückoldt, zur Zeit außer Kondition, wurde nun mein ~Cicerone~, und

dieser, ebenfalls in Paris von ~A~ bis ~Z~ bekannt, unterzog sich dem

Geschäfte, mit mir die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreichen

und nichts unbesucht zu lassen. Den Abend mehrte die Gesellschaft ein

dritter Landsmann, Herr Schaller, und so genoß ich nach der Abreise

meiner Reisegefährten manche herrliche Stunde im Kreise der Freunde.

~Vendome~-Platz, ~Palais-Royal~, ~Morgue~, Thiergarten, Invalidenhaus,

die Elysäischen Felder, ~Place de la Concorde~, ~Tuilerieen-~Garten,

so wie die Wohnung des Königs, der ~Tuilerieen-~Palast, waren die

ersten Tage besehen worden. Jetzt sollte vom Polizei-Bureau aus, wo

der Paß niedergelegt war, das Versäumte nachgeholt und der berühmte

Gottesacker besucht werden. Auf der Tour dahin ward die alte ehrwürdige

~Notre-Dame~ besichtigt und die immer mit Menschen und Wagen

besetzte Brücke ~Pont-neuf~ passirt, wo die bronzene Reiter-Statue

Heinrichs ~IV.~ aufgestellt ist, und die auf den Trottoirs dampfenden

Kohlenbecken und Oefen den Vorübergehenden immer frisch gebackene

Schmalzkräpfel und Pasteten liefern; doch waren wir nach diesem

Backwerke nicht lüstern, da die Sage geht, daß hier Hunde-, Pferde- und

Menschen-Fett die Hauptrolle spielt.

Auf den ~Grêve-~Platz angelangt, fällt vor Allem das schöne Rathhaus

auf, in dessen Hofe das Standbild Ludwig ~XIV.~ prangt. Dieser Platz,

auf welchem früher gehenkt, gerädert, geviertheilt und guillotinirt

worden ist, hier, wo schuldige und unschuldige Opfer in Unzahl das

Leben verloren haben, behält immer etwas Grausiges, und der Gedanke,

auf dem gräßlichen Platze zu stehen, wo während der Revolution Ströme

Bluts geflossen, wo der Henker ~Robespierre~ ohne Zahl die Menschen

schlachten ließ, und als gerechte Strafe selbst durch Henkersbeil

das Leben verloren hat, erfüllt den Menschen mit Abscheu gegen die

Bluthunde damaliger Zeit.

Vor dem Todtenacker ~Pére la chaise~ verrathen die auf beiden Seiten

der nicht breiten Straße in ~Ateliers~ arbeitenden Steinhauer, durch

Aufstellung ihrer bestellten, oder vorräthig gefertigten Kunstwerke

von Monumenten und Denksteinen, daß man nicht zu bereuen hat, die

Schritte aus dem geräuschvollen Leben nach dem Eingange zur Lebensruhe

gerichtet zu haben. Der Friedhof selbst überrascht den Pilger auf jede

Weise. Kunst und Natur wetteifern hier, dem Orte das Abschreckende

zu benehmen, und dem Besuchenden einen einladenden Garten zu zeigen.

-- Schöne Wege und Alleen führen zur Höhe hinauf, an dessen Abhang

frei, und im Gebüsche versteckt, die schönsten Grabsteine, Kreuze,

Monumente und Kapellen sichtbar sind. Herrliche Denkmäler, große

und geschmackvolle marmorne Obelisken, Säulen und Statuen bezeichnen

die Stellen, wo ausgezeichnet gewesene Männer ruhen. Die Namen der

Marschälle ~Suchet~, ~Massena~, ~Lefevre~ findet man hier. Auch der

durch sein tragisches Ende noch merkwürdiger gewordene Marschall

~Ney~ ist hier beigesetzt, doch ohne daß auf dem Steine, welcher ihn

deckt, der Name verzeichnet ist. Besonders prächtig nehmen sich die

Denkmaler der russischen Gräfin ~Demidoff~, das der beiden liebenden

~Abaelard~ und ~Heloise~, des General ~Foy~ und das in neuerer Zeit dem

Staats-Minister ~Casimir Perier~ errichtete, aus.

Ist man auf dem ersten Vorsprunge des Hügels angelangt, wo eine Kirche

steht, so ändert sich die Scene. Der Mensch wird abgezogen von seinen

Betrachtungen über Tod und Ewigkeit, da von diesem Standpunkte aus,

Paris in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit sich vor seinem Blicke

entfaltet, und die Sinne, vom Reize des Irdischen umstrickt, sich

wieder dem sündhaften Leben zuwenden.

Im Kreise der Freunde ward beschlossen, den Abend dieses Tages auf

einem deutschen Kaffeehause zu verleben und bei gutem Bier uns der

lieben Heimath zu erinnern.

Zahlreich war die angetroffene Gesellschaft, da der in Paris lebende

Deutsche noch zu sehr an dem gewohnten Gerstensaft hängt, als daß er

letztern über den Wein, welcher mehr von den Franzosen getrunken wird,

vergessen sollte. Alle Tische waren in den ersten Zimmern besetzt,

und die qualmenden Pfeifen ließen mich um so mehr wünschen, besser im

Hintergrund gedrängt, außer dem Bereiche der Rauchsäulen, leere Plätze

zu suchen.

Das Bier, Straßburger Fabrikat, mundete trefflich, und schon war es

spät an der Zeit, wie die um uns leer werdenden Sitze kund gaben,

als wir uns auch zum Rückzuge anschickten, und die Freunde auf den

leer gewordenen Straßen jetzt mit Schrecken gewahrten, daß kein

~Omnibus~ mehr fahre. Wie sie die weit abgelegenen Quartiere

erreicht, war Keinem am nächsten Tage mehr bewußt, ich selbst wanderte

mit meinem seelenvergnügten Maler langsam und friedfertig unserer

Wohnung zu.

Auffallend ist der Kontrast, welchen eine so bevölkerte Stadt, wie

Paris, zwischen Nacht und Tag bietet, und ein wahrhaft interessantes

Bild davon giebt ein Autor, indem er sagt:

„Wie ganz anders gestaltet sich die Stadt am späten Abend. Die Lampen

und Laternen sind erloschen, nur das Gas leuchtet noch auf einigen

Plätzen und in größern Straßen; die Läden sind geschlossen, die Lichter

in den Zimmern sind verlöscht, und nur in den obersten Stockwerken

flimmert noch hin und wieder ein Licht. Der Journalist, der Poet,

der Gelehrte arbeitet da noch; die arme, von der harten Tagesarbeit

ermüdete Mutter, sucht für ihre hungrigen Kinder noch Etwas zu

verdienen. Die Grisette erwartet noch ihren Geliebten; die feile Dirne

lauert auf Beute, um morgen essen zu können. Dunkle Gestalten, von

denen viele das Tageslicht scheuen mögen, schleichen gespensterartig

mit leisen und gellenden Tritten an den Häusern hin; Patrouillen

durchreiten und durchwandern die Stadt. Die Chiffonniers, mit ihren

kleinen Laternen, hölzernen Butten und eisernen Hacken durchwühlen

die Gossen und Ecken, um spärliche Papierschnitzel, verdorbene und

weggeworfene Eßwaaren aufzusuchen. Nur selten rasselt ein Wagen;

die pestilenzialisch stinkenden Ausleerungskarren schleppen langsam

einher und gleichen Leichenwagen in einer ausgestorbenen Stadt, und

Paris ist jetzt todt. Nur in den Salons der Großen, in den Spiel- und

Freuden-Häusern ist noch Leben.“

Etwas spät stellte sich am andern Morgen mein wackerer Führer ein, da

Heiserkeit und Kopfschmerzen ihn länger als gewöhnlich, aufs Lager

gefesselt hatten. Doch solch ein nächtlicher Kommers genirt einen

braven Burschen nicht. Der fleißige Maler stand schon früh mit Pinsel

und Palette an seinem Meisterwerk, und korrigirte nebenbei vorkommende

Fehler seiner jungen und talentvollen Schülerin, welche die Mutter mit

Argusaugen bewachte, da in Paris den Männern in diesem Punkte zu wenig

getraut wird, und man in jedem unbewachten Frauenzimmer, welche auf der

Stube eines Mannes angetroffen wird, ein Grisettchen erkennt.

Ohne Appetit wollte heute bei einem ~Marchand de vin~ das

Frühstück nicht munden, welches uns bestimmte, um nun auch die

Wirthschaft einer der größten und vornehmsten Pariser Restaurationen

kennen zu lernen, im ~Palais-Royal~ das Mittagsbrod einzunehmen.

Gute Bedienung, schmackhafte Speisen und trefflichen Wein findet man

hier, doch ist solch ein Genuß, den Gaumen zu kitzeln, bei beschränkten

Mitteln um so weniger anzuempfehlen, wenn man vom Hause aus kein

Feinschmecker ist, und das Sprichwort: „Was hilft der Kuh Muskate!“[61]

hier Anwendung finden möchte. Solch ein Vergnügen ist zu kostspielig,

als daß der mit Glücksgütern nicht gesegnete Fremde hierauf nicht

verzichten sollte. In ebenfalls anständigen Restaurationen, woran es in

Paris nicht fehlt, ist es um drei Theile billiger.

Das geschichtlich merkwürdige ~Palais de Luxembourg~, jetzt der

Versammlungsort der ersten Kammer, der Pairs von Frankreich, wurde

heute besucht. Die Gemäldegallerieen, in welcher nur Meisterwerke

jetzt lebender Künstler aufgestellt werden, ist sehenswerth; der daran

stoßende herrliche Garten soll besonders von den Herren Studenten

frequentirt werden, welche mit dem Liebchen am Arm, sich in den

schattigen Gängen erholen, denn hier ist es Sitte, daß die Pariser

Musensöhne, wie ihre deutschen Brüder ohne lange Pfeife nicht leben

können und sich öffentlich zeigen, diese, ohne ein Grisettchen am

Arm zu haben, die Straße nicht betreten und sonst in vertraulicher

Eintracht mit ihren Stubengenossinnen leben.

Solche Stubenmädchen, deren es 18-20,000 in Paris geben soll,

verdienen sich in der Regel vom Nähen und Sticken ihren Unterhalt,

welcher Verdienst jedoch nicht ausreichend ist, um auch Putz und Logis

davon bestreiten zu können, weshalb das liebe Geschöpfchen zu einem

Studenten oder sonst jungen Mann nach ihrem Geschmack zieht, dessen

Wirthschaft besorgt und die Frau vertritt, woher es kommen mag, daß

die Findelhäuser immer reichlich besetzt sind. Dennoch findet man in

einem solchen gesellschaftlichen Verhältniß nichts Anstößiges und weder

Eltern, Vormünder noch die Obrigkeit haben Etwas dagegen einzuwenden.

Von hieraus wurde das ~Panthéon~ besucht, ein Meisterwerk der

Architektur, welches schon über dreißig Millionen Franks gekostet hat

und im Bau noch nicht vollendet ist. Es nimmt einen der ersten Plätze

der Pariser Merkwürdigkeiten ein. Die Bestimmung dieses prächtigen

Tempels des Ruhmes ist: die Gebeine berühmter Männer aufzunehmen,

weshalb unter dem Gebäude eine lange Reihe von Gewölben angebracht ist.

Auch das ~Musée d’Artillerie~ wurde heute besichtigt, wo in fünf

Gallerieen verschiedene Kriegswerkzeuge aufgestellt sind.

Auch zeigt man dort, außer den wirklich authentischen Waffen der

größten französischen Kriegshelden und Monarchen, den Helm des

~Attila~.

Am Abend wurde die große Oper besucht, wo wir bei frühzeitiger Ankunft

schon eine Menge Menschen versammelt fanden, welche die im Zick-Zack

errichteten Barrieren füllten und in Reihe und Glied das Oeffnen

der Kasse erwarteten. Eine lobenswerthe Ordnung findet dabei Statt,

bedungen von den vor dem Stück aufgestellten und nach Anfang desselben

wieder weggenommenen Verschlägen, wodurch das Zudrängen von allen

Seiten nach dem Eingang unmöglich wird, und so geschützt, der Vorderste

Einlaß erhält, die Folgenden nachrücken und die Neuangekommenen sich

immer dem Hintersten erst anschließen müssen.[62]

Pracht und Eleganz herrscht hier bis auf den letzten Sitz der obersten

Gallerie und, wie in London, erhöhen die Lichtflammen fünf großer und

brillanter Leuchter den Glanz der Vergoldung und Malerei, mit welchen

das Haus reich und geschmackvoll dekorirt ist.

Die Vorstellungen dauern sehr lange, von acht Uhr bis Mitternacht;

füllt ein Theaterstück diese Zeit nicht aus, so werden in mehrern

Schauspielhäusern öfters vier bis fünf verschiedene Stücke gegeben.

Nicht wie bei uns, bekundet ein anhaltender Applaus die Kunst

der Spieler, wie den anerkannten Werth des Stücks, denn hier,

wie in London, giebt das Publikum nicht durch Klatschen seinen

Beifall zu erkennen, sondern dies Geschäft verrichten die von den

Theater-Direktionen, Akteurs und Aktricen, sowie vom Autor des Stücks

bezahlten Klatscher (~Claqueurs~), welche sich im ganzen Theater

verbreiten und je nachdem es bezahlt worden ist, werden die Hände in

Bewegung gesetzt. Wer zu zischen und pfeifen wagt, indem sie klatschen,

wird maltraitirt, wer klatscht, wenn sie ruhen, verhöhnt.

Vor Allem vermißt der Fremde in Amerika, London und Paris das

gesittete und stille Betragen der Zuschauer vor Beginn des Stücks.

Man spricht hier laut miteinander, ruft aus dem Parterre den in Logen

und Gallerieen Sitzenden zu, macht allerhand launige Bemerkungen,

lacht, schreit und singt nach Belieben und nicht weniger geniren sich

später kommende Zuschauer, welche über Bänke und Sachen weglaufen,

und sich einzudrängen suchen. Ebenso belästigen Verkäufer, welche

Theaterzeitungen, Lorgnetten, Eßwaaren etc. feil bieten, und sich durch

die Reihen Platz zu machen verstehen. Je nachdem das Stück Anklang

findet, so hängt davon die Ruhe und Aufmerksamkeit des Publikums ab.

Zieht das Stück an, so geht es erträglich, mißfällt es dagegen, so hat

der Lärm keine Grenze, da ein Jeder für sein erlegtes Geld das Recht zu

haben glaubt, sein Urtheil laut abgeben zu können.

Sonntag, den 28. Februar, fuhren wir auf der am rechten

~Seine-~Ufer angelegten Eisenbahn nach dem vier Stunden von

Paris gelegenen ~Versailles~, um daselbst das schöne Schloß, die

in demselben aufgestellte große Bildersammlung, Statuen, wie die so

berühmten Wasserkünste im Schloßgarten zu sehen.

~Versailles~, zur Zeit Ludwig ~XIII.~ noch ein Dorf, erhielt

erst sein Ansehen, nachdem dieser Regent ein Jagdschloß daselbst

erbaute, seine Nachfolger aber solches erweiterten, immer vergrößerten

und bis zur Revolution den Sitz des Hofes und der Regierung dahin

verlegten, wodurch die Stadt an Größe schnell zunahm und gegen 100,000

Einwohner zählte; nach jener Schreckenszeit kam sie aber schnell in

Verfall, so daß die Seelenzahl bis auf 30,000 herabsank, jetzt aber

wieder im Zunehmen ist, da durch das von Ludwig Philipp daselbst

angelegte Museum viele Fremde hingezogen werden und eine doppelte

Verbindung mit Paris durch zwei Eisenbahnen hergestellt worden ist.

Eine genaue Beschreibung des Schlosses, der Kunstschätze, so wie des

Gartens, findet man in dem Fremdenführer von Moritz Grimm, welcher

Wegweiser jedem Fremden in Paris anzuempfehlen ist.

Die Wasserkünste, mit einem ungeheuern Geldaufwand errichtet,

überbieten Alles, was wohl Derartiges auf der Welt existiren mag, und

wenn sie spielen, glaubt sich der Zuschauer in das Feenreich versetzt.

Zweiundfunfzigster Brief.

Fortsetzung.

Im März 1841.

Die Kunstschätze des Schlosses von ~Versailles~, wie die Wasserwerke

des Parks, lassen erklären, warum man aus zwei verschiedenen Pariser

Stadttheilen hieher kostspielige Eisenbahnen errichtet hat, da der

Zudrang von Schaulustigen, sowohl Fremder als Einheimischer, sehr groß

ist und die Herren Aktionärs bei stattfindender Konkurrenz immer noch

hohe Prozente beziehen sollen.

Bis ~St. Cloud~, einer kleinen Stadt an der ~Seine~, wurde auf der

Schienenbahn, die uns nach ~Versailles~ gebracht hatte, zurückgefahren,

um das daselbst befindliche Schloß, für welches Napoleon eine besondere

Vorliebe gehabt haben soll und welches Carl ~X.~ gewöhnlich zum

Aufenthalt diente, zu besehen, und die im Schloßgarten befindlichen

Bassins und Statuen zu bewundern; sowie später die Fußwanderung

nach ~Sévres~ fortgesetzt wurde, um daselbst die weltberühmte

Porzellan-Manufaktur und das in dieser befindliche Museum von fremdem

und einheimischen Steingut und Töpferwaaren, Muster der Erden, aus

denen sie fabrizirt werden, so wie Modelle aller Arten, Vasen, Figuren

und Service, die seit 1755, dem Bestand dieser Anstalt, hier verfertigt

worden sind, kennen zu lernen; dann besahen wir das zwischen ~Sévres~

und ~Meudon~ auf einem Hügel sehr schön gelegene ~Bellevue~, wo man

auf der Terrasse einen herrlichen Ueberblick von ~Paris~ und den

~Seine-~Fluß hat.

Park und Schloß zu ~Meudon~ sind in neuerer Zeit von Ludwig

Philipp durchaus neu eingerichtet worden, obgleich schon Napoleon für

seinen Sohn dasselbe restauriren ließ.

Bis hierher ging Alles gut, und da das schönste Wetter diesen Ausflug,

auf welchem ich gesehen, was ich wohl schwerlich zum zweiten Male sehen

werde, es müßte denn Fortuna ein besonderes Auge auf mich werfen,

begünstigte, so blieb nichts zu wünschen übrig, als möglichst schnell

den knurrenden Magen zu beschwichtigen, da er sich mit dem geistigen

Genuß nicht begnügen wollte.

Das herrliche Frankreich mit seinem Feuerwein, wie das bescheidene

Vaterland mit seinem Gerstensaft, ließen wir bei dem nächsten

~Marchand de vin~, wo eingekehrt wurde, hoch leben, und dadurch

immer beredter und fideler, versäumten die Freunde an den Aufbruch zu

mahnen und schon war der Wagenzug vorüber, als wir, um mitzufahren, zur

Eisenbahn eilten.

Höllisches Geschick! Weder ein Fiacker, noch ~Coucous~[63] ließ

sich sehen und da keine Zeit zu verlieren war, indem wir am Abend der

Vorstellung im Theater ~Franconi~ beiwohnen wollten, wo die

Zurückkunft der Asche Napoleons theatralisch aufgeführt werden sollte,

so blieb nichts übrig, als im Sturmschritt nach der Barriere zu eilen,

um daselbst einen ~Omnibus~ zu besteigen, welcher uns nach dem

weit entfernt gelegenen ~Boulevard du Temple~ transportiren sollte.

Auf dieser Tour rettete ich die Ehre meiner Landsleute, von denen

die meisten während ihres Aufenthaltes in Paris vor Allem über

das beschwerliche Zufußgehen geklagt haben, und ohne Wagen nicht

fortzubringen gewesen seyn sollen, ich dagegen meine wackern Freunde

immer hinter mir ließ, und dadurch zeigte, daß eine Reise nach Amerika

nicht so mitnehmend sey, als ein Leben in Paris.

Der bei dem ~Omnibus~ wachthabende Sonnenbruder, welchem

das Geschäft oblag, zur rechten Zeit den in der nächsten Kneipe

sich wärmenden Kutscher zu rufen, hatte sich selbst das Geschäft

erleichtert, war in den Wagen gestiegen und sanft entschlafen, mußte

jedoch im Traume sich berufen fühlen, dieses Terrain frei zu halten,

denn er schlug bei unserm Einsteigen um sich herum und machte, nachdem

wir Posto gefaßt, Miene, uns wieder aus dem Wagen zu werfen, bis durch

den Lärm der Kutscher selbst herbeieilte und den Trunkenbold auf die

Seite schaffte.

Was ich vermuthete, war geschehen. Das Theater war längst angegangen

und schon ein Stück vorüber, wie die aus dem Hause kommenden

Schaulustigen zu erkennen gaben, von welchen die nicht Zurückgehenden

ihre Billets an bereit stehende Kontremarken-Händler verkauften und

Letztere solche wieder an später kommende Zuschauer anzubringen

suchten, weshalb mehrere dieser Industriellen sich an uns drängten und

Marken offerirten.

Dieser Billethandel, wogegen die Theater-Direktion nichts einzuwenden

hat, geht in Paris ins Große und verschafft dem Publikum den Vortheil,

daß man nicht für die ganze Vorstellung, welche an einem Abend Statt

findet, zu bezahlen hat, im Fall man vor dem Schluß des Hauses das

Schauspiel verläßt, oder erst in dem bald beendigten Stück das Theater

besuchen will.

Mit allem Pomp und getreuer Nachahmung der stattgefundenen Ceremonieen,

bei Abholung der Leiche Napoleons von ~St. Helena~ bis zur

Uebernahme derselben im Invalidenhaus zu Paris von Ludwig Philipp,

wurde diese Begebenheit theatralisch dargestellt, welcher Genuß mir um

so willkommner war, da ich bedauern mußte, zu spät nach der Hauptstadt

gekommen zu seyn, um der wirklichen Trauerfeierlichkeit beiwohnen zu

können.

Am nächsten Morgen wurde die Magdalenenkirche besucht, welches

herrliche Gebäude, von Napoleon zu einem Tempel des Ruhms bestimmt,

jetzt wieder, nach dem Willen ihres ersten Gründers Ludwigs ~XV.~,

unter die Zahl der Gottgeweihten Häuser aufgenommen ist. Das vollendete

Aeußere dieses großartigen Tempels gewährt einen freundlichen Anblick,

ohne daß der Styl verräth, daß man einer christlichen Kirche nahe stehe.

Aehnlich der Magdalenenkirche ist die Börse großartig aufgeführt,

und wie jene 52 Säulen von Außen zieren, so sind hier 66 dergl.

angebracht. Die von oben erleuchtete und mit einem herrlichen Plafont

geschmückte Halle ist groß genug, 2000 Personen fassen zu können; am

schönsten kann man von der Gallerie herab das Gewühl der versammelten

Menge von Spekulanten, Banquiers, Kaufleuten bis zum kleinsten Krämer

herab, durchmengt von Neugierigen und Dieben, beobachten, wenn man

nicht selber in der Nähe die großartigen Handels- und Geldgeschäfte

mit ansehen und hören will, und weniger besorgt für seine Uhr und

Börse ist, denn mit unglaublicher Keckheit werden hier, besonders den

Fremden, nicht allein Taschentücher entwendet, sondern die Virtuosität

dieser Industriellen erstreckt sich besonders auf Dosen, Uhren und

Brieftaschen, welche, ehe man es ahndet, verschwinden. Paris und London

werden sich wohl in diesem Fach immer den Vorrang streitig zu machen

suchen und die unerreichbaren Vorbilder aller Gauner und Diebe bleiben.

Von hier aus wurde die große ~Passage des Panorames~

durchschritten und durch diese aufmerksam gemacht, verschiedene andere

Glasgallerieen besucht; auch wurde mir das Haus gezeigt, woraus Fieschi

seine Höllenmaschine auf den König abgeschossen hatte.

Die Beschauung des ~Louvre~ kam jetzt an die Reihe. Dieser Palast,

von Franz ~I.~ (1528) errichtet, von allen nachfolgenden Regenten

aber vergrößert und verschönert, interessirte mich ungemein. Er

erweckt viele historische Erinnerungen und war häufig die Wohnung der

Könige. Karl ~IX.~ schoß von hier aus auf die Hugenotten in der

Bartholomäusnacht und hier fand der erbitterte Kampf des Volks gegen

die Schweizergarde in der Juli-Revolution Statt. Das Aeußere, wie der

innere Ausbau, dieses großartigen Gebäudes ist äußerst imposant und

reich ausgeschmückt und soll für den Architekten viel Merkwürdiges

enthalten. Die innern Räume des ~Louvre~ sind jetzt beinahe ganz

von verschiedenen Museen eingenommen, und die Kunstschätze, welche hier

aufbewahrt werden, übertreffen Alles, was man sich vor dem Beschauen

davon verspricht.

Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Paris fuhren wir nach ~St.

Denis~, einer Stadt von 5000 Einwohnern, um die daselbst befindliche

merkwürdige Cathedrale zu besehen, wo die Gräber der französischen

Könige sich befinden.

Wir besahen das alterthümliche Grab Dagoberts, das Grabmal Ludwigs

~XII.~, und Anna’s, seiner Gemahlin; dann das Denkmal von Heinrich

~II.~ und Catharina von Medicis, das Monument Franz ~I.~ und

der Königin Claude.

Schon war die Pforte geöffnet und der Führer bereit, uns unter das Chor

hinab zu geleiten, wo die Grabgewölbe der übrigen Könige und ihrer

Familienglieder sich befinden, als mich Kolik-Schmerzen zum Rückzug

zwangen.

Keine Zeit war zu verlieren, um nach Paris zurückzueilen, weil daselbst

heute noch die nur bis vier Uhr geöffnete Königliche Teppichfabrik

der ~Gobelins~ besucht werden sollte. Doch vergebens harrten

wir im Kuckuk auf den Abgang des Wagens, obgleich der Kutscher beim

Einsteigen den schnellsten Transport versprochen hatte. Mein Freund

mochte toben und fluchen, so viel er wollte, der Wagen rückte nicht von

der Stelle, denn noch waren nicht alle Plätze besetzt und der Fuhrmann

verlangte seine volle Ladung. Nur, als wir Miene machten, wieder

auszusteigen um einen andern, besser besetzten Wagen zu frequentiren,

wurde das erbarmungswürdige Thier durch Peitschenhiebe zum Fortgehen

bewegt. Unterwegs wurden noch Höckenweiber und Arbeiter aufgenommen,

wodurch sich die Passagiere dermaßen mehrten, daß der Kutscher die

Freude hatte, noch ~Lapins~[64] zu placiren. -- An der Barriere

angelangt, wurde sogleich ein ~Omnibus~ bestiegen; doch da vier

Uhr längst vorüber war, als wir bei den ~Gobelins~ ankamen,

so wurde der Zutritt nicht mehr gestattet und das Anschauen dieser

berühmten Kunstteppich-Weberei ging für mich verloren.

Aergerlich gestimmt, gingen wir langsam durch das öde, garstige

Stadtviertel, wo die Lohgerber an dem ~Bievre-~Flüßchen wohnen und

das Geschäft meines Freundes und Führers getrieben wurde, nach dessen

Wohnung zu und an der Anatomie vorbei, wo Mediziner und Chirurgen ihr

Geschäft an Hunderten von Leichen üben. In dem Logis angelangt, mußte

ich bemerken, wie ein so großes Haus in Paris gleichsam eine kleine

Welt umschließt, und das nämliche Dach oft den ausschweifendsten Luxus

neben der drückendsten Armuth bedeckt. Man wird hier geboren, man lebt,

man stirbt, man freut sich oder man verzweifelt, und Niemand im Hause,

außer denen, die es zunächst berührt, erfährt etwas davon. -- Erst als

am Abend im Atelier des fleißigen Malers, meines braven Wirths, die

Freunde sich versammelt und der dampfende Glühwein von Neuem den Leib

erwärmte, war mir wohler, und bis spät in die Nacht wurde unter Sang

und Klang der Gläser der Abschied gefeiert.

+Die Heimkehr.+

Am Morgen des 3. März war bei der Postanstalt ~Laffitte, Caillard et

Comp.~ die Reise nach Straßburg akkordirt und für den Platz auf dem

Kutschenhimmel 33 Franks für 120 Stunden Wegs bezahlt; wobei noch 50

Pfund Gepäck und ein Hund frei waren.

Das von Freundes Hand mir anvertraute alte Thier, um solches dem Vater

zu überbringen, hatte gewiß seine Jugendzeit auf dem Combat in Paris

verlebt und daselbst bei den Hundepaukereien als kunstgerechter Kämpfer

sich Lorbeeren erworben, obgleich der Händler diese Bestie mit seinen

fletschenden Zähnen, als noch in besten Jahren stehende Bulldogge

verkauft hatte, welche die grauen Haare nur aus Verdruß über nicht

anerkannte Verdienste bekommen habe.

Freud und Leid verschaffte dieser Begleiter, welchen ich mir während

der Reise durch Schmeichelei und Leckerbissen geneigt zu machen suchte.

Bald fuhr er knurrend meiner nicht allzuhübschen Nachbarin nach den

Waden, wenn sie das Unglück hatte, ihn mit ihren großen Füßen zu

berühren; dann verrieth die Feuchtigkeit an den Füßen, daß die Bestie,

ungalant genug, sich nicht genirte, über den Häuptern der tiefer

sitzenden Passagiere der Nothdurft sich zu entäußern.

Während der 2½ Tag und zwei Nächte unausgesetzten schnellen Reise über

~Chalons~ und ~Nancy~ wurde nichts der Aufnotirung Werthes bemerkt und

wir erreichten wohlbehalten am 5. d. Nachmittags Straßburg, wo ich

bei dem mir rekommandirten und empfehlungswerthen ~Jacob Phisterre~

einkehrte und sogleich das Nöthige auf dem Paß-Bureau besorgte,

währenddem die Bulldogge angebunden in der Gaststube zurück blieb. Doch

dem freien Franzmann beliebte nicht eine solche sklavische Behandlung,

knurrend säuberte er seine Nähe von zudringlicher Bekanntschaft und

zerriß die Bande, um mit einem Satz nicht über den Rhein, sondern

nach einer sich in aller Unschuld nähernden Katze zu springen, welche

zu spät gewarnt, durch die rächende Nemesis jetzt gleiches Schicksal

erfuhr, was sie Tausenden von Mäusen bereitet hatte. Mir selbst diente

das Geschehene zur größern Vorsicht, und da zum Glück das gefallene

Opfer nicht der Liebling der Frau Wirthin mehr war, indem das jüngere

Geschlecht sie aus der frühern Gunst verdrängt hatte, so war auch von

dieser Seite der Friede bald wieder hergestellt, woran mir am mehrsten

gelegen war, da ich es nicht gern mit den Weibern verderbe.

Schon war der Name auf dem Postamte zur Weiterreise notirt, als mein

böser Genius, der Hund, diese Fahrgelegenheit vereitelte, da man

solchen weder frei, noch gegen Vergütung als Passagier mit aufnehmen

wollte. Lohnfuhrwerk zu miethen, kam als einzelne Person zu theuer,

weshalb ich einen Allerweltsfreund beauftragte, in den andern Gasthöfen

nach einer Retourfuhre sich umzusehen.

Den andern Morgen wurde die Stadt besehen, wobei die Straßen

derselben mit ihren engen, unregelmäßigen, meist hohen und altmodisch

aufgeführten Häusern keinen freundlichen Anblick gewähren, und nur

der Paradeplatz, mit ansehnlichen Häusern umgeben, macht hiervon eine

Ausnahme.

Die mir als merkwürdig gezeigten Gebäude sind: der ehemalige

bischöfliche Palast, das vormalige Jesuiten-Kollegium, die Münze, das

Zeughaus, die Kanonengießerei, das Rathhaus und das Theater, vor Allem

aber der berühmte Münster, das Meisterstück altdeutscher Baukunst. Der

bewunderungswürdige hohe Thurm, welcher sein kühnes Haupt stolz bis zur

Höhe von 438 Pariser Fuß in die Lüfte emporhebt, wurde bestiegen.

Eine herrliche Aussicht lohnt für die Mühe und das ängstliche

Emporklimmen in einen der kleinen schlanken und mit durchbrochener

Arbeit gezierten vier Thürmchen, welche bis hoch in die Lüfte den

Hauptthurm umgeben, und in jedem eine schmale Schneckenstiege

hinaufführt, die in der Spitze wieder in den Mittelthurm geleitet. Von

diesem Standpunkte aus entfaltet sich dem Blicke das prachtvollste

Panorama. Die Stadt mit ihren beträchtlichen Festungswerken liegt

ausgebreitet unter dem Beschauer und gewährt den großartigen Anblick

eines der ersten befestigten Orte. Ueber den Schanzen und Gräben

hinaus fängt eine gut angebaute Gegend an, welche von schönen Gärten,

Landhäusern und Dörfern angefüllt ist. Nachdem in allen Theilen

die Riesen-Pyramide des Thurmes, welches Kunstwerk reichlich mit

durchbrochener und anderer Bildhauerarbeit geziert, gemustert war, und

ich auch die als Meisterstück anerkannte Thurmuhr besehen, verfügte ich

mich nach der Thomas-Kirche, um das merkwürdige, dem Marschall Moritz

von Sachsen errichtete Denkmal zu sehen. Eben daselbst werden auch in

einer Nebenkapelle zwei in Särgen liegende Mumien gezeigt, von welchem

der Zahn der Zeit schon einmal die Kleidungsstücke zernagt und Letztere

mit neuen ersetzt worden sind; die Leichname selbst waren dagegen noch

gut erhalten.

Eben als der Pförtner im Begriffe war zu erzählen, wer die längst

Verstorbenen gewesen, trat der mich suchende Kundschafter ein und

brachte die Nachricht, daß ein Herr mit mir vereint die Reise bis

Frankfurt zu machen wünsche und im Logis meiner harre.

Ein mit der Post von Paris gekommener Musen-Sohn war das Herrchen,

welcher mir die Ehre zugedacht, in seiner Gesellschaft und auf

gemeinschaftliche Kosten die Reise fortzusetzen, und jetzt unserer

Zwei, wurde es auch leichter, einen von Mannheim gekommenen, und auf

Retourfuhre wartenden Lohnkutscher zu gewinnen.

Wohl hat freudiger, wie ich, kein Deutscher die große Schiffbrücke über

den Rhein bei Straßburg passirt, denn mit wonnigen Gefühlen betrat ich

von Neuem Deutschlands Boden. Während die Zolloffizianten bei Kehl

sich mit Visitiren meiner Effekten beschäftigten, und ich von einigen

Kleinigkeiten Eingangszoll zu entrichten hatte, war mein Reisegefährte

um so schneller expedirt, da er außer seinem noblen Anzuge nur noch ein

kleines Päckchen bei sich führte, dessen Inhalt mir unbekannt, aber

doch nichts Steuerbares enthielt.

Den 7. März, Nachts 1 Uhr, in Karlsruhe angekommen, wurde von da

früh 9 Uhr die Reise fortgesetzt, und von mir, wegen vorgeschütztem

Mangel kleinen Geldes, für meinen Musensohn die Zeche ausgelegt.

-- Wie Letzterer erzählte, war er ein Schüler der Malerkunst,

welcher im Begriffe stehe, in Frankfurt einen Onkel zu besuchen,

sich da zu erholen, und frische Gelder zu erheben und in Dresden

das Studium fortzusetzen; er war übrigens ein fideles Haus und ein

guter Gesellschafter, welcher mir noch so Manches von dem Pariser

Studentenleben mittheilte.

Abends 8 Uhr trafen wir in Mannheim ein und fanden im König von

Portugal Unterkommen. Von hieraus wurde, um mich eines Auftrags zu

entledigen, ein Abstecher nach Frankenthal nöthig, welches Geschäft

einen Tag Zeit in Anspruch nahm, und meinen Reisegefährten bestimmte,

um Jugendfreunde zu besuchen, auf der Eisenbahn nach Heidelberg

zu fahren, morgen aber zu rechter Zeit zurückzuseyn, und auf dem

Dampfschiffe wieder vereint mit mir, die Reise nach Mainz fortzusetzen.

Gegen den Beschluß war nichts einzuwenden; doch die Zumuthung, abermals

die Zeche zu erlegen, machte mich bedenklich, als aber gar noch ein

baares Anlehn kontrahirt werden sollte, wurde ich stutzig und nur als

die Versicherung gegeben wurde, in Frankfurt sich der Pflicht pünktlich

wieder zu entledigen, und man das Ehrenwort verpfändet hatte, gab

ich theilweise nach, und machte wenigstens die Fahrt nach Heidelberg

möglich.

Mir selbst wurde in Frankenthal ein herrlicher Genuß. Durch Briefe

aus Amerika, von meinem Freund und Kollegen in der Kupferfabrik,

brachte ich den Geschwistern und der Schwiegermutter Nachricht von dem

Kinde, der lieben Tochter und dem Enkelchen. Außer sich vor Freude,

wußte das Mütterchen nicht, wie sie ihre Dankbarkeit beweisen sollte,

nöthigte zum Kaffee und ließ die Milch dabei überlaufen; invitirte

zum Wein, und vergaß über alles Fragen, solchen zu holen, welches

mir um so lieber war, da ich des Guten schon genug bei den Schwägern

genossen, wo ich auch übernachten mußte. -- O! hättest Du ahnen,

und jetzt sehen können, alter Freund, und ihr Alle, welche Gleiches

zu thun willens sind, wie es für Eltern schmerzlich ist, wenn sie so

weit von den Ihrigen getrennt, sie mehr als todt beweinen, diese Wunde

nie verharrscht, und bei jeder Nachricht von Neuem aufgerissen um so

schmerzlicher wird, gewiß, ihr würdet vor der Ausführung, von dem

unglücklichen Gedanken, Vaterland, Eltern und Geschwister zu verlassen,

geheilt.

Am Morgen des 9. dieses traf ich wieder in Mannheim ein doch der Maler

war noch nicht zurück, und, wie zu vermuthen stand, der Philister um

das Anlehn geprellt, wenn nicht während meines Aufenthalts in dem

bestimmten Gasthause zu Frankfurt, das Ehrenwort eingelöst wurde.

Bei dem Bezahlen auf dem Dampfschiffe wurde der Hund als halber

Passagier in Rechnung gestellt, welche Ausgabe mir weniger unangenehm

war, als daß ich solchen beständig an der Leine führen mußte, da diese

Bestie einem deutschen Kameraden etwas unsanft den Gruß erwiderte,

welchen der Pinscher kneffend anzubringen versucht hatte.

Die unfreundliche Witterung ließ wenig von der Gegend genießen, ebenso

wurde von der Bundesfestung Mainz, welche wir um 4 Uhr erreichten,

wenig gesehen, da um 5 Uhr der Eisenbahnzug nach Frankfurt abging wo

ich mit diesem um 6 Uhr eintraf.

Während der Fahrt, wo ich bei meinem Nachbar, einem Frankfurter,

Erkundigung wegen Gelegenheit zur Weiterreise einzuziehen suchte, wurde

mir eine Herberge, in welcher in der Regel die Lohnkutscher logiren

sollten, und wo man auch sonst gut aufgehoben sey, empfohlen, welches

mich bestimmte, daselbst einzukehren, und den vom Maler empfohlenen

Gasthof nicht zu beziehen, sondern nur Letzterem wegen des verpfändeten

Ehrenworts einen Besuch abzustatten.

Am andern Morgen stattete ich sogleich dem Amerikaner Herrn

Bindernagel, welcher sich zur Zeit in Bornheim aufhielt und dessen

Bekanntschaft ich schon in ~New-York~ gemacht, einen Besuch ab,

indem ich Briefe überbrachte. Dieser begleitete mich nach Frankfurt,

und auf das dasige Polizei-Bureau, um mir daselbst den Unterschied

zwischen amerikanischer und deutscher Geschäftsbedienung zu zeigen, da

hier die ärmern Reisenden oft Stundenlang auf Einlaß wegen ~Visa~

warten müßten, währenddem die Herren Beamten im geselligen Diskurs

ihre Zeit auszufüllen suchten. -- Er selbst auf dem Bureau bekannt,

geleitete mich durch eine Nebenthür in dasselbe, wo ich dieses leider

bestätigt fand. Schnell wurde ich expedirt; um so zahlreicher aber

standen die Reisenden vor dem Hause, harrten des Rufes zum Einlaß und

übten sich in Geduld. Da schien es mir doch, als wenn Herr Bindernagel

nicht ganz Unrecht hätte; er behauptete nämlich, daß nur in Amerika der

Mensch überall als Mensch geachtet, und, gleich welchem Wirkungskreise

er angehöre, bei jeder Behörde freien Zutritt und auf schnelle

Bedienung Anspruch zu machen habe. Dem Amerikaner geht nichts über

seine Zeit, und Wehe dem Angestellten, welcher gegen seinen Nächsten

eine Geringschätzung blicken ließ, oder auf einem faulen Pferde

gefunden würde.

Während Beseitigung dieser Geschäfte war der Hund dem Hausknecht zur

Verwahrung übergeben worden, Letzterer solchem aber aus dem Gefängnisse

entwischt, zu dessen Wiedererlangung die Nachmittagszeit verwendet

werden mußte und dadurch versäumt wurde, in dem Absteigequartier des

Malers zu hinterlassen, wo ich zu finden sey. -- Am nächsten Morgen

hatte ich den Verdruß, zu erfahren, daß dieser mit dem gestern Abend

eingetroffenen Eisenbahnzuge angekommen, der Studiosus kein Schurke,

sondern eingedenk seines gegebenen Wortes gewesen sey, sogleich nach

mir gefragt, beim Nichtauffinden meiner Person aber vermuthet habe, daß

ich bei meiner Ankunft in Frankfurt die Stadt sogleich wieder verlassen

und die Reise fortgesetzt habe. -- Die vermaledeiete Bestie, der Hund,

war daher abermals Ursache des erlittenen Schadens, wenn der Schuldner

die Generosität nicht so weit treiben sollte, mir einmal in Weimar die

Ehre seines Besuches angedeihen zu lassen, was jedoch bis zur Zeit der

Niederschreibung dieses noch nicht geschehen ist. Vielleicht kommen ihm

diese Zeilen zu Gesicht und erinnern ihn an den alten Reisegefährten

und sein gegebenes Wort.

Am Morgen des 10. März wurde von Frankfurt aus die Reise mit der

von einer Privatgesellschaft errichteten Eilfuhrgelegenheit[65]

fortgesetzt. Leider war aber hier Eile mit Weile gepaart, da bei jedem

aus einem Haus herausschauenden Arme, Pferde und Menschen getränkt

wurden, weshalb wir erst spät in Fulda ankamen. Statt aber unverweilt

den Wagen zu wechseln, hielt der Herr Wirth für räthlicher, die

Passagiere die zweite Hälfte der Nacht zu beherbergen und erst am

Morgen die Tour fortzusetzen.

Das zweite Nachtquartier wurde in Eisenach gehalten, und der 13. März

war der mir ewig unvergeßliche Tag, an welchem ich wieder in dem lieben

Weimar eintraf und im Kreis meiner Familie von den Strapazen dieser

Reise mich erholen konnte.

Die Erinnerung an all’ das mannigfaltig Erlebte auf dieser Reise bleibt

zurück und gewiß viele der geehrten Leser hegen beim Schluß dieser

Mittheilung den Wunsch, Gleiches, wie ich, erlebt zu haben, denn hier

bewährt sich so recht das Sprichwort: „Wenn Jemand eine Reise thut, so

kann er was erzählen.“ Nur muß ich bedauern, keinen bessern Vortrag zu

haben und nochmals um gütige Entschuldigung bitten.

+Nachschrift.+

Daß mehrere der vorstehenden Briefe nur dem wesentlichsten Inhalt

nach, kürzer gefaßt den Meinen zugeschickt wurden und Vieles erst,

nachdem Erstere zum Druck bestimmt, aus meinem Tagebuch und andern

Druckschriften, wie dieses die mit Gänsefüßchen („“) eingeschaltenen

Sätze anzeigen, ergänzt worden ist, bedarf wohl kaum der Erwähnung.

Da es aber häufig der Fall ist, daß Leser eines Buches die Vorrede

überschlagen, so erlaube ich mir noch die Schlußbemerkung: weniger

streng über den schwerfälligen, nicht immer fließenden Styl zu

urtheilen, da ich selbst nur zu bald beim Beginn dieser literarischen

Arbeit die Bemerkung machen mußte, daß die den Tag über von technischen

Geschäften angegriffenen und zerstreuten Gedanken, des Nachts dann

die ungeübte Feder nicht immer dem Aufschwung des Geistes zu folgen

vermochten, was mich bestimmte, das von mir Niedergeschriebene nochmals

der Ueberarbeitung eines jungen Literaten zu unterwerfen. Leider war

aber von diesem das Geschäft gegen die Tendenz der Vorrede und meinen

Willen aufgefaßt worden, so daß nicht eine Ueberarbeitung, sondern

eine förmliche Umarbeitung Statt fand, zu welcher ich den Namen nicht

hergeben konnte, indem meine gereiftern Grundsätze sich nicht mit den

Romanideen eines schwärmerischen Geistes einigen wollten, und sich

auch dadurch mehrere Sinn entstellende Sätze eingeschlichen hatten. --

Um nun nicht abermals Zeit zu verlieren, so sah ich mich genöthigt,

dabei auf die Nachsicht der geehrten Leser vertrauend, das Werkchen

schmucklos so in die Welt zu schicken, wie es von mir geboren worden

ist.

=Fr. Höhne.=

Druck der Albrecht’schen priv. Hof-Buchdruckerei.

+Bei dem Verleger dieser Reisebeschreibung sind folgende Werke

erschienen+:

Die Erscheinungen der Elektrizität und des Magnetismus in ihrer

Verbindung mit einander.

Nach den neuesten Entdeckungen im Gebiete des Elektro-Magnetismus

und der Induktions-Elektrizität. Für Freunde der Naturwissenschaften

und besonders für Aerzte ausführlich dargestellt von +~D.~ I.

Eydam+. Mit 60 Abbildungen.

gr. 8. 1 Thlr. 26 Sgr. 3 Pf.

Unstreitig hat kein Theil der Naturwissenschaften einen so vielseitigen

und lebhaften Anklang im Publikum gefunden, wie die wunderbaren

Beziehungen zwischen Elektrizität und Magnetismus, welche unter dem

Namen des Elektro-Magnetismus begriffen werden, besonders seitdem

dieselben angefangen haben, eine Rolle in der Mechanik zu spielen und

sich unter andern die Ansicht eröffnet hat, daß durch Einführung der

elektro-magnetischen Treibkraft die durch den steigenden Preis des

Brennmaterials immer kostspieliger werdende bisher gebräuchlichste

Maschinenkraft, der Dampf, endlich verdrängt werden wird. Ich

zweifle daher nicht, daß obige Schrift, die mit besonderer Rücksicht

auf die technische Anwendung des Elektro-Magnetismus und der

Magneto-Elektrizität sich über alle die interessanten Erscheinungen

verbreitet, welche aus dem Conflikte der magnetischen Kraft mit der

elektrischen hervorgehen und zugleich eine gründliche, dem neuesten

Zustande der Wissenschaft angemessenen Darstellung der Lehre von

der Elektrizität und dem Magnetismus, von dem Thermo-, Photo- und

Rotations-Magnetismus, der Galvanoplastik, der elektrischen Telegraphie

u. s. w. enthält, sich einer willkommenen Aufnahme zu erfreuen haben

werde, zumal da der Verfasser seinen Gegenstand so auffaßte, daß

nicht nur der gebildete Laie, sondern auch der Physiker vom Fache

Befriedigung bei Aneignung der Schrift hoffen darf. Besonders werden

auch Aerzte bei Lesung derselben Gelegenheit finden, sich über die

Verhältnisse der medizinischen Anwendung der Elektrizität und des

Magnetismus, so wie der elektro-magnetischen und magnetelektrischen

Rotations-Apparate und deren Einrichtung, wie sie in neuester Zeit

gebräuchlich worden sind, sich zu unterrichten. -- Indem wir im

Uebrigen auf das dem Werke vorgedruckte reichhaltige Inhaltsverzeichniß

verweisen, bemerken wir nur noch, daß bei der äußern Ausstattung

desselben von uns nichts verabsäumt wurde, was zur Empfehlung desselben

dienen kann.

Interessante civilrechtliche Entscheidungen der höchsten deutschen

und andern Spruchbehörden. Gesammelt und herausgegeben von ~Dr.~ G.

v. Hellfeld.

gr. 8. 1 Thlr.

Diese Sammlung wird kein Jurist unbefriedigt aus der Hand legen. Sie

enthält keineswegs eine weitläufige juristische Polemik, sondern immer

nur den Kern von 25 Entscheidungen auf 14 Bogen und unter diesen

besonders folgende: über ~actio in factum de syndicatu~ gegen Richter

und Kollegien aus nachlässigem Handeln, oder Unterlassen; -- über den

Beweis der ~condictio indebiti~ nach dem Sinne und Geiste der ~C. 25.

D. de probationibus~; -- über Erbvertrag, Umfang des deutschrechtlichen

~mundii~; -- über Erbschaftsklage und Specifikation bei Universal- und

Singular-Klagen; -- über Suppletoria, Dos und Paraphernal-Vermögen;

-- über Perception industrieller Früchte durch den Usufruktuar;

-- über Miethvertrag, Einrede des nicht erfüllten Kontrakts und

Ehescheidung wegen Haß; -- über Privation wegen Ehebruches; --

~Juramentum novorum~; -- über der Rechtskraft nicht unterliegende

Dekrete, Extrajudicial-Appellation und deren Eigenthümlichkeit; über

devolutive und nicht devolutive Rechtsmittel; -- über Zulässigkeit

der Geschäftsführer zum Zeugenbeweis und über die Nachtheile der

Zuvielforderung, nebst Register zum leichteren Gebrauche etc.

+Die+

innern Hals- und Brust-Krankheiten

der Kinder.

Dargestellt von Aug. Höcker. Fol. Tabellen-Format

1 Thlr. 20 Sgr.

Wir machen bei Anzeige dieses Werks, des dem ärztlichen Publikum

bereits durch seine in unserm Verlage erschienene und mit

allgemeinem Beifalle aufgenommene Schrift: +Die Geschäftsführung der

Staatsarznei-Wissenschaft+ etc. rühmlichst bekannten Herrn Verfassers,

besonders auf das leicht Uebersichtliche der Tabellenform aufmerksam,

in welcher dasselbe bearbeitet ist. Nach dem uns zugekommenen

Urtheile Sachkundiger sind die einzelnen in dasselbe aufgenommenen

Krankheitsformen, selbst in ihren individuellen Verhältnissen mit

seltener Sorgfalt und der genauesten Sachkenntniß dargestellt und mit

Hervorhebung der charakteristischen Merkmale, durch welche sie sich von

einander unterscheiden, so neben einander gereihet, daß die bei den

Krankheiten der Kinder so äußerst schwierige Kunst der Diagnose auf das

Wesentlichste erleichtert wird. Wir glauben deshalb die Schrift, die

eine fühlbare Lücke in der medizinischen Literatur ausfüllt, als eine

Bereicherung derselben den Herren Aerzten mit Recht empfehlen zu können.

Fußnoten:

[1] Bei Weimar.

[2] Bei Erfurt.

[3] Hinter Erfurt.

[4] Bei Gotha.

[5] Nachdem ich fest entschlossen war, die Reise nach Amerika ohne

Familie zu unternehmen, so war dabei sogleich festgestellt, mich nur

auf die allernothwendigsten Ausgaben zu beschränken, um in pekuniärer

Hinsicht so wenig als möglich zu opfern und dabei zu beweisen, daß

der Mensch alles kann, wenn der gute Wille nicht fehlt. Ich theilte

daher sogleich vom Anfang der Reise an, die Lebensweise meiner, zum

Theil armen Gefährten, unter denen sich einige befanden, deren weniges

Vermögen mir zur Bestreitung der Reisekosten anvertraut worden war;

schlief mit ihnen auf der Streu, lebte eben so dürftig wie sie, aß

Mittags nie warm, sondern erst Abends, in Gemeinschaft der ganzen

Gesellschaft. Hierdurch wurde es möglich, daß erwachsene Personen

täglich mit 6 gr. ~Cour.~ auslangten, und daß Familien ~pro~ Kopf 4 gr.

~Cour.~ bedurften. Als Fracht für den Zentner Effekten wurde von Weimar

bis Bremen 1 thlr. 6 gr. berechnet, und um bei gutem Wege fahren zu

können, zahlten außerdem die Erwachsenen 2 thlr. ~pro~ Kopf, Kinder die

Hälfte.

[6] Bis weit vor die Stadt schicken die Herren Wirthe, welche

Auswanderer beherbergen, diese Makler entgegen, wovon Jeder die

billigste Bewirthung und das solideste Haus offerirt. Die Wahrheit

solcher Anweisungen lernt man erst während des Aufenthalts kennen.

Ich kann aber Auswanderern, welche ein billiges Unterkommen suchen

und keine großen Ansprüche machen, den Schneidermeister Achelpohl

empfehlen, wo man gut aufgehoben ist.

[7] Für Kost und Logis mit einem Bett ~à~ Person 10 gr. ~Cour.~

täglich. Bei gemeinschaftlichen Schlafen auf der Streue im großen

Saale, 8 gr. ~Cour.~

[8] Friedr. Jos. Schlevogt aus Oettern bei Weimar, lebt jetzt glücklich

in Baltimore und ist Besitzer einer Basket-Faktory (Korbmacherei).

[9] Einige Schiffskapitäne, an welche ich mich wegen Akkordirung zur

Seereise wendete, versicherten, daß sie zur Zeit (ob dieses immer der

Fall ist, weiß ich nicht, da ich das Gegentheil gehört habe) streng

angewiesen wären, ohne Vorwissen der Herren Schiffsmakler, keine

Zwischendeckpassagiere aufzunehmen, dieses sei jedoch nicht der Fall

mit den Kajütenpassagieren.

[10] Wichelhausen.

[11] Der Grot hat 4 pf., 72 Groten werden auf einen Bremer Thaler

gerechnet.

[12] Wichelhausen.

[13] Wie mir später versichert wurde, soll es wirklich gesetzlich seyn

daß derjenige, welcher Auswanderer zu einem Makler bringt, für jede

Person 1 Gulden in Gold als Douçeur erhält. Herr ~W.~ suchte zwar

dieses zu widerlegen, als ich, Bezug darauf nehmend, um Ermäßigung des

Fahrgeldes für eine unserer armen Familien bat, ließ sich dennoch aber

bestimmen, statt 35 nur 30 Thaler für den Säugling anzunehmen.

[14] Wie dem gegebenen Versprechen nachgekommen war, sieht man im Lauf

meiner Erzählung. Es ist daher räthlich, den Kontrakt gerichtlich zu

machen, und zwar um so mehr, wenn derselbe für mehre Personen lautet.

Darin ist genau zu bestimmen, was vor und während der Reise dem

Passagier zu gewähren sei, und im Fall, daß die gegebene Zusage nicht

gehalten würde, auf Kosten des Herrn Schiffsmaklers, in Amerika das

Weitere gerichtlich verfolgen zu können.

[15] Gebot auch die Vernunft, den gewünschten Vorschuß nicht zu

leisten, weil, wie ich mehrfach gehört und gelesen, im freien Amerika

sich selten einer noch verpflichtet hält, überseeisch gemachte

Versprechungen zu erfüllen, so folgte ich dennoch dem Drange meines

Herzens und gab das Erbetene, ohne mehr als das Wort zum Unterpfand zu

verlangen. Wie schändlich ich dafür belohnt worden bin, zeigt der Gang

meiner Erzählung.

[16] Wichelhausen.

[17] Dieses Alles fanden wir in Bremerhaven bestätigt, wo Niemand nach

einem Reisepaß oder sonstiger Legitimation fragte. Die Passagiere

wurden beim Abgang des Schiffes nicht in dasselbe hinein gezählt

und Keinem Quittung über gezahltes Fahrgeld abverlangt und so hatte

jeder Vagabund die schönste Gelegenheit, unerkannt den Rächerhänden

der Justiz zu entschlüpfen. Zwei sich auf dem Schiffe ohne Vorwissen

der Makler und des Kapitäns eingeschlichene Individuen wurden von

uns selbst, da sie sich unpolitischer Weise verriethen, dem Gericht

übergeben.

[18] Vor Allem sind zu einer Seereise nöthig: blecherne Eß-, Trink-

und Nachtgeschirre, worunter sich ein Schaffen befinden muß. Eine

mit Seegras oder Stroh ausgestopfte Matratze nebst Kopfkissen und

wollener Decke, welche letztere von Hause aus mitzunehmen ist, um

sie auf der Landreise bis Bremen benutzen zu können. Ein Korb mit

weißem Schiffszwieback, einige Pfund Waizenmehl, worin Eier sich

gut aufbewahren lassen, etwas Butter, Schweizerkäse, oder einen

geräucherten Schinken, auch Wurst vertritt die Stelle; Pfeffer, Salz,

Kaffee, Zucker, Wein und Essig leisten ebenfalls während der Seereise

gute Dienste. Sollte auch von den besonders angeschafften Lebensmitteln

bei der Ankunft in Amerika noch Etwas übrig seyn, so wird dieser Rest

dem Passagier trefflich zu statten kommen und dieses ist um so mehr

der Fall, wenn man sogleich eine Privatwohnung bezieht, woran es nie

mangelt, und sich nicht den Uebertheuerungen der Wirthe aussetzt.

[19] Wichelhausen.

[20] Eine Familie mit erwachsenen Töchtern sollte nie die Ausgabe

scheuen, diese Schiedbleichen der Schlafstellen ganz zuschlagen zu

lassen, wozu in Ermangelung von Bretern, Tisch- oder Betttücher

verwendet werden können. Eben so rathsam ist es, den Breterboden der

obern Schlafstellen mit einem Tuche zu überziehen, wo dann zwischen den

Fugen dieses Bodens kein Schmutz auf die darunter Liegenden fallen kann.

[21] Warum nur Anfangsbuchstaben? Eine Reisebeschreibung hat

natürlich weit mehr Glaubwürdigkeit, wenn die Namen ausgeschrieben

sind; aus diesem Grunde habe ich schon vorher den Namen Wichelhausen

zur öffentlichen Kunde gebracht und nenne nunmehr auch den Namen

Ulrich, als dessen Agenten in Bremerhaven, und zwar auf Veranlassung

folgender Umstände: Ein hiesiger Partikulier hatte Auszüge aus Höhne’s

Reisebriefen und zwar gerade diese empörende Behandlung der Auswanderer

an den „allgem. Anzeiger d. D.“ nach Gotha gesendet, wo sie =1840= in

No. =71= und =73= abgedruckt stehen. Der Herausgeber der Dorfzeitung

fand sich bewogen, bezüglich dieser Auszüge folgende Notiz in der

Dorfzeitung =1840= No. =51= erscheinen zu lassen:

„Der Allg. Anzeiger enthält Abscheu erregende Mittheilungen über

die Schiffe, auf welchen die armen deutschen Auswanderer nach

Amerika überfahren und von den Betrügereien vor, während und nach

der Ueberfahrt. Warum werden aber solche Bursche in Bremen wie W.

und ihre Agenten blos mit den Anfangsbuchstaben bezeichnet, warum

brandmarkt man solche Seelenkäufer nicht öffentlich? Sind die

meisten Auswanderer nicht ohnehin unglücklich genug, daß man sie

noch solchen Blutsaugern in die schmutzigen Hände giebt?“

Hierauf erschien nun in dem Allg. Anzeiger No. 84 desselben Jahres

folgende

+=Erklärung.=+

„Eine in der Dorfzeitung vom 16. März erschienene Anzeige, welche,

mit Bezugnahme auf einen Aufsatz in dem Allg. Anzeiger, einen

Bremer Schiffsexpedienten, bezeichnet mit dem Buchstaben W.,

betrifft, zwingt mich zu der Erklärung, daß ich demjenigen die

Summe von +tausend Gulden+ sofort auszahlen lassen werde,

welcher mich überführen kann, mich auf eine so empörende Weise,

wie dort geschildert wird oder überhaupt nur auf eine unrechtliche

Weise gegen die von mir expedirten Auswanderer benommen zu haben.“

„Mein Charakter, welcher, wie ich mir schmeicheln darf, in ganz

Deutschland allgemein als rechtlich und ehrliebend anerkannt ist,

sollte mich freilich gegen alle Angriffe dieser Art schützen,

allein Mißverständnissen ist in einem solchen Falle nicht

vorzubeugen und es handelt der Einsender jenes Aufsatzes sehr

unrecht, wenn er den Namen desjenigen verschweigt, welcher die

Unbilde begangen, indem er dadurch den Zweck verfehlt, welchen

er durch seine Bekanntmachung zu erreichen beabsichtigte.“

+Bremen+ den 19. März 1840.

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 9 / 11 题