einen angenommenen Werth hat, oder Alles, was sich auf einen wirklichen
Werth begründet, und zur Ausgleichung im Handel und Geschäften, statt
des rohen Tauschhandels, gebraucht wird, ist Geld. In den frühesten
Zeiten, und wie es auch noch bei vielen rohen Völkern gebräuchlich ist,
schätzte man so und so viel Schafe, Schweine etc. auf einen Ochsen,
ein Pferd und mehrere dergleichen Sachen. Doch wie die Bevölkerung
mehr und mehr zunahm, reichte dieses Auskunftsmittel nicht mehr hin;
denn wer konnte so ein schwerfälliges Geld immer mit sich herumführen?
Auch brauchte nicht immer ein Jeder gerade Schafe oder Schweine, der
Ochsen zu verkaufen hatte und so umgekehrt, und man sann daher auf
Mittel, Sachen aufzufinden, welche einem Jeden lieb und angenehm waren.
Anfangs gebrauchte man schöne Steine, Perlen, Muscheln, Spezerien etc.
hierzu. Zuletzt verfiel man auf die edlern Metalle, Gold und Silber,
weil diese ihres schönen Glanzes und ihrer leichten Bearbeitung wegen
allgemein beliebt waren, auch weil sie nicht sehr häufig in einem
allgemeinen Werthe standen. Man zertheilte sie in Stücke jeder Form,
nur von verschiedener Größe und Gewicht, gravirte oder prägte, gewiß
Anfangs sehr roh, auf die größern das Bildniß von Ochsen, Pferden etc.
auf die kleinern Schafe, Schweine und dergl. Dieses war die erste
Entstehung unserer jetzigen Münzen. Diese Erfindung erleichterte
den Austausch, Handel und Gewerbe allgemein, so daß die Herrscher
damaliger Zeit, den Werth dieser Einrichtung erkennend, diese edeln
Thiere bald von ihrem Platze verdrängten, den Münzen eine regelmäßige
Form, meistens die runde, wie wir sie noch jetzt sehen, gaben, und ihr
eigenes Bildniß darauf prägen ließen. Solche Münze nun war mehrere
Jahrtausende hindurch dasjenige, was wir Geld nennen, und aller Handel
und alle Geschäfte wurden hiermit betrieben. Doch war im Laufe der
Zeit, wo sich so Manches verändert, da die Bevölkerung sich immer mehr
und mehr ausdehnte, auch die Transportirung und Versendung dieses
Geldes mit vielen Schwierigkeiten verknüpft. Plünderungen, Beraubungen,
Verluste durch Schiffbruch und mehrere andere Hindernisse erschwerten
den Verkehr ungemein, und man sann wiederum auf Mittel, auch diesem
Uebelstande abzuhelfen. Da nun Mancher an einem Orte für erhaltene
Waaren zu zahlen hatte, vielleicht Andere des nämlichen Orts, oder der
Gegend, wiederum hier schuldeten, so glich man sich durch schriftliche
Anweisungen aus, ohne daß ein Thaler dabei angerührt wurde, und
hieraus entstanden die nachherigen Wechsel oder Wechselbriefe, die man
bald so bequem fand, daß man sich fast allgemein im Verkehre dieser
Art zu zahlen bediente. Zu noch größerer Bequemlichkeit fanden sich
bald Leute, welche solche Wechselbriefe von Andern einkauften, sie
vorräthig hielten, und man nach Belieben gegen eine geringe Provision
sie stets auf die vorzüglichsten Handelsplätze haben konnte. Diese
Leute nun nannte man Wechsler, oder auf französisch: ~Banquiers~.
So sehen wir nun, theure Landsleute, wie unser allgütiger Schöpfer
Alles so weise geordnet hat, wie er dafür sorgt, daß, so wie seine
Geschöpfe sich vermehren, sie selbst durch den Gebrauch ihrer, uns
von ihm verliehenen Vernunft Mittel und Wege erdenken, die es möglich
machen, daß so viele Menschen ernährt werden und ihr Auskommen finden.
Und dieses sollten wir nicht dankbar erkennen und wider unsere Vernunft
und Gewissen uns anhetzen lassen gegen die Beförderer des menschlichen
Wohls? -- Nimmermehr wird dieses ein braver deutscher Mann über sich
vermögen, der in seinem Vaterlande eine gute Erziehung und guten
Schulunterricht genossen hat, denn der Deutsche ist von jeher für
bürgerliche Ordnung, Sittlichkeit und gesetzliche Freiheit gewesen.
„Um nun wieder auf den Gegenstand, das Geld, zurückzukommen, so muß
dieses ebenfalls frei und unabhängig seyn und sich selbst reguliren.
Keine gerechte und vernünftige Regierung darf sich, ohne das Wohl des
Ganzen zu untergraben, einen Gewaltgriff hinein erlauben, als nur in so
fern sie die polizeiliche Aufsicht darüber führt, daß keine Mißbräuche
entstehen. Wo sie solche bemerkt, stelle sie diese ab, stürze aber
nicht ein ganzes Gebäude, welches aufzurichten, Zeit und Mühe gekostet
hat, weniger schadhafter Ziegeln oder Schindeln wegen, über den Haufen.
Niederreißen ist immer leichter, denn Aufbauen; man stelle das Dach
her, und das Haus wird wohnbar seyn und bleiben, wie vorher. Geld ist
in der Waagschale gegen Arbeitslohn und Mühe, oder menschlichen Fleiß,
was die Gewichtstücke gegen Waare sind; beides muß sich gegen einander
balanciren. Jetzt, liebe Freunde, kommen wir wiederum zu Einrichtungen
und Anstalten, welche das Bedürfniß der Zeit ebenfalls herbeigerufen,
und welche gewiß eben so wohlthätig und zweckmäßig zur Beförderung
menschlicher Glückseligkeit mitwirken, als alle vorhergehenden, d. h.
wenn sie ihrer Bestimmung entsprechen, nicht gemißbraucht, aber auch
nicht ungerechter Weise angegriffen und verfolgt werden; diese sind die
Banken!
„Sie sind verschiedener Art, als: Leihbanken, Wechselbanken, Sparbanken
etc., und auch nicht in allen Ländern überein; doch machen wir uns
hauptsächlich mit den Banken unseres Landes bekannt und lernen
ihren Zweck kennen. Es sind Anstalten, wo mehrere Männer, welche
Geld besitzen, es aber gerade nicht selbst zu eigenen Geschäften
gebrauchen, demohngeachtet aber nicht unbenutzt liegen lassen und es
dem allgemeinen Wohle entziehen wollen, und dieses zusammen legen.
Der Zweck davon ist nun: dem Handelsstande, dem Gewerbtreibenden und
Farmer in Fällen eintretender Verlegenheit zu unterstützen, und ihm
zu seinem bessern Fortkommen behülflich zu seyn. Zum Beispiel: Ein
Kaufmann sieht die Produkte seines Landes oder andere Erzeugnisse
des Fleißes durch Ueberfluß derselben, oder Mangel an Absatz in sehr
niedrigem Preise und weiß, wenn er diesen oder jenen Artikel, in
dieser oder jener Gegend oder dem und dem Lande hätte, wo vielleicht
Mangel und Nachfrage darnach ist, er einen guten Nutzen dabei haben
würde, seine Kräfte aber reichen in dem Augenblicke nicht so weit,
weil er seine Gelder ausstehen hat; nun geht er zu einer Bank, wo er
als ein rechtschaffener und zahlungsfähiger Mann bekannt ist, bekommt
gegen eine schriftliche Versicherung oder Note auf gewisse Zeit Gelder
vorgestreckt, kann nun seinen Zweck erreichen, und zur abgelaufenen
Zeit seine Note wieder einlösen, und, indem er selbst verdient,
verschafft er seinen Nebenmenschen Absatz und versieht sie mit Geld,
damit sie auf’s Neue weiter arbeiten können.
„Ebenso der Fabrikant und Handwerker, der sein Geschäft etwas in’s
Große zu treiben und mehrere Menschen zu beschäftigen wünscht. Für den
kommt wohl einmal eine Zeit, wo seine verfertigten Waaren nicht so
raschen Abgang finden, jedoch ist er fest überzeugt, daß, nach Verlauf
einiger Zeit, sie für sein Fach günstiger werde und er vielleicht
mehr absetzen könne, als er vorräthig habe; er ist jedoch nicht im
Stande, es durchzusetzen und muß mit blutendem Herzen seine Arbeiter
und Gesellen gehen lassen, welche nun außer Stand gesetzt werden, sich
selbst oder gar ihre Familien zu ernähren und oft zu den niedrigsten
Arbeiten, die sie nicht gewohnt sind, greifen müssen, um nur ihr Leben
zu fristen, oder gar Frau und Kinder verlassen und Vagabunden und
Bettler werden. Ist das nicht schrecklich, und stehen wir nicht leider
schon auf diesem Punkte? Wollen wir noch weiter gehen? -- Ist nun aber
ein solcher Handwerker oder Fabrikant in einer guten Bank bekannt,
oder hat er einen guten Freund, der seine Rechtschaffenheit, seine
Zahlungsfähigkeit kennt und seine Noten mit unterschreibt, so kann oder
konnte er vielmehr einen Vorschuß erhalten, womit er seinen Arbeitern,
wo nicht ganz, doch so viel bezahlen, wie die Nothdurft erforderte.
Aenderten sich nun die Zeiten, konnte der Meister oder Fabrikherr
seine Waaren verkaufen, so konnte er seinen Gehülfen den rückständigen
Lohn auf einmal auszahlen, und Mancher bekam so viel, daß er für sich
selbst aufsetzen und Leute halten konnte; so war es, aber so ist es
nicht mehr. An uns liegt es aber, es wieder dahin zu bringen, wenn
wir wollen, und Tausende von unsern Landsleuten sind auf diese Art zu
Männern geworden; war das nicht gut?
„Wenn ein Farmer, ein Landmann, einer gesegneten Erndte entgegensieht,
wenn ihm nichts fehlt, als Hände, sie hereinzuschaffen, diese Hände
aber Geld haben, und leben wollen, sein Kapital aber zu Ende ist, und
er die Gaben Gottes verfaulen sehen muß, wie muß ihn dieses betrüben
und wie nachtheilig ist es für das Ganze. Kann er nun aber zu einer
solchen Bank gehen, die ihn kennt, welche weiß, daß er zahlungsfähig
ist, sobald er geerndtet und verkauft hat, und ihm etwas Geld
vorschießt; ist das nicht lobenswerth? Auch wenn Einwanderer etwas
Geld mitbrachten und wollten sich dafür ein Grundeigenthum kaufen, so
konnten sie immer, wenn sonst der Platz gut, und der Verbesserung fähig
war, zwei Drittheile darauf geliehen bekommen. Die Banken kündigten
nicht leicht das Kapital auf, wenn sonst die Zinsen richtig bezahlt
wurden, und konnten sie nach und nach davon abtragen, bis sie ihr Gut
frei hatten, welches leider aber jetzt Alles gestört ist.
„Diese Banken nun sind durch alle Theile und Staaten unseres
ausgedehnten Landes verbreitet und es sind deren besonders viele in
neuerer Zeit durch den Umsturz der Hauptbank unseres Landes entstanden,
vielleicht mehr, als das Bedürfniß erfordert; doch sie sind einmal da,
gesetzlich durch unsere Regierungen erlaubt und von Bürgern gegründet,
von Bürgern gleich uns, und ist es nun nicht himmelschreiend, wenn
einzelne Menschen, ja leider Deutsche zum Theil selbst, ihre Landsleute
mit Vorurtheilen, Verdrehungen, ja sogar den gröbsten Lügen gegen ihre
Mitbürger erfüllen, und „Krieg gegen die Banken“! „Krieg gegen die
Geld-Aristokraten“ -- Etwas, was sie selbst nicht einmal verstehen
-- zu ihrem Feldgeschrei machen, und Bürger gegen Bürger aufhetzen?
Können diese Vaterlandsfreunde, können diese gute Menschen seyn? --
Kehren wir wieder zu den Banken zurück. Diese kleineren Banken sind
geeignet, den Verkehr im Innern zu beleben, aber auf das Ausland können
sie nicht wirken, da sie zu unbedeutend sind. Selbst in unserm eigenen
Lande nimmt man die Noten oder Wechsel entfernter Banken, die man nicht
kennt, welche aber vielleicht in ihrer Gegend recht gut und sicher seyn
mögen, entweder gar nicht oder mit großem Verluste, und dieses ist das
Uebel, woran wir jetzt leiden.“
„Die größern Städte dieses Landes, wie ~New-York~,
~Philadelphia~, ~Baltimore~ etc. sind gleichsam wie unsere
Meßorte in Deutschland zu betrachten. Die Kaufleute des Innern pflegen
alle Frühling und Herbst diese Orte zu besuchen, um ihren Bedarf an
Fabrik- oder Manufaktur-Waaren für ein halbes oder ein ganzes Jahr hier
einzukaufen, entweder gegen baar, oder gegen Kredit, und ihre zuvor
gemachten Schulden zu bezahlen; hierzu sind sie aber jetzt außer Stand
gesetzt. Gold und Silber ist nun einmal so viel nicht da, und kein
Präsident und keine Regierung kann uns dieses verschaffen, wie wir
gesehen haben; auch würde es den hundertsten Theil nicht ausreichen,
den Handel und Verkehr im Großen zu beleben. Das Wenige, was da ist,
hält das allgemeine Mißtrauen zurück, jedoch wird es alsobald wieder
in Umlauf kommen, so wie das Vertrauen wieder hergestellt, und wir
wieder eine, von der Regierung unabhängige Hauptbank haben, nämlich wie
unsere vorige war; Verbesserungen, wie sie Zeit und Erfahrung an die
Hand gegeben, mit zugerechnet, welche Kapital und Kredit genug besaß,
um den Handel und Wandel im Großen zu unterstützen, deren Papiere nicht
allein im ganzen Lande, sondern sogar im Auslande sehr gern genommen
und überall so hoch und höher noch als Silber standen. Hatten nun die
Kaufleute hier oder an andern Orten etwas zu zahlen, so konnten sie
immer Noten dieser Bank gegen diejenigen ihrer Gegend einwechseln, und
überall damit auskommen; jetzt aber ist ihnen der Weg versperrt, und
sie kommen lieber gar nicht, ehe sie 25 pCt. und darüber an ihrem Gelde
verlieren. Sie haben Mangel an Waaren, und ihr Geld liegt nutzlos und
wir haben Ueberfluß an Waaren, und Mangel an Geld, und können uns doch
einander nicht helfen. Ist dieses eine gute Zeit zu nennen? Wollen wir
noch weiter hineinrennen, oder haben wir an der Probe genug?“
„Als wir mehrere Jahre hintereinander Mißwachs und Theuerung hatten,
hätten wir verhungern müssen, wenn der Handelsstand uns nicht aus
entfernten Ländern Früchte und Lebensmittel zugeführt hätte; diese
müssen nun aber bezahlt werden, wenn man ehrlich bleiben will. Hätten
wir nun unsere Hauptbank noch gehabt, so konnten wir dieses mit
Wechseln bezahlen, bis wir Gelegenheit fanden, wiederum von unsern
Produkten auszuführen und diese Wechsel damit einzulösen; jetzt aber
muß dieses Alles in Gold und Silber geschehen, denn unsere kleinen
Noten, denen wir selbst nicht trauen, werden sie im Auslande nicht
nehmen. Und nun frage man noch, warum Gold und Silber rar wird? Es wird
und muß noch rarer werden, je länger wir einer Parthei anhängen, die
uns leider nur schon zu lange irre geleitet hat etc.“
Ich selbst muß gestehen, daß dieser Aufsatz, welchen ich um der
Kürze willen nur zur Hälfte wiedergegeben, mich mit den Banken
ausgesöhnt, und für eine allgemeine, von sämmtlichen Staaten garantirte
Nationalbank umgestimmt hatte. -- „Wo ist aber die Garantie?“ rufen
die Gegner aus: „Was wollen die sämmtlich bankerottirten Staaten noch
verpfänden?“ und, fahren sie fort: „daß eine Nationalbank, ebenso
wie die jetzigen kleinen Banken, ihre sittenverderbende Macht zum
Nachtheil des Volkes ausüben wird, und schon während ihres Bestehens
ausgeübt hat, legt klar die Geschichte dieses Landes vor Augen und
entdeckt ein Blick in den Gang und die Wirkungen des Banksystems.
Aus unwiderlegbaren Thatsachen wissen wir, daß gerade der Handel der
Verein. Staaten am schwankendsten gewesen ist, und die Zeiten am
schlechtesten waren, als die Banken in voller Thätigkeit wirkten und
mit Papier über Papier das Land überschwemmt wurde. Die Geschäfte
gingen zwar, und Mancher verdiente viel. Aber was? Papier, und damit
konnte er sich nur eine papierene Glückseligkeit verschaffen. Auf eine
künstliche Höhe wurde Alles geschraubt, in unverhältnißmäßigen Preisen
wurden alle Dinge verkauft, im Schwindel war die Sache begonnen, im
Schwindel wurde sie fortgeführt und endlich bekam Alles den Schwindel
und stürzte zusammen. Den Papiermühlen fehlte das Wasser und es
war ihnen unmöglich, mehr Geld zu fabriziren; die Kaufleute hatten
noch einige Lumpen in der Tasche und schauten mit sehnsuchtsvollen
und schmachtenden Blicken nach Großbritannien, wo die Früchte ihrer
Bemühungen und ihr Geld gefressen wurden; nur die Eingeweihten und
Getauften der Bank blieben ruhig, schnitten zwar ein bitteres Gesicht
mit, setzten aber im Stillen ihr Werk fort und dachten: wir angeln
den großen Fisch als unsern Braten doch noch. So erging es schon oft
unserm Lande und so wird es ihm noch oft ergehen, wenn das Bank-
oder Kredit-System noch länger fortgelten sollte, bis endlich die
~Whigs~ ihre Absichten erreicht, die Oberhand gewonnen und die
Masse des Volkes zu ihren Arbeitern und Knechten erniedrigt haben.“
„Die ~Whigs~ sagen uns zwar, ohne Banken könne dieses Land nicht
bestehen, das Papiergeld sey zum Betreiben und Aufblühen des Handels
nothwendig und befördere auf diese Art den allgemeinen Wohlstand;
denn wenn Handel und Gewerbe im Aufblühen seyen, so verdiene auch der
Handwerker und Arbeiter und könne sich desto leichter etwas erwerben
und ein bequemes Leben verschaffen. Wenn man dieses so oberflächlich
anhört, so glaubt man Anfangs, es verhalte sich allerdings so, und
wird beinahe geneigt, den Banken zu huldigen. Spürt man aber dem Dinge
weiter nach, so findet man, daß allerdings die Banken den großen
Fabrikherren und großen Handelshäusern dienlich seyn können, daß aber
auch bald die großen Fabrikherren die kleinen, die großen Handelshäuser
die kleinen auffressen, und der Handwerker und Arbeiter nichts anders
wird, als ein Sklave, eine bemitleidenswürdige, traurige Kreatur dieser
harten Geld-Seelen, daß diese Geld-Aristokraten sie in ihren Klauen
halten, und ihnen nur so viel geben, als sie bedürfen, um nicht zu
verhungern etc.“
Eine andere Zeitschrift, welche diesen ernsthaften Gegenstand
bespricht, zieht ihn ins Lächerliche, und bringt unter der
Ueberschrift: „Schönheiten des Bankwesens“ Folgendes zur Kenntniß des
Publikums:
„In der Stadt ~New-York~ hat sich unter dem allgemeinen
Bankgesetze auch eine „~City-Trust-~ und ~Banking-Company~“
gebildet, die zufolge der bestehenden Bankschwindelei-Gesetze in
zwölf Monaten zahlbare Postnoten ausgiebt und dieselben namentlich im
Lande zahlreich auszubreiten sucht. Hinter den Worten „~promise to
pay~“ steht mit ganz niedlichen, für bedachtlose Augen unsichtbaren
Buchstaben: „~12 months after date~.“ Die Geschichte dieser Bank
wird so erzählt: Die ~City-Trust-~ und ~Banking-Company~
deponirte anfänglich für 2000 Dollars ~Arkansas State-Stocks~
und erhielt dafür vom Kontroleur 1200 Dollar-Noten. Jetzt ging das
Bankgeschäft los. Zuerst wurde für 22 Dollars eine Kiste gekauft,
wofür sie die 22 Dollars in Postnoten zahlte. Der Koffermacher wußte
sich davon 20 Dollars vom Halse zu schaffen und verlangte für die
übrigen zwei Dollars courantes Geld, was die Kompagnie verweigerte.
Dann wurde ein ehrbarer Tischler angenommen, um das Bankzimmer
einzurichten. Er that es, konnte aber seine Bezahlung nicht eher
erhalten, als bis er die Kompagnie durchzuprügeln drohte. Jetzt fing
man an Deposit-Certifikate auszugeben, die Herr ~Ackermann~,
ein Halbbruder des Kompagnie-Präsidenten ~Munson~, fleißig
unterzeichnete; und hie und da gingen nun die Postnoten ins Land,
um Produkte damit einzukaufen. Dies erreicht, machte sich Präsident
~Munson~ rückenfrei, dankte ab und gründete ein anderes liebes
Bank-Institut, die „~North-Amerikan-Banking Co.~“ -- Diese neue
Bank befindet sich eine Treppe hoch über der ~Trust-Co.~, doch
wollte der Maler das ausgefertigte Schild nicht ausliefern, wenn er
nicht vorher bezahlt werde. -- ~Sail ho!~“
~Sylvester’s Reporter~ und ~Counterfeit Dotektor~, machten
eine Liste von 152 Banken bekannt, welche gebrochen waren. Der Betrag
der zirkulirenden Noten dieser Banken betrug in der Durchschnittssumme
für jede Bank 250,000 Dollars, zusammen also die ungeheure Summe von
achtunddreißig Millionen Dollars, „welche sich nun nutzlos in den
Händen des Volks befinden.“
Wiederum ein anderes Blatt bemerkt:
„Um betrügerisches Bankwesen zu hindern, hat die Gesetzgebung von
~Mississippi~ verordnet, daß alle diejenigen, welche von Banken
borgten, dieselben mit ihren Noten abbezahlen können, gleichviel
ob diese Noten noch einigen Werth haben oder nicht. Es ist dies
ein sehr zweckmäßiger und durchgreifender Schritt, um die Pflanzer
~Mississippi’s~ aus den Händen der Bank-Spekulanten zu retten.
Man gab so viele Noten aus, daß an Wiedereinlösung derselben nicht
zu denken war. Kurz darauf brachen die meisten Banken, oder ihre
Noten fielen mehr als die Hälfte im Preise; dennoch blieben die
Zahlverbindlichkeiten der Schuldner an die Banken unvermindert,
und es ist daher bloße Gerechtigkeit, daß diejenigen, welche eine
betrügerische Masse Noten für voll ausgeben, dieselben für voll wieder
zurücknehmen. Hier reduzirt sich also der ausposaunte Reichthum auf
dem einfach natürlichen Wege zu seiner wahren Substanz. Wenn der
verschuldete Pflanzer vor seinen Bankgläubiger tritt und ihm die
schönen Bilderchen zurückgiebt, so kann er sagen: Du hast mir für
50,000 Dollars Nichts geborgt, hier hast du für 50,000 Dollars nichts
wieder. Das Beste ist, alle diese Wische ins Feuer zu werfen.“
Doch damit nicht diesem Briefe ein Gleiches wiederfahre, da ich zu
lange schon bei einem Gegenstande verweilte, welchen ich aber dem
Auswanderungslustigen nicht vorenthalten durfte, damit solcher sehe,
welche papierne Glückseligkeit seiner warte, so gehe ich zu meiner
eigenen Angelegenheit im nächsten Schreiben über, und werde, wie es die
Gelegenheit giebt, Landesverhältnisse einzuflechten suchen.
Zweiundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
(+Hausbau+.)
Im Dezember 1840.
Nachdem der Brennapparat bis auf die nöthigen Dampf- und
Wasserleitungs-Röhren angefertigt war, wünschte ich zu erfahren, in
welcher Brennerei er aufgestellt und erprobt werden solle, worauf mir
die Kunde wurde, daß ~Mr. Benson~ im Blumthal (einer Vorstadt
~New-Yorks~), ein Haus dazu gemiethet habe. Auf mein Bemerken,
daß dieses nicht hinreichend sey und es rathsamer wäre, diese Probe
in einer im Betriebe seyenden Branntweinbrennerei vorzunehmen, da
dieses viel weniger Kosten verursache, indem das fertige Maischgut dazu
benutzt werden könne, wurde mir erwidert, daß hier von Geldersparen
keine Rede sey, und man nicht wünsche, daß außer den betheiligten
Personen ein Anderer die Nase in das projektirte Unternehmen stecken
solle. Ich möge daher nur Alles zum Brennerei-Betriebe Nöthige ordnen,
das Gebäude dazu umschaffen, Fässer, Kübel und Bottiche ankaufen und
jedes Mal am Ende der Woche in Rechnung bringen und das weiter nöthige
Geld in Empfang nehmen.
Herr, Dein Wille geschehe! dachte ich. Jetzt war ich ganz in meiner
Sphäre, und da keine Kosten gescheut wurden, so wurde Alles auf das
Beste und Bequemste nach meiner Angabe eingerichtet. -- Daß es hierbei
nicht ganz ohne Aerger abgehen konnte, läßt sich denken. Da mir Alles
allein übergeben war, so war meine Gegenwart überall nöthig und bei
mangelnder Fertigkeit der Sprache konnte ich mich oft nur undeutlich
expliziren, wurde daher mitunter falsch verstanden und mußte, wenn ich
den Maurern am Abend ihre nichtsnutzige Arbeit wieder zusammengetreten,
oft den andern Morgen selbst mit Hand an das Werk legen und ihnen so
die Sache begreiflich zu machen suchen.
Hier wurde mir auch die Ueberzeugung, daß die Maurer in Amerika, wie
bei uns, wenn Arbeiten nicht verakkordirt worden sind, sich dabei
nicht übernehmen; und findet auch hier die Sitte nicht Statt, während
der Arbeit zu rauchen, weshalb der nasse Schwamm überflüssig wird, so
erfordert doch das Wechseln der Bremen und das Ausfüttern der Backen
mit Taback, seine gehörige Zeit, und es ist hier wie dort: Wurst wie
Schale. --
Dagegen sieht man staunend, was der Mensch vermag, wenn er muß.
Zwei Häuser unter unserer Brennerei wurde ein nicht mehr zum Geschäft
benutztes Zuckersiederei-Gebäude abgetragen, um auf dieser Stelle ein
großes Wohnhaus aufzubauen. Schon die Art und Weise des Einreißens
war mir neu. Nicht bedächtig, wie bei uns, wurden Sparren, Balken und
Bleichen eingenommen und zum weitern Gebrauche einstweilen bei Seite
gesetzt; sondern dieses große Gebäude wurde für vogelfrei erklärt,
so daß mit einem Male eine Masse Menschen darüber herstürzten, und
binnen kurzer Zeit nichts mehr vom Holzwerke zu sehen war. Mit
wahrer Verwegenheit riskirte man dabei das Leben, denn während die
Umfassungsbleichen herabgeworfen wurden, suchte unten Einer dem Andern
die Stücke zu entreißen.
Auf meine geäußerte Verwunderung, daß man dieses Holz so Preis
gebe, wurde mir gesagt, daß das Wegreißen und Wegschaffen des alten
Bau-Materials durch bezahlte Leute mehr Arbeitslohn betragen würde,
als die Sachen selbst werth seyen, daher man, um sich dieser Ausgabe
zu entledigen, zwei Wege wähle, entweder man brenne so eine alte
Holz-Baracke, welche einem steinernen Hause Platz machen solle,
nieder, oder gebe, wie ich eben jetzt gesehen, das Gebäude zum
allgemeinen Besten. Das Erstere gewähre noch den Vortheil, daß man
aus der Brand-Assekuranz ein Sümmchen zu heben habe, und deshalb die
täglichen Feuerunglücke, oder besser Glücksfälle, da die Sachen in
verschiedenen Anstalten hoch genug versichert seyen, entständen. --
Eine nachahmungswürdige Sache!
Die Gelegenheit, einen solchen Neubau ganz von vorn herein entstehen zu
sehen, kam mir recht zu Passe, und jede Stunde, welche ich bei meinen
Leuten abkommen konnte, ward benutzt, mich mit der amerikanischen
Manier zum Bauen bekannt zu machen.
Wie das Niederreißen, ebenso waren die Erdarbeiten von den unsrigen
verschieden. Keine Schuttkarre, durch Menschen gefahren, kömmt in
Anwendung, um damit das Erdreich aus der Vertiefung auf einen Haufen
zu fahren, und da fest getreten, solches von Neuem aufzuhacken und zum
weitern Transport auf Wagen zu laden, welche, wie bei uns, mit 1½
Bret versehen, sich besser zu Stein- als zu Schutt-Fuhren eignen,
sondern man bedient sich hierzu zweckmäßiger, einspänniger zweirädriger
Karren, welche rund herum gut verwahrt, das bestimmte Quantum aufnehmen
müssen und solches, ohne halb auf der Straße zu verlieren, sicher auf
den bestimmten Platz befördern. Die Fuhrleute, welche selbst für die
nöthigen Gehülfen zum Aufladen zu sorgen haben, fahren sogleich auf den
zum Ausgraben bestimmten Platz, und suchen sich mit der zunehmenden
Tiefe die schräge Ausfahrt so lange zu erhalten, bis die Nothwendigkeit
eintritt, selbst diesen Weg in Angriff zu nehmen, und das unmittelbare
Einladen in die Karren nicht mehr möglich ist, worauf man den letzten
Rückstand mit der Schaufel einander zu- und auszuwerfen sucht. Diese
Arbeit geht wie Alles, äußerst schnell, da eine gehörige Anzahl
Fuhrwerke die zum Aufladen angenommenen Arbeiter immer beschäftigt und
der Bau-Unternehmer dabei nichts weiter zu thun hat, als die Anzahl der
gethanen Fuhren zu notiren.
Bruchsteine werden wenig zum Bau verwendet, da das Behauen dieses
Materials zu theuer ist, und man daher den gebrannten Backsteinen den
Vorzug giebt. Eben so wenig wird Lehm, Thon oder gar schwarze Erde,
wie es mitunter bei uns geschieht, als Bindungsmittel benutzt, sondern
Alles mit Sandkalk gemauert. Das Löschen in Gruben vor dem Verbrauche,
wie es bei uns Sitte ist, in der Meinung, daß durch das Auf- und
Ausquellen der Kalkmasse das Volumen und die Güte desselben zunehme,
stimmt nicht mit der Ansicht des Amerikaners überein. -- Ist ein Haufen
Sand muldenförmig ausgebreitet, so kömmt der noch ungelöschte, und in
Fässern verwahrt gewesene Kalk hinein, wird mit wenig Wasser benetzt,
und sogleich, nach Art des Aeschermachens zum Seifenkochen, mit der
übrigen Masse bedeckt. Hierdurch, während des Löschens von der Luft
abgesperrt, und von einer unnöthigen Wassermasse befreit, glaubt man
den Bindestoff der Kalkmasse zu erhöhen, und ist Letztere gut mit
dem übrigen Sande vermischt, so hält sich diese bis zum Verbrauche
fertige Substanz schmierig und gelind, wie die bei Neubauten vorräthig
aufgethürmten Haufen bezeugen.
Das Trommeln auf den Gelten, um das Leerseyn derselben zu bekunden,
in welcher Zeit des Füllens der Maurer in der Regel ruht, kennt man
ebenfalls in Amerika nicht. Man geht hier von der Ansicht aus, daß
die Handlanger nicht deshalb am Baue seyen, um die Arbeit der Maurer
zu erleichtern, oder was noch schlimmer wäre, in ihrer Faulheit zu
bestärken, sondern durch zweckmäßiges Eingreifen das Ganze zu fördern.
Deshalb fallen auch hier die Krahne mit den Seilen zum Aufziehen der
Steine und des Kalkes weg, weil schon das Abnehmen auf dem Gerüste die
kostbare Zeit eines andern Arbeiter in Anspruch nehmen würde. Jeder,
zum Herbeischaffen des nöthigen Materials beauftragte Gehülfe, ist
daher mit einem Tragkasten versehen, welcher aus zwei 24 Zoll langen,
im Spitzwinkel zusammengenagelten Bretern besteht, die an der Rückseite
mit einem Boden und unter der vordern Oeffnung mit einem Stiel versehen
sind. Zwanzig Backsteine füllen den Raum des Kastens und mit solchen
auf der Achsel, steigt der damit Befrachtete auf der schwankenden
Leiter bis in die obersten Stockwerke des Gerüstes, wo er seine Last
zwischen die alle 8-10 Fuß von einander aufgestellten Sandkalk-Kasten
niederlegt, oder die Letztern mit neuer Masse speist, da es den mit
Mauern Beschäftigten nie an Material fehlen darf.
Nur solche Ziegelsteine, welche zum Belegen von Trottoirs gebraucht
werden, haben die Größe, daß zwei genau so breit sind, wie einer
lang ist. Mauer-Backsteine sind aber etwas schmäler, welches den
Vortheil gewährt, daß man ein, sich dem festen Lager der Ziegel
entgegenstemmendes Sandkorn in der Kalkmasse, nicht wie bei uns, mit
den Fingern herauszugrübeln nöthig hat, sondern dasselbe mit dem Steine
zwischen die Fuge schiebt, wo es ohne zu geniren, Platz findet.
Die Kelle, welche den Hammer mit ersetzt, ist während des Gebrauches
wie in die Hand gewachsen, und der Arbeiter trägt mit derselben
sogleich in der ganzen Länge der ihm angewiesenen Distanz den Sandkalk
auf, legt mit der linken Hand den Ziegelstein ein, und während diese
Hand wieder nach einem andern Steine greift, streicht die Kelle den an
der äußern Seite vorgedrungenen Kalk ab und an die Steinseite an. Diese
Manipulation geht so schnell, daß es Einem erklärlich wird, wenn man
hört, daß bei solch einer Arbeit ein Mann täglich 3000 Ziegelsteine
vermauern muß, um bei Akkord-Arbeit das gewöhnliche Tagelohn zu
verdienen. Ja, es ist in ~New-York~ allgemein bekannt, daß bei
einer Wette an der Wasserleitung ein Maurergeselle von 7-12 und von
1-6 Uhr, 4000 Ziegelsteine kunstgerecht verarbeitet haben soll. Die
Entrepreneurs der Bauten stellen an beide Flügel der zu errichtenden
Mauer solche Matadore an, welche genau das Loth im Auge behalten, und
die längs der Front ausgespannte Schnur bei jeder Backstein-Schicht
vorwärts stecken, wodurch die in der Mitte der Mauerfront angestellten
Arbeiter immer genöthigt sind, gleichen Schritt zu halten; denn ein
Mal zurückgeblieben, ist es keine Möglichkeit, wieder nachzukommen, und
so bedingen eine Paar gute Vormänner die Geschwindigkeit, mit welcher
die andern Gehülfen arbeiten müssen.
Wie leicht, und mit welcher Kühnheit, zwei und dreistockige Häuser
aufgeführt werden, ist erstaunt. Nicht selten sind die Umfassungsmauern
im Erdgeschoß zwei, im zweiten Stockwerk 1½ und höher hinauf gar nur
einen Backstein stark, und dabei stehen die Mauern nach allen Seiten zu
kerzengerade in die Höhe, welches erklären läßt, daß man ein solches
Haus, welches zwischen zwei andern Gebäuden eingeklammert ist, ohne
eines oder das andere Nebenhaus zu beschädigen, in die Höhe schrauben
kann, wie ich weiter unten im Briefe berühren werde. -- Gewölbte Keller
kommen in der Regel nicht vor, und man begnügt sich, eine Balkenlage,
gleich wie in den andern Stockwerken, zu legen; werden jene bei einem
Neubau verlangt, so kommen sie vor das Gebäude unter das Pflaster der
Straße. Lassen dieses aber Lokal-Verhältnisse, wie Kanäle etc. nicht
zu, so bringt man dieselben im Gebäude unter dem Souterrain an, da
solches gewöhnlich noch zu bewohnbaren Pieçen benutzt wird. Um das
nöthige Licht zu erhalten, ist längs des Gebäudes vier Fuß breit bis
zur Souterrain-Tiefe ausgegraben und vor der Grube der Trottoir mit
schönen eisernen Spalieren eingefaßt, womit auch die äußern Treppen
versehen und verziert sind, welchen Glanz die angebrachten messingenen
blanken Knöpfe noch erhöhen. -- Bei Gebäuden höherer Stände sind meist
auch die Treppen, wie die Thürschwellen und Säulen, wenn nicht gar ein
geschmackvoll mit Säulen verzierter Vorbau vorhanden ist, von weißem
Marmor aufgeführt.
Von Anfertigung einer Zulage, wie solche bei einem deutschen Hausbau
die Zimmerleute vornehmen, weiß der Amerikaner nichts; eben so wenig
versteht solcher mit einem unbehauenen Baumstamm, welcher die Axt und
das Breitbeil des deutschen Zimmermanns nöthig macht, umzugehen, da die
Sägemühlen alle diese Mühen ersparen und besser als es bei uns durch
Menschenhände geschieht, zum Hausbau vorarbeiten. Zu allen Häusern
werden fertig geschnittene Balken und Säulen verwendet, und dieses
Holz sogleich nach Bedarf auf die Baustelle geschafft. Die Balken
sind in der Regel nur drei Zoll stark, aber 12-16 Zoll breit, und
werden alle 18-20 Zoll auseinander auf die hohe Seite in das Mauerwerk
eingelegt. Die Schiedbleichen im Innern des Hauses bestehen gewöhnlich
nur aus drei, selten aus vier Zoll starken Säulen, welche drei Fuß
auseinandergestellt, durch schräg eingenagelte Riegel mit einander
verbunden werden, und so jeder Riegel ein Band bildet, welches das
Gebäude vor dem Schieben schützt. Gelocht und gezapft wird nichts,
sondern Alles gut mit eisernen Nägeln verwahrt. Die Schiedbleichen,
wie die Balkenlagen bleiben hohl, da man Erstere nicht ausmauert und
Letztere nicht schalt oder windet, wodurch wegen Beseitigung der
Steinmassen zum Ausmauern der Bleichen, der Strohlehm-Verblendung
und des Brechannen-Tünches, so wie der Schutte unter den Dielen, dem
Gebäude eine bedeutende Last entzogen wird. -- Die Fußböden werden mit
starken, gespundeten Bretern gedielt, die Decken, wie die Bleichen mit
dünnen ½ Zoll breiten Latten so benagelt, daß zwischen einer Jeden
etwas Spatium bleibt, wohinein der aufgetragene Kalk sich theilweis
drückt, und um so besser hält. Man geht bei diesem Verfahren, Alles
hohl zu lassen, von der Ansicht aus, daß erstens der Bau bedeutend
billiger komme, und dann auch, daß die im Innern des Hauses in
Zwischenräumen abgesperrte Luft die Zimmer eben so warm halte, als es
bei ausgemauertem schwachen Bleichwerk der Fall sey.
Gebrannte Dachziegeln kennt man nicht, da ein Ziegeldach schwerlich
von den leichten Bauten getragen werden könnte und gewöhnlich waren es
Schindeln und weniger schwacher Schiefer, welche früher zum Bedecken
der Häuser verwendet wurden. Jetzt macht man die Dächer flach und
belegt die Breter-Schalung mit Weißblech, weniger mit Zink. Eine
Fallthür gestattet den Ausgang auf solches und die Bewohner des Hauses
trocknen bei beschränktem Hofraum daselbst ihre Wäsche. Vorzüglich gut
bewähren sich bei Feuerunglück diese flachen Dächer, da man von ihnen
leicht in der Nachbarschaft von oben herab dieses verwüstende Element
bekämpfen kann.
Die ganz aus Holz zusammengesetzten Häuser haben bei weniger Dauer
dennoch ein äußerst gefälliges Ansehen. Wird nun schon nach Verlauf
von 6-8 Wochen ein großes massives Haus bis zum Bewohnen fertig und
gewöhnlich nach Verlauf dieser kurzen Zeit auch sogleich bezogen, so
möchte man sagen: ein solches ~frame house~ entstehe über Nacht. -- Die
Umfassungswände, wie die Schiedbleichen werden ebenfalls nur aus 3-4
Zoll starken Stollen zusammengenagelt. Die Balken und innern Bleichen
des Hauses bleiben hohl wie in Backstein-Gebäuden. Die äußern Wände
aber sind mit 6-8 Zoll breiten tannenen, sauber abgehobelten und später
mit Oelfarbe angestrichenen Bretern bekleidet, welche man von oben nach
unten schuppenartig ½ Zoll übereinander legt. Von der innern Seite
kommen die schwachen Lättchen zur Unterlage des Kalk-Ueberzugs und die
Zwischenräume werden mit ausgelauchter Lohrinde oder Moos ausgestopft,
wenn man es nicht der Billigkeit wegen vorzieht, auch diesen Raum hohl
zu lassen, wo in letzterm Fall von Wärmehalten freilich keine Rede
seyn kann. -- In Zeit von vierzehn Tagen ist so ein Haus angefangen,
vollendet und bezogen.
Soll ein Gebäude um ein Stock erhöht werden, so reißt man nicht, wie
bei uns, das Dach ab, und setzt das neue Stockwerk darauf, sondern man
unterfährt das Gebäude, schraubt solches in die Höhe, und bringt die
neuen Pieçen im Erdgeschoß an. Eine solche Prozedur geht so sicher und
gut, daß oft die Logis nicht völlig geräumt werden und bewohnt bleiben.
Wollte man oben aufbauen, so ging das mit Weißblech zusammengelöthete
Dach verloren und oft würde auch der Unterbau die neu aufgebürdete
Last nicht tragen. -- Ja, die Maschinerieen, um damit massive Häuser
in die Höhe zu schrauben, sind so praktikabel, daß man ganze Straßen
durch Retourschieben der Häuser erweitert hat, und während meines
jetzigen Aufenthaltes in ~New-York~ sind wiederum Gebäude von
ihrem alten Platz um mehrere Schritte verrückt worden, welches eine
der interessantesten Erscheinungen für mich war. Mit Holzhäusern macht
man gar keine Umstände, und transportirt solche nach Belieben weite
Strecken.
Der Zimmermann in Amerika ist eine Vermischung von dem Handwerker
dieser Benennung in Deutschland, und jenem Tischler, welchen man
bei uns Bauschreiner zu nennen pflegt. -- Alle bei einem Hausbau
vorkommenden Holzarbeiten macht der amerikanische Bauzimmermann,
welches Geschäft ganz verschieden von dem des Schiffszimmermanns ist.
Der Ausbau eines Hauses geht ebenfalls, wie es mit dem Mauerwerk der
Fall ist, wie mit Dampf. Die Fußböden, Treppen, Thüren und Fenster
entstehen nur so unter der Hand, da das zu verwendende Material schon
durch Maschinerie vorgearbeitet ist, und die einzelnen Stücke nur
der Zusammensetzung bedürfen. Die Dielen, welche gewöhnlich nur 6-8
Zoll breit sind, da man wegen des Verwerfens den Kern beseitigt und
diese Breite auch der Maschine, welche das Hobeln, Fugen und Spunden
besorgt, besser zusagt, werden in der ganzen Bretslänge aufgenagelt,
weil Verzierungen der Fußböden mit Friesen nicht vorkommen und die
Hausbewohner in der Regel Teppiche legen. Ein vorher sich nöthig
machendes Ebenen der Balken, worauf die Breter zu liegen kommen, wie
es bei uns geschehen muß, findet nicht Statt, da die Balkenlagen genau
nach einer Stärke geschnitten sind.
Besondere Stiegenhäuser findet man nur selten und mit Nichts geizt
man im Innern des Hauses mehr, als mit dem Raum zur Treppe; selten
sind solche breiter wie drei Fuß, gehen in der Regel gleich hinter dem
Hauseingang in die Höhe und werden nur im Nothfall mit Winkelstufen
versehen. Der Transport der größern Möbelstücke oder Instrumente muß
daher durch die Fenster geschehen.
Die Rahmenstücke zu Thüren und Fenstern sind alle vorher durch
Maschinerie gehobelt, gestemmt und gezapft. Flügelfenster kennt man
nicht, sondern dieselben werden beim Oeffnen von unten herauf in
die Höhe geschoben. Die Arbeit des Verglasens ist das Geschäft des
Bauzimmermanns mit und geht, gleich Allem, schnell von Statten, da man
nur drei verschiedene Größen der Glastafeln in Anwendung bringt und
solche überall genau nach der Nummer bekömmt, welche man ohne Diamant
einsetzen kann.
Der Thürbeschlag ist einfach und enthält außer Band und Angel nur noch
eine schlichte Klinke, weshalb der Miethsmann, welcher seine Sachen
besser verwahren will, ein Vorlegeschloß anzulegen pflegt.
Stuben-Oefen nach unserer deutschen Manier kommen nicht ins Haus,
sondern die russische Oesse bildet im Zimmer, welches geheizt werden
soll, ein französisches Kamin; der Miethsmann hat daher, gleich den
andern Möbeln, auch für den Ofen zu sorgen, und stellt denselben,
welcher mit Löchern zum Einhängen der Töpfe und einer Bratröhre
versehen ist, im Winter mitten in die Stube, im Sommer auf den Boden,
oder wenn man nicht im Kamin kochen will, im Hofraume auf, da in der
Regel die Küchen fehlen. -- Nur in Gebäuden, welche die Hauseigenthümer
selbst bewohnen, oder nur von einem Miethsmanne bezogen werden,
befindet sich eine Küche im Souterrain.
Die Häuser erhalten äußerlich keinen Kalk-Abputz, sondern die beim Bau
theilweis verloren gegangene rothe Farbe der Ziegelsteine wird wieder
durch einen Anstrich hergestellt, und die Kalkfugen mit weißer Farbe
hervorgehoben. Zur vordern Façade verwendet man auch aus feinerer Masse
bereitete Steine, welche wie geschliffen sind.
Die Fenster erhalten gewöhnlich Jalousieen, um dadurch während der
heißen Sommertage den Zimmern eine erquickende Kühle zu verschaffen, da
die dahinter geöffneten Fenster den Luftzug gestatten.
Nie kömmt der Abtritt ins Haus, sondern immer an den entferntesten Ort
des Hofraumes, da es der Amerikaner für unreinlich und unpassend hält,
diesen Ort in seiner Nähe zu haben, was bei den heißen Sommertagen
lästig werden würde.
Daß, wenn vom schnellen und leichten Aufbau der Häuser die Rede ist,
nur Privat-Wohnungen gemeint werden, versteht sich wohl von selbst.
Große massive, meist aus Marmor-Quadern aufgeführte öffentliche Gebäude
verlangen ebenfalls die gehörige Zeit, wie bei uns; nur daß man hier
besser versteht die Zeit zu benutzen und die Hände in Bewegung zu
setzen.
Dreiundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
(+Staats-Aemter und Bürgerrecht.+)
Im Dezember 1840.
Eines Abends, als ich aus dem noch im Bau begriffenen Brennerei-Lokal
nach meinem ~Boarding-~Hause gehen wollte, rief eine Stimme hinter
mir zwei Mal meinen Namen, ohne daß ich beim Umsehen Jemand Bekanntes
gewahr wurde. Doch, wer stellt sich das Erstaunen und meine Freude
vor, als aus dem nächsten Fleischladen ein Weib auf mich zusprang,
und während es meine Hände faßte und drückte, erkannte ich die Frau
des Meister Fickardt, welche Familie sogleich nach unserer Ankunft in
Amerika verschwunden war, wie sich der Leser erinnern wird. Keines
von uns Beiden hatte später erfahren können, wo das Schicksal uns
hingeführt hatte, und ich mußte sogleich der Frau in ihre Wohnung
folgen, um deren Mann, so wie den alten Irrläufer auf der deutschen
Reise, den Großvater, zu überraschen.
Diese arme getäuschte Schuhmacher-Familie, welche zur Zeit in einem
kleinen Breterhäuschen, nur mit Hausthür und einem Fenster versehen,
sich eingemiethet hatte, war bei unserer Ankunft in ~New-York~,
wo der Mann auf sein Geschäft kein Unterkommen gefunden, in die größte
Bedrängniß gerathen, und hatte sich mit Aus- und Einladen der Schiffe
das Nothdürftigste zu erwerben gesucht. Während der Wintermonate aber,
wo der Seehandel liegt, mußten Vater und Sohn durch Steineklopfen das
ärmliche Leben fristen, und die Frau mit den ältesten Kindern suchte
durch Anfertigen kleiner Pappkästchen in eine ~Matches~-Fabrik
(Zündhölzer-Fabrik) den Verdienst zu erhöhen. Auch sie beklagten
vor Allem die mangelnde Kenntniß der Landessprache, da jetzt, wo die
Kinder zur Noth den Dolmetscher machen könnten, das Geschäft auf die
Profession schon besser ginge, und in der Zwischenzeit, wenn sonst
keine andere Arbeit vorhanden, mit Ausbessern alter Fußbekleidung das
zum Leben Nöthige verdient werde. -- Da diese meine braven Landsleute
und Seereisegefährten nicht weit von dem Brennereigebäude wohnten, so
brachte ich manche freie Stunde in ihrer Nähe, uns der lieben Heimath
erinnernd, zu. -- Hier erfuhr ich auch, daß zur Zeit der Seiler Schmidt
mit seinem Ehegespons, da er ebenfalls auf seine Profession keine
Arbeit erhalten, in der ~Matches-~Fabrik arbeite, wohin Frau
Fickardt ihre Kästchen lieferte.
Während dieser Zeit meines Aufenthalts in ~New-York~ nahm der
leidenschaftliche Ton der zahllosen Zeitungen, welche sich abmüheten,
dem Kanditaten zur Präsidentenstelle kein gutes Haar auf dem Kopfe
zu lassen, immer mehr zu, und je näher der Wahlakt herbeikam, um so
mehr wurde von ~Whigs~ und Demokraten Nichts unterlassen, um
die möglichste Anzahl Stimmen zu sammeln, und deshalb im Freien, so
wie in Sälen Zusammenkünfte veranstaltet, besondere Lokale hierzu
erbaut, und die abscheulichsten Karrikaturen darin aufgehängt, um
die Gegenparthei lächerlich zu machen und zu beschimpfen. Doch
diese ununterbrochene, zur Gewohnheit gewordene Verunglimpfung und
Beleidigung der rechtlichsten Männer, wie sie von der ihnen ergebenen
Parthei geschildert wurden, machte solche zuletzt selbst gleichgültig
gegen alle Verläumdung, und das Ehrgefühl des besten Menschen muß
ersterben, wenn jeder, auch der besten Handlung, eine schlechte Absicht
untergelegt wird. -- Wahrlich, wem die Gelegenheit wird, hier zu
sehen, mit welcher Leidenschaft man den Federkrieg führt, und welcher
Mißbrauch mit der freien Presse getrieben wird, der kann unmöglich
wünschen, daß Aehnliches bei uns entstehen möge.
Doch nicht allein, daß man dadurch geradezu verfehlt, die Gebrechen
des Landes zu heilen, und bei den am Ruder stehenden Männern den Muth
und die Lust, das allgemeine Beste zu fördern, erstickt, sondern man
lodert auch bei jedem Laien das Feuer auf, welcher glaubt, durch das
Zeitungslesen und Politisiren, welches hier zur Tagesordnung gehört,
sich auf dem Gipfel intellektueller Vollkommenheit zu befinden und im
Stande zu seyn, die tiefsten politischen Untersuchungen anstellen zu
können, auch dabei sich erdreistet, den Weg mit vorzuschreiben, welchen
die Regierung verfolgen soll.
Für mich, der sich nicht naturalisiren lassen wollte, konnte es ganz
gleich seyn, wer den Sieg bei der Präsidenten-Wahl davon tragen
würde, weshalb ich auch, um keiner Parthei ungehört das Urtheil zu
sprechen, mit umso größerem Interesse ~Whigs-~ und demokratische
Schriften las. Besonders waren es zwei neue deutsche Zeitblätter: der
Wahrheitsverbreiter, in ~Baltimore~ erscheinend, welches den Demokraten
huldigte, und der ~Pennsylvany-~Deutsche, von einem Herrn ~Grund~ in
~Philadelphia~ redigirt, welches jetzt den General ~Harrison~, den
~Whig-~Kandidaten, in den Himmel hob, und den derzeitigen Präsidenten,
~Van Buren~, welchem er früher gleichen Weihrauch gestreut, von
ihm aber bei Besetzung der Aemter übergangen worden war, jetzt das
Verdammungs-Urtheil sprach, und mitunter eine Sprache führte, die
an Derbheit nichts übertraf, ja oft bis ins Gemeine herabzusteigen
pflegte, wenn von Gegnern gereizt, solchen bewiesen werden sollte,
daß, wenn der Wahrheits-Verbreiter an der ersten Lüge erstickt sey,
schwerlich die zweite Nummer erschienen seyn würde. Zu diesen zwei
Blättern gesellte sich eine dritte neue Zeitschrift: der Wächter
am ~Hudson~, in ~New-York~ erscheinend, welche zuerst von dem
berüchtigten ~Dr. Frösch~, Prediger der Vernunftsgläubigen, redigirt
wurde; als dieser aber, um die Kasse vor möglichem Bestehlen zu
sichern, die anvertrauten Gelder selbst verthat, so wurde er seiner
Stelle entsetzt, und einem andern Herrn, dessen Name mir entfallen
ist, die Redaktion übertragen. Nur einen Artikel hebe ich aus dieser
Zeitschrift aus, um den theologischen Styl zu zeigen: „General
~Harrison~ wurde nicht bloß allen bankerotten und halbbankerotten
Spekulanten, allen Geld- und Aemter-Jägern, sondern auch dem ganzen
Volke als Heiland und Erlöser angekündigt. Wir, die wir zum ungläubigen
Volke gehören, verlangen zur Bestätigung seiner hohen Sendung, das
Unmögliche möglich zu machen, ein Zeichen. So that Jesus, so wollen
alle Religionsstifter gethan haben. Jesu erstes Wunder war, daß
er Wasser in Wein verwandelte; dies verlangen wir nicht von Herrn
~Harrison~, -- wir sind ein nüchternes Mäßigkeitsvolk und behelfen uns
mit „~Hard-Cyder~“ (saurer Apfelwein), -- namentlich da er so vieler
„Improvements“ fähig ist. Alles, was wir von unserm neuen Heilande
~Harrison~ verlangen, ist, daß er alle kleinen Noten unter fünf Dollars
in Silber, und alle größern Noten in Gold verwandle. Thut er dies, so
prophezeihen wir, daß alles Volk anbetend vor ihm niederknieen wird.
-- Denn wir wissen, wo uns Amerikanern der Schuh drückt, und welches
Glaubensbekenntnisses wir fähig sind.“
Bald wird dem unbefangenen Leser beim Studiren dieser Zeitschriften die
Ueberzeugung, daß es den Herren Verlegern bei allem Anscheine, den sie
sich zu geben verstehen, um das allgemeine Beste befördern zu helfen,
doch nur darum zu thun ist, bei dem Wechsel der ersten Staatsämter, da
der Präsident, wie die Gouverneure der einzelnen Staaten eine große
Anzahl meist gut besoldeter Stellen zu vergeben haben, eine solche
zu erhalten, und dieses die eigentliche Triebfeder ist, welche,
außer den baaren Zuschüssen von der sich verkauften Parthei, die
Zeitungsschreiber und Partheiführer in Bewegung setzt. ~Gall~
giebt darüber eine weitere Definition indem er sagt:
„Die wirklichen Beamten, deren Existenz von dem Ausgange der
Gouverneurs- oder Präsidenten-Wahl abhängt, sind daher die eifrigsten
Mitarbeiter an den Zeitungen, welche für die Wiederwählung des
wirklichen Gouverneurs oder Präsidenten Parthei nehmen, und diejenigen,
welche die Drucker der Gegenparthei am thätigsten unterstützen,
erwarten dafür einträgliche Stellen zum Lohne. Dieses mächtige
Reizmittel erklärt am besten die Anstrengungen der Partheieen, welche
so weit gehen, daß man einige Monate vor der Wahl neue Zeitungen
entstehen sieht, welche nur bis zur Entscheidung des Kampfes um die
Herrschaft fortgesetzt werden. -- Daß ein Präsident oder Gouverneur bei
seinem Amtsantritte alle von seiner Ernennung abhängige Beamten, welche
nicht zu seiner Parthei gehören, absetzt und seine Anhänger mit den
vakanten Stellen und Gehalten belohnt, findet man gar nicht auffallend.
Die Folgen einer solchen Ordnung der Dinge sind unschwer zu würdigen.
Jeder benutzt die kurze Glücksperiode der Herrschaft nach Kräften,
und die häufigen Untersuchungen gegen Staatsbeamte, deren ich oben
erwähnte, haben gewöhnlich Bestechungen und Geldunterschlagungen zum
Gegenstande.“
Um dem Leser einen Blick in die amerikanische Staatsverfassung
zu gewähren, habe ich, was Bezug auf die Staats-Aemter hat, aus
~Lem’s~ Briefen über Amerika entnommen, welcher bemerkt:
„Die ganze gesetzgebende Gewalt, der Kongreß der Vereinigten Staaten,
welcher aus dem Hause der Repräsentanten und dem Senate besteht,
und die vollziehende Gewalt ist dem Präsidenten der Vereinigten
Staaten auf die Zeit von vier Jahren, und einem Vice-Präsidenten,
der zu gleicher Zeit, und auf dieselbe Zeit von Jahren erwählt wird,
anvertraut.“
„Das Haus der Repräsentanten besteht aus, alle zwei Jahre durch das
Volk der verschiedenen Staaten gewählten Mitgliedern. Keiner kann zu
einem Repräsentanten erwählt werden, der nicht das fünfundzwanzigste
Lebensjahr erreicht hat, seit sieben Jahren Bürger der Vereinigten
Staaten und Einwohner des Staates ist, von welchem er gewählt wird.“
„Die Zahl der Repräsentanten ist für jeden Staat der Union nach der
resp. Zahl seiner freien Einwohner bestimmt, und zwar Einer, auf jedes
Mal 30,000 Einwohner.“
„Der Senat besteht (weil jeder Staat zwei Senatoren ernennt, welche
sechs Jahre im Amte bleiben), aus 48 Senatoren, da 24 Staaten (jetzt
27) zur Union gehören, wovon jeder Eine Stimme hat. Keiner kann zum
Senator erwählt werden, wenn er nicht 30 Jahr alt, seit 9 Jahren Bürger
der Vereinigten Staaten, und zur Zeit seiner Wahl Einwohner des Staates
ist, der ihn wählt. Der Vicepräsident der Vereinigten Staaten präsidirt
dem Senate, hat aber keine Stimme, außer wenn die Stimmen gleich sind.
Der Senat wählt seine übrigen Beamten, und ernennt einen Präsidenten
~pro tempore~ in Abwesenheit des Vice-Präsidenten.“
„Der Kongreß versammelt sich alle Jahre wenigstens ein Mal, und die
Zeit der Eröffnung ist auf den ersten Montag des Dezember bestimmt.“
„Jeder Staat ernennt so viel Wähler, als er Senatoren und
Repräsentanten auf den Kongreß zu schicken das Recht hat. Die Wähler
versammeln sich in ihren resp. Staaten, und schlagen durch Ballotiren
zwei Personen, wovon eine wenigstens nicht zum Staate der Wählenden
gehören darf, zum Präsidenten oder Vice-Präsidenten vor, der ein
geborner Mitbürger der Vereinigten Staaten seyn, das 35ste Lebensjahr
erreicht, und 14 Jahre sich im Staate aufgehalten haben muß. Der
Präsident, der Vice-Präsident und alle Beamten der Vereinigten Staaten
müssen ihrer Stellen entsetzt werden, wenn sie der Verrätherei, der
Bestechung und anderer Verbrechen angeklagt und überführt worden
sind. Der Präsident ist Oberhaupt der Land- und See-Macht und
schwört folgenden Eid: „Ich schwöre feierlich, treu die Stelle eines
Präsidenten der Vereinigten Staaten zu versehen, und die Konstitution
derselben, so gut als es mir möglich seyn wird, zu erhalten, zu
schützen und zu vertheidigen.““
„Die richterliche Gewalt ist einem obersten Gerichtshofe und untern
Gerichtshöfen anvertraut und bezieht sich auf alle Streitigkeiten.
-- Der oberste Gerichtshof besteht aus einem Oberrichter und sechs
Richtern und hat jedes Jahr seinen Sitz zu ~Washington~. Die
Staaten der Union bilden in gerichtlicher Hinsicht 24 Distrikte
und auch wieder 7 Kreise. In jedem Distrikte ist ein Gerichtshof,
ausgenommen für den Staat ~New-York~, wo ihrer zwei sind. Diese
Gerichtshöfe haben vier Mal des Jahres in den zwei Hauptstädten
des Distrikts abwechselnd ihre Sitzungen. In jedem Kreise hat ein
Kreis-Gerichtshof einmal jährlich eine Sitzung. Es giebt einen
General-Prokurator der Vereinigten Staaten, welcher den Ankläger
vor dem Ober-Gerichtshofe macht. In jedem Distrikte befindet sich
gleichfalls ein Advokat und ein Marschall. Der Advokat macht den
Ankläger vor den Kreis- und Distrikts-Gerichts-Höfen, der Marschall
leitet den Prozeßgang dieser Gerichtshöfe, bei welchem er die Stelle
eines Sherifs versieht. Der Obergerichtshof übt eine ausschließende
Jurisdiction aus in allen Prozeß-Sachen, worin einer von den Staaten
der Union Parthei ist, und in allen Prozeß-Sachen gegen die
öffentlichen Beamten.“
Um bei einer Beamtenwahl seine Stimme mit abgeben zu dürfen, und
im vollen Genusse aller Bürgerrechte sich zu befinden, muß man
naturalisirt seyn, wozu im Staate ~New-York~ ein fünfjähriger,
doch in einigen andern Staaten kürzerer Aufenthalt verlangt wird. Wer
daher entschlossen ist, für immer in Amerika zu bleiben, der thut wohl,
sogleich bei seiner Ankunft sich zum Bürgerwerden zu melden, und hat
für Einschreibung seines Namens und für Ausstellung eines Attestes über
die geschehene Anmeldung Einen Dollar zu zahlen. Zwei Jahre darauf
giebt man folgende Erklärung ab:
„Ich Endesunterschriebener, gebürtig aus ~N.N.~ in ~N.N.~, so
und so alt, früherer Unterthan Sr. Majestät von ~N.N.~, erkläre
hiermit, daß ich gesonnen bin, Bürger der Vereinigten Staaten zu
werden, und mich für immer von der Unterthanen-Treue und Pflicht gegen
irgend einen andern fremden Fürsten oder Staat, besonders aber aller
Unterthanen-Schuldigkeit gegen obengenannte Majestät, meinen frühern
Souverain, los zu sagen.“
Ueber Erfüllung dieser Formalität erhält man ebenfalls ein Attest und
zahlt dafür ½ Dollar. Fünf Jahre nach der ersten Anmeldung wird
an die nächste ~Court~ des Staates, in welchem man wohnt, die
folgende Bittschrift um Aufnahme als Bürger gerichtet, welcher obige
Atteste beigefügt werden müssen: „Der hochzuverehrenden ~Court~
des Staates ~N.N.~ überreicht ehrfurchtsvoll der Unterzeichnete
folgendes Gesuch: Der Supplikant hat zu gehöriger Zeit, der bestehenden
Ordnung gemäß, sich einregistriren lassen, und seine Erklärung,
daß er gesonnen sey, Bürger der Vereinigten Staaten zu werden, wie
es das Gesetz erfordert, abgegeben, weshalb genannter Supplikant
ehrfurchtsvoll den hochzuverehrenden ~Court~ bittet, denselben in
der üblichen Form zum Bürger der Vereinigten Staaten aufzunehmen.“
Nach der Aufnahme muß noch folgende Schlußerklärung ausgestellt und
beschworen werden.
„Ich Endesunterschriebener erkläre hiermit, daß ich die Konstitution
der Verein. Staaten unterstützen, und gänzlich aller Unterthanenpflicht
und Treue gegen jeden fremden Fürsten, Potentaten, Staat oder sonst
eine oberherrliche Gewalt, welche sie auch seyn mag, abschwören,
und mich gänzlich in dem weitesten Sinne des Worts von der
Unterthanspflicht gegen meinen frühern Souverain lossagen will.
Außerdem entsage ich noch ganz ausdrücklich aller Ansprüche auf irgend
einen erblichen Titel oder Adelsprivilegium, und zwar besonders auf die
Titel: Baron, Graf oder Herr von ~N. N.~, welchen ich bis hierher
geführt habe, wozu ich mich vor der ganzen öffentlichen ~Court~
verpflichte und mit meinem Eide bekräftige.“
Wie aus dem Vorhergehenden zu ersehen ist, erfolgt die Aufnahme zum
Bürger im Staate ~New-York~ erst nach Verlauf von fünf Jahren
des ersten Einregistrirens, und nicht wie viele Einwanderer irrig
glauben, nach fünfjähriger Wohnung im Lande; denn es könnte einer 10
Jahr hier seyn, ohne sich zu melden, so müßte er immer noch fünf Jahre
warten, ehe dem Gesetze nach, seine Aufnahme erfolgen könne. Doch man
braucht hierüber nicht so ängstlich zu seyn. Wie man in Amerika für
Alles Mittel und Wege kennt, so genügen auch hier zwei Zeugen, welche
beschwören, daß der um Aufnahme Suchende die gesetzliche Zeit im Lande
sey, wobei aber dann noch fünf Dollars entrichtet werden müssen,
welche Summe, um die Stimme des Betheiligten für den vorgeschlagenen
Kandidaten der Präsidenten-Stelle zu erhalten, von den Häuptern der
Partheieen bezahlt wird. Ja, meinem Landsmann R., welcher ebenfalls
versäumt hatte, sich einschreiben zu lassen, und noch nicht einmal
volle fünf Jahre im Lande war, wollte man, um sich seiner Stimme bei
der jetzigen Wahl zu versichern, auf diese Weise zum Bürgerwerden
verhelfen, wovon er aber keinen Gebrauch machte, da er keinen falschen
Schwur, wozu seine bestochenen Zeugen sich verpflichtet, ablegen wollte.
Vierundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
(+Schule und Kirche.+)
Im Dezember =1840=.
Die Sonntagsfeier in ~New-York~ konnte von mir, der sich
Enthaltsamkeit von allen kostspieligen Vergnügungen zum Gesetz
gemacht, nicht besser verwendet werden, als in und außer dem Tempel
des Herrn die verschiedenartigsten Gottesverehrungen zu beobachten,
und Erkundigungen über die Schulen einzuziehen, woraus ich Folgendes
zusammengestellt habe:
Es liegt wohl unstreitig im Interesse jedes Staates, daß die Jugend
eine vernünftige Erziehung genieße und daß möglichst für Ausbildung der
geistigen Fähigkeit gesorgt wird, worin vor Allem der Grund zu einer
vernünftig wahren Gottesverehrung zu legen ist, damit bei vorgerücktem
Alter die Erlernung eines praktischen Geschäfts um so leichter, und
ein Staatsbürger gewonnen werde, der zum allgemeinen Menschenwohl nach
Kräften beiträgt, und die wahre Zufriedenheit in sich selbst suchen
kann, aber auch findet. Wie ist dieses aber wohl anders zu erringen
möglich, als durch gut organisirte Schulen, welche besucht werden
müssen, und wo die geistigen Kräfte des Menschen, wenn sie nicht im
Keime wieder ersticken sollen, frühzeitig entwickelt und ausgebildet,
diese Ausbildung aber bis zur Mannbarkeit fortgesetzt wird, wie dieses
bei uns der Fall ist.
Ganz anders denkt und handelt man hier, wo der Amerikaner sich keine
Beschränkung der individuellen Freiheit gefallen läßt, und deshalb da,
wo Schulen vorhanden sind, diese nicht von den Kindern besucht werden,
sie auch keine Behörde dazu anhalten darf, weil die Konstitution
nichts davon enthält, und die Freiheit des Menschen sich bis auf das
schulfähige Kind herab erstreckt, welches, dem Gesetze nach, nicht
einmal der Vater selbst bestrafen darf.
„Hätte Amerika so viele Schulen als Kirchen, welche besucht werden
müßten“, äußert sich ein Reisender, „wo außer Lesen, Schreiben und
Rechnen auch das gelehrt wird, was zur Menschenbildung nöthig ist,
so stände es mit dem Amerikanischen Volke besser, als jetzt, wo das
junge Geschlecht aufwächst, wie der Baum in den Urwäldern. Kirchen
giebt es mehr wie nöthig, und besser wäre es, die Hälfte davon würde
zu Schulgebäuden benutzt. Hunderte von Kirchen werden hier jährlich
neu gegründet, und doch nimmt die Zügellosigkeit, Rohheit und
Irreligiosität immer mehr zu.“
Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Hauptlehrsätze, denen nur noch
wenig Andere untergeordnet sind, und welches Alles, wie mir versichert
ward, auf eine leicht faßliche Manier gelehrt werde. Dabei besitzt
der Amerikaner ein angebornes Genie, welches ihn schnell Alles
auffassen und zur Schlauheit im Handel und Fabrikwesen geschickt
macht, so wie die Grundregeln der Mechanik zu Maschinenbau erlernen
läßt. Doch außer seinem eigenen Geburtslande und dessen Verfassung,
welche die Zeitschriften unaufhörlich besprechen, und solche zu
lesen, zur allgemeinen Gewohnheit geworden ist, kennt, außer den
höhern Ständen, der Amerikaner nichts, und von Europa nur wenig; die
niedern Volksklassen stellen sich daher Deutschland als eine Wüste
vor, welche nur von Despoten und sklavischen Bettlern bewohnt werde,
die aus Mangel vom Begriff der Menschenrechte und durch Entziehung der
Mittel zur eigenen Existenz in Amerika ein ferneres Fortkommen und ein
neues, freies Vaterland suchen. Deshalb ist auch hier im Allgemeinen
der Deutsche so verachtet, gleich den Juden in Deutschland, und nicht
schnell genug kann man die englische Sprache erlernen, um sich und sein
Vaterland verläugnen zu können, und dem Amerikaner als gewachsener
Gegner gegenüber zu stehen.
Wie nun durch Mangel von Schulen auf dem flachen Lande, und durch
Nichtbesuch der vorhandenen von vielen Städtern die geistige Ausbildung
im Allgemeinen aufgehalten und erschwert wird, eben so ist dieses der
Fall in Bezug auf Religion und wahre Gottes-Verehrung, und selbst
in den Schulen ist die Glaubenslehre kein Gegenstand der besondern
Beachtung, oder man verwickelt die Grundlagen, worauf man fußt, so in
Widersprüche, daß der Schüler in ein Labyrinth geräth, woraus er später
als Mann sich nicht wieder herauszufinden vermag, wenn man nicht gar
allen Religionsunterricht aus der Schule verbannt, und so den Menschen
ohne alle Grundlage heranwachsen läßt, wo durch solcher als schwaches
Rohr in spätern Jahren nicht weis, welchen von den 61 verschiedenen
Sekten er sich zugesellen soll, von einer Glaubensansicht in die andere
fällt, und so an sich selbst und der Gottheit irre werden muß.
Nur wenn die Entwickelung der Begriffe vom höchsten Wesen bei der
Jugend gleichmäßig fortschreitend, den Vernunftskräften angepaßt würde,
damit die zur Erlangung menschlicher Glückseligkeit nöthige Harmonie
nicht gestört werde, und sich so ein fester, wahrer, auf Vernunft
gegründeter Religionsglaube in dem Menschen bilden könne, welcher ihn
im Genuß des Glücks seine Menschheit nicht vergessen läßt, in Tagen
der Trübsal aber wahren Trost gewährt und seinem Herzen himmlischen
Balsam spendet, kann der Mensch mit weniger Gefahr für seinen Glauben
die in Amerika bestehenden, so verschiedenartigen christlichen
Religions-Sekten bei Ausübung ihres Gottesdienstes besuchen, ohne dabei
von der Menschheit, Teufel und Hölle, so wie vom höchsten Wesen selbst
falsche Begriffe zu bekommen. Denn was man hier, wo alle Glaubenslehre
frei ist, zu sehen und zu hören Gelegenheit hat, grenzt an das
Unglaubliche, und oft habe ich mich im Stillen gefragt: „Sind das auch
mit Vernunft begabte Menschen, welche auf solch abgöttische Weise dem
Schöpfer zu gefallen suchen?“
Was man von Sekten, wie die der Zitterer, Methodisten u. dgl., deren
Bekenner meistentheils den niedern Ständen angehören, und welche
entweder mit Blindheit geschlagen, oder, ihres weltlichen Vortheils
willen, den Unsinn und die Abgötterei bis ins Weiteste treiben,
denken und halten soll, ist leicht zu erklären; was soll aber der
wahrhaft vernünftige Mensch zu einer Glaubenslehre sagen, die von
Männern ausgeht und gelehrt wird, welche sich unter die Gebildetsten,
Aufgeklärtesten und Verständigsten des Volkes zählen, und deren
Grundlehre die ist: -- „Verbannt alle Religionslehre, verbannt die
Bibel aus den Schulen, denn das sonst für heilig gehaltene Buch ist
veraltet, die Menschheit aber verjüngt. Unsere Bibel sey die Vernunft
und deren Ausspruch die Religion. Kein Pfaffe lasse die Schwelle
betreten, wo dem Menschen gelehrt wird, warum und wozu er auf der Welt
sey, damit er nicht mit seinem Pesthauch die neue Moral vergifte und
im Keime tödte. Laßt dem Jüngling freie Wahl, ob er sich zu einer
Religions-Sekte bekennen, und welcher er sich anschließen will; denn
Freiheit im Glauben ist das erste, wozu der Mensch die gerechtesten
Ansprüche hat“ u. s. w.
Welch herrliche Lehre, wie passend in die jetzigen Zeiten! Welch
weites Feld öffnet sich nicht der Gewissensache? Der Zeuge ist nicht
mehr verlegen, wenn es auf einen Schwur ankommt. Der Spekulant, der
Geschäftsmann hat nur noch den weltlichen Arm der Justiz zu fürchten,
und dafür giebt es ebenfalls Advokaten, welche der neuen Lehre
huldigen. Himmel und Hölle sind nicht mehr, und Gott ein zu erhabenes
Wesen, um sich um solche Kleinigkeiten, wie das Drängen und Treiben der
Menschen auf der Erde sey, zu bekümmern.
Wie steht es aber mit diesen Verblendeten, wenn bei der Leere des
Herzens Noth und Trübsal über sie kömmt? Wo bleibt der himmlische Trost
und die beruhigende Seelenruhe, die dem Menschen so Noth thut, wenn er
nach dem allgemeinen Naturgesetz alles Irdische verlassen muß?
Mehrere Kirchen und Bethäuser sind von Spekulanten erbaut und werden,
gleich den Gasthöfen, verpachtet, worin eine Sekte so lange in
ruhigem Besitz verbleibt, bis ihr Kontrakt abgelaufen und von einer
andern Religions-Parthei überboten worden ist. Kein Geistlicher
wird vom Staate besoldet, und in der Regel sind es die Einkünfte
des Klingelbeutels und der Trau- und Taufgelder, wofür er dient.
Jedes Gemeinde-Mitglied zahlt jährlich einen bestimmten Beitrag zur
Kirchenkasse; da aber die oft nicht unbedeutende Summe für Miethe des
Gotteshauses nicht zulangend ist, oder um Gelder zu einem Neubau zu
sammeln, so muß jeder, nicht zur Gemeinde gehörende Kirchenbesucher vor
seinem Eintritt sechs ~Cents~ (2½ Sgr.) entrichten.
Bei aller Religions- und Glaubens-Freiheit sieht es doch der Brodherr
gern, wenn seine Arbeiter mit ihm gleiche Gottesverehrung ausüben,
weshalb mein Neffe unter die Chorsänger einer frommen Gemeinde, welcher
sein Meister huldigte, aufgenommen worden war und Sonntags drei Mal zum
Lobe des Herrn seine Stimme erschallen lassen mußte. Unser Landsmann
R. hatte sich dagegen auf die Seite der Vernunftsgläubigen geneigt und
abwechselnd das Herumtragen des Klingelbeutels mit übernommen.
Diese Sekte, welche zur Zeit den berüchtigten ~Dr.~ Frösch an
der Spitze hatte, welcher keine Grenzen in seinen Religions-Vorträgen
kannte, aber, zum Lobe sey es gesagt, von vielen seiner frühern
Anhänger deshalb verlassen worden war, hatte, wie ich schon berührt,
eine förmliche Umwandlung mit den Grundpfeilern der christlichen
Glaubenslehre vorgenommen, die Bibel und die Auslegung der Evangelisten
nach vernünftigen, den Menschen Heil bringenden, Grundsätzen aus der
Kirche verbannt, und zum Gegenstand seines Vortrags entweder nur
solche Stellen der heiligen Schrift gewählt, welche zu den forschbaren
Wahrheiten gehören, z. B. Untersuchungen der evangelischen Nachrichten
über die Himmelfahrt Jesu, dann die Ungereimtheiten und Widersprüche
in den evangelischen Nachrichten über Jesu, u. s. w., oder weltliche
Begebenheiten, wie: die Kreuzzüge, die Bartholomäus-Nacht, die Jungfrau
von Orleans, zu seinem Zweck bearbeitet, wobei nie unterlassen wurde,
den Staatsbürger, (da der Ausdruck Unterthan ihm zu verhaßt ist) gegen
seine Vorgesetzten aufzuhetzen, und wobei er es hauptsächlich auf
die Europäischen Regenten und die Geistlichkeit abgesehen hatte und
darauf Bezug habende Themata z. B. Wer ist ein wahrer Republikaner?
Grundsätze, nicht Personen sollen den Menschen regieren! zu seinem
Kanzelvortrage machte.
Der Gesang hat ebenfalls der Musik Platz machen müssen, doch erwarte
man keine wie bei uns gebräuchliche altmodische Kirchenmusik, das wäre
wider die Vernunft, wie sie sagen, sondern dem Geist der Gemeinde
angemessene Ouverturen und beliebte Theaterstücke werden aufgeführt und
mitunter auch, wenn der Redner seine Zuhörer überzeugt zu haben glaubt,
daß des Menschen Bestimmung auf dieser Welt nur die sey, sich des
Lebens zu freuen und angenehm zu machen, die heilige Andacht mit einem
Schottischen oder sonstigen Galopp schließt.
Dem denkenden Beobachter bleibt hier die Frage zu beantworten übrig,
was wohl für den Menschen besser sey, vorwärts zu streben nach
unheilbringender Aufklärung, oder rückwärts ins dunkle Pfaffenthum zu
gehen. Ich glaube, daß der Mittelweg, wie er bei uns betreten wird, der
beste ist.
Doch nicht allein der Mann fühlt sich in Amerika berufen, zum
Seelenheil seiner Nebenmenschen beizutragen, sondern auch das schöne
Geschlecht glaubt dazu auserwählt zu seyn, und diese Frommen, welchen
vorzüglich ein gutes Mundwerk nicht abzusprechen ist, erzählen der um
sich versammelten Menge in einer Viertelstunde mehr aus dem Stegreif,
als einem alten Geistlichen möglich ist, in zwei Stunden seiner
Gemeinde vorzutragen.
Besonders amüsirte mich ein Fischerweib, welches an Tagen des Herrn
vom Kahne aus mit heiligem Feuereifer den nahen Untergang der Welt
und die ewige Verdammniß dem sündhaften Menschen verkündigte und ihre
Stimme um so ärger erhob, je weniger Zuhörer sie hatte, um dadurch die
Vorübergehenden zum Stillstand zu bewegen. Während des ewigen Kommens
und Gehens der Menschen, von welchen die Reuigen weinten, die Gottlosen
lachten, rauften und schlugen sich zügellose Buben, doch ohne dadurch
die Prophetin irre zu machen. Als aber beim Apportiren der Hunde ins
Wasser die ausgeworfenen Ballen in den Kahn geschleudert wurden und
die wilden Bestien der Geist nicht abzuhalten vermochte und solche
unter den Beinen der frommen Rednerin herumspionirten, da war es aus
mit der Langmuth Gottes und das Zetergeschrei des Weibes verkündigte
noch in dieser Stunde das Strafgericht des Herrn, weshalb ich mich
zurückzog und ins Tagebuch notirte, was ich so eben gesehen und gehört
hatte.
Fünfundvierzigster Brief.
=Fortsetzung.=
(+Ursache der schnellen Abreise.+)
Im Januar 1841.
Als die Einrichtung des Brennerei-Lokals so weit fertig war, um mit
dem Apparat Proben anstellen zu können, so wurde zum Einmaischen der
verschiedenen Schrotmassen geschritten; da aber die zum Gähren nöthige
Wärme im Brennhaus noch fehlte, auch die zum Anfang verwendete Bierhefe
nicht die beste seyn mochte, so ging die Fermention nur langsam von
Statten und es wurde aus vier- eine fünftägige Maische (Bier), wie man
diese flüssige Masse in Amerika nennt.
Das um einen Tag später reif gewordene Maischgut verlegte die Zeit des
Abdestillirens zufällig auf den Sonntag (18. Oktober 1840), welches
den Amerikanern schon unangenehm war, als ich aber vollends das
Unglück hatte, dabei die Hände zu verbrennen, so erkannte man darin
das Strafgericht Gottes, weil ich den Tag des Herrn entweiht. Doch um
dadurch auch einen weltlichen Gewinnst zu erzielen, so wollte man mir
auf die Zeit der Kur den wöchentlichen Lohn vorenthalten und nur auf
die Drohung, in diesem Fall ~New-York~ zu verlassen und einem Ruf
nach ~Philadelphia~ (welches Letztere jedoch nur eine Nothlüge
war) zu folgen, blieb es beim Alten, da man überzeugt zu seyn schien,
daß der Brenn-Apparat ohne mich nicht behandelt werden könne.
Als nach abgelegter Probe von mir angefragt wurde, ob man nun gesonnen
sey, auf die alleinige Anfertigung solcher Brenn-Apparate ein Patent
zu nehmen, wofür die bedungene Summe ausgezahlt werden müsse, gab
man mir zu verstehen, daß dieses für jetzt nicht der Fall sey, da
~Mr. Benson~ in ~Mr. Sperring~ einen Kompagnon gefunden,
welcher Letzterer auf Rechnung des Erstern das Brennereigeschäft mit
fortzubetreiben beschlossen habe und man den Verdienst in solchem und
nicht durch Verbreitung der Apparate suche. -- An diesen Fall hatte
leider beim Aufsetzen des Kontrakts Niemand gedacht, und so unangenehm
mir solches auch war, so verhielt ich mich doch ruhig, da bei wenig
Arbeit die bestimmte wöchentliche Löhnung alle Sonnabende richtig
erfolgte, wodurch die zurückgelegten Gelder sich schnell mehrten.
Für Branntwein kann man von den niedern Volksklassen in Amerika
Alles erhalten, und besonders sind es die hier sich niedergelassenen
Irländer, welche dem Laster der Trunksucht ergeben sind. Selbst das
Leben wird gewagt, wenn eine Bouteille Branntwein zu verdienen ist, wie
mir ein solch irisches Vieh zeigte, welches meinen, in einen tiefen
Brunnen gefallenen Hut heraufholte und sich deshalb an einem Seil bis
auf die Wasserfläche hinabließ, aber auch nach überstandener Gefahr die
Flasche bis auf den Grund leerte.
Um dem verderblichen Einfluß, den die Säufer auf die Sitten des Volks
ausüben, und eine Menge von Lastern, Verbrechen und Elend aller
Art erzeugen, Einhalt zu thun, so errichtete man in Amerika die
Mäßigkeits-Vereine, worüber in Europa so viel geschrieben, und deren
Sieg über das größte Laster eines Volks, als vollkommen gelungen,
dargestellt wurde. Leider ist dieses nicht überall in dem Grade,
wie man glauben zu machen sucht, geglückt, da man in den meisten
Staaten die Mäßigkeits-Vereine nur noch dem Namen nach kennt, und
Alles seinen alten Gang fortgeht. Die Gründer derselben mußten nur
zu bald die Erfahrung machen, daß sich ein so tief gewurzeltes
Laster, welches mit dem Verdienste einer großen Anzahl mit geistigen
Getränken Handeltreibender so innig verwebt war, sich nicht so leicht
ausrotten lasse, als man von vornherein geglaubt hatte. -- Im Staate
~Pennsylvanien~ sind noch die meisten Spuren von gänzlicher
Enthaltsamkeit des Genusses geistiger Getränke vorhanden und stets ist
man dort bemüht, der Trunksucht Einhalt zu thun, demohngeachtet wird
aber in diesem Lande noch sehr viel Branntwein verbraucht und fabrizirt.
Mitte November wurden mir von dem Fabrikherrn schriftlich mehrere
Fragen vorgelegt, welche auf das Brennerei- und Destillateur-Geschäft
und die Behandlung des Apparats Bezug hatten und worüber er eine genaue
Definition verlangte, welche ebenfalls schriftlich von mir abgegeben
werden sollte. -- Dieses gab Veranlassung, von meiner Seite dabei
die Bedingung zu stellen, daß mein wöchentlich festgesetzter Lohn
bis Ostern k. J. fortbestehen müsse, gleich, ob ich in der Brennerei
oder in der Kupfer-Fabrik beschäftigt würde, und bei meinem Abgang zu
Ostern, wenn ich nicht länger zu bleiben beabsichtigen sollte, mir dann
noch die Summe von 500 Dollars ausgezahlt werde.
Der Vorschlag wurde angenommen, von einem Sachkenner in zwei
gleichlautenden Exemplaren alle Bedingungen festgestellt und von beiden
Theilen mit den nöthigen Zeugen, wozu ich unsern Landsmann Herrn Ratz
erwählt hatte, unterzeichnet. -- Von dem Grundsatz des Amerikaners
ausgehend, daß man jeden Menschen so lange für einen Schurken halten
müsse, bis man von seiner Rechtlichkeit überzeugt sey (welches
freilich mit der Ansicht des +biedern+ Deutschen im Gegensatz
steht), erläuterte ich zwar alle gestellte Fragen durch Zeichnung
und schriftliche Erklärung so, daß man vollkommen damit zufrieden
gestellt zu seyn schien, behielt aber die Hauptsache, hinsichtlich der
Behandlung des Apparats, noch zurück, um mich in der Brennerei weniger
entbehrlich zu machen, besonders da man beabsichtigte, aus Melasse Rum
zu fabriziren, welche Prozedur mir selbst noch nicht genau bekannt, und
man deshalb einen Franzosen zugezogen hatte, nach dessen Angabe das
dazu Nöthige in dem Brennereigebäude hergerichtet wurde.
Während dieser Zeit wurden von mir die Pumpen gefertigt und das sonst
weiter Nöthige in der Brennerei besorgt. Doch mehr und mehr suchte
man mich jetzt zu chicaniren, da man glauben mochte, nun im Besitz
aller Geheimnisse zu seyn, und mich, dem sie mehr als einem andern
Arbeiter an meiner Stelle zahlen mußten, auf diese Weise zum Abgang
zu veranlassen. Ich ersuchte daher, als die Sache zu toll wurde, am
8. Januar einen Landsmann, welcher der englischen Sprache vollkommen
mächtig war, den Dolmetscher zu machen, und sich zu erkundigen wo ich
gefehlt, und was sie wollten, da ich mir selbst keiner Schuld bewußt
sey. Im Laufe des Gesprächs wurde mein Vertreter hitzig und stieß
einige beleidigende Worte aus, worauf der Gegner die Thüre öffnete und
Miene machte, ihn hinaus zu werfen. Ich, der bis jetzt den ruhigen
Zuschauer abgegeben, sprang dazwischen, und während der Karambolage
setzte es Blut, da ein unglücklicher Faustschlag den Gegner verwundet
hatte.
Von mehreren Seiten wurde mir gerathen, weder die Brennerei, noch die
Kupfer-Fabrik wieder zu betreten, weil das Schlimmste zu befürchten
stehe, weshalb ich beschloß, Amerika unverzüglich zu verlassen, wenn
die bedungenen 500 Dollars ausgezahlt wären, da liebe Briefe aus der
Heimath die Sehnsucht nach der Familie mehrten und ich das Leben im
gelobten Lande bis zum Ueberdruß satt hatte.
Um zu dem Gelde zu gelangen, war der Kontrakt von Nöthen und vom
Sachwalter erfuhr ich jetzt, daß er das Original mit der deutschen
Uebersetzung Herrn Ratz mit der Bitte zugestellt, mir Beides, wenn
ich ihn besuchen würde, zu übergeben. Doch, wer stellt sich meinen
Schreck vor, als ich von Letzterem erfuhr, daß durch ein unglückliches
Verhängniß das Dokument vernichtet und solches nur noch theilweise
vorhanden sey, da sein kleiner Sohn während seiner Abwesenheit mit
dem Wasserglase diese Schreiben benetzt und, aus Furcht vor Strafe,
dieselben auf dem Windofen zu trocknen versucht, sie leider aber über
dem Spielen vergessen und so verbrannt habe.
Der Rechtsweg blieb zwar zu betreten übrig, da die Zeugen noch
vorhanden waren; doch wie konnte ich, den das böse Geschick überall
verfolgte, einen Streit wagen, welchen durchzuführen mir die Mittel
fehlten, da die Herren Advokaten hier vor Allem das ~Liquidiren~
am besten verstehen und wobei meine zurückgelegten Gelder riskirt
werden mußten, ja nicht ausgereicht haben würden, wenn die Sache in
die Länge gezogen und ich den Ausgang unbeschäftigt hätte abwarten
müssen. Froh war ich daher, daß ich durch Sparsamkeit mir wenigstens
ein hübsches Sümmchen erworben und die Rückreise über England und
Frankreich unternehmen konnte.
Jetzt, da ich fest entschlossen war, Amerika Valet zu sagen, hätte
mich nichts in der Welt länger hier zurückhalten können. Hoch
schlug das Herz und nur eines Gedankens, an Weib und Kinder, war ich
mächtig. Schnell, als sey Etwas versäumt, wurde Alles geordnet, meine
Sachen durch die gefällige Vermittelung des Herrn Ludekus den geraden
Weg über Hamburg, den Meinen zugeschickt und mit dem Paquetschiff
~Montreal~, welches den Abgang nach London schon auf den 10.
Januar angesetzt hatte, akkordirt und, ohne Kost im Zwischendeck zu
reisen, funfzehn Dollars gezahlt.
Außer einigen Leckereien, welche mir von der Gattin des Herrn Wallrabe
bei Abholung meiner daselbst deponirten Gelder gefälligst gereicht
wurden, war nur noch Brod, Schinken, Käse und eine Flasche Rum zur
Seereise angeschafft; Thee und Kaffee sollte gegen ein ~Douçeur~
der Schiffskoch mir gewähren.
Die Anzahl der Deckpassagiere war wegen ungünstiger Jahreszeit
gering, und außer mir nur noch drei männliche und eine Frauens-Person
vereinigt, um im Zwischendeck einen Raum zu beziehen, welcher wohl zum
Liegen groß genug, da vier Logen leer waren, außerdem aber nur noch
höchstens sechs Q. Fuß Platz enthielt, wo die Kisten der Reisenden
standen, die das Promeniren unmöglich machten. War auch die Wohnung
gesund, da sie nicht von einer großen Anzahl Passagiere verpestet
wurde, so gewährte doch der enge Raum keinen bequemen Aufenthalt im
Innern des Schiffes und versprach demnach bei der kalten Jahreszeit,
welche das Verweilen auf dem Deck nicht wohl gestattete, auch nicht
die angenehmste Fahrt. Aber hätte man mich auch in einen Sarg
gebettet, gern hätte ich es mir gefallen lassen, da der Gedanke, die
Meinen nun bald wieder zu umarmen, alles Andere vergessen ließ. Um so
unwillkommener war daher die Nachricht, daß die Abreise verschoben
sey, und erst den 16ten d. angetreten werde, welches abermals bewies,
wie wenig man in Amerika dem gegebenen Worte trauen kann, da bei
bezahlter Passage die Versicherung gegeben wurde, daß ein Paquetboot
unwiderruflich, wenn solches nicht widrige Winde unmöglich machten, die
bestimmte Zeit einhalten müßte.
Am Morgen des 16ten verließ ich den Amerikanischen Boden, um ihn nicht
wieder zu betreten, und war deshalb glücklicher als Tausende meiner
Landsleute, welche wider Willen lebenslänglich hier festgehalten wurden.
Die Kälte hatte nachgelassen, der Schnee aber sich in einem so dicken
Nebel verwandelt, daß es unmöglich war, ohne Gefahr von der Stelle zu
kommen, wodurch abermals die Abreise verschoben werden mußte. Am 17.
des Mittags wurde die Luft freier und der Wind blies zu unsern Gunsten,
weshalb man ernstliche Anstalten zum Abgange machte. Vom Verdeck aus
sah ich nochmals ~New-York~ an mir vorübergehen und mannichfaltige
Gefühle wurden in mir rege bei dem Gedanken, was ich während des kurzen
Aufenthalts in der neuen Welt Alles erlebt, und solches den bunten
Bildern meiner Jugendzeit anreihte, wo ich die mannichfaltigsten
Situationen durchgemacht; wie ein Traum kam mir Alles vor, als ich aufs
Lager gestreckt, nichts mehr von Amerika, nichts von der Wassermasse
sah, auf welcher ich jetzt der alten Welt wieder zusegelte. Nur die
gesammelten Erfahrungen blieben zurück, und der ausgestreute Saame wird
mir, da die Witterung wohlthätig mit einwirkt, die gewünschten Früchte
tragen und einen neuen Wirkungskreis zu betreten, die Veranlassung
geben.
Sechsundvierzigster Brief.
Seereise nach London.
Im Februar 1841.
Im Zwischendeck wurde von mir allein eine der untern Schlafstellen
bezogen und das Arrangement so getroffen, daß im Lager auch der
Koffer und die übrigen Viktualien untergebracht wurden, wodurch die
zur Seereise angeschafften hartgebackenen Brode, mit welchen ich mich
gehörig versorgt, eine Schanze bildeten, durch welche der große Käse
wie eine Bombe hervorschaute, und den genügsamen, an frugale Kost
gewöhnten Deutschen vor Hunger schützte.
~Vis-a-vis~ war die junge Amerikanerin gebettet, deren Reize dem
neugierigen Blick ein zum Vorhang benutztes Tafeltuch entzog, hinter
welchem die Schöne wie in einem Himmelbette ruhte. Durch unsere Lage,
nur von einem niedrigen Bret getrennt, konnte ich jedes Ach und O,
welches der beängstigten Brust entschlüpfte, deutlich vernehmen, und
die Seufzer, wie das ängstliche Wimmern harmonirten trefflich mit
einander, wenn das wüthende Element das Leben in Gefahr brachte. Nur
wenn bei Sturmeswuth die Seekrankheit den Körper erschlafft hatte, und
solchem Erquickung Noth that, dann öffnete meine Hand den neidischen
Schleier und theilte mitleidig von dem Eingemachten, welches die
Gemahlin des Herrn Wallrabe mir verehrt, weshalb dieses Geschenk mir
jetzt um so trefflicher zu Statten kam, da meine Leidensgefährtin mit
dem Schiffskoche einen Privat-Kontrakt geschlossen, durch welchem sie
und ihr Mann mit Zucker, Thee und Kaffee versorgt wurden, und man diese
Genüsse als Recompense jedes Mal brüderlich mit dem alten ~German~
(wie sie mich nannten), theilten. Darüber neidisch, suchten die über
mir liegenden zwei Passagiere den über seiner Frau placirten Ehemann
eifersüchtig zu machen, was ihn aber nicht aus seiner Contenance zu
bringen vermochte, da er unbedingt und mit Recht dem Weibe Vertrauen zu
schenken Ursache zu haben glaubte, welche ihm zu Liebe das Vaterland
verlassen und mit nach England überzusiedeln sich entschlossen hatte.
Die ersten Paar Tage blies der Wind ziemlich günstig, so daß das Schiff
schnell aber ruhig seinen Lauf verfolgte, dann aber wuchs seine Gewalt
mit jedem Tage, doch meist zu unsern Gunsten, da er aus Norden kommend,
das Fahrzeug wie ein Pfeil vor sich her trieb; daß wir dabei nicht
immer auf die angenehmste Art gewiegt wurden, läßt sich denken. Doch
zu viel habe ich schon über dergleichen Begebenheiten gesagt, als daß
ich nochmals alles das Fürchterliche, was ein Seesturm im Gefolge hat,
dem geehrten Leser auftischen sollte. Es ist und bleibt immer dasselbe,
und wohl dem Menschen, welcher im sichern Hafen nicht die Beschwernisse
einer solchen Reise durchzumachen hat, sondern nur das, was Andern
begegnete, erzählen hört.
Die Kälte war äußerst empfindlich, so daß selbst bei ruhiger See
es Keinem der Passagiere auf dem Deck behagen wollte, und wir nur
nothgedrungen den untern Raum und die Schlafstellen verließen.
Dabei war es vor Allem das Lager, welches mir das Ende der Seereise
wünschenswerth machte, indem ich aus Mangel an Stroh, auf Anrathen in
~New-York~ den Leinwandsack mit Hobelspähnen hatte ausstopfen
lassen, wobei jedoch der schurkische Tischlerlehrling, vielleicht auch
nur aus Mißverständniß, da solche Spähne häufig zum Brennen benutzt
werden, mir trotz des mitgeschickten Trinkgeldes den Sack reichlich
mit Bret- und Stollen-Abschnitten gefüttert hatte, worauf ich, wie
auf einen Steinhaufen gebettet, zu liegen verdammt war. Dabei wurde
die Langweile, welche durch nichts unterbrochen ward, für mich umso
empfindlicher, da ich auf der Reise gern spreche, und von Anderen
erzählen höre, sich aber nicht ein einziges Individuum auf dem
Schiffe befand, welches ein Wort Deutsch verstand, und ich deshalb
nur unvollkommen über das Allgewöhnliche im Leben die Gedanken in
englischer Sprache austauschen konnte. Zum Glück war ich reichlich mit
amerikanisch-deutschen Zeitschriften versehen, woraus ich während der
Fahrt immer besser das Gute, so wie das Böse der neuen Welt kennen
lernte, und mitunter höchst interessante Aufsätze fand, von welchen
ich einen, der die Ueberschrift führte: „Das weibliche Geschlecht in
Amerika“, welches Thema noch zu wenig in meinen Briefen berührt worden
ist, hier mittheilen will:
„Vom zartesten Alter an widmet sich der Amerikaner den Geschäften, denn
kaum kann er lesen und schreiben, so wird er Kaufmann. Der erste Klang,
der zu seinen Ohren dringt, ist der des Geldes. Die erste Stimme, die
er vernimmt, ist die des Interesses. Mit der Geburt schon athmet er
gewissermaßen eine industrieelle Luft ein. Die ersten Eindrücke, die
er empfängt, überzeugen ihn, daß das Geschäftsleben das einzige sey,
welches für ihn paßt.
„Ganz anders gestaltet sich das Loos des Mädchens aus gebildeten
Familien; seine moralische Erziehung währt bis zu dem Tage, an welchem
es sich verheirathet. Es erwirbt sich Kenntnisse in der Literatur
und Geschichte; im Allgemeinen erlernt es eine fremde Sprache, meist
französisch, und versteht etwas von Musik.
„Diese so unähnlichen jungen Leute beider Geschlechter vereinigen
dereinst sich durch eine Heirath. Der Mann folgt dem Laufe seiner
Gewohnheiten und bringt seine Zeit entweder auf der Börse oder in
seinem Magazine zu. Die Frau, welche von dem Tage ihrer Vermählung an
vereinzelt dasteht, vergleicht das reelle Leben, welches ihr zu Theil
wird, mit der Existenz, von der sie träumte und da von dieser neuen
Welt, welche sich ihr öffnet, nichts zu ihrem Herzen spricht, so nährt
sie sich von Luftbildern und lies’t Romane. Es lächelt ihr wenig Glück,
sie wird fromm, und lies’t Predigten. Hat sie Kinder, so lebt sie unter
diesen, pflegt und liebkoset sie. Auf solche Weise fließen ihre Tage
dahin.
„Am Abend kommt ihr Mann nach Hause; er ist sorgenvoll, unruhig, von
Anstrengungen erschöpft und träumt von Spekulationen des folgenden
Tages. Er setzt sich zum Essen und giebt kein Wort von sich; die Frau
weiß nichts von den Geschäften, welche seine Seele ausfüllen, und so
kommt es denn, daß sie selbst in Gegenwart des Mannes noch vereinzelt
dasteht.
„Der Anblick seines Weibes, seiner Kinder, vermag den Amerikaner nicht
der Geschäftswelt zu entreißen, und so selten giebt er denselben ein
Zeichen seiner Liebe und seiner Zärtlichkeit, daß man demjenigen
Familienvater, wo dieses mitunter vorkommt, und der Mann seine Frau
und Kinder bei der Heimkehr umarmt, den Spottnamen: „küssende Familie“
beilegt.
“In den Augen des Mannes ist die Frau keine Gefährtin, sondern eine
Handelsgenossin, die das von ihm durch den Handel oder sonstige
Spekulationen gewonnene Geld für seine Wohlfahrt theilweis wieder
ausgiebt.
„Aus der sitzenden und zurückgezogenen Lebensweise der amerikanischen
Frauen, und aus den klimatischen Verhältnissen erklärt sich die
Schwäche ihres Geschlechts; sie verlassen das Haus selten oder nie,
machen sich keine Leibesbewegung, leben von leichter Nahrung und haben
meist viele Kinder. Es darf daher nicht verwundern, wenn sie vor der
Zeit altern und jung sterben.“
„Solche Gegensätze bildet das Leben beider Geschlechter in der
vornehmen reichen Volksklasse; das der Männer ist bewegt, das der
Weiber, traurig und eintönig. Gleichförmig verfließt es bis zu dem
Tage, wo der Mann seiner Frau ankündigt, daß er bankerott gemacht
habe. Dann wird aufgebrochen, und dieselbe Existenz anderswo aufs Neue
begonnen.“
Die Lebensweise der amerikanischen Frauen aus den Mittelständen hat
Vieles gemein mit dem Leben der vornehmen Volksklassen, doch schließt
es sich schon mehr den deutschen Sitten an; dabei unterlassen sie aber
nicht, öfters ihre Ueberlegenheit, wozu sie das Gesetz erhebt und
beschützt, den armen Männern fühlbar zu machen.
Bei Führung der Haushaltung suchen die Frauen möglichst wenig Arbeit
selbst zu übernehmen, und wenn die Domestiken fehlen, so muß die liebe
Ehehälfte, der gute Mann, außer den sonstigen häuslichen Verrichtungen,
auch noch für die Herbeischaffung der nöthigen Lebensmittel sorgen. Im
niedrigsten Stande sucht die Frau, gleich wie bei uns, mit ihrer Hände
Arbeit Geld zu verdienen, um es dann wieder in Gemeinschaft des Mannes
zu vertrinken.
In ihrer Jugend sind die amerikanischen Frauenzimmer meist sehr
hübsch, aber mit dem Kindbette verlieren sie ihre Schönheit, und
mit zunehmender Familie schwindet ihr blühendes Aussehen ganz. Die
Zähne fangen an schlecht zu werden, und mit wenig Ausnahme sind im
dreißigsten Jahre keine Spuren der frühern Reize mehr vorhanden.
Bei der Verehelichung der Geschlechter findet nicht, wie es bei uns
Sitte ist, ein kirchliches Aufgebot oder eine sonst gerichtliche
Bekanntmachung des Vorhabens Statt, sondern der Pfarrer vollzieht, wenn
die Gebühren entrichtet worden sind, die Trauung zu jeder Zeit und an
jedem beliebigen Orte, ohne weiter danach zu fragen, ob die Verbindung
mit oder ohne Einwilligung der Eltern geschieht, oder ob sonst Jemand
Etwas dagegen einzuwenden hat. Daher kommt es auch, daß in Amerika
Viel-Weiberei nichts Ungewöhnliches ist und Fälle vorgekommen sind, daß
dem Gesetze zum Hohne, welches solches verbietet, Männer sich sechs und
mehr Weiber haben antrauen lassen. In wilder Ehe leben Tausende von
Menschen, und nach der neuen Vernunftslehre paßt es gar nicht mehr in
jetzige Zeit, bei Vereinigung der Geschlechter einen Geistlichen oder
sonst eine weltliche Macht zuzuziehen.
Viele der neugebornen Kinder bleiben nach solchen Grundsätzen
ungetauft, und die Eltern legen ihnen selbst einen beliebigen Namen
bei, weshalb auch keine Kirchenbücher zum Einzeichnen des Tages der
Geburt und des Namens vorhanden sind.
Weder über die Geburten, noch über die Sterbefälle werden authentische
Register geführt, wodurch die bürgerlichen Rechte, welche aus der
Geburt und der Ehe erwachsen, sehr gefährdet werden, und je älter
das junge Amerika wird, um so nachtheiliger muß dieses Verfahren für
die Geschlechter sich herausstellen, und Anlaß zu einer Unzahl der
verwickeltsten Prozesse abgeben.
Während der Zeit von drei Wochen, wo man auf dem Schiffe nichts weiter
zu thun hat, ward alles bei mir habende Gedruckte gelesen, und jetzt
die Zuflucht zu den vielen mir anvertrauten, unversiegelten Briefen
genommen, welche ich entweder persönlich überbringen, oder, von mir auf
dem Kontinent mit Kouverts versehen, der Post zur weitern Besorgung
übergeben sollte.
Weit entfernt, die brieflichen Geheimnisse verrathen zu wollen, so
halte ich es doch für räthlich, über diese Schreiben nur so viel zu
sagen, daß in manchen, aber leider nur in den wenigsten, die wahren
Verhältnisse der Abwesenden geschildert waren und dem gegebenen
Versprechen gemäß ohne falsche Schaam über das betroffene Loos
treulich berichteten, um vor ähnlichem Schritte zu warnen. Andere
dagegen standen im grellsten Widerspruche mit dem Leben und Wirken der
Schreiber, welche sich brüsteten, täglich so und so viel zu verdienen,
und dabei verschwiegen, daß sie Monate lang unbeschäftigt, nicht mit
dem auskommen konnten, was während der Arbeitszeit übrig geblieben war,
und auf bessere Zeiten los, Schulden machen mußten. Mitunter ist es
auch wahr, daß der tägliche Lohn zur Zeit der Absendung des Briefes die
in Letzterem angegebene Höhe erreicht hat, es fragt sich aber, ob der
Verdienst auch von Dauer ist, in welchem Falle sich der Handarbeiter
in Amerika bei Selbstbeherrschung schnell eine hübsche Summe ersparen
kann, welches ihnen bei uns nach den Statt findenden Arbeitslöhnen in
der Hälfte seines Lebens nicht möglich seyn würde. So aber ist in der
Regel hier alle Arbeit nur momentan, da der amerikanische Fabrikherr
nicht nach deutscher Manier, eine Bestellung nach der andern in Arbeit
giebt, und so fortwährend eine bestimmte Anzahl angelernter Arbeiter
beschäftigt, sondern zu gleicher Zeit alle Aufträge vornehmen läßt,
wozu ihnen die zweckmäßigen Maschinen die Möglichkeit verschaffen,
auch dabei Gehülfen mit anstellt, welche das Geschäft eigentlich nicht
erlernt haben, und es demnach nur einiger guter Vormänner bedarf,
welche die Aufsicht führen. Wie nun die neu eingehenden Bestellungen
nachlassen, und die Arbeiten schnell gefördert werden, so vermindert
sich auch die Zahl der Arbeiter oft bis auf die wenigen Vormänner,
und die fleißigsten Hände erwarten dann mit Ungeduld die Zeit, wo
sie von Neuem Beschäftigung und Verdienst erhalten. Daher darf man
nicht fragen: Was verdient ein Arbeiter in Amerika den Tag? Sondern:
Was bleibt übrig, wenn das Jahr um ist? und das ~Facit~ ist
in der Regel, wie bei uns, Nichts! Dabei lebt man aber in unserm
Vaterlande in einer heilbringenden, geregelten Freiheit, welche der
Gerechtigkeitsliebende aus jedem Stande, der das Gute nur erkennen
will, überall, wenn auch zu Zeiten umwölkt, auffinden kann. Jedem
Menschen es recht zu machen, vermag kein Gott, noch weniger eine
Behörde. Wo sind aber in Amerika die Staaten, in denen für Alle, arm
oder reich, gleiche Rechte wie bei uns, zu finden sind? Und dennoch
lassen Viele sich bethören, verlassen, um der Freiheit willen, ihr
liebes Vaterland, und übergeben sich der Gnade und Abhängigkeit der
reichern amerikanischen Volksklassen.
Einige meldeten, daß sie in Amerika mehr Fleisch äßen, als sie in
Deutschland gesehn hätten, und vor Allem Kalbs-, Rinds- und andere
Köpfe, von welchen der Amerikaner keinen Gebrauch mache, um einen
Spottpreis kaufen könnten; desgleichen wären auch Knochen mit noch
vielem Fleischanhang beinah um nichts zu haben.
Wie ich schon erwähnt habe, ist der Amerikaner kein Freund von Suppen
und legt daher um so weniger Werth auf Knochen, mit welchen wir in
Deutschland von unsern Fleischern als Zulage leider nur zu reichlich
versehen werden. Aus diesem Grunde wird in Amerika alles Fleisch ohne
Knochen und Letztere werden nur auf besonderes Verlangen gegen einen
sehr billigen Preis, verabreicht. Hinter den Fleischerscharren befindet
sich eine förmliche Wagenburg, auf welcher man die ausgeschälten
Knochen sehr unappetitlich den Tag über aufbewahrt, bis sie Abends an
Fabrikanten zum Seifekochen etc. ihrer weitern Bestimmung zugeführt
werden. Schreibt nun mitunter ein Deutscher aus einer großen Stadt in
Amerika, (auf dem Lande ist dieses etwas anders) daß er mehr Fleisch
äße, als er in Deutschland zeither gegessen habe, so ist er, bezüglich
dieser Delikatesse, wie man aus Vorstehendem ersieht, nicht immer zu
beneiden.
Wurst- oder Kesselsuppe kennt der Amerikaner ebenfalls nicht, da er
es für Sünde hält, den Schweiß vom Schweine aufzufangen und Blutwurst
davon zu machen. Nur von eingewanderten Fleischern wird gegen des
Landes Sitte Wurst gemacht.
Ein Schuhmacher zeigte an, daß er mit den Seinigen bei jedem Mahle
verschiedene Gerichte verzehre, die ihm äußerst billig zu stehen kämen;
er ließ aber weislich die nähere Definition weg, daß nämlich seine Frau
aus den Speisehäusern die Ueberbleibsel der Mahlzeiten zusammentrage,
welches buntschäckige Gemenge nicht immer das appetitlichste war.
Ein Bäcker berichtete unter andern, über das ihm in Amerika betroffene
Mißgeschick, mit folgenden Worten: „Ich miethete mich bei meiner
Ankunft in ~New-York~ bei einem Schneider ein, mit der Bedingung,
in seinem Hause einen Backofen und das sonst Nöthige zum Geschäft
aufbauen zu dürfen. Zu meiner Freude sah ich täglich die Kundschaft
sich mehren, zahlte pünktlich alle Monate im Voraus, wie der Kontrakt
besagte, die Rente, ohne mich weiter um etwas zu bekümmern.
Da ich die Quittungen vorsichtig aufbewahrte, so war ich ruhig ½ Jahr
im Besitz des Quartiers, als eines Morgens ein stattlicher Herr nach
dem Aufenthalte meines vermeintlichen Hauswirths frug, bei welchem,
wie ich vermuthete, ein neuer Anzug bestellt werden sollte, wurde aber
statt dessen in Kenntniß gesetzt, da wir die Thür zu dessen Stube
verschlossen fanden, daß der Schneider, als Miethsmann vom ganzen
Hause, auf ein halbes Jahr die Rente schulde und sich deshalb, wie es
schien, auf und davon gemacht habe. Daß für mich, welcher Quittung über
richtig geleistete Zahlung von dem, bei welchen ich eingemiethet, in
den Händen hatte, Nachtheil daraus entstehen könne, kam mir nicht in
den Sinn; um so unerwarteter war daher der Bescheid, daß ich, den man
im Hause gefunden, auch für den entlaufenen Miethsmann mit einstehen
müsse, und die Bescheinigung vom fälschlichen Hausbesitzer über
gezahlte Rente ohne Unterschrift des wahren Hauseigners ungültig sey,
und ich mich deshalb besser hätte erkundigen sollen.
Der Bau des Backofens, wie die übrige Einrichtung, hatte mein
mitgebrachtes Geld verschlungen, und bei weniger Kundschaft und
gezahlter Miethe an den verteufelten Schneider, war nichts weiter, als
eine bessere Zukunft übrig geblieben, welcher ich froh entgegenging.
Jetzt aber, da ich unvermögend war, die geforderte Summe zu erlegen,
und bei der Vorstellung, daß ich als Fremder unmöglich die Gesetze
kennen könne, und es auch schicklicher gewesen sey, mich früher aus
dem Irrthume zu reißen, mußte ich froh seyn, mit Zurücklassung der
Backgeräthschaften meine Freiheit zu erhalten, und als armer Geselle
das weitere Fortkommen zu suchen.“
Hier hat der Gesetzgeber, von der Ansicht bestimmt, daß ein Miethsmann
den andern besser beaufsichtigen könne, als es dem Besitzer mehrerer
Häuser möglich sey, für den Reichen trefflich gesorgt, und den armen
Miethsmann, welcher seinen Geschäften nachgehen muß, der Gefahr
ausgesetzt, daß der Hausvoigt, im Einverständniß mit dem Hausbesitzer,
sich mit dem einkassirten Gelde entfernt, und so die Zurückgebliebenen
in den Fall kommen können, doppelt auszahlen zu müssen.
Ein anderer Bäcker berichtete, wie einer seiner amerikanischen
Kollegen mit dem Vorgeben, Familien-Verhältnissen halber nach einem
andern Staat zu ziehen, seine Kundschaft, wohin er das Brod fahre,
ausgeboten, und an ihn für einige hundert Dollars verkauft habe. Nach
empfangener Zahlung hätte aber der Schurke seinen Entschluß geändert,
ein anderes Haus bezogen, einen Backofen gebaut, und jetzt wie früher
das Backgeschäft fortbetrieben und ihn so um das sauer ersparte Gut
geprellt. „Herrliche Freiheit!“
Dann beliebte es wieder einem unserer Landsleute, den Seinen brieflich
zu erzählen, wie er in Freistunden und des Sonntags auf der Jagd
sich erlustire, immer in Freude und Herrlichkeit lebe, und die Kinder
der schönsten Zukunft entgegen gingen, obgleich in der Gegend, wo
der Erzähler wohnte, nicht ein Schwanz mehr zu schießen war und
nur das Nothdürftigste erworben wurde, die Kinder ohne Schule wild
heranwuchsen, weshalb sie um die schöne Zukunft wahrlich nicht zu
beneiden sind.
Alle Briefe zu besorgen, hielt ich für Pflicht, da ich mich einmal dem
Geschäfte unterzogen und sonst keine Verantwortung übernommen hatte,
gleich, ob der Inhalt wahr, oder erlogen sey. Nur einer wurde von mir
vernichtet, da durch solchen ein armes Weib hintergangen und betrogen
war, und es mir besser schien, diesem bedauernswürdigen Geschöpfe keine
Kunde vom Mann zukommen zu lassen, als in dem betrogenen Mutterherzen
falsche Hoffnungen zu erregen. Der Absender dieses Schreibens,
welcher sich in Amerika für ledig ausgab, und wie Alle, die mit ihm
zusammenwohnten, auch nicht anders glaubten, feierte einige Tage
vor meiner Abreise die Verlobung mit der Wittwe eines erst kürzlich
verstorbenen Amerikaners, welcher einen Trinkstoor besessen, weshalb,
um dieses Geschäft nicht eingehen zu lassen, die Frau schnell wieder
einen Mann zu erhalten suchte. Erst auf dem Meer, nach Lesung des mir
übergebenen Briefes, wurde die Maske dieses leichtsinnigen Menschen
gelichtet, welcher im Vaterlande Frau und Kinder im Stiche gelassen,
und in Amerika ein Weib betrog.
Die abgeschmacktesten Lügen, wie die Angabe von abgeschicktem, aber
wie zu befürchten stehe, nicht angekommenen Gelde, um welches er nun
gekommen, dann die Unmöglichkeit, da er krank sey, die Familie jetzt
nachkommen zu lassen und dieses bis auf bessere Zeiten verschoben
werden müsse und dergleichen Geschichtchen mehr, enthielt der Brief.
Durch solche Fälle aufmerksam gemacht, kann es einer Behörde, oder dem
Vorstand einer Gemeinde nicht verargt werden, wenn sie dem ohne Frau
und Kinder zur Auswanderung entschlossenen Mann Hindernisse in den
Weg legen, da selten die gemachten Pläne der Letztern in Amerika sich
realisiren, und dadurch selbst mancher brave Familienvater wider Willen
von den Seinen getrennt leben muß, und dann ist es leicht möglich, daß
die Zurückgelassenen der Verpflegung der betreffenden Gemeinde anheim
fallen.
Schon gaben wir uns der Hoffnung hin, daß das Ziel der Reise ohne
einen besondern Unglücksfall bald erreicht sey, und waren so an das
gewaltsame Anschlagen der Meereswogen, wie an das unsanfte Auf- und
Absteigen des Schiffes, gewöhnt worden, daß wir, gleich den Matrosen,
wenig Gewicht mehr auf die Ankündigung von Sturm legten, da diese Kunde
häufig zu unsern Ohren drang.
Nach der Wärme zu schließen, mußten wir die letzte Zeit der Fahrt
weit südlich schiffen, weshalb wir bei ruhiger See den Tag über auf
dem Deck zuzubringen suchten, um durch die scharfe Seeluft ermattet,
die Nacht besser zu ruhen. So lag ich einst in süßen Träumen des
ersten Schlummers, als der ungewöhnliche Lärm der Matrosen, während
des Beilegens der Segel und der mit der Leuchte zu uns herabsteigende
Zimmermann, welcher Werkzeug holen wollte, die Kunde gab, daß ein
Unwetter im Anzuge sey, weshalb der Kapitän, bei der Nähe des Landes,
zeitig alle Vorkehrungen treffen wolle.
So willkommen uns die letzte Nachricht zu einer andern Zeit gewesen
wäre, so stand jetzt zu befürchten, während der Nacht an die Küste
getrieben, noch Schiffbruch zu erleiden; doch dieser Gedanke, so
schrecklich er war, wurde bald von dem Geheul und Lärmen der Wellen,
dem Pfeifen des Windes durch die Segel, wie von den Jammertönen unserer
Leidensgefährtin, verscheucht, welche gleich mir schrecklich von der
Seekrankheit geplagt wurde. Jedes von uns suchte sich so gut als
möglich während der dunkeln Nacht im Lager festzuklammern, da die
Gefahr, herausgeworfen zu werden, mit jeder Viertelstunde zunahm, und
die gewaltsam anschlagenden Wassermassen das Fahrzeug in allen seinen
Fugen zu zerreißen drohten, welches Geprassel die Ladung des Schiffes
noch vermehrte, von welcher die obersten Mehlfässer aus nicht vollen
Reihen knarrend sich gegen die Rippen des Schiffes andrückten, und bei
jeder veränderten Stellung des Fahrzeugs hin und her rollten, sich
aneinander rieben und ein recht widriges Getöse verursachten.
Wie einem Jeden von uns zu Muthe war, gaben die Klagetöne zu erkennen.
Als aber während dieser Katastrophe die verschlossene Luke über der
Treppenstiege geöffnet wurde, und mit den sofort hereinschlagenden
Wellen die Schreckensworte herabtönten: „auf Befehl des Kapitäns,
unsern Aufenthalt schnell zu verlassen und in der Kajüte das Weitere
abzuwarten“, glaubten wir sicher, in den Wellen begraben zu werden. So
schnell als es die erschöpften Kräfte bei dem Schwanken des Fahrzeugs
erlaubten, welches taumelnd jeden Augenblick bald rechts, bald links
schräg auf den Meereswogen lag, raffte sich ein Jeder auf, um durch
die aufschlagenden Wassermassen, dem Schiff entlang, auf allen Vieren
kriechend, da ein Aufrechtgehen unmöglich war, die Kajüte zu erreichen.
Ohne selbst recht zu wissen, was geschehen sey, da der in englischer
Sprache gegebene Befehl bei dem Getöse nur wenig verständlich war,
hatte ich glücklich bei dunkler Nacht das Verdeck erreicht, um
mechanisch den Andern zu folgen, wurde aber sogleich durch eine
aufschlagende Welle übergossen, welches mich bestimmte, wieder
hinabzusteigen, da ich noch bei der Gefahr, zu ertrinken, durch
Erfahrung an Erkältung dachte und die wollene Decke nachzuholen
beabsichtigte, wobei ich leider, während der Fuß unsicher nach der
nächstfolgenden Stufe suchte, die noch zurückseyende und vom Manne
verlassene Amerikanerin vor die Brust trat, wodurch dieselbe mit einem
Schrei hinabstürzte und bewußtlos am Boden zwischen den Koffern liegen
blieb.
Wie war es jetzt möglich, da ich selbst, ohne mich fest anzuhalten,
nicht stehen konnte, dieses durch den unglücklichen Tritt an der Flucht
gehinderte, bedauernswürdige Geschöpf mit fortzubringen? Sie ihrem
Geschick zu überlassen, wäre unmenschlich gewesen, und obiger Vorwurf
hätte mich betroffen, wären wir Uebrigen beim schlimmsten Ereigniß
gerettet worden und nur diese Arme hätte durch meine unschuldige
Veranlassung, mit dem Leben büßen müssen.
Nicht zu beschreiben war unsere beiderseitige Lage. Angst und
Bangigkeit im Herzen, über das, was noch kommen konnte, fort und fort
durchnäßt von den einschlagenden Wellen, welchen wir, gerade unter
der Luke, ausgesetzt waren, dabei das anhaltende Erbrechen, welches
die Brust zersprengen wollte, und nicht vorsichtig beseitigt werden
konnte, wodurch Eines das Andere beschmutzte. O! ihr beneidenswerthen
Kajüten-Reisenden, von allen Diesem habt ihr nichts zu erfahren und
deshalb auch nichts davon zu berichten.
Während ich mich noch abmühte, das junge Weib auf die Füße zu bringen
und Trost zuzusprechen, in der Angst vergessend, daß sie kein Wort
Deutsch verstand, und ich eben so wenig ihre halb ausgesprochenen
Gedanken enträthseln konnte, wurde von einem Matrosen, der nicht wußte,
daß wir noch zurück waren, um den innern Raum vor dem einschlagenden
Wasser zu verwahren, die Decke der Oeffnung mit einem „~God
damn!~“ zugeschlagen und so der letzte Sternenschein von uns
abgeschnitten.
Wie in Grabesnacht der Erwachende ängstlich horchen mag, ob sich nichts
rühre, was sein Pochen vernimmt, so übertönte hier als Gegensatz das
tobende Element unsern Ruf und gleichsam lebendig begraben, wurden wir,
von den übrigen Passagieren abgeschieden, unserm Schicksal überlassen.
Nach langer Mühe gelang es mir endlich, die arme Frau, welche
besinnungslos nicht mehr wußte, was um sie vorging, in die Koje zu
bringen, worauf ich selbst nach meinem Lager kroch und abgespannt an
Leib und Seele, nicht im Stande war, einen Gedanken zu fassen und eben
so wenig betete, als wie ein Murren meinen Lippen entging. Gott und
die Welt waren vergessen. Der Angstschweiß lief über Kopf und Wangen,
wobei die nassen Sachen den Unterleib erstarrten, weshalb ich mich zu
entkleiden bemühete. Doch dieses Geschäft, wozu nur eine Hand verwendet
werden konnte, da die andere zum Festklammern diente, brachte mich, da
es nicht gehen wollte, so in Harnisch, daß ich mich vergessend, wie ein
Landsknecht fluchte. ~O, German!~ rief mir eine Engelsstimme zu,
worauf ich beschämt jetzt wieder an meine Nachbarin erinnert wurde und
solcher mit dem Ausdruck: „Arme Lady“ meine Reue zu erkennen gab.
Was ist doch der Mensch für ein erbarmungswürdiges Geschöpf, wenn
er unvermögend, der Gefahr zu entrinnen, ruhig abwarten muß, was
die Mächte des Himmels über ihn beschlossen. Ja in solcher Lage
ist wahrlich das Vieh, welches nicht weiß, was mit ihm vorgeht,
glücklicher. Um weniger zu erfahren, wie im schlimmsten Falle das
Wasser schmecke, empfahl ich Gott meine Seele und suchte durch Leeren
der Rumflasche die Sinne zu betäuben, welches auch, da der Magen leer
und der Kopf ohnedies ganz wüste war, schnell gelang, worauf ich im
Schlaf versunken, nichts mehr von Allem vernahm, was um und über uns
nach Mitternacht vorging.
Noch heulte der Wind am Morgen durch die Segel und peitschte die
Wellen, daß solche keine Ruhe finden konnten, als die Luke sich öffnete
und mit dem jungen Tage uns neue Hoffnung beseelte. Der Schiffskoch,
in Begleitung des Mannes, brachte der Lady Kaffee und die Nachricht,
daß die Gefahr vorüber, da der Orkan durch die geschickten Manövres des
Kapitäns das Fahrzeug rückwärts gedrängt, und man jetzt weit vom Ufer
entfernt, wieder auf hoher See schiffe.
Der reuige Mann suchte seine Unschuld zu beweisen, daß er, getrennt
vom Weibe, die fürchterlichste Nacht habe zubringen müssen, da er
mehr um ihr als sein Geschick besorgt gewesen sey. Doch verrieth auch
das liebende Weib nicht durch Worte, was ihr Herz empfunden, so malte
sich doch deutlich ihr Unmuth im Gesicht, wobei sie meiner freundlich
gedachte, der ihr hülfreich während der Gefahr zur Seite gestanden;
dabei war sie sich jedoch nicht bewußt, daß durch mein Retourgehen
sie am Ersteigen der Treppe gehindert und dieses die Veranlassung zum
Fall gegeben, sondern während der Bestürzung und bei der Dunkelheit
der Nacht hatte sie den Fußtritt für etwas vom Verdeck Herabfallendes
gehalten, von welchem Wahn ich sie auch weislich nicht befreite.
Drei Tage später kamen wir Englands Küste wieder nahe und nachdem ich
vernommen, daß der Pilot an Bord und das Schiff sicher auf der Themse
Englands Riesenstadt zuführe, schlug das Herz freudig im Busen, denn
bald sollte wieder einer meiner Lieblingswünsche in Erfüllung gehen.
Nach einer Fahrt von nur 25 Tagen, wobei das Schiff retour geschlagen
und dadurch Zeit verloren ging, langten wir glücklich am 12. Februar
in London an, wo uns sogleich die Kunde wurde, daß bei dem letzten
Sturm an Englands Küsten mehrere Fahrzeuge gestrandet, und wir froh
seyn könnten, nur mit dem Schreck davon gekommen zu seyn, und jene Zahl
nicht vermehrt zu haben.
Siebenundvierzigster Brief.
Aufenthalt in London.
Im Februar 1841.
Noch vor Ankunft unsers Packetschiffs, an seiner bestimmten Station,
in dem seinem Welthandel angemessenen großen Basin, wohin es aus
der Themse durch einen Seitenkanal langsam an Seilen gezogen wurde,
verließen die, während der Seereise über mir logirt gewesenen zwei
Passagiere das Fahrzeug und verschwanden alsobald unter der gaffenden
Menge am Ufer, welches zu der Vermuthung Anlaß gab, da solche vor ihrer
Entweichung aus einem unter ihrem Lager versteckt liegenden Packet
etwas zu sich steckten, daß solches Kontrebande seyn müsse. Selbst als
das Schiff in der Mitte der ringsum auf dem Basinufer erbauten Zoll-
und Lagerhäuser wie in einer Festung sich befand und kein Fahrzeug
bei Konfiskation außerhalb dieses Terrains und in solchen auch nicht
das Geringste von Waaren vor der Revision ausladen darf, kamen die
Schwärzer durch die mit Wachthäusern besetzten Ausgänge dieser Anstalt,
versahen sich von Neuem mit Waaren und trugen solche am Leibe versteckt
dreist durch die wachthabenden Zollbeamten, ohne weiter angehalten,
noch weniger visitirt zu werden. -- Was soll man dabei denken?
Neugierig, was es wohl seyn mochte, um dieses Risiko zu unternehmen,
untersuchte ich den Versteck und fand Kautaback, welcher, wie ich
später erfuhr, hoch besteuert sey.
Während der Zeit, bis die Matrosen eine Passage zum Transport unserer
Sachen aus dem Schiffe besorgten und die Koffer selbst genau visitirt
wurden, so daß auch das letzte Stück ausgeräumt werden mußte, hatten
die Kontrebandiers, einzeln oder in Gesellschaft Anderer, mehrmals
die Eingänge passirt, ohne Verdacht zu erregen und durch geschickte
Manövres die Wächter getäuscht und so die weislich außer ihrem
Koffer im Schiff verwahrten und bei etwaigem Verrath als ihnen nicht
zugehörige Waaren, in Sicherheit gebracht.
Das junge Ehepaar war ebenfalls mit Zurücklassung seiner Sachen
sogleich bei unserer Ankunft verschwunden, und so stand ich fremd,
ohne Rathgeber und gehörige Kenntniß der Sprache, in der Mitte einer
Menge Allerwelts-Freunde, welche ihre Dienste anboten, ein Jeder etwas
zu erinnern wußte und sich bemüheten, den deutschen, aus Amerika
angekommenen Vogel die Federn mit rupfen zu helfen. Wider Willen
schleppte mich einer dieser dienstfertigen Leute nach dem Bureau, wo
eine Aufenthaltskarte gelöst werden müsse, ohne welche mich Niemand
beherbergen dürfe, mit der Bemerkung, daß während der Zeit die Andern
meine Sachen in Aufsicht behalten wollten.
Die Schuldigkeit eines jeden Reisenden ist, sich in die örtlichen
Gesetze zu fügen, wobei ich zugleich erinnert wurde, daß ich nicht mehr
in Amerika war, wo Niemand bei der Ankunft, während des Aufenthalts
und der Abreise sich die Mühe giebt, zu fragen, ob Einer Hans oder
Kunz heiße, wo und wie lange man in den Vereinigten Staaten zu
bleiben willens sey und was Einer zu treiben gedächte. Alles dieses
sind Sachen, welche nur mit den relativen Begriffen von Freiheit der
Amerikaner übereinstimmend sind.
Nur einige hundert Schritte entfernt, da man mich durch mehrere
Hausgänge führte, war die ~Office~, und an der Thür angelangt,
gab mein Begleiter durch das Oeffnen der Hand zu verstehen, daß er
für seine Mühe abgelohnt seyn wolle, mit dem Bemerken, daß er mich
dann eben so schnell wieder retour geleiten werde. Zu meinem Verdruß
fand ich beim Durchsehen des Silbergeldes keine kleinere Münze als ein
~Six-pence~-Stück (5 Sgr.), erhielt aber zur Verwunderung statt
Dank, das mir zu viel scheinende Geld mit der Bemerkung zurück, daß
unter einem Schilling (10 Sgr.) ein Engländer keinen Dienst erweise.
Hier half kein Besinnen, das Geforderte zu zahlen, da seine Kollegen im
Besitze meiner Sachen waren.
Nachdem man mich, da kein Paß aufgezeigt werden konnte, in deutscher
Sprache sehr zuvorkommend examinirt hatte, stellte man einen Schein
über geschehene Meldung aus, welcher von mir am Tage der Abreise
zurückgegeben werden sollte. Diese ganze Verhandlung dauerte höchstens
eine Viertelstunde, welche Zeit meinem Wegweiser doch zu lange
vorgekommen seyn mochte, um das Geld wieder im allgemeinen Verkehr
zu bringen, oder durch neuen Verdienst zu vermehren; kurz er war
verschwunden, und ich so genöthigt, den Rückweg allein anzutreten.