Fried. Jac. Wichelhausen

Ohne an dem rechtlichen Charakter des Herrn Wichelhausen zu zweifeln,

so sind die angeregten Unbilden wenigstens durch sein Komptoir begangen

worden, möglich ohne sein Vorwissen, allein der Chef des Komptoirs

bleibt immer dafür verantwortlich. Unverantwortlich bleibt der Umstand,

daß man das Fahrgeld, welches man mit seinem Agenten besprochen und

gewissermaßen accordirt hatte, in Bremen erhöhete; unverantwortlich,

daß man 208 Auswanderern die accordirte Schiffskost vorenthielt,

welche erst dann erfolgte, als man gerichtliche Hülfe suchte und

daß wahrscheinlich Herr Ulrich 277 [*Gulden] für achttägige nicht

gelieferte Schiffskost in die Tasche steckte.

Der Zweck, den man übrigens durch den Abdruck dieser Briefe in den

Anzeiger beabsichtigte, wurde vollkommen erreicht, durch die bald

darauf erfolgte obrigkeitliche Bekanntmachung des Bremer Senats, nach

welcher dergleichen überseeische Seelentransportirungen unter eine sehr

vernünftige Aufsicht gestellt wurden.

=W. H.=

[22] Recht gut ist es, sich außer den schon angegebenen, zur Seereise

nöthigen Gegenständen, noch mit einigen Leckereien, wie Bonbons,

zu versehen, welche man bei passenden Gelegenheiten an Kinder

verschenkt und dadurch sich die Zuneigung der Eltern erwirbt, welche

in vorkommenden Fällen durch Hülfeleistungen gern dafür erkenntlich

sind. Ferner schaffe man sich zur Kurzweil ein Bretspiel oder Domino

an, vergesse ein Gebetbuch nicht, da Beten das Herz erhebt und füge

dem noch einige Bücher zur Lektüre bei. Selbst eine Brieftafel mit

Bleifeder ist von Nutzen, um immer das Nöthige notiren zu können.

[23] Zum Malheur für uns waren unter den am Bord habenden Kartoffeln

viele faulige, welche während der Reise auch die guten ansteckten, so

daß der ganze, in Fäulniß übergegangene Vorrath ins Wasser geworfen

werden mußte, wodurch wir um eines der besten Lebensmittel kamen. --

Die zur Aufbewahrung des Wassers bestimmten Fässer waren vor dem Füllen

nicht gereinigt worden, und so konnte es nicht anders kommen, daß der

dort zurück gebliebene Unrath das frische Wasser bald so verdarb, daß

es nur aus Noth genossen werden konnte. -- Ob Arzneien oder sonstige

Leckereien für die Kranken auf dem Schiff sich befanden, wie dieses uns

von Herrn W. bekannt gemacht worden war, vermag ich nicht zu behaupten,

da eben so wenig +Kranke+, wie +Gesunde+ Etwas davon verspürten.

[24] Ein Universalmittel für gänzliche Abwendung der Seekrankheit giebt

es bis jetzt noch nicht. Bei sämmtlichen Deckpassagieren, 208 an der

Zahl, welche verschiedene Kuren machten, half keins vollkommen. Nach

meiner unmaßgeblichen Ansicht ist es das beste sich schon vor dem

Antritt der Seereise in Diät zu üben, den Magen nie zu überladen, Leib

und Füße warm zu halten, möglichst wenig und nur mit Essig vermischtes

Wasser zu trinken, auch, um den Stuhlgang zu befördern, mitunter

Pflaumen zu genießen. Auch ist es gut, so lange die Kräfte es erlauben

und die Witterung es gestattet, sich auf dem Verdeck aufzuhalten, um

den mephitischen Ausdünstungen im innern Raume zu entgehen und sich

Bewegung zu machen.

[25] Die gethane Bitte, uns für Geld ein Paar Flaschen Wein abzulassen,

wurde mit der Bemerkung abgeschlagen, daß für Kranke kein Wein am Bord

sey und der Kapitän selbst nur das nöthige Quantum für die Kajüte

besitze.

[26] Der für die Zwischendeck-Passagiere bestimmte Schiffszwieback wird

aus Roggenschrot gemacht, von welchem das feine Mehl weggenommen ist.

Die kleinen hart gebackenen Brode werden, in zwei Hälften geschnitten,

geröstet, und so vor dem Verschimmeln auf der See geschützt. Der

Zwieback für die Matrosen hingegen ist aus Waizenmehl bereitet und

gleicht an Geschmack unsern Fastenbretzeln.

[27] In den Speisen Haare zu finden, waren wir schon gewöhnt, als aber

meinem Neffen eine ganze Locke zwischen den Zähnen hängen blieb, so

verging uns doch der Appetit auf einige Tage, bis solcher, durch Hunger

veranlaßt, sich wieder einstellte.

[28] Die Schwaben hatte das Schiff in Ostindien erhalten und waren,

wie die Matrosen versicherten, aller bis jetzt angewandten Mittel

ungeachtet, noch nicht auszurotten gewesen.

[29] Der Lootse, oder Pilot, soll für seine Bemühung, das Schiff

unbeschädigt in sichern Hafen zu bringen, 50 Dollar erhalten.

[30] Zwei Passagiere kommen auf fünf Tonnen.

[31] Wenn auch den Männern nicht mehr so oft das Glück auf

Amerikanischem Boden lächelt, so bleibt solches doch noch immer den

Frauenspersonen hold. Der Verdienst für Letztere ist gut, 4 bis 6

Dollars monatlich, und bei der Ankunft sind in der Regel offene Stellen

vorhanden. Auch wenn sie heirathslustig sind, fehlt es nicht an Männern.

[32] Ein Dollar oder spanischer Thaler ist gleich fünf Franks 30

Centimes französisches Geld, oder 1 Thlr. 14 gGr. Preuß. Cour. hat 8

Schillinge, der Schilling 12½ Cents. Der Cents ist die kleinste

Kupfermünze in Amerika und gehen 100 Stück auf den Dollar.

[33] Dergleichen Kommissionäre giebt es hier in allen Städten, und

nur zu oft werden von ihnen die Arbeitsuchenden geprellt. Auch oben

bemerkter Herr hatte schon einige Mal wegen sich schuldig gemachten

Betrugs, vor Gericht gestanden, sich aber als echter Amerikaner den

Rückweg offen zu erhalten gewußt. Die Versprechungen, immer für

tüchtige und fleißige Arbeiter in jeder Branche Stellen offen zu haben

und solchen einen hohen Lohn zu stellen, beruht selten in Wahrheit und

ist dieses nur die Lockspeise, um damit die Einwanderer zu bestimmen,

sich seiner Person als Vermittler zu bedienen.

[34] Als Gehülfe in einem Fabrikgeschäft oder bei einem Meister

einzutreten, wenn ein solcher einen Gesellen braucht, wirft nicht so

viel ab, um sich und eine Familie ernähren zu können. Auf eigene Hand

aber, sofort bei Ankunft in Amerika zu arbeiten, ist noch schwieriger,

denn dazu gehören Mittel, Kundschaft und die nöthige Landessprache.

Außer Kredit fehlen auch noch die hier gebräuchlichen Handgriffe, um

mit seinen Kollegen konkurriren zu können. Alles dieses kommt erst mit

der Zeit. Die ersten Jahre sind Leidensjahre, da Jeder wieder von vorn

anfangen muß in seinem Geschäft zu lernen.

[35] Sehr oft trifft man solche Unglückliche, die in Amerika an Kanälen

und Eisenbahnen arbeiten müssen, während sie im Vaterland eine weit

glänzendere Rolle gespielt haben.

[36] Wie ich später erfuhr, hatten 4 Mann auf gemeinschaftliche

Rechnung die Gastwirthschaft im Pacht, und einer von ihnen war es,

welcher mich beim Bezahlen einer Flasche Bier um einen halben Dollar

betrog.

[37] Ich selbst habe als Probe ein Zeitblatt aus Amerika mit

zurückgebracht, welches 6 Fuß breit und 4½ Fuß hoch ist.

[38] Ein ähnliches Gesetz bestimmt auch, daß die Schiffseigner

verbunden sind, jeden Einwanderer, welcher im ersten Jahr seines

Aufenthalts in Amerika kein Unterkommen findet und aus Mangel an

Geldmitteln dem Magistrat zur Last fällt, unentgeldlich nach dem Hafen

wieder zurückzufahren, von wo aus der Auswanderer seine Reise nach

Amerika angetreten hat. Leider ist dieses Gesetz nicht bekannt genug,

denn sonst würden wohl Tausende meiner Landsleute mit Freuden in die

liebe Heimath zurückkehren.

[39] Vergebens habe ich mich bemüht, die Entstehung dieses so

sonderbaren Schimpfwortes, was in allen Vereinigten Staaten unter den

niedern Volksklassen üblich ist und gegen die Deutschen gebraucht wird,

zu erfahren.

[40] Gewöhnlich werden fünf englische Meilen auf eine deutsche

gerechnet und es sind im Lauf dieser Briefe immer nur Erstere zu

verstehen, wenn auch das Wörtchen: „englische“ weggelassen ist.

[41] Tanneberg, ein geborner Weimaraner, war dort 6 Jahre mein

Freund und Hausgenosse gewesen. Wir hatten beide beschlossen, die

Seereise nach Amerika, wo er sich förmlich übersiedeln wollte,

zusammen anzutreten, während meine Absicht war, nur drei Jahre dort zu

verweilen. Geschäftsangelegenheiten zwangen mich jedoch, den Abgang auf

ein Jahr hinaus zu verschieben; da Ersterer aber nicht so lange warten

wollte, trat er die Reise ohne mich an.

[42] Nur zu gewiß ist, daß dieser Arme sich abermals in seinen

Hoffnungen getäuscht hat, da er seinem gegebenen Versprechen gemäß,

mir nach meiner Heimkehr dann und wann Kunde zuzuschicken, bis jetzt

nicht nachgekommen ist. Ebenso sind die noch lebenden Mutter und Bruder

ohne alle Nachricht geblieben, obgleich Letzterer in mehren Briefen

dringend darum gebeten hat. Die wahren Verhältnisse seines Geschicks

mag er vermuthlich aus falscher Scham nicht schreiben und die Seinigen

zu belügen denkt er zu rechtschaffen.

[43] Zur Versinnlichung dieser herrlichen Ansicht folgt hier aus dem

~Western-Pilot~ ein Kärtchen mit dem Kanal.

[44] Zu besserer Verständigung sehe man die Abbildung.

[45] Zum Mäßigkeitsvereine Gehörende.

[46] Bremen, Taback kauen.

[47] Borden, in Miethe und Kost gehen.

[48] Betrug und Geldschneiden gehören also in den Vereinigten Staaten

Amerikas in die Kategorie erlaubter Spekulationen.

=W. H.=

[49] Im Erdgeschoß des Rathhauses befindet sich die Wachtstube der

Bürgerwache nebst einem Gefängniß für Neger und sonst aufgegriffenes

Gesindel. Vor der Wache steht eine Kanone, aus welcher jeden Abend 8

Uhr ein Schuß geschieht, welches das Signal ist, daß von dieser Zeit

an kein Neger ohne Erlaubnißschein sich auf der Straße blicken lassen

darf, desgleichen kein Gepäck mehr durch die Straßen transportirt

werden soll, um dadurch das Entwenden der Sachen mehr zu verhüten, und

aufgegriffenen Dieben mehr die Ausrede zu benehmen.

[50] Die Fahrpreise von ~New-Orleans~ nach den nördlichen Staaten sind

immer um die Hälfte theuerer, als es der Fall umgekehrt ist.

[51] Thalemann war die dritte Person, welche mit mir und Tanneberg zu

gleicher Zeit die Reise nach Amerika beschlossen; durch meinen späten

Abgang aber getrennt, nur mit Tanneberg vereint, ein Jahr früher als

ich, den amerikanischen Boden betreten hatte.

[52] Die Stadt Weimar sandte eine Anzahl Verbrecher nach Amerika, die

ihre Strafzeit abgebüßt hatten.

[53] Siehe den beigelegten Plan.

[54] Ein Lobspruch für unsere deutschen Brüder in Amerika! Die

Deutschen, in ihrem Vaterlande an Ruhe und Sicherheit gewöhnt, werden

nach und nach durch ihre Ueberzahl Zucht und Ordnung verbreiten, die in

Amerika herzustellen von Nöthen zu seyn scheint.

[55] Die Polizei und die Sicherheitsanstalten in ~New-York~ müssen nach

dieser Erzählung wirklich vortrefflich seyn. Das ist also amerikanische

gepriesene Freiheit, wo Niemand seines Lebens und Eigenthums sicher ist.

=W. H.=

[56] Welches Schicksal dieses zweite Schreiben gehabt, liegt im Dunkel,

da, wie ich erst kürzlich aus Amerika berichtet worden bin, dorthin

keine Antwort darauf eingegangen ist, und das Kind noch immer nicht die

heilige Taufe empfangen hat. Vielleicht trägt das hier Mitgetheilte

dazu bei, die Sache dennoch an die rechte Schmiede zu bringen, so daß

das Sprichwort in Erfüllung geht: „Was lange währt wird gut.“

[57] Schellhorn.

=W. H.=

[58] Ein durch Dämme abgeschlossener Raum.

[59] Spottweise -- er trank gern und viel.

=W. H.=

[60] Diese ungeheure Figur sollte bei Napoleons Regierung aus Erz

gegossen werden; das Projekt wurde jedoch unausgeführt gelassen, und

das Modell nimmt jetzt den dazu bestimmten Platz ein.

[61] Ein thüringisches Sprichwort, welches so viel bedeutet: Man weiß

eine Sache nicht zu schätzen.

=W. H.=

[62] Man nennt dieses in Paris die ~Queue~, und eine solche

Veranstaltung wäre in Weimar und an andern Orten zur Verhütung von

Unglücksfällen einzuführen.

=W. H.=

[63] ~Coucous~, auf Deutsch „Kuckuk“, sind einspännige, zweirädrige mit

einem Verdeck versehene Kutschen, welche von Paris aus in die Umgegend

und von da zurück die Reiselustigen befördern.

[64] ~Lapins~, auf Deutsch „Kaninchen“, werden in Paris die Passagiere

genannt, welche bei schon besetzten Plätzen im Wagen auf unbequemen

Sitzen außerhalb derselben, die Reise für ein geringes Fuhrlohn

mitmachen.

[65] Rumpelpost genannt.

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 10 / 11 题