Ob und wie der Amerikaner die Vortheile zu benutzen versteht, welche

die bloße geschickte Anwendung bekannter Erfahrungen gewährt, sieht

man auch in allen seinen häuslichen Verrichtungen und ~Gall~

fährt hierüber fort: „Die Eier erhält er in Kalkmilch nöthigenfalls

ein ganzes Jahr lang frisch; genau bekannt mit der Wirkungsart

verschiedener Erhaltungsmittel des Fleisches, verdirbt er dasselbe

weder durch zu viel noch zu wenig Salz. Seine Seife, so schön und gut

als die des Seifensieders in der Stadt, ist sein eigenes Erzeugniß, aus

einer Verbindung von Fett, Asche und Kalk, einer Pottasche, welche die

beste in der Welt ist. Seinen Zucker, aus dem leicht gewonnenen Safte

des Zucker-Ahorns, hat er selbst gesotten. Die Teppiche, welche den

Boden seines ganzen Hauses bedecken und selbst bis in die Küche sich

ausbreiten, sind das Produkt langer Winterabende. Seine Apfelpresse,

seine Spinnräder, seine Flachsschwingen sind nach den neuesten

Verbesserungen vervollkommnet.“

Vierunddreißigster Brief.

Aufenthalt in einer Branntweinbrennerei, Papierfabrik und Mahlmühle.

Im Juli 1840.

Rehling selbst besaß keine Branntweinbrennerei, da mehrere

Brennerei-Besitzer aus der Umgegend ihn versichert hatten, daß dieser

Erwerbszweig nicht mehr rentire, und ein solches Geschäft zu etabliren,

um so weniger anzurathen sey, weil auf der Eisenbahn und den Kanälen

der Branntwein aus den westlicher gelegenen Staaten so billig nach

den Seehäfen geliefert würde, daß sie, um Preis zu halten, nicht

mehr den Spülig als Viehfutter für reinen Gewinn ansehen könnten,

weshalb auch schon mancher Farmer im Staate ~=Maryland=~

und ~=Pennsylvanien=~ die Brennerei-Utensilien unbenutzt

stehen habe. -- Hier wurde mir nun die Ueberzeugung, daß die hohe

Steuer, welche bei uns auf den gewonnenen Branntwein der Produzent zu

entrichten hat, demselben nicht schadet, da die Abgabe durchaus nicht

den Verdienst vom Geschäfte schmälert, indem immer die Waare wegen der

Steuer im Verhältniß wieder höher im Preise gehalten werden muß, was

der Fall nicht seyn würde, wenn bei übergroßer Konkurrenz keine Abgabe

statt fände. Die Fabrikanten würden dann, um möglichst großen Absatz zu

haben, ihre Waare für einen Preis verschleudern, bei welchen eben nicht

mehr Gewinn erzielt werden könnte, als es jetzt bei zu entrichtender

Steuer der Fall ist.

Von einer Steuer, welche der Produzent von Branntwein zu entrichten

habe, kennt man in Amerika zur Zeit noch nichts; sondern derjenige,

welcher sich in Städten mit dem Wiederverkaufe von Branntwein

beschäftigt, hat jährlich nach der Größe des Erwerbszweiges eine

bestimmte Abgabe zu entrichten. Ohne alle Beaufsichtigung betreibt der

Brenner sein Geschäft, und keine Zeit, kein Ort und auf welche Art es

geschehen muß, ist vorgeschrieben. Jeder handelt nach eigener Willkür,

und hängt nicht von den Launen hoher und niederer Steuer-Offizianten

ab, welche oft im Diensteifer die Sache strenger nehmen, als es im

Sinne des Gesetzgebers gelegen haben mag. Dabei geht freilich in

Amerika die bei uns stattfindende Akkuratesse während des Betriebes

verloren und Zeit, Holz und Licht werden nicht berücksichtigt.

Eben so wenig verwendet (mit wenig Ausnahme) der Brenner auf

Verbesserung seiner Brenngeräthschaften Kapitale. Blase, Hut und

Schlangenrohr sind die einfachen Bestandtheile seiner Brennerei, und

es wird demnach, wie es früher bei uns der Fall war, Lutter, Halbwein

und Sprit gewonnen, da der Branntwein nur zu hohen Graden in dem Handel

angenommen wird. --

Zwei Stunden von Rehlings Niederlassung wurde mir auf einem großen

Farmen Gelegenheit, die Welschkornbrennerei kennen zu lernen, wobei ich

zugleich zu der Ueberzeugung gelangte, daß, wenn ein amerikanischer

Brenner nicht beabsichtigt, das Geschäft ganz ins Große zu betreiben,

wozu mehrere Gehülfen nöthig sind, er auch keinen Gebrauch von

verbesserten Brenngeräthschaften machen kann, weil Letztere die

Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nehmen, als es bei der alten Manier

zu brennen der Fall ist. Der Brennknecht muß hier nicht nur allein

einmaischen, den Apparat besorgen, das nöthige Holz zerkleinern,

die Schweine füttern, sondern auch alle noch beim Brennereibetriebe

vorkommenden Arbeiten in eigener Person verrichten, ohne dazu einen

Gehülfen zu erhalten. -- Um die Ausführung dieser seiner Obliegenheiten

nun möglich zu machen, maischt der Brennknecht das auf einen Tag

bestimmte Quantum Schrot nicht mit einem Male ein, sondern die

Gährtösen, in denen sogleich gemaischt wird, stehen mit der Größe

der Blase im Verhältniß, so daß jede Blasenfüllung den Inhalt des

Maischfasses aufnimmt, weshalb täglich so viel Fässer einzumaischen

sind, als Blasenabtriebe gemacht werden sollen. Das nöthige kochende

Wasser (da eingeteigt wird) gewinnt man auf einer zweiten Blase, welche

man auch den vierten oder fünften Tag zum Gutbrennen benutzt. -- Die

Arbeit des Einmaischens ist demnach auf die ganze Tageszeit vertheilt,

so daß während der Zeit, wo die Blasenfüllung abdestillirt, eins von

den Tags vorher leer gewordenen Fässern frisch bemaischt wird. Das

aufgefangene Quantum Lutter bestimmt die Zeit, wann die ausgekochte

Maische abzulassen ist, welche nach den hinter dem Brennereigebäude

stehenden Schweinebehältern fließt, und daselbst nach Belieben durch

Rinnen in die verschiedenen Abtheilungen der Stände vertheilt wird. --

Die nöthige Stellhefe versteht der Brenner sich aus Malz und Hopfen zu

bereiten.

Gleichwie den in der Nähe von Seehäfen wohnenden Branntweinbrennern

durch den erleichterten Verkehr der Verdienst geschmälert worden ist,

eben so ist solches der Fall in Bezug auf alle anderen Erzeugnisse des

Feldbaues. Den weiter entfernt wohnenden Kolonisten wird durch die

zahlreichen Wasserstraßen und Eisenbahnen die Gelegenheit gegeben, ihre

Erzeugnisse, auf wohlfeilem Grund und Boden erbaut, schnell und billig

nach dem Orte zu schaffen, wo sie verbraucht werden. -- Wie vermag nun

der Farmer, welcher vor Erbauung der vielen Kommunikations-Wege, wegen

der Nähe der Verbrauchsorte von seinem Grundbesitze, den Acker mit

50-100 Dollars bezahlte, mit seinen Konkurrenten Preis halten, welchen

ein Grundstück von gleicher Größe und oft fruchtbarerem Boden nur 3-4

Dollars zu stehen kommt?

Nur wenn der Landwirth, welcher nahe genug an einer stark bevölkerten

Stadt wohnt, sich auf Gemüsebau legt und die Milch dahin absetzen kann,

steht er im Vortheil, weshalb diese auch, um möglichst großen Viehstand

halten zu können, meistens nur Futterkräuter bauen.

Wie sich der Grundbesitz eines deutschen Farmer durch die fleißige

Bewirthschaftung des Areals vor dem Farmen eines Amerikaners

auszeichnet, ebenso steht der Deutsche dem Amerikaner nach in der

Ordnung, Reinlichkeit und eleganten Einrichtung, welche dieser in

seiner Wohnung beobachtet. Alle ~Pieçen~ des Hauses sind immer

so anzutreffen, wie dieses höchstens bei uns in Deutschland zur

Kirchweih-Zeit der Fall ist, wo der Landmann Gäste erwartet. Die

Stuben und Treppen sind mit Teppichen belegt, die Hausflur blank

und mit weißem Sand bestreut, das linnene Tischzeug täglich weiß,

die nöthigen Schlafstellen zum Besuche immer bereit, und dabei drei

Mal täglich eine gut besetzte Tafel, woran der geringste Arbeiter,

gleich wie der Herr selbst Platz zu nehmen pflegen. Nur die Neger

bleiben davon ausgeschlossen, und für diese werden die Speisen allein

angerichtet. Neben dem Hausherrn bleiben immer zwei Gedecke leer für

möglichen Besuch während der Mahlzeit, wo dann ein solcher ungenirt

Platz zu nehmen pflegt und gleich den Uebrigen sich’s schmecken läßt;

das viele Nöthigen, wegen Zulangen der Speisen, wie es bei uns Sitte

ist, kennt der Amerikaner nicht. „~Help your self~“ (Bedienen Sie

sich selbst), ist der einzige Zuspruch, welcher beim Platznehmen an die

Gäste ergeht, und nun ist es gleich, ob Einer viel oder wenig Appetit

mitbringt. -- Alle Speisen, welche zum Mahle bestimmt sind, werden

zusammen aufgesetzt, und in der Regel ist es Rindfleisch und Zugemüse,

in Scheiben geschnittenes und im Schaffen gebratenes Schweinefleisch,

gebratene Fische, mehre Sorten Eingemachtes, vorzüglich rothe Rüben,

Butter, Käse, Schmalzkräpfel, oder Tellergroße Torten (Bay genannt) mit

einer Fülle von Eingemachtem und Waizenbrod. Als Getränke wird Kaffee

vorgesetzt und nur die umgelegte Obertasse giebt zu erkennen, daß man

davon genug hat. -- Beim Frühstück und Abendbrod bleibt sich Alles

gleich, und nur das Rindfleisch und Gemüse fällt weg, dafür werden

jedoch Eier aufgetragen, so wie die Kartoffeln bei keiner Mahlzeit

fehlen. -- Abends vertritt Thee die Stelle des Kaffees.

Besonders fiel es mir auf, daß man zum fetten Schweinefleische noch mit

Butter bestrichenes Weißbrod zu essen pflegte, und ich konnte nicht

umhin, mich über diese Verschwendung gegen den Brenner auszusprechen,

worauf mir entgegnet wurde, daß ebenso mein genügsames Zulangen bemerkt

worden sey, und man dieses einem dummen Schwaben zu Gute halte, welcher

es nicht besser kenne.

Da Suppe bei den amerikanischen Farmern nicht gebräuchlich ist, so

fehlen auch die Löffel, und man kömmt um so mehr bei vielen Gerichten

in Verlegenheit, wie man solche zum Munde führen soll, da nur

zweizinkige Gabeln vorhanden sind. Das ohne Spitze vorn runde, breite

Messer wird daher nicht allein zum Zerkleinern gebraucht, sondern es

muß auch die mehrzinkige Gabel und den Löffel ersetzen.

Die Hausfrau, Töchter nebst weiblichem Dienstpersonal nehmen erst nach

Entfernung der Männer am Mahle Theil.

Leider waren, wenigstens für mich, die Speisen bei aller verschwendeten

Zuthat nicht schmackhaft. -- Das Fleisch kömmt halb gahr, noch

blutend auf den Tisch, und das Beste, die Fleischbrühe, bleibt

unbenutzt; nur das abgenommene Fett wird zum Seifekochen verwendet.

Dabei verstehen die Amerikaner nicht, wie unsere deutschen Frauen,

das Gemüse schmackhaft zu bereiten; es kommt trocken, meist tüchtig

gepfeffert, auf den Tisch. -- Als Beispiel will ich anführen, daß man

einen Krautkopf, nicht wie es bei uns gebräuchlich, vor dem Kochen in

mehrere Stücke zerlegt, sondern den Kopf ganz, nur ein wenig im Wasser

aufkochen läßt, und ihn in diesem Zustande, ohne weiter zu schmelzen,

servirt, wovon dann jeder Tischgast nach Belieben sich seine Portion

losschneidet, und solche auf dem Teller, nach Appetit, süß oder sauer

zubereitet.

Mit keinem Geschäfte wird der Amerikaner schneller fertig, als mit dem

Essen. Tischgespräche sind ihm verhaßt, weil, wie er meint, solches

die Gedanken von den wohlschmeckenden Gerichten abzieht und der Gaumen

weniger von dem bereiteten Genusse spüre; die Langeweile würde ihn

umbringen, müßte er stundenlang an der Tafel verweilen. Ja, ehe wir

Europäer die Serviette entfaltet und zurecht gelegt haben, hat der

Amerikaner, welcher dieses Vortuch für überflüssig hält, schon die

halbe Mahlzeit verschlungen und in zehn Minuten ist er mit Allem

fertig. Nach genommenem Platze am Tische und der Ladung zum Angriffe

der Speisen, holt sich Jeder nach Belieben von den aufgetragenen

Gerichten, in der linken Hand die Gabel, in der rechten das Messer,

und es kann das Gebiß nicht schnell genug verarbeiten und die enge

Halspassage verschlucken, was die gewandten Hände dem Munde zuführen.

Daher mag es auch kommen, daß die genossenen Speisen den Menschen so

häufig aufsteigen, und der Amerikaner ungenirt, als müßte es so seyn,

sich des Aufstoßens nicht enthält.

Während meiner Lehrzeit in der Brennerei machte ich die Bekanntschaft

eines Papierfabrikanten und von diesem eingeladen, benutzte ich die

Gastfreundschaft, um bei ihm wieder andere Maschinen, als mir hier

schon gezeigt worden, im landwirthschaftlichen Gebrauche zu sehen.

Dabei wurde mir die Gelegenheit, die Fabrikation von Papier ohne Ende

kennen zu lernen.

Eine genaue Definition über die Einrichtung dieser Anstalt in diesem,

meinen Reisebericht zu geben, liegt nicht in meinem Plane. Zu einer

andern Zeit werde ich mehr darüber bekannt machen. Nur im Allgemeinen

will ich jetzt den Geschäftsgang kurz berühren.

Die auf einer mit drei Schneidemessern versehenen Maschine

zerkleinerten Lumpen, von verschiedenen Stoffen und Farben, wurden in

einem Draht-Cylinder vom Staube gereinigt, hierauf in einem Kessel

mit Kalkwasser gekocht und dann dem Holländer zugeführt. Eine halbe

Stunde werden solche hier rein gewaschen, worauf man dem Wasser drei

scharfe Spezies zusetzt, wodurch in Zeit einer Viertelstunde aller

Farbestoff zerstört und eine blüthend weiße Masse sich zeigte. Diese

breiige, mit Wasser verdünnte Substanz hängt sich in der Stärke eines

Papierbogens in das feine Drahtgeflechte eines sich in der zufließenden

Masse herumdrehenden Cylinders ein und wird auf einer Unterlage von

zusammengenähten Wollentüchern, welche sich im Kreislaufe drehen,

nach und zwischen eiserne Gußwalzen geleitet. Diese nun ausgepreßte,

zu einem festen Körper wieder gestaltete, nur noch feuchte Masse geht

von hieraus ohne Unterlage über fünf kupferne Cylinder, welche durch

einströmende Dämpfe erhitzt, sofort das Papier trocknen, und sich

nun so lange auf eine Weife aufwickelt, bis dem Draht-Cylinder kein

Papierbrei mehr zugeführt wird. -- Eine zweite Maschine, welche mit der

Weife in Verbindung steht, schneidet das Papier nach dem gewünschten

Format, worauf Letzteres nochmals gepreßt in den Handel kommt.

Nach dieser Behandlung wurden täglich auf zwei Holländern und der

Dampf-Papier-Maschine unter Leitung zweier Menschen, dreizehn Centner

Lumpen in zum Verkaufe fertiges Papier verwandelt.

Um während meines Aufenthaltes in Amerika auch möglichst viel von den

Einrichtungen der Mahlmühlen kennen zu lernen, ging jetzt mein Bemühen

dahin, in einer solchen Zutritt und Belehrung über die Konstruktion

der einzelnen Theile des Mechanismus zu erhalten, und in der Person

des Herrn ~Bekley~ fand ich einen äußerst humanen Lehrmeister.

Die innere Mühleneinrichtung, wie das Gebäude selbst, war noch neu und

das Geschäft erst seit einigen Jahren etablirt. Die zu Gebote stehende

Wasserkraft war nur gering, und dennoch vermochten zwei Mahlgänge,

deren vier vorhanden waren, in kurzem Zeitraum unglaublich viel vom

weißesten und feinsten Waizenmehl zu liefern.

Die Frucht wurde nicht, wie in unsern Mühlen, von den Mühlburschen

aufgeschüttet, sondern hier, aus einem im Erdgeschoß befindlichen

Behälter durch Wasserkraft bis zum obersten Bodenraum gehoben, wo

die Reinigungs-Maschine plaçirt war, und auf diese ohne menschliche

Beihülfe gebracht. Das von allem Schmuz und den Schalen befreite Korn

setzte von hier aus seinen Lauf nun als Graupe nach dem Mühlrumpfe

fort, und langte, durch die Mühlsteine zermalmt, als feiner Mehlgries

im Erdgeschoß wieder an. Hier wird das noch ungebeutelte Mehl in einem,

unter allen vier Gängen fortlaufenden, sechzehn Zoll weiten Kanal,

aufgefangen. In diesem Kanale dreht sich eine horizontal liegende

Welle, welcher durch einen vier Zoll breiten, senkrecht aufgesetzten

Streifen von starkem Sohlleder, die Gestalt einer Schraube ohne

Ende ertheilt ist, durch deren Umdrehung das Mehl aus diesem Kanale

heraus, und in ein halbkugelförmiges Becken geschoben wird. Hier

wird der Gries, gleich wie das Korn, bis auf den Kühlboden gehoben,

wo er sich durch eine eigene Vorrichtung, fortwährend umgerührt und

gewendet, abkühlt, durch eine Oeffnung im Boden nach dem darunter

sich befindenden Beutel geleitet wird, und daselbst das feinste Mehl

absetzt. Von hieraus geht der Gries in einen zweiten Beutel, welcher

wiederum um ein Stockwerk tiefer steht, und eine weniger feine Sorte

Mehl liefert. Der noch vorhandene Gries wird den Tag über gesammelt,

zum zweiten Male auf die Mühle gebracht, und, von Neuem mit dem andern

Gries vermengt, gebeutelt. Das in Fässern, deren jedes, dem Gesetze

nach, nicht schwerer als 18 Pfund seyn darf, gut zusammengestampfte

Mehl, wovon das angefüllte Faß (~Barrel~) 196 Pfund enthält, kömmt

so in den Handel.

Die Vorrichtung, mit welcher die Körner in die Reinigungsmaschine, und

der Gries nach dem Kühlboden gehoben wird, ist ein lederner Riemen,

dessen beide Enden mit einander verbunden, und an welchem von zehn zu

zehn Zoll viereckige blecherne, oben offene Büchsen befestigt sind.

Dieser Riemen wird durch zwei Walzen, deren eine sich unten in dem

Schrot- oder Körner-Behälter, die andere aber auf dem Kühlboden oder

über der Reinigungsmaschine befindet, immer in einer kreisförmigen

Bewegung erhalten, so daß die sich unten füllenden, und durch einen

aufrecht stehenden viereckigen hölzernen Kanal aufwärts steigenden

Büchsen, oben angekommen, sich entleeren müssen. -- Vor Allem zeichnen

sich die amerikanischen Mühleinrichtungen dadurch aus, daß ohne

Mehlverlust im ganzen Gebäude die größte Reinlichkeit vorherrschend

ist. Bei Nachahmung dieser Einrichtungen von Seiten unserer deutschen

Müller würde freilich der so vielen Gewinn bringende Staubboden, und

dadurch der schönste Deckmantel aller andern Nebenverdienste verloren

gehen! -- Doch glaube man ja nicht, daß in Amerika alle Müller aus

lauter Reellität zusammengesetzt sind, sondern auch in diesem Geschäft

weiß man sich hier dadurch einen Vortheil zu verschaffen, daß die

Fässer nicht immer 18, sondern mitunter etliche 30 Pfund schwer sind,

wie man dergleichen in ~Cincinnati~ eingebracht, und konfiszirt

hatte.

Hinsichtlich der Qualität des verpackten Mehles kann weniger Betrug

vorkommen, da alle Mehlfässer, bevor sie in den Handel kommen dürfen,

von verpflichteten Personen mittelst eines Schrauben-Löffelbohrs,

welcher die Länge der Faßhöhe hat, durchbohrt werden, und nachdem das

im Bohr sich eingehängte Mehl in der Hand durcheinander gemengt worden

ist, wird die gefundene Qualität durch ein bestimmtes Zeichen nebst

Revisions-Stempel auf dem Faßboden eingebrannt.

Fünfunddreißigster Brief.

Reise nach ~Philadelphia~.

Im August 1840.

Unser nächster Nachbar, welchen ich als Mahlgast in der Mühle

kennen gelernt, führte ein sehr bigottes Leben, und gehörte zu den

Albrechtsleuten, welchen Namen diese Sekte sich nach ihrem Gründer,

einem gewissen Albrecht, beigelegt hatte. -- Vor Allem glaubte dieser

Fromme sich eine Stufe höher im Himmel zu erbauen, wenn er zur

Vergrößerung der Gemeinde beitrage. -- Er unterließ daher nicht, seine

Versuche auch bei mir fortzusetzen, da ich dem Anscheine nach, um das

Ganze ihres Glaubensbekenntnisses kennen zu lernen, in seine Lehre

eingegangen war. Um mich nun ganz zu bekehren und meine Seele dem

Himmel zu erhalten, mußte ich versprechen, der ~Kemt-Meeting~, wie

diese Sekten ihre Versammlungen im Freien benennen, beizuwohnen.

Meinen Apostel hielt die Krankheit seiner Ehehälfte ab, an dieser drei

Wochen langen Büßübung Theil zu nehmen; mir selbst kam aber diese

Gelegenheit eben recht, um auch von dieser Seite das amerikanische

Treiben kennen zu lernen. Um so mehr fühlte ich mich veranlaßt, dieser

Zusammenkunft, wo nur in deutscher Sprache verhandelt werden sollte,

beizuwohnen, da der dazu ausersehene Platz nur eine halbe Stunde von

der Straße, welche nach ~York~ führt, und welchen Ort ich auf der

Reise nach ~Philadelphia~ passiren mußte, abgelegen war.

Den 2. August verriethen mir drei Meilen über ~Strassburg~

entgegenkommende, mit Menschen besetzte Wagen, welche links von der

Straße ab in das Holz einbogen, daß der Pilgerort nicht mehr fern

seyn konnte. Der Spur folgend, fand ich bald auf einem freien Platze

in der Mitte des Waldes eine Menge Wagen, welche aneinander gereiht,

ein förmliches Quarrée bildeten. Vor der Wagenburg waren die Zelte

und aus Laubholz erbaute Hütten errichtet. In der Mitte der obern

Seiten-Fronte stand die aus Baumästen und Bretern errichtete Tribüne,

und vor derselben hatte man zum Sitzen die eingeschlagenen Pfähle

mit Bretern belegt, welche durch einen Gang in zwei Abtheilungen

geschieden, die Geschlechter trennte. Mit einbrechender Nacht wurden

auf den an beiden Seiten der Bänkereihen eigens dazu errichteten

sechs Stellagen Holzfeuer unterhalten, deren Knistern, sowie die

zum Himmel aufsteigenden Rauchsäulen, der Schatten riesiger Bäume

und die grotesken Gestalten, zu welchen durch den Schein des Feuers

die Holz herbeischaffenden Männer gestempelt wurden, und das dumpfe

Murmeln der Abendbetenden, alles zusammen etwas Schauerliches hatte,

und den Gedanken erweckte, in der Mitte von Wilden zu seyn, um deren

Ceremonieen beizuwohnen, wenn solche nach erfochtenem Siege am Feuer

die Gefangenen zum Mahle bereiten.

Vergebens sah ich mich, da der Magen seine Rechte geltend zu machen

suchte, nach einem Marketender-Zelte um, wurde aber belehrt, daß hier

nur der Ort sei, um in frommer Andacht sich Gott wohlgefälliger zu

machen und Keiner mit weltlichen Gerichten handeln dürfe. Jede Familie

sey auf die Dauer der Bußübung hinlänglich mit Speise und Trank

versehen und auch für Gäste sey gesorgt. -- Dieses Letztere war mir der

angenehmste Theil der Rede und im Zelt angelangt, wollte ich mich eben

an den Gerichten erquicken, als der Schall der Glocke zur Versammlung

rief. Nur in der Geschwindigkeit, da mein Wohlthäter zum Abmarsch

bereit war, vermochte ich einige Bissen zu genießen. -- Nach geendigtem

Lied hielt Einer der fünf Prediger, welche sich auf der Tribüne placirt

hatten, eine Rede, worinnen er den Gang der Ceremonieen und den

Zweck ihres Beisammenseyns der Versammlung vortrug und besonders den

verirrten Schafen an das Herz zu legen suchte, wie Jedes einzeln im

stillen Gebet sich zu den allgemeinen Bußübungen vorbereiten solle. Zum

Schluß wurde bemerkt, daß, wenn unter der Versammlung solche wären, die

nicht den nöthigen Lebensunterhalt bei sich hätten und bei Verwandten

keine Lagerstätte fänden, solche im Zelt der Prediger sich anmelden

sollten. Ich war der Einzige, welcher dieser Ladung folgte, und von

einem schon bejahrten Manne mit nach dessen Zelt genommen, wurde ich

von ihm zwei alten Matronen, die das Abendbrod auftrugen, als Gast

vorgestellt. Während des Mahles, welches meine Tischgenossen unter

Gesprächen von Teufel, Hölle und Verdammniß, zu sich nahmen, darüber

aber das eigentliche Essen vergaßen, schmeckte es mir um so besser, und

von Ersterem beobachtet, mochte solches den Glauben erwecken, daß ich

an Leib und Seele verwahrlost seyn müsse.

Das Lager war bald eingenommen, da in der Frühe des nächsten Tages der

Gottesdienst beginnen sollte und an der Seite meiner gewesenen Schönen

pflegte ich bald der Ruhe. Kaum graute der Morgen, als es im Lager

lebendig wurde, da Jeder der Erste seyn wollte, Gott mit seinem Gebet

zu überraschen und so gern ich noch auf dem Lager verweilt hätte, so

gebot doch Anstand und Sitte mich den Gebräuchen zu unterwerfen; ich

empfahl mich daher Gottes weiser Führung und machte im Uebrigen den

stillen Beobachter.

Beim Frühstück stellte sich der Redner vom gestrigen Abend ein und

nahm mich nach der Mahlzeit ins Gebet, ohne jedoch weiter zudringlich

zu werden. Als sich aber bei dem Mittagsessen und Abendbrod die andern

inspicirenden Prediger auch einstellten und vergebens sich abmüheten,

mir den Staar zu stechen, so entsagte ich der schönen Gelegenheit auf

anderer Leute Kosten ein frommes Freudenleben zu führen, gab den

nächsten Morgen vor, die Leibwäsche zu wechseln, entfernte mich mit

meinen Sachen ins Dickicht der Bäume und sagte den Frommen Valet. --

In ~York~, wo ebenfalls der größte Theil der Bewohner aus

Deutschen besteht, wurde nicht lange angehalten, da ich daselbst

vernommen hatte, daß am 6. August in ~Lancaster~, welcher Ort 20

Meilen von hier entfernt liegt, eine demokratische Staats-Konvention

stattfinden sollte, welcher beizuwohnen ich nicht gern versäumen wollte.

Von ~Wrights-Ville~, welches der große ~Susquehanna-River~

von ~Columbia~ trennt, ist von der Eisenbahn-Gesellschaft über

diesen Fluß eine überbaute Brücke errichtet worden, welche wohl zu

den größten der existirenden zu rechnen ist, da ihre Länge, nach

meinen Schritten gemessen, 2400 beträgt. -- In ~Columbia~ kam

ich gerade noch zur rechten Zeit an, um mit dem Eisenbahnzug nach

dem noch zwölf Meilen entfernten ~Lancaster~ abgehen zu können,

da diese Fahrgelegenheit heute für alle Demokraten, welche an der

Versammlung in letzter Stadt Theil nehmen wollten, frei war, und da die

ankommenden Wagen schon überall mit Menschen besetzt waren, so wurden

in ~Columbia~ alle vorhandenen Packwagen noch angehängt, worauf

mehre Hundert Reiselustige sich möglichst gut zu plaçiren suchten;

Breter wurden quer über gelegt und von den verwegenen Amerikanern bis

vorn an die überhängenden Theile besetzt. Ja, man war tolldreist genug,

in aufrechter Stellung auf diesen schaukelnden Unterlagen die Fahrt zu

wagen und durch Recken, Stoßen und Schwenken der Fahnen, die Gefahr zu

vergrößern. Ewig wird mir solch leichtsinniges Benehmen unvergeßlich

bleiben.

Niemand fühlt sich veranlaßt und verpflichtet, für die Sicherheit

der Reisenden eine Verantwortung zu übernehmen, weil die gepriesene

Freiheit keine Grenzen zu stellen gestattet, und der Amerikaner Herr

seines Lebens zu seyn glaubt, mit dem er machen könne, was er wolle.

In der kürzesten Zeit, da der Wagenzug pfeilschnell durch die Lüfte

flog, erreichten wir und o, Wunder! ohne Unfall ~Lancaster~, fuhren

mit klingendem Spiel in die mit Menschen angefüllte Stadt und hatten

Mühe, ein Unterkommen zu finden, da alle Häuser, bis zu den geringsten

Kneipen herab, besetzt waren.

In der Regel giebt es, durch die erhitzten Gemüther veranlaßt, bei

solchen Gelegenheiten Paukereien und ich war hier abermals Zeuge,

wie sich ein Demokrat mit einem ~Whig~ im Faustkampf den Sieg zu

verschaffen suchte; diesmal aber endete nicht nur derselbe mit

blutenden Gesichtern, sondern die Unmenschen ließen nicht eher nach,

bis dem Einen ein Auge ausgestoßen war.

Diese Manier, mit den Händen zu fechten, wo es die Kämpfer

hauptsächlich auf die Augen abgesehen haben, wird ~Gouging~ genannt.

Diese scheußliche Operation auszuüben, bemüht sich jeder der Kämpfer

während des Gefechts die Seitenlocken von dem Haar seines Gegners zu

erfassen, solche um seine Vorderfinger zu winden, den Daumen ins Auge

hinein zu pressen und dasselbe aus der Höhlung herauszutreiben. War mir

schon mancher Einäugige in Amerika begegnet, so hielt ich dieses mehr

für Naturfehler; jetzt wurde ich aber eines Andern belehrt und erhielt

dabei die Versicherung, daß besonders in den Staaten ~Georgien~,

~Karolina~ und ~Virginien~ die Menschen sich zur Aufgabe gemacht

hätten, sich so zu verstümmeln, daß immer der fünfte oder sechste Mann

nur mit einem Auge erscheine. --

Verstimmt durch den unglücklichen Faustkampf, und um mich möglichst

entfernt von solchen Raufbolden zu halten, deren es mehre in der

Herberge gab, die mit Jedem, welcher nicht ihrer politischen Meinung

war, Händel anzufangen suchten, übergab ich dem Wirth meine Sachen

zur Aufbewahrung und suchte bis zur Zeit des Aufzuges, welchen mehre

Tausend hier versammelter Demokraten beschlossen hatten, im Gewühl

der auf den Straßen wogenden Menge, die Stadt zu besehen, welche nach

~Philadelphia~ die größte im Staate ~Pennsylvanien~ seyn soll.

Dieser Ort ist regelmäßig angelegt, besitzt gerade, breite Straßen,

in welchen meist von Steinen aufgeführte Häuser sichtbar sind. Die

Mehrzahl der Einwohner besteht aus Deutschen und deshalb ist auch

diese Sprache hier die herrschende. Auf meiner Wanderung war ich so

glücklich, zu einer Fabrikanstalt zu kommen, in welcher Maschinen zu

landwirthschaftlichen Zwecken angefertigt wurden, wie ich dergleichen

schon im Gebrauch gesehen und abgezeichnet hatte. Jetzt wurde von mir

an keinen Aufzug mehr gedacht. Hier fand der Geist volle Beschäftigung

und das Gesuch an den Werkführer reichte hin, mir den Eingang zu

gestatten und, durch einige Geschenke an die Arbeiter vertheilt,

wurde ich überall herumgeführt. Augenblicklich wurde Alles gemustert,

die einzelnen Theile noch unzusammengesetzter Maschinen mit meinen

Zeichnungen verglichen und nachgemessen, so wie auch manches Neue

notirt, was ich mit Nutzen bei meiner Zurückkunft im Vaterlande

anzuwenden gedachte.

Nach genossenem Mittagsmahl, bei welchem der Wirth näher mit mir

bekannt wurde, ward mir von diesem die Möglichkeit gezeigt, daß ich

auf der Eisenbahn die siebzig Meilen bis ~Philadelphia~ frei

fahren könne, wenn ich kein dummer Teufel wäre. Da er nun nicht

glaube, daß ich unter die Zahl der Genannten gehöre, so mache er mir

den Vorschlag, heute Abend, beim Rückgang der Eisenbahnwagen nach

~Philadelphia~, ganz dreist einen derselben mit zu besteigen,

besonders da diese Fahrgelegenheit nicht nach der Anzahl von Personen,

sondern ins Allgemeine von der Gesellschaft, welche vom erstern Orte

aus, um den Aufzug hier zu verherrlichen, angekommen sey, bezahlt

worden wäre; es könne also auch nicht darauf ankommen, ob eine oder

zwei Personen mehr führen. Ohne Bedenken, setzte er hinzu, könne ich

in den Vorschlag eingehen, da es Niemandem einfallen würde, einen gut

demokratisch Gesinnten aus der Gesellschaft zu weisen. Alles käme

daher nur darauf an, wie ich die Rolle ausführen würde. Die Sache

schien mir nicht ganz ohne Grund zu seyn, und was war weiter dabei zu

riskiren? Im schlimmsten Fall mit ein Paar Ohrfeigen aus dem Wagen

spedirt zu werden. Von der andern Seite betrachtet, war aber die Fahrt

nach ~Philadelphia~ nichts anders als eine Wiederholung der

Fahrgelegenheit, welche mich heute Morgen erst von ~Columbia~ frei

hieher gebracht hatte. Dieses Letztere bestimmte mich, in den Vorschlag

einzugehen.

Der Nachmittag wurde wieder in der Fabrik zugebracht, und zur rechten

Zeit bestieg ich kurz vor dem Abgang des Eisenbahnzuges, einen der

schon ziemlich besetzten Wagen. Um mir alle Nachbarschaft möglichst

entfernt zu halten und von den zudringlichen Fragen verschont zu

bleiben, die ich schwerlich richtig beantwortet haben würde, spielte

ich, wie der Wirth mir gerathen hatte, die Rolle eines Halbseeligen,

und mischte, wie ein richtiger Amerikaner in meine unverständliche

Rede, ein „~Goddamn~“ nach dem andern, ein, schimpfte über

General ~Harrison~, einen Mann, den ich nicht kannte, welcher

aber der Gegner meiner Reisegefährden war und ließ ~Van Buren~,

den derzeitigen Regenten und Gönner der Demokraten, welchen ich

aber nicht weiter zu kennen, die Ehre hatte, hoch leben! Tobte, um

lästig zu werden, eine Weile fort, bis ich das Bild eines Schlafenden

darzustellen suchte, welchen zu wecken Niemandem in den Sinn kam, um

nicht von Neuem beunruhigt zu werden und so kam ich ohne Anstoß und

wohlbehalten in ~Philadelphia~ an. Leider ging aber während der

Nachtfahrt für mich die schöne Gegend von ~Lancaster~ bis hieher,

wie solche mir dieselbe geschildert worden war, verloren.

Sechsunddreißigster Brief.

Aufenthalt in ~Philadelphia~.

Im August 1840[53].

Hier, wo ich mich nicht lange aufzuhalten beabsichtigte, durfte keine

Zeit verloren gehen, um alles Merkwürdige in dieser Stadt zu besehen.

Es wurden daher von mir am ersten Vormittag schon alle Aufträge

besorgt und unter andern die vermeinte reiche Tante aufgesucht, in

welcher Person ich aber, nach ihrem eigenen Geständniß, eine mit ihren

Verhältnissen zwar zufriedene aber nichts weniger als wohlhabende

Frau zu finden, die Ehre hatte. Herr Sontag von Erfurt, welchen ich

ebenfalls besuchte, war zur Zeit außer Kondition und beabsichtigte in

den südlichen Staaten ein Engagement als Kunstgärtner zu suchen.

In einem mir als billig empfohlenen ~Hôtel~, welchen Charakter

sich dieses Kosthaus beigelegt hatte, traf ich mehre, erst seit

Kurzem angekommene Landsleute, unter andern den Oekonomen S., welcher

verstimmt über fehlgeschlagene Pläne, nutzlos hier die Zeit verlebte

und sich den Transport der Sachen zu erleichtern suchte! Mit einem

Kollegen aus Bornheim bei Frankfurt wurde gleich nach gehaltenem

Mittagsmahl die Wanderung durch die Stadt angetreten und das Forschen

während meines viertägigen Aufenthaltes fortgesetzt. Was ich nun hier

gesehen und gehört, will ich in Nachfolgendem zu schildern suchen.

[Illustration: Plan von Philadelphia]

~Philadelphia~, mit 200,000 Einwohnern, worunter 30,000 Deutsche

seyn sollen, ist die größte Stadt im Staate ~Pennsylvanien~ und nach

~New-York~ die größte in den Vereinigten Staaten. Sie liegt zwischen

dem ~Delaware-~ und ~Schuylkill-~Fluß, über welchen Letztern sie

hinaus geht und durch zwei Brücken mit diesem Stadttheil verbunden

wird. Ihr Seehandel ist im Verhältniß zu ~Baltimore~ und ~New-York~

wenig von Bedeutung, ebenso sind hier nur wenige Fabrikanstalten

etablirt. Das Drängen und Treiben der schaffenden Menge, wie dieses

den ankommenden Fremden in erstern Städten überrascht, fehlt hier

ganz, und läßt sogleich vermuthen, daß ~Philadelphia~ der Wohnsitz

reicher Kapitalisten seyn muß, welche ihre Gelder weniger im

merkantilischen Geschäfte zu vergrößern suchen, sondern es mehr durch

Bank-Spekulationen oder durch Ankauf und Verkauf von Ländereien zu

vermehren trachten, welches Letztere in Amerika einen Handelsartikel

ausmacht, für den sich Geld-Spekulanten am mehrsten interessiren.

Bei der großen Menschenmasse, welche hier, da die mehrsten Häuser

keine Höfe haben, zusammengedrängt leben, ist es auffallend, welche

Stille in den volkreichen Gassen überall herrscht, mit Ausnahme der

~Water-Street~, die mit dem ~Delaware~-Flusse gleichlaufend, das

Bild eines lebhaften Verkehrs bietet, welches aber den zu Schiffe

ankommenden Fremden um so mehr überrascht, da er sich in seinen

Erwartungen betrogen glaubt, hier die wegen ihrer Reinlichkeit so

gerühmte Musterstadt ~Philadelphia~ zu finden, und nun bei jedem

Schritt, den er vorwärts thut, der Gefahr ausgesetzt ist, im

Schmuze stecken zu bleiben. Doch um so mehr wird man überrascht,

je weiter man in der 100 Fuß breiten Marktstraße hinaufgegangen

ist, wo längs derselben in der Mitte sich die überbauten reinlichen

Markthallen befinden, in denen die Verkäufer, gegen das Wetter

geschützt, ihre Erzeugnisse ausgestellt haben, und man auf beiden

Seiten der Häuserreihen nichts als Kaufmannsgewölbe und Laden neben

einander sieht. Allenthalben begegnen dem Blick in den geraden,

sämmtlich mit Trottoirs versehenen breiten Straßen, von Backsteinen

aufgeführte Häuser. Die mit Steinplatten ausgelegten Fahrstraßen sind

sämmtlich, mit Ausnahme der Wasserstraße, sauber und rein, da sie mit

unterirdischen Kanälen versehen sind, in welche wöchentlich einige

Mal aller Schmuz gespült wird, wozu die zahlreichen Brunnenröhren das

Wasser liefern. Schon wie die Fahrwege hinsichtlich der Reinlichkeit

befriedigen, um so mehr werden die längs der Häuser 10-12 Fuß breiten

und etwas erhöhten, mit Backsteinen belegten Fußwege gesäubert und

alles Stäuben durch Sprengen vermieden. --

Lassen schon die geraden, sich immer quer durchschneidenden Straßen,

den Fremden das verlassene Quartier leicht und sicher wieder auffinden,

so erleichtert dieses noch mehr, der in jedem Kosthause aufgehängte

Plan von ~Philadelphia~ und nach einem solchen liefere ich

die Beschreibung vom Terrain der Stadt. -- Von Osten nach Westen

sind zwischen dem ~Delaware-~ und ~Schuylkill-~Fluß neun

Straßen gezogen, welchen die Namen von Bäumen, wie sie erst auf

diesem Platze gestanden, gegeben worden sind, sie heißen: Wein-,

Sassafras-, Maulbeeren-, Kastanien-, Wallnuß-, Fichten-, Tannen- und

Cedern-Straßen. Diese Straßen, sämmtlich eine Stunde lang, werden

durch dreiundzwanzig von Norden nach Süden laufende Straßen im rechten

Winkel durchschnitten, welche nach der Reihenfolge vom ~Delaware~

anfangend, erste (~Frontstreet~), zweite, dritte u. s. w. bis

dreizehnte Straße, heißen. Mit der dreizehnten Straße hört die vom

~Delaware~ hergeleitete Reihenfolge auf, und eine andere beginnt

am ~Schuylkill~, welche jedoch nur acht Straßen in sich begreift,

nämlich: erste (~Frontstreet~), zweite u. s. f. -- Zwischen der

achten ~Schuylkill-~ und der dreizehnten ~Delaware-~Straße

liegt die ~Broad-Street~, welche das Terrain der Stadt in zwei

ungleiche Hälften theilt. Die ~Broad-Street~ ist 113, die

~Market-Street~ 100, die Maulbeer-Straße 60, und jede andere

genannte Straße 50 Fuß breit. Außer diesen nach dem ersten Plane,

welchen ~Penn~, der Gründer der Stadt selbst entworfen, weit von

einander angelegten Straßen, sind der Bequemlichkeit halber in späterer

Zeit viele Zwischenstraßen errichtet worden, eben so hat sich die Stadt

nach beiden Seiten erweitert und viele neue Straßen sind entstanden,

welche jedoch alle, mit Ausnahme von ~Dock-Street~ schnur gerade

sind. -- Die Haupt-Markthalle, die größte in der Welt, erstreckt sich,

von dreihundert Pfeilern getragen, durch die Mitte von ~Front-~

bis ~Fourth-Street~. Außer dieser giebt es zur Bequemlichkeit des

Publikums noch ähnliche Hallen in verschiedenen Theilen der Stadt.

Vom Thurme des Rathhauses, wo hinauf 180 Stufen geleiten, und der

in der Regel von allen in ~Philadelphia~ ankommenden Fremden

bestiegen wird, von denen eine Menge Reisender ihre Namen auf

Säulen und Pfosten neben und über der Glocke geschrieben und als

Andenken zurückgelassen haben, übersieht man mit einem Blick die

unten auf einer Ebene sich ausbreitende herrliche Stadt, welche ein

Parallelogramm bildet, mit Straßen, in denen mehrere Häuser oft nur

einen einzigen Pallast darzustellen scheinen und geometrisch geordnete,

in gegenüberliegenden Stadtvierteln befindliche Plätze, welche die

Stadt zieren; sie sind theils, wie die Straßen mit Bäumen besetzt, zur

Erholung in Freistunden einladend, oder durch in der Mitte derselben

stehende prächtige Gebäude geschmückt.

Von dieser Thurmaussicht, von der mich der Führer auf alle merkwürdige

Gebäude und Anstalten aufmerksam gemacht hatte, begab ich mich

sogleich am ersten Tage noch zu dem eine Stunde von der Stadt am

~Schuylkill-~Strome erbauten Kunstwerk, durch welches in alle

Straßen der Stadt, und selbst bis in die höchsten Stockwerke der Häuser

das Wasser geleitet wird. -- Durch Erbauung eines Wehres ist der

nöthige Fall geschaffen worden, welcher zum Umtreiben von drei 16 Fuß

im Durchmesser haltenden Wasserrädern nöthig ist, die jetzt die Stelle

einer früher in Anwendung gebrachten Dampfmaschine vertreten. Diese

Wasserkraft setzt drei horizontal liegende Pumpen in Bewegung, welche

durch eiserne Röhren täglich 4 Millionen ~Gallons~ (der Gallon

~à~ 4 Maas Wasser) in ein auf einem Hügel erbautes Bassin heben,

welches 96 Fuß über der Oberfläche des Flußwassers erbaut ist. Von hier

aus wird nun in eisernen Röhrenfahrten das Wasser überall in der Stadt

verbreitet, wo es hauptsächlich bei Feuersgefahr, da in allen Straßen

in gewissen Distancen Brunnenstöcke stehen, die den Spritzen das Wasser

im Ueberfluß liefern, von größtem Nutzen ist. Die Erbauung dieser

Wasserleitung soll einen Aufwand von 432,500 Dollars verursacht haben,

weshalb jeder Eigenthümer eines Hauses nach der Menge Wasser, welche er

verbraucht, jährlich 5-20 Dollars zu zahlen hat.

In der Nähe dieses Wasserwerks befindet sich auch das neue Gefängniß,

einzig in seiner Art, da in ihm die Einrichtung getroffen ist, daß

alle Gefangenen, einzeln verwahrt, immer beaufsichtigt werden können,

ohne daß der Wächter von denselben gesehen wird. Zu diesem Zwecke

hat man im Quadrat einen großen Hof erbaut, dessen Seiten eine Länge

von 650 Fuß haben. Das einzige Thor, welches als Eingang dient, ist

äußerst fest und massiv erbaut, und bildet zugleich das Erdgeschoß

vom Gebäude, wo sich die Beamten-Wohnungen befinden. -- In der Mitte

dieses Hofes steht ein runder Thurm zum Aufenthalte der Wächter,

von welchem Mittelpunkte aus, wie Radien eines Kreises, sechs lange

Flügel angebaut sind, und die Wächter so, von einem Punkte aus, in

alle Strahlen-Gänge sehen können. Jeder dieser sechs Flügel besteht

aus einem gewölbten Corridor, an welchem auf beiden Seiten die Zellen

für die Gefangenen, jede von acht Fuß Länge und fünf Fuß Breite,

angebaut sind. Das Licht erhalten solche durch ein in der gewölbten

Decke eingesetztes kleines Patent-Glas. Zum Darreichen der Nahrung ist

vom Corridor aus eine kleine Oeffnung angebracht, durch welche der

Wächter auch den Bewohner dieses Käfigs beobachten kann. Vor jeder

Zelle befindet sich ein 16 Fuß langer und 7 Fuß breiter Hofraum mit

einer 20 Fuß hohen Mauer umgeben, aus welchem der Eingang in die Zelle

geht und dazu dient, um den Gefangenen täglich eine bestimmte Zeit

den Aufenthalt in freier Luft zu gestatten. Außerhalb dieser Mauern

kömmt er während seiner Gefangenschaft nie, und erhält auch durchaus

keine Arbeit; eben so wenig darf er mit sich selbst laut sprechen oder

singen, wodurch dieser Unglückliche hier lebendig begraben ist. Die

Zellen, wie das ganze Gebäude, werden durch erwärmte Luft geheizt und

es befindet sich in einer solchen, außer der Schlafstelle, nur noch ein

Wasser-~Closet~, welches mit einer Hauptröhre in Verbindung steht,

die unter dem Corridore den Flügel der Länge nach durchläuft.

Durch dieses Gefängniß auf die Verbrechen der Menschen aufmerksam

gemacht, besuchten wir den andern Tag das ~Countygoal~ (Gefängniß), wo

die Gefangenen in Verwahrung waren, welche sich noch in Untersuchung

befanden. -- In dem vordern Hauptgebäude sind die Wohnungen der Beamten

und der Wächter, so wie die Verhörzimmer. In den beiden Seitenflügeln,

wo in der Mitte ein Corridor den Eingang in die auf beiden Seiten

desselben befindlichen Stuben gestattet, waren die Verbrecher

untergebracht. Der eine Flügel faßte das männliche, der andere das

weibliche Personal, und in beiden fehlte es nicht an Gesellschaft,

obgleich die gute Einrichtung Statt finden soll, daß nur selten ein

Gefangener länger als einen Monat, ohne gerichtet zu werden, hier

sitzen soll. An Langweile leiden die Inhaftirten hier nicht, da nur

die Hauptverbrecher, welche schon ihr grobes Vergehen gerichtet hat,

oder solche, welche bei überführter That dennoch nicht eingestehen

wollen, so lange in enge, dunkele Zellen eingesperrt sind, bis sie

gewilliger, der Wahrheit die Ehre gegeben haben. Die andern Gefangenen

dagegen leben in Truppen von 8 bis 10 Mann in reinlichen Stuben, wo

sie auch des Nachts auf dem Fußboden schlafen und nur wollene Decken

zum Zudecken erhalten. -- Am Ende jedes Flügels ist ein Hofraum, in

welchem die Gefangenen am Tage herumgehen dürfen, oder sich mit Zupfen

von Roßhaaren beschäftigen. Selbst als Verbrecher glaubt der Weiße

noch über seinem schwarzen Nebenmenschen zu stehen und sondert sich

in gemeinschaftlicher Verwahrung von Letzterem dadurch ab, daß es dem

Schwarzen nicht erlaubt ist, auf der Bank, wo schon ein Weißer Platz

genommen hat, sich niederzulassen.

Das große weltberühmte Hospital mit seinen gefälligen Formen, welches

an 10,000 Kranke fassen soll, ist von freiwilligen Beiträgen der

Quäker-Gemeinde in einem großen Garten errichtet worden, und wird auch

von dieser administrirt. Vor dem Hauptgebäude steht die lebensgroße

Bildsäule ~William Penn’s~ in Quäkertracht, dem Gründer der

Stadt ~Philadelphia~ zu Ehren, nach welchem auch der Staat

~=Pennsylvanien~ seinen Namen erhalten hat. Ueberall soll in

den innern Räumen der Anstalt eine musterhafte Reinlichkeit herrschen

und der Wartung und Pflege der Kranken alle Aufmerksamkeit gewidmet

werden. Das Innere der Gebäude betrat ich nicht, da eine besondere

Aversion mich vor allen Lazarethen abschreckt, und mein Aufenthalt in

der Anstalt zu ~New-York~ mir noch zu neu vorschwebte, um Lust zu

bekommen, hier das Elend der leidenden Menschheit von Neuem zu sehen.

Noch viele andere milde Stiftungen, wie Waisenhäuser, Schulen und

dergl. sind von den Quäkern errichtet worden und werden auch von ihnen

mit erhalten. Machte mich schon die einfache Tracht dieser Gemeinde,

welche sie von den 22 in ~Philadelphia~ sich aufhaltenden Sekten

auszeichnet, aufmerksam, um so mehr fühlte ich mich durch ihre Werke

veranlaßt, über ihre religiösen Grundsätze, die zu solchem Handeln

führten, Erkundigung einzuziehen. -- Die Tempel der Quäker sind einfach

und ohne alle Ausschmückung; in denselben fehlt jedoch die Kanzel, da

sie keine besondern Prediger haben, welche von dieser herab das Wort

Gottes verkündigen, sondern sie glauben, daß der, welcher den Geist

Christi in seinem Herzen aufgenommen, dieser nun in Erscheinungen,

Träumen und geheimen Erleuchtungen sich kund gebe, weshalb ein Jeder

predigen kann, ohne deshalb durch Studiren darauf vorbereitet zu

seyn. Gott, sagen sie, berufe nicht die Weisen dieser Welt in den

Vornehmen und Mächtigen, sondern die Einfältigen habe er auserwählt,

daß sie die Weisen zu Schanden machen. Daher verhält sich die ganze

Kirchenversammlung ruhig und ein Jeder erwartet so im stillen Gebet bis

der Geist Gottes über ihn kömmt, und ihm die Worte in den Mund legt,

welche er der Versammlung verkünden soll. Glaubt sich nun eine Person

inspirirt, ob Mann oder Weib, so richtet solche sich im Sitze auf

und drückt in ruhigem, gelassenen Tone die Gedanken ihrer Seele aus.

Sie schwören nie einen Eid, weil dieses den Namen Gottes entheiligen

hieße, wenn man solchen zum Zeugen der Wahrheit menschlicher Worte

anrufe. Keine religiöse Meinung wird von ihnen verfolgt. Das Gewissen

eines Andern zwingen wollen, hieße gegen Gott handeln, da dieser nur

allein es erleuchten könne. In dem Zeichen der Erniedrigung vor einem

andern Menschen, glauben sie eitlen Stolz zu nähren. Du! ist das Wort,

mit welchem sie Jeden anreden. Der Christ soll sein Leiden geduldig

ertragen, sich weder rächen noch Blut vergießen. Die Sittenlehre

Christi allein soll den Menschen führen, deshalb setzen sie eine

geistige Gottesverehrung an die Stelle äußerer Ceremonieen, Liturgieen

und kirchlichen Pomp. Hierarchische Grade machen die Religion nicht

aus, sondern Reinheit des Herzens und gute Werke sind die Hauptsache.

-- Gegen sich selbst sind sie äußerst streng, entsagen Allem, was

das Herz und die Gedanken von Gott abziehen könne, und meiden daher

Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiele und Theater. Ihre Kleidertracht ist

einfach, und entbehrt allen Schmuck, sowohl bei Männern als Weibern

(was zumal bei den Letztern gewiß viel sagen will). Arm oder reich, --

Keiner zeichnet sich vor dem Andern aus, und nur einem Stande scheinen

sie alle anzugehören. In jeder männlichen Gestalt glaubt man einen

Landgeistlichen zu erblicken, da sie auf die Treue im Halten ihres

gegebenen Worts und ihrem Wohlthätigkeits-Sinn stolz einhergehen, und

der altmodische Schnitt des Frackrocks mit einer Reihe Knöpfe und einem

Stehkragen, nebst breitkrämpigem Hut und Stock, vervollständigen das

Bild. Selbst bei Todesfällen ändern sie nichts an der gewöhnlichen

Tracht, legen nie besondere Trauer an, oder geben durch einzelne

Symbole den Trauerfall zu erkennen.

Siebenunddreißigster Brief.

Fortsetzung.

Im August 1840.

Von meinem Kollegen aufmerksam gemacht, welcher früher schon den

~Navy-Yard~ (Schiffswerfte) besucht hatte, begab ich mich auch

dahin, um das große, im Bau begriffene Dampfschiff zu sehen, welches

für Rechnung des Kaisers von Rußland hier gefertigt wurde. -- Dieses

kolossale Schiff, das unter einem, zu solchen Schiffbauten errichteten

großem Gebäude stand, war, auf dem Deck gemessen, 250 Fuß lang und 40

Fuß breit, erhielt eine Maschine von 600 Pferden Kraft, und soll für

die Summe von 420,000 Dollars verakkordirt worden seyn.

Mit der Zusammensetzung einzelner Theile des zu diesem Bau bestimmten

Dampfkessels war man noch nicht weit vorgeschritten, und es ließ

sich daher über die Konstruktion, welche von der gewöhnlichen runden

~Boiler~-Form abwich, noch nichts Bestimmtes sagen. Nur so viel

konnte ich beurtheilen, daß der Kessel eine Façon erhielt, welche

bei wenigstem Brenn-Material und in der kürzesten Zeit das möglichst

größte Quantum Dampf zu erzeugen im Stande seyn werde, wie die vielen

Verbindungsröhren zwischen dem Siedkasten, welche alle vom Feuer

umspült werden, es möglich machten. Bei einer solchen Konstruktion

kommt alles darauf an, daß bei Anfertigung die größte Solidität Statt

findet, da die komplizirte Zusammensetzung keine Reparatur zuläßt

und deshalb auch dergleichen Dampferzeuger nicht für das Allgemeine

anzuempfehlen sind. Man hatte daher auch, um die möglichst lange Dauer

zu erzielen, statt Eisenplatten, hier Kupfer verwendet, damit außer dem

Gebrauche solches nicht vom Roste ergriffen werden könne. Ueber die

Größe der Summe, welche dieser Dampfkessel allein bestimmt, war ich

erstaunt; leider ist solches, da es nicht sogleich von mir aufnotirt

wurde, meinem Gedächtnisse entschwunden. Nur so viel kann ich mich

erinnern, daß ich dabei bemerkte: bei uns kostet das größte Haus nicht

so viel.

Gleich ~Baltimore~ sind auch hier große Mahlmühlen vorhanden,

deren Konstruktion, wenn sie nicht durch Dampf in Bewegung gesetzt

werden, denjenigen gleich ist, die ich schon angegeben habe. Vorzüglich

werden diese Etablissements bei Anwendung von Dampfkraft in dem größten

Maaßstabe ausgeführt, wovon man sich erst einen Begriff machen kann,

wenn man Dampfmaschinen von 80-100 Pferde Kraft acht Paar Steine in

Bewegung setzen sieht, die täglich 50-60,000 Pfund des feinsten Mehls

liefern. Der Mechanismus einer solchen Mühleneinrichtung, welcher

sich im ganzen Gebäude verbreitet, verrichtet alle vorkommenden

Arbeiten, ohne alles menschliche Zuthun. Nur zur nöthigen Beschickung

der Dampfmaschine und Verpackung des Mehles sind ein Paar Arbeiter

vorhanden.

Auf einer Schneidemühle, wie ich eine ähnliche zu sehen schon in

~New-Orleans~ Gelegenheit hatte, fand ich auch hier eine Maschine

im Betrieb, welche die Breter zu gleicher Zeit hobelt, fugt, den

Wasserspunt anzieht und alles mit einer Schnelligkeit, daß immer ein

Arbeiter beschäftigt war, das fertig aus der Maschine kommende Stück

wegzunehmen und ein zweiter Gehülfe ein neues Bret einlegen mußte.

Der Unterschied bei diesen Maschinen bestand darin, daß die Eine den

Spund anhobelte, die andere dagegen, mittelst kleiner Cirkelsägen,

solchen anschnitt, welches Letztere mir räthlicher schien, da die

abgeschnittenen Federn weniger Kommersch verursachten und leichter

beseitigt werden konnten, als dieses bei den wie Spreu herumfliegenden

kleinen Hobelspänen der Fall war.

Durch die in kleineren Steinhauer-Werkstätten sich mit Zerschneiden von

Marmor- und Granit-Blöcken beschäftigenden Arbeiter wurde ich von Neuem

an die von Dampfkraft in Bewegung gesetzten Sägemaschinen erinnert,

wie ich dergleichen schon in ~New-York~, ~Cincinnati~ und

~Baltimore~ gesehen hatte. -- Eine dieser Anstalten, welche mit

der Kraft von 12 Pferden arbeitete, setzte eine Gittersäge mit funfzehn

Blättern in Bewegung, so daß mit einem Schnitt der aufgelegte Block,

wenn er die dazu nöthige Breite hat, in sechszehn Platten getrennt

wird. Auf die Länge der Steine kommt es nicht an, aber nur bis zu

einer Breite von fünf Fuß können solche geschnitten werden, da dieses

die Sägeblattlänge bestimmt. Möchten doch unsere Steinhauer, welche

jetzt mit ihrem Pulversprengen und Abschällern der Steine so viele

gute Werkstücken zu dem bestimmten Zweck unbrauchbar machen, sich

dieser amerikanischen Methode bedienen, und, wenn sie auch nicht

Dampfmaschinen in Anwendung bringen, wenigstens nur, wie hier auch

tausendfältig geschieht, mit großen Handsägen arbeiten. Die Menge von

Verbrauch solcher geschnittenen Steinplatten, und die Schnelligkeit,

mit welcher solche Gittersägen arbeiten, mag daraus hervorgehen, daß

zwanzig Menschen während ihrer ganzen Lebenszeit nicht so viel Schnitte

zu thun vermögen, als in einem Jahr eine solche Maschine macht.

Auch die großen ~Porter~-Brauereien, worauf mich schon in der

Heimath ~Gall’s~ Reisebericht aufmerksam gemacht hatte, sind zu

besehen und hauptsächlich Bierbrauern zu empfehlen. Wie sehr bleiben

hinter diesen nicht unsere Anstalten zurück! Mehr noch, als in der

großen Branntweinbrennerei zu ~New-York~ wird hier zu allen

Arbeiten, welche in unsern Brauhäusern durch Menschenhände verrichtet

werden, Dampfkraft verwendet. Die Früchte hebt die Maschine vom Wagen

auf die obersten Böden des Brauhauses, von wo aus solche in die großen

Quellbottiche laufen, und zu bestimmten Zeitabschnitten von der

Maschine mit frischem Wasser übergossen werden. Ist die Frucht nach

gehöriger Weiche auf die Malztenne hinabgelassen und durch die Maschine

in die gehörigen Haufen gebracht worden, so sorgt solche ebenfalls

durch kunstgerechtes Wenden, daß alle Körner den richtigen Wurzelkeim

erhalten, worauf das gewachsene Malz ebenfalls durch Dampfkraft auf

die Schwelgböden gehoben, ausgebreitet und gewendet wird. Von hier

läuft es auf die Malzdarre, wo die Maschine ebenfalls das Umwenden

besorgt. Auf die Speicher über der Mühle gehoben, wird es von solcher,

welche gleich den andern Maschinen durch Dampf in Bewegung gesetzt

wird, geschroten. Ferner bringt die Dampfmaschine das Schrot in drei

ungeheuere Würzbottiche, rührt es darin um, pumpt das erforderliche

Wasser und hebt die Würze in die Braukessel, von hier läuft solche

auf Rinnen in die, Teichen ähnlichen, Kühlschiffe, wo sie ebenfalls

durch mechanische Vorrichtung umgerührt und so, schnell abgekühlt,

in den Keller fließt. Von hier aus wird das Bier ebenfalls durch

Dampfkraft zum Verkauf aus den Lagerfässern in die im Hofraum liegenden

~Barrels~ (Fässer) aufgepumpt. Alle diese Verrichtungen setzt die

Dampfmaschine mit ihren mechanischen Verbindungen Tag und Nacht fort

und nur fünf oder sechs Menschen sind dabei nöthig.

So gern ich auch in die Kellerräume hinabgestiegen wäre, so geboten

doch meine finanziellen Umstände die größte Sparsamkeit und da ohne

Geschenk der in diesem Departement angestellte irische Arbeiter keine

Lust bezeugte, mir dahin freien Eintritt zu gestatten, so mußte ich auf

das, was ~Gall~ mit folgenden Worten beschreibt, mit eigenen Augen

zu sehen, verzichten:

„Was mich bei dem Eintritt in den Keller ebenso in Erstaunen setzte,

waren die ungeheuren Bierfässer, oder vielmehr Kufen, in welchen

das Bier für die heißesten Sommerwochen, in welchen nicht gebraut

werden kann, aufbewahrt wird. Eins dieser Riesenfässer enthielt 3000

~Barrels~ oder, das ~Barrel~ zu fünf Dollars angeschlagen,

für 15,000 Dollars oder 80,000 Franks ~Porter~. Es maß 27 Fuß

im Durchmesser und hatte dabei eine Höhe von 22 Fuß. Noch vierzehn

andere, jüngere Riesen von 600 bis 1000 ~Barrels~, wovon jedoch

nur fünf gefüllt waren, standen in einem und demselben unermeßlichen

Gewölbe. -- Man läßt das Bier, damit es sich möglichst vollkommen

reinige in kleinen Fässern von einem ~Barrel~, gähren. Sechs

hundert hierzu bestimmte Fässer liegen in zwölf langen Reihen auf

eben so vielen, beinahe achtzig Fuß langen Rinnen, welche sich nach

einem Ende um etwa acht Zoll neigen. Die Hefe aus allen diesen Rinnen,

ergießt sich in ein großes gemauertes Becken, aus welchem sie in

besondere Gefäße aufgepumpt wird. Nachdem es hierauf ausgespült worden,

werden die Fässer auf den Rinnen umgedreht, das Bier strömt alsdann in

dasselbe Becken zusammen und wird durch die Maschine in die erwähnten

Aufbewahrungskufen gehoben.“

Dieses hier gebraute Getränke, welches in die meisten Staaten versendet

wird, ist dem Deutschen in Amerika, unter den Namen: ~Porter~,

Englisch ~Ale~ oder ~Strong-Beer~ bekannt, und ist, wie

dieses die Amerikaner lieben, äußerst stark, so daß ein Bierglas

voll davon schon berauscht. Aus gewöhnlichem Bier, wie es bei uns

gebraut wird, machen sich die Amerikaner nichts. Es haben daher schon

mehrmals deutsche Bierbrauer mit verschiedenen Sorten von Bieren

Versuche gemacht, aber ohne Glück. Ja, eine auf Baierische Manier

eingerichtete großartige Bierbrauerei, welche des guten Wassers halber

in ~Newark~ sich etablirt und Niederlagen in ~New-York~

errichtet hatte, mußte schon im ersten Jahre aus Mangel an Absatz den

Betrieb wieder einstellen, obgleich ihr Produkt, wie mir versichert

war, äußerst gut gewesen seyn soll. -- Da nun die ~Porter~-Biere

zu theuer und stark sind, so wird für gewöhnlich außer Thee und

Kaffee, selbst von den vornehmsten Familien, nur Wasser getrunken. Die

ärmere Klasse, bei welcher das viele Wassertrinken häufig Bauchgrimmen

verursacht, findet darin den schönsten Grund, einem Glas Wasser, ein

Glas ~Whisky~, (Branntwein aus türkischem Waizen, oder Welschkorn,

in Amerika Mais genannt) nach zu schicken. Der ankommende Deutsche

aus dem Bierlande vermißt daher nichts mehr, als sein gutes nahrhaftes

Getränk und deshalb haben Spekulanten in allen größern Städten kleine

Hausquetschen etablirt, wo Halb- oder ~Small-~Bier fabrizirt

wird. Dieses hat nun zu Errichtung deutscher Bierhäuser Anlaß gegeben,

welchen Verkaufsgeschäftes sich die Frau befleißigt, während der Mann

seiner Hände Arbeit nachgeht. Der Verkauf des Biers unterliegt noch

keiner Abgabe, da diese kleinern Lokale nicht der Beachtung werth

scheinen und größere Restaurationen schon hinlänglich auf spirituöse

Getränke besteuert sind, worunter das ~Porter~ mit gerechnet wird.

Da ich schon in ~New-Orleans~, ~Baltimore~ und

~Washington~ versäumt, die dasigen Museums zu besuchen und mir

gleichsam diesen Genuß bis jetzt aufgespart hatte, so fand ich auch

hier zusammen, was wahrscheinlich jene drei Museen nicht bieten können.

Aller hier in ~Peals-Museum~ zu ~Philadelphia~ aufgestellten

naturhistorischen Gegenstände zu erwähnen, noch gar zu beschreiben,

fühle ich mich viel zu schwach. Es soll diese Bemerkung nur als

Fingerzeig gelten, damit meine Landsleute, welche dieses lesen und

hieher kommen sollten, nicht versäumen, eines der größten Museen der

Welt zu sehen.

Das merkwürdigste Stück ist ein im Staate ~New-York~ in einem Sumpf

aufgefundenes Mammuths-Skelett, dessen Höhe zwölf und seine Länge

18 Fuß beträgt. Die Vorderzähne fehlen, dagegen sind die beiden

Fangzähne um so auffallender, da jeder über fünf Fuß lang und an der

Wurzel zehn Zoll im Durchmesser stark ist. Die Backzähne haben, wie

angegeben wird, 1½ Fuß im Umfang und sind vier Pfund schwer. -- Die

über 5000 Exemplare starke Vögelsammlung enthält Alles, vom Strauß

bis zum kleinsten Kolibri herab, und unter den schön gefiederten

Papageien, Paradiesvögeln &c. zeichnet sich vor Allem eine, in einem

besondern Glaskasten stehende ~Mäunra~ aus. Von den vielen Schlangen,

welche theils leben, sind die Klapperschlangen am Auffallendsten.

Außer einer großen Menge vierfüßiger Thiere, Fische, Insekten,

Raupen, Schmetterlinge, Conchilien und Mineralien, sieht man noch

verschiedene thierische Mißgeburten, Menschen- und Thier-Schädel, wie

ganze Gerippe. Eben so interessant sind die mannichfaltigen Waffen und

Kostüme indianischer Stämme, so wie die Bildergallerie ausgezeichneter

Staatsmänner und Gelehrter aus der alten und neuen Welt.

Ein heftiger Wortkampf, welcher am gestrigen Abende alle Anwesenden

in unserer Wohnung in Allarm brachte, gab Anlaß, daß heute mehrere

der Gäste an Ort und Stelle sich von der Ursache des Streites

überzeugten, welchen ich mich anzuschließen nicht verfehlte. -- Es

sollten nämlich einige Tage vor meiner Ankunft in ~Philadelphia~

in einem Stadttheile, durch das Gesetz dazu berechtiget, von der

Eisenbahn-Kompagnie die Schienen gelegt werden, da aber die daselbst

Wohnenden sich in ihrem Marktgeschäft beeinträchtigt glaubten, so

widersetzten sie sich der weitern Arbeit und demolirten einen Theil der

schon fertigen Bahn. Auf desfalsiges Anrufen des Gesetzes, wodurch die

Polizei einzuschreiten suchte, nahm die Erbitterung der Demolirenden

zu, welches den Gerichtshof veranlaßte, die Miliz zu requiriren,

um mit entschiedener Kraft einschreiten zu können. Leider kam aber

Letztere den erhaltenen Befehlen nicht nach, wodurch die Insurgenten

in ihrem Muthwillen noch mehr bestärkt wurden und sich erfrechten, die

Eisenbahngebäude, nebst den Gasthof des Herrn ~Emory~ in Brand zu

stecken, und die herbeieilenden Spritzen vom Löschen abzuhalten. Herr

~Emory~ hatte nämlich für einige zwanzig Polizei-Offizianten,

welche zur Herstellung der Ordnung möglichst gewirkt hatten, eine

Abendmahlzeit bereitet. -- Hiernach kann man beurtheilen, wie

schwach die Gesetzgebung bei Ausübung ihrer Rechte in diesem sich

freidünkenden Lande ist, da sie nicht einmal vermag, das Eigenthum der

Bürger und die erworbenen Rechte einer Gesellschaft vor der Willkühr

roher Menschen zu schützen.

Am Morgen des vierten Tages meines Aufenthaltes waren

~Philadelphia’s~ Straßen wie ausgestorben, und keine Spur war

vorhanden, daß hier 200,000 Menschen zusammen verkehren sollten. Die

Feier des Sonntags hatte alle Geschäfte gelähmt, und selten verließ

Jemand das Haus eher, als die Kirchenglocken zum Gebet in die Tempel

riefen. Auch ich konnte diese Zeit nicht besser benutzen, als in

frommer Andacht an Gottgeweihter Stätte mich der ferneren göttlichen

Gnade zu empfehlen. In einem Tempel der Quäkergemeinde, welche Sekte

mich durch ihre Handlungsweise für sich eingenommen hatte, ließ ich

mich nieder. Die Räume waren mehr als überfüllt und eine tiefe Stille,

welche nur durch neugierig Kommende und Gehende unterbrochen wurde,

herrschte im Gebäude. Wohl eine Stunde harrte ich der Dinge, die da

kommen sollten, doch vergebens. Keiner der Frommen glaubte sich vom

Geiste inspirirt, um durch lautes Gebet den Andern seine Gedanken

vorzutragen und Alle murmelten nur still vor sich hin. Dadurch ward ich

zuletzt selbst gelangweilt und verließ den Ort, um eine andere von den

60 hier vorhandenen mitunter prachtvollen Kirchen zu besuchen.

Leider hatte ich durch Erkältung heute wieder viel von Kolik zu leiden

und ich sah mich genöthigt, auf dem Wege zum Tempel in einer Apotheke

einzusprechen, worauf ich, ins Quartier zurückgezogen, mir Linderung zu

verschaffen suchte.

Die Theater hier zu besuchen, erlaubte der Stand meiner Kasse nicht,

und nur auf die nöthigsten Ausgaben beschränkt, war es möglich; mit

der Baarschaft ~New-York~ wieder zu erreichen, wohin ich mit dem

Dampfschiffe am Morgen des 11. August abzugehen gedachte. Doch die

Schmerzen nahmen am Abend zu, und der Leibesschaden machte die Hülfe

eines Arztes nöthig, wodurch die zur Fuhre bestimmten letzten vier

Dollars mit angegriffen wurden und ich so am nächsten Morgen zwar von

Schmerzen befreit, doch sehr schwach, von Neuem den Wanderstab ergriff

und zu Fuße langsam dem auf meiner Tour liegenden ~Newark~ zu

pilgerte, wo ich in Freundes Armen wieder einen Tag der Ruhe genießen

konnte.

Achtunddreißigster Brief.

Wanderung nach ~Newark~.

Im August 1840.

Ohne Reisegefährten mußte ich ~Philadelphia~ verlassen, und der

sieben Stunden lange Weg bis ~Bristol~ ward mir zur Ewigkeit,

da kein gesellschaftliches Gespräch die Zeit kürzte und die matten

Glieder oft der Ruhe bedurften. Dabei war der Gedanke, daß man in

bessern Verhältnissen, als die meinen, diese Reise schnell und ohne

alle Strapaze machen könne, nicht geeignet, meine trübe Stimmung zu

erheitern. Erst spät kam ich am letztern Orte an, traf aber zum Glück

eine mitleidige Seele, welche mich für wenige Zahlung gut aufnahm.

In ~Bristol~ werden die mit dem Dampfschiffe auf dem

~Delaware-~Flusse nach ~New-York~ reisenden Passagiere

ausgesetzt, und von da auf Wagen 40 Meilen zu Land bis ~Brunswick~

befördert, wo sie ein anderes Dampfschiff, welches Passagiere von

~New-York~ gebracht hat, als Retour-Fracht aufnimmt und auf dem

~Rariton-~Flusse und ~Hudson~ nach letzterer Stadt bringt.

Bei stattfindendem starken Verkehr der beiden Hauptstädte

Amerika’s, ~New-York~ und ~Philadelphia~, rentirte diese

Dampfschifffahrt sehr gut, welches andere Spekulanten auf die Idee

brachte, zwischen beiden genannten Städten eine direkte Verbindung

herzustellen, und über ~Newark~ eine Eisenbahn zu errichten. War

auch das Terrain dem Unternehmen wenig günstig, so hielt man sich

doch bei der Vorrede nicht lange auf. Die nachgesuchte Erlaubniß

zum Bau wurde von der Regierung, um sich der Betheiligten Gunst zu

erhalten, gegeben, und über das Aber (welches immer bei uns die größte

Schwierigkeit bietet), wie die nöthigen Gelder herbeizuschaffen seyen,

war man hier, wie immer, weniger besorgt. Die Presse kam in Thätigkeit,

und in Kurzem lagen so und so viele Millionen Papiernoten zur

Disposition bereit. Ein Berg wurde in successiver Steigung in krummer

Linie befahren, stundenlange Schluchten durch Sprengen haushoher

Felsenmassen gebildet, morastige Stellen durch Roste und Knüppeldämme

zu festen Unterlagen geschaffen und große, herrliche Brücken geleiteten

über die Flüsse.

Terrain-Schwierigkeiten kennt der Amerikaner nicht, denn ist einmal

die Ausführung eines projektirten Unternehmens beschlossen, so werden

alle Hindernisse beseitigt und ich hege den Glauben, legte sich unser

Herr Gott selbst dazwischen, sie wären im Stande, ihn aus dem Wege zu

schaffen.

Was zu befürchten stand, traf ein. Die Eisenbahn-Gelegenheit wurde

mehr benutzt als die Dampfschiffe, und die Interessenten der Letztern

setzten daher den Fahrpreis herab, um dadurch das Publikum wieder für

sich zu gewinnen. Doch die Eisenbahn-Gesellschaft blieb nicht zurück

und beförderte von dieser Zeit an die Reisenden noch billiger, worauf

die Dampfschiff-Aktionäre zum Aeußersten schritten, und ihre Schiffe

dem Publikum zur unentgeldlichen Benutzung offerirten. Tausende

machten jetzt von dieser Gratis-Fahrgelegenheit Gebrauch, und die

Herren Gastwirthe beider Städte befanden sich dabei am wohlsten. Doch

nur zu bald sahen beide Gesellschaften ein, daß sie ihr unsinniges

Handeln zu Grunde richten mußte, und trafen das Uebereinkommen, nur für

einen bestimmten Preis (~à~ Person 4 Dollars) die Passagiere zu

befördern.

Die Dampfschifffahrt, welche bei weniger Schnelle dem Reisenden

mehr Angenehmes bietet, als es auf der Eisenbahn der Fall ist, hat

noch durch ihre Eisenbahn-Verbindung der Städte ~Bristol~ und

~Brunswick~, wo früher nur Eilwagen hin und hergingen, sehr

gewonnen.

Die schöne Witterung am 12. dieses und der Umstand, daß ich wieder von

allem Leibesschmerz befreit war, machte das Fußreisen weniger lästig,

und heitern Sinnes durchwandelte ich längs des ~Delaware~ die

herrliche Gegend, in der immer reichlich angebaute Felder, hübsche

Landhäuser und Bauernhöfe, mit Scheunen und Wirthschafts-Gebäuden

umgeben, wechselten. Obstgärten, Hügel, Thäler und waldige Höhen

boten sich dem Auge in mannichfaltigen Gestalten dar, und das Weiden

zahlreicher Heerden auf fetten Wiesen und die geschäftige Thätigkeit

der Landleute auf den Feldern brachte Leben in die Natur.

Hier ist es auch, wo am Ufer des ~Delaware~ auf einer Anhöhe,

welche die herrlichste Aussicht gewährt, ~Joseph Buonaparte~, der

vormalige König von Spanien, seinen Landsitz aufgeschlagen hatte und

unter dem Namen eines Grafen ~Survilliers~ den Amerikanern bekannt

ist.

In ~Trenton~, der Hauptstadt vom Staate ~New-Jersey~,

führte mir der Zufall einen Dresdner, von Profession ein Schneider,

wieder zu, welcher in den Freudentagen zu ~New-Orleans~, wo auf

Regiments-Unkosten gelebt wurde, eine Hauptrolle spielte. Von diesem

erfuhr ich, wie sich der Geschäfts-Zustand nach meiner Abreise zur See

um nichts gebessert, täglich der Arbeit Suchenden mehrere geworden,

und Vielen durch Veräußerung ihrer Sachen es erst möglich geworden

sey, die Reise nach ~St. Louis~ zu machen, wo sie jedoch aus dem

Regen in die Traufe gerathen seyen. Ihm selbst sey, im Besitz der

englischen Sprache und einiger musikalischen Kenntnisse (die Guitarre

führte er immer bei sich), das Weiterreisen nach den nördlicher

gelegenen Staaten weniger schwer geworden und er wäre jetzt im Begriff,

in ~Philadelphia~ sein Glück zu suchen, da er dasselbe in

~New-York~ ebenfalls nicht gefunden habe. -- Dies passirte einem

Schneider, sonst eines der besten Geschäfte in Amerika, welcher im

Besitz der englischen Sprache, von angenehmem Aeußern, und dabei eine

Kunstfertigkeit besaß, die nicht allen seinen Zunftgenossen eigen ist,

wovon ich mich, während unseres Zusammenwohnens in ~Orleans~, zu

überzeugen Gelegenheit hatte.

In der Stadt ~Trenton~, mit 3000 Einwohnern, ist außer dem

~Court-House~ nichts besonders Merkwürdiges zu sehen, was mir

aufgefallen wäre; sie besitzt nur eine lange breite Hauptstraße mit

wenig Querstraßen und unter den großen steinernen Häusern zeichnet

sich besonders das ~State-House~ und das Bankgebäude aus. -- Um

so merkwürdiger ist aber die nach besonderer Konstruktion über den

1000 Fuß breiten ~Delaware-~Fluß errichtete bedeckte Brücke. In

acht großen, 36 Fuß breiten und 135 Fuß weiten Bogen, welche das Dach

der Brücke tragen, hängt zugleich die Brücke selbst. Jene Bogen, aus

fünf oder sechs übereinander gelegten, drei Zoll starken tannenen

Bohlen gebildet, ruhen mit ihren Enden auf großen Pfeilern, welche

sich über 40 Fuß hoch aus dem Flusse erheben. Die Brücke selbst liegt

auf Querbalken, welche starke eiserne Stangen-Bolzen mit den hohen

Bögen verbinden. Längs der Mitte theilt eine Scheidewand die Brücke in

zwei Hälften, wodurch nicht allein zwei Fahrstraßen gebildet werden,

von welchen der Fuhrmann die zur Rechten einschlagen muß, wie die

Ueberschrift an beiden Einfahrten besagt, sondern sie trägt auch die

unter ihr liegenden Balken mit, und giebt so dem Baue eine noch größere

Festigkeit.

Beim Passiren der Brücke wurde mir eine nicht geringe Verlegenheit

bereitet, als 10 ~Cent.~ Wegegeld verlangt wurden und meine ganze

Baarschaft nur noch in einer Zwei-Dollar-Note bestand. Um mir diese

Ausgabe zu ersparen und hier nicht wechseln zu müssen, schützte ich

vor, nicht im Besitze irgend einer Geldsorte zu seyn, und bat deshalb

um freien Durchlaß. Doch alle in deutscher und englischer Sprache

gethanen Vorstellungen halfen nichts, keine Grimasse war im Stande die

Herzen zu rühren, und so stand ich wohl eine halbe Stunde lang wie

ein Narr, unschlüssig, was ich thun oder lassen sollte. Ich hätte die

Kerls, welche den Weg verrammelten, umbringen können. Die Note, meinen

letzten Reichthum, jetzt hervorzuholen, war um so weniger räthlich,

weil ich dadurch zeigte, daß ich die Geldeinnehmer nur zum Besten

gehabt, und dann gewiß ein Paar amerikanische Rippenstöße auf den Weg

~gratis~ erhalten haben würde; wer mag wissen, wie lange ich noch

wie ein armer Sünder an diese Stelle gebannt gewesen wäre, wenn nicht

ein in einem Cabriolet ankommender ~Gentleman~ meinen Zahlmeister

gemacht hätte.

Die Gegend bis ~New-Brunswick~ ist hügelig und größtentheils

waldig, doch längs der Straße gut angebaut, und überall wechseln große

Meierhöfe mit kleinen Farmen ab.

In ~Princeton~, einem noch wenig ansehnlichen Ort, welchen man auf

der Tour nach ersterer Stadt passirt, befindet sich eine Hochschule,

die für eine der vorzüglichsten in den Vereinigten Staaten gehalten

wird und von mehr als 200 Studirenden besucht werden soll.

~Kingston~ dehnt sich längs der Straße in einer doppelten

Häuserreihe aus, und gewährt dem Reisenden eine freundliche Ansicht.

-- Am Ende des Ortes traf ich einen Quacksalber am Chausseegraben

sitzend, beschäftigt, die in Unordnung gekommenen Pillen, Latwergen,

Wundertropfen und sonstigen Universalmittel wieder zu ordnen, da

sein Medizinkasten, welchen er gleich einer Drehorgel trug, eher vom

Wagen, auf welchen ihn ein mitleidiger Farmer bis hieher mitgenommen,

die Erde erreicht hatte, als er selbst. So bedauerlich auch dieser

Vorfall war, so konnte ich mich doch des Lachens nicht enthalten, als

ich ihm behende die übrigen Tropfen aus verschiedenen zerbrochenen

Gläsern in unversehrt gebliebene leere Fläschchen durcheinanderfüllen

sah, woraus ein Tränkchen bereitet wurde, welches gewiß mit einem

Male von Zahnschmerz, Magendrücken und Podagra geholfen hat. Dieser

Deutsch-Amerikaner verleugnete anfänglich sein Vaterland, wie es

gewöhnlich die Deutschen, wenn sie der englischen Sprache erst

kundig sind, an der Mode haben; da er aber in mir einen Weimaraner

erkannte, und er aus Leipzig abzustammen vorgab, so öffneten sich

die Herzen, und nachdem er einige meiner amerikanischen Affairen

vernommen hatte, so theilte auch er mir mit, daß er eigentlich ein

gelernter Haarkräusler sey, bei seiner Ankunft in ~New-York~ aber

auf sein Geschäft kein Unterkommen gefunden, und daselbst die sich

darbietende Gelegenheit benutzt, in einer Barbierstube die vakante

Stelle eines Barbierbeflissenen einzunehmen, weshalb er Kamm und

Scheere dem Rasirmesser untergeordnet habe. Während seiner Condition

in ~Lancaster~ sey ihm beim Herausnehmen eines Zahnes, in dem

Patienten die Bekanntschaft eines herumreisenden Wunder-Doktors

geworden, und dieser habe ihn bestimmt, einen ähnlichen Erwerbszweig

zu ergreifen, der mehr als Kamm, Scheere und Rasirmesser zu rentiren

verspreche. In ~New-York~ habe er sich mit dem Nöthigen versehen

und sey eben auf der Reise nach ~Pennsylvanien~ begriffen; leider

gebe aber der heutige Unfall nicht die besten Aspecten für die Zukunft.

Hierbei erlaube ich mir eine interessante Bekanntmachung aus ~Gall’s~

Reisebericht anzuführen, woraus man sehen kann, wie ausgedehnt

mancher Quacksalber hier sein Geschäft betreibt: „Herr ~T. W. Dyott~,

der bei seiner Ankunft in ~Philadelphia~ das bescheidene Gewerbe

eines Schuhputzers trieb, dann Schuhwichse fabrizirte, versendet

gegenwärtig täglich ganze Ladungen von Arzneien nach allen Richtungen

ins Innere des Landes bis nach ~Pittsburg~, von wo sie auf dem

~Ohio~, dem ~Mississippi~ und ~Missouri~ zum Theil über 2000 Meilen

weit verschifft werden. Dieser Wunderdoktor kündigt in der Union und

in der ~United-States-Gazette~, indem er sich einen ~grand-son of

the celebrated Dr. Robertson~ (Enkel des berühmten ~Dr. Robertson~)

nennt, 147 verschiedene Salben, Pillen, Tränkchen, Pflaster, Tropfen,

Oele, Tinkturen gegen alle wirklichen und noch möglichen Feinde der

menschlichen Gesundheit an. Eine große Anzahl dieser Universalmittel

gegen alle nur erdenklichen Zahn-, Ohren-, Augen-, Lungen-, Magen-,

Nerven-, Gallen-, Leber-, Nieren- etc. Uebel, führen des Herrn Doktors

eigenen Namen, z. B. ~Dr. Dyott’s infallible patent tooth-ache-drops~.

(~Dr. Dyott’s~ unfehlbare Patent-Zahnschmerzen-Tropfen), welche er,

als eine eigene Erfindung, vermöge eines Patents vierzehn Jahre lang

allein fabriziren darf. Auch wer Schönheit und blühende Farbe bis ins

späteste Alter erhalten will, wird in seinen Anzeigen das dazu Nöthige

finden.“ Nach den blassen Leichengesichtern der Amerikaner aber zu

urtheilen, scheinen diese Mittelchen bisher noch nicht die erwünschte

Vollkommenheit erreicht zu haben.

~New-Brunswick~, am ~Rariton-~Flusse, ist schon eine ansehnliche Stadt

mit einer breiten Hauptstraße, welche von andern weniger breiten im

rechten Winkel durchschnitten wird. Die Häuser sind meist von Stein

aufgeführt, und geben durch ihre Größe dem Ganzen ein imposantes

Ansehen. Die Umgebung des Orts ist äußerst reizend, gut angebaut und

mit netten Landhäusern verziert. Ueber den Fluß führt eine hölzerne

Brücke, welche gleich der bei ~Trenton~ für die Fuhrwerke in zwei

abgesonderte Wege getheilt ist.

Der Stand meiner Kasse war ziemlich erschöpft und erlaubte nicht, ein

Gasthaus in ~Brunswick~ zu beziehen; ich verließ daher gegen Abend

noch die Stadt, um Nachtquartier bei einem gastfreundlichen Landmanne

zu suchen. Doch ~Fortuna~ war mir nicht hold, Gott mochte wissen,

mit was ich das Weib schon wieder einmal erzürnt hatte. Schon zweimal

von Farmern abgewiesen, wurde beschlossen, da die Nacht eben nicht kalt

war, unter freiem Himmel zu campiren und eine Hafermandel gleich einem

Kanninchen zu beziehen.

Was ist doch der Mensch nicht für ein närrisches Geschöpf; entweder

ist er bestimmt, die höchsten Stellen im Leben zu bekleiden und auf

seidenen Matten zu ruhen, oder unbeachtet und vom Geschick bis zur

Lagerstelle des Thieres auf dem Felde verwiesen.

Hatte ich auch Ruhe hier vor den Wanzen, dem häßlichen Ungeziefer,

welches überall in den Vereinigten Staaten heimisch ist, so stachelten

doch die Strohhalme um so empfindlicher an Kopf und Gesicht, da der

Nachtthau nöthigte, mich tiefer zu verscharren und eine Decke zu

bilden. An Schlaf war nicht zu denken; der rege Geist schweifte aus der

Vergangenheit in die Zukunft über, und aus meiner Jugendzeit, die ich

auf der Wanderschaft verlebt und auf derselben viele Nächte auf hartem

und unbequemem Lager zugebracht, stellte sich manche Scene lebhaft

dem Gedächtnisse vor. -- Wer hätte mir vor 23 Jahren in der Hungerzeit

1817, wo ich als Bäckergeselle ohne Erlaubniß Rußlands Gränzen

überschritt, und dafür mit meinen drei Reisegefährten, auf Stroh

gebettet, mit dem Kantschu gestriegelt ward, oder, nachdem ich das

Geschäft changirt, im Jahre 1822 als Kupferschmidt auf der Wanderschaft

nach der Türkei begriffen, in Ungarn die Bekanntschaft der Wölfe

machte, auch später staunend den Rheinfall bei ~Schaffhausen~ als

etwas Großartiges bewunderte -- wer hätte mir zu jener Zeit voraussagen

können, daß ich in Amerika noch Manches sehen, noch Vieles erfahren

würde, was meine frühern Lebensereignisse in den Hintergrund verdrängen

könnte? Doch, je mannichfaltiger die Gegenwart sich um mich gestaltete,

um so mehr wurde die Neugier auf die Zukunft gesteigert, und was

mag wohl das Schicksal mir noch alles aufgespart haben, bevor die

Pilgerschaft in dieser Welt vollbracht, und ich hingehe in das Reich,

von wo aus den Hinterbliebenen keine Reiseberichte zugeschickt werden

können.

Der freundliche Morgen schaute schon in meine Strohhöhle hinein, als

ich, der erst spät entschlummert war, von dem Gerassel vorbeifahrender

Wagen geweckt wurde. Schnell war die Toilette gemacht, das Reisegepäck

geordnet und von dem Nachtquartier Abschied genommen, bei welchem kein

gefälliger Wirth, von handausstreckenden Marqueuren umgeben, glückliche

Reise und baldiges Wiederkommen wünschte. Was mögen wohl beim Auffinden

des leeren Nestes die Amerikaner gedacht haben, da dergleichen

Acquisitionen hier nicht, wie es häufig bei uns geschieht, vorkommen? --

Der hungerige Magen und der schlaffe Geldbeutel spornten zur Eile, da

bis ~Newark~ nicht eingekehrt werden durfte, und jemehr man sich

den Hafenstädten näherte, um so mehr pflegte die Freigiebigkeit der

Menschen abzunehmen.

Neununddreißigster Brief.

Aufenthalt in ~Newark~.

Im August 1840.

Der Stiefsohn des Herrn Riemermeister Wimmer, Freund Köhler, welchen

ich schon gleich nach meiner Ankunft in Amerika, zu ~Newark~

besucht und mit Briefen aus der alten Heimath erfreut hatte, nahm

mich zum zweiten Male herzlich auf und war hoch erfreut, daß ich Wort

gehalten und ihn nach vollbrachter Reise, wie ich versprochen, wieder

aufgesucht habe und nun über Alles berichten konnte.

Dieser Landsmann war noch am Ausgange der Zeit, in welcher in Amerika

leichter wie jetzt Geld verdient wurde, hier angekommen, und hatte

sich nicht allein auf sein Riemergeschäft durch Fleiß und Sparsamkeit

ein hübsches Sümmchen erworben, sondern auch durch seinen sittlichen

Lebenswandel die Zuneigung und das Herz einer jungen, hübschen Wittwe

zu erobern verstanden, durch welche er in den Besitz eines Hauses

gelangte; doch auch ihn trafen des Schicksals Schläge, und das

Eigenthum wurde durch die Flammen vernichtet, so daß nur die Baarschaft

gerettet werden konnte.

Das Aufblühen der Fabrikstadt ~Newark~, welches mehr und mehr

Menschen von ~New-York~ dahinzog, bestimmte ihn, daselbst eine

Wohnung zu renten (miethen) und ein Kosthaus zu etabliren, welches

bald durch seine Bekanntschaft mit vielen Arbeitern, verbunden mit

Reellität, eine nicht unbedeutende Anzahl Kostgänger erhielt. -- Das

Verdiente im Kasten aufzubewahren, hielt er nicht für räthlich, eben

so wenig glaubte er solches auf einer Bank sicher untergebracht und

folgte daher dem Beispiele vieler Anderer, indem er Lotten (Bauplätze)

kaufte, welche zwar schon hoch im Preise standen, aber noch täglich

an Werth zunahmen. Doch schnell, wie ein Zauberschlag, wovon man

sich bei uns keinen Begriff machen kann, trat ganz unerwartet eine

Stockung im Geschäftsleben ein; mehre große Bankerotte folgten kurz auf

einander, wodurch im Drange der Umstände viele Fabriken das Geschäft

ganz einstellen oder bedeutend vermindern mußten, und so mit einem Male

Tausende von Fabrikarbeitern, welche Zahl die verabschiedeten Arbeiter

an Neubauten, wovon ganze Straßen in ~Newark~ im Angriffe waren,

noch vermehrten, nun ohne Verdienst umherirrten, nicht wissend, von was

sie leben sollten, da selten der Amerikaner aus der arbeitenden Klasse

auf einen Nothpfennig bedacht ist, und eben so schnell wieder vergeudet

und auf seine Kleidung verwendet (da in letzter Beziehung kein Stand

dem andern nachstehen will), was er die Werktage über verdient hat. Die

unausbleibliche Folge war, daß auch die Lotten täglich mehr im Werthe

sanken, da Viele nothgedrungen, solche wieder veräußern mußten, selten

einen Käufer fanden und mit 90 pCt. Verlust ihren vermeinten Reichthum

in andere Hände übergehen sahen. Auch meinem Freund Köhler traf dieses

Loos, da viele seiner Kostgänger, außer Stande zu zahlen, sich heimlich

davon gemacht und nicht unbedeutende Schulden zurückgelassen hatten. So

sah sich derselbe zum zweiten Male ohne Schuld vom Schicksale verfolgt

und so um das Seine betrogen. Doch immer rührig und unverdrossen, und

eine Frau zur Seite, die ihn treulich unterstützte, brachte er sich und

seine Familie rechtlich durch und von Neuem wurde der Anfang gemacht,

auch den Kindern Etwas zu erübrigen, da er durch Schaden klüger

geworden, seinen Kostgängern nicht mehr kreditirte.

~Newark~ ist sehr großartig angelegt, besitzt meist breite

Straßen, worunter sich besonders die Marktstraße auszeichnet, auch eine

Anzahl schöner Gebäude. Doch verriethen dem Fremden mehre Ruinen neuer

im Aufbau gewesener Häuser, daß sich die Stadt nicht wieder erholt

habe und ihre jetzige Geschäftsthätigkeit in keinem Verhältnisse zu der

frühern Zeit stehe. Ueberall, wo man hinkam, hörte man über schlechte

Zeiten und den zunehmenden Verfall der Fabriken klagen.

Durch Freund Köhler und dessen Bruder, welcher bei Ersterem mit

~boardet~ (in Kost war), bin ich in verschiedene Fabriken und

Werkstellen eingeführt worden, von denen mich besonders eine patentirte

Schneiderscheeren-Fabrik interessirte, da ich hier die nothwendigste

Waffe dieser edlen Zunft in der größten Vollkommenheit zu sehen

Gelegenheit hatte. Das gußeiserne Scheeren-Gestelle, welches genau

nach Form und Lage der Hand abgepaßt war, beschwerte die Hand des

Zuschneiders während des Gebrauches nicht im Geringsten, wie solches

bei unsern gewöhnlichen Scheeren der entgegengesetzte Fall ist und

deshalb der Handgriff mit Anschrode umwunden werden muß. Dabei besaß

ein solches Instrument nach dem Zunftausdruck: eine solche Eleganz,

daß man sich darin spiegeln könne, und eine Schneide, welche nichts zu

wünschen übrig lasse.

Mancher Feuerarbeiter, der dieses liest, wird freilich staunen, wenn

er von Gußgestelle und guter Schneide hört; doch dieses Räthsel wird

dadurch gelöst, daß die hier arbeitenden Amerikaner verstehen, Gußeisen

mit dem besten Stahl zu belegen und eine Schweißstelle zu verfertigen

wissen, welche dem forschenden Auge nicht leicht sichtbar ist. Gern

hätte ich eine Scheere angekauft und als Muster mit in die Heimath

gebracht, da aber eine solche 6-8 Dollars kosten sollte, so hielten

mich triftige Gründe davon ab.

Auch die Herren Fußbekleider finden hier die hohe Schule, da eine

einzige Schuh-Manufaktur jährlich 60,000 Paar Schuhe verfertigt, doch

diese nicht nach unserer Manier zusammennäht, sondern zusammennagelt.

-- „Ho, Ho!“ werden unsere deutschen Meister ausrufen: „das muß eine

schöne Arbeit seyn!“ und dennoch kann ich versichern, daß sowohl die

Façon, wie die saubere Arbeit selbst, vollkommen befriedigt, und der

Amerikaner, welcher vom Ausbessern und frischen Besohlen, nichts weis,

sondern seine unbrauchbar gewordene Fußbekleidung sofort mit neuer

wechselt, bevorzugt solches genagelte Schuhwerk dem anderen, da dieses

an Haltbarkeit jenes weit übertreffen soll.

Die mittelst einer besondern Vorrichtung zugeschnittene Sohle

erhält durch eine andere Maschine ringsum am Rande drei Reihen

regelmäßig geordnete Löcher, in welche ein anderes Kunstwerk kleine

Blechnietchen einsetzt. Ist das Oberleder durch Ueberziehen auf eiserne

Formen in Façon gebracht und der Rand mit schmalen Lederstreifen

belegt, so wird die Sohle aufgepaßt und das Ganze kömmt nun in

einen besonderen Mechanismus, durch welchen, indem mehre ringsum

befindliche Schraubestöcke zugleich das Oberleder und die Sohle fassen,

bewirkt wird, daß sich die Blechnieten in den doppelten, einwärts

gekehrten Rand des Oberleders drücken, und gleichzeitig die inwendig

hervorragenden Seiten umgeben und vollkommen platt pressen. Zwölf bis

sechszehn Menschen wird es durch diese Vorrichtungen möglich gemacht,

täglich 200 Paar Schuhe bis zum Verkauf anzufertigen, welche im Handel

mit 2½-3 Dollars bezahlt werden.

Wie nun in Amerika immer ein Geschäft dem andern in die Hände zu

arbeiten pflegt und man Reellität nur dem Namen nach kennt, so sorgen

auch in diesem Artikel die Herren Gerber dafür, daß eine an sich starke

Sohle, welche nicht, wie dieses mitunter bei uns der Fall ist, mit

Schuhspahn kunstgerecht gefüttert worden ist, dennoch bald den Weg

alles Fleisches geht und der Nachfolgerin Platz zu machen sucht. --

Das Garmachen der Häute wird hier, im wahren Sinne des Wortes, mit

Dampf betrieben, da man die Häute nicht, wie bei uns, schichtweis

aufeinander in die Gruben zur jahrelangen Aufbewahrung legt, wie es

ein gut zubereitetes Leder verlangt, sondern solche auf Stangen in

die Behälter hängt, und die Lauge, welche die Felle umgiebt, mit

Dampf immer in den bestimmten Wärmegraden zu erhalten sucht, wodurch

es möglich wird, daß eine so behandeln Kuh- oder Ochsenhaut nach 6-8

Wochen als fertiges Leder zum weitern Verbrauch in den Handel kommen

kann. Wie es dabei mit der Güte der Waare aussieht, darüber werden

wohl Sachkenner am besten urtheilen können. Doch darnach fragt der

Amerikaner nicht, wenn nur das im Geschäft steckende Kapital schnell

wieder umgesetzt wird.

Hier wurde mir auch eine Splitmaschine gezeigt, welche die Häute in 6-8

Theile spaltet, und solche unversehrt zum schwächsten Leder fertigt.

Besonders viel Fässer zur Aufbewahrung von Aepfelwein werden in

~Newark~ gemacht und weit versendet. In einer der größten

Werkstätten sah ich mit Staunen, welche Fertigkeit die Arbeiter,

welche nichts anderes, als solche Fässer machen, erlangt haben, und

mit welchem Geschick der eiserne Hammer, der die Stelle der Klopfkeule

und des Schnitzers ersetzt, geführt wird. Eine einfache Vorrichtung am

Kamin, mit Anwendung einer Winde, bringt die an der einen Seite, mit

einem 1 Zoll starken Bundreif zusammengehaltenen Faßdauben, nachdem

solche erwärmt worden sind, in die Façon des Fasses, in welcher es

der nun an der andern Seite übergelegte Bundreif erhält, wenn das zum

Zusammenwinden gebrauchte Seil abgenommen wird. Das Einstreichen der

Kimme (Gärgel), das Abrunden des Bodens, wie das Anlegen der Reife

selbst, geht mit bewundernswürdiger Schnelle von Statten, und nur

wenige Fässer wurden beim Probiren als leck befunden, und in diesem

Fall mit eingelegtem Schilf verwahrt. Mein Landsmann Köhler, welcher

mich in diese Werkstätte geleitete, bestätigte die Angabe, daß ein

Arbeiter täglich zwei Zwei-Eimer-Fässer nicht nur zusammensetze,

sondern dazu auch noch die nöthigen Reife spalten und zurichten müsse.

Er habe daher in Amerika erst das, was arbeiten heiße, kennen gelernt

und in der ersten Zeit, da diese Faßarbeit nach dem Stück bezahlt

wurde, nicht das Salz verdient.

In einer Wagen-Manufaktur, welche ein Patent auf die Anfertigung

einspänniger zweiräderiger Stadtwagen erhalten hatte, bei denen nach

einer besondern Konstruktion der zusammengesetzte Kasten auf den

Federn steht und der Eingang an der hintern Wagenseite angebracht war,

wurde besonders der aufgelegte Lack und die bunte Arabesken-Malerei

bewundert. Der Amerikaner baust bei derartiger Malerei nur die

Hauptpartieen auf und malt die Ausläufe aus freier Hand, da er hier

eine zu genaue Symmetrie nicht liebt, sondern so viel mannichfaltige

Veränderung anbringt, als möglich.

Besonders merkwürdig war mir in ~Newark~ noch die erbaute

Eisenbahn, auf welcher Kanalboote vom Fluß-Wasser auf einen nicht

unbedeutenden Berg gefahren, oder von der auf der Höhe angelegten

Kunst-Wasser-Straße in den am Fuß des Berges weggehenden Fluß

herabgelassen wurden. An einer starken eisernen Kette, welche in

der Mitte der Eisenbahn liegt, befindet sich der beschwerte Wagen,

damit er nicht vom Wasser von den Eisenbahn-Schienen, welche bis

weit in jenes hinein angelegt sind, gehoben und das beladene Boot

auf den Wagen gefahren werden kann. Eine auf dem Berg befindliche

Maschine zieht die Kette mit dem Wagen an und bringt so das oft schwer

beladene Wasserfahrzeug langsam auf trockenem Boden die steile Anhöhe

hinauf und bis hinter die erste Schleuse. Da angelangt, werden die

Thore geschlossen und die hintere Schleuse, welche das Kanalwasser

abgesperrt hat, geöffnet, wodurch das eindringende Wasser das Boot vom

Wagen hebt, wo solches nun in dem Kanal seinen Lauf fortsetzen kann.

-- Soll ein Boot hinabgelassen werden und ist es bis auf den Wagen

gefahren worden, so wird das Kanalwasser durch Schließung der hintern

Thore abgesperrt, und das zwischen den beiden Schleusen befindliche

Wasser durch eine Seitenöffnung abgelassen, wodurch der Wagen mit dem

Boote trocken auf der Eisenbahn steht, und durch Oeffnen der vordern

Schleusenthore nun langsam hinab gleitet, bis, im Flußwasser angelangt,

die Fluth ebenfalls das Boot von dem Wagen hebt. Vom Führer aufmerksam

gemacht, sah man aus den nachgemachten Gelenken der starken Kette, daß

auch der Fall eintritt, daß während des Aufziehens die Kette reißt, wo

dann mit Blitzesschnelle der Wagen in die Fluth hinabstürzt und das

Boot dann weit auf der Wasserfläche hin gleitet.

Viele, doch weniger für mich interessante Fabrik-Anstalten gab es in

~Newark~ noch zu sehen, welche alle zu besuchen meine Zeit nicht

erlaubte, da mir vorzüglich daran gelegen seyn mußte, möglichst bald

wieder Beschäftigung und Verdienst zu erhalten.

Von ~Newark~ bis ~New-York~ bieten sich dem Reisenden zwei

Fahrgelegenheiten dar, da man dahin mit dem Dampfschiff oder auf der

Eisenbahn abgehen kann. Doch keines von Beiden wurde von mir benutzt,

da die größte Oekonomie zu beobachten war, und die Fußwanderung längs

der Eisenbahn sich auch besser dazu eignete, dieses Kunstwerk zu

besehen.

Den 17. August traf ich wieder in ~New-York~ ein, wo vor Allem

meines Bruders Sohn aufgesucht wurde, welcher aber mit seinem Meister

verschwunden und nirgends aufzufinden war. Ein Gleiches war der Fall

mit andern Bekannten, von welchen ich Erkundigungen einziehen wollte.

Keiner war mehr in seinem alten Quartier oder bei seinem Brodherrn

anzutreffen und so sah ich mich genöthigt, da ich kein Kosthaus

beziehen konnte, auf gut Glück über den ~East-River~ zu fahren,

um in ~Williamsburgh~ bei unserm Landsmann, dem Maurer Rademacher

~jun.~ aus Apolda, wieder einzusprechen, welchen ich bei meiner

Ankunft in Amerika schon einmal besucht hatte. -- Zum Glück wohnte

derselbe noch in seinem alten Quartier und dessen liebe Frau nahm mich,

im Namen des Mannes, welcher auf der Arbeit war, gastfreundlich auf.

-- Hier setzte ich nun nachfolgendes Schreiben, welches in’s Englische

übersetzt wurde, auf, fertigte die nöthigen Zeichnungen dazu und

übergab solches ~Mr. John Benson~, mit welchem ich schon, wie sich

die Leser erinnern werden, vor meiner Abreise in die südlichen Staaten

in dieser Angelegenheit unterhandelt hatte. Das Schreiben lautete

wörtlich also:

„Auf meiner Reise durch das Innere der Vereinigten Staaten habe ich

mich überzeugt, daß die Farmer, welche das Branntweinbrennen nicht ganz

großartig und zwar mit Anwendung eiserner kostspieliger Dampfkessel

betreiben, nur gewöhnliche kupferne Blasen und Schlangenröhre zum

Kühlen im Gebrauch haben und deshalb noch ein Mal so viel Zeit und

zwei Mal so viel Holz verbrauchen, als solches der Fall ist, wenn ein

Dampf-Brenn-Apparat nach beiliegenden Zeichnungen angewendet wird.

Derselbe kann von allen Größen angefertigt werden, kömmt nicht viel

höher zu stehen, als die gewöhnlich zum Branntwein-Brennen nöthigen

Geräthschaften, liefert sogleich aus der Maische den stärksten

Branntwein rein, wohlschmeckend und in möglichst größter Menge, kann in

allen einzelnen Theilen gut gereinigt werden, ist leicht zu behandeln,

im Gebrauch ganz gefahrlos und nimmt im Brennereilokal nur wenig Raum

ein. -- Ich bin erbötig ~Mr. John Benson~ einen solchen Apparat

nach von ihm zu bestimmender Größe anzufertigen, in einer Brennerei

aufzustellen, einzumauern und die Behandlung desselben zu zeigen

und zwar gegen einen täglichen Lohn von sechszehn Schillingen (zwei

Dollars). -- Wünscht aber ~Mr. John Benson~, nach genommener

Ueberzeugung von der vorzüglichen Brauchbarkeit dieser Erfindung, ein

Patent auf die alleinige Anfertigung solcher Dampf-Brenn-Apparate zu

besitzen, so hat derselbe sich zuvor erst mit mir abzufinden und die

Summe von 1000 Dollars zu zahlen.“

Der Antrag wurde angenommen und den 20. August trat ich wieder in der

Kupfer-Fabrik des ~John Benson~ auf der Insel ~Brooklyn~, ein.

Vierzigster Brief.

Zweiter Aufenthalt in ~New-York~.

+(Unsicherheit des Lebens).+

Im September 1840.

Alle Räume in der Werkstelle waren mit Arbeitern besetzt und die neuen

Bestellungen mehrten sich täglich, weshalb ich selbst vorerst mit Hand

an dergleichen bestellte Waaren legen mußte, welches mir gleich seyn

konnte, da der ausbedungene Lohn von zwölf Dollars wöchentlich alle

Sonnabende richtig ausgezahlt wurde. Bei einem unserer Landsleute,

Namens Gerhardt, welcher in einer großen Eisen-Manufaktur beschäftigt

war, und dessen Frau einen Schank besorgte, logirte ich mich ein,

lebte äußerst sparsam, so daß es möglich wurde, alle Woche neun auch

zehn Dollars zu erübrigen, welches Geld, da die Zahlung in Papiernoten

erfolgte, ich dem Bäckermeister und Mehlhändler Herrn Wallrabe

aufzubewahren anvertraute, welcher dieses Papiergeld, damit nichts

daran verloren ging, sofort in seinem Handelsgeschäft wieder mit

verausgabte, worauf dieser brave Mann mir bei meiner Abreise die ganze

zurückgelegte Summe, ohne die geringste Provision davon zu nehmen, in

englischem und französischem Golde auszahlte.

In dieser Mehlhandlung fand ich auch den bei der Abreise in die

westlichen Staaten zurückgelassenen und meinem Neffen zur Aufbewahrung

übergebenen Koffer, nebst den übrigen Sachen wieder, wobei mir die

Nachricht wurde, daß der Bäckermeister, bei dem meines Bruders Sohn

in Arbeit gestanden, und welcher mich, aus dem Hospital kommend,

so gastfreundlich aufgenommen hatte, jetzt selbst wieder als armer

Bäckergeselle arbeite, und mein Neffe bei einem Amerikaner ein

Unterkommen gefunden habe, wo ihm die Gelegenheit zu Gute komme, bald

die englische Sprache zu erlernen.

Von ~New-Orleans~ aus wurde dem gegebenen Versprechen gemäß von

mir über alle dortigen Verhältnisse meinen Bekannten in ~New-York~

treulich geschrieben und dabei gewarnt, ja nicht den lockenden

Berichten zu folgen und hier den Himmel zu suchen, wo nur die Hölle

zu finden sey. -- Leider mußte ich aber aus einem Antwortschreiben,

welches mir in ~Baltimore~ zuging, ersehen, daß man jener

Nachricht, wie es gewöhnlich der Fall ist, wenn der Vogel nicht schön

pfeift, keinen Glauben geschenkt, die Sache als übertrieben angesehen,

ja sich sogar beleidigender Ausdrücke bedient hatte, weil ich im

Widerspruch mit günstigern Berichten, Andere vom bessern Verdienst,

als in ~New-York~ zu machen sey, abzuhalten suche, und der

Meister, Louis Hallbauer und mein Neffe, welche Letztern noch bei

Ersterm in Arbeit waren, mit dem nächsten Schiff die Seereise dahin zu

unternehmen, entschlossen seyen. -- Hier war keine Zeit zu verlieren

und mit umgehender Post schrieb ich an Hallbauer, daß ich weit entfernt

sey, Jemanden von seinem Glück abzuhalten, und mir Vormundschaft über

Männer anmaßen zu wollen, welche die amerikanischen Verhältnisse,

wenn sie sich darum bekümmert hätten, besser kennen sollten, als ich,

der erst so kurze Zeit im Lande sey. Mein Bruder habe aber seinen

Sohn nicht nach Amerika geschickt, daß dieser junge Mensch, mit Allem

noch unbekannt, der Ueberredungskunst unterliege und auf solcher

beschwerlichen Reise und ungesundem Klima Verdienst, Gesundheit und

Leben aufs Spiel setze. Ich mache ihn (Hallbauer) daher verantwortlich

über Alles, was sich bei diesem Unternehmen zutrage. Mein Neffe solle

sich aber nicht wieder vor mir sehen lassen, wenn er der Warnung nicht

Folge leiste und meine Ankunft in ~New-York~ abwarte.

Zum Glück kam der Brief noch zur rechten Zeit an, da das Schiff, auf

günstigen Wind wartend, noch nicht abgegangen war und der Neffe, aus

Furcht vor meinem Zorn, besann sich eines Bessern, schaffte den Koffer

wieder vom Fahrzeug und blieb zurück. Die Andern aber segelten ihrem

Unglück entgegen, fanden, wie zu erwarten war, in ~New-Orleans~

kein Unterkommen, unterlagen den klimatischen Verhältnissen, setzten

während der Krankheit und des kurzen Aufenthaltes daselbst ihre

Baarschaft zu und kamen, von Allem entblößt, nur mit gemachten

traurigen Erfahrungen bereichert, nach ~New-York~ zurück, wo der

frühere Meister, jetzt als Geselle, Frau und Kinder zu erhalten suchte,

Freund Hallbauer mit Sparen von vorn anfangen mußte, und mein Neffe dem

zu Folge alle Ursache hatte, mit seinem Geschick zufrieden zu seyn.

In meinem Geschäftsleben trat jetzt ein anderes Verhältniß ein; denn

hatte ich im vorigen Jahre in der Kupfer-Fabrik den Lehrling gespielt,

so wurden mir jetzt Gehülfen untergeordnet, welche mit an den nach

meiner Angabe gefertigten Brennerei-Utensilien Hand anlegen mußten.

Leider war die erste Zeit außer mir nur noch ein Deutscher mit in

der Werkstelle, welcher in Frankenthal Meister, jetzt ebenfalls hier

als Geselle mit seiner Hände Arbeit ein Weib und sechs Kinder zu

ernähren hatte, wobei der tägliche Lohn von 1½ Dollar, da er ein

sehr guter Arbeiter war, nur knapp zureichen wollte. Dieser brave

Kollege, erst kurze Zeit im Lande, war ebenfalls der englischen Sprache

noch nicht mächtig, und so war er wegen Austausch der Gedanken nur

auf mich verwiesen, wodurch unsere gleichgestimmten Seelen sofort ein

Freundschafts-Bündniß schlossen und wir uns inmitten der rohen, meist

dem Trunk ergebenen Amerikaner, das Leben möglichst angenehm zu machen

suchten.

Nach vollbrachtem Tagewerk fehlte es im Quartier ebenfalls an

Unterhaltung nicht, nur mit dem Unterschied, daß sich hier keine

reichen ~Gentlemen~ und spekulirende Kaufleute einfanden,

sondern deutsche Arbeiter und Geschäftsmänner aus dem niedern und

Mittelstande zusammen kamen, um nach deutscher Sitte, bei einem Glas

~Small-~Bier sich der alten Heimath zu erinnern, oder über das

amerikanische Drängen und Treiben zu sprechen, und so gesondert,

weniger von heillosen Ruhestörern zu befürchten hatten. Als Beleg, wie

mitunter hier alle Grenzen der Sittlichkeit und der Sicherheit des

Lebens überschritten werden, habe ich folgenden Zeitungsbericht notirt:

„Raub, Mord, Aufruhr etc. -- Noch nie ist wohl eine Stadt, die

sich zu den aufgeklärten und civilisirten rechnet, der Tummelplatz

solcher Schandthaten gewesen, wie in voriger Woche, am Schlusse des

alten und Beginn des neuen Jahres, unser ~New-York~. Mordthaten

scheinen zur Tagesordnung werden zu wollen. Eine Bande von ohngefähr

50-60 verworfenen Schuften, der Auswurf großstädtischer Laster, die

anerkannten Repräsentanten aller denkbaren Schlechtigkeiten, hat

es durch ihre tollkühnen Streiche dahin gebracht, daß sich kein

friedlicher und ruheliebender Bürger weder auf der Straße, noch

in seiner Wohnung mehr für sicher halten kann und darauf bedacht

seyn muß, räuberische und mörderische Angriffe mit tödlichen Waffen

zurückzuweisen. Jene Verworfenen, die in ihrem Uebermuthe kein anderes

Gesetz kennen und achten, als ihren Willen, haben den Stadt- und

Staats-Gefängnissen, selbst dem Galgen schon viele ihrer Zöglinge

überliefert, ohne daß deren schreckbar warnendes Beispiel einen

andern Eindruck auf sie machte, als ihre Wuth nur zu steigern. Sie

haben gewisse Trinkhäuser, in denen sie sich fast stets aufhalten

und von wo aus sie ihren Unfug regelmäßig treiben. Eine Nacht, wie

die Neujahrsnacht, schien sie zu ganz besondern Lustbarkeiten zu

berechtigen, die zufolge ihres Charakters und ihrer Sitten natürlich

in nichts als in den abscheulichsten Brutalitäten bestehen. Anfänglich

nur 20-30 Mann stark, traten sie gegen Abend ihren Kreuzzug durch

die Stadt an. Zuerst drangen sie in ein deutsches Wirthshaus in der

~Pitt-~Straße, zerschlugen Gläser und Möbeln, tranken reichlich,

ohne zu bezahlen, verwüsteten die übrig bleibenden Getränke, banden

der Wirthstochter die Kleidungsstücke über dem Kopfe zusammen etc.

Angeführt von einem gewissen ~Armstrong~, der sich durch seine

Thaten vor Allen Verdienste auf seine Würde erworben, suchten

sie mehrere andere Plätze heim und traten unter andern in das

~Porter-~Haus des Herrn Kraft, an der Ecke der ~Grand-~ und

~Forsyth-~Straße, zerbrachen auch hier Gläser und Geräthschaften,

versuchten falsche Noten anzubringen, schleppten ein deutsches

Dienstmädchen aus der Küche, zogen es nackend aus, und während es

mehrere Andere festhielten, wollte ~Armstrong~ Nothzucht an ihr

verüben, woran er nur durch ihr Mordgeschrei und das Herbeieilen von

Leuten verhindert wurde. „Der Gang“ (wie sich diese Bande selbst

nannte) verfügte sich nun nach einem Lieblingssammelplatze aller

Feuerläufer, nahe ~Centre-Market~ und stärkte dort seine Courage

mit einigen Gläsern Branntwein. -- Die Runde begann aufs Neue. Eines

Landmanns Pferd wurde vom Zügel abgeschnitten und in vollem Gallopp die

~Bowery~ entlang fortgetrieben, wobei der Besitzer aus dem Wagen

stürzte und sich gefährlich beschädigte; ein Kutscher wurde vom Bock

gerissen und seine schüchtern gemachten Pferde die ~Chatham-St.~

hinabgetrieben; ein Frauenzimmer wurde in ~Ann-St.~ ergriffen,

über die Straße geschleppt, fast ganz nackend entkleidet, geschlagen

und mehr als viehisch gemißhandelt. In der ~Bayard-St.~ wurde

einem Manne seine hochschwangere Frau vom Arme gerissen und er

festgehalten, während Andere die Frau entkleideten und ihren nackten

Leib peitschten. Unter ihrem jammervollen Geschrei wurde ein junger

Mann, der zur Hülfe herbeieilte, augenblicklich niedergeschlagen,

und der Polizeibeamte ~Tompkins~, der ebenfalls einzuschreiten

suchte, barbarisch gemißhandelt. In ~Church-St.~ suchte ein Theil

der Bande ein Haus zu stürmen, wurde aber abgeschlagen und demolirte

aus Rache die Thüre. Viele andere Personen, die zufällig den Schurken

begegneten, wurden unbarmherzig durchgeprügelt und jedes Gesetz mit

Füßen getreten. Endlich gegen halb 12 Uhr kam die Bande vor dem Hause

des Herrn B. Mager, ~Elisabeth-St.~, 101, an, wo deutscher Ball

gehalten wurde. Funfzig bis sechzig Mann stark, marschirten sie wie

Soldaten durch die Thür und schlossen dieselbe augenblicklich hinter

sich zu. Ohne ein Wort zu sagen, oder ohne die geringste Aufreizung,

begann das Werk der Zerstörung und Verwüstung. Ehe der Lärm noch die

Hausbewohner und Gäste aus dem obern Saale herbeizog, wurde das im

~Bar-~Zimmer aufwartende Mädchen gemißhandelt, Tische, Stuhle,

Gläser und Flaschen zerschmettert etc. Herr Mager, den das Geschrei

nach Wache mit einigen Andern die Treppe hinabführte, befand sich

in dem jetzt beginnenden allgemeinen Gefechte und Tumulte mehrmals

in der drohendsten Lebensgefahr; man setzte ihm unter Andern eine

Pistole auf die Brust, welche glücklicherweise versagte. Einige

anwesende Deutsche bewaffneten sich, wie es schien, mit Säbeln und

schlugen wacker auf die wüthenden Eindringlinge los; leider verlor

Oberst ~Ming, jun.~, zwei Finger durch einen Säbelhieb, als er,

in der löblichen Absicht, Ordnung zu stiften, zwischen die Fechtenden

sprang. Nach vielen blutigen Wunden wurde die Bande endlich zur Thüre

hinausgetrieben und begann nun auf der Straße, unter dem Geschrei: „Tod

den Deutschen!“ mit Eisstücken und Steinen ein Bombardement des Hauses,

während an den Thüren der furchtbare Tumult fortdauerte. Plötzlich

fielen von den obern Fenstern des Hauses herab Flintenschüsse und von

zwei Kugeln durchbohrt sank, mitten auf der Straße, der Rädelsführer

des Haufens, jener erwähnte ~Armstrong~, nieder und schwamm in

seinem Blute. Als man ihn hinwegtrug, war er schon zur Leiche geworden

und mitten in seinen Unthaten der Nemesis zum Opfer gefallen! Man hörte

den Knall von etwa zwanzig Schüssen, wodurch drei oder vier Andere

verwundet wurden; der Eine in den Arm, ein Anderer in die Hüfte. Stadt-

und Polizei-Behörden eilten herbei, zerstreuten glücklich den sich

sammelnden Pöbelhaufen und arretirten mehrere Personen, die sie in der

Sache betheiligt hielten. -- Von Seiten der Deutschen wurde Jedermann

wieder auf freien Fuß gesetzt, da ihre That sowohl vor dem Gesetz,

wie der öffentlichen Meinung vollkommen als Nothwehr gerechtfertigt

erschien; ja die allgemeine Volksstimmung sprach sich laut dahin aus,

daß dieser Widerstand der Deutschen gegen die Friedens- und Ruhestörer

ein verdienstvolles Werk sey.[54]

Die Beerdigung John ~Armstrongs~ fand am vorigen Freitage Statt;

seiner Leiche folgten gegen 700 Personen und viele Kutschen. Viele

der Leidtragenden waren mit kleinen Aexten bewaffnet und schwuren

laut, den Tod ihres Führers blutig rächen zu wollen. Anstatt durch

das furchtbare Geschick ~Armstrongs~ gewarnt zu seyn, erhöhte

sich nur ihre Erbitterung und da die Behörden erfuhren, daß man einen

abermaligen Angriff auf das Haus des Herrn Mager beabsichtige, so

wurden vom ~Mayor~ und dem Polizeirichter ~Bloodgood~, die

einige der folgenden Nächte sich persönlich in der Nähe aufhielten,

alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um einer Erneuerung dieser

Blutscenen vorzubeugen. Ihren Bemühungen war dieß bisher gelungen; doch

dürfte es zweckmäßig erscheinen, den hiesigen Deutschen möglichste

Vorsicht anzurathen, da es bei dem Charakter jener Bande außer allem

Zweifel liegt, daß sie der Gegenstand ihrer erbitterten Rachsucht

sind. Da namentlich, wiewohl fälschlich, geglaubt wird, daß deutsche

Miliz-Kompagnieen die Hand im Spiele hätten, was man aus einigen

aufgegriffenen Gewehren zu folgern scheint, so würde es zweckmäßig

seyn, wenn die Schützen-Kompagnie, welche wöchentlich zwei Mal in der

~Ludlow-St.~ exerzirt, ihre Gewehre geladen und die Hirschfänger

bereit hielte, um beim Nachhausegehen, was wo möglich nicht vereinzelt

geschehen sollte, auf mögliche Anfälle vorbereitet zu seyn.

Möchten unsere deutschen Landsleute, so lange als es ohne Lebensgefahr

möglich ist, jeder beklagenswerthen Reibung auszuweichen suchen, und

nie Anlaß zu andern Tumulten geben; möchten sie aber auch, wenn Raub,

Mord, Plünderung und Schändung auf sie lauern, den Verhöhnern aller

bürgerlichen und moralischen Gesetze muthig entgegentreten und ihre

Rechte nachdrücklich geltend machen. Die Schlechtigkeit wird durch

Nachsicht und Nachgeben nur kühner und verwegener, und da, wo der Staat

seinen Schutz nicht unmittelbar gewähren kann, beginnt das Recht der

Selbsthülfe[55].

Der ~Mayor~ von ~New-York~ versprach für die Angabe eines

Solchen, der an den Unruhen in der Neujahrsnacht Theil nahm, 50 Dollars

Belohnung. -- „Gut! Aber noch besser wäre es gewesen, wenn 500 Dollars

versprochen worden wären.“ --“

Einundvierzigster Brief.

Fortsetzung.

(+Banken+.)

Im November 1840.

Außer der bevorstehenden Präsidenten-Wahl waren es besonders die

Bank-Angelegenheiten, welche den in meinem Quartier zusammenkommenden

Deutschen Stoff zur Unterhaltung gaben und vor Allem wurde eine

Flugschrift besprochen, welche die Deutsch-Amerikaner für das

Bank-System zu gewinnen suchte, und so für die Sache einzunehmen

verstand, daß Viele, welche nicht mit den Gegengründen und Unwesen

der Banken vertraut waren, sich auf die Seite der ~Whigs~, von

welchem diese Flugschrift ausging, neigten, was oft Anlaß zu heftigem

Wortkampfe gab, da die demokratisch Gesinnten nicht versäumten,

beißende Gegenartikel anzuführen, von welchen ich auch ein Paar als

Probe nach dem jetzt folgenden Auszug jener Flugschrift anhängen

werde, um diese hier so verderblichen Institute zu beleuchten: „Die

Zeiten sind schlecht! das ist allgemeine Klage, und leider ist es

nicht zu leugnen; ja sie sind gegenwärtig schlechter, wie wir sie

in den drangvollsten Perioden in Deutschland nur erlebt haben. Eine

auffallende Erscheinung in einem so schönen, jungen und kraftvollen

Lande, versehen mit so reichen Naturgaben, und so unendlich vielen

Hülfsquellen, im tiefsten Frieden und unter dem augenscheinlichsten

Segen der Gottheit! -- Hat sich Manches im Laufe der Zeit verändert,

so ist es Pflicht einer weisen Gesetzgebung, dem Geiste der Zeit zu

folgen, und Veränderungen, Zusätze oder Weglassungen eintreten zu

lassen, wie es die jedesmaligen Bedürfnisse erfordern. Werfen wir

einen Blick auf die Vergangenheit, und sehen, wie es früher hier

war. Unsere Stadt ~Baltimore~, vor hundert Jahren kaum ein

Fischerdorf zu nennen, ist jetzt in eine der blühendsten Städte des

Landes verwandelt, sehen wir im ganzen Westen, welcher vor noch nicht

einmal so langer Zeit noch eine rohe Wildniß war, wo kaum auf einer

Quadratmeile im Durchschnitt gerechnet, ein einziger Indianer sich

nothdürftig ernähren konnte, Tausende von Menschen, meist unsere lieben

Landsleute, vergnügt, glücklich und wohlhabend neben einander wohnen,

sehen wir blühende Städte, fruchtbare Farmen, fahrbare Landstraßen,

schiffbare Flüsse und Kanäle, kurz sehen wir das Ganze gleich einem

schönen Paradiesgarten prangen und das Alles in so kurzer Zeit

entstanden, welches in früheren Zeiten bei Ansiedelungen von neuen

Ländern wenigstens Jahrtausende Zeit nahm, so muß uns dieses nothwendig

in Erstaunen und Bewunderung setzen, und es drängt sich uns von selbst

die Frage auf: Wie war dieses möglich, was waren die Ursachen, welches

waren die Mittel, die dieses Alles bewirkten? Und das gerade ist es,

meine Freunde, was wir untersuchen und womit wir uns bekannt machen

wollen. -- Zuerst wollen wir die Fragen erläutern: 1) was ist Ackerbau?

2) was sind Fabriken und Gewerbe? 3) was ist Handel? 4) was ist Geld?

und 5) was sind Banken?

„Ackerbau verbunden mit Viehzucht, Milcherei etc., ist der achtbarste

Stand in der menschlichen Gesellschaft; durch seinen Fleiß erzieht

er aus der mütterlichen Erde den Grundstoff unserer Existenz,

unsere nothwendigsten Lebensmittel, und nebenbei noch so manches

zur Bequemlichkeit und Annehmlichkeit unseres Lebens, und doch was

wäre dieses Alles, wenn die Handlung nicht wäre? Der Landmann würde

nicht mehr bebauen, als hinreichend wäre, sich und seine Familie

nothdürftig mit Lebensmitteln zu versehen, dabei zerlumpt einhergehen

und keinen andern Genuß haben, als den ihm seine Felder gewährten, und

Neunzehntheile würden unbenutzt liegen.

„Der Fabrikant, Manufakturist und Handwerker, sind diejenigen

nützlichen Glieder eines wohleingerichteten Staates, welche die

Erzeugnisse des Landmannes veredeln, zubereiten und zugleich ihn mit

nützlichen Geräthschaften versehen, um seine Arbeit zu erleichtern.

Doch was wären auch diese, ohne den Handelsstand?

„Der Handelsstand nimmt daher wenigstens den dritten Rang im Staate

ein; er verbindet alle Stände unter einander, führt den Ueberfluß

der einen Gegend in die andere, wo Mangel daran ist. Er ist der

Unterhändler und bewirkt, daß der Landmann seine überflüssigen

Produkte, die er nicht selbst gebraucht, gegen andere nützliche

Sachen vertauscht, ebenso die Arbeiten der gewerbtreibenden Klasse

abnimmt, und sie wiederum mit Produkten und Sachen versieht, die sie

nicht selbst zu erzeugen im Stande sind. Zu diesem Behufe erbaut er

Schiffe und belebt die Gewässer, befördert Kanalbau und Anlegung

von Landstraßen, befrachtet Wagen mit Gütern, setzt Millionen von

Händen in Bewegung, und beschäftigt und ernährt sie. Ist dieser

Stand nun verachtungswürdig? Hat man Ursache uns dagegen anzuhetzen,

in unsern eigenen Eingeweiden zu wühlen und uns mit eigener Hand

unsern Lebensfaden abzuschneiden? Oder ist es vielmehr Pflicht der

Selbsterhaltung, Pflicht für unsere Kinder und Nachkommen, diesen so

sehr wichtigen Zweig, der uns Leben und Nahrung giebt, nach Kräften zu

unterstützen und zu befördern, wie es die ehrwürdigen Väter unserer

Republik und deren würdige Nachfolger thaten? Und, fragen wir zum

zweiten Male, sind die neuen Nachfolger, die wir als Führer unsers

gemeinschaftlichen Wohls erwählt, den Fußtapfen ihrer Vorgänger

gefolgt, oder sind sie abgewichen? Haben sie mehr ihr eigenes, als das

Wohl des Landes besorgt, oder sind sie, statt befördernd, vielleicht

gar zerstörend gegen die höchsten und heiligsten Interessen der

Nation aufgetreten? -- Ueberlassen wir dieses dem eigenen Nachdenken

unserer geliebten Landsleute, und werden wir dieses späterhin genauer

untersuchen, bevor wir uns darüber aussprechen.

„Handel und Wandel, sehen wir, ist daher ein unumgänglich nothwendiges

Bedürfniß für die Menschheit, und ein Land, wie das unsrige, kann

ohne einen ausgebreiteten Handel ganz und gar nicht bestehen, und

wird dieser gestört, oder gar vernichtet, so werden wenigstens drei

Viertheile der hiesigen Bevölkerung auswandern oder verhungern müssen;

der Arbeitslohn wird zu Nichts herabsinken, und wenn das Faß Mehl auf

Einen Dollar kommt, und wir wissen ihn nicht zu verdienen, dann kann

es uns Allen nichts helfen. Wir sehen deutlich, wie weit es schon mit

uns gekommen ist. Unsere Schiffe müßten im Hafen verfaulen, wenn sie

nicht noch größtentheils dazu gebraucht würden, unsere unglücklichen

Landsleute herüber zu transportiren, die es uns aber schlechten Dank

wissen werden, wenn sie erst einmal zur Erkenntniß kommen, die wir

bereits haben sollten, und einsehen lernen, was Recht oder Unrecht war.

Noch liegt es in unsern Händen, ob wir freie und unabhängige Menschen

seyn und bleiben wollen, ob wir unser schönes Land wieder zu seinem

vorigen Glanze erheben und uns durch Fleiß und Thätigkeit, Wohlstand

und Vermögen für unsere alten Tage verschaffen wollen, wie Tausende

unserer frühern Landsleute thaten, oder ob wir ferner uns noch von

besoldeten Treibern, wie eine Heerde Schafe, welche gutmüthig einigen

abgerichteten Lockhammeln in den Stall des Schlächters folgen, wo sie

nach und nach ihren Tod finden, treiben lassen wollen.

„Handel und Gewerbe können nur gedeihen unter höchst möglicher

Freiheit, und wer das eine antastet, versündigt sich an dem andern; er

ist kein Freund des Vaterlandes und wüthet gegen sich selbst und gegen

seine Nachkommen. Um nun aber diesen Handel zu beleben und aufzuhelfen,

dazu gebraucht man Geld.

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 7 / 11 题