Geldmachen ist auch hier der Punkt, um den sich Alles dreht und wendet

und Nichts wird gescheut, diesen Zweck zu erreichen. Dabei hat das

Laster der Trunksucht die höchste Stufe erreicht und die Zahl der

mit geistigen Getränken Handeltreibenden, übersteigt alle Erwartung,

da dieser Handel die schönste Gelegenheit bietet, auf dem kürzesten

Wege reich zu werden, wozu mitunter ein fein angelegter und gescheidt

ausgeführter Bankerott das Beste beiträgt. In keinem Lande werden wohl

im Verhältniß der Bewohnerzahl mehr geistige Getränke konsumirt, als

hier. Die Hauptursache mag wohl auch in dem schlechten Trinkwasser

und in den schnell wechselnden klimatischen Witterungseinflüssen zu

suchen seyn, weshalb man Branntwein als Arznei und Schutzmittel für

die Gesundheit des Menschen hält. Auch lebt der größte Theil der

Bevölkerung außer ehelichen Verhältnissen und ist wegen Wohnung und

Kost auf die Speisehäuser verwiesen und dadurch in die Nähe geistiger

Getränke versetzt, deren Reiz zu mächtig ist, wobei der Genuß durch

Gewohnheit leicht zum Bedürfniß wird. Im ehelichen Verhältnisse,

wo Mann und Frau beim Genuß geistiger Getränke nur zu oft aus den

Schranken der Mäßigkeit treten, sucht man auch die Kinder schon

frühzeitig daran zu gewöhnen, um, wie der Wahnglaube des Volkes

ist, den Körper mehr gegen die Witterungsseinflüsse abzuhärten. Kein

Geschäft, kein Versöhnungsakt wird abgeschlossen, ohne durch Leeren der

Gläser. Mit solchen in der Hand, wird jeder empfangen, der ein Lokal

betritt, wo geistige Getränke verkauft werden und gegen Anstand und

Sitte würde man stoßen, wollte man keinen Bescheid thun. Da sich aber

mitunter der Bekannten zu viel einstellen, so ist es häufig der Fall,

daß der Mensch aufhört, Mensch zu seyn und im Zustand der Trunkenheit

unter das Vieh herabsinkt. Untergräbt schon der unmäßige Genuß

geistiger Getränke die Gesundheit, so muß dies in Amerika noch mehr

der Fall seyn, da man sich hier nicht scheut, durch alle künstliche

Mittel Wein, Bier und Branntwein stärker und berauschender zu machen,

und gewissenlos werden spanischer Pfeffer, Kokoskörner, Tabacksblätter,

Paradieskörner, Krähenaugen, Stechäpfel, Bilsenkraut, Opium, Belladonna

und dergleichen Ingredienzien in Anwendung gebracht. So lange dieses

nicht unterbleibt, kann die Gesundheit des Menschen nicht gewahrt

werden und der Tod wird fort und fort seine Opfer fordern und dem

gelben Fieber leichtern Eingang verschaffen, welches in den meisten

Städten von Texas den Menschen in den letzten Jahren so gefährlich

worden ist.

Die Witterungseinflüsse auf die Menschen, besonders der Neuankommenden,

halten die Gesundheit derselben beständig im Schach und sind auch die

Fieber nicht immer tödtlich, so untergraben sie doch die Gesundheit

und schwächen den Körper, so daß der Mensch schnell altert und im

vierzigsten Jahre mit einem Sechziger verglichen werden kann. Nur

wer daselbst geboren und gleichsam schon im Mutterleibe an das Klima

gewöhnt worden ist, hat von alle dem weniger zu befürchten. Schon aus

dem Angeführten sollten fleißige und industriöse Einwanderer diese

südlichen Länder meiden und sich nicht der Hoffnung hingeben, daß

sie im Innern des Landes weniger von diesem Uebeln zu befürchten

hätten. Ist dieses nun auch der Fall, so sind sie doch mehr den

Ueberfällen der Indianer bloß gestellt, wie uns Familienglieder solcher

Ueberfallener, welche das Skalpirmesser nicht erreicht hatte, erzählt

haben. Unvermuthet stellt sich diese Mordbrennerschaar ein, überfallen

die wehrlosen Kolonisten, ermorden, was ihnen in die Hände fällt und

ein Schutthaufen bezeichnet den Abwesenden den Ort ihrer friedlichen

Hütten. Wird auch von der Regierung Alles gethan, diese unberufenen

Gäste abzuhalten, so ist doch die zu Gebote stehende Macht bei den

ausgebreiteten Distrikten weit auseinander liegender Städte und

einzelner Wohnungen nicht immer hinreichend.

Man hat daher im Juli 1839 den Sitz der Regierung von ~Hauston~

weg und mehr in das Innere des Landes zurückgelegt und an dem

~Colorado~-Fluß, 170 Meilen von ersterer Stadt entfernt, die

Stadt ~Austin~ gegründet, welche Gegend außer Fruchtbarkeit, ein

gesundes Klima enthält. Es wird demnach die konzentrirte Macht mehr

in die Mitte des Staates verlegt, um die Kräfte nach allen Seiten

verwenden zu können. So lange übrigens dieser junge Staat noch nicht

unter die Zahl der vereinigten nordamerikanischen Staaten aufgenommen

worden ist, worüber die gepflogenen Verhandlungen bis jetzt kein

günstiges Resultat geliefert haben, wird immer zu befürchten stehen,

daß ~Mexico~ seine Ansprüche an diese abgefallene Provinz von

Neuem geltend machen, das Land mit Krieg überziehen wird und so die

Bewohner den Drangsalen einer solchen Periode ausgesetzt sind.

Siebenundzwanzigster Brief.

Im Februar 1840.

Fortsetzung.

Die von uns besuchten Städte, wie überhaupt alle vorhandenen in

~Texas~, sind noch im Entstehen und enthalten Nichts der

Anmerkung werth. Steinerne Häuser findet man nirgends, da aus Mangel

an Ziegelöfen das dazu nöthige Material aus den Vereinigten Staaten

bezogen werden muß und wegen des hohen Preises, den es durch den

Transport erhält, nur wenig in Anwendung kommen kann und man deshalb

sich mit Holzhäusern begnügt.

Ziegelbrenner, die dieses lesen, werden nun glauben, hier guten

Verdienst zu finden und dennoch kann ich versichern, daß ein solcher

mit mir nach ~Orleans~ zurückkehrte, um sich von da nach den

nördlichen Staaten zu wenden, da er in ~Texas~ auf sein Metier

kein Unterkommen finden konnte und kein eigenes Vermögen besaß, um

sich Grundbesitz zu kaufen. Unternehmer großartiger Geschäfte, wie

Branntweinbrennereien, Mühlen, Gerbereien, Kalk- und Ziegelbrennereien,

müssen unbedingt ein dem Geschäft angemessenes Kapital besitzen, um

die Anlagen davon bestreiten zu können, welche jedoch hier bedeutend

höher als bei uns zu stehen kommen. Einer, der kein Geld hat, wird

hier immer eine untergeordnete Rolle spielen müssen und im Besitz von

Vermögen lebt es sich wie bekannt, bei uns recht gemüthlich. Besonders

ist jedem Handwerker anzurathen, darauf Rücksicht zu nehmen, ob sein

Gewerbe zu den ersten Bedürfnissen erforderlich ist, ob sein Fabrikat

mehr in das Fach der Luxus-Artikel einschlägt, oder seine Produkte

Handelsartikel sind. Zimmerleute, Wagner und Grobschmiede werden

leichter ein Unterkommen und Verdienst finden, wie Goldschmidte,

Juweliere und Instrumentenmacher, welche bei aller Geschicklichkeit

in die größte Noth gerathen, und um das Leben zu erhalten, eine andere

Beschäftigung ergreifen müssen; Schuhmacher, Schneider und Hutmacher

werden sich mehr mit Repariren abzugeben haben, weil ihre Waaren als

Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten zugeschafft werden und sie

nicht mit den großartigen Fabriken daselbst konkurriren können, da ihre

Materialien hier äußerst theuer und selbst nicht immer zu bekommen

sind. Zinngießer, Glaser, Drechsler und Buchbinder habe ich nirgends

getroffen. Bäcker, obgleich dieses Handwerk meistens durch Schwarze

verrichtet wird, sind immer noch besser daran als Müller, da Mühlen

fehlen und das Mehl als Handelsartikel zugeschafft wird. Posamentirer,

Krepinmacher und Strumpfwirker kennt man den Namen nach nicht. Nur

Handwerker, deren Gewerbe auch bei uns in kleinern Landstädten

gefordert wird, kann man auch als hier fortkommend annehmen.

Der Verdienst ist dem Anschein nach hier noch viel größer als in

~Orleans~ und erreicht nicht selten die Höhe von 6-8 Dollars

täglich. Wäre nun Silbergeld gebräuchlich, so ließe sich wohl bei

Sparsamkeit und Fleiß leicht ein Kapital erübrigen, so aber ist nur

Papiergeld im Verkehr, und der Werth Texanischer Noten ist zur Zeit in

den Vereinigten Staaten so tief gesunken, daß bei unserer Zurückkunft

in ~Orleans~ am 5. März, der Dollar von 100 ~Cents~ Werth

verausgabt, nur für 16-18 ~Cents~ angenommen wurde. Ein mit

erspartem Verdienst zurückkehrender Arbeiter, sah sich dadurch

schrecklich enttäuscht, als auf diese Weise sein sauer erworbenes

Gut bis auf Nichts herabsank. -- Nur dann erst, wenn ein Handwerker

mit Familie es ermöglichen kann, sich in der Nähe seines Wohnortes

einen kleinen Grundbesitz zu verschaffen, worauf er außer Wohnung

noch das Nöthige zum Lebensbedarf erbauen kann und eine Kuh, Hühner

und Schweine das Weitere ersetzen, welches ihm nicht viel zu erhalten

kostet, wird es möglich seyn, von dem Gewerbeverdienst zurückzulegen,

welches weniger möglich ist, wenn er außer theurer Wohnung auch noch

alle Lebensbedürfnisse kaufen muß, die mitunter hoch im Preise stehen,

wie es mit dem Mehl der Fall ist, wovon ein Faß von 196 Pfund 25-26

Dollars kostet, das in den Vereinigten Staaten mit 5-6 Dollars bezahlt

wird.

Die Bequemlichkeiten höherer Stände lassen bei allem Aufwand noch

Vieles zu wünschen übrig, weil Dienstboten schwer zu erhalten sind,

und weiße Individuen es für eine Schande halten, in solchem Verhältniß

zu leben, daher nur Sklaven die dienende Klasse ersetzen, welchen

die Kenntnisse häuslicher Verrichtungen abgehen, da sie mehr zur

Feldwirthschaft erzogen sind. Genüsse eines civilisirten Lebens, wie

sie Deutsche kennen, fehlen hier ganz, da man Alles vermißt, was

das Leben verschönern und veredeln kann; das leitende Prinzip des

Amerikaners ist nur grober Materialismus.

Bei weniger Ansprüchen an geistige Genüsse und Entsagung menschlicher

Gesellschaft, befindet sich der Ansiedler auf dem Lande noch am

besten. Jagd und Fischerei sind frei, und Wild, so wie Geflügel immer

vorhanden, wobei wilde Bienen mit Honig versehen, und der wilde

Traubensaft das Getränke liefern. Der Boden, bei fast immerwährendem

Sommer, bringt ohne viele Bearbeitung die Saaten zur Reife, und den

Erndtesegen schmälern nicht Steuern und Zinsen. Dabei bleibt freilich

der Mann nur auf seine und der Familie Kräfte beschränkt, wenn ihm die

Mittel zum Sklavenkauf fehlen, da freie Arbeiter schwer zu erhalten und

ihr Lohn nicht im Verhältniß zum Verdienste steht. --

Das häusliche Verhältniß und schlechte Lebensweise der niedern

Volksklasse in Städten ist dem wenig begüterten Ankömmling, welcher

unter derselben leben muß, nichts weniger als angenehm, da das

herrschende Laster der Trunksucht alle andern im Gefolge hat, und man

so oft unverschuldet in Händel verwickelt wird, die nicht immer den

besten Ausgang nehmen, wie überhaupt auch schlechter Umgang die besten

Sitten verdirbt.

Von allen in ~Texas~ lebenden Indianer-Stämmen, die in vielen Resten

aufgeriebener Horten aus den Verein. Staaten bestehen sollen, zeichnen

sich besonders die ~Camanches~ durch große Wildheit und Treulosigkeit

aus, die ihren Ursprung von einem der vornehmsten Stämme herschreiben,

welche bei der Eroberung Mexiko’s durch die Spanier ihren Aufenthalt

in der Gegend von ~Mentezumes~ gehabt, statt aber sich zu unterwerfen,

die Auswanderung vorgezogen und hier in den Hochgebirgen von ~Texas~

sich niedergelassen haben. Ihr Oberhaupt soll, wie die Sage angiebt,

beim Erblicken ihres jetzigen Aufenthaltes, ausgerufen haben: ~Texas!~

(welches in ihrer Sprache: „Paradies“ heißt), und dieser Name ist für

diesen Theil Mexiko’s bis jetzt beibehalten worden.

Geschlossene Verträge werden selten von den ~Camanches-~Indianern

gehalten, da neben der Jagd, Raub und Mord ihre

Lieblingsbeschäftigungen sind, und nur durch die Gewalt der Waffen sind

solche in ihren Grenzen zu halten.

Von den friedlicher lebenden Indianer-Stämmen ist weniger zu fürchten

und mehre von ihnen leben sogar mit den Texanern im Handelsverkehr, und

werden von diesen zum Auskundschaften der Feinde gebraucht.

Mehr oder weniger suchen die Indianer ihr Aeußeres zu entstellen und

schon in ~Orleans~ nahmen ~Chaktaw~-Indianer, welche mit geflochtenen

Körben aus Palmenzweigen dorthin Handel treiben, meine Aufmerksamkeit

in Anspruch. Die kupferfarbige Haut wird auf der Brust, den Armen

und im Gesicht theils gemalt oder tatowirt, und die großen Ringe

in Nase und Ohren geben dem Ganzen ein frappantes Ansehen. Bunte

Glasperlenschnüre mit einem Muschelschloß zieren den Hals, eben so

blanke, kupferne Ringe die Handgelenke. Um die Beine sind Schellen und

Klingeln gebunden und in den langen Haaren ein Federbusch befestigt.

Eine wollene Decke bedeckt die Blöße, Kinder aber gehen ganz nackend.

Während der fünf Wochen, welche wir bereits in ~Texas~ umher irrten,

ward Keinem von uns Gelegenheit, ein gutes Unterkommen in einem der

größern Orte zu finden. Mein Metier als Kupferschmidt hatte hier noch

nicht gewurzelt, eben so wenig war in einer Brennerei Beschäftigung

zu finden, da Branntwein größtentheils aus den Vereinigten Staaten

zugeschafft wird.

Der Pole als Kürschner, so wie der Schweizer als Müller, fanden

ebenfalls keine Stellen, auch der französische Kaufmann suchte

vergebens als Marqueur ein Unterkommen. Als Domestiquen sich zu

vermiethen, fühlte Keiner den Beruf, und des längern Reisens ohne Zweck

müde, gaben die beiden Ersteren den lockenden Werberworten Gehör und

nahmen in ~Hauston~ unter Texanischem Militär Dienste. Wer weiß,

zu was auch ich mich entschlossen hätte, wenn ich nicht Familienvater

und meiner Pflichten als solcher weniger eingedenk gewesen wäre.

Die beiden kleinen Pferde, welche Raçe in ~Texas~ einheimisch

ist, wurden verkauft, der Erlös brüderlich getheilt, und dieser

war ausreichend, um mich und den Franzosen nebst den beiden besser

konstituirten Maulthieren auf einem Dampfboote nach der Hafenstadt

~Galveston~ zu spediren, wo wir am 20. Februar mit dem Kapitän des

Segeldampfschiffes ~Neptun~ die Reise nach ~Orleans~ zurück

akkordirten, in Ermangelung des nöthigen Reisegeldes die Maulthiere

einsetzten, und nach einer sechswöchentlichen Abwesenheit, am 23.

Februar wieder in letzter Stadt ankamen.

Freund Aacke zahlte das bedungene Fahrgeld aus, darauf wurden die

beiden Maulthiere verkauft, die Schulden bezahlt, und von Neuem nach

Arbeit umgesehen. -- Nur einmal auf der ganzen Tour hatte ich einen

Anfall vom Fieber, und kehrte gesünder nach ~Orleans~ zurück, als

ich es verlassen hatte.

Von alle den mannigfaltigen Begebenheiten dieser Reise, will ich am

Schlusse dieses Briefes nur eines Vorfalls erwähnen, welchen mir jedes

Gewitter in Erinnerung bringen wird. -- Eines Tages hatten wir den

gebahnten Weg, welcher im Thale die Anhöhen umgehend, sich hinzog,

verlassen, und in Folge der Angabe eines Indianers einen Holzweg

betreten, welcher über das waldige Gebirge näher und schattiger nach

der nächsten Plantage führen sollte. Die hintereinander gebundenen

Zaumthiere wurden durch mich geleitet, während dem die Reisegefährden

die Jagd verfolgten, die sich hier in mannigfaltiger Auswahl darbot.

Immer weiter in das Dickicht der Bäume wurden die Jäger verleitet,

und nur der Knall ihrer Büchsen schallte noch zu mir, als der sich

theilende Weg mich unschlüssig machte, welcher von beiden zu betreten

sey. In der Hoffnung, daß einer der Schützen sich zeigen werde,

hielt ich schon längere Zeit, während dem die Thiere weideten, bis

herabfallende Regentropfen und der dumpfe Donner ein herannahendes

Gewitter verkündeten. Noch hatte ich den Muth nicht verloren und

suchte, etwas entfernt von den Thieren, Schutz unter den Zweigen der

Bäume; doch als der Donner immer vernehmlicher ward, und dicke schwarze

Wolken am Horizonte die Sonne verfinsterten, so daß aus Tag Nacht ward,

wurde mir bänglich, als aber der Sturm die Bäume zu entwurzeln drohte,

was nur der dichte Wald verhinderte, und der Blitz nicht fern von mir

in den Zweigen herabfuhr, und den Stamm spaltete, da wurde ich selbst

für mein Leben besorgt, ließ Pferde und Esel im Stich, und ging langsam

im Regen bis zu dem Vorsprung eines Felsens.

Gleich als ob es abgesehen wäre, mir die Ohnmacht des Menschen zu

zeigen, sey man auf der See oder dem Lande, so wurde das Wetter

stündlich abscheulicher, und ein Fieberfrost schüttelte meine Glieder.

Schützte auch die Grotte vor Nässe, so fehlte doch die wohlthuende

Wärme, und nur die Hoffnung, das Wetter werde bald vorübergehen,

belebte meinen Muth. -- Doch es wurde Abend, und war auch der Donner

verhallt, so sauste noch schrecklich der Wind durch die Bäume und

schüttelte das Wasser in Strömen von den Aesten. Jetzt blieb nichts

übrig, als die Nacht hier zu verweilen, und ein Feuer anzuschüren um

mich zu erwärmen und den Reisegefährden den Ort zu bezeichnen, wo sie

mich finden würden. Nur mit Mühe gelang es Feuer anzumachen, da der

feuchte Boden und das nasse Holz die helle Flamme immer wieder zu

ersticken drohete. Doch Ausdauer überwindet Alles. Zu meiner Freude und

Trost schlug die Flamme auf, und verbreitete Wärme und Licht um sich

her. Knurrte auch der Magen, so mußte er sich doch in Geduld fügen, da

nichts zu kochen vorhanden und das Herbeischaffen von Holz die Zeit in

Anspruch nahm. --

Glücklich drang der Schein des Feuers bis zum Versteck der Jäger,

welche gleich mir der Regen genöthigt, in einem Felsenrisse Schutz zu

suchen, wo sie, verabredetermaßen, das Feuermahl zu erspähen suchten,

und jetzt beladen mit Wildpret und der Haut einer großen Schlange, bei

deren Abziehen sie das Wetter erwischt hatte, bei mir ankamen.

Vor Allem wurden die zurückgelassenen Pferde und Esel wieder

herbeigeschafft, das Nöthige zum Kochen war bald geschehen, und so der

Hunger gestillt.

Schon früh am Morgen, wozu das harte Lager Veranlassung gab, folgten

wir der Richtung, von woher die Jäger am vergangenen Abend den Schein

eines Lichtes wahrgenommen hatten, und Hunde-Gebell verrieth bald

darauf die Nähe einer menschlichen Wohnung. -- Der Herr der letztern,

von der Stimme des Hundes geweckt, trat vor die Hütte, um zu sehen,

was so früh die Ruhe störe; doch als er uns gewahr wurde, ging er von

Neuem ins Haus, und kam sogleich bewaffnet zurück. Mit der barschen

Frage, was wir wollten, und uns zu bewillkommnen bereit, hielt er das

Gewehr entgegen. Nachdem er jedoch vernommen, was unser Geschick sey,

meine Begleiter unbewaffnet näher traten und die alte Geschichte von

deutschen Emigranten, die in ~Texas~ sich anzusiedeln beschlossen,

erzählten, öffnete er freundlich die Wohnung und stellte uns der

Familie vor, welche während des Wortwechsels das Lager verlassen und

sich nun anschickte, das Frühstück zu bereiten.

Leider sprach der Spanier wenig französisch, englisch und deutsch gar

nicht; doch gaben Geberden, wie der kredenzte Branntwein, Maisbrod und

Schweinefleisch zu erkennen, daß wir ihm herzlich willkommen waren.

Nach genossenem Frühstück brachte uns einer seiner Söhne auf die

richtige Spur zur nächsten Plantage, und die Gastfreundschaft dieser

braven Leute in einsamer Wildniß war aufrichtiger und herzlicher, als

ich sie irgendwo gefunden habe.

Achtundzwanzigster Brief.

Zweiter Aufenthalt in ~New-Orleans~.

Im März 1840.

Die Anzahl Arbeit Suchender hatte sich in ~Orleans~ während

unserer Abwesenheit eher vermehrt als gemindert, da neue Zufuhr

aus Europa angekommen, und die schlechten Zeiten in den nördlichen

Staaten von Amerika dieses Jahr die dasigen Bewohner weit mehr als

sonst gewöhnlich, veranlaßt hatten, den Winter über hier im Süden zu

arbeiten, und eine Summe zu verdienen, groß genug, um die kostspieligen

Reisekosten davon zu bestreiten, und, wie es früher der Fall war, einen

nicht unbedeutenden Ueberschuß mit nach Hause zu bringen. Doch dieses

war jetzt anders. Alle Kosthäuser waren mit Individuen angefüllt,

welche um jeden Lohn ihre Dienste anboten; selbst bei unserm alten

Wirthe, Herrn Brack, hatte die Zahl der Gäste sich vermehrt, worunter

zwei Deutsche waren, die in ~Boston~ wohnhaft, jetzt hier als

Schuhmacher und Tischler Beschäftigung suchten, und, obgleich im Besitz

der Sprache, doch kein Unterkommen finden konnten.

Bei mangelnder Kasse wußte der Erstere schlau genug, den sonst

vorsichtigen Wirth zu kirren, der ihn ohne irgend ein Unterpfand, als

das gegebene Wort, schon drei Wochen lang ernährt hatte, bis der leere

Platz am Tische zu erkennen gab, daß der Vogel den Käfig verlassen.

Einige Tage darauf traf Freund Aacke ihn in einer Barbierstube, wo er

versteckt bei seinem Landsmann, die erste Gelegenheit erwartete, um

zur See wieder zurück zu fahren. Daß Aacke ihn nicht verrieth, war zu

erwarten.

Die mir versprochene Stelle war ebenfalls, während des längern

Weilens in ~Texas~, besetzt, bis durch Fürsprache Aackens und

dessen Empfehlung ein Allerwelts-Vormund mir die Aussicht stellte,

im deutschen Theater-Magazine, nahe der ~Délord-~Straße, wo ein

gewisser Herr ~Stawinsky~ Thalien’s Tempel errichtet hatte, den

Posten als Hell- und Dunkelmacher zu übernehmen, welcher bis jetzt von

einem, dem Trunke ergebenen Subjekte versehen worden war. Schon des

Originellen wegen sagte ich zu, und wurde beim Leeren einiger Flaschen

Wein zum Generaldirektor der wenigen Lichter, welche während der

Vorstellungen brannten, ernannt.

Doch auch dieses Glück war nur kurz; denn schon im Laufe der ersten

Woche ging der Direktor durch, ohne die Rente für die Scheune und die

rückständige Gage dem Personale gezahlt zu haben. Es erfolgte daher von

diesem in der deutschen Zeitung eine Desertions-Anzeige, mit der Bitte,

da fortgespielt werden solle, um zahlreichen Besuch der Vorstellungen,

um den Verlust, vorzüglich den Aktricen, weniger fühlbar zu machen.

Doch die Theilnahme blieb aus, und die Bühne wurde geschlossen.

Abermals ohne Verdienst, wünschte ich ~Orleans~ möglichst schnell

zu verlassen, da bei der Theuerung hier die Kasse schmolz, wie Schnee

an der Sonne. Es wollte sich aber durchaus keine Gelegenheit bieten,

da alle nach den nördlichen Staaten abgehenden Schiffe mit Waaren voll

beladen, keinen Raum für die Deckpassagiere hatten, und in der Kajüte

zu reisen, die Mittel nicht ausreichen wollten.

Voll Unmuth und Verdruß, geplagt von Langweile, gab ich endlich den

Vorstellungen des Sohnes eines Advokaten aus ~H.~ Gehör, und

verstand mich, gleich ihm, zu einer Beschäftigung, welche man bei

uns aus dummen Vorurtheil als entehrend ansieht, worüber man aber in

Amerika, wo nur Faulheit schändet, anders denkt. -- Versehen mit zwei

Bürsten, Messer, einer kleinen Bank und Wichse, postirte ich mich

nicht weit von meinem Rathgeber an einen der gangbarsten Plätze, um

Fußbekleidung, die hier ungewichst angezogen wird, zu reinigen. Die

gewöhnlich nur bis Mittag dauernde Arbeit brachte 1-1½ Dollar

ein; und war die Arbeitsjacke mit dem Rock vertauscht, so konnten wir

den Nachmittag an Orten zubringen, wo Kaufleute und Plantagenbesitzer

verkehrten, ohne daß es Jemandem auffallen würde, den Stiefelputzer

neben einem ~Gentleman~ zu erblicken, da in Amerika nur der Mensch

gilt und nicht der Posten, den er bekleidet, oder das Geschäft was er

treibt, wenn nur Geld damit zu verdienen ist.

Ein gelernter Kaufmann aus ~M.~, welcher auf sein Geschäft kein

Unterkommen in ~Baltimore~ gefunden, setzte die Reise nach

~Cincinnati~ fort, und bei gleichem Schicksal in dieser Stadt,

sah sich derselbe genöthigt, in der Apotheke, wo Aacke konditionirte,

die vakante Stelle als Stößer anzunehmen. Doch der Wunsch, sich zu

verbessern, und die gefaßten fixen Ideen zu realisiren, folgte er

unserer Bahn, und kam in ~New-Orleans~ aus dem Regen in die

Traufe. Mehr aus ~Desperation~, als aus Leidenschaft, da er auf

keine Weise Beschäftigung und Verdienst finden konnte, ergab er sich

dem Trunke, und nachdem von seinen Sachen ein Stück nach dem andern

verkauft worden war, ergriff er das Letzte dieser Unglücklichen und

wurde Soldat.

Dieser zum Nichtsthun gezwungene Stand wird von dem immer rührigen

Amerikaner verachtet, und selten giebt sich ein solcher dazu her, die

durch den Tod und den Indianerkrieg in Florida gelichteten Reihen

wieder auszufüllen; nur neue Einwanderer aus allen Ständen, welche

nothgedrungen diese Branche ergreifen müssen, ergänzen das Militär.

Dem Anschein nach ist die Löhnung des amerikanischen Soldaten eine

der besten; doch ist auch hierin die Sache so gestellt, daß der

Staat Nichts dabei verliert, und der Unwissende um so leichter den

lockenden Aussichten sich hingiebt, und den Worten der Werber glaubt,

die sich in allen bedeutenden Orten befinden, und deren Aufenthalt

die ausgesteckte Fahne angiebt. -- Außer Kost, welche auch nicht

die beste seyn soll, und Montirung, werden monatlich noch 7 Dollars

zugesichert, wovon jedoch nur ein Dollar baar ausgezahlt wird, um davon

das nöthige Putzzeug und sonstige militärische Ausgaben zu bestreiten.

Die übrigen sechs Dollars hebt die Kriegskasse bis nach abgelaufener

Dienstzeit, welche fünf Jahre dauert, auf, in welcher Zeit jedoch

der Krieger einige Mal gegen die Indianer verwendet wird, wo Pfeile,

Klima, Strapazen und Reue dafür sorgen, daß nur Wenige das fünfte Jahr

erleben, und die Sparkasse dann als Erbe eintritt.

Die bewaffnete Landmacht ist in den 27 Vereinigten Staaten nur gering,

und soll nicht über 9000 Mann stark seyn. -- Das Ehrgefühl wird bei

dem gemeinen Soldaten nicht gehoben, da gezeigte Bravour nicht durch

Ordensverleihung belohnt wird, auch findet kein Avancement Statt,

weil die Offizierstellen nur von Kadetten besetzt werden, welche die

nöthige Vorbildung erhalten haben. -- Dagegen ist die gesammte Miliz,

wozu jeder amerikanische Bürger gezählt wird, um so stärker, und soll

1,150,000 Mann betragen, welche sich theils freiwillig uniformiren, wie

ich schon erwähnt, oder gleich unserm Landsturm, nur mit Seitengewehr

und Flinte bewaffnet, sich zu den alljährigen Uebungen stellen müssen.

-- Hier ist nun den Amerikanern ein größeres Feld gelassen, um sich

den Besitz einer militärischen Charge zu verschaffen, wo es nicht auf

Kriegskenntnisse abgesehen ist.

Besteht nun auch hier die grelle Scheidewand der Stände weniger

wie bei uns, so hört es doch der Amerikaner gern, wenn man ihm im

allgemeinen Verkehr den militärischen Ehrentitel beilegt, und z. B.

einen Schuhmacher mit: „Herr Major“ einen Schneider mit: „Herr Obrist“

anredet.

Das gestörte Aeußere eines mir als höchst solid bekannten jungen

Mannes, der mit bei uns wohnte, fiel mir eines Tages auf, und der

Seelenkampf malte sich auf allen seinen Zügen so deutlich, daß ein

geheimes Vorhaben nicht zu verkennen war. Mitleid bestimmte mich, ihn

nach der Ursache seines Kummers zu fragen, und ihm meine Kräfte, so

weit sie ausreichend waren, anzubieten. -- Er sey, vertraute er mir

jetzt, der zweite Sohn eines nicht unbemittelten Müllers, und habe mit

seinem Bruder das Geschäft des Vaters erlernt. Doch mit Ersterem einst

im Zwist, und dem Briefe eines Schulfreundes mit lockenden Nachrichten

aus Amerika vertrauend, habe er gegen den Willen seiner Eltern das

Vaterland verlassen, und sey in ~Baltimore~ gelandet. Hier habe er

leider Alles anders gefunden, als man im Briefe geschrieben, und wegen

Unkenntniß der Sprache habe sich keine Gelegenheit dargeboten, als

Müller anzukommen, weshalb er das Anerbieten eines Bäckers benutzt,

und dessen Metier bei ihm erlernt habe. -- Im dritten Jahre seines

Hierseyns sey ihm die Kunde geworden, daß die Mutter, deren Liebling er

gewesen, wegen seines, aus falscher Schaam beobachteten Schweigens, da

er noch nicht geschrieben habe, in Schwermuth verfallen sey, welches

ihn so beunruhige, daß er abermals, um seine Lage zu verbessern, und

dann Bericht von sich zu geben, den Nachrichten aus ~Texas~ gefolgt,

und dorthin ausgewandert wäre. Zum zweiten Male betrogen, habe er

dort das gehoffte Glück nicht gefunden. Sein Kamerad, welcher mit

ihm, und er hauptsächlich auf dessen Vorspiegelung, die Reise von

~Baltimore~ aus unternommen, sey in ~Texas~ in Kriegsdienste gegangen,

er aber, da die Mittel noch hinreichend, hierher nach ~New-Orleans~

gereist. Seit drei Wochen warte er jetzt auf Arbeit, doch vergebens,

die Kasse sey bis auf Nichts geschmolzen und um das Maas des Unglücks

voll zu machen, habe heute der Wirth die Wohnung gekündigt, und an

die Bezahlung des Kostgeldes für die letzte Woche gemahnt. Dieses nun

möglich zu machen, bleibe ihm nichts übrig, als die Sachen zu verkaufen

und Militärdienste zu nehmen, welches Letztere der Vater schon beim

Abschied prophezeiht habe; um nun dieses nicht zu verwirklichen, wolle

er lieber ins Wasser gehen, um sich so mit einem Male seiner Qual zu

entledigen.

Mit baarem Gelde konnte ich nicht helfen, doch den Armen aus der

Gewalt des Wirths und aus der Stadt zu bringen, bot ich die Hand.

Seine Sachen wurden, mit dem Vorgeben, daß es schmutzige Wäsche von

mir sey, aus dem Hause gebracht, und ein Dampfschiff bestimmt, ihn

mit nach ~Pensacola~ zu nehmen, wohin es eben abgehen wolle,

wie die ausgehängte Tafel anzeigte. -- Beim Mangel des Fahrgeldes,

welches immer erst auf der Reise abverlangt wird, stand freilich eine

tüchtige Tracht Schläge zu befürchten, doch hier half kein Besinnen!

Fort mußte er, und über Nacht ändert sich oftmals Vieles. -- Leider

kam ich mit dem zweiten Transport Sachen etwas zu spät, so daß das

Fahrzeug schon vom Lande abgestoßen und nicht mehr zu besteigen war.

Während dem wir beriethen, was nun zu thun sey, um nicht dem überall

herum spionirenden Wirthe in die Hände zu fallen, verkündete der Schall

einer Glocke den Abgang eines zweiten Dampfschiffes, wohin, war nicht

mehr zu sehen, da die Tafel, woran es bemerkt, schon eingezogen war;

doch hier blieb, da der Flüchtling nicht zurück durfte, keine Wahl,

und so sprang er von einem nebenstehenden Fahrzeuge auf das Boot, und

ihm die Sachen nachwerfend, wünschte ich eine glückliche Reise. --

Neugierde plagte mich jetzt, zu erfahren wohin des Armen Bestimmung

sey, und, o Schicksal! ~Texas~ war das Ziel der Reise. -- Was mag

der Unglückliche bei Nennung dieses Namens empfunden haben, und welche

Zukunft ward ihm aufgespart? Gewiß geht die Prophezeihung des Vaters in

Erfüllung, und er wird Soldat.

Unser Wirth im Wilhelm Tell, Herr Brack, den das Reichwerden, wie

so vielen Andern auf geradem Wege auch nicht schnell genug gehen

mochte, schaffte nach und nach die mehresten Sachen aus dem Hause und

verschwand dann nebst seiner Ehehälfte. -- Seine Entfernung wurde so

geheim als möglich gehalten und auf dessen Kredit nach wie vor täglich

Fleisch, Brod, Bier und was sonst in der Küche nöthig war, aufgebracht.

-- Der Keller war noch gut besetzt und einige zwanzig Kostgänger lebten

jetzt herrlich und in Freuden auf Allerwelts-Rechnung noch sechs Tage,

wobei man nicht vergaß, unsern Wohlthäter bei jeder Bouteille, welche

geleert wurde, leben zu lassen.

In dieser Periode lernte ich den frühern Studiosus ~D.~

kennen, der von einem Hausirhandel mit Stiefeln lebte und in unserm

~Store~ einen auf die Lippen zu nehmen beabsichtigte. Diesen

als meinen Landsmann den Tischgästen vorstellend, wurde er unter die

Freigäste aufgenommen, stellte den Handkorb bei Seite, und that sich

mit gütlich.

Jeder der hier wohnenden Gäste sah sich während der Freudenzeit nach

einem andern Quartier um, und brachte die Sachen in Sicherheit, wobei

manches, jetzt den Kreditoren gehörige Stück, mit eingepackt wurde.

Ich für meine Person hatte mit der Köchin und deren Mann ~Moitié~

gemacht, ein kleines Quartier in der Vorstadt gemiethet und daselbst,

auf die Zukunft bedacht, von den auf Brod- und Fleischbuch gefaßten

Rationen für Brack’s Küche, manche Wurst und Stück Speck in Sicherheit

gebracht.

Der sich steigernde Tumult, das auf die Straße Werfen leerer

Bouteillen und der nicht mehr zum Vorschein kommende Wirth, machte

die Nachbarschaft aufmerksam und durch Letztere wurde der weit

entfernt wohnende Hauseigenthümer von des Miethsmannes Verschwinden in

Kenntniß gesetzt. Gegen Abend (es war der 6. Tag dieses Wonnelebens)

erschien Ersterer, und verlangte die sofortige Entfernung der Gäste

und Schließung des Ladens, wurde aber, statt ihm Folge zu leisten, aus

seinem Eigenthum ohne alle Umstände hinausgeworfen und zwar mit dem

Bemerken: „daß Jeder kommen und sich Eigenthumsrechte anmaßen könne.“

-- Daß der Gemißhandelte am andern Morgen mit den nöthigen Konstablern

wieder erscheinen würde, war gewiß, weshalb am selbigen Abend die Küche

ausgeräumt und in der letzten Freinacht noch mancher Bouteille der Hals

gebrochen wurde. Beim Frühstück war das Kränzchen aufgehoben, das Haus

geschlossen, und Jeder von uns bezog seine neue Wohnung, ohne daß einer

der Gäste zur Verantwortung gezogen worden wäre. -- Herrliche Freiheit!

Immer noch keine Reisegelegenheit für mich, obgleich täglich alle

darauf Bezug habenden Anzeigen von mir gelesen wurden. -- Die

Zeit langweilte bei Meidung aller Spiele sehr, und um so mehr, da

kostspielige Vergnügungen, wie Theater, Bälle und Redouten nicht

besucht werden konnten und Leuten unsers Standes vornehme Einladungen

abgehen. Nur Balgereien zwischen Matrosen und Arbeitern, wie sie häufig

vorkommen, unterbrachen den Verkehr. Nicht selten enden solche Kämpfe

erst mit dem Tod des Einen, da die Matrosen immer ihre Messer bei der

Hand haben und das Aeußerste wagen. --

Ein ähnlicher Fall fand dieser Tage zwischen zwei Fuhrleuten statt, wo

keiner dem andern sattsam ausweichen wollte, so, daß die Wagenachsen

zusammenrannten. Ein Peitschenschlag gab die Ausforderung zum

Faustkampf (Boxen), Jacke und Weste wurden abgelegt, das Hemd unterm

Oberleib zusammengebunden und so entblößt, begann der Angriff. Eine

Menge Neugieriger bildeten sofort einen Kreis, sich an diesem blutigen

Schauspiel ergötzend, und wehe dem Zuschauer, welcher die Kämpfenden

trennen wollte, gemeinschaftlich würden sie über ihn herfallen. --

Nach einigen Gängen lag Einer der Raufbolde blutig zu Boden. Doch

nicht zufrieden, sprang er auf, und griff von Neuem den Gegner an.

Lange schlugen sie sich jetzt mit geballten Fäusten die Gesichtstheile

entzwei und blutend, bis der Erste durch einen Tritt vor den Unterleib

zum zweitenmal zusammen sank. -- Schrecklich hatten sie sich zugedeckt,

doch als an der nächsten Pfütze die blutenden Theile möglichst

gereinigt, der Kopf verbunden und die Kleider wieder angelegt waren,

wurde im Eck-~Store~ die Versöhnung durch einige Gläser Branntwein

bekräftigt und die alte Freundschaft war wieder hergestellt.

Auf den Wunsch meines Freundes Aacke, ihm seinen zweiten Koffer,

welchen ich beim Räumen des Gasthauses an mich genommen, zu

überschicken, wollte ich das Fuhrlohn ersparen, und trug denselben

am Abend mit einem von der Arbeit zurückgekehrten Stubengenossen

nach der weit abgelegenen Apotheke; doch der kothige schlechte Weg

auf ungepflasterten Stellen und die nasse Witterung verlängerten

die Strecke, und kaum hatten wir dieselbe erst halb passirt, als

der Signalschuß fiel[49]. Jetzt, um mehr den ~Watchmen~

(Nachtwächtern) aus dem Wege zu gehen, schlugen wir die Richtung nach

der Flußseite ein. -- Zu unserm Unglück kamen uns aber hier betrunkene

Matrosen und Gesellen der untern Volksklasse entgegen, und wohl

möglich, daß sie selbst nicht auf dem besten Wege waren, vermutheten

sie in uns Diebe zu erblicken und machten Miene, den Koffer gewaltsam

wegzunehmen. Auf unsere Wehr wurde der Spectakel ärger, und ehe noch

die nächste Wache kam, war mein Begleiter mit einem Messer verwundet,

als er einen der Matrosen zu Boden geworfen hatte. Noch Schlimmeres

befürchtend, suchte er jetzt die Flucht, und ließ mich unter der Rotte

allein zurück. Ihren Faustschlägen vermochte ich nicht länger zu

widerstehen und lag auf dem schmutzigen Boden, als die Wache kam, uns

sämmtlich arretirte, und in Verwahrung brachte. Erst am andern Tage,

als der Eigenthümer des Koffers die Wahrheit meiner Aussage bestätigte,

erhielten wir sämmtlich die Freiheit wieder.

Neunundzwanzigster Brief.

Seereise nach ~Baltimore~.

Im März 1840.

Endlich sollte ich erlöst werden. Freund Aacke hatte den Kapitän vom

dreimastigen Schiff ~Ferray~, welches Fracht nach ~Baltimore~

geladen hatte, bestimmt, mich gegen Bezahlung von 20 Dollars[50] als

Deck-Passagier mit aufzunehmen, obgleich auch auf seinem Fahrzeug nur

Kajüten-Reisende zulässig waren.

Auf erhaltene Nachricht wurde das Schiff im Hafen aufgesucht, wo

mir bei der Abwesenheit des Kapitäns durch den Steuermann die

Schreckenskunde ward, daß außer der Kajüte auch für keine Maus mehr

ein Plätzchen auf dem Schiff zu finden sey, von dessen Wahrheit ich

mich selbst überzeugte, denn das Verdeck bis über die Brustwehr fand

ich mit Fässern und Baumwollen-Ballen belegt. Die Matrosen-Kajüte

war das Einzige, worauf ich mich stützte, doch auch hier fand ich

keinen Raum, da ein Kajüten-Passagier eine in ~Orleans~ gekaufte

Negersklaven-Familie daselbst untergebracht hatte. Voll banger

Erwartung lauerte ich auf den Kapitän, in der schmeichelnden Hoffnung,

daß mir vielleicht ein Plätzchen in der Kajüte selbst zugetheilt würde.

-- Eitle Hoffnung! Nach Rückkunft des Kapitäns, durch den Steuermann

dazu bestimmt, sah ich mich auch von diesem von Neuem abgewiesen, und

hatte schon den Abmarsch genommen, als ich wieder zurückgerufen, den

Antrag empfing, in dem in der Mitte des Schiffes aufgestellten Boote

mein Lager aufzuschlagen.

Dieses Boot, nur bei drohender Gefahr von der Mannschaft zur Rettung

benutzt, wurde außerdem als Rumpelkammer vom Koch und Zimmermann

gebraucht, und diente auch zugleich mit als Aufbewahrungsort der

außer Gebrauch gekommenen Segel und Taue, womit es vollgestopft war.

Nur zum Liegen war noch Raum darin, und versprach demnach für den

Bewohner nicht die beste Existenz. -- Doch hier galt kein Besinnen,

~Orleans~ zu verlassen, war mein einziger Wunsch, und der

Diogenes-Behälter wurde bezogen. Das zur Seereise Nöthige ward auf

das Allernothwendigste beschränkt, um nicht die von Freund Aacke

vorgeschossenen Gelder zu schwächen. Außer Brod und Käse nur noch

Kaffee und Zucker eingekauft und zwar auf drei Wochen berechnet, welche

Zeit die Fahrt ohngefähr dauern konnte.

Der 15. März war der traurige Tag, welcher mich von einem der besten

Menschen, meinem so theuren Freund Aacke trennen sollte, und nur die

Hoffnung, daß das Geschick uns doch noch ein Mal in diesem Leben

zusammenführen könnte, machte die Scheidestunde weniger schmerzhaft.

Beim Abschied mußte ich ihm noch das Versprechen geben, im Falle der

Noth mich seiner Adresse zu bedienen, da er, wenn es irgend in seiner

Macht stehe, immer bereit sey, mir zu helfen. Edler Mensch, solch

Handeln verdient der Vergessenheit entrissen zu werden!

Den 16. März nahm unser Fahrzeug ein Dampfschiff am Schlepptau, und

brachte es dem ~Mississippi~ hinab, welcher Fluß bis in die

offene See ganz mit Treibholz bedeckt war. Kaum hatte der Lootse uns

verlassen, als sich ein so dicker Nebel auf die Wasserfläche legte,

daß man nicht Schiffslänge vor sich sehen konnte. -- Die Segel wurden

eingezogen und das Schiff sich selbst überlassen. Erst am dritten Tage

wurde es wieder heiter und um einen günstigen Wind zu benutzen, alle

Segel aufgespannt. -- Der Wärme nach zu urtheilen, mußten wir weit

südlich fahren, und nur mit dem Hemde bedeckt, befand ich mich in

meinem Käfig am wohlsten. Von einem Eingang in Letztern war freilich

keine Rede, denn nur auf allen Vieren kriechend, wurde es möglich, ein-

und aus- zu gelangen, da die vorliegenden Baumwollen-Ballen mit der

Luke, welche die Thür bildete, gleiche Höhe hatten. -- Um so frischer

und gesünder war aber die mich umgebende Luft, da diese von keinen

mephitischen Ausdünstungen faulig gewordenen Wassers verpestet wurde,

wie es bei der Ueberfahrt der Fall war. -- Außer leichtem Schwindel

spürte ich nichts von Seekrankheit und, bei gesundem Appetit fehlte

nur die gute Kost, da Brod, Käse und Wasser das Einzige waren, was

mich nährte. -- Zum Glück hatte ich mir beim Auszug in ~Orleans~

einige vom durchgegangenen Wirth zurückgelassenen Bücher zu Nutze

gemacht, die ich zum Zeitvertreib studirte, um, bei aller Entbehrung

menschlicher Gesellschaft, die schreckliche Langweile zu vertreiben.

Der große Eindruck, welchen Gottes herrliche Schöpfung auf den

Seefahrer das erste Mal macht, verliert sich merklich, wenn der Reiz

der Neuheit durch wiederholtes Anschauen geschwächt worden ist. Auch

die glücklichste Seereise bei voller Gesundheit hat bei weitem nicht

das Angenehme, was eine Landreise bietet. Die ungeheure Wassermasse,

welche durch Nichts unterbrochen wird und der Umstand, daß die in

kurzer Entfernung dem Anschein nach aufliegenden Wolken die Aussicht

beschränken, macht die Sache einförmig und todt, und die peinlichste

Langweile würde bei Windstille Einem umbringen, wenn sie nicht mitunter

von zum Vorschein kommenden fliegenden Fischen, Seeblasen, Boniten,

Doraden und Delphinen unterbrochen würde. Mit dem Fangen der Letztern,

durch Auswerfung von Harpunen, vergnügten sich die Matrosen, doch nur

einmal glückte es, einen zu fangen, da sie sich gewöhnlich wieder

losreißen.

Bis zum 21. bot die Fahrt in dem Meerbusen von Mexiko nichts besonderes

Merkwürdiges dar. Tags darauf überzogen schwarze Gewitterwolken den

ganzen Himmel und von allen Seiten durchkreuzten Blitze das Firmament,

doch nur schwach vernahm man noch den Donner, was vermuthen ließ,

daß das Gewitter ohne Entladung an uns vorüberziehe, weshalb Niemand

froher war als ich, da das in ~Texas~ erlebte Naturereigniß

einen solchen Eindruck bei mir hinterlassen hatte, daß jeder Blitz

eine Erschütterung des Körpers verursachte. Die Läden vor meinem

Behälter suchte ich zu schließen, um den Schein vom Blitze weniger zu

empfinden und war auch dafür geholfen, so drang doch immer stärker der

herabfallende Regen durch die Fugen des zusammengetrockneten Daches auf

mich ein, und war eine Ritze mit Baumwolle verstopft, so schüttete

die nächste das Wasser um so reichlicher über mich aus, weswegen ich

die Arbeit einstellte und mich geduldig dem Tuschbade unterwarf und

nur das Brod vor Nässe zu bewahren suchte. -- Bis jetzt waren die

schlagenden Wellen noch wenig fühlbar, und das Schiff ging ruhig

seinen Lauf, schnell drehte sich aber die Luft, und in dem Augenblicke

stellte sich der Sturm ein, der immer stärker und stärker das Fahrzeug

auf den schäumenden Wogen herumwarf und der Abgrund des Meeres es zu

verschlingen drohete. Fürchterlich krachte das Schiff in allen seinen

Fugen und als selbst mein Käfig zu wanken anfing, war mir nicht wohl

zu Muthe, da die über ihn sich brechenden, herstürzenden Wellen die

Decke zertrümmern zu wollen schienen. Die See ging Berge hoch, und

Blitz auf Blitz setzte den Himmel in Flammen, Wind und Regen warfen das

Schiff auf und nieder, und in dieser fürchterlichen Periode feuerte

das Kommandowort des Kapitäns die Matrosen an, die lose gewordenen

Ballen und Fässer, welche vom Verdeck jeden Augenblick in die See

geschleudert zu werden in Gefahr waren, von Neuem zu befestigen. -- Der

Sturm hatte die Bande eines meiner Vorsätzläden ebenfalls gelöst und

mit angestrengter Kraft suchte ich denselben zu erhalten bis die sich

einstellende Seekrankheit es mir unmöglich machte, und solcher über

Bord ins Wasser flog. So wurde mir wider Willen die Aussicht auf das

Meer eröffnet und den nun einschlagenden Wellen Platz gemacht, welche

das Schiff über und über mit Wasser bedeckten und die Möglichkeit

boten, mich in meinem Behälter ersaufen zu lassen. Durch und durch naß,

drückte ich mich aus einer Ecke in die andere und war bei dieser großen

Gefahr keines andern Gedankens mächtig, als an Frau und Kinder, die

mich verlieren konnten, ohne je zu erfahren, wo ich hingekommen sey.

-- Noch waren die Matrosen mit den Segeln beschäftigt, die der Sturm

abzureißen drohte, welche Arbeit bei dem unsichern hohen Stand auf

nassen Fässern und Ballen äußerst gefährlich war, als der Wirbelwind

den obersten Aufsatz des Mittelmastes herabriß und mit solcher Gewalt

auf die Decke meines Kahnes schleuderte, daß ich nichts anders

vermuthete, als der Blitz habe eingeschlagen, und mit klopfendem Herzen

jeden Augenblick den Ruf „Feuer!“ zu vernehmen glaubte. -- War auch

Ersteres nicht geschehen, so hatte ein anderes Unglück sich ereignet,

denn der herabfallende Balken schleuderte einen jungen Matrosen, der

zum ersten Mal zur See war, von seinem unsichern Stande in die tobende

See. Der Anblick war herzergreifend, wie der junge Mensch aus Liebe

zum Leben mit den Wellen kämpfte, bis er zwischen den schäumenden

Wassermassen verschwand. -- Erst gegen Abend legte sich der Sturm,

doch der Himmel blieb fortwährend umwölkt, und machte die Nacht so

stockfinster, daß die Fahrt bei der Dunkelheit und der Nähe der Insel

~Cuba~, nur langsam fortgesetzt wurde, um dem leicht möglichen

Stranden zu entgehen, was häufig bei den ~Bahama~-Inseln vorkommen

soll.

Ganz entkräftet durch das fürchterliche Erbrechen und der

ausgestandenen Angst, durchnäßt bis auf den Leib, und in ein Seebad

gebettet, da die verquollenen Fugen des Bootes die eingeschlagenen

Wassermassen nicht wieder durchließen, machte die Nacht zur Ewigkeit,

da an Schlaf nicht zu denken war, und nur meiner guten Natur verdanke

ich, daß ich diese fürchterliche Katastrophe überlebt habe. Zum Glück

verscheuchte die Morgensonne alle Nebel und ihre warmen Strahlen

trockneten die ausgespannten Kleider. Das Boot wurde von Sachen

geleert, das Wasser ausgeschöpft, und hatte auch der Inhalt meines

gut verwahrten Koffers wenig gelitten, so war doch der im Hutfutteral

aufbewahrte Zucker zerweicht, der Kaffee verschüttet und das Brod vom

Seewasser durchdrungen, daher es zu schimmeln anfing, und bald darauf

nicht mehr zu genießen war. Der wenige Käse war das Einzige, was mir

zur Nahrung übrig blieb.

Der Kapitän, von meiner Lage unterrichtet, wünschte mich für die

Arbeit des verloren gegangenen Matrosen zu gewinnen, und versprach

Kost gleich den Andern, wenn ich mich deren Geschäften mit unterziehen

wolle. Dieses war jedoch nicht möglich, denn wie konnte ich, der

auf dem Schiffe nicht fest hinter sicherer Brustwehr stehen konnte,

das verrichten, was ein Matrose in der Nacht und bei Sturmeszeit zu

vollbringen verpflichtet ist. -- Um mich geneigter zu machen, die

vakante Stelle anzunehmen, wurde mir nichts von Nahrung gereicht. Doch

mein Schutzgeist verließ mich nicht, auf anderm Wege wurde geholfen.

-- Eines der Kinder der Neger-Familie, welche mit auf unserm Schiffe

war, hatte ich mir durch die Gabe kleiner Zuckerdüten geneigt gemacht

und so lange der im Koffer aufbewahrte Farinzucker auslangte, steckte

mir verstohlen das zehnjährige Mädchen von der ihrer Familie gereichten

Kost manches Stückchen Fleisch zu, welches zu verzehren, freilich

nur der Hunger möglich machte, da die schwarzen Händchen, welche das

Pökelfleisch zu verbergen suchten, nicht die appetitlichsten waren,

und die Art zu geben, der Fütterung eines Hundes glich, dem man in

seinen Behälter ein Stückchen Fleisch zuwirft. -- Das von der Mutter

bestrafte Kind, welches bei der Entwendung erwischt worden, zog seine

wohlthuende Hand zurück, und die immer spärlichere Spendung des auf

die Neige gehenden Zuckers war nicht geeignet, die Gunst des Mädchens

zurückzubringen.

Der letzte Käse war verzehrt, und vom verschimmelten Brod nichts mehr

genießbar, daher ich nothgedrungen, so viel ich es im Stande war,

den Matrosen zu helfen suchte. -- Mit Begierde ward die erste mir

gereichte Reissuppe verschlungen, welche den zusammengeschrumpften

Magen erwärmte, und die Kartoffeln mit einem Appetite verzehrt,

als wären es die besten Leckerbissen. Zum Glück für mich hatte der

Ertrunkene, ein Bötticher, aus leeren Fleischfässern sechs Stück

Wassereimer bis auf’s Binden angefertigt, und diese Arbeit auszuführen,

war jetzt bei ruhiger See meine Arbeit. -- Die Zuneigung der Matrosen

erwarb ich mir bald, der Koch wurde durch Schenkung eines Rasirmessers

gewonnen, und dieser jetzt weniger wegen meiner Person vom Steuermann,

einem äußerst barschen Menschen, beaufsichtigt. So wurde mir an

Speisen mehr zugesteckt, als ich bedurfte und um vor möglichem Unfall

mich zu wahren, trug ich von diesen ein, wie ein Hamster und verbarg

Schiffszwieback und Pökelfleisch im Koffer. -- Doch diese Vorsicht war

nicht nöthig, denn da die Eimer fertig, die eisernen Reife schwarz, und

das Holz mit grüner Farbe angestrichen waren, erlaubte der Kapitän,

mich gleich den Matrosen mit Schiffskost zu versehen, da er meinen

guten Willen zur Arbeit nicht verkannte, wenn nicht die gewaltsamen

Bewegungen des Schiffes gewesen wären, die jedesmal die Seekrankheit

bei mir hervorriefen, und das Arbeiten unmöglich machten. --

Nichts besonderes Merkwürdiges kam während der weitern Reise vor, da

alle Begebenheiten mit Donner, Blitz, Wind und Wetter durchflochten,

nur das schon Erlebte und Erzählte wiederholen. -- Das Auffallendste

dieser Tour bleibt die ~Golf-~Strömung, welche die Fahrt aus

dem mexikanischen Meerbusen bis zur Höhe von ~Baltimore~ sehr

begünstigt, und den Lauf des Schiffes auch ohne Wind immer in einer

gewissen Geschwindigkeit erhält.

Sonntag, am 12. April wurde nach einer dreiwöchentlichen Seefahrt am

~Marine-Arsenale~ bei ~Norfolk~ beigelegt, um den größten

Theil der Schiffsladung, die in eingesalzenem Schweinefleische

bestand, auszuladen, welche viertägige anhaltende Arbeit mir äußerst

sauer ankam, weil durch das Ziehen am Seile des Krahnes meine Hände

voller Blasen wurden. So gern ich auch das Innere der Arbeitsgebäude

dieser Anstalt besichtigt hätte, so erlaubte dieses doch die mir am

Tage zu Gebote stehende Zeit nicht.

Am Morgen des 17. wurde die Fahrt von Neuem fortgesetzt, und in der

~Chesapeak-~Bai, der Stadt ~Baltimore~ zugesegelt. -- Das

malerische dieser Landenge bietet bei weitem nicht den Reiz, welchen

die Einfahrt zwischen ~Staaten-Island~ und ~Long-Island~ bei

~New-York~ dem Reisenden gewährt, ein Panorama, das die erhitzte

Einbildungskraft derer zum Paradies erhebt, die zum ersten Male die

Seereise machen und durch langentbehrte Ansicht bergiger, mit Wald

besetzter Höhen und grüner Thäler entzückt werden; wenigstens mir kam

es so vor. Mit ganz andern Gefühlen und Ideen, gemäßigt durch Erfahrung

und gewonnene Ueberzeugung im Lande der Freiheit selbst, betrat ich den

Boden vom Staate ~Maryland~, als es das erste Mal der Fall war, wo

ich bei ~New-York~ an’s Land stieg.

Dreißigster Brief.

~Baltimore.~

Im April 1840.

Am 18. April Vormittags befanden wir uns ganz in der Nähe der Stadt.

Die Fahrt ging bei wenig ausgespannten Segeln nur langsam vorwärts,

während dem der Lootse mit dem Senkblei in der Hand, die Tiefe des

Wassers zu erforschen suchte. -- Ohne weitere Quarantaine halten

zu müssen, da der Kapitän mit den Kajüten-Passagieren schon von

~Norfolk~ aus, mit dem Dampfboote nach ~Baltimore~ vorausgegangen war

und vermuthlich über Alles schon rapportirt hatte, fuhren wir bis in

die Mitte der Stadt an die Magazine an, wo die noch auf dem Fahrzeuge

befindlichen Waaren niedergelegt wurden.

Mit der Adresse meines Landsmanns Gottfried Lieber in der Hand,

wünschte ich vor Allem dessen Wohnung aufzufinden, wurde aber aus

einem Stadttheile in den andern verwiesen, da der Name des Gäßchens,

wo er wohnen sollte, undeutlich geschrieben war. Ermüdet suchte ich im

nächsten Speisehause Stärkung, wo ich so glücklich war, einen Bekannten

von ihm zu finden, welcher nach dem Mahle so gefällig war, mich bis in

die Nähe der gesuchten Wohnung zu bringen. -- Mit offenen Armen wurde

ich von Lieber empfangen und seiner Familie als alter Schulfreund

vorgestellt. -- Ein zweiter Landsmann, Papst, welcher bei Ersterem in

~boarding~ war (in Wohnung und Kost seyn), bot gleichsam zum Willkommen

die Hand, und von Beiden dazu bestimmt, schlug ich in ihrer Mitte die

Wohnung auf.

Mehrere sich hier niedergelassene Landsleute, welche während meines

Aufenthalts besucht wurden, versprachen Alle, für eine Stelle für mich

zu sorgen, welche aufzufinden um so weniger schwer halten würde, da

ich auf eine besondere Branche nicht eigensinnig bestand, sondern in

verschiedenen Fächern zu arbeiten mich erbot.

Am zweiten Tage meiner Ankunft waren wegen der Feier des Sonntags die

Straßen wie ausgestorben und das Leben der geschäftigen Menge bot das

Gegenstück von ~New-Orleans~, denn nur Kirchengänger fand man in

den Straßen. Der Tag wurde zu Hause im geselligen Kreise zugebracht,

und von der alten Heimath erzählt, in welcher mancher jetzt in Amerika

lebende Landsmann so viele glückliche Tage verlebt. Es wurden

Geschichten Amerikas eingewebt, die sich während der Anwesenheit meiner

Freunde zugetragen oder mir auf der Reise selbst begegnet waren.

Den hierauf folgenden Montag machten Lieber, Papst und Schenk blau

und begleiteten mich nach dem zwei Stunden von ~Baltimore~

entfernt gelegenen ~Franklinwork~, wo auf einer Kasimir-Faktorei

Freund Thalemann beschäftigt war[51]. Freudiges Wiedersehen!

Herzliches Willkommen in der neuen Welt, worüber in der alten so viel

gekannegießert worden war, und nun hinter den Luftschlössern nichts als

Entbehrungen aller Art, ohne Beschäftigung, bei welcher sich aber immer

Interesse, Bevortheilung und Betrug im Gefolge befinden. Thalemann

wünschte auf einige Zeit meine Gegenwart, und ich konnte hier ungenirt

im Kreise wahrer Freunde von der Reise ausruhen, da ~Baltimore~

nahe war.

Auch Thalemanns Bemühung, bei seiner Ankunft in Amerika, als

Bierbrauer, Branntweinbrenner oder Destillateur anzukommen, war

vergebens, weshalb er seine Zuflucht zu des Vaters Geschäft als

Tuchmacher nahm und sich in mehren ~Carpet-~ (Teppich) Fabriken

nach Arbeit umsah; doch Alles umsonst. Schon war die letzte

Baarschaft verausgabt, und eine trübe Zukunft verbitterte noch mehr

die beengte Gegenwart, als der Besuch zweier Schiffsreisegefährden,

Weber und Maler, ihn bestimmten, die vakante Stelle in einer

Steinkohlen-Niederlage anzunehmen, wo sie arbeiteten, da kein anderes

Unterkommen sich gefunden hatte. Es galt hier kein Besinnen, die

weichen Hände unternahmen die harte Arbeit. Leider waren aber am

zweiten Tage diese schon voller Blasen und aufgesprungen, und nur,

um den Lohn der ersten Tage nicht zu verlieren, wurde unter Schmerzen

die Woche ausgehalten. Die erhaltenen sechs Dollars langten eben aus,

um die laufenden Ausgaben der nächsten Woche zu bestreiten, und auf

gut Glück wurde im Lande umgeschaut, bis ihn sein guter Engel nach

~Franklinwork~, seinem jetzigen Aufenthaltsorte, geleitete, wo

er als Woll-Sortirer beschäftigt war. -- Bei wenigen Bedürfnissen und

ökonomischer Haushaltung seiner lieben Frau ist es ihm möglich, Etwas

zu erübrigen, wenn er bei anhaltender Arbeit gesund bleibt, und den

aufgesparten Lohn kein betrügerischer Bankerot zu Nichte macht.

~Baltimore~, mit 100,000 Einwohnern, worunter der zehnte Theil

Deutsche seyn sollen, bietet im kleinern Maßstabe das Großartige im

Geschäftsleben, was den ankommenden Einwanderer in ~New-York~ mit

Erstaunen überrascht, und wer jenes Drängen und Treiben nicht gesehen

hat, glaubt schon hier das ~Non plus ultra~ zu erblicken, wo

jährlich über 2000 Schiffe ankommen sollen.

Aus dem eigentlichen Hafen, das Becken genannt, sind Kanäle in

die am Wasser liegenden Straßen geführt, wodurch den Schiffen die

Gelegenheit wird, in der Nähe der Vorrathshäuser und großen Speicher

der Kaufleute landen zu können, und ihre flatternden Wimpel, an

hervorragenden Masten der Schiffe in der Mitte der Häuser, imponiren

den kolossalen Schornsteinen gegenüber sehr. -- Wird man auch

unter der Menge der arbeitenden Klasse weniger Neger und Mulatten

gewahr, als in ~New-Orleans~, so ist ihre Zahl doch größer,

als in ~New-York~, und bekundet, daß ~Maryland~, worauf

~Baltimore~ erbaut ist, zu den Sklavenstaaten gehört. -- Die

Straßen der Stadt sind meist breit, gepflastert, mit Trottoirs versehen

und Bäumen besetzt. Die schönste, eine halbe Stunde lange Straße

(~Baltimore-Street~ genannt) zieren Kaufmannsgewölbe und Läden

aller Art, und dient zur Promenade der schönen Welt, welche hier sieht,

und gesehen zu werden, zu kaufen oder nur durch mehrmaliges Anschauen

der Waaren, dem Verkäufer das Leben sauer zu machen sucht.

Sind auch die Dämme zwischen den Häuserreihen und den Kanalufern breit

genug, um den zweiräderigen Lastkarren das Ausweichen zu gestatten, so

muß doch der Fußgänger sehr Acht haben, um nicht zwischen zwei Feuer zu

gerathen, und sich glücklich preisen, wenn er nur mit einem Seitenstoß

sich durch die regsame Menschenmenge durchgearbeitet hat. Deshalb

bedient sich der Geschäftsmann immer, um schnell und sicher zum Ziele

zu gelangen, der Fiaker, Wagen, welche auch hier gleich ~New-York~

und ~Orleans~ in den Straßen der Stadt, am Ufer und allen Plätzen

dem Winke der ~Gentlemen~ harren, die sich ihrer bedienen wollen.

-- Die Häuser, von Backsteinen erbaut, verdrängen immer mehr die noch

wenigen Holzwohnungen, und von allen Gebäuden tritt besonders schön die

Douane, von weißem Marmor aufgeführt, hervor. Zwölf kolossale Säulen

tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab

durch eine hohe Kuppel erleuchtet wird. An beiden Seiten sind die

Amts- und Geschäftszimmer, so wie die Wohnungen der Angestellten. Die

katholische St. Paulus-Kirche, ebenfalls mit einer Kuppel versehen,

ist die zweite Zierde der Stadt und ihr innerer Ausbau, reich und

geschmackvoll ausgestattet, sie war die schönste, welche ich bis

jetzt unter allen Kirchen Amerikas gesehen hatte; dann treten noch

von allen den vielen Bethäusern, der Tempel der Unitarier und die

Episkopal-Kirche hervor.

Das auf einer Anhöhe stehende Monument ~Washingtons~ ist aus

weißem Marmor in Form einer Säule bis zu einer Höhe von 160 Fuß

aufgeführt, und auf der Kuppel der Säule steht die kolossale Statue des

großen Mannes selbst. Eine Wendeltreppe im Innern der Säule führt zum

schönsten Standpunkte, von wo aus ~Baltimore~ mit einem Blicke

übersehen werden kann. -- Ein zweites Denkmal, zu Ehren der Bürger

errichtet, welche 1814 bei der Vertheidigung von ~Baltimore~

gefallen sind, besteht ebenfalls aus einer auf einem Piedestal

errichteten Säule, auf welcher die Statue einer Victorie steht und

die Namen der gefallenen Bürger auf den die Säule umgebenden Bändern

eingegraben sind.

Die hiesigen Theater und das vorhandene Museum wurden von mir nicht

besucht, um die Kasse möglichst zu schonen, so lange Verdienst solche

nicht wieder zu füllen versprach. Leider hatte sich aber bei der Menge

arbeitsloser Menschen während meines vierzehntägigen Aufenthaltes noch

keine Stelle gefunden, obgleich sich Freund Schenk und Senftleben

alle Mühe gegeben hatten. Viele Fabrikherren hatten den größten Theil

ihrer Arbeiter entlassen, und wehe thut Einem der Anblick leerer

Gebäude und unbenutzter Maschinen. -- Ein ähnliches war der Fall mit

der großen Eisen-Manufaktur, wo Dampfboote gebaut, und Senftleben

gewöhnlich als Zimmermann beschäftigt wurde, welche zur Zeit über 200

Arbeiter entlassen hatte, worunter der Letztere mit inbegriffen war.

Die Herren dieser Fabrik waren äußerst zuvorkommend und artig, als beim

Vorstellen meiner Person um die Erlaubniß gebeten wurde, mich in der

Fabrik umsehen zu dürfen, und bedauerten, wegen Drange der Umstände,

von meinem Anerbieten, unter die Zahl der Kupferarbeiter aufgenommen

zu werden, keinen Gebrauch machen zu können. -- Ueberhaupt ist in

Amerika der Einlaß in Fabriken weniger schwer zu erlangen, als es in

England der Fall ist; obgleich auch hier am Eingange gewöhnlich die

Worte: „~No admittance~“ andeuten, daß der Zutritt von Neugierigen

nicht erlaubt ist, so reicht doch immer die gestellte Bitte an den

Fabrikherrn selbst, oder in dessen Abwesenheit, an den Vormann der

Anstalt hin, Einem die Thüre zu öffnen, und nur ein Mal bin ich, bei

den vielen Besuchen von Fabriken, ungehört abgewiesen worden. Dabei

herrscht die gute Sitte, daß nicht wie bei uns, Leute mit offenen

Händen den Ausgang versperren, da der Amerikaner sich in solchen Fällen

schon mit dem Danke begnügt.

Der 4. Mai brachte eine Unterbrechung in das alltägliche Leben der

Bevölkerung von ~Baltimore~, da auf diesen Tag eine große

~Whig-Konvention~ ausgeschrieben war, wozu von der betreffenden

Parthei, selbst aus den entferntesten Staaten, um das Fest zu

verherrlichen, Deputationen hierher geschickt waren, welche sich zu

mehren Tausenden zum festlichen Zuge, mit Fahnen und verschiedenen

andern Insignien geschmückt, in der West-~Baltimore-~Straße

aufstellten und mit klingendem Spiele vor jeder Abtheilung und den

Hauptrednern an der Spitze, in Prozession nach einem freien Platz

vor der Stadt zogen. Längs der Straßen, durch welche der Zug, den

~Whig~-Blätter auf 10,000 Mann angaben, passiren mußte, hatten

auf beiden Seiten die politischen Gegner (Demokraten) in Unzahl

sich aufgestellt, da diese meist den niedern Ständen angehören, und

suchten auf mancherlei Art die ~Whigs~ zu höhnen. Lange blieb es

beim gegenseitigen Beschimpfen ohne weitere Störung herbeizuführen,

als sich aber einige 40-50 junge Leute von der demokratischen

Parthei, zum Schimpfe der Gegner mit einem ausgestopften Mann, den

~Whig~-Kandidaten zur Präsidenten-Stelle, General Harrison

vorstellend, dem Zuge anschließen wollten, fühlten sich mehrere

~Whigs~ veranlaßt, dieses zu vereiteln, wodurch eine förmliche

Prügelei entstand, wobei einem Kämpfenden ein solcher Schlag auf den

Kopf versetzt wurde, daß er sogleich entseelt zu Boden sank, und leblos

hinweggetragen wurde. Solche Vorfälle sind nicht neu, und machen daher

kein Aufsehen mehr, denn während das Gefecht vorfiel, setzte der übrige

Zug, als sey nichts geschehen, seine Bewegung fort. Keine Behörde

fühlte sich veranlaßt einzuschreiten oder eine Kriminaluntersuchung

einzuleiten, um des Thäters habhaft zu werden, das hieße zu weit in die

so gepriesene Freiheit eingreifen, da ja Keiner zum Mitziehen, oder zum

Maulaufsperren gezwungen werde, sich also selbst zuzuschreiben habe,

was ihm bei einem solchen Falle begegne. Schöne Grundsätze! Für die

Wittwe mit sechs Kindern wurde eine Kollekte eingesammelt, und dieselbe

damit ein für alle Mal abgespeist. --

Die Lage aller von mir getroffenen Landsleute hier, ist nicht von der

Art, daß sie um das Glück, was sie in Amerika getroffen, zu beneiden

wären. In der Nähe besehen, nimmt sich Vieles anders aus, als man

durch briefliche Schilderungen glauben zu machen sucht. Ohne mich

weiter auf gewünschte Auskunft einzulassen, bemerke ich nur noch, das

nicht alles Gold ist, was glänzt. -- Was die zweite Anfrage anlangt,

wegen der hierher importirten Verbrecher[52], erlaube ich mir die

Bemerkung, daß ich nur Einen davon, und wie es schien, gebessert, in

~Baltimore~ getroffen, aber dieser Zusendung halber, mitunter

viel Vorwürfe habe hören müssen. Wie man darüber hier urtheilt, mag

folgender Zeitungs-Auszug bekunden: „Daß deutsche Verbrecher, und

zwar auf Befehl deutscher Regierungen nach den Vereinigten Staaten

importirt worden sind, scheint keinem Zweifel zu unterliegen und

wird uns von den glaubwürdigsten Männern versichert, nur scheinen

darüber keine schriftlichen Dokumente vorhanden zu seyn. -- Daß es

schließlich in einer Seestadt, wie ~Baltimore~, überhaupt an

Gesindel und charakterlosen Geschöpfen jeder Art, so auch an deutschem

Gesindel nicht fehlen wird, und an verworfenen Menschen, welche Hang

zum Müßiggang und Hoffnung auf Gewinn aus unserm Vaterlande hierher

gelockt, und die hier wie dort eine Last und Schmach der Gesellschaft

sind, versteht sich leider von selbst, und die schamlosen Betteleien

mit Trug, List und Undank gepaart, die von deutschen Einwanderern

handwerksmäßig getrieben werden, und wofür wir selbst zahlreiche

Beweise liefern können, sind allerdings der biedern, betriebsamen und

allgemein geachteten deutschen Bevölkerung unserer Stadt längst ein

Greuel, und je mehr dieses in den Augen der Amerikaner auffallen,

Widerwillen und öffentlichen Tadel hervorbringen muß, desto mehr ist es

die Pflicht aller Bessergesinnten unter unsern deutschen Mitbürgern,

mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß zur Ehrenrettung des

deutschen Namens, diesem Unwesen gesteuert werde etc.“

Was muß sich nun der eingeborne Amerikaner nach diesem Geständnisse

der Deutschen selbst für einen Begriff von der Kenntniß deutscher

Regierungen über den moralischen und sittlichen Zustand Amerika’s

machen? Da man sich nicht scheut, ihnen den Abschaum menschlicher

Gesellschaft zu überschicken, wird dadurch nicht geradezu

einer freundlichen, humanen Aufnahme von Seiten der Amerikaner

entgegengearbeitet, und geht nicht Achtung für denjenigen, welcher

geehrt und geliebt in der Heimath, nur aus überspannten Ideen, oder

sonstigen Maximen sein Vaterland verläßt, hier verloren? Muß dadurch

nicht der Gerechte mit dem Ungerechten leiden?

Um die falschen Ansichten der Eingebornen über unser Vaterland und

dessen Verfassung noch zu mehren, tragen besonders solche Emigranten

bei, welche sich als verfolgte Demagogen ausgeben, die für das Beste

der deutschen Freiheit, mit Mund und Feder gestritten haben wollen,

und von ihrer Regierung verfolgt, nur im freien Amerika sichere

Zuflucht gefunden hätten, obgleich sich Niemand in der lieben Heimath

um solch ein Subjekt bekümmert hat, welches vielleicht schlechter,

unpolitischer Streiche halber relegirt oder im Examen durchgefallen

ist und sich hier nun durch Erzählung solcher Mährchen, Theilnahme

und Unterstützung zu verschaffen sucht. Daß das von solchen Menschen

geschaffene Bild über deutsche Verfassung den deutschen Emigranten

nur zum Nachtheil gereichen muß, ist natürlich, da der sich allein

frei dünkende Amerikaner darin nur despotische Regenten und sklavische

Bettler zu erblicken glaubt.

Gewöhnlich gesteht sich auch der mit dem getroffenen Loos unzufriedene

Deutsche hier nicht ein, daß nur er allein und außer ihm Niemand

weiter die Schuld trägt, warum er nach Amerika versetzt worden ist,

und sucht immer die Regierungsform vorzuschützen, welche zu diesem

Vorhaben die Ursache gewesen wäre, obgleich diese zu beurtheilen,

ihm selten die Kenntniß zusteht, wie die Widersprüche seiner Angaben

hinlänglich bekunden. Als Beispiel mag die Bemerkung gelten, wie einer

meiner Landsleute, (Schuhmacher) bis im dritten Himmel entzückt, sich

über amerikanische Freiheit ausließ, wo jeder treiben dürfe, was er

wolle. Auf die von mir gestellte Frage, welches die ihm zum Auswandern

bestimmte Ursache sey, da ich doch wisse, daß er in seiner Vaterstadt

recht gute Tage verlebt habe, gab er zur Antwort: wie höchst ungerecht

es von der Behörde sey, jeden zum Meister sich Anmeldenden aufzunehmen,

wodurch der Verdienst der alten Meister geschmälert und deshalb

dieselben einer trüben Zukunft entgegen sehen müßten, aus welcher

Ursache er den Wanderstab ergriffen und in das schöne freie Amerika

gereist sey!

Einunddreißigster Brief.

Reise nach ~Washington~.

Im Juni 1840.

Die Arbeit im Gärtchen vor Thalemanns Wohnung in ~Franklinwork~,

welches in Stand zu setzen, mich beschäftigte, wenn ich nicht in

~Baltimore~ war, wurde beendigt, und da man in der Stadt nur

solche Arbeit fand, welche die sich damit Beschäftigenden im Laufe der

ersten Woche gewöhnlich wieder verlassen, so fühlte ich keinen Beruf

und Lust, in Steinkohlen-Niederlagen oder Backstein-Fabriken meine

Zeit zu verlassen, oder als Feuermann bei dem Dampfkessel einer Fabrik

einzutreten, und es wurde beschlossen, ~Baltimore~ unverzüglich

zu verlassen, da auch die letzte Aussicht, bei einem Destillateur ein

Unterkommen zu finden, sich nicht realisirte, indem der Herr mich für

zu gescheidt hielt, und sich nicht, wie er vorgab, der Gefahr aussetzen

wolle, durch mich seine Geheimnisse weiter verbreitet zu sehen. Dabei

gab er mir den Rath, mit meinen Kenntnissen nicht eher als im Laufe der

Arbeit hervorzutreten, da der Amerikaner nicht gern gescheidtere Leute

anstelle, als er selbst sich dünke; noch weniger aber von Deutschen

Lehren annehmen würde.

Am 6. Mai brachte mich Freund Thalemann auf die Chaussee, welche von

~Baltimore~ nach ~York~ führt, in welcher Stadt hauptsächlich

viele kleinere landwirthschaftliche Brennereien angefertigt werden

sollten, und wo ich in meinem Fach Beschäftigung zu erhalten hoffte.

Der Bau der Kunststraßen, ~Turnpikeroad~ genannt, wird ebenso wie

Eisenbahnen und Kanäle, von Spekulanten ausgeführt; Chausseen sind

gewöhnlich 25 Schuh breit und mit Meilensteinen versehen. -- Daß bei

Ausführung solcher Kunststraßen, wie Eisenbahnen, nicht immer auf

einen soliden Unterbau gesehen wird, um möglichst wenig Anlagekapital

zu verwenden, mag die Ursache seyn, daß solche bei mangelhafter

Beaufsichtigung, sich nicht immer in einem soliden Zustande befinden,

wenigstens ließ die von mir heute passirte Strecke Vieles zu wünschen

übrig. -- Bei eingezogener Erkundigung, ob die Landstraßen auf

Staatskosten erbaut und erhalten würden, wurde mir gesagt, daß dieses

nur mit wenigen der Fall sey; großartige Unternehmungen, wie Kanal-,

Brücken-, Eisenbahn- und Straßen-Bauten würden in der Regel von einer

zusammengetretenen Gesellschaft Aktionäre unternommen, und vorzüglich

von denen unterstützt, welche der zu errichtenden Straße am nächsten

wohnen, weil durch Erleichterung des Waarenverkehrs ihre Erzeugnisse

leichter Absatz fänden, und dadurch der Werth ihrer Grundstücke sich

steigere. -- Nach vollendeter Arbeit wird von den Aktionären ein

Wegegeld erhoben, doch nicht auf die ganze Länge der Straße in gleichen

Ansätzen für die Meile, sondern jenachdem das Terrain zwischen den 1½

bis 2 Stunden auseinander gelegenen Einnahmestellen mehr oder weniger

Anlage-Kapital erfordert hat, wodurch der Reisende genöthigt ist, die

auf Verlangen vorgezeigten Tariftabellen zu studiren, wenn er sich

nicht der Gefahr aussetzen will, daß ihm zu viel abgenommen werde. --

Dann soll es aber auch vorkommen, daß zusammengetretene, großartige

Spekulanten den Plan zu einer Eisenbahn der Regierung vorlegen, mit dem

Bemerken, daß man im Besitz eines großen Vermögens sey, dasselbe aber

in Cirkulation merkantilischer Geschäfte sich befände und Hemmung in

ihre Geschäftsthätigkeit bringen würde, wenn man es einziehen wolle.

Man stellt daher das Gesuch, für so und so viele Millionen Papiergeld

machen zu dürfen, welches nach Verlauf einer bestimmten Zeit wieder

eingezogen werden solle. Die Erlaubniß erfolgt, ohne daß jedoch der

Staat eine Garantie übernimmt, und nichts geht schneller, als das

Papiergeldmachen. Die Bahn, in verschiedene Sektionen getheilt, wird

zu gleicher Zeit an allen Orten angegriffen, da das Geld vollauf

vorhanden ist und langt die veranschlagte Summe nicht aus, so giebt

es Papier ohne Ende, und schnell ist der Schaden geheilt. Je nachdem

nun den Unternehmern Vertrauen geschenkt wird, richten die Lieferanten

ihre Kontrakte darnach ein, und die Entreprenneurs von Erdarbeiten

lassen sich darnach zahlen, welche wiederum ihre Arbeiter annehmen und

verlohnen; so kommen nun solche Eisenbahn-Noten in die Hände der ärmern

Klasse, wo sie den Werth des Silbers als Papiergeld verlieren und immer

nur einen momentanen Werth besitzen; denn sobald eine Bank die Annahme

solcher Noten verweigert, wozu sie Niemand zwingen kann, so ist es um

ihren Kredit geschehen und von Tag zu Tage sinken sie im Werthe, je

mehr man sich bemüht, sie los zu werden, bis sie ganz außer Kurs sind

und der Sparer wieder von vorn anfangen muß. Was hat nun die Eisenbahn

gekostet? Nichts weiter, als einige Ries Papier und Druckerlohn der

Noten. -- Die Regierung mischt sich in solch einen Handel nicht, da

nach dem Gesetz Niemand zur Annahme von Papiergeld gezwungen werden

kann, und wer solches gethan, sich allein die Schuld beizumessen hat.

Im Städtchen ~Manchester~, welches von mir berührt wurde, traf ich

den Kupferarbeiter Albrecht aus Sangerhausen, und bei ihm einen seiner

Söhne, der in Weimar bei mir in Arbeit gestanden. Bis zum 13. Juni

blieb ich in ihrer Mitte, um solche im Bau der neuesten Brenngeräthe

zu unterrichten. -- Diese brave Familie hat auch in Amerika nicht das

Glück gefunden, welches ihnen zu wünschen ist. Bei starker Familie,

Vater von 10 Kindern, hat er mit manchen Widerwärtigkeiten kämpfen

müssen, bis ihm das Plätzchen wurde, wo er jetzt mit seiner Familie

lebt und von seiner lieben Frau treulich unterstützt wird. Der älteste

Sohn hat der Fahne geschworen, und ist Soldat, der zweite hilft

treulich dem Vater im Geschäfte, der dritte lernt als Papiermüller, der

vierte als Schmidt, die älteste Tochter ist verheirathet, die übrigen

jüngern Geschwister sind noch im Hause der Eltern und suchen treulich,

jedes nach Kräften, mit zu erwerben.

Während meines Aufenthaltes hier, fand ich in dem Schwiegersohn des

Albrecht, den Schneider Eck, einen fleißigen, braven und geselligen

Menschen, in dessen Nähe ich gewöhnlich meine Freistunden verlebte.

-- Einst saßen wir nach beigewohntem Nachmittags-Gottesdienst, da das

Kirchengehen hier zur sonntäglichen Erholung gerechnet wird, in der

Stube, und vertrieben uns bei unfreundlicher Witterung die Zeit mit

Kartenspielen um Marken, als ein Kunde von Eck eintrat, nach seinen

neu angefertigten Sachen frug und uns Kartenspielen sah. Bald darauf

kam der ~Esquire~ (Richter), um uns, die den Sonntag entheiligt

hätten, in Strafe zu nehmen; zum Glück war das Spiel geendet und

wir kamen mit der Drohung davon. Eben so wurde ich einen andern

Sonntag zur Verantwortung gezogen, weil von mir zwischen der Vor- und

Nachmittags-Kirche Zwecken in Stiefeln geschlagen worden waren.

Bei aller Gewissensfreiheit darf dennoch am Sonntag weder gearbeitet,

oder gespielt, noch gejagt, am wenigsten aber getanzt werden, da

solches unter die Todsünden gerechnet wird. Mit was soll nun der Mensch

hier, bei welchem aller Sinn für das Höhere verloren geht, wo der Geist

bei dem Streben nach leiblicher Wohlfahrt gänzlich unterliegt, die Zeit

zwischen und nach den Kirchen an Sonn- und Ruhetagen ausfüllen? Die

Hausfrau und Mutter bleibt im Kreise ihrer Familie zu Haus eingesteckt,

der Mann aber sucht sich in einem Trink-~Store~ die Zeit zu

kürzen; doch ist es hier nicht ein nahrhaftes Bier, was zum Getränke

dient, nein, Branntwein ist es, der, um ihn dem Gaume wohlschmeckender,

dem Magen aber verderblicher zu machen, noch mit Zucker, Citronensäure

und verschiedenen andern Essenzen vermischt wird. -- Stoff zur

Unterhaltung geben nur politische Gegenstände und die Zeitblätter

sorgen immer dafür, daß es an dieser oder jener Maßregel etwas zu

tadeln giebt, worüber, ohne allgemeine Kenntniß von der Sache selbst

zu besitzen, ja wovon oft nicht ein Wort wahr ist, ein Urtheil gefällt

wird. Partheigeist veranlaßt ewige Streitigkeiten und immer versucht

Einer seinen politischen Glauben einem Andern aufzudringen, wobei oft

die erhitzten Gemüther thätlich an einander gerathen, wenn des Guten zu

viel genossen worden und man für die Sache eingenommen ist.

Sobald der Amerikaner ausgefunden hat, wozu wenig Scharfblick gehört,

daß ein Europäer in seiner Nähe ist, so schaut er mit stolzem Haupte

auf, prahlt mit seiner Konstitution und Freiheit, und preißt sich

glücklich in einem Lande zu leben, wo ein Jeder ungestraft denken,

reden und schreiben kann, was er will, wo wir dagegen Sklaven, die

man leider Unterthanen nenne, durch Zensur und Preßzwang am geistigen

Aufschwung zurückgehalten, wo nicht gar unterdrückt würden. -- Doch nur

zu bald wird man die Schattenseite dieses Wahnglaubens gewahr und man

fühlt sich in der Nähe solcher Menschen nicht heimisch, und wer nicht

aufgelegt ist, solche Debatten zu bestehen, sieht sich genöthigt, in

seiner Behausung zu bleiben oder in Gottes freier Natur seinen Gedanken

Audienz zu geben.

Um vor meiner Abreise nach ~Washington~ die von ~Orleans~

nach ~Baltimore~ mitgebrachten Sachen zum Transport nach

~New-York~ zu packen und von den Freunden Abschied zu nehmen,

kehrte ich am 10. Juni zu Fuß nach ~Baltimore~ zurück und

den ersten Tag schon vom Stiefel gerieben, suchte ich solches zu

verbessern, als ein Reiter mit zwei Pferden daher trabte und mir

zurief, ob ich nicht mit reiten wolle. Hatte auch das Handpferd

keinen Sattel, so glaubte ich doch: schlecht geritten sey besser, als

gut gegangen und willigte ein. Doch bald wurde ich gewahr, daß der

Gaul blind war, über jeden Stein stolperte und mich der Gefahr des

Halsbrechens aussetzte und nur weil der schelmische Amerikaner das Aas,

welches mich trug, nicht gut fortbringen konnte, offerirte er es mir

zum Reiten. Nur bis zum nächsten Gasthof noch, vermeinte ich das Thier

zu gebrauchen, aber kaum gedacht, stürzte der Gaul und spedirte mich

gleich einem geprellten Frosch in den Chausseegraben. Nicht vermögend

aufzusteigen, und noch weniger im Stande zu gehen, da der Knüppeldamm,

worauf ich gefallen war, die Seite verletzt hatte, nahmen mich auf mein

Bitten daherkommende Frachtfuhrleute auf und der gereichte Branntwein

mußte die Stelle des Spiritus ersetzen. Der Verführer zum Reiten hatte

gleich nach dem Unfall, welcher mich betroffen, sich mit den Pferden

auf und davon gemacht und durch die Flucht sich meinem Unmuth entzogen.

Der Pennsylvanische Fuhrmann, dessen Wagen mich aufgenommen, und welche

nie anders, als vom Sattel fahren, setzte sich traulich zu mir, um von

dem Lande, aus dem sein Großvater abstammen sollte, Etwas zu hören,

und was, wie ich vermuthen mußte, Hessen-Kassel gewesen war. Dunkel

erinnerte sich selbiger noch, wie ihm als Kind der Eltern Vater von

einem großen Manne erzählt habe, welcher Christoph geheißen, und zu

welchem viele Leute gereist seyen, doch warum, wisse er nicht mehr.

Um so angenehmer war es mir, daß ich dem Amerikaner die Geschichte

vom großen Christoffel, und alle den Wasserkünsten in seiner Umgebung

erzählen konnte, worüber der Mann sich kindlich freute und seine

Kameraden herbeirief, um solchen in englischer Sprache das Vernommene

sogleich wieder mitzutheilen, weil man in Amerika von derartigen

Wasserkünsten nichts kennt und sich nur auf das nöthige Röhrwasser

beschränkt.

Die deutsche Sprache dieser Pennsylvanier-Deutschen war unrein,

platt und kaum zu verstehen, und dabei versicherte man mich, daß die

englische Sprache die deutsche immer mehr verdränge, und man ohne die

erstere in Pennsylvanien wohl fortkommen, aber keine Handelsgeschäfte

machen könne. --

Die grün oder blau angestrichenen Fuhrmannswagen sind gleich den

unsrigen mit Leinwand überzogen und mit vier, fünf oder sechs Pferden

bespannt, wobei immer nur so viel Fracht aufgeladen wird, als die

Kräfte der Thiere gestatten, um die Last über steile Höhen zu ziehen,

da Vorspannepferde hier nicht in Anwendung kommen.

Die vielen Gasthäuser und Herbergen längs der Straße benutzt der

Fuhrmann nur, um seine Person mit Speise und Trank zu versehen. Die

vorhandenen Ställe oder Schoppen werden von ihm für sein Vieh nicht

benutzt. Sowohl Mittags als Abends beim Ausspannen, bindet man die

Pferde, auch wenn sie noch so warm sind, an die Deichsel fest, ohne die

erhitzten Thiere mit einer Decke zu belegen, die mitführende Krippe

an solche, und das Futter, welches auch auf dem Wagen vorräthig ist,

wird sogleich gegeben. Auch selbst in den Städten, wo die Fuhrleute

oft wochenlang auf die Ergänzung ihrer vollen Fracht warten müssen,

kommen die Pferde während dieser Zeit nie unter Obdach, da der Fuhrmann

die Ausgabe für Stallgeld scheut. Streue für das Vieh wie für den Mann

ist ebenfalls nicht Mode, da die Erstern im Freien mit Gottes Erde

sich begnügen müssen, und der Fuhrmann seine ausgestopfte Matraze

nebst wollenen Decken immer mit sich führt. Daß durch diese schlechte

Abwartung die Pferde bald steif und unbrauchbar gemacht werden, läßt

sich denken.

Nicht immer nimmt sich der Amerikaner des Verunglückten an, wie es der

menschenfreundliche Fuhrmann an mir gethan hatte. Mitleid ist keine der

Tugenden, welche den Amerikaner ziert, und nur zu oft reicht man erst

die rettende Hand, wenn es zu spät ist, wie dieses folgende traurige

Begebenheit bezeichnet, welche die Pittsburger Zeitung bekannt machte.

„Ein junger Mensch, dessen Namen man nicht genau ermitteln konnte,

Heinrich Fricken, oder Ficken, acht Stunden von Bremen zu Haus, aus

dem Hannöverschen, fand am letzten Sonntage unter folgenden traurigen

Umständen ein frühes Grab. Der Unglückliche war erst ohngefähr 9 Monate

in Amerika, hatte sich eine Zeitlang von ~Baltimore~ aus hier

aufgehalten und wahrscheinlich auf seine Profession (als Schneider

oder dergl.) gearbeitet. Auf seiner Reise, dem Kanale entlang, wurde

er von der Ruhr befallen, allein entblöst von allem Gelde, nahm sich

Niemand des armen Tropfes an. Er schleppte sich mühsam eine kleine

Strecke weit bis oberhalb ~Alleghanytown~, wo er vor Erschöpfung

und gänzlicher Ermattung liegen blieb. Böse Buben, in der Meinung er

sey ein Trunkenbold, warfen ihn mit Koth und Steinen. Am Freitag Morgen

schleppte er sich bis in ein Wirthshaus am ~Alleghany-~Markt und

bat den Wirth, ihm bei einem Friedensrichter eine Armenbescheinigung

auszuwirken. Doch der angegangene Friedensrichter verweigerte diese

Bescheinigung, unter dem Vorgehen, man könne nicht jeden hergelaufenen

und betrunkenen Kerl ins Armenhaus bringen, worauf ihn auch der Wirth

gehen ließ. -- Wiederum schleppte sich der zum Tod Kranke bis nach

dem untern Theile von ~Alleghanytown~, wo er an der Kirchenfense

(Zaun) der deutschen Kirche liegen blieb. Des Abends sahen ihn die

Kinder der deutschen Schule, und erzählten: daß ein betrunkener

Mann an der Fense liege, doch Niemand bekümmerte sich darum. Gegen

Abend durchnäßte ein furchtbarer Platzregen den Elenden, der dann in

der Nässe und Kälte die Nacht im Freien zubringen mußte. Des Morgens

kam ein Söhnlein des Herrn Lehmann dahier an der Fense vorüber, und

betrachtete den Daliegenden. Der Kranke sprang plötzlich auf und fiel

dem Knaben um den Hals. Dieser führte ihn in seiner Eltern Haus, wo

man den Erstarrten und Kranken mit warmen Getränken labte und dann

für seine weitere Verpflegung die nöthige Sorge traf. Aber die Leiden

hatten des Unglücklichen Lebenskräfte in dem Maaße gebrochen, daß alle

Pflege und ärztliche Hülfe fruchtlos war. Er starb am Sonntag Abend

und wurde am Montag auf dem hiesigen Kirchhofe beerdigt. Wäre von

Seiten des obenerwähnten englischen Friedensrichters die ihm obliegende

Pflicht erfüllt worden und hätte dieser den Kranken untersuchen lassen,

ehe er ihm die Bescheinigung verweigerte, so hätte vielleicht derselbe

gerettet werden können.“ --

Um noch vor dem Auseinandergehen der Kongreß-Mitglieder, welches den

21. Juni Statt finden sollte, in ~Washington~ einzutreffen, da

ich den öffentlichen Verhandlungen gern beizuwohnen wünschte, so

entschloß ich mich, und da durch den Sturz vom Pferde das Fußreisen

mir noch Schmerzen verursachte, diese 40 Meilen lange Strecke von

~Baltimore~ bis dahin, auf der Eisenbahn zurückzulegen.

Bei der Schnelligkeit der Fahrt ließ sich von der Gegend nur so viel

erkennen, daß solche nicht sonderlich fruchtbar zu seyn schien, wie

auch die ärmlichen Wohnungen bekundeten, welche zum Aufenthalte von

Negerfamilien dienten, deren Kinder nackend vor den Hütten sich

herumtummelten. --

Die nach einem großartigen Plane angelegte Stadt ~Washington~,

im Staate ~Columbia~, mit 20,000 Einwohnern, ist seit 1800 der

Sitz der Regierung von den 27 Vereinigten Staaten, und wird, nach dem

vorhandenen Plane ausgeführt, dereinst die schönste Stadt der Erde

darstellen, jetzt aber bieten die zerstreut liegenden Häuser noch

nichts Ganzes. -- Das Kapitol, worinnen die Repräsentanten der Staaten

ihre Zusammenkünfte halten, ist an einem Abhange, von weißem Marmor

erbaut. Die Vorderseite ziert ein Portal von korinthischen Säulen, und

an der hintern Seite ist ein großer, ebenfalls mit Säulen gezierter

Balkon, von welchem man die schönste Aussicht nach der Seite der Stadt

genießt, wo jetzt die mehrsten Häuser neben einander aufgebaut sind,

und förmliche Straßen bilden. Das Dach bildet drei Kuppeln, von deren

mittelster von oben das Licht in die darunter befindliche große Halle

eindringt, wo in der Mitte die Statue ~Washingtons~ aufgestellt

ist und die Wände Oelgemälde zieren. Unter dieser Halle befindet sich

eine zweite von drei Reihen Säulen getragen, welche zum Durchgange

dient. Hinter der obern Halle ist der große Bibliotheksaal. Im rechten

Flügel des Gebäudes ist der Versammlungssaal des Senats, das Bureau des

Präsidenten und der Versammlungssaal des höchsten Gerichtshofes der

Vereinigten Staaten. Dieser und der Senats-Saal sind halb zirkelförmig

gebaut, im Mittelpunkte befindet sich der Sitz des Vorsitzenden, vor

welchem amphitheatralisch die Mitglieder des Senats, Jedes hinter einem

Bureau, placirt sind. Im andern Flügel des Gebäudes befindet sich der

Versammlungssaal der Repräsentanten, ebenfalls so geordnet, wie der

Senats-Saal. Die Gallerien dieser Säle werden von jonischen Säulen

getragen und dienen zum Aufenthalte der Zuhörer bei Versammlungen. Die

Gallerie über der großen Kuppel soll eine sehr weite Aussicht gewähren.

In allen Räumen herrscht Pracht mit Würde und republikanischer

Einfachheit vereinigt.

Die Wohnung des Präsidenten ist ebenfalls aus Marmor-Quatern erbaut,

und steht in der Mitte der vier Bureaux der Staatsverwaltung,

nicht weit vom ~Potomac-~Flusse, in einem Garten. -- Alle auf

Staatskosten errichteten Gebäude werden von weißem Marmor aufgeführt

und meist geschmackvoll mit Säulen verziert. An mehren Bauten wurde

thätig gearbeitet was den Gewerken gut lohnen soll, denn der Verdienst

ist ein sicherer, da in ~Washington~ nur in Silbergeld gezahlt

wird, ja selbst im Verkehr die Annahme von Papiergeld bei Strafe

verboten ist. In dieser Hinsicht ist ~Washington~ der einzige Ort

in den Vereinigten Staaten und verdient bald Nachahmung zu finden.

Die aus Backsteinen aufgeführten einfachen Privathäuser wechseln mit

Holzwohnungen ab. Letztere sollen jedoch nach Verlauf einer bestimmten

Zeit verschwinden. -- Mehre hundert Acker Landes in der Nähe des

Präsidenten-Hauses hat man in Gärten verwandelt. Ein großer Park,

südlich von diesem, läuft in östlicher Richtung von dem Flusse nach dem

Kapitol. Auf andern Plätzen sind die Kirchen, Theater und Kollegien

erbaut. Zwischen dem Kapitol und dem Präsidentenhause, auf einer

kleinen Anhöhe, steht die Statue des Generals ~Washington~ zu

Pferde.

Nach dem Plane der Stadt beträgt ihr Umfang sechs Stunden, und

die Straßen derselben, nach allen Himmelsgegenden zu laufend,

durchschneiden sich im rechten Winkel, und sind 90-100 Fuß breit.

Doch um die Einförmigkeit zu vermeiden, hat man in verschiedenen

Stadttheilen 160 Fuß breite Avenüen angelegt, welche in die Schräge

laufen, und wo sie sich durchschneiden, von gerundeten Plätzen

unterbrochen werden, die zur Aufnahme von Statuen bestimmt sind. --

In dem großen neuen Postgebäude, wo man eben mit dem Ausbaue der

Parterre-Pieçen beschäftigt war, befindet sich im ersten Stocke die

~Patent-Office~, und in einem großen Saale sind alle die Modelle

aufgestellt, welche wegen Einholung eines Patents auf gemachte neue

Erfindungen, oder Verbesserung schon vorhandener Sachen, eingeschickt

worden sind, da jedem Gesuche ein solches, oder die genaue Zeichnung

der Erfindung beigefügt werden muß. Der tägliche freie Zutritt für

Jedermann bietet hier Tausende von Modellen über alle nur denkbare

Gegenstände dem Auge dar, und Jeder findet gewiß für sein Geschäft

etwas Sehenswerthes. Dabei ist auffallend, wie schnell alle neue

Erfindungen nachgemacht und mitunter wesentlich verbessert worden

sind. Leider aber ist oft nicht abzumerken, wo bei der nachgemachten

Erfindung die Verbesserung stecken soll. Eine wenig abweichende

Stellung, ein anderer Bug eines Theils des Ganzen, einige Nägel

oder Schrauben mehr oder weniger, reichen hin, um für das gezahlte

Honorar die Erlaubniß zu erhalten, die schon vorhandene und einem

Andern garantirte Arbeit nachmachen zu dürfen. Am Auffallendsten kam

mir solches bei den Pflugschaaren und andern landwirthschaftlichen

Geräthen vor, wovon eine große Menge solcher Modelle vorhanden sind. --

Große, zwanzig Fuß lange, fünf Fuß breite Glasbehälter, jeder mit drei

Realen versehen, schützten die Sachen vor dem Staube und dem Antasten

frevelnder Beschauer, doch werden auf den Wunsch die Thüren geöffnet,

und die Modelle selbst dürfen unter Aufsicht herausgenommen und genau

besichtigt werden, wobei jedoch eine Zeichnung abzunehmen, nicht

erlaubt ist.

Für mich hatte von Allem, was ich bis jetzt in Amerika gesehen, diese

Modell-Sammlung und öffentliche Ausstellung das größte Interesse und

nahm mehre Tage meine Zeit in Anspruch. --

Die letzten zwei Sitzungen der Kongreß-Mitglieder im Kapitol, welchen

beizuwohnen ich nicht versäumte, gaben das Bild ächt republikanischer

Freiheit, und bedauern mußte ich sehr, nicht so viele Kenntnisse in

der englischen Sprache zu besitzen, um während des Debattirens den

Wortkampf genau verstehen zu können. Die erhitzten Gemüther der sich

schroff gegenüberstehenden Partheien, ~Whigs~ und Demokraten,

mußte fortwährend der Vorsitzende durch den Schlag des Hammers zur

Ordnung und Ruhe verweisen, da selten ein begonnener Vortrag bis zu

Ende durchgeführt wurde, ohne von den Gegnern unterbrochen zu werden,

welches wiederum Andere bestimmte, solche Bemerkungen zu widerlegen,

wodurch man sich in eine Judenschule versetzt glaubte. Dabei bleibt man

nicht ruhig hinter seinem Bureau sitzen, sondern ändert nach Belieben

den Ort und sucht durch mündliche Demonstrationen Andere für seine

Ansicht zu gewinnen; auch tragen die vorhandenen ~Buffets~ das

Ihrige bei, die Lebensgeister zu erhitzen, und da oft die Sitzungen

bis gegen Morgen anhalten, so kann es nicht anders kommen, daß man,

des Guten zu viel genossen, sich oft zu Handlungen hingerissen fühlt,

welche am wenigsten an einem Orte vorkommen sollten, wo die auf höchste

Bildung Anspruch machenden Männer über des Volkes Wohl berathschlagen,

und derartige Auftritte dem Kongresse Schande und Verachtung zuziehen

müssen.

Zweiunddreißigster Brief.

Reise über ~Frederik-Town~ nach den Farmen meines Landsmannes Rehling

bei Straßburg.

Da die Seitenschmerzen nachgelassen und sie das Fußreisen nicht mehr

hinderten, verließ ich, mit Pulver und Blei versehen, indem ich mir

auf einer Auktion wieder zu einem Gewehre verholfen hatte, am 24.

Juni ~Washington~. -- Nicht aus Jagdliebhaberei oder der Sicherheit

willen trug ich von Neuem eine Waffe, sondern um dem Amerikaner für den

Fußreisenden mehr als sonst gewöhnlich ist, Respekt einzuflößen, da er

nicht begreift, wie man eine weitere Tour, ohne Jäger oder Bettler zu

seyn, zu Fuße unternehmen kann, weil er sich selbst auf der kürzesten

Strecke des Pferdes oder Wagens bedient.

Während der Reise über ~Georgetown~, welchen Ort nur ein kleiner

Fluß von dem Terrain ~Washingtons~ trennt, ~Simsonville~,

~Montgomery~, ~Seneca~, ~Middlebrock~, ~Clarkbury~, ~Hyallstown~ nach

~Fredericstown~, fiel nichts besonderes Merkwürdiges vor; mehr oder

weniger fand ich eine gastfreundliche Aufnahme bei den Farmern.

Die Gegend ist hügelig, viel von Holz besetzt und nur theilweise

angebaut. -- Zur Feldwirthschaft (meist Tabacksbau), werden nur

Negersklaven verwendet. --

Die Stadt ~Frédéric~, wie sie von den Deutschen kurz genannt wird,

ist eine der größten im Staate ~Maryland~, mit 9000 Einwohnern,

regelmäßig angelegt, hat breite Straßen, welche andere im rechten

Winkel durchschneiden, und dient vielen Deutschen zum Aufenthalte.

-- Da aus der Umgegend die Produkte hierher kommen, um weiter nach

~Baltimore~ spedirt zu werden, so bieten solche einen bedeutenden

Verkehr, welcher durch die Eisenbahn noch vermehrt worden ist, da

letztere die Kommunikation mit ersterer Stadt erleichtert. --

Ein geriebener Fuß zwang mich abermals, hier zu weilen, wodurch der

Zufall mir zwei Israeliten in die Hände führte, welche die Seereise

von ~Bremen~ mit uns gemacht hatten. Ueber die Schnelligkeit, mit

welcher sie die englische Sprache erlernt hatten, war ich erstaunt, und

nur ihr Schachergeist, der sie immerwährend mit den Amerikanern in

Verkehr bringt, da von den Deutschen nicht viel zu schmusen ist, ließ

solches erklären.

Der Markttag füllte alle Hauptstraßen mit Wagen, und besonders nehmen

sich neben dem weiblichen Geschlechte, welches ebenfalls reitet, wenn

es nicht gefahren wird, die männlichen Ritter possirlich aus. Die

Sättel sitzen gewöhnlich zu weit vorn, den Pferden auf dem Halse; dabei

sind die Steigbügel lang, so daß die vorgestreckten Beine mit der Nase

des Pferdes in Berührung kommen, wenn dasselbe den Kopf etwas dreht.

Vom richtigen Gebrauche der Zügel ist den Amerikanern nichts bekannt,

dabei fehlen die Sporen, und der Regenschirm, welcher sowohl gegen

Nässe wie gegen Sonnenstich gebraucht wird, läßt keine Reitgerte zu.

Im Schritte reiten zu wollen, geht ihnen zu langsam; der Trott ist

ihnen verhaßt, da, wie sie meinen, derselbe die Glieder zusammenstaucht

und unbequem ist, weshalb sie Wark vorziehen, wo das Pferd mit den

Vorderbeinen galloppirt, und mit den hintern Füßen trottirt. Diese

Art zu reiten hält man in Amerika für bequemer als den ordentlichen

Gallopp, und ist überall Sitte. --

Zu meinem Glücke kehrte ein Plantagen-Besitzer aus der Gegend von

~Montgomery~ in dem Gasthause ein, wo ich logirte, machte meine

Bekanntschaft, und da er selbst etwas deutsch verstand und neugierig

von Natur zu seyn schien, trug er mir an, mit auf seinem Wagen Platz

zu nehmen, da er eine Tagereise meines Weges fahre. Dieses kam mir

ganz erwünscht, und unterm Austausche der Gedanken, in welchem die

Pantomime eine Hauptrolle spielen mußte, wurden die Stöße weniger

verspürt, die uns der Wagen auf dem schlechten, vom Regen gelösten Wege

versetzte. -- Aus seinen Mittheilungen konnte ich so viel entnehmen,

daß er vorzüglich viel Taback baue, von welchem er Proben bei sich

führte, und mir zum Versuchen reichte, über deren Werth ich mir aber

kein Urtheil erlaubte, da ich selbst kein Raucher bin. Auch er rauchte

nicht, doch verriethen seine Mundwinkel, daß das Tabackkauen seine

Lieblings-Passion sey, wobei er versicherte, daß keiner seiner Sklaven

rauchen dürfe, auch keiner derselben Neigung dazu verspüre, da sie dem

Bremen den Vorzug gäben.

Die Gewohnheit des Tabackkauens, besonders in den südlichen und

westlichen Staaten, ist bis in die höhern Stände Mode geworden; denn

selten spricht man mit einer Mannsperson, welche nicht den Mund voll

Taback hat, und dieses Laster hat so tief Wurzel gefaßt, daß man

ungenirt, ohne Rücksicht auf Damen zu nehmen, an jedem Orte fortwährend

ausspuckt und den ausgekauten Taback mit neuem ersetzt. -- Diese

Sorte Kautaback wird eigens dazu gefertigt, ist schwarz von Farbe und

fest in kleine Röllchen gepackt, von welchem nach Belieben, wie vom

Johannisbrod, abgebissen wird. -- Für den Anfänger in diesem Laster

ist dieser Taback äußerst beißend, und das Kauen schwieriger, als das

Rauchen zu erlernen.

Bei immer schlechterem Wege trug ich Bedenken für die Dauer des

Wagens, da solcher äußerst zart im Holzwerk war, wie dieses bei allen,

ausgenommen den Lastwagen, der Fall ist. Doch um mich vom Gegentheil zu

überführen, und mich von der soliden Bauart der Wagen zu überzeugen,

wurden die Pferde stärker angetrieben, so daß der Stuhlwagen mehr auf

zwei, als auf vier Rädern zu laufen kam, und wir bei dem Hinüber- und

Herüberschlagen der Gefahr ausgesetzt wurden, vom Wagen geschleudert zu

werden, wobei ich die Geschicklichkeit bewundern mußte, mit welcher die

Rosse regiert und zum Gehorsam gezwungen wurden. -- Der Beweis von dem,

was ich schon mehrmals zu erfahren Gelegenheit hatte, wurde mir auch

hier gegeben, daß der Amerikaner ein um so besserer Fuhrmann ist, als

ihm die Geschicklichkeit zum Reiten abgeht.

Nur das gute, zum Wagenbau verwendete Holz der weißen Eiche und das

noch vorzüglichere, wegen seiner Zähheit so brauchbare Holz des

Wallnußbaumes (~Hickory~) macht es möglich, daß man solche

leichte, und dabei so dauerhafte Wagen hier anfertigen kann. Die Felgen

der Räder wie die Speichen derselben erhalten nur die Stärke eines

Daumens und werden leicht beschlagen, die Wagenachse erhält keine

eiserne Schiene zur Verstärkung, sondern nur eine dünne, zwei Zoll

breite Platte zur Erleichterung der Reibung. -- Dabei will ich der

Schnelligkeit erwähnen, mit welcher die Schmiedearbeiten hergestellt

werden; denn das im Gebrauche habende Werkzeug gestattet, daß man hier

mit allen vier Rädern zu beschlagen eher fertig ist, als dieses bei uns

in Deutschland einem Meister in derselben Zeit mit einem Rade möglich

seyn würde.

Der Reif kalt durch drei Walzen gezogen, richtet sich schnell in

die Runde, und da er lang genug ist, weil nur gewalztes Eisen hier

gebraucht wird, so macht dasselbe nur eine Schweißstelle nöthig, die

bei gutem Eisen und Steinkohlen im Nu gefertigt ist. -- Sind die

Nägel- oder Schraubenlöcher durch Auflegen des genau runden Reifes auf

die Felge auf diesen gezeichnet, so werden diese ebenfalls mittels

eines Stempels kalt durchgepreßt und zwar bei einer Eisenstärke,

welches auszuführen man für unmöglich hält, so lange man nicht selbst

Augenzeuge der Arbeit gewesen ist. -- Die am Holzfeuer erwärmten Reife

scheinen, da Alles genau paßt, von selbst sich aufzuziehen.

Ebenso muß beim Beschlagen der Pferde der Schmidt diese Arbeit allein

verrichten, indem er den Fuß des Pferdes zwischen seine Beine nimmt.

Dabei besitzt er eine solche Gewandtheit, daß er mit dem schon von

Natur ruhig geschaffenen Pferd eher fertig wird, als in Deutschland, wo

eine zweite Person zum Aufheben des Fußes nöthig ist. Daß demnach ein

deutscher Schmidt, gleich andern Gewerken, in Amerika von Neuem lernen

muß, habe ich nicht allein selbst erfahren, sondern ist mir vielfach

von Meistern, welche in der alten Heimath diese Stelle begleiteten,

versichert worden. Wie überhaupt in Bezug auf Maschinenbau, Fabrikwesen

und jeder gewerblichen Verrichtung, der Amerikaner uns weit voraus ist,

drückt Gall in seinem Reisebericht mit folgenden Worten aus:

„Ja, von der Werkstätte des Dampfmaschinen-Fabrikanten bis zu jener

des Zimmermanns herab, fühlt man sich versucht, auszurufen: Hat Euch

der Himmel, um die Nationen der alten Welt zu beschämen, mit den

Talenten geboren werden lassen, welche Jene achtzehnhundertjähriger

Uebung und dem Nachdenken verdanken? Vervollkommnet sich, was Ihr

nur berührt unter Euren Händen? -- Vom Nagel, welchen eine Maschine

hervorbringt, bis zu dem hunderträderigen Mechanismus einer Mühle,

ist alles zweckmäßiger, als man es in Europa sieht. Der Nagel hat an

seinen vier scharfen Ecken feine Widerhaken, vermöge deren er sich

unausreißbar im Holze festklammert; die kunstreiche Mühle macht ¹¹⁄₁₂

der Arbeiter, welche die unsrigen erfordern, entbehrlich. Durch die von

~Han Eli Whitnay~ in ~Connecticut~ erfundene Säge-Maschine wird die

Handarbeit gar in dem Verhältniß, wie 1000 zu 1 erspart. Das Zimmerwerk

eines Hauses scheint vom Tischler gearbeitet; die Tischlerarbeiten

werden von den Parisern nur durch gefälligere Formen übertroffen.

Brüsseler Wagen machen den hiesigen den Rang nicht streitig; eine

zweckmäßigere Verbindung der Backsteine und eine nettere Ausführung

der Maurerarbeiten, als man hier allgemein findet, ist gar nicht

denkbar. Selbst die einfachsten Werkzeuge, die Axt, der Spaten, der

Bohrer, die Sägen, haben eine, in vielen Ländern Europas nicht geahnte

Vollkommenheit.

Nicht weniger haben die Amerikaner im Gebiet der nützlichen Künste

geleistet. -- Die englische Regierung ließ im Jahr 1817 amerikanische

Brückenbauer nach Irland kommen. -- Die Londoner Bank hat die Gravirung

der Platten zu ihren Banknoten drei amerikanischen Kupferstechern,

~Terkins~, ~Troppan~ und ~Fairfax~ übertragen und für ihre Reise eine

Entschädigung von 5000 Pfund Sterlingen, für ihre Arbeit aber im Fall

des vollkommenen Gelingens, eine Belohnung von 100,000 Pfund Sterlinge

zugesichert. -- Die Herren ~Han Buck~ und ~Brewster~, Besitzer einer

Tuch-Manufaktur, haben es selbst den Engländern zuvorgethan, indem

sie die Wolle vom Schaaf weg in neun Stunden funfzehn Minuten in

einen Rock verwandelten, eine Aufgabe, die in England nur in dreizehn

Stunden zwanzig Minuten gelöst wurde. Die amerikanischen Schiffe

übertreffen alle anderen an äußerer Schönheit und Zweckmäßigkeit und

in dem Patentamt zu ~Washington~ zeugen mehrere Tausende der Modelle

vom amerikanischen Erfindungsgeiste. Rechnet man hierzu, was Alles im

Bau der Dampfboote und Wasserleitungen gethan worden ist, so darf man

wohl behaupten, daß die Amerikaner auch in Anwendung nützlicher Künste

keiner Nation der alten Welt nachstehen.“

Bis ~Woodsborough~ kam mir die Fahrgelegenheit zu Gute; doch hier

verließ der Fuhrmann meine Straße und von Neuem sah ich mich genöthigt,

den Wanderstab zu ergreifen. Doch wer beschreibt meinen Aerger, als

ich beim Absteigen vom Wagen jetzt erst gewahr wurde, daß bei dem

unsinnigen Fahren das Gewehr aus dem Wagen gefallen war. Schon hatte

ich eine Stunde Wegs retour gemacht, um vielleicht das Verlorene wieder

zu finden, als zwei entgegenkommende Amerikaner versicherten, weder

Etwas gefunden, noch gesehen zu haben. -- Mit mir und meinem Geschick

unzufrieden, allein und ohne alle Zerstreuung, wünschte ich bald die

Gegend zu erreichen, wo mein Landsmann, Herr Rehling sich angekauft,

und die deutsche Sprache wieder vorherrschend seyn soll. -- Zu meiner

Freude und Beruhigung erfuhr ich im Nachtquartier zu ~Taneytown~

von einem deutschen Schuhmacher, dessen Hülfe ich bedurfte, daß morgen

schon in der Nähe von ~Petersburg~ mehr deutsch als englisch

gesprochen werde.

Der Mann hatte Recht. Viele Deutsche waren im letzten Ort, mehr noch in

~Hannover~, und in der Umgegend der Farmen meines Landsmannes bei

~Strassburg~ glaubte ich mich in die Heimath versetzt.

Dreiunddreißigster Brief.

Aufenthalt bei dem Farmer Herrn Rehling.

Im Juli 1840.

Die freundliche Aufnahme des Herrn Rehling gab mir während der

Anwesenheit bei ihm, wie auch die in der Umgegend gemachten

Bekanntschaften anderer Farmer, Gelegenheit, Alles was Bezug auf

amerikanische Branntweinbrennerei, Feldwirthschaft und Farmerleben hat,

kennen zu lernen, und mit wahrer Wollust genoß ich hier den ländlichen

Aufenthalt im Kreise einer lieben gastfreundlichen Familie, welche ein

wahrhaft religiöses Leben führte. Mittags und Abends wurde vor dem Mahl

vom Hausvater Gott ein kurzes Dankgebet gebracht und jeden Morgen mit

Tages-Anbruch weckte mich ein Choralgesang, welche herrliche Melodieen

von den zusammen akkordirenden Stimmen des Vaters, der Mutter und der

vier Kinder unwillkürlich zur Andacht stimmten, da dieser vor dem Hause

aufgeführte Lobgesang die aufsteigende Sonne hervorzulocken schien.

Möge Gott diesen frommen harmonischen Seelen lange noch ein frohes,

glückliches Zusammenwirken vergönnen, und nicht durch Trennung der

Glieder eine Unterbrechung in dieses freundliche Stillleben bringen.

Wie ganz anders muß dieser Mann in Amerika umgewandelt worden seyn?

-- Werden bei Lesung Dieses seine Bekannten fragen, welche Rehling

in Deutschland nur als lebenslustigen Menschen kannten. -- Auch mir

war, bei Beobachtung meiner Landsleute, bei Vielen die Umwandlung

ihrer religiösen Ansichten nicht erklärlich, bis ich mich selbst

unwillkürlich mehr und mehr zum höchsten Wesen hingezogen fühlte,

welches dem Menschen in Amerika viel näher als im Vaterlande zu seyn

scheint, da hier die mannigfaltigen Lebensverhältnisse und Gefahren,

in welchen sich der Mensch befindet, ihm immer seine Abhängigkeit von

Gott vor Augen stellt. -- Mehr noch fühlt sich aber der einsam, nur

seiner Familie lebende Farmer von Gottes herrlicher Natur begeistert,

und nicht von weltlichen Vergnügungen betäubt, zur Dankbarkeit

verpflichtet. -- Daß es leider auch hier an Freigeistern nicht

fehlt, dazu tragen die verschiedenen Gottesverehrungen selbst, die

hier vorkommen, bei, welche zu dem Wahnglauben führen, daß alle die

irreligiösen Ansichten, welche die freie Schrift verbreitet, und von

antichristlichen Kanzelrednern vertreten wird, wahr seyn müssen.

Ist auch die Gegend, wo die Familie Rehling sich niedergelassen,

nicht unter die fruchtbarsten zu zählen, so gewährt sie doch den

Vortheil, alle erbauten Produkte schnell und gut abzusetzen, da eine

nach ~=Baltimore=~ führende Eisenbahn dessen Flur berührt.

Dabei leben sie nicht in einer Wildniß von aller Welt verlassen, was

dem gesellschaftlichen Deutschen die Trennung vom Vaterlande um so

fühlbarer und schmerzlicher macht, sondern befinden sich inmitten von

Landwirthen, die alle deutsch verstehen und es gewöhnlich sprechen, was

für den Einwanderer, der nicht englisch versteht, einen um so größern

Werth haben muß. Was der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens abgeht,

verstehen ökonomische Kenntnisse, Leibeskräfte der ganzen Familie und

Arbeitslust, reichlich zu ersetzen, und der Erde mehr abzugewinnen, als

es der Industrie des Vorgängers, von welchem Herr Rehling diesen Farmen

gekauft hatte, möglich geworden war.

Dann ist es auch nicht immer die Unfruchtbarkeit des ausgesogenen

Bodens, was den Amerikaner bestimmt, sein Eigenthum zu verlassen,

sondern mehr die Habsucht des Gewinnstes, der beim Verkauf gemacht

wird. -- Nichts ist ihm heilig und theuer, sondern Alles verkäuflich.

Das väterliche Erbe oder die Nähe der Blutsverwandten haben für ihn

eben nicht mehr Werth, als ein erst kurze Zeit besessener Farmen

unter fremden Nachbarn. Nicht an geselliges Leben gewöhnt, ist es ihm

gleich, wo er sich von Neuem niederläßt, und er spielt die Rolle eines

Robinson Crusoe, in wilder, noch nicht kultivirter Gegend so lange bis

ein neuer Käufer ihn abermals bestimmt, mehre hundert Meilen weiter

seinen Wohnsitz zu verlegen. Daher kommt es auch, daß die Bewohner der

Vereinigten Staaten so zerstreut wohnen und mitunter in ungesunden

Gegenden sich niederlassen, obgleich die gesundesten und kultivirtesten

Theile der mittleren Staaten noch zwei Mal so viel Einwohner aufnehmen

und ernähren könnten.

Das zweistöckige Wohnhaus des Herrn Rehling ist nur aus Holz, aber in

allen seinen Theilen bequem und regelmäßig aufgeführt und geräumig

genug, um zwei Familien beherbergen zu können. Die Scheune, hundert

Schritte vom Wohnhause entfernt, dient zugleich mit zum Obdache für

Pferde und Kühe. Der untere Raum solcher Speicher wird in Amerika immer

zur Stallung verwendet, daher die Tenne sich im zweiten Stocke des

Gebäudes, wenn man solches von vorn ansieht, befindet; zum Aufbau einer

Scheune wählt man gern als die passendste Lage den Abhang eines Hügels,

wodurch das Gebäude hinten um einen Stock niedriger als vorn wird, und

so das nöthige ~Niveau~ zur Einfahrt herstellt. -- Diese Bauart

gewährt noch den Vortheil, daß bei dem Dreschen mit Maschinen das durch

die Tennen-Luke zugeschleuderte Stroh vor die Scheune geworfen wird, wo

man es erst nach dem Dreschen am Abend aufbindet.

Daß man bei Anlage der Gebäude eines Farmen besonders Rücksicht auf

den Stand der Scheune nehmen muß, bedingt die Art und Weise, wie

man hier die Scheunen aufzuführen pflegt, welches von dem Ansiedler

nicht übersehen werden darf. -- Im Fall sich aber in der Nähe des

zum Wohngebäude ausersehenen Platzes kein natürlicher Hügel befinden

sollte, so wird die nöthige Steigung zur Einfahrt auf die Tenne durch

Kunst geschaffen.

Waren auch die Höhen noch reichlich mit Holz besetzt, so hatte doch

Rehlings Vorgänger unbarmherzig alle Bäume rings um die Wohnung

niedergehauen, wie es der gewöhnliche Gebrauch der Amerikaner ist, da

sie eine unüberwindliche Abneigung gegen Bäume besitzen, und dieselben

als der Kultur sich entgegenstemmende Uebel, die beseitigt werden

müssen, betrachten, und daher ohne Gnade Alles auf die Seite schaffen,

was sich von solchen in der Umgegend ihrer Wohnungen befindet.

Rehlings erste Sorge war daher, das Schöne mit dem Nützlichen wieder

zu vereinen, und in verschiedenen Gruppirungen Obstbäume aller Arten

anzupflanzen. Den Sitz vor dem Hause aber beschatteten Akazien, die der

Wohnung eine angenehme Kühle gewährten.

Doch das Kultiviren und Verschönern beschränkte er nicht auf die

nächste Umgebung seiner Wohnung, sondern so weit die Gränze seines

Eigenthumes geht, sah man in mannichfaltiger Abwechselung die Hand der

Verbesserung angelegt. Hier wurde ein Sumpf trocken gelegt, dort eine

Wiese durch gezogene Gräben bewässert, auch weislich der Viehdünger,

welchen das Regenwasser von abhängigen Wegen mitbringt, in Gruben

aufgefangen; auf den Bergen wurde nach Bedarf das Holz gelichtet,

und am Abhange wiederum ein neues, zum Feldbau geklärtes, (von Holz

gereinigtes) Stück Land mit einer Fense (Zaun) umgeben.

Doch auch der Hausfrau thätige Hände gaben Zeugniß von dem, was solche

außer dem Hause zu schaffen vermögen, da im Hausgarten, welcher zu

ihrem Departement gehörte, nichts versäumt war, um die Küche mit Gemüse

aller Art zu versorgen. Auch einige Blumen zeigten wenigstens, daß hier

eines Deutschen Farmer-Wohnung ist, welcher Sinn hat für das Schöne,

was man bei dem Amerikaner vergebens sucht.

Doch nicht immer ist hier zu gebrauchen und bei der Feldwirthschaft in

Anwendung zu bringen, was man im deutschen Vaterlande für zweckmäßig

fand. Klima, anderer Boden und sonstige Verhältnisse mahnen zur

Vorsicht und machen Aufmerksamkeit nöthig, wie die Nachbarn ihre

Saaten und welche Sorten sie zu bestellen pflegen. -- Herrn Rehlings

vermeintes Besserwissen brachte ihn im ersten Jahre um die Aerndte,

wodurch er klüger geworden, sich später mehr nach Sitte und Gebrauch

des Landes richtete, und bei Abweichungen immer nur erst kleine

Versuche anstellte. Dabei lies’t er fleißig nach vollbrachtem Tagewerke

solche Zeitschriften, welche sich mehr über Landwirthschaft als Politik

aussprechen, und auf diesem Wege kann sich der Neuling über Alles das

leicht belehren, was er zu wissen nöthig hat.

Ueber den Werth der Zeitungen als Beförderungsmittel der Volksbildung

in Amerika, und warum ein amerikanischer Farmer, so und nicht anders

sein Feld bewirthschafte, drückt sich ~Gall~, wie mir aus dem

Herzen gesprochen, in seinem Reiseberichte folgendermaßen aus:

„Je weniger ich dem politischen Theil der amerikanischen Zeitblätter

meinen Beifall zollen kann, um so mehr haben sie mich in

wissenschaftlicher Rücksicht befriedigt. Diese Aeußerung mag mit dem

Urtheile anderer Reisenden im Widerspruche seyn, das thut aber nichts;

dafür ist es auch der Ausspruch meiner eigenen Ueberzeugung. Ich habe

darin zwar nie eine Untersuchung der wichtigen Frage gefunden: ob das

erste Huhn vor oder nach dem ersten Ei gewesen, noch, wer der Mann im

Monde sey? Solche Forschungen überlassen die Amerikaner bescheiden uns

überlegenen Europäern. Aber ich habe auch nicht ein einziges Blatt in

die Hände genommen, welches nicht irgend einen belehrenden Artikel über

Gegenstände des nützlichen, praktischen Wissens enthalten hätte und

zwar in einer für alle Leser verständlichen Sprache. Da ist kein Zweig

der Landwirthschaft, kein Gewerbe, keine nützliche Kunst, auf deren

Vervollkommnung nicht immer die Aufmerksamkeit Tausender gerichtet

wäre. -- Kein Tag vergeht, an welchem nicht aus allen Theilen der

Union bewährte Erfahrungen, neue Entdeckungen und Verbesserungen ohne

Rückhalt mitgetheilt, oder angestellte Versuche mit ihren Erfolgen

bekannt gemacht werden, damit deren Anwendbarkeit auch in andern

Gegenden versucht werden könne. Unterrichtende Aufsätze über Gewitter,

brennende Dünste, Mehlthau, Selbstentzündungen, Komete, Meteore,

farbige Regen etc. erklären diese und ähnliche außerordentliche

Erscheinungen in der Natur und indem sie so der gefährlichsten Pest,

dem Wunderglauben, eine unübersteigliche Schranke entgegenstellen,

machen sie zugleich auf die bekannten oder möglichen, wohlthätigen

oder nachtheiligen Einwirkungen solcher Erscheinungen auf Witterung,

Vegetation etc. aufmerksam.“ --

„Ausführliche Beiträge, um verstanden zu werden, geschrieben über

Gegenstände der Geographie und Naturgeschichte der Vereinigten Staaten,

machen den Amerikaner mit seinem Vaterlande täglich genauer bekannt und

lehren ihn täglich, in seinen Wäldern, Gebirgen, Flüssen und Seen neue

Schätze aufsuchen. Kurz, in einem Blatte, welches jährlich nur fünf

Dollars kostet, zwar nur ein Mal die Woche erscheint, aber jährlich in

52 Nummern eben so viel Gedrucktes enthält, als 500 Bogen eines der in

Deutschland in gr. 8. erscheinenden Journale, findet der Amerikaner

außer den ihm zum Bedürfniß gewordenen politischen Neckereien,

einen nicht weniger reichen Schatz von belehrenden und nützlichen

Nachrichten, als sechs oder acht europäische Journale für verschiedene

Fächer des praktischen Wissens zusammengenommen darbieten; vergebens

würde man das leugnen. Die Allgemeinheit einer Erstaunen erregenden

Masse von nützlichen Kenntnissen, welche sich nicht wegraisonniren

lassen, zeugt laut von dem Vorhandenseyn eines eben so allgemeinen,

als zweckmäßigen Mittels des Unterrichts und der Mittheilung des

individuellen Wissens durch die ganze Union.“

„Bei dem ersten Anblicke eines Ackers, in welchem noch Baumstumpfe

und über 1½ Fuß hohe Stoppeln hervorragen, zuckt der dünkelvolle

Europäer über den beschränkten Amerikaner die Achseln, da dieser

seinen Boden und dessen Produkte nicht besser zu nutzen weiß. Er tritt

näher, und sieht den Boden des Feldes gar von Aehren fast bedeckt;

er schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen über einen solchen

Verschleuderer, und würde ihn, hätte er die Macht dazu, ohne Weiteres

für einen Verschwender erklären und sein Gut nach den Regeln der Kunst,

durch einen obrigkeitlich ernannten Verwalter bestellen lassen. Wir

aber wollen erst den verständigen, Gewinn beflissenen amerikanischen

Landwirth selbst hören. -- Den höchst möglichen Ertrag mit den

geringsten Kosten zu erringen, ist ihm Zweck der Landwirthschaft. Er

läßt die Stöcke nicht ausrotten, weil dieses in dem Verhältnisse des

Arbeitslohnes zum Preise der Produkte mehr gekostet haben würde, als

der Boden, den die Stöcke einnehmen, in zehn Jahren tragen könnte;

in fünf bis sechs Jahren sind sie faul, und weichen dann leichter.

Uebrigens weiß er seine starke Pflugschaar, selbst durch einen Wald,

mit einer solchen Gewandtheit zu führen, daß in der That nichts

ungenützt bleibt, als gerade der Fleck, den der Baum einnimmt. Die

Stoppeln stehen noch 1½ Fuß hoch auf dem Felde, indem er: 1) keinen

Absatz für sein Stroh hat, 2) weil, damit die Frucht dicht am Boden

abgeschnitten werden könne, das Feld durch Eggen und Walzen nach der

Einsaat geebnet werden müßte, was aber mehr kosten würde, als es den

Ertrag erhöhete, indem seine Schnitter viel weniger zu schneiden im

Stande seyn würden, wenn die Frucht dicht am Boden abgeschnitten

werden sollte, und 3) weil das Feld doch wieder mit Stroh gedüngt

werden müßte. Ist nun gleich die verfaulte Stoppel dem Dünger aus

den Ställen nicht gleich zu achten, so erspart er dagegen auch die

Kosten, die Stoppeln heimzufahren, den Dünger aus den Ställen zu

ziehen, zur Gährung aufzuschichten, auf Wagen zu laden, auf das Feld

zu fahren und auszubreiten, welche Kosten der höhere Betrag ganz

bestimmt nicht aufwiegen würde. Aus demselben Grunde bleiben auch die

Aehren ungelesen, um so mehr, da er gerade durch diese anscheinende

Vernachlässigung sich wieder die Arbeit erleichtert und also Kosten

spart. Sobald die Frucht eingescheuert ist, läßt er sein Vieh auf dem

umzäunten Acker, wo es reichliches Futter findet, und von welchem es,

bis Schnee den Boden bedeckt, nicht wieder in den Stall kömmt, wobei

es zugleich das Feld düngt. Zwei bis drei Hundert Stück Federvieh

aller Art picken die einzelnen Körner auf, welche das Rindvieh nicht

erreichen konnte.“

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 6 / 11 题