Den 22. war es empfindlich kalt. Die Gegend war bergig und mit vielem
Holz bestanden, welches theilweise umgehauen, zum Faulen die Erde
bedeckte, oder niedergebrannt war, weshalb die Gegend nahe am Kanal
noch wenig urbar und eben so wenig von Menschen bewohnt ist. --
Mittags erreichten wir ~Newankom-Stadt~, wo sich ein mir ewig
denkwürdig bleibender höchst trauriger Fall ereignete. Das Boot fuhr
unter einer Brücke durch, als ein junger hoffnungsvoller Mensch, auf
einem Stuhle auf dem Verdeck sitzend, den späten Ruf des Steuermanns
nicht beachtete, welcher durch das Wort: „~Bridge!~“ (Brücke) den
Durchgang unter derselben anzeigte. Ersterer, mit dem Rücken der Brücke
zugekehrt, bemerkte die Annäherung derselben und die Gefahr nicht.
Der Raum des Durchgangs war nur gering und man konnte nur mit dem
Körper flach auf dem Verdeck des Bootes liegend, unter einer solchen
gewöhnlichen Brücke wegfahren, ohne sich zu beschädigen. Während des
Falles vom Stuhl kam der Kopf des Unglücklichen mit dem Stuhle in
Berührung, und in demselben Augenblicke war der Beklagenswerthe eine
Leiche, da ihm Kopf und Brust zerquetscht waren.
In der Nacht vom 23/24. gab es viel Schnee, welcher aber bis Mittag
des 24. von den warmen Sonnenstrahlen eines der schönsten Herbsttage
wieder geschmolzen wurde. Der Kanal führte am 23. ebenfalls durch die
mit Mühe und großem Geldaufwand gesprengten Felsenklüfte, welche mit
Eichen und Tannen bewachsen sind. Hier in dieser Gegend traf ich eine
höchst romantisch gelegene Farmer-Wohnung, von welcher die stattlichen
Gebäude den begüterten Besitzer verriethen, und es war das erste Mal
auf dieser Reise, daß ich einen solchen um sein Loos beneidete.
Nachmittag wurde bei der Stadt ~Newark~ Halt gemacht, wo die
Passagiere sich mit dem Nöthigsten versahen, und ich in gleicher
Absicht das Boot verließ, um Brod einzukaufen, wobei ich mir eine
leichte Erkältung zuzog, welche mich später nöthigte, das Fahrzeug
zu verlassen, um ein Bedürfniß zu verrichten. Eben im Begriff vom
Boot ans Land zu springen, stieß der Schurke von Steuermann, mein
Vorhaben bemerkend, das Boot vom Lande ab, wodurch die Kluft des
Wassers sich erweiterte, und ich bei zu kurzem Sprung bis an den
Unterleib in dasselbe fiel. Alle Personen auf dem Verdeck brachen
in ein Gelächter aus, nicht ahnend, welche traurige Folgen dieser
Vorfall für mich haben sollte, da die nassen Kleider nicht sofort mit
trockenen vertauscht werden konnten, und eine passende Stelle das
Fahrzeug wieder zu besteigen, erst nach Verlauf einer halben Stunde
sich darbot. Mein altes Uebel stellte sich ein, und die Schmerzen der
Kolik wurden, um größeres Unglück zu vermeiden, durch das möglichste
Zusammenschnallen der Leib-Bandage noch vermehrt. Ohne Hülfe, nichts
was mir Linderung gewährte, lag ich besinnungslos oder raste wie
unsinnig, mich selbst nicht mehr kennend. Erst spät am Abend erreichten
wir ~Schelekatie~, wo ein herbeigerufener Arzt Magenpflaster und
Fußumschläge verordnete, auch zum innerlichen Gebrauche mir Quecksilber
eingab. Was übrigens Alles diese Nacht mit mir vorgenommen wurde, wußte
ich nicht, da meine Lebensgeister zu sehr abgespannt waren. Erst am
Morgen, als das Magenpflaster erneuert werden sollte, wurde ich gewahr,
daß man mir die, der Sicherheit wegen um den Leib getragene Baarschaft
entwendet hatte, und solche, aller Nachforschung ohngeachtet, nicht
wieder erlangt werden konnte, schon deshalb nicht, weil der Kapitän,
welcher mich entkleidet hatte, den Diebstahl selbst vollbracht haben
mußte. -- Was nun anfangen, da mir nur zwei Dollars in Papier, welche
in der Brieftafel und in der Seitentasche des Rockes, schlecht
verwahrt, geblieben waren? -- Das Ziel der Reise war nicht mehr fern,
und ließen auch die großen Schmerzen mich wenig an die Zukunft denken,
so glaubte mein stets reger Geist doch wieder Mittel zum Erwerb
auffinden zu können.
In der Nacht zum 26. hatte es stark gefroren, so daß es nur vier
Pferden möglich wurde, das Boot durch das mit einer Eisdecke belegte
Wasser fortzuziehen; bei zunehmender Kälte in der folgenden Nacht
fror das Fahrzeug förmlich ein und wir saßen, noch 14 Meilen von
~Portsmouth~ entfernt, förmlich fest.
Die Passagiere sahen sich am Morgen des 27. genöthigt, auf Bauernwagen
oder ~per pedes~ diesen Ort zu erreichen; ich selbst war durch
den an mir verübten Raub gezwungen, mich der Zahl der Fußgänger
anzuschließen, nachdem ich wegen Mangel des Fahrgeldes, mein gutes
Gewehr dem Schurken von Kapitän überlassen mußte. --
~Portsmouth~, die vornehmste Stadt des ~Scioto~-Landes,
am ~Ohio~-Ufer, besitzt eine Bank, einen Gerichtshof und die
gewöhnliche Zahl öffentlicher Gebäude mit ungefähr 1000 Einwohnern. --
Am 28. Mittags ging auf dem ~Ohio-River~ (Fluß) ein Dampfschiff
nach dem 114 Meilen entfernt gelegenen ~Cincinnati~ ab, und
meine Kasse reichte eben noch zu, das Fahrgeld dahin zu bestreiten,
da der Platz im Deck nur einen Dollar betrug. -- Die Passagiere im
Zwischendeck bildeten auch hier wie auf den Seeschiffen ein Gegenstück
zu den Kajüten-Passagieren. Nirgends Ordnung, Jeder treibt nach
Wohlgefallen, wie es ihm gutdünkt, und nur den Frauenzimmern wird der
Vorrang gelassen. Die Bequemlichkeiten, welche den Kajüten-Passagieren
zu Gute kommen, fehlten hier ganz, selbst die vorhandenen Schlafstellen
reichten nicht aus für die vielen Reisenden, und deshalb lag Mann an
Mann auf dem Fußboden rings um den rothglühenden Ofen, welcher in der
Mitte des Raumes angebracht, seine Wärme, da die Nacht sehr kalt war,
wohlthuend mittheilte. Mir selbst kam jedoch dieser Genuß nicht lange
zu Gute, da ich nur auf einen Augenblick mein Lager verlassen, es von
einem Anderen sogleich eingenommen sah und mir daher nichts übrig
blieb, als im Mantel gehüllt, entfernt vom Feuer, die Nacht auf einem
Baumwollen-Ballen zuzubringen. Das kalte Fieber stellte sich wieder
ein, und von Allem entblößt, ging die dunkle Zukunft in traurigen
Bildern an mir vorüber.
Nachdem das Dampfboot an mehren kleinen Ortschaften vorbeigefahren,
hielt es bei ~Maysville~ am ~Kentucky-~Ufer an, wo Passagiere
und Waaren ausgesetzt, und andere eingenommen wurden. Diese Stadt
auf einem engen Grund und Boden in der Mitte grauer Hügel, welche
sich gerade hinter ihr und dem ~Ohio~ erheben, erbaut, hat drei
Straßen, welche parallel mit dem Flusse laufen und von vier andern im
rechten Winkel durchschnitten werden; sie zählt über 2000 Einwohner
und ist das Magazin der Güter und Waaren, welche bestimmt sind, den
östlichen Theil des ~Kentucky~-Staates zu versehen.
Bis ~Cincinnati~ wurde von hieraus die Fahrt ununterbrochen
fortgesetzt, wo wir an manchem aber unbedeutenden Orte vorbeifuhren,
und den 28. Mittags erstere Stadt erreichten.
Zwanzigster Brief.
Aufenthalt in ~Cincinnati~.
Im Dezember 1839.
Ans Land gestiegen, folgte ich mechanisch mit meinen wenigen
Habseligkeiten (da die übrigen Sachen in New-York zurückgeblieben),
einem unserer Landsleute, dessen Bekanntschaft ich auf dem Dampfschiffe
gemacht hatte, nach einem deutschen Kosthause, dessen Besitzer als
äußerst human geschildert wurde.
Das Mittagessen war eben aufgetragen und nicht wissend, von was ich
solches bezahlen sollte, nöthigten mich doch Appetit und Hunger,
daran Theil zu nehmen. Das Tischgespräch an der reichlich mit Gästen
besetzten Tafel bestand in Klagen über schlechte Zeiten, da Viele
hier eine bessere Existenz zu finden gehofft, aber getäuscht, sich
und Andere durch übermäßigen Andrang der Arbeitsuchenden, ins Elend
stürzten. Mir erstarb bei dieser Kunde der Bissen im Munde, und als ich
selbst bei meiner Wanderung durch die Straßen überall nur arbeitslose
Menschen stehen sah und von Letztern die Bestätigung erhielt, daß
Tausende in Noth und Elend einer ungewiß bessern Zukunft entgegen
sähen, da bangte mir selbst vor meiner eigenen Existenz und ermattet,
körperlich und geistig, suchte ich am Abend bald die mir nöthige Ruhe.
Doch so sehr auch der geschwächte Körper des Schlafes bedurfte, so
war dennoch der Geist zu sehr aufgeregt, als daß ich dazu hätte
gelangen können. Mein ganzer Lebenslauf ging an meiner Seele vorüber,
nie war ich so arm, nie fühlte ich mich so verlassen als jetzt. Ohne
Familie, ohne Freunde und Bekannte unter einer lieblosen Nation, deren
Wahlspruch ist: „Hilf Dir selbst!“ welche den Deutschen mit der größten
Verachtung behandelt, was hatte ich da, vom Geld entblößt, von der
Zukunft zu erwarten? Ein Trost nur blieb mir übrig, die Zuflucht zu
Dem zu nehmen, welcher Mittel und Wege kennt, wenn des Menschen eigene
Macht nicht mehr ausreichend ist, und zu keiner andern Zeit habe ich
die Gottheit inbrünstiger um Beistand angerufen als in dieser, bis ich
unter Thränen und dem Gebet des schönen Verses: „Befiehl du Deine Wege,
und was Dein Herze kränkt“ u. s. w., entschlummerte.
Am Morgen entdeckte ich dem Wirth die wahren Verhältnisse meiner Lage
und bat ihn um Rath was zu thun oder zu lassen sey. Dieser sah mir wohl
an, daß ich zu schwerer Arbeit noch zu sehr entkräftet, was ich mir
selbst nicht zugestehen wollte und empfahl mich daher, bei Mangel an
leichter Arbeit, der deutschen Gesellschaft mit der Bitte, Etwas für
mich zu thun.
Herr Schweizerhoff, Präsident der Gesellschaft, ersah aus meinen ihm
vorgelegten Attesten, daß er nicht einen gewöhnlichen Bettler vor sich
habe, und bedauerte sehr, daß er nicht mit Vollmacht versehen sey,
mir aus der Gesellschaftskasse Etwas verabreichen zu können, da den
Statuten gemäß nur die Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitige
Unterstützung zugesagt hätten; mit mir aber eine Ausnahme zu machen,
würde leicht Veranlassung zu anderweiten Anforderungen geben. „Doch“
fuhr er fort, „giebt es hier Viele reiche und dabei brave Männer, von
denen Sie gewiß Keiner ohne Gabe entlassen wird und deshalb werde ich
Ihnen einige Namen derselben aufschreiben“, worauf er selbst Etwas in
ein Papier wickelte und mich in Gnaden entließ.
Also bis zum Bettler herabgesunken! „O Philosophie, verlaß mich nicht
und erhalte mir den Verstand!“ war mein erster Gedanke, als ich den
Bettelbrief entfaltete, welcher ½ Dollar enthielt. -- Apotheker Refuß
war der erste Name auf der Liste. Was sollte ich thun? Doch, wie der zu
Ertrinkende im Wahne, sich zu retten, nach einem Strohhalm greift, eben
so blieb mir keine Wahl und langsam ging ich der Apotheke zu.
„Der Herr ist nicht zu Haus“, versetzte auf deutsch der Provisor, als
ich nach dem Prinzipal frug, „doch kann ich vielleicht selbst Ihnen die
gewünschte Auskunft ertheilen!“
„„Ist auch dieses nicht der Fall, so trägt schon Ihre Theilnahme an
meinem Geschick zu dessen Linderung bei. Doch, als Beweis, wen Sie vor
sich haben, lesen Sie zuvor das Attest meiner Behörde.““
„Aus Weimar sind Sie?“
„„Ja!““ entgegnete ich.
„So haben Sie hier einen Landsmann, den Apotheker Aacke!“
„„Sie irren, Freund! denn dieser ist in ~Cleveland~, etablirt,
wohin ich vom Vater Briefe mit über See gebracht.““
„Er war es!“ fuhr Jener fort, „doch sein Kompagnon hat das Farmer-Leben
vorgezogen, wozu ihn dessen Frau bestimmte, und Acke, selbst nicht
vermögend das Geschäft auf eigene Rechnung fortzusetzen, hat sein
Etablissement wieder aufgeben müssen und konditionirt jetzt in der
Apotheke bei Colb.“
Freudige Nachricht! Vorbote einer noch größern. Unverzüglich wurde
jetzt Freund Acke aufgesucht; doch er erkannte mich nicht, so hatten
Gram, Sorgen und Krankheit der letztern Tage mich entstellt.
Nach herzlicher Begrüßung, worauf dieser Brave meine Verhältnisse
erfuhr, bat er mich vor Allem, Niemandem mehr meine Lage zu vertrauen,
indem er für alle Bedürfnisse sorgen würde.
„Waren Sie schon bei Tanneberg’s?“[41] frug er im Laufe des weitern
Gesprächs.
„„Tanneberg hier, so weit im Lande, den ich nirgends anders als in
~Baltimore~ geglaubt?““
„Ja! und wie es scheint, zu Ihrer Pflege vorausgeschickt.“
Jetzt erst erkannte ich Gottes weise Fügung. So und nicht anders mußte
Alles kommen, um mich prüfend zu erniedrigen, und mir dadurch Aacken
und Tanneberg’s zuzuführen, die ich vielleicht auf anderm Wege nicht
getroffen, wenn ich nicht, wegen Mangel an Geld, zu dem Mitgetheilten
die Zuflucht hätte nehmen müssen.
Freudiges Wiedersehen! Zu keiner passendern Zeit hätte ich wohl
Tanneberg’s in Amerika auffinden können, als hier in ~Cincinnati~.
Die brave Frau suchte durch Wartung und Pflege, da ich sogleich ihre
Wohnung beziehen mußte, meinen Zustand möglichst zu erleichtern und
versetzte mich durch Speise und Trank in die geliebte Heimath, wodurch
sich leichter vergessen ließ, so weit von den Meinen entfernt zu seyn,
deren geliebtes Andenken bei in Schranken gehaltenem Geist, dem Herzen
um so schmerzlicher wurde.
Auch dieser Familie hatte in Amerika das Glück nicht gelächelt, von
welchem sie in der alten Heimath geträumt. -- In ~Baltimore~
gelandet, fand der Mann bei einem reichen Tischler und Möbelhändler
als Lackirer einen solchen Verdienst, der zwar bei angestrengter
Arbeit den Lebensunterhalt sicherte, nicht aber die Möglichkeit
gab, die Reisekosten wieder zu erübrigen. Letzteres bestimmte ihn,
dieses Geschäft wieder aufzugeben, um mit einem Zimmermaler ein
Kompagniegeschäft zu arrangiren, welches besser rentiren sollte.
Doch das Letztere war nicht der Fall und da Ersterer einen Ruf nach
~Cincinnati~, um daselbst eine Kirche zu malen, ausschlug, so nahm
Tanneberg für ihn den Auftrag an und machte mit Frau und Kind die weite
Landreise, in dem Glauben, selbstständig das bis hieher Zugesetzte bald
wieder verdienen zu können.
Die angefertigten Skizzen und Zeichnungen über Styl und Ausführung der
Kirchen-Malerei wurden von dem Gemeinde-Vorstand anerkannt, ebenso
die verlangte Summe für Ausführung der Arbeit genehmigt, als aber die
Kirche noch für das nöthige Gerüste zum Malen stehen sollte, zerschlug
sich der Handel, die Arbeit unterblieb und der betrogene Maler wurde
wieder in die kritische Lage versetzt.
An einem fremden Ort, ohne alle Bekanntschaft und Fürsprache, mußte er
allein, da die Frau selbst immer kränklich war, sich und seine Familie
drei Monate lang durch allerhand saure Arbeiten durchzuhelfen suchen,
wobei die letzten mit über See gebrachten Louisd’or’s noch vollends
zugesetzt wurden. Doch in diesem Lande gilt als erste Regel: nur nicht
den Muth verloren! Denn auch sein Geschick sollte sich von Neuem wenden.
Ein reicher Kleiderhändler, das Mode-Journal der Stadt, welcher sich
zur Aufgabe gemacht, Alles in ~Cincinnati~ noch nicht Vorhandene
zuerst zu besitzen, hörte von dem Zimmermaler und übertrug ihm die
Arbeit in seinem Laden auszuführen. Eben noch damit beschäftigt, kam
ich zu ihm und mit wahrer Freude hörte ich oft, wenn er die Kunde mit
nach Hause brachte, daß seine Leistungen Anklang fänden und er deshalb
einer bessern Zukunft entgegen sehen könne[42].
Der gehabte Verlust machte meinen Plan, als Volontär auf einer der
größern Farmen hiesiger Gegend die Welschkorn-Brennerei zu erlernen,
unmöglich und die zerrüttete Gesundheit, welche sich nicht wieder
regeln wollte, um Lohn zu dienen, zur Zeit unausführbar. Ich nahm daher
den Vorschlag meines Freundes Aacke mit Freuden an, um mit ihm, auf
vorgestreckte Kosten, die westlicher gelegenen Staaten zu bereisen
und bis ~New-Orleans~, wohin er berufen, die Reise fortzusetzen,
welche nach Verlauf von 14 Tagen anzutreten sey, bis wohin sein
Nachfolger eingetroffen seyn werde.
Schon in meinem frühern Plane lag das Projekt, diese Tour zu machen
und da vorzüglich die Jahreszeit die Ausführung begünstigte, ich
mich auch bis zur Ankunft in dem von hier noch 540 Stunden entfernt
liegenden ~New-Orleans~ wohler zu befinden glaubte, um dort, wo
alle Arbeit doppelt bezahlt werden sollte, mir den Bedarf zur Rückreise
zu verdienen, so sagte ich zu und füllte die noch bis zum Abgang übrige
Zeit mit Sehen, Hören und Aufnotiren alles mir Merkwürdigen dieser
Stadt aus.
Einundzwanzigster Brief.
Im Dezember 1839.
Fortsetzung.
~Cincinnati~, nach Orleans die größte Stadt des Westens, wurde
im Jahre 1790 gegründet und zählt jetzt schon über 37,000 Einwohner.
Sie liegt auf dem rechten Ufer des ~Ohio~, der Mündung des
~Licking~-Flußes gegenüber, auf einer weiten Ebene, welche von
Wald bedeckten Hügeln umgeben ist. Von der Höhe dieser Hügel aus kann
man die Stadt mit allen ihren Straßen, Gärten, Gebäuden, so wie den
mit Dampfbooten bedeckten ~Ohio~, die Städte ~Newport~ und
~Cavington~ auf dem ~Kentucky~-Ufer und das Leben und Treiben
der geschäftigen Menge deutlich übersehen. Das Auge nimmt das große
Amphitheater auf einmal ein und nirgends wird man wohl eine schönere
Aussicht, einem Panorama gleich, aufzufinden Gelegenheit haben.
Die Stadt selbst liegt 70 Fuß höher als der Fluß und ist so vor dem
Strom geschützt, der oft durch Regenwasser und schmelzenden Schnee bis
zu einer beträchtlichen Höhe anschwillt. Das ziemlich steile Ufer, an
welchem die Dampfboote anliegen, ist mit vielem Aufwande in einer der
schönsten Landungsplätze umgeschaffen worden, indem derselbe vom Wasser
an bis zu seiner Höhe in einer Länge von mehr als 1000 Fuß, ganz mit
Steinen gepflastert und an verschiedenen Stellen mit eisernen Ringen
versehen ist, an welche die Dampfschiffe befestigt werden können.
Die mit dem ~Ohio~ parallel laufenden Straßen, wie alle anderen,
welche jene in rechten Winkeln durchschneiden, sind fast alle breit,
gerade, gut gepflastert und mit Trottoirs versehen; sie führen theils
besondere Namen, oder sind nach der Zahl der Nummer benannt. In allen
Straßen herrscht die größte Reinlichkeit, da sie in Folge ihrer
sanften Steigung vom Regenwasser abgespült werden. -- Quellwasser
fehlt, dagegen wird die Stadt reichlich mit Wasser aus dem ~Ohio~
versorgt, welches durch Dampfkraft in alle Straßen und viele Gebäude
geleitet wird, und wofür die Einwohner jährlich eine Abgabe zu
entrichten haben.
Unglaublich schnell blüht ~Cincinnati~ auf und Bevölkerung,
Wohlstand und Verbesserungen aller Art nehmen täglich zu.
Ihr Handelsgeist zeigt große Thätigkeit, Unternehmung und
Spekulation. Dampfboote kommen und gehen täglich mehre ab und der
~Miami~-Kanal, welcher von Norden her in die Stadt tritt,
unterhält einen ausgedehnten Handel in das Innere. Täglich ist Markt
und es scheint die Meinung aller Fremden zu seyn, daß hinsichtlich des
Ueberflusses, der Billigkeit und Vortrefflichkeit der verschiedenen
vorhandenen Gegenstände kein Markt der andern Staaten mit dem von
~Cincinnati~ zu vergleichen sey. Die Menge der ~Stores~
(Kaufläden) und ihre Vorräthe, wie der Betrag verwendeter Kapitalien,
vermehrt sich immer mehr und eine der größten Niederlagen der
westlichen Staaten scheint sich hier zu gründen. Nächstdem geben die
vielen Manufakturen der Stadt ihren Reichthum, wie überhaupt alle
Handwerke ausgedehnt und großartig betrieben werden.
Unter einigen vierzig Fabriken, wo fast bei Jeder Dampfkraft verwendet
wird, fiel mir besonders eine Nagelschmiede-Manufaktur auf, wo in einer
Hitze ein 5-6 Zoll in Quadrat starkes und 1 Fuß langes Stück Eisen
mittelst Walzwerk zum schwächsten Bandeisen ausgestreckt und dieses
dann sogleich wieder kalt auf Nagelmaschinen in der Geschwindigkeit
des Pulsschlages in vollkommene Nägel verwandelt wird. -- Eine
Dampf-Säge-Mühle, deren vier Sägen, jede 80 Schnitte in der Minute
machen und 800 Fuß Bret in einer Stunde liefern. -- Dampf-Mahl-Mühlen,
deren 4 Paar Steine wöchentlich 200,000 bis 250,000 Pfund Frucht in das
feinste Mehl verwandeln. Eine Schuhleisten-Maschine, durch deren Hülfe
die Leisten aus grob zugehauenen Stücken Holz nach beliebiger Façon und
in der größten Schnelligkeit angefertigt werden.
An Banken fehlt es hier wie in allen großen amerikanischen Städten
nicht, da es ohne solche schlecht aussehen würde, weil der
Geschäftsgang weit größer ist, als daß die dazu im Umlaufe befindlichen
baaren Geldsummen ausreichen könnten. Das Papiergeld ist demnach zum
Betriebe und Aufblühen des Handels nöthig und befördert auf diese Weise
den allgemeinen Wohlstand. Zu bedauern ist es aber, daß dergleichen
Anstalten zu wenig Garantie bieten und durch oft vorkommende Bankbrüche
Tausende um das Ihrige betrogen werden.
Mit den süßesten Vorspiegelungen wird der fleißige und sparsame
Arbeiter veranlaßt, sein sauer erworbenes Gut hier niederzulegen
und Viele lassen sich von Prospekten, wie nachstehend einer folgt,
hintergehen und betrügen.
* * * * *
~Cincinnati’s~ Wechsel- und Sparbank.
Die Unternehmer dieser Anstalt erachten es für nothwendig, dem Publikum
folgende Punkte zur Erwägung und Uebersicht vorzulegen:
1) Die Banknoten einer jeden zahlungsfähigen Bank in den Vereinigten
Staaten werden für vollgiltig angenommen, im Falle dieselben der
Wechsel- und Sparbank zur Aufbewahrung übergeben worden; zu der durch
gegenseitige Uebereinkunft festgesetzten Zeit wird die hinterlegte
Summe in Gold, Silber oder gangbaren Noten zurückerstattet.
2) Jede Summe Geldes, welche man in der genannten Wechsel- und Sparbank
hinterlegt, wird auf Verlangen, nebst fünf Prozent Interessen zu jeder
beliebigen Zeit zurückbezahlt.
3) Arbeitsame Handwerker, so wie jeder andere Arbeiter, welche
ihr Vermögen oder einen Theil desselben der Wechsel- und Sparbank
anvertrauen wollen, sind dadurch versichert, daß ihnen genannte
Wechsel- und Sparbank in jedem Unternehmen unterstützen wird, wenn sie
solches ohne eigene Gefahr und Schaden thun kann.
4) Einwanderer, welche von Deutschland oder jeder andern Gegend
Europa’s Geld zu beziehen oder dahin zu versenden haben, können ein
solches Geschäft mit vollkommener Zuversicht der Wechsel- und Sparbank
anvertrauen, indem dieselbe stets bereit und im Stande ist, dasselbe
mit größter Sicherheit und Rechtlichkeit gegen möglichst billige
Vergütung zu besorgen.
5) Für eine Summe Geldes, welche auf bestimmte Zeit in der Wechsel- und
Sparbank hinterlegt wird, werden höhere Zinsen bezahlt.
6) Für ausländische Geldsorten ohne Unterschied wird der höchst
mögliche Werth bezahlt. Wechsel- oder Schuldscheine, welche in den
östlichen Seestädten oder in Europa zahlbar sind, werden unter billigen
Bedingungen eingelöst.
~NB.~ Das Publikum wird aus vorstehenden Artikeln zur Genüge
ersehen, daß es die hauptsächlichste Absicht der Wechsel- und Sparbank
ist, fleißigen und ordentlichen Handwerkern und Geschäftsleuten, deren
Mittel nicht hinreichend sind mit den andern Banken ~Cincinnatis~
in Geschäfts-Verbindung zu treten, die möglichste Erleichterung zu
verschaffen etc.
* * * * *
Wer möchte wohl unter solchen Versprechungen nicht eine Gelegenheit
benutzen, um das Erworbene, im Glauben am sichersten niederzulegen und
dabei noch den Vortheil der Vermehrung des Kapitals durch sich selbst,
in Aussicht zu haben, das Seinige anvertrauen wollen? Und dennoch ist
dieses gerade der Weg, auf welchem Leuten Vertrauen geschenkt wird,
die sich kein Gewissen daraus machen, ihren heiligen Versicherungen
entgegen, anvertraute Gelder zu unterschlagen, wie solches häufig in
Amerika vorkömmt, und deshalb erst kürzlich in ~Cincinnati~ vom
betrogenen Volke drei Banken erstürmt und demolirt worden sind.
Auch hier wetteifern alle christlichen Kirchenpartheien in
gottesdienstlicher Frömmigkeit, und die Bethäuser sind des Sonntags
drei Mal überfüllt. -- Ich selbst fühlte mich, seit ich amerikanischen
Boden betreten, theils durch glücklich überstandene Gefahren zur
Dankbarkeit verpflichtet, als auch durch allgemeine Frömmigkeit
bestimmt, mehr nach Gottgeweihter Stätte gezogen, als es sonst
der Fall war. Da mich aber nicht sowohl der Vortrag des Predigers
selbst, welcher nicht immer mit meinen religiösen Ueberzeugungen
übereinstimmend ist, zum Kirchengehen bestimmt, sondern mehr, um im
stillen Gebet und erhabenen Lobgesang in der dazu eingerichteten
Stätte die Herzensempfindungen dem Höchsten vorzutragen, so ist mir
jede Konfession gleich und ihr Tempel, als auch für mich geheiligt,
anzusehen. Demnach habe ich schon mehre Religionssekten in ihren
kirchlichen Gebräuchen zu beobachten Gelegenheit gehabt und solche mehr
oder weniger vernünftig gefunden. Hier in dem Methodisten-Tempel aber
geht mir wirklich der Glaube an vernünftige Menschheit ab. -- Unsinn
über Unsinn! Fände man sich nicht angezogen, der Sache die lächerliche
Seite abzugewinnen, so könnte man sich versucht fühlen, diese Armen,
Verirrten, selbst in’s Gebet zu nehmen.
Der Kanzel zur Rechten sitzt der männliche, zur Linken der weibliche
Theil der Gemeinde. Die Emporkirchen sind mehr mit Neugierigen als
andächtig Gestimmten besetzt. Die Melodien der Lieder sind über einen
Leisten komponirt, und gleichen dem Handwerksburschenliede: „Prinz
Eugen, du edler Ritter“ etc., wie ein Ei dem andern. Während also die
christliche Gemeinde das Kirchenlied sang, fielen meine Nachbarn,
deutsche Handwerker mit: Prinz Eugen du edler Ritter etc. ein, was
vollkommen übereinstimmte. Nach dem verlesenen Psalmen tritt derjenige
der Gläubigen, welcher sich vom Geiste dazu inspirirt fühlt, in
seinem Sitz in die Höhe, oder legt sich vor die Bank knieend mit dem
Kopfe auf Erstere, und spricht aus dem Stegreif Anfangs leise, dann
immer stärker, bis er ganz aus dem Athem kömmt, und besinnungslos
im besten Fluß der Rede stecken bleibt, und ein Anderer die ihm vom
Geiste eingegebenen Gedanken auf ähnliche Weise vorträgt. -- Ihr
Hauptprediger war zu der Zeit krank, wie die für ihn gehaltenen Gebete
kund gaben, und ein herumreisender Pensylvanier hatte am heutigen
Sonntage den Kanzelvortrag übernommen, wovon ich den Anfang aufnotirt,
und als Probe des Unsinnes hier mittheile.
„Lieben Freunde und Brüder! Die Zeit der Besserung ist da, denn
Gott, des langen Wartens überdrüßig, schlägt nun mit dem Donnerkeil
drein, wenn Ihr nicht umkehrt aus dem Luderleben. Ich sage es Euch
nochmals, bessert Euch, da es noch Zeit ist. Der Herr Jesus Christ
hat es mir selbst gesagt, weil ich bei ihm war, daß er Euch verirrte
Schafe aufnehmen wolle, welche sogleich umkehren, da es noch Zeit ist.
Schwestern und Brüder zu bekehren, bin ich weit und breit herumgereist,
ja zehn Meilen in der Runde!“ Hier fiel eine Stimme von der Emporkirche
ein: „Das ist was Rechts!“ worauf der Prediger fortfuhr: „Wer Du
auch seyst! Du bist ein Flegel! ein ......“ hier fehlten vermuthlich
die deutschen Worte, und dann wurde in englischer Sprache, welche er
geläufiger redete, dem unberufenen Sprecher gehörig der Text gelesen.
Mich selbst langweilte die ganze Geschichte, deshalb verließ ich noch
vor geendigtem Gottesdienste das entweihete Haus.
Am nächsten Sonntage wurde ich veranlaßt, eine Kirche zu besuchen, wo
ebenfalls kein Theolog als Kanzelredner auftrat, sondern diesen Posten
ein gelernter Schlosser bekleidete, welcher unter dem Namen: „der
Schlosser-Prediger“ den Deutschen hier bekannt ist. Dieser, im Besitz
einer Rednergabe, und dabei von der Ansicht beseelt, daß es jedem
Menschen Pflicht sey, zum Seelenheil Anderer beizutragen, fühlte sich
ebenfalls berufen, Hammer und Ambos mit der Kanzel zu vertauschen, so
wie Trauung, Tauf- und Leichenreden zu halten, je nachdem es die um ihn
gebildete Gemeinde wünschte.
Bei stattfindender Religionsfreiheit hat Niemand gegen solche
Handlungsweise Etwas einzuwenden. Die Gesetzgebung läßt hierin
freien Spielraum, da sie sich für inkompetent hält, in religiösen
Ueberzeugungen über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit
zu entscheiden. Sie gestattet vielmehr hierin jede Form in
gemeinschaftlicher Gottesverehrung, wie verschieden und mannigfaltig
solche auch immer seyn mag, und hält sich nur verpflichtet, ihre Wahl
zu schützen.
Die Kirche war ebenfalls überfüllt, die ganze Zeremonie geregelt, und
der Kanzelvortrag so gut, als er sich nur immer von einem unstudirten
Professionisten erwarten ließ. --
Am 10. Dezember mußte ich von Neuem Tannebergs verlassen, da das
Dampfschiff (Amazone, Kapitän Lauterbach) mit welchem mein Freund Aacke
akkordirt, abgehen sollte. Schwer war der Abschied, da er für das Leben
war. Viele Grüße befahl die kleine Auguste (ein Kind von 4½ Jahren)
an die Großmutter und ihre alten Gespielen, meine Kinder, ebenso
Tanneberg, an Alle, die sich Seiner in der geliebten Heimath noch
erinnerten und fügte den Wunsch bei, daß Keiner seiner Bekannten dem
Urtheil eines Windbeutels Glauben schenken möchte, welcher Amerika als
das Land, in welchem Milch und Honig fließe, anpreißt. Er selbst habe
deshalb noch nicht geschrieben, um nicht Anlaß zu einem Vorhaben zu
geben, welches nur Wenigen Glück, Vielen aber Noth und Elend bereite. --
Zweiundzwanzigster Brief.
Reise nach ~New-Orleans~.
Im Dezember 1839.
In der ersten Kajüte zu reisen, erlaubten unsere finanziellen Umstände
nicht, und es wurde demnach in der zweiten, welche geräumig und
hinlänglich mit Schlafstellen versehen war, Posto gefaßt, wofür die
Person bis ~Orleans~, ohne Beköstigung, 8 Dollar zahlte. Fünf
Dollar sind nur zu entrichten von denjenigen, die sich verpflichten,
das nöthige Brennholz von den oft sehr steilen Uferplätzen nach dem
Dampfboote mit zu tragen, welches aber nicht anzuempfehlen ist, wie
sich solches im Laufe meiner Erzählung ergeben wird.
Bis zur Einmündung des großen ~Miami~-Flusses in den
~Ohio-River~ welcher an dieser Stelle die Gränze zwischen
den Staaten ~Indiana~ und ~Ohio~ bildet, hielt ich mich
fortwährend im Freien auf, um nichts von der Gegend zu verlieren,
durch welche das Dampfboot längs der mit Wald bedeckten Ufer schnell
dahin flog und wo von Zeit zu Zeit hübsche Landhäuser auf beschatteten
Höhen dem Auge sichtbar wurden. Die Abendkühle nöthigte mich aber
bald zum Rückzuge, und um so bedauerlicher war es, daß die Nacht
schon eingebrochen, als wir bei ~Vevay~ ankamen, wo der nöthige
Holzbedarf gefaßt wurde, leider aber von der Stadt nur wenig gesehen
werden konnte.
Der Boden, wo dieser Ort auf dem ~Indiana~-Ufer im Jahre 1804
gegründet worden, ist sehr fruchtbar und soll sich vorzüglich zum
Weinbau eignen, weshalb mehre Schweizer-Familien, welche sich hier
angesiedelt, vom Kongreß begünstigt, besonders diesen Zweig der
Landwirthschaft zu kultiviren sich angelegen seyn lassen.
Während der Nacht passirten wir die Einmündung des
~Kentucky-River~ und das auf einer Anhöhe gelegene Städtchen
~Madison~.
Gegen Mittag des 11. langten wir bei ~Louisville~ an, welche
Stadt 131 Meilen von ~Cincinnati~ entfernt, unter der Mündung des
~Beergrass~-Flusses liegt. Es ist die wichtigste Stadt vom Staate
~Kentucky~, und der Sitz der Justiz für ~Jefferson~. Die
Hauptstraßen, welche mit Trottoirs versehen und gut gepflastert sind,
laufen mit dem ~Ohio~ parallel und werden von mehren Querstraßen
in rechten Winkeln durchschnitten; die Stadt zählt über 14,000
Einwohner.
Der Ort selbst war früher wegen der in der Umgegend befindlichen Sümpfe
und des stinkenden Wassers äußerst ungesund. In neuerer Zeit hat man
aber diesem Uebel durch angelegte Kanäle und Graben abgeholfen.
Die vielen Sandbänke, welche sich in dem eine Meile breiten Fluß
vor ~Louisville~ befinden, machten bei niederem Wasserstand die
Passage äußerst gefährlich, weshalb mit ungeheurer Mühe und einem
Aufwand von 400,000 Dollars bis ~Schippingport~ ein Kanal gebaut
worden ist, welcher 2 Meilen lang, 40 Fuß tief und breit genug
ist, um von Dampfbooten passirt werden zu können. Der Kanal fängt
unterhalb ~Louisville~ in einer kleinen Bucht am Ufer an, geht hinter
~Schippingport~ hinweg und vereinigt sich wieder mit dem ~Ohio~
zwischen ~Schippingport~ und ~Portland~, wo sich das Flußbett wieder
verengt. Drei unweit der Ausmündung angebrachte Schleusen stellen bei
einem Fall von 24 Fuß das Wasser-Niveau her. Der Wasserstand war zur
Zeit unserer Durchfahrt äußerst niedrig, (5½ Fuß) so daß das Boot nur
mit der größten Mühe und zu seinem Nachtheil, da es beständig auf dem
felsigen Grunde wegging, vorwärts gebracht werden konnte und wegen
einbrechender Nacht bis zum nächsten Morgen im Kanal verweilen mußte.
[Illustration]
Ich und Freund Aacke hatten das Boot verlassen, um von einem erhöhten
Standpunkte aus, bei einem großen Magazin, die herrlichste Aussicht zu
genießen. Vor uns war der Fluß mit seinen vielen Klippen und Sandbänken
und einer mit Wald bewachsenen Insel, rechts die Wasserfälle im Fluß
und im Hintergrunde die Stadt ~Louisville~. Links auf dem andern Ufer
erblickte das Auge die Städtchen ~New-Albany~ und ~Clarksburg~ und
etwas mehr zurück den Wald, welcher leider jetzt die Bäume blattlos
zeigte. Es stehen wohl an keinem andern Orte der Vereinigten Staaten
die blühenden Städte so nahe zusammen, als hier an beiden ~Ohio~-Ufern.
~Jeffersonville~, ~Clarksburg~ und ~New-Albany~ im ~Indiana~-,
~Louisville~, ~Schippingport~ und ~Portland~ im ~Kentucky~-Staate.
Um die Lage und Namen der Städte auf dieser Wasserreise genau kennen
zu lernen, hatten wir uns den ~Western-Pilot by Sam. Cummings~
angeschafft; ein Werk, welches Freund Aacke in ~Cincinnati~ gekauft
hatte, und das uns mit seinen Abbildungen des ~Ohio~- und des
~Mississippi~-Laufes[43] jetzt als Wegweiser herrlich zu Statten kam,
da wir schon im Voraus auf alles Sehenswerthe aufmerksam gemacht wurden.
Am Morgen des 12. Dezember nahm auch Freund Aacke beim Flottmachen
des Bootes den thätigsten Antheil und wich erst dann von seinem
eingenommenen Platz, als ich ihn auf die Gefahr aufmerksam machte, die
seiner dort drohte. Denn kaum hatte ein Matrose den eben verlassenen
Posten besetzt, als solchen der Druckbaum mit Gewalt niederwarf, den
Arm quetschte und die ganze Seite stark beschädigte.
Mein geretteter Freund stand jetzt dem Verunglückten bei, versah
die Stelle des Chirurgen, und schiente und verband die beschädigten
Theile mit solcher Gewandtheit, daß man darüber vergaß, daß er nur ein
gelernter Apotheker sey. In Amerika aber gilt die Geschicklichkeit,
Niemand fragt „was hast Du gelernt?“
Die Reisegesellschaft hatte sich in ~Louisville~ um 2 Personen
vermehrt, welche, nach dem Aeußern zu urtheilen, nicht unter die Zahl
der vom Glück Begünstigten gehörten. Dabei wurden alle Gegenstände
genau von ihren Augen gemustert, auch waren sie immer auf den Beinen
und pflegten wenig der Ruhe, welches Benehmen mir um so auffallender
war, da sie sich nicht zum Holztragen verstanden, um durch Uebernahme
dieser Arbeit ein billigeres Fahrgeld zu erzielen.
Die Witterung war am Tage ausnehmend schön, so daß wir fast die ganze
Zeit über auf dem Verdeck zubrachten und uns sonneten.
Von der Mündung des ~Salt-River~ an, schlängelte sich der Fluß in
großen Windungen durch die meist hohen Felsenufer, auf welchen nur
dann und wann ein Haus zum Vorschein kam. Mittags erreichten wir das
Städtchen ~Leawenworth~ und die Sonne neigte sich schon zum Untergang,
als man bei den auf beiden Ufern des ~Ohio~-Flusses erbauten Orten
~Rome~ und ~Stevensport~ ankamen, welche mittelst einer hölzernen
Brücke verbunden sind.
Schon war es Nacht, als der Kapitän anlegen ließ, um den nöthigen
Holzbedarf vom Ufer einzunehmen. Die Witterung war äußerst ungünstig,
der Regen ergoß sich in Strömen, weshalb die Passagiere, welche zum
Holztragen engagirt waren, lange zögerten, ehe sie dem Kommandowort des
Steuermanns Folge leisteten. Durchnäßt und über und über beschmuzt,
suchten die Geplagten am Ofen sich zu trocknen, wobei mancher seine
Reue zu erkennen gab, daß er sich zu diesem Geschäft verstanden.
Mir selbst war dabei um so wohler, da ich alle Ursache hatte, mich
zu freuen, daß Freund Aacke mich abgehalten, solche Verpflichtung zu
übernehmen, wozu ich mich aus Oekonomie zuerst entschlossen hatte.
Während der Nacht vom 12. zum 13. fuhr das Boot an den Orten
~Hawsville~, ~Troy~, ~Rockport~, ~Owensborough~ und ~Evansville~
vorbei. Bei letzterer Stadt wurde eine deutsche Schneiderfamilie ans
Land gesetzt, welche hier bei Verwandten in einer fruchtbaren Gegend
sich von Neuem anzusiedeln beschlossen hatte, nachdem sie schon 11 Jahr
am ~Erie~-See gewirthschaftet und sich dabei ein hübsches Vermögen
erworben hatte, um das sie jedoch zum größten Theil durch einen
Bankbruch und durch Ankauf von Lotten, (Bauplätzen) welche später
bedeutend im Preis gefallen wären, gekommen seyn sollte. Der Mann war
mehr über sein Schicksal gefaßt, doch die Frau weinte Tag und Nacht.
Von Allen aber dauerten mich die jüngsten Kinder, welche in aller
Unschuld die Mutter zu trösten suchten, diese aber die Liebkosungen der
Kleinen mit Härte abwies, da sie sich nicht über ihren Schmerz erheben
konnte. Beim Zusammenpacken der Effekten dieser Familie, vermißten
sie ein Paar neue Stiefeln und ein Tuch, welche Sachen trotz aller
Nachfrage, nicht wieder herbeigeschafft werden konnten.
Früh am Morgen des 13. Dezember sah man auf dem hohen ~Kentucky~-Ufer
das Städtchen ~Hendersonville~ und bei der Insel ~Diamond~, welche 4
Meilen lang und über eine Meile breit sein soll, ragte ein gesunkenes
Dampfboot noch theilweise aus dem Wasser.
Das Städtchen ~Mont-Vernon~ auf hohem Ufer, ward ebenfalls bemerkt
und bei der Mündung des ~Wabash~-Flusses, wurde an einem uns
begegnenden Dampfboot so nahe vorbeigefahren, daß auch keine Hand breit
Spielraum zwischen beiden Fahrzeugen blieb und leicht eine Carambolage
hätte Statt finden können.
Gegen Mittag erreichten wir am linken Ufer im Staate ~Illinois~
den ansehnlichen Handelsplatz ~Shawnee-Town~. Etwas später wurde
uns eine große Höhle gezeigt, welche über 150 Fuß in den Uferfelsen
eingehen soll und früher einer Räuberhorde zum Aufenthalt diente,
welche die vorbeipassirten Fahrzeuge beraubten.
Während der Nacht vom 13. bis 14. wurde an dem Städtchen
~Golconda~, der Ausmündung des ~Cumberland-~Flusses und den
Orten ~Wilkinsonsville~ und ~Amerika~, vorbeigefahren.
Am 14. mit Anbruch des Tages kamen wir bei dem Orte ~Trinity~
an, welche Gegend äußerst gefährlich für die Schifffahrt seyn soll,
wie solches auch zwei verunglückte, noch aus dem Wasser hervorragende
Boote bekundeten; einige Zeit darauf wurde ~Mouth-Ohio~ erreicht,
wo der ~Ohio~ sich mit dem ~Mississippi~-Fluß vereinigt, in
welchen Letztern sich schon 20 Meilen oberhalb ~St. Louis~ der
~Missouri~ ergossen hat. Diese drei Flüsse vereinigt, bilden einen
der größten Ströme der Welt, welcher wegen seiner lehmigen Sandufer
ein äußerst schmutziges Wasser hat, was um so auffallender bei dem
Zusammenfluß des reinen hellen ~Ohio~ mit dem ~Mississippi~
ist und den Reisenden nun um so lästiger wird, da man gezwungen ist,
solches Lehmwasser zu trinken und zum Kochen zu verwenden.
Mittags sah man am jenseitigen Ufer wiederum ein erst kürzlich
gestrandetes Dampfschiff, von welchem die Uferbewohner die Ladung noch
möglichst zu retten suchten.
Die vielen Unglücksfälle wurden besonders dem niedern Wasserstande
zugeschrieben und die auf dem ~Mississippi~ fahrenden Dampfboote
scherzweise mit schwimmenden Särgen verglichen, weshalb uns bei dem
Gedanken, schon mit einem Fuß im Grabe zu stehen, nicht wohl zu Muthe
ward.
Der Kapitän, selbst für sein Schiff besorgt, stellte die Fahrt des
Nachts ein und benutzte nur die Tageszeit, um mit möglichster Vorsicht
die Reise fortzusetzen. Wurde auch dadurch die Fahrt verlängert, so
gewährte sie doch den Genuß, daß nichts von der Gegend, welche wir
passirten, für das Auge verloren ging.
Am Nachmittag fuhren wir gleichzeitig mit einem andern Dampfboot auf
einer Sandbank fest, welche sich vermuthlich erst gebildet und noch
nicht auf der Flußkarte angegeben war. Alle Versuche, wieder flott zu
werden, schlugen fehl, welches zuletzt unsern Kapitän bestimmte, das
Schiff zu erleichtern, weshalb gegen 400 Faß Mehl mittelst Kähnen ans
Ufer geschafft wurden.
Auf diesen Aufenthalt nicht vorbereitet, reichte unser vorräthiges
Proviant nicht aus und wir sahen uns genöthigt, bei einem Farmer, wenn
ein solcher nicht allzuweit vom Ufer entfernt wohnte, das Nöthige zu
kaufen, oder einen Braten zu schießen. Nirgends war beim Eindringen in
das mit Wald bedeckte Ufer eine Spur von Ansiedlern zu sehen und schon
suchten wir, mit zwei Wasserhühnern beladen, um bei einbrechender Nacht
nicht die Spur zu verlieren, den Weg zurück, als die Schmerzenstöne
einer Stimme die Nähe von Menschen verriethen; diesem Schall folgend,
erblickten wir, wie ein Unmensch einen seiner schwarzen Sklaven an
einen Baum gebunden mit einer Peitsche schlug, da solcher, wie uns der
Wütherich selbst erzählte, die Milch verschüttet habe.
Mit den erhaltenen Kartoffeln und etwas Brod eilten wir nach dem Boot
zurück, wo während unserer Abwesenheit Aackes Koffer erbrochen und
außer Zucker und Kaffee dessen Rasirzeug nebst einiger Leibwäsche
entwendet worden war. Von jetzt an verließen wir niemals beide zu
gleicher Zeit das Boot und hatten besonders ein scharfes Auge auf
die beiden schon erwähnten Individuen, da solche uns des Diebstahls
verdächtig vorkamen.
Das andere Dampfboot, welches mit dem unsrigen zugleich auf der
Sandbank fest gefahren, konnte trotz aller Versuche nicht flott gemacht
werden, da es der Kapitän nicht erleichtert hatte und es saß noch fest
auf, als wir am 15. Morgens die Reise fortsetzten.
Dreiundzwanzigster Brief.
Im Dezember 1839.
Fortsetzung.
Vom Zusammenflusse des ~Ohio~ und ~Mississippi~ an, macht
der letztere Strom ebenfalls bedeutende Windungen, und den ersten Ort,
welchen man wieder antrifft, ist ~New-Madrid~, wo noch Spuren
von dem im Jahr 1811 und 1812 gewütheten Erdbeben vorhanden seyn
sollen. Später hielten wir bei ~Point-plaisant~ an, um Reisende
auszusetzen, welche die in der Nähe befindlichen Handelsniederlagen
besuchten, wo, wie erzählt wurde, die Indianer Niederlagen von Hirsch-,
Reh-, Otter- u. a. Häuten haben, und solche gegen Schießbedarf und
Kleidung umzutauschen suchen. Hier hört auf dem rechten Ufer der
~Missouri~-Staat auf, und der von ~Arkansas~ beginnt. Linker
Hand vom ~Mississippi~ hört der ~Kentucky~-Staat auf und es
beginnt der Staat ~Tennessee~.
Während der Fahrt am 16. wurde keine Stadt oder ein sonst merkwürdiger
Ort angetroffen, auch passirte nichts, was des Aufnotirens werth war.
Am 17. Mittags holte uns das auf der Sandbank zurückgelassene Dampfboot
wieder ein, und der Kapitän desselben suchte sogar unserm Boote den
Vorsprung abzugewinnen, was jedenfalls in der Absicht geschah, zuerst
~Memphis~ zu erreichen, um dort unserm Kapitän die Reiselustigen
wegzufischen.
In Amerika macht es sich jeder Kapitän zur Ehrensache, bei einem
solchen Wettlauf den Vorrang zu erhalten, und oft wird dadurch das
Leben vieler Passagiere aufs Spiel gesetzt, da häufig in diesen Fällen
der Dampfkessel springt, weil zur schnellern Betreibung der Maschinen
eine zu große Menge Dampf entwickelt wird, und die Seitenwände des
Kessels solchen zu widerstehen nicht vermögen. Was nur immer unter die
Dampfkessel von Holz gehen will, wird eingefeuert, und bei erschwerten
Ventilen fliegt das Boot wie ein Vogel in die Luft. Wie den Passagieren
dabei zu Muthe war, läßt sich denken, da die traurige Katastrophe
von ~Cincinnati~ noch zu neu war, wo durch Sprengung eines
Dampfkessels das Schiff zertrümmert und die Gebeine der Verunglückten
bis in die Straßen der Stadt und auf die Häuser geschleudert wurden,
und Keiner der Passagiere mit dem Leben davon gekommen war.
Zu unserm Glück drohten im Strome liegende Bäume den Schiffen doppelte
Gefahr, und war es dieses oder was sonst, schnell ließen sie im
Wettlaufe nach, und verfolgten ruhig die Straße.
An der Mündung des ~Wolf~-Flusses liegt ~Memphis~, ein noch
wenig bedeutender Ort, welcher die Gränze bildet zwischen dem Staat
~Tennessee~ und dem Staate ~Mississippi~. Sechszehn Meilen
weiter wurde wieder bei ~Presidents-Island~ angehalten und Holz
eingenommen.
In Folge der ungünstigen Witterung des gestrigen Tages hatte ich mir
eine Erkältung und eine schlaflose Nacht zugezogen, weshalb ich heute
das Lager nicht verlassen konnte. Freund Aacke übernahm daher, damit
keine Lücke im Tagebuche entstünde, am 18. die Führung desselben, und
fuhr fort.
Die Ufer sind niedrig, und nur wenige Höhen wurden wahrgenommen. Das
viele Holz und die mitunter vorkommenden schlechten Wohnungen ließen
vermuthen, daß diese Landstriche längs der Ufer noch wenig angebaut
seyen, weil solche den Ueberschwemmungen ausgesetzt sind. Die Fahrt ist
höchst unsicher, da wir mitten durch Treibholz schifften, und von den
Baumstämmen, welche das Wasser von den Lehm-Sandufern abgespült, mehre
Stöße erhielten.
Bewohner von ~Helena~ grüßten freundlich, und, nach dem Aeußern
ihrer Wohnungen zu schließen, geht es ihnen gut.
Mittags wurde die Ausmündung des ~Arkansas~ erreicht, wo sich ein
Waarenhaus zur Unterbringung der Sachen befindet, welche aus dem Innern
des Landes kommen und zur Weiterverschiffung bestimmt sind. Dieser Fluß
ist nächst dem ~Missouri~ und ~Ohio~ der größte, welcher
sich in den ~Mississippi~ ergießt und bei seiner Ausmündung 360
~Yards~ breit ist; er entspringt in den mexikanischen Gebirgen
und soll eine Länge von 1500 Meilen besitzen. Die ausgedehnte Gegend,
durch welche er fließt, enthält abwechselnd Berge, zahlreiche Anhöhen
und fruchtbare Thäler, wo unzählige Heerden verschiedenartiger wilder
Thiere zu weiden pflegen.
Längs der Wasserstraße geht die Gegend einförmig fort; die hohen Bäume
auf waldigen Ufern und auf den Inseln beschränken die Aussicht und nur
die Erscheinung von Alligatoren, Schlangen und Adlern, welche Letzteren
zur Vertilgung der Schlangen viel beitragen sollen, gewähren dem
Reisenden etwas Neues. Auch Bären, doch mehr zahm als wild, sollen in
dieser Gegend hausen.
[Illustration: =SNAGS (Sturzel, Knorren)= gefährliche Schiffahrt
auf den Amerikanischen Flüssen.]
Gegen Abend fuhren wir an einem Fahrzeug vorbei, dessen Ladung aus mehr
denn 100 Ochsen bestand, welche alle so placirt waren, daß sie mit
den Köpfen ins Wasser schauten, und so ohne Zuthun der Führer ihren
Durst nach Belieben zu stillen vermochten. Das Boot selbst war leck,
und die armen Thiere standen hoch im Wasser, welches die Mannschaft
zur Thätigkeit zwang, um solches nicht vor seiner Bestimmung nach
~New-Orleans~ sinken zu lassen.
Diese Art Fahrzeug, Flachboots genannt, sind gewöhnlich alle in der
Bauart überein, 80 Fuß lang, 16 Fuß breit und mit zwei Verdecken
versehen, 3½ Schuh tief gehen sie beladen im Wasser und ragen eben
so weit heraus. Ein Mann hinten am Steuer, und ein anderer mit dem
Ruder am Vordertheile, lenken das Schiff beständig in die Mitte der
Flußströmung, und je nachdem diese nun stärker oder schwächer ist,
bestimmt sie die Schnelligkeit der Fahrt. Während der Nachtzeit wird
dieselbe unterbrochen und das Flachboot an irgend einem Baumstamme
festgebunden. Stromaufwärts wird ein solches Boot niemals gefahren,
sondern an seiner Bestimmung angelangt, und nachdem die Fracht verkauft
ist, um jeden Preis losgeschlagen und gewöhnlich als Brennholz verkauft.
Am 19. Morgens entspann sich zwischen zwei sich veruneinigten
Passagieren ein Faustkampf, welcher mit dem Ausdrucke: „Boxen“ belegt
war, doch schon beim ersten Gange stürzte Einer der Kämpfenden und
fiel den Arm aus. Freund Aacke, auch hier wie immer behülflich, suchte
solchen wieder einzurichten, was aber leider! da der Patient nicht
stille hielt, nicht gelang. Später aber, als der Verunglückte, von
Schmerz gepeinigt, sich der Operation unterwerfen wollte, war es zu
spät, da es die Geschwulst unmöglich machte.
Auch heute lieferte die passirte Gegend nichts Neues. Die waldigen
Ufer werden nur mit unbedeutenden Baumwollen- und Maispflanzungen
unterbrochen. Dagegen wurde die Fahrt äußerst gefährlich, da die
vorhandene Flußcharte nicht mehr ausreichte, um sich genau über
die Lage der verschiedenen im Flusse vorkommenden Sandbänke mit
Sicherheit orientiren zu können. Viele von den im ~Mississippi~
befindlichen Inseln, Sandbänken und das Strombett selbst, verändern
häufig die Gestalt und werden oft ganz von dem reißenden Wasser
weggespült, und nur stark hervorragende Baumstämme verrathen die
Stelle, wo das Strombett oder die Inseln früher gewesen sind. Neue
Sandbänke setzen sich an, welche mitunter zu bedeutenden großen
Inseln erwachsen. Entwurzelte, riesenartige Bäume lagern sich quer
über das Fahrwasser, und solche bei niederem Wasserstande nicht zu
berühren, ist fast unmöglich. Eben so sind selbst bei größerer Fluth
die mitten im Wasser noch fest gewurzelten Bäume den Booten äußerst
gefährlich, da die Wipfel derselben häufig das darauf stehende Fahrzeug
durchbohren, und das eindringende Wasser solches schnell zum Sinken
bringt[44]. Alle diese Gefahren halten doch Niemanden vom Reisen auf
dem ~Mississippi~ ab, und wie wenig sich der Amerikaner durch
Unglücksfälle abschrecken läßt, mag folgender Vorfall beweisen:
Beim Zerspringen des Kessels wurden die Passagiere eines Dampfbootes
mit den Trümmern desselben hoch in die Luft geschleudert und verloren
das Leben. Nur Einer hatte das Glück, bei dieser Katastrophe mit dem
Schreck davon zu kommen, und unbeschädigt aus dem Wasser gezogen
zu werden. Der Gerettete that jetzt nichts Eiligeres als nach dem
Taschenbuche zu greifen, wo er die Banknoten verwahrt und als er solche
geborgen fand, so bestieg er, hoch darüber erfreut, ein anderes,
eben abgehendes Dampfboot, wo er die naßgewordenen Banknoten am Ofen
trocknete, ohne sich weiter um das Geschehene zu bekümmern.
Nicht weit von der Mündung des ~Yazoo-~Flusses wurde heute etwas
später als gewöhnlich Halt gemacht, und da während des Holzeinnehmens,
wo die meisten Passagiere die Kajüte verließen, sich einer der
Verdächtigen ängstlich in mehren Schlafstellen umsah, so erweckte
dieses bei mir Verdacht und ehe Freund Aacke wieder eintrat, sah
ich beim Scheine der Lampe, wie er mit einer Reisetasche die Kajüte
verließ, gleich aber zurückkehrte und ein Gewehr nachholte, welches,
wie ich bestimmt wußte, nicht sein eigen war. Neugierig, wohin er
die Sachen trage, wollte ich folgen, doch die naßkalte Abendluft und
mein kranker Zustand selbst, nöthigten mich zum Rückzuge. Aacke,
welcher jetzt kam, verfolgte statt meiner den Gauner, doch ohne ihn zu
finden, und die zurückkehrenden lärmenden Holzträger ließen bald das
Vorgefallene vergessen.
Sehr verschieden von einer Seereise war diese Dampfschifffahrt. Die
mannichfaltigen heitern Gemüthslagen unserer Reisegesellschaft gaben
interessante und angenehme Unterhaltung. Der Amerikaner, und wenn er
auch zur niedrigsten Volksklasse gehört, verräth immer einen Anstand
und dem Deutschen gegenüber, einen gewissen Stolz, und so lange man
dieser Nation nicht zu imponiren versteht, bleibt man die Zielscheibe
ihres Witzes.
Ich selbst hielt mich daher abseits und machte den stillen Beobachter,
auch Freund Aacke kam nur dann mit ihnen in Berührung, wenn sie dessen
Hülfe bedurften, und so lebten wir in Frieden und Freundschaft mit
Allen.
Durch Krankheit aufs Lager gebannt, fehlte es selbst da an Unterhaltung
nicht, weil die verschiedenartigsten Scenen Stoff zum Zeitvertreib
gaben. Ein Kerl lachte über Alles den ganzen Tag, und ärgerte mich
so, ohne daß ich selbst nicht recht wußte, warum. „~God damn~“
war der Abendsegen, und mit einem „Gott verdamme mich!“ wurde der
Morgen begrüßt, von einem Subjekte, welches nicht unter die Zahl
der Temprinsmänner[45] gehörte, leider aber den deutschen Namen
schändete. Jemehr dieser fluchte, um so ärger lachte der Erstere,
und zu diesem Quodlibet spielte ein Dritter von früh bis zur Nacht
auf drei Saiten einer Geige das einzige Stückchen, was er konnte,
den Gänsetutel; welcher Nationaltanz unwillkührlich die Beine zweier
sich gegenüberstehender junger Bursche zum Springen hob, bis solche
erschöpft, wiederum Andern Platz machten, welche mit grotesken Sprüngen
jene auszustechen suchten. Verstummten die Saitentöne, so erschallten
die Lieder aus einer deutschen Fleischerkehle, welche im Jodeln Etwas
zu leisten glaubte. Währenddem hütete eine alte Matrone mit Argusaugen
ihre beiden liebenswürdigen Töchter, welche verschämt, doch gezwungen,
die Erzählung eines Liberalen mit anhören mußten, worin solcher die
glücklichen Stunden zu schildern suchte, die er in vergangener Nacht
in den Armen eines Freudenmädchens vollbracht, welche Person in
einem kleinen Kämmerlein, dicht neben meinem Lager logirte, und zum
Dienst für die erste Kajüte engagirt war. Hier wurde geschnupft und
gebremt[46], dort geraucht, welchen Qualm überlaufendes Fett auf dem
Ofen noch vermehrte, worauf Alles dem herbeieilenden schönen Kinde,
welches das Abendbrod am Feuer für die Ihrigen besorgte, Platz zu
machen suchte; denn auch hier findet, wie überall in Amerika, die
schöne Sitte Statt, daß dem schönen Geschlechte der Vorrang gebührt
und ohne Bedenken weicht Jeder vom Platze, welchen er seines Gleichen
streitig zu machen suchte. Weder der Ruf leidet, noch kömmt die Ehre
in Gefahr, wenn eine Dame ohne Begleitung in Gesellschaft von Männern
eine Reise unternimmt. „Achtung den Schönen!“ ist das Loosungswort des
Amerikaners, und bietet solche die Reize nicht freiwillig, so wird sie
beschützt von Jedem, der ihr nahe steht. --
Am Morgen des 20. wurde bei ~Viksburgh~, einem noch unansehnlichen
Orte, der unter einer Reihe von Hügeln, und theilweise auf selbigen
erbaut ist, angehalten und Passagiere und Waaren ausgesetzt. Auch
unsere Gesellschaft verminderte sich um einige Köpfe, welche erst jetzt
gewahr wurden, daß ihnen Sachen fehlten, mit welchen ich am vergangenen
Abend während des Holztragens, den Dieb hatte entweichen sehen. Vor
Allem war es der Verlust des Gewehrs, welchen sie beklagten.
Ist auch der Landungsplatz hier nicht der beste, da solcher schräg,
nicht gepflastert, und der lehmige Sandboden vom Regenwasser zerrissen,
den Transport der Waaren äußerst erschwert, so ist doch der Verkehr
nicht unbedeutend und besonders viel Baumwolle wird von hier aus nach
~Orleans~ geschickt, wohin Dampfboote die Kommunikation beständig
unterhalten.
Zehn Meilen weiter passirten wir an dem Städtchen ~Warrenton~
vorbei. Die Ufer dieser Gegend sind, ebenfalls niedrig,
Ueberschwemmungen ausgesetzt und deshalb noch wenig bebaut. Nur kleine
Plantagen, und ärmliche schlechte Blockhäuser kommen mitunter zum
Vorschein.
Während des Anlegens am Abend hatte sich beim Holzfassen ein von einer
Plantage entsprungener Negersklave auf das Boot geflüchtet und sich
daselbst zu verstecken gesucht, ward aber am Morgen des 28. entdeckt,
an Händen und Füßen gebunden und in dieser erbärmlichen Lage mit
nach ~Orleans~ genommen. Während der Reise diente der Arme der
Schiffsmannschaft zur Zielscheibe ihrer Witze und der Unterhaltung; er
war aber klug genug, keine ihrer Fragen zu beantworten, sondern in der
Ecke sich ruhig zu verhalten.
Am Mittag war ~Natchez~ erreicht und daselbst angehalten, und
auch hier wurden Passagiere ausgesetzt und andere mitgenommen. Dieser
Ort mit 4000 Einwohnern ist romantisch auf einem hohen Ufer erbaut
und eine der größten Städte des ~Mississippi-~Staates, wo
sich viele wohlhabende Pflanzer aufhalten, welche von hier aus die
Baumwollenversendung stark betreiben. Die Stadt ist romantisch, vom
Sandufer etwas entfernt, auf einer Anhöhe erbaut, und auf Letzterem
bilden nur Breterhäuser eine Straße, wo meistens ~Stores~
errichtet sind, in welchen der Reisende sich mit Allem versehen kann.
Nachdem das Fort ~Adams~, welches auf hohem felsigen Gestade erbaut
ist, so wie die Ausmündung des breiten ~Red-~Flusses passirt war, wurde
Halt gemacht.
Die am 22. durchschiffte Gegend hat ebenfalls niedrige, mit Wald
besetzte Ufer, wo der wilde Wein sich bis in die Wipfel der höchsten
Bäume in die Höhe rankt. Der Lauf des Flusses machte jetzt viele und
große Windungen, wo auf den Ufern ansehnliche große Plantagen sichtbar
sind.
Die Baumwollenfelder hören in dieser Gegend auf und die
Zucker-Plantagen machen den Anfang.
Je näher man ~Orleans~ kömmt, um so lebhafter wird die Wasserstraße;
mehre Dampfboote begegneten uns heute in kurzen Zwischenräumen, so wie
auch viele Flachboote. Diese Fahrzeuge, welche schon erwähnt worden,
führen meistens die Landesprodukte an Getraide, Mehl, Branntwein,
Kartoffeln, Schweinefleisch etc. aus den Staaten ~Ohio~, ~Indiana~,
~Illinois~, ~Virginien~ und ~Kentucky~ nach ~Orleans~, um daselbst
verbraucht oder weiter verschifft zu werden. Der ~Tennessee~-
und ~Alabama~-Staat, liefern Baumwolle, der ~Missouri-~ und
~Mississippi-~Staat Ahorn und Rohr-Zucker.
Einen Begriff von der Menge zugeführter Viktualien erhält man durch die
Zahl der Fahrzeuge, welche während der Wintermonate (in der heißen
Jahreszeit stockt aller Verkehr) in ~Orleans~ eintreffen, und zwischen
13-14,000 betragen sollen.
Gegen Mittag wurden die felsigen Ufer steiler, und bald kamen wir bei
dem Städtchen ~Baton-Rouge~ vorbei, welches auf demselben erbaut ist.
-- Das Laubholz wird hier seltener und Cypressen so wie Akazien treten
an dessen Stelle.
Nachdem wir ~Donaldsonville~, die letzte Stadt auf dieser Tour, 80
Meilen von ~Orleans~ entfernt, im Rücken hatten, wurde beigelegt.
Die waldigen Ufer verschwanden, und die Zucker-Plantagen breiteten sich
bis dicht an das Flußbett aus; mehr entfernt von Letztern sind erst
Cypressen-Wälder sichtbar.
Gegen Mittag des 23. näherten wir uns dem Ziele der Reise. Einzeln
stehende Häuser, noch zwei Stunden von solchem entfernt, verriethen
den Anfang der Stadt ~Orleans~. Obgleich mein Gesundheitszustand
während der letzten Zeit sich mehr verschlimmert hatte, gab ich doch
den Bitten Freund Aackes nach, verließ das Lager, bestieg mit ihm das
Verdeck und sah so von hier aus das sich immer mehr entfaltende Gemälde.
Die Häuser der Vorstadt ~St. Marie~ rücken mehr zusammen und aus
den dazwischen liegenden Gärten schauten freundlich die grünen Zweige
der Bäume hervor, von denen manche in voller Blüthe standen, welches
bei jetziger Jahreszeit dem Auge um so gefälliger war.
Je näher wir kamen, desto malerischer wurde der Anblick, bis hinter
einem Walde von Schiffsmasten dieses Bild so lange verschwand, bis wir
an solchem vorbei, die Station der Dampfboote erreicht hatten. -- Noch
war das Fahrzeug nicht befestigt, als vom Ufer viele dienstanbietende
Kreaturen auf solches zusprangen und die Räume füllten.
Während Aacke mit einem Fuhrmann wegen des Transportes unserer Effekten
akkordirte, wurden die benachbarten Schlafstellen ausgeräumt, wobei die
zweite uns verdächtige Person, welche die Fahrt bis hieher mitgemacht,
behülflich war. Noch waren wir am Bord, als einer der Passagiere
zurückkam und ein Kistchen suchte, was ihm fehle, doch dieses war
vergebliche Mühe; vermuthlich war dasselbe während des Transportes vom
Boot nach dem Karren von dem gefälligen Mithelfer entwendet worden.
Ueberall, vorzüglich aber in Amerika ist es den Reisenden
anzuempfehlen, seinem bei sich führenden Gepäck die größte
Aufmerksamkeit zu schenken und kommen auch Anfälle von Wegelagerern
hier wenig vor, so ist doch die Gefahr oft näher, als man glaubt. Der
fortwährende Ab- und Zugang von Reisenden auf Kanal- und Dampfbooten
und das oft vorkommende Landen während der Nacht in einsamen Gegenden,
wegen Einnahme von Holz, giebt Gelegenheit zum Diebstahl und wird
häufig von Schurken benutzt. Oft werden auf solchen Booten die
abscheulichsten Verbrechen gar nicht entdeckt, oder lange zuvor verübt,
ehe man des Thäters habhaft wird. Zum Beleg der Wahrheit meiner Aussage
und zur Beachtung für Reisende, die sich, vielleicht durch falsche
Berichte eingeschläfert, einer zu großen Sorglosigkeit während der
Reise überlassen möchten, lasse ich hier die Selbst-Biographie eines
Bösewichts folgen, welche ich mir aus einer amerikanischen Zeitschrift
notirt habe.
+=Bekenntniß=+
+von S. Walker und B. Dix seines Genossen,
welcher Herrn ~Barker~ in der ~Mechanics-Savings-Bank~
zu ~Louisville Ky~ ermordete.+
Mein Name ist Samuel Walker, ich wurde im Jahr 1812 zu New-York
geboren. Meine Eltern waren reich und angesehen. Man erzog mich für das
Advokatenamt, aber ich lief 1824 davon, ohne meine Studien vollendet
zu haben, und ging nach dem Westen, welcher der Hauptschauplatz meines
Lebens wurde. Es trug sich mit mir nichts Erhebliches zu, bis ich
~Cincinnati~ erreichte, wo ich mit sehr vielen, auf dem Flusse
sich herumtreibenden leichtsinnigen Jungen wie ich Bekanntschaft
machte, die mich überredeten, mit ihnen gemeinschaftlich auf dem Fluß
zu agiren. Ich that es, und ließ mich auf dem alten Dampfschiffe
~Caledonia~, geführt von ~John Russel~, als Kajütenjunge
anwerben; auf diese Art, obschon nicht gerade die angesehenste,
fristete ich mein Leben 6 oder 8 Monate und erhielt monatlich 6, 7
oder 8 Dollars. Da ich das war, was man einen flinken Jungen zu nennen
pflegt, so dachte ich, daß mein Lohn zu niedrig stehe und kam daher
zu dem Entschlusse, mir aus den Taschen der Passagiere, wenn sie
schliefen, zu einer bessern Bezahlung zu verhelfen. Die erste That
dieser Art, welche ich ausführte, war, daß ich einem Herrn am Bord der
alten ~Feliciana~ ein Taschenbuch stahl, als dies Dampfschiff am
~New-Orleans-Wharf~ lag und worauf ich zu jener Zeit angestellt
war. Dies ist, wie ich glaube, nie unter dem Publikum bekannt geworden.
Das Nächste, wobei ich thätig auftrat, war die Beraubung eines
Flachbootführers um ungefähr 7-800 Dollars und einer Menge von
Juwelenwaaren. Dies geschah an der ~Levon~ in ~New-Orleans~,
bald nachher, als ich die ~Feliciana~ verlassen hatte. Kurz darauf
ging ich nach ~Natchez~, wo ich mehre Personen beraubte. Von hier
verfügte ich mich nach ~Memphis~, wo ich einen Reisenden auf dem
alten ~Onkel-Sam~ bestahl. Hierauf kam ich nach ~Louisville~,
wo ich so ziemlich drei Jahre lebte, ohne irgend etwas anderes zu
thun, als kleinen Kindern das Geld zu rauben, wenn man sie nach Etwas
geschickt hatte.
Während meines Aufenthalts an diesem Orte wurde ich mit ~Gro~,
~Lovette~, ~Jones~, ~Hooves~ und ~Thomson~ bekannt, die seitdem Alle
schon gehangen worden sind, und beging mit ihnen zu verschiedenen
Zeiten folgende Gewaltthaten: Zuerst schifften wir uns Alle auf einem
Flachboote ein, das nach ~New-Orleans~ bestimmt war, wo wir Jeder 25
Dollars Lohn erhalten sollten. Alles ging ziemlich gut am Bord, bis wir
zwischen ~Padukah~ und der ~Ohio~-Mündung anlangten. In dieser Gegend
ermordeten wir den Besitzer des Bootes nebst seinem Bruder. Beide
wurden von uns über Bord geworfen. Wir ließen das Boot in ~Memphis~
anlegen und verkauften Boot und Ladung für 4374 Dollars, welche
Summe wir unter uns theilten, so daß ~Lovette~, ~Jones~, ~Thomson~
und ich, Jeder 1093 Doll. 50 ~Cents~ erhielten. Wir beschlossen
nach ~New-Orleans~ zu gehen, was wir auch im alten Dampfschiffe
~Cincinnatienne~ thaten. In ~New-Orleans~ hielten wir uns beinahe
den ganzen Winter auf, und Alles, was von uns verübt wurde, war die
Ermordung eines Mannes hinter Müller Gordan’s großem Hause in der
~Girard-Street~, wo wir ihn auch verscharrten. Dies war im Jahre 1830.
Da ich damals erst 18 Jahre alt war, und schon so viele Schandthaten
verübt hatte, erfreute ich mich im achtbaren Rathe der Schufte, Räuber
und Mörder eines hohen Ansehens. Sie Alle sagten, daß ich ein fähiger
Junge, ein großer Mann sey, und daß, wenn ich jemals gehangen werden
sollte, ihr Gewerbe an mir viel Ehre einlegen werde. Angespornt durch
Dieses, betrieb ich das Gewerbe weiter.
Zuerst ermordete ich einen Mann jenseits des Stromes, ~New-Orleans~
gegenüber, und raubte ihm 14,000 Dollars in ~Louisiana-~ und
~New-York~-Noten. Dies geschah im Monat März 1831. Hierauf ging ich an
Bord des alten Dampfschiffes ~Farmer~, verfügte mich nach ~Louisville~
und von da nach ~Wheeling~ in ~Virginien~ wo ich einem Manne sein Pferd
und 500 Dollars stahl, nach ~Mariette~ zurückritt, und das Pferd für
75 Dollars verkaufte. Dann kam ich auf das Dampfschiff ~Natesman~,
Kapitän ~Forsyth~, wo ich die Kasse des ~Clerc~ um 300 Doll., eines
Herrn Taschenbuch um 120 Dollars und einem Andern Koffer und Pistolen
raubte, womit ich in ~Galliopolis~ ans Land stieg. Dort stahl ich
wieder ein Pferd von einem Herrn ~Hereford~ und ging nach ~Portsmouth~,
wo ich die Kasse des ~Exchange-Hôtels~ um 73 Dollars bestahl, bestieg
mein Pferd und gelangte nach ~Maysville~, woselbst ich das Pferd um
62 Dollars verkaufte. Ich schiffte mich am Bord des ~Little-Spy~ ein
und ging nach ~Cincinnati~. Dies war im Herbst 1831, dann kam ich an
Bord des ~Michygan~, Kapitän ~Sewan~ und Kapitän ~Rott~, wo ich als
Kajütenjunge, zweiter und erster Aufwärter beinahe zwei Jahre blieb,
ohne irgend eine Gewaltthat zu verüben. Endlich fiel mir ein, daß ich
schon zu lange auf ehrliche Weise gelebt hätte, und ging im Jahre 1833
auf dem Dampfschiffe ~Helen Mar~, Kapitän ~Juller~, nach ~Louisville~,
auf welcher Fahrt ich mehre Deck-Passagiere und einen Kajüten-
Passagier zusammen um 523 Dollars bestahl.
Bis im Sommer 1834 blieb ich nun in ~Louisville~ und ging dann an
Bord des Dampfschiffes ~Galenian~, Kapitän ~Clarenten-Dix~
als Aufwärter. Hier will ich meinem Bericht beifügen, wie wir zusammen
agieren, der hoffentlich allen Dampfschiffleuten, vom Kapitän bis
zum niedrigsten Arbeiter herab, lehren wird, alle bösen Kniffe zu
meiden; auch hoffe ich, daß dadurch Schiffsbesitzer gewarnt werden
mögen, den Charakter jedes Befehlshabers eines Dampfschiffes auf das
Sorgfältigste zu untersuchen, und zu den Kapitäns möchte ich sagen:
„Seyd vorsichtig in der Anstellung von Leuten, selbst wenn es nur zum
Feuerunterhalten wäre“; denn wenn ich Namen nennen wollte, so dürften
Männer, die jetzt von Allen, die sie kennen, sehr angesehen und geehrt
sind, aus den Verhältnissen, in denen sie jetzt stehen, gerissen
werden und für immer der Schande verfallen. Aber dies ist nichts,
was mich betrifft, denn ich weiß, daß meine Lebenszeit auf Erden nur
noch kurz ist, und darum fahre ich fort: Sobald der ~Galenian~
von ~Louisville~ abging, beobachtete ich alle Passagiere scharf,
um zu sehen, wer von ihnen Geld habe oder nicht. Unter den Uebrigen
bemerkte ich einen ältlichen Herrn, der gegen 6000 Silber-Dollars in
seinem Koffer hatte. Er kam zu mir, und sagte: „Wärter! wenn Sie diesen
Koffer in mein Zimmer bringen wollen, gebe ich Ihnen einen Dollar.“
„Sicherlich,“ antwortete ich, und that es sogleich. Als wir von den
übrigen Reisenden hinweg in das Zimmer kamen, erkundigte ich mich,
wo er an das Land zu steigen beabsichtige. Er sagte mir, daß er bei
~Smythland~ abgehe; und ich war entschlossen, daß er seinen Koffer
oder irgend etwas von dessen Inhalte nicht mit sich nehmen sollte. Da
ich jedoch wußte, daß wir ~Smythland~ mit Anbruch des nächsten
Morgens erreichen würden, so beabsichtigte ich, ihm den Koffer, sobald
er eingeschlafen sey, zu stehlen. Gegen 12 Uhr öffnete ich seine Thür
und fand Kapitän ~Dix~ beschäftigt, den Koffer auszuräumen. „Halt
Kapitän!“ sagte ich, „das ist meine Sache, ich sehe, Sie haben es auch
zur Ihrigen gemacht, drum halb Part!“ In diesem Augenblicke sah ich
nach dem Bette, wo der alte Mann lag, und fand, daß das Blut aus seinem
Herzen emporschoß, auch einen Degen an seiner Seite liegen. ~Dix~
sagte nun zu mir: „Wenn Du mein Freund bist, und so Etwas Deine Sache
ist, so halte Dich nur an mich, und ich will Dein Glück machen; komm
also, und laß uns dieses alte.... in den Fluß werfen.“ Wir öffneten
das Fenster, ich stellte mich an die Außenseite desselben, und Kapitän
~Dix~ reichte mir den Kopf des Ermordeten. Ich umfaßte Kopf und
Körper mit meinen Armen und gab ihm einen Stoß in den Fluß, wobei ich
nicht vergaß, ihm das Bettzeug nachzuwerfen. Nach dieser That sagte
mir ~Dix~, daß ich nicht mehr Aufwärter seyn solle, daß er aber
in ~Louisville~ neue Deckmannschaft annehmen werde und ich als
Passagier bei ihm bleiben müsse. Als wir ~Louisville~ erreichten,
zahlte er die Leute aus, und nahm andere an. Ich ging mehrmals als
Passagier den Fluß mit ihm auf und nieder; ich galt als reisender
Jäger und beraubte gemeinschaftlich mit Kapitän ~Dix~ jedes Mal
einen Passagier nach dem andern, bis wir das Boot verließen. Er ging
sodann irgend wohin den Fluß hinauf, und heirathete, wie ich glaube,
eine junge Dame, die ihm ein Kind gebar. Etwa vor drei Jahren kam er
wieder nach ~Louisville~ herunter und wohnte bei einer Dame,
Namens ~Caroll~, und ging, so viel ich weiß, seitdem nie wieder
auf den Fluß; auch seine Frau sah ich nur dann, als sie ihr drei Wochen
altes Kind hatte. Ich denke, er ging nach ~Maysville~ um sie zu
besuchen, und blieb dort.
Kurz darauf kam er nach ~Louisville~ zurück und ist, wie ich
glaube, seitdem dort geblieben. Er wohnte noch immer bei ~Mad.
Caroll~, bis er letzten Sommer unter einem falschen Namen, den ich
nicht nennen werde, weil ich in meiner Brust dafür Gründe hege, die
eine junge Dame in ~Louisville-Hôtel~ betreffen, im Gasthause
bordete[47] und ein ähnliches Leben führte. Vorigen Herbst aber, als
~Dix~ eines Tages zu mir kam und mir erzählte, daß er kein Geld
mehr habe, in tiefen Schulden sitze, seit den letzten 10 Tagen drei
Briefe von seiner Frau erhalten und daß er sie zu besuchen wünsche,
war seine Ehrlichkeit zu Ende. Er sagte: „ich will mein Gehirn zum
Teufel schicken, wenn ich ohne vieles Geld gehe; ich habe mir einen
Plan entworfen, um genug zu erhalten, wenn du mir helfen willst.“
„Gewiß will ich“, sagte ich und folgender Plan wurde entworfen: Er
sagte mir, daß ich um 12 Uhr nach dem Gasthaus an dem Tage, an welchem
er Herren ~Barker~ ermorden wolle, kommen sollte. Ich ging zu
ihm. „Sieh“, sagte er: „ich bin mit ~Barker~, dem ~Clarc~
des ~Mechanics-Savings-Instituts~ bekannt und weitläufig verwandt
und kann zu jeder Zeit Eintritt erlangen. Gieb mir deinen Dolch.“ Ich
antwortete, daß ich keine Waffen bei mir hätte und nie dergleichen
trüge. Hierauf bemerkte er, daß er ein Pistol habe, welches ihm die
Sache vollbringen werde; er ging, um es zu holen. Als er zurückkam,
kam ein junger Mann, den er Julius, oder Julian nannte, aus der Bank
heraus. Er und ich standen beisammen an der Lampenpfoste vor Lynchs
Garten. Er ging auf das Bankfenster zu und Julian fragte ihn, ob er
nicht zum Mittagessen gehe? „Nein“! erwiderte er, „ich habe keine Lust
zu essen“. Julian ging und er näherte sich mir wieder und sagte, daß
ich warten müsse, bis Julian zurückkomme, dann solle ich an die Thüre
treten und +Panken-Dudle+ pfeifen. Er ging in die Thüre der Bank
und ich über die Straße hinüber an die Ecke der ~Pear~-Straße bis
hinunter nach ~Marwells~ Buchladen.
Da ich +Julian+ zurückkommen und schnell gehen sah, suchte ich
ihm den Vorsprung abzugewinnen, ging an der Thür vorüber, pfiff
verabredetermaßen und setzte meinen Weg bis zur nächsten Ecke fort. Ich
hielt mich so lange hier herum auf, bis +Julian+ den Alarm gab,
worauf ich unverzüglich den Platz verließ und nach dem Flusse ging. --
Dort blieb ich, bis ich hörte, ~Dix~ habe sich selbst ermordet.
Nun eilte ich nach Hause, wechselte meine Kleider, legte einen
falschen Bart an und ging in die Bank. Im dortigen Getümmel stahl ich
einem Mann ein Schnupftuch und ein Taschenbuch, das 1500 Dollars in
~Kentucky~-Noten enthielt. Es war ein junger Mann, mit einem alten
beschmutzten, weißen Hute, breiter Krämpe, ~Kenkudy~, Jeansrock,
gestreiften Kasinethosen und Kragenhemd. Das Taschenbuch war
aufgetrennt und trug die Buchstaben ~G. E. H.~ aus ~New-York~
eingeschrieben. Warum ich ihn so genau beschreibe, geschieht deshalb,
weil sein Geld nahe bei der ~Millwerk~-Brücke unter einer
kleinen Hauszelle vergraben ist. -- Erste und letzte Zuflucht in
~Cincinnati~. -- Mein Leben geht nun zu Ende und ich habe nur noch
wenige Augenblicke zu leben. Ich möchte Euch, meine jungen Gefährden,
die ihr auf dem Bette und nicht vor einem irdischen Tribunale als
verurtheilte Verbrecher sterbt, ermahnen, führt ein rechtschaffenes
Leben! Lebt wohl.
+S. Walker+,
(Er starb unter furchtbaren Gewissensbissen).
Vierundzwanzigster Brief.
Aufenthalt in New-Orleans.
Im Januar 1840.
Unvergeßlich wird mir das im Jahr 1839 erlebte Weihnachtsfest bleiben
und stets werde ich beim Wiederkehr des schönsten aller Feste, wo Jung
und Alt sich freut, der damals erlebten trüben Tage mit Wehmuth mich
erinnern.
Am Tage vor dem heiligen Weihnachtsabend war es, wo ich am Körper
schwach und am Geiste abgespannt in ~New-Orleans~ ankam und
wo wir gegen Bezahlung von vier Dollars à Person die Woche, bei
einem gewissen ~Prak~, Wirth eines deutschen Kosthauses, ein
Unterkommen und Beköstigung fanden. -- Langsam ging ich am Abend durch
einige Straßen, um durch Anschauen ausgestellter Waaren mich mehr zu
zerstreuen, doch alles umsonst; nur eines Gedankens war ich mächtig,
an Weib und Kinder, welche bei jedem Freudenruf über schöne Geschenke
aus lieben Händen sich des Vaters erinnerten, der jetzt traurig und
verlassen in weiter Ferne weilte. Bei mangelndem Appetit erstarb der
Bissen mir im Munde und kränker war ich, als ich es mir selbst gestehen
wollte. Aber ein Retter und Helfer in der Noth stand tröstend mir zur
Seite, mein braver Freund, mein treuer Aacke war es. Doch auch diesem
lächelte nicht sogleich das Glück. Die ihm versprochene Stelle war
wegen längeren Außenbleibens, als die festgesetzte Zeit bestimmte, an
einen Andern schon vergeben und er wurde auf die Zeit vertröstet, wo
die Krankheitsfälle sich mehren würden und die Provisoren Beschäftigung
erhielten.
Auf diesen Fall nicht vorbereitet, waren die Mittel nicht ausreichend,
uns Beide auf längere Zeit zu erhalten, und Aacke zu brav, um seine
wohlthuende Hand von mir Kranken abzuziehen. Lange wurde jetzt
überlegt, was in so kritischer Lage zu thun sey, bis Freund Aacke auf
den Einfall kam, ~Matches~ (Zündhölzchen) anzufertigen, welche in
einzelnen Paqueten verkauft, einen guten Lohn versprachen und solches
eine leichte Arbeit war, die ich mit verrichten konnte. Schnell ging es
ans Geschäft, das nöthige Werkzeug, Säge und Schnitzer wurden gekauft,
und vom nächsten Bauplatz Abfallholz herbeigeschafft. Schon war ein
Quantum fertig und zum Hausiren für mich der nöthige Korb bereit, als
das verwendete nasse Holz die Zündkraft hemmte, und die Hölzer erst
mehr getrocknet werden mußten.
Meine seit dem unglücklichen Wassersprung und dem Genuß von Quecksilber
zerrüttete Gesundheit wollte sich nicht wieder regeln und die Kräfte
nahmen zusehends ab. Bis zum Neujahrstag wurde es täglich schlimmer, da
keine Medizin anschlagen wollte und schon glaubten Alle, welche mich
sahen, daß meine letzte Stunde nicht mehr fern sey. Mein guter Aacke,
mein treuester Freund in der Noth, stand tröstend, immer fragend, wie
es gehe und was ich wünsche, mir zur Seite. Das letzte, warum ich ihn
bat, da ich sah, daß sich meine Gesundheit nicht günstiger gestalten
wollte, war der Wunsch, mich ins Hospital bringen zu lassen, um ihm so
wegen der Zukunft weniger Sorge zu verursachen.
„Um nichts in der Welt gebe ich das zu“ versetzte der Brave. „Sie ins
offene Grab zu legen, ehe verkaufe ich alle meine Sachen, wenn das
Geld nicht ausreichen sollte.“ Der Genuß einiger Löffel Suppe, welche
die theilnehmende Wirthin auf meinen Wunsch bereitete und der, wenn
auch nur wenige Schlaf in der Nacht vom 1. zum 2. Januar, halfen den
Lebensgeistern von Neuem auf und als Freund Aacke am Mittag mit der
erfreulichen Nachricht an mein Lager trat, daß das Glück ihn begünstigt
und er eine gute Stelle in einer Apotheke erhalten und so der Zukunft
ohne Bangen entgegengesehen werden könne, so fühlte ich mich schon im
Glauben um Vieles besser.
Das Ordnen der zum Verkauf fertigen Zündhölzer konnte durch Aacken
nicht mehr geschehen, da er sofort sein Engagement antreten mußte,
weshalb mir der Auftrag wurde, die Hölzer in angeschafften Blechkasten
aufzubewahren, wenn die Mittagssonne nicht mehr auf die am Fenster des
dritten Stockes auf einer Tafel aufgestellten Hölzer einwirken könne.
Ein deutscher Sattlergeselle, welcher ebenfalls auf Arbeit wartend,
mit uns zusammen in einem Hause wohnte, suchte sich theils in meiner
Gesellschaft, oder durch Schlafen die Zeit zu kürzen, und legte sich,
da er mich schlummernd fand, mit einer brennenden Cigarre auf das neben
den Schwefelhölzern stehende Lager. Halb im Schlafe, legte er Erstere
auf den Tisch, und in dem Augenblick standen über 60 Dutzend Paquete
Zündholzer in Flammen.
Der Unvorsichtige, durch den Vorfall, aller Geistesgegenwart beraubt,
suchte eben das Zimmer zu verlassen, als der Schwefeldampf mich weckte.
Meine Bitte, vereint mit mir möglichst schnell zu retten, befolgte er
nicht, sondern floh zur Thür hinaus und machte im Hause Lärm.
Ich suchte durch Umstürzen der Paquete die Flamme zu ersticken, was
aber nur theilweise gelang. Der Qualm nahm dabei schrecklich überhand
und nur durch Oeffnen des Fensters konnte ich mich vor dem Ersticken
schützen. Doch der Zutritt der Luft trieb die Flamme nach den Betten
und jetzt blieb mir weiter nichts übrig, wollte ich nicht verbrennen,
als auf allen Vieren den Rückzug anzutreten. Außerhalb des Zimmers
unterlag ich einem solchen Erbrechen, wie ich es während der Seereise
nicht gehabt. Von jetzt an, wo der Magen gereinigt, stellte sich der
Appetit wieder ein, so daß sich mein Zustand zusehends besserte und zur
Kur, wozu der Arzt mich zu schwach hielt, gab der Zufall, oder wie man
es nennen will, Veranlassung.
Das Feuer wurde durch schnelle Hülfe in so weit getilgt, daß es nur die
Betten und das Innere des Zimmers zerstörte, das Haus selbst aber blieb
gerettet.
Die schönen warmen Tage bei jetziger Jahreszeit, gleich unsern
Sommermonaten, wirkten wohlthätig auf mich und ich suchte mich
täglich im Gewühl der geschäftigen Menge, den Hafen entlang spazieren
gehend, zu sonnen. -- Keine Stadt der Welt mag wohl eine größere
Verschiedenheit der sich im geschäftigen Gewühl durch einander
drängenden Bevölkerung darbieten, wie ~Orleans~. Schwarze
und weiße Einwohner aus allen Vereinigten Staaten, welche der im
Winterhalbjahr hier gezahlte hohe Lohn herbeizieht (2-3 Dollars
täglich), Eingewanderte aus allen Theilen Europa’s, vermischt mit
Creolen und allen Abstufungen der farbigen Bevölkerung, bilden einen
erstaunlichen und interessanten Kontrast von Sitten, Gebräuchen,
Sprachen und Gesichtsfarben. Der Handel dieser Stadt von 50-60,000
Einwohnern ist bedeutend groß und ausgedehnt. Bisweilen sollen außer
den Dampfbooten und Segelschiffen, 1000-1500 Flachboots auf den
Werften liegen. Dampfboote kommen und gehen jede Stunde, wie sich
überhaupt außer den schwülen Monaten ein Wald von Schiffsmasten im
Hafen befindet. Besonders bieten die Monate Januar, Februar, März
und April ein großes Bild von Geschäfts- und Handelsthätigkeit. Die
Produkte aller Zonen finden hier ihren Markt, und was Früchte und
Vegetabilien betrifft, so wird wohl schwerlich ein anderer Ort mehr und
Vortrefflicheres aufweisen können.
Selbst die Sonntags-Feier bringt keine Unterbrechung in die
Geschäftswelt; der Sonntag wird hier nicht, wie in den nördlichen
Staaten, heilig gehalten. Alle Läden bleiben offen, und Nichts
unterbricht den Geschäftsgang. Das Fahren, Reiten und Treiben der Menge
bleibt sich wie an Wochentagen gleich; die Märkte bieten sogar an
Sonntagen einen noch stärkern Verkehr, weil den Sklaven die Erlaubniß
zusteht, an diesem Tage Alles, was sie verkaufen wollen, öffentlich
feil zu bieten. Nur dann und wann sieht man einen andächtig Gestimmten
dem Gotteshause zu pilgern, wo die leeren Räume hinlänglich Platz
bieten, und der Lärm vor der Kirche durch betrunkenes Gesindel, wie der
Gesang herumziehender Drehorgelspieler, zum Aergerniß Anlaß giebt.
Die ungesunde Jahreszeit, welche gewöhnlich mit dem Monat Juni anfängt,
bringt Stockung in das bewegte Leben und erschlafft die Geschäftswelt,
da der größte Theil der merkantilischen Bevölkerung die Stadt verläßt,
und sich mehr nach den nördlich gelegenen Staaten zurückzieht. Die
wenigen Zurückbleibenden werden dagegen in ihren Waarengewölben vom
Müssiggang und Langweile aufgerieben, wenn sie auch das Glück haben
sollten, dem tödtlichen Einfluß des Klima zu entgehen, und dem gelben
Fieber nicht zu unterliegen, welches hier den Sommer über heimisch ist.
Dieses Bild der geschäftigen Massen wird jetzt aber durch die
Geld-Krisis gestört, welche den Handel lähmt und Stockung in alle
Geschäfte bringt. Tausende stehen ohne Beschäftigung am Strande, oder
verbringen die Zeit in Branntweinhäusern, wovon wohl keine Stadt mehr
dergleichen aufzuweisen hat, als ~Orleans~. Branntwein ist das
Universalmittel der Amerikaner. Branntwein muß Appetit schaffen und
die Verdauung befördern, muß beruhigen und ermuntern, und ohngeachtet
aller Mäßigkeitsvereine wird wohl nirgends mehr von diesem Gift
genossen als in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders ist es
aber ~Orleans~, wo von diesem Göttertrank der größte Gebrauch
gemacht wird, da man das schlechte Wasser als Entschuldigungsgrund
anführt. Laufende Brunnen sind nirgends hier zu finden, und der
sumpfige, morastige Boden liefert schon bei 2-3 Fuß Tiefe das nicht zu
genießende faulige Pumpwasser; man bleibt daher auf Regen- oder das
lehmig-schmuzige Flußwasser des ~Mississippi~ beschränkt, welches
zum Verkauf in der Stadt herumgefahren wird.
Alles klagt jetzt über schlechte Zeiten, und vor Allem empfinden dieses
die zur See hier ankommenden deutschen Auswanderer. Ohne Beschäftigung
und Verdienst, lernen sie hier, wo alles doppelt theuer ist, oft in der
größten Verzweiflung Noth und Sorgen kennen, von denen Viele früher
nichts gewußt und um so weniger hier kennen zu lernen glaubten, wo
ihnen die erhitzte Einbildungskraft nur goldene Berge verheißt. Bei
alle dem sind sie gezwungen, länger hier zu weilen, da der Winter in
den nördlichen Staaten die Flußschifffahrt beschränkt, und die Reise
dahin erschwert, weshalb sich mancher genöthigt sieht, zu ergreifen,
was der Augenblick bietet, wenn die Mittel für die Dauer nicht
ausreichend seyn sollten.
Vor Allem ist es am schwierigsten ein Unterkommen auf das gelernte
Geschäft zu finden, da der größte Theil der Waaren als Handelsartikel
aus den nördlichen Staaten und Europa zugeschafft wird, weshalb man
hier nur wenig Neues fertigt. Gröbere Arbeiten, wie Brennholz zu
spalten und das Ausladen von Bau- und Pflastersteinen, welche letztere
mehre Meilen weit um ~Orleans~ nicht gefunden werden und deshalb
die Schiffer als Ballast mit hieher führen, werden meistens von
Schwarzen ausgeführt, welche die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und
deren Zahl die Höhe von 25-30,000 erreichen soll. Ebenso verrichtet
diese Klasse Menschen alle Arbeiten in den Tabacks-Magazinen und den
ungeheuren Baumwollen-Niederlagen, und wo Weiße mit beschäftigt sind,
da giebt der Amerikaner lieber seinen geprüften Arbeitern höhern Lohn,
als daß er einen erst ankommenden Deutschen, welcher der Sprache
unkundig, für geringere Vergütung anstellen sollte.
Nichts bleibt demnach übrig, um sich und den Seinigen das Nöthige zu
verdienen, als das Ein- und Aus-Laden der Dampfschiffe und Flachboote.
Diese Arbeiten werden von Kapitäns ~Entrepreneurs~ übergeben,
und von diesen die nöthige Mannschaft angenommen. Doch auch hierzu
haben sich wiederum besondere Gesellschaften gebildet, welche selten
außer ihren Kameraden einen Andern mit Hand anlegen lassen, wenn nicht
vermehrte Arbeit und Mangel an Leuten dieses nöthig macht. In solchem
Falle nur kömmt der arme Deutsche erst an, welcher mit den Pfiffen
und Ränken des Amerikaner noch nicht vertraut ist und sich gern mit
jedem Lohn, den man ihm bietet, begnügt. Nach vollendeter mehrtägiger
Arbeit wartet er bescheiden des Rufes zur Empfangnahme der Zahlung und
glaubt, wenn dieser nicht erfolgt, seine Person in Erinnerung bringen
zu müssen, doch mit Schrecken wird er jetzt gewahr, daß der, welcher
zu zahlen verpflichtet, nicht mehr vorhanden ist. Der Rekurs an den
Kapitän bleibt ohne Erfolg, da ihm das Geschäft nichts mehr angeht,
indem die akkordirte Summe schon gezahlt worden ist. Kommt nun Tages
darauf der entwichene Schurke wieder zum Vorschein, so hilft alles
Zuredestellen nichts. Ja, ich war Zeuge, wie man einen betrogenen
Elsasser, welcher bescheiden den andern Tag nach dem sauer verdienten
Lohne fragte, gleich Einem behandelte, welcher doppelte Löhnung
verlangte, und mit Faustschlägen abwies.
Solche Betrügereien sind mir mehre bekannt worden, von denen ich eine
noch anführen will: Drei jetzt mit bei uns wohnende Professionisten
hatten, weil sie auf ihr erlerntes Geschäft kein Unterkommen finden
konnten, vier Monate ihr Leben damit gefristet, daß sie bei einem
Farmer Holz gefällt, und solches jetzt zum Verkauf nach ~Orleans~
gebracht hatten. Das Flachboot nebst Ladung war als Unterpfand des
rückständigen Lohnes an die Betheiligten verpfändet, weshalb auch
immer Einer von den Dreien auf dem Boote zur Aufsicht zurückblieb.
Doch der Eigenthümer verkaufte ohne Vorwissen der Betheiligten das
Holz und suchte eben mit der empfangenen Summe zu entweichen, als
durch einen Zufall der Handel verrathen wurde, und dieser Schurke noch
arretirt werden konnte. Vor Gericht gestellt, erklärte er Letzteres
für inkompetent, da er zu einem andern ~County~ (Gerichts-Kreis)
gehöre, und gab frech genug dabei zu verstehen, daß selbst dort, wo
er her sey, seine Gläubiger wenig gewinnen würden, da sie außer Kost
schon etwas Geld erhalten, und mehr zu geben er sich nicht verpflichtet
fühle, indem bei dem abgeschlossenen Vertrage ein höherer Lohn nicht
bedungen, und das Gegentheil zu beweisen, ihnen die Zeugen fehlten.
Frei und triumphirend zog er von dannen, und die Geprellten wußten
nicht, von was sie den Wirth bezahlen sollten; sie sahen einer
traurigen Zukunft entgegen, da ihre Sachen versetzt, und die Mittel sie
wieder einzulösen fehlten.
In der Gegend von ~Orleans~ ist das Holzfällen nicht allein
beschwerlich, sondern auch äußerst ungesund, da auf den sumpfigen
Stellen die Arbeiter oft im Wasser waden müssen und dabei noch froh
sind, wenn sie ihren Lohn richtig empfangen, welches, da man immer
Reste zurückhält, welche beim Abgange der Holzmacher in der Regel
kassirt werden, selten der Fall ist. Ich rathe daher den Auswanderern,
nicht ~New-Orleans~ zum Landungsplatze zu wählen, sondern jeden mehr
nördlich gelegenen Hafen vorzuziehen, wo man immer Gelegenheit findet,
in die westlichen Staaten, wenn man dahin sein Ziel gesetzt hat, reisen
zu können.
Bis zur völligen Genesung, wo mir in einer Eisen-Manufaktur Arbeit
zugesagt worden war, hier ohne Zweck zu verweilen, ließ der Geist mir
nicht die Ruhe, und da der Hauswirth die Anfertigung von Zündhölzern
nicht wieder erlaubte, so war ich Willens, mit einem Franzosen,
welcher gut englisch und deutsch sprach, die nächsten Zuckerplantagen
zu besuchen, um mich daselbst mit den gebrauchten Utensilien bekannt
zu machen, und auf Gastfreundschaft gestützt, billiger als es hier
möglich, die Zeit bis zu meiner völligen Genesung zu verleben.
Bis Monat März gedachte ich überhaupt nur in ~Orleans~ zu verweilen
und dann zur See nach ~Richmond~ zu fahren, von wo aus die Reise über
~Washington~ und ~Baltimore~, durch ~Pennsylvanien~ nach ~Philadelphia~
und ~New-York~ zurückgemacht werden sollte, wenn dieses ein höheres
Wesen nicht anders bestimmte. -- Ueber die Zeit meines dortigen
Eintreffens, wie über alles Andere, läßt sich hier nichts mit Gewißheit
voraus bestimmen, da man dem Zufall und den Launen des Schicksals
fortwährend unterworfen bleibt; ist man aber gesund, so läßt sich als
einzelne Person bei Selbstbeherrschung und Mäßigkeit das leicht wieder
erwerben, was schlechte Menschen und Krankheit entrissen haben. Nur
für Trennungsschmerzen giebt’s keine Linderung, und offen will ich
gestehen, daß ich nicht geglaubt, daß der Gedanke an die Seinen in
einsamen schweren Stunden, den Menschen so ganz niederschlagen und
muthlos machen könnte; nur die Hoffnung des Wiedersehens, die höchste
irdische Freude für mich, ist vermögend den Schmerz zu mildern und
Balsam in das wunde Herz zu gießen. -- Um Nichts in der Welt gebe ich
die Stunde, in welcher ich Euch wieder in die Arme zu schließen hoffe,
und dann soll nur der Tod mich von meiner Familie wieder trennen.
Fünfundzwanzigster Brief.
Wanderung nach ~Texas~.
Im Januar 1840.
Die eingetretene nasse Witterung hielt uns von dem Ausfluge ab, und
so kam es, daß wir am 8. Januar noch in ~Orleans~ verweilten,
an welchem Tage vor 25 Jahren die Engländer den Versuch wagten,
diese Stadt zu erobern, vom General ~Jackson~ aber geschlagen
und zum Rückzuge gezwungen wurden. Am Tage des Festes, welches der
alte General persönlich zu verherrlichen beschlossen hatte, sollte
auch auf dem Schlachtfelde der Grundstein zu einem Denkmale gelegt
werden, wie es die Zeitblätter bekannt machten, und die Eigenthümer
von Dampfbooten ihre Fahrzeuge zur Reise dahin empfahlen. Selbst die
Eisenbahngesellschaft machte bekannt, daß die Wagen um 11 Uhr für das
Militär bestellt seyen; wenn sich Privatpersonen derselben bedienen
wollten, so müsse dieses früher oder später geschehen.
Wer würde demnach wohl daran zweifeln, daß nicht Alles in Wahrheit
beruhe, und so ließen sich Viele verleiten auf dem Schlachtfelde der
Dinge zu harren, die da kommen sollten. Doch Alles war nur ein Scherz,
mehr auf die Geldbeutel der Leichtgläubigen abgesehen[48], weil ohne
diesen Kunstgriff während der Festlichkeiten in der Stadt, weder
Eisenbahn noch Dampfboote gebraucht worden wären. Während Viele nun
vergeblich auf dem Schlachtfelde harrten, kam General ~Jackson~
auf einem Dampfboote in ~Orleans~ an, und wurde im Triumph in
einem vierspännigen Wagen auf dem Platz vor der Kathedrale abgeholt,
wo die Nationalgarden in Parade aufgestellt, ihn mit Salven aus dem
groben Geschütz begrüßten. Nach beendigten Honneurs wohnte man dem dazu
veranstalteten Gottesdienste bei, worauf die Truppen vor dem General
vorbei defilirten, und durch einige Straßen nach einem andern Platze
marschirten, wo sich Alles in Wohlgefallen auflöste, und das Fest als
beendigt anzusehen war.
Dem ganzen Ceremoniel fehlte vor Allem militärische Haltung und
durch die verschiedene Equipirung der Truppen glaubte man mehr einen
Maskenaufzug zu sehen. -- Dem Gesetze nach haben 20 Mann, welche
zusammentreten, das Recht, sich einen Führer zu wählen, und sich
nach eigener Wahl zu uniformiren. Demnach wird beim Ausrücken der
uniformirten Nationalgarden die Gelegenheit geboten, eine lebende
Mustercharte von allem Militär ~in natura~ zu sehen, denn einem
Trupp Engländern folgten Franzosen, Preußen, Russen, Schotten u. s.
w. Das Musikchor von 20-30 Mann, welches jede Kompagnie vor sich her
marschiren läßt, ist oft stärker als das ganze Bataillon selbst, und
wenn auch mitunter die Musik gut ist, verstehen die Tambours ihre Kunst
um desto schlechter, deren Trommeltöne, in Begleitung einer Querpfeife,
unwillkührlich an den Bärentanz erinnern. -- Vor Allem nimmt sich die
Kavallerie possirlich zu Pferde aus, da, wie bekannt, der Amerikaner
ein schlechter Reiter ist.
Nicht militärische Kenntniß bestimmt den einzunehmenden Grad einer
Charge, sondern mehr die Bereitwilligkeit, zu welcher sich der
Gewählte zur Mehrausgabe der mitunter höchst brillanten Auszeichnung
der Offiziere versteht, und die Gelder nicht schont, welche ein so
Glücklicher bei verschiedenen Gelegenheiten seinen Kameraden opfern
muß. Wie es bei alle dem um die Disciplin steht, läßt sich denken.
Jeder sieht den Beruf zum Militär als Nebensache an, weshalb es oft der
Fall ist, daß beim Ausrücken Nachzügler vorkommen. Ein Gleiches war es
mit dem Fahnenträger des 20 Mann starken Grenadier-Bataillons, welcher
sich noch im nächsten ~Stoor~ fest machte, als seine Kameraden
bereits abmarschirt waren und er nun, anstatt in der Mitte der
Kompagnie zu marschiren, derselben mit der Fahne im Trabe nachzukommen
suchte.
Früh am Morgen des 9. Januar wurde endlich die Wanderung angetreten.
Jeder von uns war nur mit Wechsel von Leibwäsche versehen, da die Tour
nur auf kurze Zeit berechnet, und auch schon beim Mangel der Kräfte der
mitgenommene Zucker, Thee und Kaffee, wie das nöthige Kochgeschirr,
im Fall uns keine gastfreundliche Aufnahme werden sollte, das Gehen
erschwerte. Mein Begleiter dagegen, war hinlänglich mit Pulver und
Blei, sowie mit den beiden Gewehren versehen.
Des Gehens entwöhnt, sehnte ich mich schon nach wenig zurückgelegten
Meilen nach Ruhe, und es war beschlossen, auf nächster Plantage
einzusprechen. Der Herr sey, wie versichert wurde, in ~Orleans~,
und der Aufseher der Sklaven war hartherzig genug, uns die Herberge zu
versagen, und verwischte so das schöne Bild gerühmter Gastfreundschaft
der Amerikaner. Die nächste Plantage sey nicht weit, ward uns zur
Antwort, und heute noch zu erreichen, worauf ein Neger Befehl erhielt,
uns bis zur Grenze zu geleiten, und dann den richtigen Holzweg zu
zeigen. -- Von diesem armen Schwarzen erfuhren wir nun, wie sie von
den Launen des Gebieters die härtesten Mißhandlungen zu erdulden,
und wie überhaupt eine grausame Disciplin gehandhabt werde. Zur Zeit
der Aerndte gönne man ihnen wenig Ruhe, und von früh bis spät Abends
der Sonnengluth ausgesetzt, unterliegen mehrere den Strapazen. Beim
Abschiede reichten wir ihm ein Glas Rum, was er begierig verschluckte
und dankbar dafür uns die Hände drückte, wobei er der Thränen sich
nicht enthalten konnte und mich selbst zur Wehmuth stimmte. -- Schon in
~Orleans~, wo man das ganze Jahr hindurch dieser Menschenklasse
nur die halbe Sonntagsruhe gönnt, ging ihr Loos mir sehr nahe, und
mit wahrhaft schmerzlichen Gefühlen sah ich die armen Schwarzen mit
entblößtem Haupte und niedergeschlagenem Blicke, oft nur mit einigen
Lumpen bedeckt, zum Verkauf ausgestellt, oder auktionsmäßig aus einer
Hand in die andere gehen, wobei man sie gleich dem Vieh betastete, um
sich von dem mehr oder weniger muskulösen Körperbau zu überzeugen. Ist
es nicht eine Schande für ein Volk, das Freiheit und Gleichheit immer
im Munde führt, und dabei die heiligsten Menschenrechte mit Füßen
tritt? Sind die Schwarzen denn nicht auch Menschen? Mit welchem Rechte
unterdrückt man die geistigen Kräfte dieser Armen (Keiner darf lesen
noch schreiben lernen), statt sie allseitig auszubilden, und diesem
Menschengeschlecht dadurch die erhabene Stellung, zu der es, vermöge
seiner geistigen Anlagen gleich dem Weißen berufen ist, zu sichern?
Es ist mir versichert worden, daß es in ~Orleans~ mehrere Neger
geben soll, die nur durch Gehör die englische, französische, spanische
und deutsche Sprache erlernt hätten.
Gleich hinter dem Gehölz sollte, wie der jetzt zurückkehrende Neger
versicherte, die nächste Plantage den Anfang nehmen, wohin zu
gelangen wir nicht säumen durften, da das Dickicht der Bäume den Weg
verfinsterte und zu befürchten stand, uns noch zu verirren. Bald
rechts, bald links schlängelte sich der Fußpfad, welcher zuletzt
nicht genau mehr zu erkennen, da er nur wenig betreten war, und wir
auf das Ungewisse dem Zufalle folgen mußten. Schon befürchtete ich,
wir wären irre gegangen, als Menschenstimmen sich hören ließen und
der Schein eines Lichtes zu uns drang; in dieser Richtung fortgehend,
führte der Weg zu einer Reihe kleiner Hütten, welche als Aufenthalt
der Neger dienten. Sehr gern hätten uns die Bewohner der ersten Hütte
aufgenommen, wenn es der Raum gestattet hätte, da hier aber schon zwei
Familien sehr beengt untergebracht waren, welche auf ihrem Mooslager
der Ruhe pflegten, so wurden wir in eine andere der Hütten, welche nur
zwei Männer in sich faßte, gebracht, an deren Seite wir, von Müdigkeit
erschlafft, bald dem Schlafe verfielen.
Noch pflegten wir der Ruhe, als am Morgen der Aufseher der Schwarzen,
vermuthlich durch die Schlafgesellen von unserm nächtlichen Besuche
unterrichtet, vor dem Lager stand, und mit barscher Stimme nach unserm
Begehr fragte. Meinen Wunsch, die Utensilien und die Einrichtung der
Zuckersiederei besehen zu dürfen, schlug er aus dem Grunde ab, daß an
diesen jetzt außer Gebrauch gesetzten Geräthschaften nicht viel zu
sehen sey, er aber auch keine Zeit und Lust habe, die verschiedenen
Räume zu öffnen, und wir deshalb immerhin ungesäumt den Weg fortsetzen
könnten, wo wir mehre Plantagen antreffen würden.
Dieser unvermuthete zweimalige Empfang hatte das Feuer der Reiselust
merklich gedämpft und mich zum Umkehren bestimmt, wenn es mein
Reisegefährde, der leidenschaftlicher Jäger war, zugegeben hätte;
vielmehr suchte mich derselbe zu überzeugen, daß im Innern des Staates
~Louisiana~, wohin die Reiselustigen aus ~Orleans~ weniger
wanderten, uns freundlichere Aufnahme werden würde, und der erste
Tag keinen Maßstab der gemachten Erfahrungen abgeben könne. Diesem
konnte ich Nichts entgegensetzen und da die schöne Witterung das
Unternehmen zu begünstigen schien, so wurde von Neuem der Wanderstab
ergriffen und die Schritte vorwärts gerichtet. Die, wie es schien,
fruchtbarsten und mitunter schönen Landstriche, welche jedoch der
Ueberschwemmung ausgesetzt sind, wie dieses an den Gesträuchen zu
sehen war, wurden durchwandert, im Gehölz das noch nicht verscheuchte
Wild erlegt und bei Plantagenbesitzern, welche uns gastfreundlicher
aufnahmen, eingesprochen, die uns Alles zeigten und die gewünschte
Auskunft ertheilten. Auch der üble Eindruck wurde gemildert,
welchen oft Hunderte von Sklaven, die mit Umhacken der Erde auf den
Zuckerfeldern beschäftigt waren, auf uns machte, und die erbärmlichsten
Lebensverhältnisse, in welchen dieselben sich zu befinden schienen,
wurden weniger von den daran Gewöhnten und nichts Besseres Kennenden,
gefühlt, wie dieses auch das mitunter fröhliche und gute Aussehen
dieser Menschenklasse bestätigte.
Nachdem in ~Opelousas~ der Schießbedarf ergänzt worden war,
wurde der Marsch nach ~Alexandria~ fortgesetzt. Am letztern Orte
bestimmte uns die nasse Witterung, das Fußreisen auszusetzen, und um
mehr Ruhe zu genießen, wurde beschlossen, auf dem ~Red-~Flusse bis
nach ~Natchitoches~ zu fahren, von wo aus der Retourweg durch eine
andere Gegend angetreten werden sollte. Doch wie so Manches in der Welt
eine andere Richtung erhält, als man sich vorgestellt hat, eben so
sollte es jetzt unserm Ausfluge ergehen.
Zwei Reisende, ein Schweizer und ein verbannter Pole, von ~St.
Louis~ kommend und auf dem Wege nach ~Texas~ begriffen,
gesellten sich in ~Natchitoches~ zu uns, und wußten ~Texas~
so zu rühmen, daß es nichts zu wünschen übrig lasse, und bei mangelnden
Arbeiten könne sich jeder guten Verdienst dort versprechen; deshalb
willigten wir ein, bis dahin unsern projektirten Ausflug zu verlängern,
und auf gemeinschaftliche Kosten, da, wie es schien, einer so wenig wie
der andere hatte, die Fußreise fortzusetzen.
Wurde auch durch oft zu übersteigende waldige Höhen, welche menschliche
Kultur noch nicht gelichtet, und zum Aufenthalte wilder Thiere
dienten, wie das Reisen bei starken Regengüssen auf unwegsamen Pfaden
und das Durchwaden entgegentretender Gewässer lebensgefährlich, so
fühlten wir dieses doch weniger, als das Nachtquartier unter freiem
Himmel bei empfindlicher Kälte auf die Tageshitze, welches in dem
weniger angebauten ~Texas~, oder wegen unfreundlicher Kolonisten
mitunter vorkam, und man den empfindlichen Stich der Insekten
(Muskitos) blosgestellt wurde. Doch alle diese Strapazen, die eine
derartige Reise immer im Gefolge hat, wurden durch mannichfaltige
Begebenheiten und Abenteuer reichlich vergütet, welche die Harmonie
vier gleichgestimmter Seelen noch erhöheten, und von keinem Unfall
oder Krankheit unterbrochen wurden. -- Vor Allem verkürzte der Pole,
beim Lagern an dem Feuer, die Zeit durch Erzählung seines Antheils am
Revolutionskriege, seiner Verbannung und Schicksale in Amerika, und
fehlte auch zum Mahle das Brod, so war solches immer vom Fleische der
Bewohner des Waldes reichlich ersetzt.
Bis zum ~Sabine~-Flusse empfand ich außer Müdigkeit weiter
keine Beschwerde, leider hatte aber während der letzten Zeit die
Leib-Bandage einige schadhafte Stellen bekommen, wodurch das Gehen
täglich immer schmerzhafter wurde.
Meine Klage brachte den Polen auf den glücklichen Einfall, uns beritten
zu machen, welches bei den hier weidenden Pferden und Maulthieren
leicht ausführbar schien. Schon am dritten Tage wurden, wie im Kriege,
wo immer Gewalt vor Recht ergeht, vier Stück acquirirt, welches,
auf militärisch, recht lieblich klingt, im Civil aber, gleich dem
Stehlen, ein und dasselbe ist, und hier bei Todesstrafe verboten war,
da es vermuthlich häufig vorkommen mochte. -- Wegen der nöthigen
Zäume half schon den Tag vorher der Seiler aus, dessen Arbeiten hier
mehr zum Geschirr verwendet werden, als die des Riemers. Die Reit-
und Fahr-Utensilien des Farmer gleichen den polnischen auf ein Haar,
weshalb sich unser Pole in dieser Hinsicht immer in sein Vaterland
versetzt glaubte.
Von jetzt an sahen wir stolz wie ~Gentlemen~ von unsern
Lastthieren herab, durchstreiften bequem nach allen Richtungen das
Land, da überall die grüne Weide Futter und der Wald mit seinen
Bewohnern aushalf, auch mitunter ein gastlicher Farmer uns beherbergte
und sättigte, bei welcher Gelegenheit wir uns für neue Ansiedler
ausgaben und so über Alles Erkundigung einziehen konnten, deren
Resultate ich im nächsten Briefe zu schildern versuchen werde.
Sechsundzwanzigster Brief.
~+Texas+.~
Im Januar 1840.
Die sich im Jahre 1836 von Mexiko losgerissene Provinz ~Texas~, welche
aber von diesem Reiche noch nicht als unabhängiger Staat anerkannt
worden ist, faßt 4-500,000 engl. Q. Meilen in sich, welche erst jetzt
von 15,000 Seelen bewohnt seyn sollen, so daß auf 4-5 englische
Q. Meilen 1½ Person kommt, und daher noch Millionen Einwanderern
Gelegenheit zum Aufenthalte bietet, ehe die Bevölkerung Deutschlands
hier erreicht wird.
Das Verhältniß des weiblichen Geschlechts zum männlichen ist sehr
gering, weshalb für Frauenzimmer sich immer Gelegenheit zum Heirathen
darbietet, und man hier weniger als bei uns auf Schönheit und Reichthum
sieht. Nicht selten fällt es vor, daß Mädchen schon im 13. Jahre in den
heiligen Ehestand treten.
Das Klima, welches im Sommer heiß ist, steigt oft über 90 (Fahrenheit),
wird aber fast täglich von Süd- oder West-Winden gemildert. Die Nächte
dagegen sind empfindlich kalt und setzen im Winter Thau ab; obgleich
zu dieser Zeit die Flüsse nie mit Eis bedeckt werden und in den
Monaten Dezember, Januar und Februar Regengüsse die Stelle des Schnees
vertreten.
Längs des Golfes von Mexiko ist das Land flach und ohne alle Felsen,
erhebt sich aber nach und nach bis es seine Hochebenen erreicht hat.
Das fruchtbarste Erdreich enthält das angeschwemmte Küstenland, welches
sich vorzüglich zum Anbau des Zuckers und der Baumwolle eignen soll.
An diese beinahe endlosen Ebenen schließt sich ein wellenförmiges
Land an, welches immerwährend eine Abwechselung von Hügeln, Thälern,
Wiesen und Wäldern bietet, und das hohe Gras, wie der wilde Roggen
ebenfalls die Fruchtbarkeit des Bodens bekunden, auf dem die oft mehre
Meilen entfernt voneinander gelegenen Wohnungen den Mangel menschlicher
Bevölkerung anzeigen.
Die von Indianern bewohnten Hochebenen, bis wohin solche zurückgedrängt
worden sind, sollen ebenfalls an Fruchtbarkeit nichts zu wünschen übrig
lassen, und unerschöpfliche mineralische Schätze enthalten. Gold,
Silber, Kupfer, Blei, so wie Eisenerze liegen in geringer Tiefe, und
nur die tiefe Stufe der Kultur, auf welcher die Bewohner noch stehen,
so wie Mangel an Fonds und nöthigen Arbeitern, verhindern den Bergbau.
Wilde Pferde, Esel, Büffelochsen, Bären, Leoparden, Panther, Wölfe,
wilde Schweine, Ziegen und Schaafe werden von den Indianern gejagt,
und diese Thiere verbreiten sich selbst bis zur Mittel-Region herab,
wo der Jäger außerdem noch Rothwild, wilde Katzen und Eichhörner in
Menge antrifft. Viele bei uns noch unbekannte Wasservögel beleben die
wasserreichen Gegenden, und wilde Gänse, Enten, Schwäne, Kraniche und
Pelikane, durchstreifen die Gegend in großen Zügen. Geflügel aller
Art belebt die Wälder und Wiesen. Rebhühner, Fasanen, Schnepfen,
Paradiesvögel, Papageien, Wachteln, Tauben und wilde Truthühner wurden
von uns in Menge geschossen und würzten das frugale Mahl.
Zahlreiche Flüsse, welche das Land in allen Richtungen durchschneiden,
erleichtern den Verkehr und versorgen die Bewohner des Landes mit
Fischen aller Art.
Die mannichfaltigsten Holzarten sind in den Wäldern anzutreffen als:
Eichen, Fichten, Eschen, Buchen, Ahorn, Cypressen und Akazien stehen
durch einander. Cedernholz wird in Menge angetroffen, das wie der
~Osage-Orangen-~Baum ein äußerst festes Holz liefert, welches die
Indianer zu ihren Pfeilen und Bögen verwenden. Die vielen Sorten wilder
Apfelbaum, Nußbäume, Kirsch-, Pfirsich- und Maulbeerbäume, beweisen,
daß alle Produkte des Gartenbaues in diesem Lande gedeihen würden,
obgleich bis jetzt nur wenig in diesem Zweige der Kultur gethan worden
ist. Der wilde Wein rankt sich auch hier an den stärksten Stämmen bis
in die Wipfel der Bäume, oder läuft ohne Stützpunkt auf der Erde umher.
Außer Zucker und Baumwolle wird gewöhnlich nur noch Mais und die süße
amerikanische Kartoffel gebaut, doch ist auch der Anfang mit Taback
gemacht worden und eben so mit Waizen. Die Verbreitung dieser Fruchtart
wird aber erst von den nöthigen Mühlen abhängen, welche jetzt noch
fehlen, da nur Handschrotmühlen aushelfen und das benöthigte Mehl aus
den Vereinigten Staaten herbeigeschafft wird.
Die Viehzucht ist erst im Entstehen und nur wenig Kolonisten
befleißigen sich damit im Großen, wozu die fetten Wiesen und
fruchtreichen Wälder die beste Gelegenheit bieten. Das Fleisch ist
übrigens nicht vom besten Geschmack und wildert sehr; Schweinefleisch
dagegen ist gut und dieses Thier ist eines der ersten, welches sich der
Ansiedler zu verschaffen sucht, da die Vermehrung derselben wenig, oder
auch gar nichts kostet, weil dieses Thier seine Nahrung überall in den
waldigen Gegenden findet.
Um die Bevölkerung möglichst schnell zu vermehren, gewährte die
Regierung allen Einwanderern gegen das Versprechen, wenigstens drei
Jahre im Lande zu bleiben und alle Bürgerpflichten zu erfüllen, vom 1.
März 1836 an bis letzten Dezember 1838 das Recht des Anspruchs auf:
1200 ~Acres~ den Verheiratheten,
650 - - Ledigen,
320 - - Kindern über 14 Jahre.
Vom 1. Januar 1839 bis 1. Januar 1840.
640 ~Acres~ den Verheiratheten und
320 - - Ledigen,
wobei das Recht verknüpft war, selbst zu bestimmen, wo ein Jeder
angewiesen und ausgemessen haben wollte, dafür aber die desfallsigen
Bemühungskosten zu bezahlen hatte. Mit dem Jahre 1840 hörten alle
Schenkungen auf und nur Militärdienste werden noch mit Abgabe von
Ländereien belohnt, deren Zahl die Länge der Dienstzeit bestimmt.
Wer würde wohl nach solcher Schilderung des Landes nicht Lust bekommen,
hier seinen Wohnsitz aufzuschlagen, wo noch besonders die angeführten
Schenkungen von Grund und Boden zum Ansiedeln reizen mußten? Doch
Manches spricht dagegen. Wie viele hier eingewanderte Nordamerikaner,
die eben so schnell diesen Staat wieder verlassen, beweisen, wie
Tausende meiner Landsleute Amerika verlassen würden, wenn ihnen die
Mittel dazu nicht fehlten.
Die Zahl der neu eingewanderten Bevölkerung besteht in der Mehrheit
immer nur aus Nordamerikanern aller Staaten, da die Beimischung
europäischer Völker, worunter immer die Deutschen noch die Mehresten
sind, nur gering ist. -- Vor Allem liefern ~Louisiana~,
~Mississippi~ und ~Alabama~ eine Menge Individuen, welche
wegen unbezahlter Schulden oder sonstiger Streiche, der Justiz
glücklich entwischt, hier eine Freistätte suchen. -- Dann glauben auch
viele Amerikaner, hier ohne Arbeit und Beschäftigung die goldnen Berge
zu finden, welche der Deutsche vergeblich in Amerika sucht; sie fallen
durch getäuschte Erwartung und Faulheit der übrigen Bevölkerung zur
Last und verderben die Sitten. Unruhige Geister, gelehrt sich dünkend,
Doktoren, Advokaten und Theologen kommen in der Meinung, durch ihren
Kopf allein reich zu werden, wozu die junge Republik am wenigsten
Gelegenheit bietet, gerathen oft nothgedrungen auf Abwege und fallen
Abenteurern, Spielern und Trunkenbolden in die Hände, wodurch, da Alles
erst im Entstehen ist, bei mangelnder energischer Gerechtigkeitspflege,
Betrug, Duelle und Meuchelmord unvermeidlich sind, daß dabei die
Grenze zwischen Mein und Dein nicht immer gesichert ist, läßt sich
denken.
Der moralische Zustand dieser vermischten Volksmasse steht hier noch
tiefer als in den Vereinigten Staaten selbst; da alle Volksbildung
fehlt, keine Schulen und Religionsanstalten vorhanden und nur
Missionäre in religiöser Beziehung das Ihrige zum Seelenheil der
Menschen beitragen. Sucht man auch in neuerer Zeit diesem Uebel
durch Erbauung von Kirchen und Schulen abzuhelfen, so haßt doch der
Amerikaner vor Allem den Zwang und lebt lieber im natürlichen Zustande
fort.