Zwölfter Brief.

New-York im August 1839.

Ausschiffung.

Wie bei Entlassung eines Inhaftirten das Geräusch der ihm abnehmenden

Ketten, demselben ein noch nie vernommener Wohlklang ist und sich

noch im Kerker frei und glücklich fühlt, eben so hocherfreut waren

Alle, als die schweren Ketten die Anker rasselnd in den Meeresgrund

hinabließen, und wir uns, geborgen vor Sturm und Wellen, dem nahen Ufer

gegenüber befanden. Brennend vor Verlangen, die feste Erde wieder zu

betreten und an frischem Brod und Wasser uns zu laben, wünschten wir

nach Abgang des Kapitäns selbst ans Ufer zu fahren, wovon wir aber mit

dem Bescheid zurückgehalten wurden, daß Niemand das Schiff verlassen

dürfe, bevor der Quarantaine-Arzt den Gesundheitszustand der Passagiere

untersucht und durch Nachzählen der Personen ermittelt sei, ob die

Anzahl derselben mit der Größe des Schiffes nach der Tonnenzahl[30] im

Einklang stände.

Bald darauf kamen in einer mit der großen amerikanischen Flagge

geschmückten Gondel zwei Herren an, wovon der Eine sich als Arzt,

der Andere als Gerichtsperson ausgab. Die Sache selbst aber, warum

sie erschienen, war von ihnen nur oberflächlich behandelt. Die sich

ins Zwischendeck zurückgezogenen Passagiere wurden während des

Hinaufsteigens gezählt und nach der Kajüten-Seite zu verwiesen, weshalb

sich leicht und unbemerkt aus dem Zwischendeck durch die Vorkajüte

und beim Ersteigen der Kajüten-Treppe überzählige Personen, wenn sich

solche am Bord befanden, wieder mit den gezählten vermischen konnten.

Eben so schnell wurden die Schlafstellen selbst untersucht, und das

Nichtauffinden Versteckter außer Zweifel gestellt.

Keiner wollte ins Spital wandern und Krankheits halber zurückbleiben.

Alles hatte die Lager geräumt und den Ausschlag möglichst zu verbergen

gesucht. Mit klopfenden Herzen harrten solche unreine Passagiere des

Weitern, als der Befehl erging, uns ~en fronte~ aufzustellen.

„Rechts um, Marsch!“ wurde kommandirt und im Gänseschritt mußten wir

vor dem Arzt vorbeidefiliren, wobei Jeder die Zunge möglichst lang

hervorstrecken mußte, um den darauf sitzenden Krankheitsstoff erkennen

zu können. Demnach waren binnen fünf Minuten 208 Passagiere als gesund

erkannt und als tüchtig zum Eintritt in die vereinigten Staaten

befunden worden.

Um uns lagen Schiffe von verschiedenen Nationen vor Anker, unter

welchen man an der aufgehängten Wäsche auf den Segelleinen die

erkannte, welche mit Auswanderern befrachtet waren.

Auch wir erhielten jetzt Befehl, die Wäsche zu wechseln, sowie alle

schmutzigen Sachen möglichst zu reinigen, damit morgen, dem Abgange

nach New-York, nichts im Wege stehe. Alles kam jetzt in Allarm. Die

Holzkübel, woraus es Manchem so trefflich geschmeckt, wurden in

Waschgefäße verwandelt und darinnen das Ungeziefer in Unzahl ersäuft.

Das Bild eines aufbrechenden Lagers stellte sich dar; hier wurde

ein- dort ausgepackt, die Strohsäcke ins Wasser geworfen und diesen

manches Hemde, ja ganze Anzüge nachgeschickt. Theils durch Scherz oder

aus Muthwille wurden unbrauchbar gewordene Koch- und Nachtgeschirre

und leere Bouteillen ins Meer geschleudert, wodurch es an Zank und

Streit nicht fehlen konnte, und wobei ein Bubenstreich leicht noch

zur Balgerei Veranlassung gab, da man böswillig eine der Leinen

zerschnitten, auf welcher mehre gewaschene Hemden gehangen, welche nun

der Wind ins Wasser trieb.

Ich und mein Neffe verfehlten ebenfalls nicht uns umzuziehen, und die

noch wenig Werth habenden Kleider mit +allen Bewohnern+ wurden in

die Fluthen des Meeres befördert. Auch den Leib suchte man möglichst

zu reinigen, was freilich nur unvollkommen geschehen konnte, weil dazu

der Ort mangelte, an dem es der Anstand erlaubt hätte, solches ungenirt

thun zu können; doch hinderte dieses Viele nicht. Frei, den halben

Leib entblößt, standen sie da, und boten so, nicht achtend der Eltern

Bitten, die erwachsenen Kinder zu berücksichtigen, der Unschuld Hohn.

„Nichts mehr von Befehlen, Freiheit ist das Loosungswort, morgen wird

das Land betreten, wo Einer wie der Andere gilt!“ Dieß war die Antwort

der Frechen.

Bei solchen Gesinnungen war es am räthlichsten, sich stillschweigend

von Individuen zu sondern, welche zum Abschaum der Menschheit gehörten

und den innern Schiffsraum zu meiden, der heute mehr als gewöhnlich

durch Scheuern vor den Schlafstellen gereinigt wurde, und wo man sich

um so bänglicher fühlte, seitdem man dem Lande so nahe war, wo der

Blick mit sehnlichem Verlangen auf dem Gestade verweilte.

Herrlich und groß ist der Eindruck, welchen die paradiesische

Landschaft gewahrt, und übersteigt alle Erwartung. Das

Quarantäne-Gebäude am Fuße von ~staten-Island~, welches mit drei Reihen

jonischer Säulen geziert, wie ein fürstlicher Pallast emporsteigt,

fällt am ersten ins Auge. Weiter hinauf erblickt man freistehend oder

zwischen Bäumen die verschiedenartigsten Breterhäuser aufgebaut,

welche alle einen Anstrich von weißer Oelfarbe haben und äußerst nett

aussehen. In sanften Anhöhen erhebt sich ~staten-Island~ mit allen

Reizen der Natur. Die Bäume prangten noch mit dem üppigsten Grün,

nur die Wiesen fingen an gelb zu werden; sie dienen zum Aufenthalt

zahlreicher Heerden von Hornvieh und Pferden, deren Glockengetön uns

melodisch ansang. Die meisten Felder waren ebenfalls schon bis auf den

in Haufen stehenden Hafer geräumt; nur der Mais stand noch im vollen

Grün, und verherrlichte die Landschaft mit seinen rothen Büscheln.

Rechts ist ~long-Island~, deren rauhe mit Wald bewachsenen Bergwände an

die Urwälder erinnern; doch auch auf dieser Seite sind weiter hinab,

hinter Bäumen versteckt, einzeln stehende weiße Häuser sichtbar.

Die Einfahrt zwischen ~long-Island~ und ~staten-Island~

erweitert sich nach New-York hin immer mehr zu einem See, und

unvergleichlich ist auch hier das Panorama, welches sich dem Auge

darstellt. Viele Schiffe lagen theils vor Anker, oder fuhren mit

geschwellten Segeln hin und her; eben so erkannte man an den dicken

Rauchsäulen die Dampfschiffe, welche zum Transport nach andern

amerikanischen Staaten, oder zur Kommunikation von New-York und den

Eilanden dienen. Kleine Boote umschwärmten in Unzahl die Gestade

und ließen schon hier das innere Leben erkennen. Am äußersten Ende

liegt New-York, eine der größten Handelsstädte der Welt, umgeben von

Schiffen aller Nationen, deren Masten dem Auge selbst den Anblick

der Stadt entziehen, und nur die zahlreichen Thürme und großen

Feueressen der Fabrikgebäude ragen über die Erstern hervor. Durch

kleine befestigte Inseln und eine auf der hervortretenden Landspitze

von ~long Island~ erbaute zirkelrunde Batterie, welche mit einem

Fort auf einer gerade gegenüber liegenden Insel korrespondirt, wird die

Stadt vor feindlichen Angriffen geschützt. Verschiedene andere Werke

vertheidigen die Einfahrt in die Bai.

Unter solchen Ansichten und Betrachtungen war der Abend herbeigekommen,

das Gewühl auf dem Schiffe legte sich, und jeder von uns suchte ein

Ruheplätzchen, welches aber diese letzte Nacht auf dem Fahrzeug um so

härter und unbequemer war, da die meisten Strohsäcke über Bord geworfen

waren, und man befürchten mußte, von Neuem Ungeziefer zu bekommen. Die

rege Phantasie hielt mich lange auf dem Verdeck wach, bis auch mir der

Gott des Schlafes die Augen schloß, und süße Traumbilder eilten nach

dem Land der Hoffnung voraus. Doch bald wurden wir von Neuem durch das

Anschlagen der Wellen und das Brausen des Windes geweckt, welcher das

Schiff vom Anker zu reißen drohte. Ein fürchterlicher Orkan hatte sich

erhoben, welcher das Fahrzeug, gehalten von zwei großen Ankern, dennoch

eine Strecke zurückschob. Alle Ursache hatten wir, Gott zu danken, daß

wir nicht um einen Tag später hier an sicherer Stätte ankamen; denn wer

vermag zu sagen, was vielleicht auch aus uns so nahe am Ziele geworden

wäre, da manches Schiff in dieser furchtbaren Nacht gestrandet und ein

Opfer der Sturmeswuth geworden ist. Als aber am Morgen der wüthende

Orkan eben so schnell sich gelegt, als er entstanden, und die Alles

belebende Sonne freundlich auf uns herniederblickte, da entquollen

manchem Auge Thränen des Dankes, und tief gerührt versank ich in

Anbetung der Allmacht.

Am 17. August gegen Mittag legten sich zwei Transportschiffe an unser

Fahrzeug an, worauf außer den Passagieren auch sämmtliche Kisten

geladen wurden, die nicht im untern Raume des Schiffs verpackt,

sondern neben den Schlafstellen gestanden hatten, und brachten uns

nach der einige hundert Schritte vom Ufer entfernten, auf im Wasser

eingerammelten Pfählen erbauten Barriere, wo wir von Neuem ausgesetzt

und die Sachen einer Revision unterworfen wurden, damit nichts

Steuerbares unverzollt eingebracht werden konnte. Doch die geöffneten

Kisten wurden nur oberflächlich untersucht, so daß man sich damit

begnügte, nur die obern Schichten abzunehmen, ja selbst bei mehren

Koffern nicht einmal Hand anzulegen für nöthig hielt, und sofort mit

Kreide das Zeichen geschehener Revision signirte. Nur meinem Landsmann,

dem Zimmermann S., welcher eine Kiste mit altem Werkzeug fest vernagelt

und nicht vorher geöffnet hatte, wurde solche mit Gewalt aufgeschlagen

und bis auf den Boden entleert.

Während obiger Prozedur erkundigte sich ein gewisser Herr Rückardt,

Agent der deutschen Gesellschaft in New-York, nach unserm Stand und

Gewerbe, und gab den Ort seiner Wohnung an, wo wir, wenn es nöthig

seyn sollte, uns Rath holen könnten, ohne jedoch irgend einem der 208

Deck-Passagiere sofort ein Unterkommen zuzusagen; auch stellte er

Mehren die Aussicht auf ein solches nicht als erfreulich vor, welches

den Muth Vieler nicht wenig niederschlug, da sie, von aller Baarschaft

entblößt, auf sofortiges Unterkommen und Verdienst gerechnet hatten.

Doch, „nur den Muth nicht verloren!“ (rief Einer dem Andern zu), „noch

sind wir nicht am Ziele; erst in der Stadt angekommen, werden wir im

Lande der Freiheit schon das Nöthige finden!“

Schnell wurde Alles wieder auf die Schiffe gebracht, um neu Ankommenden

Platz zu machen. Ein schneidender Wind schwellte die Segel, und

Nachmittags 4 Uhr nach einer sechs Wochen langen Seereise erreichten

wir glücklich die mit Menschen angefüllten Ufer von New-York.

Dreizehnter Brief.

New-York im September 1839.

Erster Aufenthalt in New-York.

Anstatt daß man sonst den Ankömmlingen sogar ins Meer entgegenfuhr, um

Arbeiter auszusuchen, fand sich jetzt als Gegensatz nicht Einer am Ufer

ein, der Nachfrage hielt. Zwei Frauenzimmer waren die Einzigen, welche

sofort offene Stellen erhielten.[31] Nur eine Art Seelenverkäufer

deutscher Abkunft schienen höchst erfreut, den neu Ankommenden ihre

Dienste anbieten zu können, und rekommandirten uns sogleich Kosthäuser,

in welchen wir sehr gut und enorm billig logiren könnten; auch bei dem

fernern Unterkommen versprachen solche mitzuwirken, da sie überall

bekannt wären und Jedem Rath zu geben wüßten.

Wir sämmtlichen Sachsen und Thüringer bezogen das deutsche Haus, wo

wir aber bald die Erfahrung machen mußten, geprellt zu werden; auch

die vermeinten Freunde erkannten wir jetzt als im Solde des Wirths

stehende Bursche, welche nur dazu dienten, seine Wirthschaft zu

empfehlen, ihm in häuslichen Verrichtungen an die Hand zu gehen, und

bei jeder Gelegenheit den mit allen Verhältnissen noch unbekannten

Einwanderer um das Seinige zu bringen und durch Versprechung aller Art

zum längern Verweilen hier zu bewegen.

Den ersten Genuß, welchen ich mir nach so langer Entbehrung zu

verschaffen suchte, war eine Bouteille Bier; ich gab dafür in

Ermangelung kleinen Geldes einen ganzen Dollar[32], worauf ich von

einem der vorbenannten Bursche während des Gedränges von allen Seiten,

in mir noch unbekannten Geldsorten, das Zuviel zurück erhielt, woran

aber nicht weniger als ein halber Dollar fehlte, wie mir ein des Geldes

Kundiger bemerkte, dem ich solches zeigte. Der Herr Marqueur selbst war

aber sogleich verschwunden, und der Wirth hielt sich nicht verpflichtet

für seine Leute einzustehen.

Ich war also der Erste, welcher auf amerikanischem Boden Lehrgeld

bezahlte und darüber mehr, als über den Verlust selbst, erzürnt, schwur

ich Vergeltung, und suchte meine Gefährten dahin zu bestimmen, daß

solche erklärten, das Quartier sogleich zu verlassen, wenn mir das noch

fehlende Geld nicht augenblicklich restituirt würde. Diese Drohung half

und die Möglichkeit des Irrthums vorschützend, bat der Wirth jetzt um

Verzeihung und gab, was sein Helfershelfer genommen, mir nothgedrungen

zurück.

Die Abendmahlzeit mundete den Ausgehungerten trefflich, und man war

nicht wenig erstaunt über die reichbesetzte Tafel, auf der auch die

Suppe, welche sonst in Amerika nicht gebräuchlich ist, nicht fehlte.

Der dabei gereichte Thee mit üblichem Gebäck ließ vollends den an

frugale Kost gewöhnten Deutschen nichts zu wünschen übrig, und alles

Andere vergessend, suchten wir heute frühzeitig das Lager, um nach

langen Strapazen auf festem Boden uns von Neuem zu erholen.

Auch das Frühstück war uns neu; zu dem Kaffee gab es, gleich wie am

Abend, gebratene Fische und Fleisch, Eier, Backwerk, süß und sauer

Eingemachtes; auch Butter und Käse fehlte nicht.

Nach dem Mittagsmahl, welches zugleich als Probe diente, ward

festgestellt, was die Person täglich zahlen solle; dies betrug für

Kost und Logis fünf Schilling, welche Summe zahlreichen Familien auf

die Länge der Zeit zu geben nicht möglich war. Es aßen daher, um das

Mittagessen zu ersparen, die ersten Tage Viele nur Morgens und Abends,

doch half das Hungern nichts, denn das Versäumte mußte mit bezahlt

werden, da für Alle gedeckt und es ihre eigene Schuld war, gefastet zu

haben. Alles Sträuben half nichts, denn der Wirth war im Besitz ihrer

Effekten und ließ solche nur nach berichtigter Zahlung erst verabfolgen.

Bald zerstreute sich Alles, Arbeit suchend, in die Stadt, welche

Erstere aber nirgends zu finden war, da vor Allem die englische Sprache

mangelte. Selbst die Unterhändler, woran es nicht fehlt, sich aber den

Dienst theuer bezahlen lassen, bringen nur selten Einen unter, und

ist letzteres der Fall, dann gewiß an einem Orte, wo kein Eingeborner

arbeiten will, oder das Geschäft selbst nur von kurzer Dauer ist.

Auch unser Landsmann, der Schuhmacher F. mit Empfehlungsschreiben

versehen, sah sich schrecklich betrogen, da der vermeinte Fabrikherr,

an welchen er vom Hause aus empfohlen, nichts weiter als ein

Kommissionär[33] war, welcher gegen Zahlung den Namen des Suchenden

notirte und die Weisung ertheilte, später wieder nachzufragen. Was

sollte er nun anfangen? Womit sich und Familie ernähren? Da er auch

nicht sofort auf sein Geschäft Arbeit erhielt[34], so blieb ihm und

seinem alten Vater nichts weiter übrig, als beim Ein- und Auspacken der

Schiffe Arbeit zu suchen, bis sich sein Loos vielleicht in der Folge

besser gestalte.

Gleiches Schicksal traf einen Kajüten-Passagier unseres Schiffes,

welcher als Architekt ebenfalls an obigen Herrn adressirt war.

Schon auf der Seereise, wo bei Gefahren die Herzen sich nähern und

öffnen, erfuhr Mstr. F., daß eine Bestimmung sie in New-York näher

zusammenführe, und schon sahen sie im Geiste das weitverzweigte

Geschäft, welches Schuhmacher und Architekten zu beschäftigen vermöge.

Vereint gingen sie ihrem Ziele zu, doch Letzterer erfuhr nun auch,

was Ersterem schon begegnet war. Auch er sah sich in seinen Plänen

betrogen und wußte verzweiflungsvoll nicht, was er von Neuem wählen

sollte. Der schweren Arbeit ungewohnt, blieb ihm dennoch nichts übrig,

als Hacke und Schaufel zu ergreifen[35].

Am dritten Tage unseres Hierseins kam endlich das so lange in der

Quarantaine gelegene Seeschiff, welches unsere übrigen Sachen enthielt,

im Hafen an, wo ebenfalls jede Kiste von den Zolloffizianten untersucht

ward, und man strenger als in der Quarantaine-Anstalt damit verfuhr.

Nun im Besitz unserer Effekten, verließen mehre Familien sogleich das

Kosthaus, in der Absicht, entweder die Reise weiter fortzusetzen oder

Privatwohnungen zu beziehen.

Beim Bezahlen der Zeche gab ein Baier Gold, und erhielt das Zuviel

in Papiergeld zurück, welches aber bei der Wiederausgabe als falsch

erkannt und nicht angenommen wurde. Der Wirth, von welchem er solches

erhalten, leugnete dieses, und verlangte den Beweis darüber, welchen

der Betrogene nicht geben konnte, da beim Wechseln außer seinen zwei

jüngsten Kindern Niemand zugegen gewesen war. Der Arme fluchte, tobte

und verwünschte das Land, wo die Schurkerei zu Hause sey. Doch Alles

half nichts. Der Wirth blieb bei seiner Aussage und war frech genug,

Ersteren mit dem Haushinauswerfen zu drohen, wenn er nicht bald ruhig

sey. Diesen Streit hörte einer der vermeinten Freunde, welche uns bei

der Ankunft am Ufer so herzlich empfingen, ruhig mit an, und schlug

sich jetzt ins Mittel, indem er die falschen Noten für einen Dritttheil

ihres aufgemerkten Werthes ankaufte; doch nicht um solche zu vernichten

und so für die Folge unschädlich zu machen? Nein! Sicher wurden sie

im Taschenbuch verwahrt, um einen neu ankommenden Landsmann damit zu

beglücken. „O, die Schurken!“

Doch auch die Wirthe werden mitunter betrogen, da Viele bei der Ankunft

nichts Baares mehr haben, und außer dem, was sie am Leibe tragen, keine

Garderobe weiter besitzen. Doch schlau genug wissen sie solches zu

verbergen, so daß der Wirth glauben muß, ein Theil der Effekten, welche

sie für Andere vom Schiff mit ins Kosthaus tragen, sey ihr Eigenthum,

und als Unterpfand gewiß; doch bevor noch der rechte Eigenthümer sich

zu erkennen giebt, sind die Erstern verschwunden.

Auch ich muß gestehen, daß ich, für den an mir beabsichtigten Betrug,

mich dadurch revanchirt habe, daß ich auf ähnliche Art Zweien

durchhalf. In dem Keller, wo sich meine Sachen in Verwahrung befanden,

waren nebst mehren andern auch die untergebracht, welche Zweien meiner

Landsleute gehörten, die, von aller Baarschaft entblößt, von ihren

Kleidungsstücken hätten verkaufen müssen, wenn sie die Zeche bezahlen

sollten.

So eben hatten wir erst mit ansehen müssen, wie der Wirth solche

Effekten für einen Spottpreis in Anrechnung brachte, weshalb ich

den Vorschlag that, ihre Koffer, als mir zugehörig, vom Hausknecht

zu verlangen, wenn ich abgerechnet, und der Wagen zum Transport der

Sachen ins neue Quartier da sey. Sie selbst sollten nach dem Essen wie

gewöhnlich um nach Arbeit auszugehen, diesem Hause den Rücken wenden

und niemals wiederkehren.

Alles ging nach Wunsch und Willen. Den Beiden waren ihre Sachen

erhalten und ich gerächt[36].

Das neue Quartier in ~Pitt-Street~ war bezogen, und für eine

kleine Stube und Kammer, sonst nichts, 4½ Dollar monatlich

vorausbezahlt, da die Hauswirthe des häufigen Betrugs halber nicht mehr

kreditiren. Die Stube, von den Vorgängern schlecht gehalten, wurde

von meinem Neffen gesäubert, währenddem vom Glaser R. Kartoffeln zum

Abendbrod besorgt wurden, und ich selbst schaffte vom nahen Bauhofe

das nöthige Brennholz herbei. Demnach war die neue Wirthschaft schnell

etablirt, wobei uns das zur Seereise angeschaffte Küchengeschirr

trefflich zu statten kam, und dem Hausrath nur ein Wassereimer und

Besen zugesellt zu werden brauchte, da Kisten und Koffer, Tisch und

Stühle ersetzten. Nur das weiche Lager fehlte noch; doch auch dies

hatte sein Gutes, und gewöhnte an spätere Strapazen.

Die Familie S. bezog neben uns ebenfalls eine kleine Wohnung im

~Souterrain~, nachdem solche schon im Kosthause das Gewehr

versilbert hatte. Von Kummer und Sorge entstellt, hing der

Familienvater nur noch in Haut und Knochen, und die Kinder mußten ihr

Heil bei guten Menschen suchen.

Um mich selbst zu orientiren, wie und auf was für Art man hier, Alles

was Bezug auf Brennerei hat, in den Werkstellen anfertige, sah ich bei

Kollegen nach, ob sie Arbeit zu vergeben; doch umsonst waren alle meine

Bemühungen, denn nirgends fand ich ein Unterkommen. Man schützte da,

wo ich verstanden wurde, schlechte Zeiten vor, und wo man mich nicht

verstehen wollte, blieb man die Antwort schuldig, und der Gehilfen

Gruß war „~God damn~ (Gott verdamme mich) schon wieder deutsche

Bettler!“

Ein Tag verging so wie der andere, und wahrlich viel Geduld gehörte

dazu, auf die Länge solch ein Faulenzerleben zu ertragen; nur das

Mannichfaltige in dem bewegten Leben und Wirken der New-Yorker läßt

Einem weniger empfinden, daß man ohne Beschäftigung ist, wenn nicht

die schmelzende Kasse täglich mehr daran erinnerte. Ich selbst suchte

mir, an das Quartier gebannt, die Zeit damit auszufüllen, daß ich

täglich Alles was ich gehört und gesehen auf das Papier zu bringen mich

bemühte, um es nächstens an Euch zu berichten. Doch nicht als treues

Bild mag es gelten, dazu gehört mehr Zeit und Gelegenheit, sondern nur

als Skizze sey es zu betrachten.

Vierzehnter Brief.

New-York im September 1839.

Fortsetzung.

New-York, nach London wohl die erste Handelsstadt der Welt mit 300,000

Einwohnern, unter welchen sich gegen 40,000 Deutsche befinden, ist auf

eine Insel gleichen Namens gebaut, welche 4 Stunden lang und ½ Stunde

breit seyn soll. Am südlichen Ende derselben steht die Stadt, welche

sich von einem Fluß zu dem andern erstreckt. Der Nordfluß, Hudson

genannt, ist beinahe eine Stunde breit, der Ostfluß etwas schmäler.

Das Wasser ist für die größten Schiffe bis dicht an die Stadt tief

genug, und erleichtert so den großartigen Verkehr, welcher sich

vorzüglich am Ostflusse befindet. Auch sind, um der Mehrzahl von

Schiffen die Möglichkeit zu verschaffen, auf einmal bequem aus- und

einladen zu können, von funfzig zu funfzig Schritten auseinander, in

das Wasser hineingeführte, etwa dreißig Fuß breite und hundert Fuß

lange Barrieren erbaut, welche auf langen eingerammten Pfählen ihren

Stützpunkt haben, und an welchen vorn und auf beiden Seiten die Schiffe

liegen.

Nicht zu beschreiben ist das Gewühl der beschäftigten Menge, welche

hier in reger Thätigkeit sich befindet, um Waaren herbei, oder fort

zu schaffen. Unzähliges Fuhrwerk, meistens zweirädrige Karren, drohen

jeden Augenblick, den Fußgänger umzufahren, wenn er verabsäumt, immer

vor- und rückwärts zu schauen. Das Schreien und Fluchen der Fuhrleute

und Markthelfer wird noch von dem verworrenen Gesang der Matrosen

übertönt, welches bei ihnen die Geschwindigkeit bestimmt, wornach ein

Waarenballen gehoben oder gesenkt werden soll und so lange anhält,

bis Letzterer den Boden erreicht hat. Bei jeder neuen Last stimmt

der Vorsänger von Neuem an, und diese Art zu arbeiten ist bei den

Matrosen allgemein im Gebrauch, da sie glauben, daß dieses die Arbeit

erleichtere.

An dieser Seite der Stadt stehen meist Waarenhäuser dicht neben

einander, die nur dann und wann von einer Tabagie unterbrochen werden.

Die Magazine sind alle meist hoch, die Straßen eng und unbequem, und

wegen des vielen Verkehrs fast immer mit Schmuz bedeckt.

Die Straßen des Nordflusses sind dagegen weit luftiger und bequemer,

aber der angenehmste Theil der Stadt ist unstreitig die Gegend der

Batterie an der südlichen Spitze der Insel, beim Zusammenfluß des

Hudson und Ostflusses. Es ist dieses ein öffentlicher mit Rasen

belegter und von Sandwegen durchschnittener Lustplatz von Linden

und Pappeln beschattet, und dient bei günstiger Witterung als

Aufenthaltsort der schönen Welt. Man genießt hier die schönste Aussicht

auf die Bai und die diese umgebenden Inseln, und alle Schiffe, welche

stündlich in den Hudson segeln oder aus diesem kommen, bringen eine

ewige Bewegung in die Scene. Besonders aber sind es die Dampfschiffe,

die theils nach Philadelphia fahren, oder die Kommunikation mit den

Inseln unterhalten, und vor der Batterie vorbei müssen, welche das Bild

verschönern.

Die schönste Straße ist der ~Broad-Way~, 70 Fuß breit, und 1½

Stunde lang, welche sich von der Batterie aus, nach Norden durch die

Stadt ausdehnt, und von vielen Querstraßen durchschnitten wird. Ihre

Trottoirs sind an beiden Seiten mit Pappeln eingefaßt, die schönsten

Gebäude sind rechts und links aufgeführt. Prachtvolle und reiche

Kaufmannsgewölbe wetteifern bei Ausstellung ihrer Waaren. In der Mitte

des ~Broad-Way~ steht das aus weißem Marmor erbaute Rathhaus, vor

dem ein mit hohen eisernen Geländern umgebener Park sich befindet,

welcher aber für Jedermann offen ist. Gleich dem ~Broad-Way~ sind die

~Beaverstreet~, die ~Wallstreet~ und ~Broadstreet~ herrliche Straßen,

die sämmtlich mit Kaufmannsgewölben besetzt sind, welche alle des

Nachts, gleich den Straßen selbst, durch Gas erleuchtet werden. Die

unzähligen Lichtflammen, welche besonders am Sonnabend bis tief in

die Nacht hinein, die Läden und die im Freien aufgestellten Waaren

beleuchten, stellen im Großen das Bild eines Weihnachtsabends dar,

wo die in mannichfaltigen Gruppen zur Schau aufgestellten Waaren,

malerisch beleuchtet, das Auge entzücken.

Im schönsten Schmuck glänzen fast alle öffentliche Gebäude, von

Marmor-Quadern aufgeführt und meist mit Säulen verziert, wie überhaupt

kein Geld gespart wird, derartigen Gebäuden ein antikes Ansehen zu

geben.

Längs der Ufer, Straßen und Plätze stehen Reihen eleganter Equipagen,

welche die Bestimmung haben, schnell und bequem den Fußgänger nach

jeden beliebigem Orte der Stadt zu fahren. Außer diesen gehen

ohne Unterbrechung große vierspännige Personen-Wagen durch die

Hauptstraßen, in denen man für einen Schilling von einem Ende der

Stadt bis zum andern gelangen kann. Zu gleichem Zweck sind in einigen

Straßen Eisenbahnen errichtet, auf welchen Pferde die Dampfkraft

ersetzen. Wegen des ewigen ununterbrochenen Fahrens und Reitens, ist

für Fußgänger das Gehen im Fahrweg gefährlich, und Jedermann, ob leer

oder bepackt, hält sich auf den Trottoirs auf, weshalb auch hier die

Augen bald rechts, bald links herumschwärmen müssen, um mit keinem

Packträger in unangenehme Berührung zu kommen.

In jedem Stadtviertel sind schöne, geräumige, überbaute Markthallen

angelegt, wo täglich feil gehalten wird, und wo man alle Arten von

Fleisch, Geflügel und Fischen bekommen kann, ferner Gemüse aller Art,

und besonders sind es die Kartoffeln, welche hier eine Hauptrolle

spielen, da solche der Amerikaner täglich drei Mal genießt, und sie

früh zum Kaffee, wie Abends beim Thee, gleich dem Gebackenen, nicht

fehlen dürfen. Von Obst sind es besonders die Aepfel, welche den

Markt füllen, und von Kokosnüssen und Wassermelonen sind ganze Haufen

aufgethürmt; eben so bringt man große Quantitäten von Aprikosen,

frischen Apfelsinen, Pomeranzen und Zitronen auf den Markt. Butter,

Käse und Geräuchertes wird im Kleinen wie im Großen verkauft, wie

überhaupt eine ungeheure Quantität Schweinefleisch, Speckseiten,

Butter, Schmalz und sonstige Artikel vorhanden sind. Rundum sind die

Märkte mit Bauernwagen umgeben, welche ihre Waaren theils ans Publikum,

theils an die Händler abzusetzen suchen.

Kirchen giebt es viele und schöne, mehr noch aber Bethäuser, welche

alle zum Heitzen eingerichtet sind. Den Sonntag hält der Amerikaner

dem Anscheine nach heilig, besucht früh, Nachmittags und Abends die

zur Andacht bestimmten Häuser, und verehrt auf mannichfache Weise

die Gottheit. Ich selbst versäume nie, den Gottesdienst der ersten

deutschen rationalistischen Gemeinde, wie sie sich nennt, zu besuchen,

und was ich da von einem gewissen Försch, Prediger daselbst, welcher

sich und seinen Anhang zu Vernunftgläubigen gestempelt hat, mit

anzuhören Gelegenheit habe, grenzt an das Unglaubliche. In spätern

Briefen werde ich darauf zurückkommen.

Das Bedürfniß der Volksschulen hat man hier ebenfalls erkannt, und es

hat demnach jede Gemeinde, theils im Erdgeschoß der Kirche selbst, oder

in besondern Gebäuden Schulen errichtet, in welchen die Kinder nicht

allein freien Unterricht, sondern auch noch die nöthigen Schulbücher

erhalten. Leider wird aber nicht immer der beabsichtigte Zweck

erreicht, da nur Wenige Gebrauch davon machen, denn die schulfähigen

Kinder durch das Gesetz zum Besuche der Schule anzuhalten, hieße

zu weit in die Privatrechte der Menschen eingreifen; als einen

unerträglichen Zwang, als eine Beschränkung der individuellen Freiheit

würde man es ansehen, wollte man dem Vater die Kinder aus dem Kreise

seiner Familie entziehen, und wider seinen Willen zum Schulgehen

zwingen. Da nun aber die Kinder hier schon frühzeitig zum Miterwerb

und Verdienst, dem Centralpunkt, um welchen sich alles dreht und

wendet, angehalten und benutzt werden, so bleibt das Schulwesen in

den Hintergrund verdrängt, und daher geht die geistige Ausbildung nur

langsam vorwärts.

Das Läuten der Glocken hat nichts melodisches im Gefolge, da auf

den Thürmen immer nur eine sich befindet, an welche in kurzen

Zwischenräumen angeschlagen wird.

Die größte Reinlichkeit herrscht in den Gebäuden, in welchen die

Fußböden und Treppen meist mit Teppichen belegt sind. Eben so sauber

sucht man die Trottoirs vor den Häusern zu erhalten.

Da entweder die Höfe in den Gebäuden fehlen, oder ein passender Ort

zur Aufbewahrung des Kehrigs nicht da ist, und es auch einmal die

Sitte verlangt, so wird aller Unrath auf die Fahrstraße geworfen,

wo ihn eine Masse hungriger Schweine durchwühlt, welche das ganze

Jahr hindurch frei in den Straßen herumlaufen. Dieselben sind auch

mitunter dreist genug, den vor den Storen mit Viktualien, besonders mit

Aepfeln angefüllten Fässern zuzusprechen und deren Inhalt entweder zu

entleeren, oder diesen wenigstens in Schmutz zu werfen. Auf desfallsige

stattgefundene Beschwerde ist daher das Herumlaufen der Schweine bei

5 Dollars Strafe verboten worden. Da man aber hier, wie es scheint,

die gepriesene Freiheit bis auf das liebe Vieh auszudehnen scheint,

so zeigt Niemand die gegen das Gesetz Handelnden an und die Behörden

fühlen sich nicht veranlaßt, weiter einzuschreiten, und demnach bleibt

es beim Alten. Was soll man aber von einem Gesetz, von einer Behörde

sagen, welche Ersteres giebt, aber dabei einschläft und nicht auf die

Aufrechthaltung desselben Sorge trägt?

Feuerunglück ist an der Tagesordnung und Feuergefahr jagt Niemandem

mehr Schrecken ein. Vergeht aber wider Erwarten ein Tag, ohne daß

es brennt, so sieht sich die Spritzenmannschaft mitunter veranlaßt

mit ihrer Kunst und dem Ruf: „Feuer! Feuer!“, welches Geschrei durch

hundert Knabenstimmen wiederholt wird, lärmend durch die Straßen zu

ziehen und andere Spritzen-Kompagnieen zu einem gleichen Manöver zu

bestimmen bis am Ende unter fröhlichem Gelächter, sich das Ganze

nur als Scherz herausstellt, worauf dann Alles langsam nach Hause

geht. Ist es wirklich Feuer, so zeigt die Hauptlärmglocke auf der

~City-Hall~ durch Schläge an, in welchem Distrikte das Feuer

ist. Giebt sie nur einen Schlag mit einer Unterbrechung, so ist es im

ersten, giebt sie zwei Schläge, im zweiten und so fort; ist das Feuer

aber im fünften Distrikt, so wird fortwährend geläutet.

[Illustration]

Nebenstehender Abriß der Stadt New-York zeigt die verschiedenen

Feuer-Distrikte derselben an. -- Zum ersten Distrikt gehört Alles,

was vom Fuß der ~Murray-Street~ an bis zur ~City-Hall~ und

von der Mitte derselben in gleicher Linie mit dem Nordflusse bis

zur 2ten Straße liegt. Der zweite Distrikt wird durch die letztere

Linie begrenzt und einer geraden Linie von der ~City-Hall~ aus

bis zur dritten ~Avenue~ an der 21. Straße. Der dritte Distrikt

wird wiederum durch die letztgenannte Linie begrenzt und einer andern

Linie, welche von der ~City-Hall~ bis zum Ostflusse oberhalb der

drei Docks gezogen ist. Der vierte Distrikt wird wiederum durch die

letztgenannte Linie begrenzt und nimmt den ganzen Raum zwischen dieser

und dem Ostflusse ein bis zur ~Frankfort-Street~ hinunter. Der

fünfte Distrikt faßt den ganzen Theil der Stadt in sich, der unterhalb

der ~Frankfort-~ und ~Murray-Street~ liegt.

Advokaten, Doktoren und Apotheken giebt es hier in Menge, da Jedermann

die Erlaubniß hat, wie in jeder andern, so auch in diesen Branchen,

sein Heil zu versuchen. Auch an Zeitungsschreibern fehlt es nicht, sie

wachsen wie die Pilse, tauchen auf, und verschwinden eben so schnell

wieder. Gegenwärtig sollen nach Zeitungsberichten, 1555 Zeitungen in

den vereinigten Staaten vorhanden seyn, wovon 274 auf New-York kommen.

Um sich nun bei dieser großen Anzahl vorhandener Blätter dennoch ein

möglichst zahlreiches Lesepublikum zu verschaffen, so wird nichts

versäumt, was die Neugierde der Menschen rege machen kann. Immer

größeres Format[37] wird gewählt und bei vollkommener Preßfreiheit

versucht jedes Blatt leidenschaftlich die Interessen der Parthei, an

welche sich dasselbe verkauft hat und der es blindlings huldigt, zu

vertheidigen. An Stoff zu den gröbsten Beschuldigungen fehlt es nie,

da ~Whigs~ und Demokraten, feindselig gegenüber, Alles aufbieten,

um einander zu schaden und den kleinsten Anschein eines Vergehens

tausendfach vergrößernd an das Licht zu bringen suchen. Als Beleg von

der Sprache, wie solche in amerikanischen Zeitungen geführt wird, habe

ich folgenden Artikel abgeschrieben: „Herr Marris, Recendor der Stadt

New-York, ist vom Gouverneur Seward seines Amtes entsetzt worden.

Seine Absetzung ist durch keine Anklage gegen ihn entschuldigt oder

gerechtfertigt; sie ist eine von Oben kommende, beispiellose, unerhörte

Verfolgung, weil Herr Marris den moralischen Muth hatte, die Augen der

Bürger New-Yorks auf entsetzliche Meineidigkeit und Wahlbetrügerei zu

lenken, die von einer politischen Parthei an ihnen verübt worden war

und weil irgend einem ergebenen Partheiwerkzeuge nach seinem Amte

gelüstete. -- Wo wird diese Ruchlosigkeit aufhören? Welche Bürgschaft

ist dem freien Bürger dieser Republik gelassen, wenn jeder ihrer treuen

Diener von der Willkühr eines hochgestellten Subjekts abhängt, das für

nichts Sinn hat, als seine eigene und seiner Parthei Amtsbeförderung?

Muß nicht jeder Richter im Staate New-York vor dem Despoten Seward

zittern, oder sich zum Opfer machen, wenn er es wagt, die Pflichten

seines Amtes rücksichtlos zu erfüllen? Ist Gouverneur Seward das

höchste Gesetz des Landes, oder das Statutenbuch? u. s. w.“ --

Wie werden nun solche Beschuldigungen widerlegt und bestraft, werdet

ihr fragen? Nicht anders, als durch ähnliche Ausfälle und Beleidigungen

in den Zeitschriften, wodurch die Reibung unterhalten, die Spalten der

Blätter sich füllen und Alles beim Alten bleibt. Dadurch wird Einem

bald die Ueberzeugung, daß Preßfreiheit ohne Grenzbestimmung nicht

heilbringend für die Menschen seyn kann.

Das Gerichtsverfahren ist öffentlich und wird mehr oder weniger von

Neugierigen besucht, je nachdem die gepflogenen Verhandlungen Interesse

für sie haben.

Ich selbst habe in Begleitung des Herrn Bindernagel die Gefängnisse

besucht und einigen Sitzungen der Geschworenen beigewohnt. Mancher

wurde frei gesprochen, Andere dagegen zu harter Strafe verurtheilt,

auch ein Individuum zu vier Monaten Gefängniß verwiesen, welches nichts

mehr als ein Paar Schuhe gestohlen hatte. Verwundert über solche

Strenge, mußte ich vernehmen, daß dergleichen Diebstähle hart geahndet

würden, um dadurch vor größern Verbrechen abzuschrecken. Man sagte mir

zugleich, daß es auch selten vorkomme, daß der eingeborene Amerikaner

sich mit derartigen Kleinigkeiten zu bereichern suche und solches mehr

unter seiner Würde halte; könne er aber durch List und Betrug im Handel

und Wandel seinen Nächsten um etwas Erhebliches bringen, so finde er

solches ganz in der Ordnung und denke dabei: „Esel paß’ auf!“ Dagegen

suche sich der Betrogene damit zu trösten, daß er um so viel gescheuter

worden sei und jetzt darauf denken müsse, möglichst bald mit gleicher

Münze zu bezahlen und so das Verlorene wieder zu gewinnen.

Einige Männer wurden den darum bittenden Weibern wieder frei gegeben,

welche wegen Trunkenheit und auf besonderes Verlangen der Letzteren

mit Arrest gebüßt hatten. Ueberhaupt ist den Weibern hier großes Recht

über die Männer eingeräumt und es dürfen die Letztern nicht mucksen,

wenn solches die Erstern nicht haben wollen. Vergißt sich ein Mann

und kommt selig nach Haus, so steht der Frau das Recht zu, ihn ohne

Weiteres einstecken zu lassen. -- Eine Ohrfeige, oder sonstiger Schlag

mit der Hand, berechtigt die Frau zu bestimmen, wie lange die liebe

Ehehälfte im Loche brummen soll. Das Weib blutig schlagen, zieht harte

Gefängnißstrafe nach sich und einen geleisteten Weibereid sollen gar

nur zwölf Männer-Zeugen entkräftigen können. -- Manche Frau wird sich

demnach mit ihrem störrigen Ehegemahl hierher versetzt wünschen und mir

es Dank wissen, auf das amerikanische Weiberrecht aufmerksam gemacht zu

haben. Aber auch die Männer haben hier ihre eigenen Köpfe und lassen

mitunter ihrer süßen Bürde despotisch fühlen, daß der Mann des Weibes

Haupt ist.

Zum Schluß will ich Euch in Thalias Tempel einführen, dessen

jedesmalige Vorstellung auf 6 Fuß langen Zetteln mit möglichst

auffallender Schrift angekündigt wird. -- Täglich werden in mehrern

Schauspielhäusern, von denen aber das ~Bowery~-Theater das

größte ist, Vorstellungen gegeben. Das eherne Pferd zog auch mich an

und da die Gallerieen schon gefüllt waren, so suchte ich im Parterre

ein Unterkommen. Der Amerikaner macht es sich auch hier wie überall

bequem, zeigt sein weißes feines Hemd und streckt die Füße so lange

auf die vor ihm stehenden Bänke aus bis mehr und mehr die Plätze sich

füllen und er gezwungen wird, sich zu geniren. Mit der Zeit geizend,

harrt er ungeduldig des Signals zum Anfang des Stücks und sucht diesen

durch Trommeln und Pfeifen zu beschleunigen. Wer möchte aber auch hier

Theatersänger seyn, da das ~Da capo~-Rufen kein Ende nimmt und so

manche Arie 3-4 Mal wiederholt werden muß. Zum Beifallklatschen schont

man die nur zum Verdienst schaffenden Hände und die Füße verrichten

durch Stampfen den ~Applaus~. -- Dekorationen sind gut, die

Maschinerie nicht übel, leider aber fehlt dem Spiele die Kunst und das

Ganze verliert durch das ewige Wiederholen der Scenen.

Funfzehnter Brief.

New-York im September 1839.

Fortsetzung.

Bereits sind 14 Tage verflossen, ohne daß ich oder einer meiner

Gefährten so glücklich gewesen wäre, ein Unterkommen zu finden.

Alle meine Bemühungen, in einer der großartigen Brennereien eine

Beschäftigung zu erhalten, waren vergebens, da diese Stellen meist mit

Eurischen (Irländern) besetzt sind, welche fest zusammenhalten und

keinen Deutschen unter sich dulden.

Die Baarschaft meiner Stubengenossen war gänzlich verausgabt und auch

mein Geld ging ziemlich zu Ende, da der Zimmermann S. die ihm in Bremen

zur Reise vorgestreckte Summe, weil er selbst noch ohne Verdienst

war, nicht zurückzahlen konnte. Das Geld aber anzugreifen, welches

für besondere Unglücksfälle, so wie auch zur Reise in das Innere

der Staaten bestimmt war, hielt ich nicht für räthlich, so lange

noch gesunde Gliedmaßen das Arbeiten möglich machten. Es wurde daher

beschlossen, das Letztere zu ergreifen, bei dem Agenten der deutschen

Gesellschaft die nöthigen Schritte zu thun und da zu ermitteln, ob

nicht auf irgend eine Art Geld zu verdienen sei.

Schon hatte ich mehrmals zur bestimmten Zeit, wo das Komptoir geöffnet

seyn sollte, nebst mehren andern stundenlang gewartet, doch Herr

Rückardt erschien nicht. Ich sah mich daher veranlaßt, bei unserm

Landsmann, Herrn Bindernagel, Bäcker und Mehlhändler auch derzeitiger

Präsident der deutschen Gesellschaft, anzufragen, ob das im Interesse

der armen Deutschen gehandelt sey, wenn sie Tagelang vergeblich auf

die Oeffnung des Komptoirs warten müßten und so von Nothwendigkeit

getrieben, schurkischen Mäklern in die Hände fielen.

Herr Bindernagel nahm mich sehr zuvorkommend auf, und war sogleich

erbötig, die nöthigen Schritte zu thun, um sich selbst zu überzeugen,

ob meine Angabe gegründet sey, und nöthigenfalls das Weitere zu

verfügen. -- Im Laufe der Unterhaltung kam die Gemahlin des Ersteren

auf dessen Zimmer, und fragte an, was solcher heute Mittag zu essen

wünsche, ob Schweins-, Hammel- oder Kalbs-Keule? Ich fand dieses

im schönsten häuslichen Einklang und war sehr erstaunt über die

Aufmerksamkeit der Frau, welche sich zuvor nach dem Appetit des Mannes

erkundigte. Nachdem bestimmt worden, was anzuschaffen sey, empfahl

mich Herr Bindernagel seiner Frau Gemahlin mit dem Bemerken: mir bis

zu seiner Zurückkunft Gesellschaft zu leisten, welches solche äußerst

angenehm erfüllte, und dabei mit Wein und Kuchen bewirthete. -- Bald

kam der Mann, ein halber Millionär, zurück, am Arm den Handkorb mit dem

gewünschten Fleisch, welches solcher, nach hiesigem Männergebrauche,

der lieben Frau vom Markt geholt. -- Ueberhaupt ist es Sitte, daß die

Männer bei häuslichen Verrichtungen den Frauen an die Hand zu gehen

pflegen, und den nöthigen Bedarf in die Küche aus den ~Stores~

(Kaufmannsläden) oder den Markthallen herbeischaffen.

Am nächsten Tage war zur bestimmten Zeit das Komptoir der deutschen

Gesellschaft geöffnet, und Herr Rückardt suchte seine Abwesenheit an

den vorigen Tagen damit zu entschuldigen, daß er immer erst spät von

der Quarantäne-Anstalt zurückgekehrt sey, wo er die neu Ankommenden

eben so wie es bei uns der Fall gewesen war, mit Rathschlägen

unterstützt hätte.

Auf dieses Komptoir muß man kommen, um ein richtiges Bild zu erhalten,

von der armseligen Lage so vieler Einwanderer in jetziger Zeit, wo

Mancher genöthigt ist, Arbeit zu suchen, die sich selten weiter, als

auf Eisenbahn- und Kanalbau erstreckt, und Viele in der Heimath keine

Ahndung hatten, hier mit Hacke und Schaufel ihre Existenz zu sichern

und das armselige Leben zu erhalten. Viele Hunderte suchen hier auf

dem Komptoir, was selten Einer erhält, Beschäftigung; und ist solches

wirklich der Fall, wie sehr verschieden von ihrem ursprünglichen

Beruf. Bierbrauer gingen mit als Knechte auf das Land. Maler in

~Matches-~ (Zündhölzer) Fabriken, Apotheker in Restaurationen

zum Rupfen des Federviehes, Schlosser zum Steineschneiden, Fleischer

in Steinkohlen-Niederlagen, Drechsler auf den Fischfang u. s. w. Doch

am schlimmsten trifft das Loos die nicht an schwere Arbeit gewöhnten

Doktoren, Advokaten, Theologen, Kaufleute und Militärpersonen höhern

Ranges, welche selten sogleich in ihrer Branche unterkommen, und häufig

in Paradeschritt hinter der Schubkarre her marschiren müssen.

Uns selbst war die Losung, 10 englische Meilen von hier als Handlanger

oder Erdarbeiter mit an dem Kanal zu schaffen, welcher New-York mit

trinkbarem Wasser versehen soll, und erhielten demgemäß eine Anweisung

zur 18. Sektion, wohin zu gelangen man das Dampfschiff besteigen mußte.

Am andern Morgen segelten wir der neuen Bestimmung zu, wo ich mich

selbst, um einen höhern Lohn zu erzielen, für einen Maurer ausgab,

welches in Amerika um so leichter geht, da man nach keinem Lehrbrief,

Kundschaft oder Wanderbuch fragt, sondern sich einzig und allein auf

die Geschicklichkeit verläßt, mit welcher man den Geschäften vorstehen

kann.

Meine Gefährden überschlugen schon auf dem Wege hierher die Zeit, wo

bei möglichster Sparsamkeit so viel erübrigt werden könne, um die

Rückreise in ihre Heimath wieder antreten zu können, denn Allen war der

Muth gefallen, und übersatt hatten sie das liebe Amerika, ohne noch

recht das eigentliche Drängen und Treiben hier kennen gelernt zu haben.

Alles umsonst, auch hier war keine Arbeit mehr zu erhalten, da der

Zudrang zu groß und das nöthige Arbeitsgeräthe fehlte. Mißmuthig

bestiegen wir am Abend zur Rückreise das Schiff mit dem Beschlusse,

wenigstens das Fahrgeld vom Agenten restituiren zu lassen, da es

unverzeihlich war, uns hierher zu schicken, wo kein Unterkommen mehr zu

finden war.

Eher noch, als zur bestimmten Zeit, trat ich den Weg zum Agenten an,

um Einer mit von den Ersten zu seyn, die Einlaß fänden. Auf der Treppe

ruhend, notirte ich soeben ins Tagebuch, was mir Merkwürdiges begegnet

war, als ein Geräusch mich störte, und welch’ unverhoffte Erscheinung

stellte sich mir dar? Der Landsmann St. stand vor mir. Er gab an, auf

einer Reise zu seinem Onkel nach Ostindien begriffen, sey er um einen

Tag zu spät in Hamburg eingetroffen, wo das bestimmte Schiff schon

fort gewesen sey. Doch einmal hier, und den Dienst aufgegeben, habe er

eine sich darbietende Gelegenheit benutzt, und die Reise nach Amerika

mit unternommen. Umsonst war auch sein Bemühen, auf die Feder ein

Unterkommen zu finden und er suchte jetzt hier, gleich mir, nach dem,

was sich bieten würde.

Auch ihm ward der Bescheid, da wo wir gestern waren, mit Hand ans

Werk zu legen, und eben im Begriffe die Reise anzutreten, erfuhr er

von mir, was uns dort begegnete. Was kann es weiter helfen, dachte er

bei sich selbst, als ihm von Neuem angetragen ward, ein Schiff mit

auszuladen, ist auch das Seil am Krahne weit härter als die Feder, so

bleibt doch keine Wahl. Was wurde aber mir, auf Bitten und Begehren,

für ausgelegtes Geld und unverrichtete Sache? Nichts weiter als

Entschuldigungen aller Art, Ermahnung zur Geduld, und wegen leerer

Kasse eine Bibel, die mir als Geschenk zugestellt wurde. -- In dieselbe

habe ich die Zeit, den Ort und die Ursache dieser Gabe aufgemerkt, und

bin ich längst nicht mehr, so mag sie bis in die spätesten Zeiten die

goldnen Worte auf meine Nachkommen übertragen: „Bleibet im Lande und

nähret Euch redlich!“

Der Glaser R. fand jetzt durch Vermittelung eines Mäklers bei

einem Schreiner ein Unterkommen, da dessen Geschäft hier nicht als

selbstständig besteht, und die Glaserarbeiten von den Erstern mit

gefertigt werden. Doch das Glück war von kurzer Dauer, da nach

Verlauf der ersten 14 Tage schon, wo der schlaue Amerikaner sich

von der Geschicklichkeit seines Gehülfen überzeugt hatte, jener

diesen zu bestimmen suchte, für einen billigen Lohn auf längere Zeit

sich zu verpflichten; da dieser aber in einen solchen Antrag nicht

eingehen konnte, weil dabei mehr zu verlieren als zu gewinnen war,

so erhielt er auch für die gefertigten Arbeiten nichts, indem der

Meister vorgab, daß Letzterer selbst den Kontrakt gebrochen, indem

er vor Ablauf des Vierteljahres die Werkstelle verlassen wolle. Was

sollte der Sprachunkundige machen, wie beweisen, daß von einem

Vierteljahr-Verband keine Rede gewesen sey? Geduldig mußte er sich das

Prello gefallen lassen, und mit langer Nase abziehen. --

Endlich leuchtete uns ein günstiges Gestirn. Unser braver Landsmann,

Louis Hallbauer, brachte meinen Neffen mit zu seinem Meister, dessen

Geschäft als Bäcker sich vergrößert hatte. Mir selbst wurde durch

dessen Vermittelung in der Kupferfabrik des John Benson auf der Insel

~Brooklyn~ eine Stelle, und etwas später wurde der arme geprellte

Glaser unter die Casserol-Bursche eines französischen Kochs aufgenommen

und in dessen unterirdische Küche verbannt.

Eine neue Lehrzeit begann; denn war ich in der alten Heimath selbst

Meister in meinem Geschäfte, so mußte doch hier Vieles anders

behandelt werden, als bei uns, verschiedene Handgriffe fanden Statt,

und besonders erlaubten die mannigfaltigen Maschinen, welche in

Anwendung kommen, und das gute Kupfer selbst die verschiedenartigsten

Manipulationen des Letztern. Einigen Vierzig Arbeitern wurde es

möglich, bei zweckmäßiger Einrichtung des Lokals und allem möglichen

Werkzeug, in acht Tagen mehr zu fertigen, als solches hundert Mann in

gleicher Zeit bei uns im Stande seyn würden. --

Bis unters Dach der Fabrikgebäude hoben zweckmäßige Maschinen die

schweren Kupfertheile, oder ließen die noch schwerern zusammengesetzten

fertigen Stücke auf die unten angefahrenen Wagen hinab. Arbeiten,

welche man bei uns, der Erschütterung halber, nicht gern über einem

Kellergewölbe fertigen würde, werden hier ohne Bedenken im dritten

Stock auf den Balkenlagern gemacht. Eben so sind in jeder Etage

Blasebälge mit den nöthigen Feuerheerden auf den Dielen erbaut, ohne

daß es Jemandem einfallen würde, dieses feuergefährlich zu finden.

Man läßt hierin Jeden nach seiner eigenen Ansicht und Willen handeln,

wenn solches auch gefahrdrohend für das Ganze seyn sollte, und stellt

dergleichen Fälle mit unter die Kategorie der gepriesenen Freiheit. --

Vorzüglich sind es große Utensilien in die Zuckersiedereien der

südlichen Staaten, welche gefertigt werden, desgleichen Dampfkessel,

Branntweinblasen, Schlangenröhre, wie überhaupt Alles, was man mit dem

Namen: große Arbeit belegt. Das kleine kupferne Hausgeräthe verfertigen

in Amerika die Klempner, welche außer Messing, Weißblech, Schwarzblech

und Zink, auch Kupfer verarbeiten. Ueberhaupt ist das Geschäft der

Klempner eines der besten in Amerika, das überall betrieben wird.

Bei Anfertigung der Brennerei-Geräthschaften fand ich nichts, was

wesentlich von unseren alten Brennerei-Geräthschaften abgewichen

wäre. Blase, Helm und Kühlschlange, sind die einfachen Stücke, woraus

solche bestehen. Die mehr zusammengesetzten großen Dampfapparate

liefern zwar unmittelbar aus der Maische ein starkes Produkt, solches

ist aber nicht rein von Geschmack, indem die Konstruktion so ist,

daß sie keine Reinigung der einzelnen Theile zuläßt. Der Branntwein

wird daher meistens von Destilateuren nochmals abgezogen und kommt so

erst in den Handel. Demnach glaubte ich, mit Einführung Schwarzischer

Brenn-Apparate Geschäfte machen zu können, wenn ich erst mehr und mehr

der Sprache mächtig und mich mit den wesentlichsten Einrichtungen der

amerikanischen Brennereien bekannt gemacht haben würde.

Die Landessprache ist hier durchaus die Seele aller Unternehmungen,

und so lange man deren nicht mächtig, und gleichsam den Deutschen,

welchen man in keiner Art etwas zutraut, verleugnen kann, so finden

alle besseren Angaben kein Gehör, wie ich leider! mehrmals zu erfahren

Gelegenheit hatte, und zwar bei Anempfehlung einzelner Theile

Schwarzischer Apparate. Demgemäß verhielt ich mich jetzt ganz ruhig,

und ging mit meinem Projekte noch nicht hervor, merkte auf Alles

was hier gefertigt wird, zeichnete zum einstigen Selbstgebrauch die

zweckmäßigsten Maschinen ab, und ersparte mir, durch Selbstbeherrschung

und wenigen Bedarf, hübsches Geld.

Einen Unterschied der Stände findet man in der Werkstätte nicht, gleich

dem Herrn, sind alle Arbeiter gut gekleidet. Eine leinene Ueberhose mit

Latz schützt während der Arbeit vor dem Beschmutzen der Beinkleider und

Weste, und vertritt, wie auch bei den Maurern, das Schurzfell, welches

hier nicht gebräuchlich ist. Ein weißes oder rothes Hemd, welches

immer rein ist, da solches der Amerikaner nach Bedürfniß, wöchentlich

mehrmals wechselt, unterscheidet sogleich den Eingebornen von dem

Fremdling. Die gewöhnliche Kopfbedeckung, der Hut, wird nie beim

Kommen oder Gehen vor dem Herrn gezogen, sondern sitzt des Tages über

immer fest auf dem Haupte, gleich in der Werkstätte, wie im Zimmer des

Herrn, oder einer Tabagie. Nur mit dem Nicken des Kopfes bezeugt man

seine Ehrerbietung. Kein Gehülfe zeigt an, wenn er die nächsten Tage

nicht auf Arbeit kommen will; dagegen besuchen die feirigen Arbeiter

die Werkstätten häufig, um nachzusehen, ob es bald wieder von Neuem

Beschäftigung für sie giebt. Sie sind von dem Vorurtheil frei, daß

dieses unschicklich sey.

Gleichwie der Geselle dem Herrn und Meister nicht nachzustehen glaubt,

so ist solches der Fall mit dem Lehrlinge und Ersterem. Wehe dem

Gesellen, der es wagen würde, einem Jungen zu Leibe gehen zu wollen,

gemeinschaftlich würden die Buben über ihn herfallen und jämmerlich

zurichten, wie ich selbst mit anzusehen Gelegenheit hatte.

Die Lehrzeit bestimmen die Altersjahre, gewöhnlich zwanzig, da die

meisten Amerikaner erst mit dem 16. bis 17. Jahre die Lehre antreten,

weil bis dahin die Kinder abhängig von ihren Eltern, Letztern beim

Erwerb mit beistehen müssen. Haben sie aber dieses Alter erreicht,

so spricht sie das Gesetz frei, als selbstständig stehen sie da, und

entlaufen so gern des Vaters Zucht.

Während der Lehrzeit erhalten solche außer Kost und weißer Wäsche,

die nöthigen Kleidungsstücke; auch an Taschengeld fehlt es nicht, und

so stehen sie, in freien Stunden, die brennende Cigarre im Munde, im

dicksten Haufen derer, welche, wenn auch nicht dazu berufen, über das

Wohl des Landes berathen, und fallen mehr oder weniger mit über eine

blosgestellte Staatsperson her, je nachdem die Zeitungsblätter solcher

schon zugesetzt oder Stoff zum Wortkampf gegeben haben.

Sechzehnter Brief.

New-York im Oktober 1839.

Fortsetzung.

Bis zum 12. Oktober ging Alles gut, und von meinem Verdienste, 1½

Dollar täglich, wurde nicht viel verausgabt, da ich mich bei meinem

Schuldner, dem Zimmermann S. auf gemeinschaftliche Kosten mit einlogirt

hatte, ihn so unter Aufsicht behielt, und dieses mir Gelegenheit

darbot, durch Anrechnen der Hälfte Hausmiethe (2 Dollars monatlich),

ohne daß es ihm drückend wurde, nach und nach zu meinem Guthaben zu

gelangen.

Am 12. Abends, von schwerer Arbeit ermüdet und erhitzt, ging ich nach

dem River (Fluß) um mit dem Dampfboote nach New-York, wo ich wohnte,

überzufahren, kam aber zu spät, und da dasselbe schon abgegangen war,

sah ich mich genöthigt, in kalter Abendluft des Bootes Rückkehr zu

erwarten. Ein kalter Schauer überfiel mich, und bevor ich noch das

Quartier erreicht, bekam ich die fürchterlichste Kolik. Branntwein

ist hier die gewöhnliche Medizin, welche bei derartigen Anfällen in

Anwendung gebracht wird, und auch ich suchte durch Anrathen in einem

Trinkstore mir durch mäßigen Genuß Linderung zu verschaffen. Des

Getränkes nicht gewöhnt, nöthigten die erschlafften Glieder bald,

die Augen zu schließen, bis mich noch heftigere Schmerzen weckten,

weil bei abgelegter Bandage der Leibesschaden hervorgetreten war, und

die krampfhafte Verschließung der Oeffnung, den Rücktritt unmöglich

machte. Nur wer an gleichem Uebel gelitten, vermag zu empfinden, was

ich in dieser Lage habe abhalten müssen. Nichts war vermögend den

Schmerz zu stillen, und mit sehnlichem Verlangen erwartete ich am

Morgen die Ankunft des deutschen Arztes, von welchem ich Hülfe hoffte.

Erst Nachmittags 3 Uhr erschien dieser und um meine Verzweiflung auf

das Aeußerste zu treiben, erklärte er: daß mein Quartier einen nicht

schicklichen Ort abgebe, um einen derartigen Schaden zu operiren, er

wolle aber dahin wirken, daß ich sofort in dem Spital aufgenommen

werde. -- Doch leider berichtete erst der Magistrat, von welchem der

weitere Befehl zur Aufnahme ausging, an den Eigenthümer des Schiffes,

welches uns nach Amerika übergeführt, weil aus dessen Kosten meine

Verpflegung Statt finden sollte, da wir noch nicht über ein Jahr im

Lande seyen, in welcher Zeit derartige Verpflegungen dem Schiffseigner

zur Last fallen, wenn der Kranke selbst kein Vermögen besitzt[38].

Dieser, um Gewißheit zu erhalten, ob ich einer der Passagiere sey,

welcher sein Schiff mit befrachtet habe, schickte den Kapitän an mich

ab, der nun in Begleitung eines Viertelsmeisters Nachricht über meine

Lage und sonstigen Vermögensverhältnisse auszukundschaften suchte. Nach

gewonnener Ueberzeugung, daß ich unter die Kategorie der Unbemittelten

zu rechnen sey, machte derselbe noch einen Versuch durch Anbieten

einiger Dollars, mich von meinem Verlangen, im Hospital aufgenommen

zu werden, abzubringen, obgleich er sah, daß durch Verzögerung der

nöthigen Hülfe mein Leben auf dem Spiele stand.

Während dieser Weitläuftigkeiten waren schon zwei Tage verflossen,

und die entzündeten Theile verursachten durch anhaltendes Reiben und

Drücken, die heftigsten Schmerzen, und mehrten die Gefahr, so daß mich

die Angst vom Lager auf- und zurücktrieb, und mein Wimmern weit gehört

wurde. Meiner Sinne nicht mehr mächtig, wünschte ich selbst mein Ende

herbei, und murrte gegen den, welcher der beste Helfer in der Noth ist.

Erst gegen Morgen nach der dritten Nacht verlangte der Schlaf seinen

nöthigen Tribut, und schon stand die Sonne hoch, als man mich mit der

Nachricht weckte, daß der Krankenwagen vor dem Hause halte.

Was ich von diesem Spital gehört, ließ mir solches als offenes Grab

erscheinen und war schon die Aversion vor solchem hinreichend, von der

nähern Bekanntschaft abzuschrecken, um so mehr fühlte ich Veranlassung

gegen die Fuhre mich zu sträuben, da sich meine Natur, auf dem höchsten

Gipfel der Gefahr, während des Schlummers selbst geholfen hatte und

Gottes Güte mich noch länger den Meinen zu erhalten schien. Doch hier

half kein Sträuben; der Befehl zum Abholen war gegeben und ich mochte

wollen oder nicht, wurde ich doch in einen verschließbaren Breterkasten

geschoben, welcher sogleich wieder verschlossen ward, damit den

Inwohnern die Möglichkeit benommen werde, zu entschlüpfen.

Nicht allein war ich in diesem Behälter, schöne Gesellschaft saß noch

neben mir. Eine Negerin mit verbundenem Kopfe hatte sich in die Ecke

gekauert und ein Kreole, welcher durch Wetzen und Reiben zu erkennen

gab, was ihm fehle, (oder besser, zu viel an sich hatte) saß mir

gegenüber. Ein graußiger Anblick! schon spürte ich selbst ein Fressen,

suchte mich möglichst entfernt zu halten, und sah daher mit bangem

Sehnen der Oeffnung des Schlages entgegen.

Bald rechts, bald links, fuhr der Wagen durch lange Straßen eines

Stadtviertels, welches ich noch nicht betreten und große unbebaute

Räume enthielt, von welchem wir nur durch die hohen kleinen Löcher,

wodurch das Licht spärlich in den Wagen fiel, die Spitzen der Bäume,

oder das Dachgesims der Häuser erkennen konnten. Das Thor vom Vorhof

unserer Bestimmung wurde nach erfolgtem Einlaß sogleich wieder

geschlossen, damit keiner der hier Lebenden ohne besondere Erlaubniß

sich entfernen könne.

Um sämmtliche, eine Stunde von der Stadt, am Wasser und auf Sandhügeln

ausgeführten Gebäude dieser großen Armen- und Kranken-Anstalt geht eine

Mauer und gleicht so beim Anblick einer kleinen Festung, welche alles

Nöthige in sich faßt, um, abgeschnitten von der Stadt, auf längere

Zeit mehre Tausende ihrer Bewohner erhalten zu können. Außer den

nöthigen Apotheken findet man hier alle Professionisten in Thätigkeit,

wie Schuhmacher, Schneider, Bäcker, Tischler, Wagner, Schmiede,

Schlosser etc., welche ihrer Armuth wegen vom Magistrat erhalten, doch

selbst nach Kräften die schaffenden Hände rühren müssen um zu ihrer

Verpflegung möglichst mit beizutragen. --

Vor dem Administrations-Gebäude hielt der Wagen. Einige Aerzte,

worunter ein Deutscher, erkundigten sich nach meinem Befinden und

bestimmten nach genommener Rücksprache unter sich den Krankensaal,

welcher mich aufnehmen sollte. Meine Reisegesellschaft wurde ebenfalls

untersucht und anderswo untergebracht.

Zum dritten Stock eines langen Gebäudes führte die an der äußern

Giebelseite angebrachte Treppe, welche zugleich mit einem Altan

versehen war, worauf man bei heiterem Himmel frische Luft schöpfen

konnte. Ringsum im Gemach standen die Schlafstellen und über jeder

hing an der Wand ein Täfelchen, worauf der Name des Bedauernswerthen

geschrieben war, welcher hier lag. Alles war besetzt, doch wie immer

Einer dem Andern Platz macht in diesem Leben, hatte auch hier Freund

Hain für mich gesorgt. Dicht an der Thür war Einer selig entschlafen

und an dessen Stelle nahm ich die mit weißem Betttuch und frischen

wollenen Decken versehene Lagerstätte ein. Zum Liegen verdammt, wurde

mir das Aufstehen streng untersagt, ich erhielt Salbe und Spiritus zum

Einreiben der entzündeten Stelle und der Magen, obgleich immer bei

gutem Appetit, wurde mit Homöopathie kurirt. Thee und trockenes Brod

des Morgens und Abends; mit Reis, Graupen oder Hirsen ohne Fleisch,

wechselte man das Mittagsbrod.

Der Arzt, welchem die Kranken in diesem Saal anvertraut, verstand kein

deutsch, und das Einzige, was solcher zu mir sprach, erstreckte sich

nur auf das Wort: „Schmerzen?“ welches von mir, je nach Umständen mit:

~Yes~ oder ~No~ (Ja oder Nein) beantwortet wurde, das Uebrige

mußte die Pantomime ersetzen. Zu allen diesen Unannehmlichkeiten

gesellte sich bald die Langeweile, da ich des Englischen, welches hier

nur gesprochen, nicht vollkommen mächtig war und die Klagetöne der

Kranken, welche das Zimmer erfüllten, nicht zur Aufmunterung beitragen

konnten. Doch auch hier ward geholfen, da ein Lehrer der deutschen und

französischen Sprache, welcher seiner Angabe nach früher Professor in

der Schweiz gewesen seyn wollte, nicht weit von mir ein Plätzchen fand

und so zu meiner Unterhaltung beitrug. Der Arme litt an Steinschmerzen

und mußte sich schmerzhaften Operationen unterwerfen. Neben ihm lag

ein Schwindsüchtiger, dessen Lebenslicht nur langsam zu verlöschen

schien. Dieser erhielt zur Stärkung ausnahmsweise bessere Speise, doch

der Wärter, bedacht, daß der Kranke den Magen nicht überladen sollte,

theilte jedesmal brüderlich die Portion und aß solche, unverschämt

genug, sogleich vor Aller Augen.

Am achten Tage meines Hierseyns wurde ich mit einer neuen Leib-Bandage

versehen und schon glaubte ich meine Entlassung nahe, als eine neue

Plage mir beschieden, indem ein böses Friesel zum Vorschein kam und

mich unwillkührlich an meinen Reisegefährten, den Kreolen, erinnerte;

vermuthlich aber war es Ansteckung von meinem Vorgänger, dessen Lager

ich eingenommen hatte.

Mehr und mehr schrumpfte bei aller Entbehrung der hungrige Magen und

schon war die Bandage bis zum letzten Loch geschnallt. Was mir aber

am meisten die Erlösung wünschenswerth machte, war der unerträgliche

Luftzug beim Oeffnen der Thür während der Reinigung des Zimmers und bei

dem fortwährenden Gehen der weniger kranken Patienten auf dem Altan, da

eine so nöthige Doppelthür hier fehlte.

Am letzten Tage meiner Entlassung, den 30. Oktober, karambolirte ich

noch mit dem Krankenwärter, der, ein Freund der Kunst, zugleich die

Kommodität damit zu verbinden verstand, da er die vor jedem Bette

befindlichen Spucknäpfe mit in den Sand gezeichneten Figuren verziert

und wegen Nichtbeschädigung dieser Narrensposse daneben zu spucken

anempfahl, welchem nachzukommen ich unterlassen hatte und dafür das

beliebte Schimpfwort der Amerikaner, „Niks komm heraus!“ welches sie

sich gegen die Deutschen bedienen, mehrmals mit anhören mußte[39].

Auf das ärztliche Zeugniß, daß ich einer weitern Behandlung nicht mehr

bedürfe, bekam ich auf dem Bureau eine Karte, gegen die, beim Pförtner

abgegeben, mir das Thor geöffnet wurde, und hungrig wie ein Wolf, eilte

ich der alten Wohnung zu, um durch Speise und Trank die erschlafften

Glieder aufs Neue zur Arbeit zu stärken.

Doch hier hatte sich während meiner Abwesenheit die Lage des

Zimmermanns S. nicht gebessert, da er nur theilweis Beschäftigung

gefunden und, um seine Familie zu ernähren, immer noch Sachen

veräußern mußte. Auch an meine bei ihm in der Stube zurückgelassene

Uhr war die Reihe gekommen und als Ersatz für dieselbe erhielt ich

die trotzigen Worte: „daß ich ihm die Uhr nicht in Verwahrung gegeben

und er deshalb auch nicht dafür verantwortlich zu seyn brauche.“ Doch

noch schmerzlicher als dieser Verlust traf mich der von S. gemachte

Vorwurf, daß ich durch die in Bremen ihm vorgestreckten Gelder der

Urheber seines und seiner Familie Unglück sey, weil ihm nur dadurch

die Möglichkeit gegeben worden, die Reise von da aus nach Amerika

fortzusetzen. Dieses war mehr als Undank, und es blieb mir nichts, als

diese bedauernswürdige Familie zu verabscheuen. Um der Ruhe willen

und da ich auch unter solchen Verhältnissen für meine übrigen Sachen

besorgt war, räumte ich sofort das Quartier, quittirte meine Forderung

und fand bei dem Bäckermeister, wo mein Neffe und Freund Hallbauer in

Arbeit waren, eine sichere und gastfreundliche Aufnahme.

Während meines Aufenthalts im Spital hatte sich Vieles im

Geschäftsleben der New-Yorker verändert, indem am 5. und 6. November

ein neuer Gouverneur gewählt werden sollte, bei welcher Wahl Whigs

und Demokraten kein Mittel unversucht ließen, um die möglichst

große Anzahl Stimmen für die Kandidaten ihrer Parthei zu erhalten

und einem von diesen den gewöhnlich auf drei Jahre einzunehmenden

Posten zu verschaffen. -- Haben schon lange vorher die Zeitschriften

sich abgemüht, alle wahren und erdichteten Fehler der am Ruder

stehenden Personen zu beleuchten, so wird um die Zeit der Wahl das

Gefecht desto hitziger und die ernsthafte Sache selbst, durch die

verschiedenartigsten Karrikaturen ins Lächerliche gezogen. Unter freiem

Himmel, so wie in passenden Lokalen, werden großartige Versammlungen

besucht, wo die feurigsten Redner ihrem Gegner kein gutes Haar auf dem

Haupte lassen. Treffende Witze und sonstige beißende Bemerkungen werden

in Menge gespendet und der Applaus verräth die Anerkennung, welche

die Versammlung dem Sprecher zollt. Besäße einer der Kandidaten nur

die Hälfte der Fehler, welche man zu rügen keinen Anstand nimmt, wie

traurig sähe es um das so gepriesene Amerika aus, welches dann so arm

an rechtschaffenen Leuten seyn müsse. Doch nicht mit Rede und Schrift

allein sucht man zu siegen, Bestechungen aller Art sind im Gefolge

und viele Tausende werden geopfert. Auch die Noth der Zügel für die

Armen in diesem freien Lande kömmt hier den Reichen trefflich mit zu

Statten, da diese schlau genug zur Zeit der Wahl die Mehrzahl ihrer

Leute entlassen. -- Wer würde wohl nun anders denken, anders wählen als

der Brodherr selbst? und um solchen zu gefallen und sich geneigter zu

machen, unterlassen auch die Arbeiter nicht, möglichst viel Stimmen

für ihre Parthei zu gewinnen. So kann es nicht anders kommen, da die

Kandidaten selbst nichts unterlassen sich den Sieg zu verschaffen,

daß nicht immer der Würdigste im Volke die Gouverneur-Stelle erhält,

sondern eher ein solcher, der der gewandteste Intriguant ist.

Auch in der Fabrik des John Benson, wo ich vor der Krankheit in Arbeit

gestanden, waren die meisten Gehülfen entlassen, und mir selbst das

Wiederanfangen vor der Wahl, nicht erlaubt. Doch, um solches eher

zu erzielen, trat ich jetzt mit meinem Plane hervor. Ich übergab

Zeichnungen der neuesten, in Deutschland in Anwendung gekommenen

Schwarzischen Brenn-Apparate, und stellte die Bedingungen, unter

welchen ich mich zur Ausführung dieser Arbeiten verpflichtete. Die

Sache selbst fand Anerkennung; leider konnte ich aber die gestellten

Fragen wegen Welschkorn-Brennen nicht beantworten, da bei uns diese

Fruchtart nicht gebräuchlich ist; ich sah mich deshalb veranlaßt, erst

in den westlichen Staaten die nöthigen Kenntnisse zu sammeln und dann

hierher zurückzukehren.

Siebenzehnter Brief.

Reise nach Utica im November 1839.

So gern ich auch den Wahl-Akt in New-York abgewartet hätte, um mit

anzusehen, wie man sich dabei die Köpfe blutig schlägt, so säumte

ich mit dem Antritte meiner Reise doch nicht, da bei vorgerückter

Jahreszeit die Kanäle leicht zufrieren und die Benutzung derselben für

mich verloren gehen würde.

Eins der größten Dampfschiffe, das die Fahrt nach ~Albany~

machte, nahm mich, am 3. dieses Monats mit auf, welcher schwimmende

Pallast in allen Theilen großartig ausgeführt, Einen schnell und

bequem von hinnen trägt. Erstaunt und voll Bewunderung steht man da

bei Beschauung der merkwürdigsten und nützlichsten Erfindung neuerer

Zeit. Theils die großartige Maschinerie, welche dieses kasernenähnliche

Gebäude ohne Segel stromaufwärts die Fluthen durchschneiden läßt,

theils die prachtvolle Einrichtung dieses schwimmenden Hôtels selbst,

welches alle Bequemlichkeiten des Menschen in sich trägt, nehmen die

ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Auf dem Verdeck, welches mit einer

Gallerie umgeben ist, tragen gefällige Säulen ein Dach, um vor den

Sonnenstrahlen und Regen geschützt, im Freien verweilen zu können; wem

es hingegen beliebt, unbeschirmt, ganz im Freien zu lustwandeln, findet

dazu einen Raum auf dem Dache selbst.

Zwei schöne, mit geschmackvoll gearbeitetem Geländer versehene Treppen

führen in die untern Räume, wo alle Möbeln, Thüren und Tafelwerk der

Wände von polirtem Mahagoniholz gefertigt sind. Die Fußböden und

Treppen sind mit den schönsten Teppichen belegt. Am brillantesten aber

sind die Kajüten für die Damen dekorirt, wo das holde Angesicht der

Schönen tausendfach widerstrahlt, da alle Räume zwischen den Fenstern

mit Spiegelglas ausgelegt sind. Rothseidene Gardinen wallen vor den

Glasthüren und hemmen den Blick in dieses Zaubergemach, wo hinein kein

Mann Zutritt findet. Nicht weniger schön ist ein zweites Zimmer, wo die

Herren dem schönen Geschlechte ihre Aufwartung machen dürfen.

Längs der Wände befinden sich die Schlafstellen mit vortrefflichen

Betten und allen erdenklichen Bequemlichkeiten, desgleichen die

Ankleidestübchen, worinnen alle Erfordernisse der Toilette sich

befinden.

Zwischen den Damen-Kajüten und der Dampfmaschine befindet sich der

große Speisesaal, geräumig genug, um 200 Personen aufzunehmen, der

durch das einfallende Licht der Fenster vollkommen erhellt wird. An

den Wänden hängen, symmetrisch geordnet, die verschiedenartigsten

Adressen von dem handeltreibenden und produzirenden Publikum, worunter

Empfehlungen der auf das Beste eingerichteten Gasthäuser nicht fehlen.

Doch um solche Anzeigen auffallender zu machen und die Aufmerksamkeit

möglichst zu erregen, sind sie in der Regel mit goldenen Rahmen

eingefaßt, auch mitunter auf Seide, andere wieder mit bunter Schrift

gedruckt. -- An Lesezimmern, wie auch an Badestübchen fehlt es nicht.

-- Die Küche, die Gemächer der Schiffsmannschaft, der Mechaniker,

Matrosen, Köche, Mägde und Bedienten, sind mehr abseits angebracht.

Ueber 200 Reisende waren am Bord, alle nobel gekleidet und ein Ton

vorherrschend, daß man glauben sollte, hier mehr unter einer geladenen

Gesellschaft sich zu befinden, als unter vom Zufall zusammengeführten

Reisenden.

Das unangenehme Schaukeln des Segelschiffes ist hier auf dem Dampfboote

weniger fühlbar, da solches von Ufern begrenzt, weniger mit Wind und

Wellen zu kämpfen hat, und würde man nicht durch das Geräusch der

Dampfmaschine, so wie durch das Plätschern der großen Wasserräder an

beiden Seiten des Schiffes erinnert, daß man auf dem Wasser sey, so

würde man leicht vergessen, wo man sich befände.

Die schönste Witterung begünstigte die Fahrt, und mit wahrem Vergnügen

drang ich in das Innere des Landes ein. In verschiedenen Gruppen

placirten sich viele Passagiere auf das Verdeck, um bei heiterer Luft

die Reize der Natur zu genießen. -- Die weißgrauen Kalkfelsen-Ufer sind

meist schroff und mit Tannen und Eichen bewachsen, und gewähren so mit

ihren dunkeln Schluchten ein grausiges Ansehen. Dagegen erblickt man

auch von Zeit zu Zeit artige Landhäuser, Bauernhöfe und kleine Orte auf

fruchtbarem Gefilde.

Fortwährend begegneten uns Schloops und andere Fahrzeuge, welche

theils mit Viktualien oder Holz beladen, auf dem ~Hudson~ nach

New-York fuhren. Dieserhalb verbreiteten des Nachts große Laternen

die möglichste Helligkeit um das Dampfschiff, und warnen dadurch

entgegenkommende Fahrzeuge vor der Gefahr, umgefahren zu werden,

weshalb solche zeitig genug auszuweichen suchen. --

Am Städtchen ~Orange-Tova~ und bei ~West-Point~ wurden

Reisende ausgesetzt und eingenommen, welches mit der größten

Schnelligkeit ausgeführt ward, um die Fahrt nicht zu verzögern. Die

Schiffsglocke verkündete schon in der Ferne die Ankunft des Bootes.

Ein am Außenbord hängender Nachen wurde schnell ins Wasser gelassen,

in welchem die Reisenden ohne Gefahr auf einer eisernen Geländerstiege

bequem vom Schiffe einstiegen. Zwei Ruderer bringen das kleine Fahrzeug

schnell ans Ufer, während der Steuermann ein Seil nachläßt, welches an

Ersterem befestigt, mit solchen gezogen wird. Das Aus- und Einladen

am Ufer dauert wenig Minuten, worauf durch ein gegebenes Zeichen die

Dampfmaschine einen Cylinder in Bewegung setzt, um welchen sich das an

dem Nachen befestigte Seil wieder aufrollt und Letztern nach sich zieht.

Ein gleiches Anhalten, Ausschiffen und Einnehmen von Passagieren

und Effekten fand bei der Stadt ~Hudson~ Statt, und nach einer

Fahrt von 26 Stunden waren 160 englische Meilen[40] bis ~Albany~

zurückgelegt, wo wir den 4. dieses Monats, Vormittags 11 Uhr eintrafen.

Dieser wohlhabende Ort mit 25,000 Einwohnern ist der Sitz des

Gouverniums, und der Hauptort des Staates New-York; er hat bedeutenden

Handelsverkehr, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse

vom Norden des New-Yorker Staates bis ~Canada~ befindet, was

besonders seit dem Bau des großen Kanals, welcher vom ~Hudson~

bei ~Albany~ bis zum ~Erie~-See läuft und eine Länge von 362

Meilen einnimmt, der Fall ist.

Abends 5 Uhr ging ich auf der Eisenbahn nach dem 16 Meilen entfernt

gelegenen ~Schenectady~ ab, und bestieg daselbst sogleich das

Kanal-Boot, die Jacht, da solches diese Nacht noch die Fahrt nach

~Buffalo~ antreten sollte.

Beim Schlafenlegen, wo ich gewöhnlich meine Sachen ganz in die Nähe

brachte, vermißte ich das Hutfutteral, in welchem die Brieftafel mit

etwas Papiergeld nebst meinem Tagebuche sich befanden. Ersteres war in

dem Eisenbahnwagen zurückgeblieben, und wegen dessen Wiedererlangung

keine Zeit zu verlieren. Doch wie sollte ich bei dunkler Nacht und

ohne alle Kenntniß des Weges, den eine halbe Stunde von hier entfernt

liegenden Bahnhof auffinden? Mein Verlangen, einen Matrosen gegen

Vergütung als Begleiter zu erhalten, wurde nicht erhört; ebenso meine

Bitte, die Fahrt noch um eine Stunde zu verschieben, abgeschlagen,

dagegen aber versprochen, die Pferde nur langsam antreiben zu lassen,

welche soeben an das Bootstau gespannt wurden, um mittels diesem das

Fahrzeug auf dem ruhig stehenden Wasserspiegel fortzuziehen.

Glücklich hatte ich die Sachen gefunden und ohne weitern Unfall die

Stelle wieder erreicht, wo ich das Boot verlassen. Eine Viertelstunde

weiter mündet aber dieser Seitenarm in den Hauptkanal ein, und ob ich

nun links oder rechts dessen Lauf verfolgen mußte, war ich ungewiß,

da bei der Dunkelheit der Nacht, und der Gegend unkundig, leicht

eine falsche Richtung einzuschlagen war. -- Alles war ruhig, keine

menschliche Stimme verrieth dessen Nähe, um die nöthige Erkundigung

einziehen zu können, und demnach betrat ich auf gut Glück den

ungebahnten Weg längs des Ufers.

Voller Angst über die Möglichkeit, mich auf falschem Wege mehr und

mehr von meinem Fahrzeuge zu entfernen, lauschte ich bei jedem

Geräusch, da ich hier in der Dunkelheit um mein Leben besorgt, und

auf dem forteilenden Boote möglicherweise um meine Effekten kommen

konnte. So gern ich auch die Schritte beflügelt hätte, so hing doch

der Boden centnerschwer unter meinen Füßen, auch machten einzelne im

Wege liegende Steine diesen bei der Nähe des Wassers höchst gefährlich,

da der Damm hoch und neben der Wasserstraße eine zweite Schlucht sich

längs des Dammes hinzog.

Mehr und mehr umwölkte sich der Himmel, so daß nur dann und wann ein

Stern hervortrat um den unwegsamen Pfad zu beleuchten, worauf das

Vorwärtsschreiten bald unmöglich wurde, da große Steinmassen den Weg

versperrten, welche vermuthlich zur Ausbesserung des Dammes angehäuft

oder Ueberbleibsel früherer Bauten waren.

Obgleich die Nacht empfindlich kalt, so rannte doch der heiße Schweiß

mir von der Stirne, wobei die Glieder zitternd wankten und mir den

Dienst zum Weitergehen versagten. Nach kurzer Ruhe wollte ich mich mehr

links vom Wasser entfernen, als das Gestein mich zum Fallen brachte,

und bis an den Abhang stolpernd, verlor der Körper das Gleichgewicht

so daß ich hinab in die spitzigen Steine fiel. Blutend lag ich lange,

ohne daß ich durch den Schreck Etwas von Schmerzen empfunden hätte, bis

mich die Angst von Neuem zum Aufbruche mahnte. Doch jetzt wurde ich

erst gewahr, daß mir beim Fall das Hutfutteral entkommen war. Solches

wieder zu erlangen hielt weniger schwer, als die daraus entschlüpfte

Brieftasche nebst Tagebuch zu finden, und lange suchte ich in dunkler

Nacht vergebens; ich hätte das Erstere gern entbehrt, wenn ich nur zu

dem Wiederbesitze des Letztern gelangt wäre.

Mein Geschick verwünschend und unzufrieden mit mir selbst, wollte ich

ohne die verlorenen Sachen von Neuem den Wanderstab ergreifen, als die

Töne eines Hornes die Nähe von Kanalbooten verkündete, deren Schein der

Leuchten, wegen des zwischen mir und der Wasserstraße liegenden Dammes,

nicht wahrgenommen werden konnte. Zu meinem Glück waren Passagiere auf

dem Fahrzeuge, welche deutsch verstanden, und der Kapitän, durch diese

von dem mich betroffenen Mißgeschick unterrichtet, ließ nicht allein

sein Boot anhalten, sondern verband auch mit eigener Hand die Wunden am

Kopfe und versah mich mit einer Handlaterne, durch welche es möglich

gemacht wurde, die verlornen Sachen wieder aufzufinden.

Solch Handeln eines so braven Mannes verdient der Vergessenheit

entrissen zu werden, da in Amerika wohl nicht ein Dutzend solcher

anzutreffen ist, welche einem Verunglückten Beistand leisten. Auch ein

besserer Pfad wurde mir gezeigt, dicht am Wasser hin, geebnet für den

Gang der Pferde, auf welchem es möglich war, nach scharf fortgesetztem

Marsche und dem vorkommenden Aufenthalte der Boote, beim Passiren der

Schleusen, am Morgen mein Fahrzeug noch zu erreichen, wo ich ganz

erschöpft aufs Lager sank. Doch auch hier war mir wenig Ruhe vergönnt,

da sich eine böse Sybille mit auf dem Schiffe befand, welche dem lieben

Mann, der sie wider Willen, wie Viele seines Gleichen, zur Auswanderung

verleitet, die bittersten Vorwürfe machte, Mörder ihrer Kinder nannte,

indem zwei derselben während der Seereise gestorben und ein drittes

noch jetzt krank darnieder läge. Leider! verstand der Mann selbst

nicht zu schweigen, und gereizt, sich so weit vergaß, Hand an das

gebrechliche Weib zu legen, und diese nun durch die Stimme ersetzte,

was ihr an Kraft zur Gegenwehr mangelte. Tiefen Eindruck machte der

Vorfall auf Alle, und ich fühlte mich um so glücklicher, da ich die

Meinen im sichern Hafen wußte, und nur allein dem Wechsel des Geschicks

auf dieser beschwerlichen Reise unterworfen war.

Der Ton eines Hornes, wie ich schon in voriger Nacht vernommen,

erweckte die Neugierde, und so verließ ich von Neuem das Lager,

um zu sehen, was solcher bedeute. Es war das Zeichen, welches den

Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündete, und das

Verlangen nach frischen Pferden zu erkennen gab, da man solche alle 2-3

Stunden wechselt.

Gewöhnlich sind zwei hintereinander gespannt, bei Paquetbooten aber, da

solche meist im Trabe gezogen werden, verwendet man 3-4 Pferde, welche

auf den längs des Kanals laufenden schmalem Wege gehen, der auch unter

den vielen über den Kanal geschlagenen Brücken hinwegläuft. -- Die

Führer der Rosse, welche auf dem hintersten Pferde reiten, verstehen

durch das Anhalten der Thiere zur rechten Zeit das Tau ihres Bootes im

Wasser zu versenken, wodurch das entgegenkommende Fahrzeug, ohne sich

in die Leinen des andern zu verwirren, über solche hinwegfährt und

beide sich so geschickt auszuweichen verstehen.

Der Durchgang von einer Schleuse in die andere, wird in einigen Minuten

bewerkstelligt, und hält demnach die Fahrt im Ganzen nicht sehr auf.

Der Kanal längs des ~Mohawk~-Flusses führt in gerader Richtung

durch unermeßliche Waldungen und gut angebaute Thäler, wo man die Orte

~Thowaship~, ~Amsterdam~ und ~Rotterdam~ erblickt, doch

nur in Duodez-Ausgaben, da erst einigen Häusern diese Namen beigelegt

worden sind. -- Ueber einige Bäche und Flüsse wird der Kanal in

Bohlen-Einfassung, welche auf Pfeilern ruhen, geleitet, welche für die

Pferde mit Trottoirs versehen sind, oder durch das seichte Flußwasser

selbst gehen. Da wo der Kanal die beiden Flüsse durchkreuzt, woraus

solcher meist sein Wasser erhält, werden die Pferde, der Tiefe halber,

mittelst einer Fähre übergesetzt.

Mit Anbruch der zweiten Nacht passirten wir ein enges, doch fruchtbares

Thal, welches von wohlhabenden Farmern, wie solches die netten Häuser

verriethen, bewohnt ward. Auch mehrere Sägemühlen befinden sich in

dieser Gegend.

Am Morgen des 7. unternahm ich bei herrlicher Witterung mit drei

Amerikanern längs des Kanals einen Streifzug, welcher sich aber leider

nur auf Eichhörnchen erstreckte, da das Geflügel, fortwährend von

Reisenden verscheucht, sich mehr in das Innere der Wälder zurückzieht.

-- Mit Erstaunen bemerkte ich, daß die Amerikaner sehr gute Schützen

sind, da solche mit ihren langen Röhren, woraus sie Hirschposten

schießen, jedesmal den Kopf des Eichhörnchens vom Rumpfe holten. --

Meine Gefährden, darüber ärgerlich, daß es nichts zu schießen gab, was

einen guten Braten versprach, wurden jetzt eine Heerde zahmer Gänse

gewahr, welche auf dem Flusse an der Seite des Kanals schwammen, und

ohne sich lange zu besinnen, legten sie an und, als es knallte, sanken

dreien die Köpfe. Eine wurde vom Wasser mitgenommen, die andern beiden

aber schwammen noch bis zur Insel, auf welche die Nichtgetroffenen sich

retirirten, blieben aber entkräftet am Ufer liegen. -- Lange sannen die

Schützen, was zu thun sey, da das Wasser nicht tief und es die Braten

zu holen erlaubte, doch Keiner wagte sich in die Fluthen und ließen,

vorwärtsschreitend, den Raub im Stiche.

Nicht sowohl wegen der Beute selbst, als vielmehr um den Schützen zu

zeigen, daß sie wohl verstanden eine Gans zu schießen, aber nicht die

Courage hätten, das Erlegte zu holen, entschloß ich mich rasch, und

schritt entkleidet der Insel zu. Gespannt standen jetzt die Erstern

von fern, und lauschten des Ausganges, ohne mich vor der Gefahr zu

warnen, welche mir drohete, die, wie sie später selbst erwähnten,

ihnen nicht unbekannt gewesen, da sie die Bauern am jenseitigen Ufer

hinter Gebüschen versteckt gesehen hätten. -- Schon hatte ich die eine

Gans gefaßt und noch drei Schritte vorwärts bis zur andern, als rasch

hinter einander zwei Kugeln vom jenseitigen Ufer abgeschosen vor mir

niederschlugen, mich aber, zum Glück noch außer Schußweite, nicht

verletzten. Wie ein Donnerwetter machte ich Kehrt, um einer zweiten

Ladung zu entgehen, und erreichte glücklich, mit einer Gans, das

Gestade. Jauchzend wurde ich empfangen, und der Braten im Triumph dem

Koche übergeben. Mir selbst aber verging aller Appetit, denn wie leicht

wäre nicht mein Vorwitz hart bestraft worden.

Die Gegend ist auch hier gut angebaut, und mit Farmer-Wohnungen

reichlich versehen; auch wird von den Bewohnern viel deutsch gesprochen.

Vor ~Utica~ ward, um den Zoll darnach bestimmen zu können, das

Boot gewogen, welche Einrichtung Aehnlichkeit mit unsern Brückenwaagen

hat. Ist das Erstere auf die Waage gefahren, so wird das Wasser durch

Oeffnen der einen Schleuse abgelassen, wodurch solches trocken auf die

Waage zu stehen kömmt. Nach genommener Ueberzeugung der Schwere der

Ladung wird das Thor wieder geschlossen und durch Oeffnen des andern

der Zutritt Wassers von Neuem gestattet, wodurch das Fahrzeug wieder

gehoben und flott gemacht wird.

Den 7. Mittags fuhren wir auf dem Kanal, welcher durch ~Utica~

führt, in dieser Stadt ein und hatten auf dieser Wasserstraße, welche

von ~Schenectady~ bis hierher 80 Meilen lang ist, 26 Schleusen

passirt und waren unter 300 Brücken weggefahren.

Die Stadt ~Utica~ nimmt an Größe zusehends zu und besonders sind

es Deutsche, welche sich hier niederlassen, unter denen ich auch

einige Erfurter traf. -- ~Anno~ 1794, wurde erzählt, habe an

diesem Ort ein einziges Wirthshaus gestanden und jetzt zähle die Stadt

schon über 6000 Einwohner, wodurch sie als eine der blühendsten Städte

des Staates New-York anzusehen ist.

Achtzehnter Brief.

Fahrt zum Niagara.

Im November 1839.

Meinem Reiseplan zufolge, wollte ich bis ~Buffalo~ die Fahrt

auf dem Kanal machen und von da aus mit dem Dampfschiff nach dem

Niagara-Fall abgehen um dort eine der größten Naturerscheinungen mit

anzusehen. Da aber das Boot, mit welchem ich gekommen, hier einige Tage

verweilte und ich nicht gern Zeit verlieren wollte, so ging ich in

den Vorschlag zweier Rheinländer ein und bestieg mit diesen und fünf

Amerikanern die Postkutsche, wodurch uns mehr Gelegenheit ward, das

Land besser kennen zu lernen, da wir hier nicht, wie es auf dem Boote

der Fall ist, Tag und Nacht die Gegend durchreisten, sondern nur die

Tageszeit dazu benutzt wurde.

Noch war der Morgen des 8. Dezember nicht angebrochen, als ich und

meine Reisegefährden die Kutsche bestiegen. Dieselbe ging in der ersten

Zeit nur langsam vorwärts, da die Wege in Folge des Regens schlecht

und das bergige Terrain auch das Schnellfahren verhinderte. Die Gegend

selbst ist ziemlich wild und die Urwälder noch wenig gelichtet.

Bei ~Oneida~ führte der Weg durch die Niederlassung eines

Indianerstammes, welches Volk, von den Nachbarn verachtet, äußerst

ärmlich sich von der Jagd und einigem wenigen Ackerbau zu nähren

sucht. Das Dorf der Wilden selbst besteht aus den erbärmlichsten

Hütten, welche aus übereinandergelegten Baumstämmen hie und da im

Walde errichtet sind. Auf einer Anhöhe erblickt man eine kleine

ebenfalls von Holz aufgeführte Kirche, für den Gottesdienst der

Indianer bestimmt, welche Missionäre zum Christenthume bekehrt haben.

Links vom Wege ist ein freier Platz, von alten Bäumen beschattet, wo

die Häupter des Stammes sich zu versammeln pflegen, wenn sie über

ihre Angelegenheiten berathen wollen. Ihre braungelbe Farbe, runden

Gesichter, lang geschlitzten Augen, dicken Nasen und langen bis auf die

Schultern hängenden Haare, haben, wenn man solche Gestalten noch nicht

gesehen, etwas Imposantes. Viele sind nur in elende Lumpen gewickelt,

Andere dagegen tragen blaue Hosen, über welche sie Hemden ziehen und

diese sind wieder mit Röcken von Tuch bedeckt. Die Weiber hüllen sich

in weiße oder blaue wollene Decken ein. Ihre Kinder, meist nackend,

benutzen den Durchzug der Reisenden und verfolgen bettelnd die Wagen,

welche Erscheinung dem Europäer um so auffallender ist, da das Betteln

in Amerika nicht Sitte und man nirgends von Wegelagerern um eine Gabe

angegangen wird.

Hinter dem Dorfe, wo der Weg nach einer beträchtlichen Höhe führt,

genießt man eine schöne Aussicht auf den ~Oneida~-See. Die

Landschaft selbst wird jedoch, je weiter man kömmt, wilder, und mit

Ausnahme einzelner Ortschaften ist solche wenig bevölkert. Selten

sieht man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen

Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser, welche Erbauung schnell von

Statten geht und gewöhnlich das erste Asyl der Ansiedler ist. Sind

die Baumstämme gefällt und entastet, so werden ihre beiden Enden mit

Einschnitten versehen und so zusammen gekämmt, über einander gelegt.

Vorkommende Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und

Erde aus.

Die mitunter vorkommenden fernen Aussichten sind äußerst einförmig

und unromantisch, da sie mit nichts als einzeln stehenden Häusern

ausgeschmückt sind; um so überraschender ist daher ein kleiner See

mitten im Walde, an dessen Ufer zwei kleine Städtchen sehr malerisch

liegen.

Im Ort ~Chittenango~ zerbrach die Deichsel des Wagens, wodurch

ein kleiner Aufenthalt verursacht wurde. Der Ort selbst hat mehre

Mühlen und Fabriken, weshalb, um den Verkehr zu erleichtern, ein

Kanal mit kleinem Hafen angelegt worden ist, welcher aus dem großen

~Erie~-Kanal ausläuft.

In ~Onendezes~ sind ebenfalls Fabriken, auch hat dieser Ort,

wie ~Marcellus~, zwei Kirchen, welches gewöhnlich in jedem Ort

von einiger Bedeutung der Fall ist, daß sie eine Anglikanische und

Presbyderianische Kirche besitzen. Jenseits ~Marcellus~ liegt am

~Scomatelass~-See das Städtchen gleiches Namens, welches wegen

eingetretener Nacht nicht mehr gesehen werden konnte. Erst spät trafen

wir in der Stadt ~Auburn~ ein, wo übernachtet wurde.

Am Morgen des folgenden Tages passirte der Wagen eine lange Brücke,

welche über den an dieser Stelle nur eine englische Meile breiten

~Cayuga~-See erbaut ist, welches stehende Wasser zwanzig Meilen

lang sein soll. Die Gegend gestaltet sich immer einsamer und wilder,

da zwischen den 6-8 Stunden auseinander liegenden Städten ewiger Wald

angetroffen wird, in welchem nur dann und wann ein Blockhaus zwischen

verdorrten Bäumen zum Vorschein kommt. Die Pflanzer, der Arbeiten zu

viel habend, fällen die Bäume nicht, sondern machen 1 Fuß von der Erde,

rund um 1 Zoll breit Rinde und Splind bis aufs Holz ab, wodurch der

Stamm abstirbt, damit, wenn er faul von Regen und Wind umgeworfen, er

sich so leichter beseitigen läßt. Doch währenddem benutzt man das

Land schon, rottet unter den dürren Aesten, die nicht mehr beschatten,

das Gesträuch aus, und bestellt hierauf den Boden. Doch will man noch

schneller das Holz beseitigen, so wird Feuer an die Bäume gelegt,

weshalb man oft ganze Striche brennender Wälder antrifft.

Bis ~Waterloo~, einer wohlhabenden Stadt, war der Boden fest, doch

darüber hinaus wurde er morastig, weshalb der Weg mit Baumstämmen

belegt war, welche Knüppeldämme die Fahrt äußerst beschwerlich machen

und mich an die gepflasterte Chaussée zwischen Hannover und Bremen

erinnerte.

~Genovo~, an der Spitze des ~Seneca~-Sees, hat ein Kollegium mit

einigen hundert Studenten, ansehnliche Gebäude, schöne Landhäuser und

Gärten.

~Canandaigua~, an der Spitze des Sees gleichen Namens, wo Mittag

gemacht wurde, ist ebenfalls eine wohlhabende handeltreibende Stadt

mit einer Bank und einem Gerichtshof. Am Nachmittag wurden die Orte

~Victor~, ~Mendon~ und ~Pittsfort~ passirt, wo wir unterwegs nur

theilweise Ansiedler in Blockhäusern antrafen, Abends 8 Uhr erreichten

wir ~Rochester~ und machten daselbst Halt.

Vor dem Jahr 1812 war hier noch Alles Wald, wo man den Acker für 1¼

Dollar kaufte und jetzt ist dieser Ort eine der blühendsten Städte, hat

sechs Kirchen, eine Bank, Tribunalgebäude, mehre Mühlen und Fabriken,

und zählt 6000 Einwohner.

Der große ~Erie~-Kanal geht hier mittels einer steinernen Brücke

von 780 Fuß Länge über den ~Genesse~-Fluß; letztere hat 11 breite

Bogen von 40-50 Fuß Weite und ist mit einem eisernen Geländer versehen.

Ein Trottoir für die Pferde geht längs der einen Seite. Dieses

großartige Werk führt eine durch Kunst und ungeheuren Geldaufwand

geschaffene Wasserstraße über einen breiten natürlichen Fluß.

Am folgenden Morgen fühlte ich mich äußerst unwohl, da ein

Wechselfieber mich heftig schüttelte, wie solches meinen beiden

deutschen Reisegefährden, dem Einen mehr, dem Andern weniger,

ebenfalls begegnete, indem wir uns gestern bei der ungünstigen

naßkalten Witterung eine Erkältung zugezogen hatten. Es wurde daher

beschlossen, hier zu bleiben, uns gut abzuwarten und erst morgen die

Reise fortzusetzen. Die zweite Nacht fühlte ich mich noch kränker

und so gern ich auch hier länger verweilt hätte, so trieb doch die

späte Jahreszeit, welche kein Säumen erlaubte, wie mein unruhiger

Geist selbst, von Neuem in den Wagen. Fest in die Mantel gehüllt und

in die Wagenecken zurückgelehnt, wurde wenig von der Gegend, welche

wir passieren, gesehen und die ewigen Schauer, welche die Zähne

unwillkührlich zusammenschlugen, verbitterten den Vorgeschmack des

großen Naturereignisses, worauf ich mich so lange gefreut und wir

schon, obgleich noch vier Stunden weit vom Wasserfall entfernt, sein

Brausen vernehmen konnten. -- Mit einbrechender Nacht hielt der Wagen

in dem am Ufer des Niagara-Flusses gelegenen ~Louristoba~ an, wo

ich mich sogleich bis über die Ohren ins Bett begrub und zu schwitzen

versuchte, ohne etwas Speise und Trank zu mir zu nehmen.

Umsonst war mein Bemühen den erquickenden Schlaf herbeizulocken. Die

aufgeregte Phantasie hielt mich wach und meiner selbst nicht recht

bewußt, schwebte der Geist im Fiebertraum aus der Vergangenheit in

die Zukunft über. -- Also hier, so weit von den Meinen entfernt, in

den unermeßlichen Wäldern Amerikas, hier also, so nahe am Ziele des

lang gehegten Wunsches, den größten der Wasserfälle mit eigenen Augen

zu sehen, sollte ich vielleicht das Daseyn enden? -- Und von bösen

Träumen erwacht, richtete ich mich hastig auf und fühlte mich noch

stark genug, selbst mit den Wilden zu kämpfen; dann hörte ich, wieder

entschlummert, die lieben Kinder nach dem Vater fragen, welchen sie

schon so lange vermißt und sehnlich seiner Rückkunft harrten. Immer

nur vorwärts trieb’s mich, um dann um so schneller in die Heimath

zurückzukehren, da nur der Körper schwach war, dieser aber nicht den

regen Geist zu zügeln vermochte. So mag’s denn kommen wie es will! Fort

und immer weiter führt es dem Ziele zu!

Noch war es Nacht und ein sanfter Schlummer suchte die matten Glieder

von Neuem zu stärken, da der Geist sich abgetobt, denselben die

Ruhe gönnte, als man uns weckte, weil nach dem Wunsche der übrigen

Reisenden, bald aufzubrechen, der Wagen dazu bereit sey. So ungern

ich auch das Lager verließ und meine Freunde mir riethen, länger zu

verweilen, so raffte ich doch alle Kräfte zusammen, da die Füße noch

nicht den Dienst versagten und bestieg, fieberkrank, den Wagen.

In kurzer Zeit war der Fuß eines Hügels erreicht und auf der Höhe

angelangt, entfaltete sich dem Auge ein herrliches Gemälde, welches

Alle hoch entzückte. Nur für mich verlor es viel von seinem Reiz, da

das trübe Auge nicht vermögend war, das verstimmte Gemüth von Neuem zu

begeistern.

Noch umhüllte ein blauer Nebelschleier den Gesichtskreis und mit

bangem Sehnen sah Alles der aufgehenden Sonne entgegen, da man einen

unfreundlichen Tag befürchtete, gleich denen der letztvergangenen

Zeit. Doch bald fing im Osten der Himmel an, sich allmählich zu

röthen und die Sonne lüftete den Schleier. Fantastisch gestaltete

Wolkengebirge wetteiferten an Schönheit mit der romantischen Gegend und

zogen den trunkenen Blick von der Erde zum Himmel. -- Zu unsern Füßen

breitete sich der ~Ontario~-See aus, in dessen Spiegel sich die

Strahlen der aufgehenden Sonne brachen. Nordwärts begrenzte den See

der breite dunkle Raum von ~Canada’s~ unübersehbaren Wäldern,

westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. An der Ausmündung

des ~Niagara-~Stromes stehen zwei Festen, am ~Canadischen~

Ufer die ~St. Georg~-, auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten die

~Niagara~-Feste. Aus dem Hintergrunde schimmerten am jenseitigen

Ufer des ~Ontario-~Gestades, Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne

hervor, welche dem Städtchen ~York~ angehörten, das acht Stunden

von uns entfernt lag. Nach der Mittagsseite zu sieht man in der Ferne

eine mächtige Dampfsäule aus dem Schooß der Erde in die Lüfte wirbeln,

welche der Fall des ~Niagara~ verursacht.

Nachdem wir uns Alle an diesem imposanten Anblicke hinlänglich

geweidet, wurde der Pfad zu Fuß weiter verfolgt, da von hier aus der

Wagen zurückging. Das dumpfe Getöse vernahm man bei jedem Schritt

deutlicher und zwischen Bäumen kamen mitunter Wassermassen zum

Vorschein, welche dem ~Niagara~-Fall angehörten. Gegen 10 Uhr

langten wir endlich bei einem Gasthause an, wo gefrühstückt und dann in

Begleitung von Führern dem Falle selbst zugeeilt wurde.

Um zur Insel ~Goad-Island~ zu gelangen, welche den Stromfall in

zwei ungleiche Theile trennt, von wo aus der Wasserfall und seine

Pracht am schönsten ins Auge fällt, muß man eine Brücke passiren,

welche über einem Arm des Flusses errichtet ist.

Ein Zweig des ~Allaghanig~-Gebirges, welches den

~Niagara~-Fluß in der Quere durchschneidet, verursacht den

ungeheueren Sturz dieses Gewässers, welches der Abfluß der großen Seen

und des ~Erie~-Sees ist, und bis zu seiner Mündung in das weite

Becken des ~Ontario~ einen mächtigen Strom von 1000-1200 Schuh

Breite und großer Tiefe bildet.

Bis zum ~Chippeway-~Strome, der zwischen dem ~Erie-~ und

~Ontario-~See in ihn hineinstürzt, fließt er langsam und still,

dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt und von dem Wasser des

~Chippeway~ verstärkt, wird er unruhig, und sein Fall reißender.

Stürmend kämpfen seine Wellen gegen Klippen und Felsen an, die ihm den

Weg versperren wollen. Zwei Inseln spalten den Fluß in drei Theile,

welche sich aber stürmisch wieder vereinigen, und dann mit mächtigem

Ungestüm in den über 150 Fuß tiefen Abgrund hinunter stürzen. Die

Breite des Flußbettes beträgt vor dem Sturze gegen 4000 Fuß, in welchen

die wildkämpfenden Wogen durcheinander wüthen, bis sie am Fuße des

Falles sich wieder vereinigen und ihren Lauf friedlich fortsetzen.

Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten herauf gesehen,

scheint aus dem Himmel herabzufallen, um sich in einen bodenlosen

Abgrund begraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige

Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen

zu zersplittern und zu zerstäuben. Man steht inmitten eines ewigen

betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur, wie von

Entsetzen erstarrt, schweigt. Aus der Tiefe, wo alles kocht und gährt,

steigen silbergraue Staubwolken und Wassersäulen hastig empor, um von

Nachkommenden wieder ereilt und zerstört zu werden. Sie heulen in

allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichsten Stimmen, bis sie

im Abgrunde durch das einförmige Brausen übertönt werden.

Die Felsen von beiden Seiten gehen schroff hinab, es ist aber eine

hölzerne Treppe angebracht, auf welcher man bis zur tiefsten Stelle

des Flusses steigen kann. Ein Führer geleitete uns hinab, allein man

wird in seinen Erwartungen betrogen, da alles in Schaum und Dampf

eingehüllt, keinen imposanten Anblick gewährt, und der feine Regen, vom

Wasserstaub verursacht, bald zum Rückwege nöthigt.

Um an das gegenseitige Ufer zu gelangen, wo man, wie unser Führer

versicherte, vom ~Table-Rock~ (Tafelfelsen) aus, die schönste

Aussicht nach dem ganzen Falle genießen soll, bestiegen wir einen

kleinen Nachen, welcher uns in einer halben Stunde mitten durch die

wüthenden Wellen nach dem kanadischen Ufer brachte. Während der

Ueberfahrt hat man nochmals die schönste Gelegenheit das Bild obiger

Verwandlung zu übersehen. Das kanadische Ufer ist ebenfalls wie das

jenseitige, der schroffen Felsen halber, mühsam zu ersteigen; doch bald

bietet sich Gelegenheit, in einem nahen Gasthause sich zu erholen.

Obgleich es Herbst war, trafen wir hier doch viele Reisende, welche die

großartige Naturerscheinung herbeigelockt, und da so eben eine Parthie

zu dem ~Table-Rock~ abging, so schlossen wir uns an. -- Auf diesem

sich weit ins Wasser hervorstreckenden Felsen, welchen dieses Element

ganz unterwaschen hat, genießt man in der That mit einem Blick das

Ungeheuere des großen Schauspiels.

Fortwährende Fieberschauer nöthigten mich, bis zum Abgange des

Dampfbootes, auf welchem wir die Reise nach dem 6 Stunden entfernt

liegenden ~Buffalo~ machten, die Nähe des Feuers zu suchen, und

wohlthuender und erquickender wirkte dieses Element auf mich ein, als

es die großen Wassermassen gethan hatten.

Neunzehnter Brief.

Reise nach ~Cincinnati~.

Im November 1839.

~Buffalo~, jetzt eine Stadt mit 20,000 Einwohnern, wurde im Jahre

1814 von den Engländern zerstört, und dieser Ort, zu jener Zeit noch

ein Dorf, bis auf ein einziges Haus niedergebrannt. Wie ein Phönix hat

es sich aus seiner Asche erhoben, und in diesem kurzen Zeitraume seine

Größe erhalten, welche im fortwährenden Zunehmen ist. Die Stadt ist

gut gebaut, und alle Häuser, in den Hauptstraßen mit schönen Gewölben

verziert, sind aus Ziegelsteinen oder Granit aufgeführt. Sie besitzt

sechs Kirchen und mehrere Bethäuser, ein Theater, Rathhaus, Markthallen

und große ~Hôtels~. Dazu kommt noch ein Leuchtthurm und ein

vortrefflicher steinerner Hafendamm, welcher immer voller Schiffe und

prächtiger Dampfboote ist. „Man erstaunt“, sagt Kapitän ~Marryat~

in seinem Tagebuche über Amerika, „wenn man bedenkt, daß Alles, was

Bezug auf ~Buffalo~ hat, seit 1814 entstanden ist; doch findet man

in Amerika überall ähnliche Wunder der menschlichen Betriebsamkeit. --

„Ueber Hals und Kopf!“ ist das wahre Motto dieses Landes. Jedermann

eilt, seinem Nachbar zuvorzukommen. Der Amerikaner lebt zweimal so

lange als andere Menschen, da er zweimal so viel vollbringt als Andere.

Er beginnt sein Leben schon früher; mit 15 Jahren gilt er für einen

Mann, stürzt sich in den Strom der Unternehmungen und schwimmt und

kämpft mit seines Gleichen. In jeder Kleinigkeit zeigt der Amerikaner,

wie kostbar ihm die Zeit ist. Er steht früh auf, verschlingt sein Essen

mit der Hast eines Wolfes und ist den ganzen Tag über hinter seinen

Geschäften. Ist er Kaufmann, so hat er selten einen Heller von seinem

Gelde in Papieren oder liegenden Gründen stecken, es läuft vielmehr

immerfort umher, sein Reichthum ist und bleibt stets produktiv,

und wenn er stirbt, muß sein Vermögen aus allen vier Weltgegenden

zusammengetrieben werden.“

Meine deutschen Begleiter zum ~Niagara~ setzten von hier aus ihre

Reise nach ~Pittsburg~ fort, ich hingegen beabsichtigte mit dem

Dampfschiffe auf dem ~Erie~-See nach ~Cleveland~ abzugehen.

Von der Fußparthie am Wasserfalle sehr erschöpft, hielt ich für

räthlich, abermals einige Tage hier zu verweilen, um die Gesundheit zu

befestigen, der Gebrauch von Tropfen, auf Zucker genommen, welche mir

von einem in unserer Herberge einkehrenden Indianer gereicht wurden,

und was, wie ich später erfuhr, weißes Terpentin gewesen seyn soll,

befreiten mich vom kalten Fieber.

Diese mit den Bewohnern ~Buffalo’s~ in friedlichem Verkehr

lebenden Indianer vom ~Seneca~-Stamme, haben ihre Niederlassung

drei Meilen von hier gewählt, nachdem ihre wilden Väter aus dem

Geburtslande vertrieben worden waren.

Schon war das Dampfschiff ~Erie~ am 14. November zur Abfahrt

bereit, als es ein stark wehender konträrer Wind am Auslaufen hinderte,

da die vielen Klippen im ~Erie~-See diese Fahrt äußerst gefährlich

machen und jährlich mehre Schiffe als Opfer dort fallen sollen.

Am 15. wurde die Reise bei Windstille angetreten. Das Fahrzeug war

außer verschiedenen Waaren, dem Gepäck der Reisenden, auch noch mit

über 200 Passagieren befrachtet, woraus man schließen kann, wie viel in

Amerika gereist wird, da gewöhnlich ein solches Fahrzeug täglich diese

Tour unternimmt.

Bei der Stadt ~Tonkrik~ sollten Waaren und Passagiere ausgesetzt

werden, weshalb der Steuermann, mehr nach dem Ufer zu, dem Schiffe die

Richtung gab, dabei aber die richtige Passage verfehlte, so daß das

Schiff auf eine Sandbank fest zu sitzen kam. -- Unter verschiedenen

Manövern, das Fahrzeug wieder flott zu machen, nahm der Kapitän auch

die Hülfe der Passagiere in Anspruch, indem sich die sämmtliche

Mannschaft auf der einen Seite des Verdecks versammelte, während die

Dampfmaschine mit voller Gewalt in Thätigkeit war. -- Auf das Kommando

des Steuermannes mußten Alle im Trabe nach der entgegengesetzten

Seitenblanke springen und eben so schnell zurückkehren, wodurch das

Boot schaukelnd, sich leichter ablösen sollte. Lange blieb auch dieser

Versuch ohne Wirkung, bis endlich der sandige Boden nachgab und wir

~retour~ von Neuem das Fahrwasser erreichten.

Am Abend wurde zum zweiten Male bei dem Orte ~Erie~ Halt gemacht,

und frisches Holz zur Heitzung der Dampfmaschine eingenommen. -- Nach

Mitternacht ging der sich erhebende Wind in Sturm über, wodurch die

Fahrt bei der Nähe felsiger Ufer äußerst gefährlich wurde, und sich

bei mir durch das Schaukeln des Schiffes die Seekrankheit von Neuem

einstellte. Zum Glück legte sich am Morgen der Orkan eben so schnell

wie er entstanden, wodurch wir ohne weitern Unfall am 16. dieses

Mittags in ~Cleveland~ ankamen.

Diese Stadt, von dem Flusse in zwei Theile getheilt, ist noch wenig von

Bedeutung, und wird von dicht daranstoßenden Bergen begrenzt.

Ist auch hier, wie überall in Amerika, die englische Sprache

vorherrschend, so wird dennoch von den Landsleuten die Muttersprache

beibehalten.

Zum Glück kam ich hier zur rechten Zeit noch an, da morgen den 17.

November das letzte Kanalboot in diesem Jahre nach ~Portsmouth~,

wo der große ~Erie~-Kanal in den ~Ohio~-Fluß einmündet,

abgehen sollte.

Der Kapitän (wie sich auch die Führer von Kanalbooten nennen, obgleich

jeder Laie einen solchen Posten bekleiden kann), war das richtige

Konterfei eines Räuberhauptmanns, und seine Physiognomie flößte mir

eine solche Aversion, oder war es Ahndung meines bösen Geschicks

auf dieser Reise, ein, daß ich nur mit Widerwillen dieses Fahrzeug

bestieg, weil keine andere Gelegenheit sich darbot, da bei vorgerückter

Jahreszeit zu befürchten stand, daß man noch vor beendigter Reise

unterwegs einfrieren könne, welches letztere uns auch leider widerfuhr.

Die ungünstige Witterung der ersten Tage erlaubte den Aufenthalt auf

dem Verdeck nicht, und machte die Fahrt äußerst lästig, zumal da mehre

Familien mit kränklichen und ungezogenen Kindern in dem engen Raume

sich befanden, welche meine Geduld auf eine harte Probe stellten, da

ich vor Allem ein Feind des Kindergeschreies bin. --

Am 19. erreichten wir die Stadt ~Medina~, welche, wie so viele

Städte in Amerika, äußerst unbedeutend ist, da ein Wirthshaus, ein

Kaufladen mit Spezereien, Tüchern und gebrannten Wassern und noch

ein halbes Dutzend Häuser, von Schuhmachern, Schneidern, Schmieden

und Wagnern bewohnt, sich den Namen einer Stadt beizulegen pflegen.

-- Dörfer, wie bei uns, giebt es gar nicht, da jeder Farmer seinen

Grundbesitz um die Wohnung herum hat, und die mitunter nicht

unbedeutenden Holzflächen die Nachbarhäuser weit entfernen. Aller

gesellschaftliche Verkehr hört dadurch auf und jede Familie bleibt nur

auf sich selbst beschränkt. Ihr Reichthum ist der Wald, ihre Nachbarn

sind die Bäume, das Schulhaus, ihr eigenes Gebäude. Die Kirche ist

groß, sie steht frei da und ladet täglich zum Gebet ein. Doch nicht ein

Jeder findet darin, was zu des Menschen Heil genüget, drum sucht er oft

in weiter Ferne ein gottgeweihtes Haus. In der Mitte des dichtesten

Gehölzes steht solches da, und dieses ist der Ort, wo man des Sonntags

sich begrüßt, nicht aber wie bei uns durch Tanz und freudige Gelage.

Nicht Sturm und Wetter werden gescheut, und ringsum Meilenweit kömmt

Jung und Alt, des Predigers Worte zu hören.

Von der Gegend war an diesem Tage nicht viel zu sehen, da der Kanal

zwischen holzbewachsenen Bergen durchführt, wo nur dann und wann ein

Blockhaus zum Vorschein kommt, welches dem Aeußern nach, nur ärmlichen

Bewohnern zum Aufenthalte dient.

Am 20. kamen wir bei der Bergstadt ~Acrem~ an, wo sämmtliche

Passagiere das Boot verließen, um theils im Orte die nöthigen Einkäufe

zu besorgen, theils den Schleusenbau besser zu besehen, durch welchen

die Boote mittels 17maliger Steigung 160-170 Fuß hoch auf den Berg

gehoben und jenseits nach und nach bis zur frühern Tiefe hinabgelassen

werden.

Meine Aufmerksamkeit nahm besonders das in der Nähe befindliche

Eisenstein-Bergwerk, mit Anwendung von Dampfmaschinen, in Anspruch.

Eine englische, vornehmthuende Familie von unserm Boote, welche in der

Kajüte sich plaçirt hatte, war mir gefolgt, und in dem Wahne, eine des

Weges kundige Person in mir zu sehen, da ich nicht zurückging nach dem

Stege, auf welchem wir das Wasser passirt waren, sondern in gerader

Richtung vorwärts dem Boote nachzukommen suchte, verfolgte sie auch

hier meine Fersen. Der Bach gestattete an einer seichten Stelle das

Durchwaden, so daß nur die Stiefeln etwas naß wurden.

Der Graf, und selbst sein kleiner Sohn entschlossen sich, gleich mir,

das Wasser zu durchgehen, doch die arme Lady blieb zurück, da nach

dem Stege, worüber wir gekommen, zurückzugehen, der Weg zu weit war,

um zeitig noch das Fahrzeug zu erreichen. Da der Mann zu schwach war,

um selbst das Lastthier abzugeben, die liebe Frau hindurchzutragen,

so entschloß ich mich, theils aus Mitleid, theils um zu zeigen, daß

der Deutsche, wenn er will, auch galant seyn kann, den Träger einer

angenehmen Last hier zu machen. Schon war ich glücklich durch den

Bach, und nur der Erdwall noch zu ersteigen, um auf festem Boden

erst der Last mich zu entledigen, und muthig hatte ich schon die

Hälfte des Weges erstiegen, als, o höllisches Geschick! die Füße mir

auf dem nassen Boden entglitten und, wer kann vor Unglück! da lag

unter mir die stolze Britin im Moraste. Der lose Mann, gleich Vielen

seines Gleichen, freute sich des Unfalls seiner Frau, und gab durch

Händeklatschen seinen Beifall zu erkennen. Das Söhnchen weinte und die

beschmutzte Frau suchte möglichst ihren Unmuth zu verbergen. Als aber

beim Aufstehen die Schuhe den ferneren Dienst versagten und in Schmuz

zurückbleiben wollten, da konnte sich die Weibernatur nicht länger

verleugnen und, Gott sey’s gedankt! in englischer Sprache nur, da sie

kein deutsch verstand, erhielt ich meinen Lohn, obgleich nicht ich,

sondern der nasse Boden nur die Schuld alles Unglücks trug.

In der Nacht auf den 21. passieren wir die Stadt ~Massilon~, und

desselben Tages den kleinen Ort ~Bethlehem~, welcher, der Angabe

nach, das beste Trinkwasser haben soll.

Die schöne Witterung an diesem Tage veranlaßte uns, das Boot zu

verlassen, welches im letzten Orte auf die nöthigen Zugpferde warten

mußte, und wir verfolgten den Pfad, welcher fort und fort durch

Felsenschluchten in verschiedenen Krümmungen sich windet. Die Berge,

mit Tannen bewachsen, waren nur wenig gelichtet, eben so verriethen nur

wenig angebaute Stellen die Nähe von Menschen.

Gegen Abend, bei dem Orte ~Bolivar~, wurde mir eine besondere

Freude zu Theil, da uns ein Reisender begegnete, welcher, bei

Nennung meines Namens, mir freudig die Hand drückte und die Zeit

ins Gedächtniß rief, in der er in Weimar bei mir als Kupferschmidt

gearbeitet, und dort glückliche Tage verlebt habe. Auch er, vom

Schwindel der Auswanderung ergriffen, unternahm die Reise, landete in

~New-Orleans~, erhielt aber, aus Mangel der Sprachkenntnisse in

seinem Geschäfte keine Arbeit und suchte deshalb mit Holzfällen sich

so viel zu verdienen, um nach den nördlichen Staaten reisen zu können,

wobei er vorzüglich auf die Gastfreundschaft der Farmer rechnete.

Das Glück begünstigte sein Unternehmen, da er auf einem Dampfboote,

welches den ~Missisippi~ und ~Ohio~ befährt, eine Stelle als

Feuermann erhielt und so nach ~Cincinnati~ gelangte, von wo aus er

die Weiterreise zu Fuß unternahm.

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 4 / 11 题