Zum Nutz und Frommen

deutscher Auswanderer von ihm selbst gesammelt und

zusammengestellt. Nebst seiner Rückreise über England und

Frankreich.

Mit 7 Tafeln Abbildungen.

Weimar 1844 bei Wilhelm Hoffmann.

+Dem+

treuesten Freunde in der Noth

meinem braven Landsmanne

=+Karl Aake+=

welcher in Amerika

+die+

+deutsche Rechtlichkeit und Treue+

nicht abgelegt

+widmet dieses Werkchen+

+als Beweis seiner Achtung und Liebe+

=der Verfasser=.

Inhalt.

Vorwort. II

Erster Brief. 1

Zweiter Brief. 6

Dritter Brief. 10

Vierter Brief. 15

Fünfter Brief. 20

Sechster Brief. 26

Siebenter Brief. 32

Achter Brief. 39

Neunter Brief. 44

Zehnter Brief. 51

Eilfter Brief. 57

Zwölfter Brief. 62

Dreizehnter Brief. 68

Vierzehnter Brief. 75

Funfzehnter Brief. 85

Sechzehnter Brief. 93

Siebenzehnter Brief. 101

Achtzehnter Brief. 111

Neunzehnter Brief. 119

Zwanzigster Brief. 130

Einundzwanzigster Brief. 135

Zweiundzwanzigster Brief. 143

Dreiundzwanzigster Brief. 150

Vierundzwanzigster Brief. 167

Fünfundzwanzigster Brief. 176

Sechsundzwanzigster Brief. 184

Siebenundzwanzigster Brief. 191

Achtundzwanzigster Brief. 199

Neunundzwanzigster Brief. 208

Dreißigster Brief. 216

Einunddreißigster Brief. 226

Zweiunddreißigster Brief. 238

Dreiunddreißigster Brief. 245

Vierunddreißigster Brief. 253

Fünfunddreißigster Brief. 263

Sechsunddreißigster Brief. 270

Siebenunddreißigster Brief. 278

Achtunddreißigster Brief. 287

Neununddreißigster Brief. 296

Vierzigster Brief. 304

Einundvierzigster Brief. 312

Zweiundvierzigster Brief. 327

Dreiundvierzigster Brief. 339

Vierundvierzigster Brief. 348

Fünfundvierzigster Brief. 355

Sechsundvierzigster Brief. 362

Siebenundvierzigster Brief. 378

Achtundvierzigster Brief. 385

Neunundvierzigster Brief. 393

Funfzigster Brief. 402

Einundfunfzigster Brief. 412

Zweiundfunfzigster Brief. 420

Die Heimkehr. 426

Nachschrift. 434

Vorwort.

Lange nahm ich Anstand, bevor ich mich entschließen konnte, die

gesammelten Erfahrungen während meines Aufenthalts in Amerika und das

mannichfaltig Erlebte auf der Land- und Seereise zu veröffentlichen,

da es mir theils wegen anderer Geschäfte an der nöthigen Zeit fehlte,

und ich auch unverhohlen gestehen muß, daß es mir, der ich nicht in

literarischen Arbeiten geübt, eine zu schwierige Aufgabe war, um Etwas

zu liefern, welches mit den schon vorhandenen Werken über jenes Thema

in die Schranken treten könne.

Nur den Aufforderungen von mehreren Seiten und der Bemerkung gab ich

nach, daß es zwar Abhandlungen über Amerika genugsam gäbe, diese

meistens aber von Leuten herkämen, welche als Gelehrte sich darüber

ausgesprochen, oder von solchen, deren finanzielle Verhältnisse

es möglich machten, sowohl der Seereise, als dem Aufenthalte in

Amerika selbst, die beste Seite abzugewinnen und somit Stoff zu den

interessantesten, mitunter höchst verführerischen Beschreibungen

geben, von welchen Herrlichkeiten aber den ärmern auswandernden

Professionisten oder Bauern nichts zu Gute kömmt, und es deshalb

hauptsächlich an einer zusammenhängenden, von aller Gelehrsamkeit

befreiten, sich aber bis in die niedrigsten Nüançen des menschlichen

Lebens erstreckenden Erzählung fehle.

Dieses bestimmte mich, nun Hand an’s Werk zu legen, und man erwarte

daher keine gelehrte Abhandlung, sondern schlichte, der Wahrheit treu

ohne Ausschmückung gemachte Darstellungen, welche nicht für das fein

gebildete Publikum, sondern mehr für die niedern Stände geschrieben

worden, von denen die meisten Leute diese Reise mit wenig Mitteln

unternehmen, und deswegen Beschwernissen und Gefahren ausgesetzt sind,

wovon begüterte Reisende, welche mit vollen Taschen ein Sibirien zu

einem Paradiese umschaffen könnten, nichts erfahren, leider aber,

gewöhnlich Erstere, durch ihre süßen Darstellungen zur Auswanderung

auffordern und ermuntern.

Noch größeres Unheil, als solche überzuckerte Reisebeschreibungen,

verursachen aber auch nicht selten die brieflichen Nachrichten, welche

über’s Meer Freunden und Verwandten zugeschickt werden, und wo Alles in

vergrößertem Maaßstabe angegeben ist, das aus amerikanischen Zeitungen

Gelesene und Gehörte, als wahr und ausgemacht, nacherzählt wird, wo man

Dollars verdient wie bei uns die Groschen, keine Steuern und Abgaben zu

entrichten hat, wo Freiheit und Gleichheit vorherrschend sind, und wo

mit einem Worte der Himmel schon auf Erden angetroffen wird.

Solche Briefe gehen gewöhnlich von Haus zu Haus, und wahr ist Alles was

darinnen steht, wenn sich auch die Sätze nicht zusammenräumen lassen.

-- Denn der Vetter hat ja bei seinem Abgange versprochen, Alles genau

zu schreiben, und wie sollte es auch im Lande der Wunder anders seyn?

Hört man aber auch mitunter von Einem, dem es nicht so recht glücken

will, der um Geld oder sonstige Unterstützung schreibt, und das Elend,

in welchem er und tausend Andere schmachten, schildert, und die

verwünscht, welche durch lügenhafte Berichte ihn vermocht, sein theures

Vaterland zu verlassen und in’s Unglück gestürzt haben, der wird statt

bedauert, ausgelacht und ihm wenigstens theilweis die Schuld für das

Mißlingen seiner gemachten Pläne beigemessen, wenn man ihn nicht gar

unter die zählt, welche durch ein ungeregeltes, lüderliches Leben nur

sich selbst alles zu erleidende Ungemach zuzuschreiben haben.

Dieses ist die Ursache, warum so Viele gar nicht schreiben, da sie

nicht lügen wollen, die Wahrheit aber aus falscher Schaam und um nicht

mißverstanden zu werden, zu verheimlichen suchen und ihr Loos im

Stillen tragen. Demnach werden noch Viele ihr Vaterland verlassen, und

zu spät einsehen lernen, was sie bei dem Tausche gewonnen oder verloren

haben.

Es wird daher nicht ganz ohne Interesse und Nutzen seyn, die meiner

Familie geschriebenen Briefe dem Drucke zu übergeben, woraus man sehen

wird, wie mannichfaltig das Geschick in der neuen Welt mit dem Menschen

spielt, was der unbemittelte Reisende auf einer solchen Tour mehr oder

weniger abzuhalten hat, und was des armen Deutschen Loos gewöhnlich in

seinem adoptirten Vaterlande ist.

Schließlich erlaube ich mir noch die Bemerkung: daß von Allem, was ich

über Amerika gelesen, die Gall’schen Notizen am Uebereinstimmendsten

mit meinen selbst gemachten Erfahrungen sind, und es ist demnach

Jedem, welcher nicht lockende Berichte über Amerika, wie es die von

Duden sind, lesen will, die Gall’sche Reisebeschreibung zu empfehlen.

Ich lebe nun in der Hoffnung und dem Vertrauen, daß dem

Niedergeschriebenen eine gerechte und billige Beurtheilung nicht fehlen

werde, da solches die Arbeit eines Laien und mithin aus einer nicht zum

Druck geeigneten Feder fließt, wie auch, daß die gute Absicht nicht

zu verkennen sey, welche mich zur Herausgabe dieses Werkchens bewog,

nämlich mit dazu beizutragen, daß man immer richtiger und unbefangener

einsehen lerne, was der wenig bemittelte und der Landessprache

unkundige Auswanderer in Amerika zu suchen und zu finden hat.

=Der Verfasser.=

Ohne dem Eigenthümlichen und Einfachen der Schreibart des Herrn

Verfassers zu nahe zu treten, habe ich mir, bei der Durchsicht des

Manuskripts nur hie und da Aenderungen erlaubt, der Rechtschreibung

der Namen von Personen, Städten, Ländern, Flüssen etc. nachgeholfen

und selbst mehrere deutsche, wahrscheinlich von Deutschen in Amerika

gebildete Provinzialismen stehen lassen und so mag denn dieses Büchlein

in seiner schmucklosen Sprache in die Welt gehen und den Nutzen

stiften, welchen sein Verfasser mit Recht erwarten kann.

Taf. ~I.~ der Abbildungen, von welcher ~pag. 29~ die Rede

ist, fällt weg, weil man vorzog, anstatt der Abbildung eines Schiffes,

besser die Ansicht von ~New-York~ beizugeben.

Weimar den 12. Juli 1843.

=Wilh. Hoffmann.=

Erster Brief.

Bremen im Juni 1839.

Landreise von Weimar nach Bremen.

Gott zum Gruß an Euch alle meine Lieben!

Das Ziel der Landreise ist glücklich erreicht und unsere Karavane nach

manchen überstandenem Ungemach am 12. d. M. früh 9 Uhr hier angekommen.

War schon die Erinnerung an den Abschied von Allem was uns lieb und

theuer ist, nicht geeignet, den Anfang einer solchen Reise angenehm

zu machen, um so mehr mußte die ungünstige Witterung der ersten

Tage dazu beitragen, das Gemüth niederzudrücken und den Muth der

Reisegesellschaft herabzustimmen.

Auf Wittigs Höhe[1], dem Sammlungsort der Reiselustigen, wohin mir

einige Freunde das Geleite gaben, wurde von den jungen Leuten zum

Abschied so lange gezecht, gesungen und gesprungen, bis die mit dem

Gepäck, Weibern und Kindern beladenen Wagen ankamen und zum Aufbruch

mahnten.

Obgleich mir das Herz durch den Abschied von Weib und Kindern

zerspringen wollte, war ich doch bis hierher Herr meiner Gefühle,

dem Vorsatz treu geblieben, als Mann standhaft das unternommene

Werk zu beginnen und mit Gottes Schutz und Beistand auszuführen. Als

aber beim Scheiden das Lied: „Nun leb’ denn wohl, du stilles Haus!“

angestimmt wurde, und Viele sich zum letzten Male die Hände drückten

und für dieses Leben auf immer Abschied nahmen, da vermochte auch ich

die Thränen nicht länger zu unterdrücken, welche dem beengten Herzen

Luft zu machen suchten, empfahl nochmals den zurückkehrenden Freunden

Frau und Kinder und eilte dem Wagen voraus, der mich, erst langsam

nachfolgend, in Linderbach[2] einholte, wo ich, an Leib und Seele

ermattet, weilte.

Was ich auf diesem Wege gedacht und empfunden, vermag ich nicht zu

beschreiben. Wie ein gehabter Traum nach dem Erwachen nur noch dunkel

dem Gedächtniß erinnerlich ist, so stand mein Lebenslauf vor meiner

Seele, und jetzt noch frage ich mich oft: wachst du, oder ist Alles nur

ein Traum, was du wachend erlebt zu haben glaubst?

Die Sitze auf dem Wagen waren schlecht arrangirt, so daß unmöglich

neben dem Gepäck das ganze Personal Platz haben, und daher nur

abwechselnd gefahren werden konnte. Ein Familienvater stieg ab und

überließ mir seinen Raum mit der Bitte, das schlafende kleine Kind

im Schooß zu beherbergen. Bald war ich selbst entschlummert und der

Gott des Schlafs suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, als,

o Vorgeschmack der Reise! ein übler Geruch mich aus dem süßen Traume

weckte und ich nun mit Schrecken bemerkte, daß mein Schützling mich

mit einer Gabe beschenkt, welche mich mit einer Schnelligkeit vom

Wagen trieb, die ich mir bei meinen zusammengerüttelten Gliedern nicht

zugetraut hätte.

Die Zeit des Anhaltens in Erfurt benutzte ich dazu, um noch einige

Geschäftsangelegenheiten abzumachen, wurde aber dabei wider Erwarten

aufgehalten, so daß ich vermuthen mußte, die Karavane habe bereits

schon die Stadt verlassen. Ich schlug daher den kürzesten Weg zum Thore

ein, ohne vorher im Gasthofe nachzusehen, ob die Wagen abgegangen

oder nicht; die gefragte Schildwacht bestätigte das Erstere, und im

Sturmschritt wurde der Berg erstiegen. Da aber auf der Höhe nichts

von den Wagen zu bemerken war, entgegenkommenden Fuhrleuten auch

keine Auswanderer begegnet seyn wollten, so war guter Rath theuer,

da entweder der Soldat oder die Letztern mich zum Besten gehabt.

Sollte ich weilen oder meine Schritte verdoppeln. Unschlüssig, was zu

thun oder zu lassen sey, nöthigten mich Regentropfen im Gasthof zu

Schmiera[3] Obdach zu suchen.

Ein schweres Gewitter hatte sich zusammengezogen und der nahe Donner

kündigte dessen Entladung über unsern Häuptern an. Der Sturm wühlte

den Chausseestaub dermaßen auf, daß kein Baum mehr zu erkennen war,

bis der herabströmende Regen wieder freie Aussicht verschaffte. Mitten

unter diesen Naturereignissen kam in vollem Lauf der Pferde eine Chaise

an, und vom Hintertheil derselben sprang einer meiner Reisegefährten,

welcher, um der Nässe zu entgehen, diese Fahrgelegenheit benutzt hatte,

und gab Kunde, daß die Wagen noch zurück, das männliche Personal aber

denselben vorausgeeilt und bis aufs Hemde durchnäßt, bald nachkommen

würde. So bedauerlich auch ihr Anblick war, so konnte ich mich doch des

Lachens nicht enthalten, dankte aber Gott im Stillen, daß er mich durch

die falsche Angabe des Soldaten zur Eile angetrieben und dadurch vor

Durchnässung so wie vor leicht möglicher Erkältung beschützt hatte.

Ganz verstimmt langten wir Abends spät in Siebeleben[4] an, wo das

erste Nachtquartier gehalten wurde. Des Streueschlafens längst entwöhnt

und durch das Kindergeschrei beunruhigt, welche durch die Reise aus

aller Ordnung gebracht, die ganze Nacht kein Auge schlossen, verließ

ich früh das Lager müder, als ich solches am Abend eingenommen[5].

Meine erste Sorge war jetzt, das Gepäck so zu plaçiren, daß bei gutem

Wege das ganze Personal aufsitzen und fahren konnte. Ein vom Wirth

requirirtes Bret wurde hinten querüber auf einen der Wagen gelegt und

diente mir, der im Voraus auf jedes fernere Kindergeschenk Verzicht

leistete, so wie noch drei Andern als Platz.

Obgleich schon beim Antritt der Reise von mir in allen Stücken die

größte Vorsicht anempfohlen worden war, damit nicht durch etwaiges

Unglück eines Einzelnen, durch Aufenthalt das Ganze darunter leiden

müsse, so hätte dennoch vor Gotha ein Kind leicht tod gefahren werden

können, da es während des Absteigens vom Vorderwagen fiel und die

Räder dicht an dessen Kopf vorbeigingen.

In Gotha wurde nicht angehalten und nur während der Durchreise das

Nöthige eingekauft. Erst zwei Stunden später, wo gefrühstückt werden

sollte, kam die sich daselbst zerstreute Gesellschaft wieder zusammen,

nur der Großvater einer Schuhmacherfamilie blieb aus. Länger zu

verweilen hielt der Fuhrmann für unräthlich, versprach aber langsam zu

fahren, damit der Alte, der übrigens kein schlechter Fußgänger war, uns

bis Mittag einholen könne. Doch auch diese Zeit verstrich und es mußte

von Neuem angespannt werden, und schon hatten wir Ammern, wo das zweite

Nachtquartier gehalten werden sollte, erreicht, ohne daß der alte Mann

wieder zu uns gekommen war. Die Angst des Sohnes, so wie auch dessen

Frau und Kinder, läßt sich denken, denn jetzt war es ausgemacht, daß er

entweder krank liegen geblieben sey, oder von Gotha aus einen falschen

Weg verfolgt haben mußte. Ohne Reisepaß und Geld, da beides der Sohn in

Verwahrung hatte, hoch an Jahren, wie sollte der Arme, wenn er nicht

noch diese Nacht ankam, uns einholen? Alles nahm den größten Antheil

an der beängstigten Familie. Kein Auge wurde die Nacht über zugethan,

da man bei jedem Geräusch die Ankunft des Verirrten vermuthete. Der

Morgen brach an, die Fuhrleute mahnten zum Aufbruch, und noch war der

Ersehnte nicht da. Der Sohn, außer sich, wollte zurückkehren, um den

Vater zu suchen; doch welchen Weg sollte er einschlagen, wo ihn finden?

Mußten wir nicht befürchten, bei etwaiger Ankunft des Gesuchten, den

Sohn zurückzulassen? Hier aber noch länger zu verweilen, stimmte nicht

mit den Ansichten der Fuhrleute überein, welche vermutheten, daß der

Fehlgegangene seinen Weg über Eisenach und Kassel fortgesetzt habe und

erst in Hannover zu uns stoßen werde. Diese Ansicht theilten mehre

von der Gesellschaft, und so sehr auch ich und die beängstigte Familie

um längern Verzug baten, so wurden wir doch überstimmt und demnach

unverzüglich aufgebrochen.

Zweiter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Fortsetzung.

Die Witterung am dritten Tage unserer Reise war ebenfalls äußerst

ungünstig, da es fortwährend näßte und Staupen gab, so daß, als wir

das Eisfeld passirten, welches schon dem Namen nach keine warme Gegend

verspricht, wir uns mitten in den Winter versetzt glaubten. Das

gestrige Gewitter hatte in dieser Gegend großen Schaden verursacht; die

Felder verschlämmt, die Straßen zerrissen und in mehren Ställen das

Vieh ersäuft. Das größte Unglück hatte aber eine Auswanderer-Familie

aus Baiern betroffen, welche bei herannahendem Gewitter den Wagen

verlassen, um nicht vereint den Blitz an sich zu ziehen. Nur zwei

kleine Kinder, in wollene Decken gewickelt und mit Betten zugedeckt, um

sie vor der Nässe zu wahren, wurden auf dem Wagen zurückgelassen. Wer

vermag aber den Schrecken der Mutter zu beschreiben, als sie nachsieht

und eins derselben erstickt findet.

In Duderstadt, dem Grenzorte vor Hannover, wurde heute etwas früher

als gewöhnlich das Nachtquartier bezogen, da hier die Pässe visirt,

das nöthige Reisegeld vorgezeigt und auf das Gepäck Durchgangszoll

entrichtet werden mußte.

Die Schuhmacherfamilie, durch die Abwesenheit des Großvaters, nach

welchem die Kinder beständig fragten, voller Unruhe und äußerst

betrübt, hielt den Muth der übrigen Gesellschaft fortwährend

niedergedrückt, und ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, um

den Armen Trost zuzusprechen. Eben saßen wir insgesammt am Tisch, um

das Nachtmahl einzunehmen, als der Sohn des Zurückgebliebenen, welcher

vor dem Hause auf und abgehend, der Ankunft des Vaters ängstlich

geharrt, mit dem Freudenrufe hereinstürzte: „Ach Gott, mein armer Vater

kömmt!“ Er war es, doch in welchem Zustande? Ganz erschöpft sank er zu

den Füßen seiner Kinder nieder.

Der arme alte Mann war in Gotha beim Einkauf von Schnupftaback von

seinem Begleiter getrennt worden und ohne weiter zu fragen, auf dem

geraden Wege, welcher nach Eisenach führt, fortmarschirt. In dem

Wahne, die Wagen seyen noch zurück, hat er bereits einige Stunden

Weges zurückgelegt, bis ihn die Müdigkeit zum Einkehren zwingt, wo

er den Irrthum erst gewahrt, und da kein näherer Weg ihn auf den

richtigen Pfad leitet, sieht er sich genöthiget, nach Gotha zurück zu

wandern. Das Gehen entwöhnt, zum Fahren ohne Geld, muß er mit Angst und

Noth, da ihm ein wunder Fuß nur langsam zu gehen erlaubt, den Seinen

nachzukommen suchen. So wankt er, nur wenige Stunden der Ruhe gönnend,

Tag und Nacht seinem Ziele zu. Nur noch zwei Stunden vom Grenzort

entfernt, schwinden ihm die Kräfte ganz; er kann nicht weiter und

sucht schon Nachtquartier. Da kommt ein Reisender (sein guter Geist)

und zeigt ihm die Möglichkeit, uns heute noch einzuholen, da wir in

Duderstadt verweilen müßten, was morgen weniger möglich sey, wenn

ihm durch Ruhe die ausgespannten Sennen erschlaffend, den Dienst zur

Weiterreise versagen würden. Diese Aufmunterung wirkt, er sucht von

Neuem sich fortzuschleppen und kömmt gleich dem Galeerensclaven, den

man im Schauspiel sieht, bei seinen Kindern an.

Aufs Neue bat ich jetzt, daß Niemand mehr den Zug verlassen sollte und

ahnete nicht, daß ich selbst schon in den nächsten Tagen gleich jenem

mich verirren würde.

Die Witterung schien sich am 7. Juni günstiger zu gestalten. Die Sonne

brach die trüben Wolken und mit ihren warmen Strahlen drang neues Leben

in uns ein. Alle hatten die Wagen verlassen und nur der Irrgänger blieb

wie zerschmettert auf demselben liegen.

In Einbeck trafen wir mit einer Gesellschaft Baiern zusammen, die

ebenfalls ihr Heil in Amerika suchen wollten und logirten mit ihnen

im Gasthofe zur Stadt London. Doch bald sollten wir erfahren, daß wir

wirklich in London waren, weil alles sehr theuer war. Hatte es daher

schon am Abend beim Zahlen der Zeche Verdrießlichkeiten gegeben,

so wurde der Unmuth und die Zänkerei um so lauter, als man das zur

Streue dienende Stroh nur spärlich herbeischaffte und der Wirth sich

beleidigender Ausdrücke bediente, weil nur wenige von uns Betten

verlangten. Mir selbst blieben in der überfüllten Stube, dicht an

der Thür nur einige Halmen zur Unterlage übrig, weshalb ich mehr

und mehr links zur Nachbarin rückte, die freundlich Platz zu machen

schien, als ein Marqueur über meine Beine stolperte und meinen Nachbar

rechts mit dem gefüllten Waschbecken begoß. Dieser, welcher diese

Taufe für beabsichtigten Schabernack hielt und ohnedies auf Jenen,

der sich unberufen in Liebeshändel eingemischt, aufgebracht war, faßt

schnell des Marqueurs Beine und kühlt seinen Muth an diesem Armen.

Der Wirth, gelockt vom Lärm, eilt mit den Seinen herbei, doch eben

so schnell verlassen wir das Lager, und da aus Zufall oder List die

Lichter schnell verlöschen, erhält mancher in der Dunkelheit einen

Schlag, welcher ihm nicht zugedacht war. Ich selbst, der nächste an

der Thür, verzichtete auf Ruhm und Ehre, ergreife schnell die Flucht

und suche Schutz auf einem unserer Wagen, wo mein Bruderssohn sich

schon hinredirirt hatte. -- Neuem Zank am Morgen zu entgehen, wurde der

Wagen früh von uns verlassen, in der Absicht, im nächsten Dorfe die

Reisegefährten zu erwarten.

Die majestätisch aufgehende Sonne versprach heute einen der schönsten

Tage unserer Reise, und froh und vergnügt, da uns manche Scene vom

gestrigen Abend zum Lachen zwang, waren wir im Gespräch bis zu der

Stelle gekommen, wo der Angabe nach ein über den Berg führender Feldweg

das Ziel der Reise um eine Stunde abkürzen werde, und uns später wieder

auf die Straße leiten sollte. Obgleich mit rüstigen Füßen die ermüdende

Straße zum Bergdorf bald zurückgelegt war, so sanken wir doch erschöpft

auf das zum Ruhen einladende junge Gras und die reizende Gegend in

das weit sich ausbreitende Thal ließ bald die gehabten Beschwernisse

vergessen. Im Dorfe selbst war so früh des Tages noch Niemand zu

erspähen, wo man die nöthige Erkundigung in Betreff der Richtigkeit

des Weges hätte einziehen können. Es wurde daher von uns der hinter

demselben angetroffene gebahnte Weg muthig betreten, welcher aber

bald rechts bald links in mehre Arme sich ausbreitete, schwer noch

die richtige Straße erkennen ließ. Nach einem mehrstündigen Wege war

endlich in weiter Ferne die sich um einen Berg windende Chaussee dem

Auge sichtbar, welche nach der Gegend führte, wohin unser Fußweg durch

Getraidefelder sich schlängelte. Schnell eilten wir vorwärts, um noch

vor Ankunft der Wagen unsere leeren Magen zu füllen und auszuruhen.

Eben hatte ich mich, auf den bestellten Kaffee wartend, auf der

Schenkbank ausgestreckt, als der Wirth neugierig nach dem Ziel unserer

Reise fragte, und als er Willwingen als den Ort unserer heutigen Etappe

vernommen, die Schreckenskunde gab, daß dieses nicht der Weg nach

jener Stadt sey, indem diese Straße ins Münsterland und nicht nach

Hannover führe. Zu früh, setzte er hinzu, hätten wir am Morgen die

Chaussee verlassen, da solche in zwei Arme getheilt, der eine links

zu ihm, der rechts aber für uns der richtige gewesen sey. Sollte ich

fluchen oder beten? Ich, der erst anbefohlen, daß Keiner die Wagen

mehr verlassen sollte, mußte selbst Fersengeld entrichten und hatte

dabei für Spott der Reisegesellschaft nicht zu sorgen. Um nicht die

gekommene Straße zurück machen zu müssen, führte uns ein angenommener

Bote einen Holzweg über die steilen Berge, und so erreichten wir nach

vierstündigem sauern Marsch die richtige Chaussee.

Zu unserm Glück hatten die Fuhrleute am Morgen etwas später als

gewöhnlich eingespannt, und da sie uns vermißten, langsam gefahren,

weshalb wir im nächsten Gasthofe noch einige Zeit auf die Gesellschaft

warten mußten. Von jetzt an verließ Keiner mehr die Wagen.

Dritter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Fortsetzung.

Im Dorfe Limmer bei Alsfeld, woselbst Mittag gemacht wurde, trafen

wir Auswanderer, welche von Bremen zurückkehrend, die Kunde brachten,

daß bei dem jetzt überhäuften Andrang von Reiselustigen und bei dem

Mangel an Transportschiffen, die Kaufleute das Fahrgeld erhöht und ohne

Unterschied des Alters 44-45 thlr. in Gold ~pro~ Kopf bezahlt

werden müsse, wodurch sie, die außer Stande so viel geben zu können,

gezwungen wären, in ihre Heimath zurückzukehren. Man denke sich bei

dieser Nachricht den Schreck der Familien unserer Karavane, welche

viel Kinder bei sich und für solche nur auf wenig Fahrgeld gerechnet

hatten. Sollten sie ebenfalls umkehren, oder durch den Verkauf ihrer

Habseligkeiten, die Seereise dennoch zu ermöglichen suchen, und dann

von Allem entblöst, als Bettler den amerikanischen Boden betreten?

Noch unschlüssig, was zu thun oder zu lassen sey, stimmte ich dafür,

wenigstens bis Bremen das einmal Unternommene auszuführen, um sich an

Ort und Stelle von der Richtigkeit der Angabe selbst zu überzeugen, da

leicht Mißverständnisse obwalten könnten.

Während ich langsam vorausging, um das so eben Erfahrene im Tagebuche

zu notiren, hatten die jungen Leute meine Abwesenheit benutzt und das

von mir verbotene Necken erneuert, wobei ein Steinwurf den Einen,

welcher mit hinten auf dem aufgelegten Wagenbret saß, am Kopfe

verletzt. Dieser nun, um sich zu rächen, springt ab, ohne jedoch seinem

Nebenmann etwas zu sagen, wodurch das Bret das Gleichgewicht verliert

und der Andere stürtzt und sich die Hand ausfällt. Der Springer aber

ließ einen Theil seiner Beinkleider am Wagen hängen, wodurch er bei

einer kurzen Jacke, das Gelächter der ganzen Gesellschaft erregte.

Den 8. Juni trafen wir im Nachtquartier zu Willwingen einen tauben

Wirth, der auf alle an ihn gerichteten Fragen mit dem Kopfe schüttelte

und zur Geduld verwieß, bis seine Frau zu unserer Bedienung vom Felde

kommen werde. Hungrig wie die Wölfe, wurde sogleich selbst Hand

angelegt und das letzte Fleisch im Orte zum Abendbrod vorgerichtet,

doch bei mangelnder Aufsicht hatten die Haushunde noch vor dem Kochen,

solches in Sicherheit gebracht und wir mußten den hungrigen Magen mit

saurer Milch und Sallat füllen, dem Einzigen, was wieder aufzutreiben

war, wodurch sich Mancher wegen Magenerkältung gezwungen sah, die

ganze Nacht über auf den Beinen zuzubringen. War aber auch das Essen

schlecht, so erhielten wir eine um so bessere Streue, und der gute

Kaffee am Morgen ließ alles Uebrige leicht vergessen.

Da heute Hannover passirt werden sollte, so zeigte Freund M., daß er

der Sohn eines Schneiders sey und nähte das halbe Hintertheil der auf

dem Wagen hängen gebliebenen Hose so geschickt zusammen, daß der arme

Gefallene nur drei Zoll weite Schritte machen konnte und das eine

Hosenbein um ein Viertheil kürzer als das andere war. Auch der Glaser

R. ließ heute sein Talent als Friseur glänzen und schor dem Zimmermann

S. die Haare so glatt wie einem Hammel, wofür des letztern Frau ihm zum

Danke die gröbsten Reden anzuhören gab.

Hannover, wo wir Mittag ankamen, schien der Sammelplatz deutscher

Auswanderer zu seyn, in allen Straßen waren deren anzutreffen,

vorzüglich aber auf dem Paradeplatze, wo die schönste Musik gemacht

wurde, weil es Sonntag war. Auch wir vergrößerten die Zahl der

Neugierigen und ich hatte bald Gelegenheit, mit einigen Bürgern eine

Unterhaltung anzuknüpfen, während welcher ich die Bemerkung machen

mußte, daß solche ihre Landesangelegenheiten weniger kannten, als

wir Ausländer. Außer der gepuderten Hofdienerschaft, welche gleich

Marionetten vor den Wohnungen der Herrschaften aufgestellt sind, kam

uns von den höchsten Herrschaften selbst nichts zu Gesicht. Eben so

wenig konnte wegen Kürze der Zeit irgend eine Merkwürdigkeit der Stadt

in Augenschein genommen werden.

Zu Neustadt, am Rübenberg, wo am Abend ausgespannt wurde, erfuhr ich

vom Wirth, daß heute sechs Wagen mit Auswanderern den Ort passirt

hätten, und daß nach der Zahl derselben zu schließen, welche in letzter

Zeit hier durchgereist wären, Bremen ziemlich angefüllt seyn müßte, so

daß schwerlich bei dem täglichen Zudrang von Menschen, die nöthigen

Transportschiffe vorhanden seyn könnten.

Jetzt vermuthete ich selbst, daß die uns begegneten Auswanderer,

welche wieder der Heimath zugeeilt waren, nicht ganz Unrecht haben

dürften, und brachte daher bei meiner Reisegesellschaft in Vorschlag,

daß ich diese Nacht mit der durchfahrenden Post auf gemeinschaftliche

Kosten nach Bremen vorausfahren, um vielleicht noch mit den am 15.

dieses Monats absegelnden Schiffen akkordiren zu können. Der Vorschlag

wurde angenommen und um Mitternacht bestieg ich den nur mit einem

Passagier besetzten Postwagen, welcher schlaftrunken mich in dem

blauen Ueberhemde für einen schlichten Bauersmann halten mochte und

so brummend in der Wagenecke liegen blieb. Der Gott des Schlafes

schloß auch meine Augen bald, und schon blickte die Morgensonne

zum Wagenfenster freundlich herein, als mich der Hunger weckte, da

ich Abends vorher nichts genossen hatte. Eben im Begriff, aus der

Jagdtasche etwas heraus zu langen, hielt der Wagen an der neuen Station

an, wo beim Oeffnen des Schlages auch mein Begleiter erwachte und von

dem Marqueur dienstfertig aus dem Wagen gehoben wurde, welche Ehre mir

aber, in dem man keinen respektablen Gast vermuthete, nicht zu Theil

wurde. Beim Kaffeetrinken wünschte der Fremde meine Bekanntschaft zu

machen und fragte daher: „Wie weit die Reise, Landsmann!“ Nach Amerika!

gab ich kurz zur Antwort. „Auf der Post, erwiederte er spottend?“ Ja,

wenn es seyn könnte, entgegnete ich; nur müßte ich dabei wünschen,

die Reise nicht in Ihrer Gesellschaft machen zu müssen. „Und warum?“

fragte er, über meine Antwort verwundert; da ich auf der Reise gerne

spreche, gern etwas erzählen höre und vor Allem das Schnarchen nicht

vertragen kann. „Ich habe Sie, wie es scheint, verkannt!“ sprach er

forschend, „und hoffentlich werden wir jetzt die Reise um so angenehmer

fortsetzen.“ Er ging hinaus und bald ward von dem Marqueur eine Flasche

Wein vor mich auf den Tisch gesetzt. Sie sind im Irrthum Freund!

bedeutete ich Letztern, ich habe keinen Wein bestellt. Das glaube ich

wohl, versetzte er lächelnd, doch in dem Augenblicke, ehe er weiter

sprechen konnte, trat der Fremde ein, schenkte die Gläser voll und

sagte: wir wollen ein Glas Wein zusammen trinken, damit der Schlaf

verscheucht werde. Geschwind! denn der Wagen ist schon angespannt und

der Schwager wird sogleich zum Abgang blasen. Eben wollte ich meine

Bemerkung machen, daß ich ein schlechter Trinker sey und vor Allem für

Spirituosen mich hüten müsse und dergl., als das Horn erschallt und uns

kaum Zeit blieb, auf eine glückliche Reise die Gläser zu leeren, worauf

in den Wagen gestiegen wurde.

Mein Reisegefährte war Hannöverscher Staatsdiener und Sohn eines

Kaufmannes; hatte die Feldzüge vom Jahr 1813 mitgemacht, wußte viel

und gut zu erzählen, und war mit einem Worte ein höchst interessanter

Gesellschafter. Auch ich ermangelte nicht, aus meinem Jugendleben so

manches aufzutischen, was ihm gefiel, und so im Gespräch vertieft,

wurden weniger die Wagenstöße verspürt, welche die gepflasterte

Chaussee verursachte. Bald verrieth die mehr und mehr zunehmende Menge

der nach der Stadt fahrenden Bauersleute, daß Bremen nicht mehr fern

seyn könnte, und von meinem Begleiter aufmerksam gemacht, sah ich die

vom Sonnenstrahl vergoldeten Thurmspitzen Bremens, aber wie lange

dauerte jedoch noch der Weg, bevor die Stadt selbst erreicht wurde.

Endlich am 9. d. M. Mittags 11 Uhr hielt der Wagen vor dem Posthause zu

Bremen.

Vierter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Aufenthalt in Bremen und Bremerhaven.

Wohl eine Stunde irrte ich durch die mit Menschen und Wagen gefüllten

Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, wo unsere Fuhrleute ausspannen

wollten, damit ich mit dem Wirth über das Unterkommen der ganzen

Gesellschaft akkordiren könnte. Niemand wollte das betreffende Gasthaus

in der Altstadt kennen, bis endlich ein Helfershelfer der Herren Wirthe

sich erbot, mir den Weg zu zeigen[6]. Derselbe brachte mich in ein

Haus, welches zwar das rechte Schild, der Wirth aber einen anderen, als

den von unsern Fuhrleuten angegebenen Namen führte. Letzterer erbot

sich sogleich, uns sämmtlich gegen ein Billiges aufzunehmen[7], weil,

wie er versicherte, sein Hôtel nur für Auswanderer eingerichtet sey,

und obschon einige Vierzig bereits bei ihm logirten, so würden wir

doch noch Alle Platz finden. Dabei ermangelte er nicht, weidlich auf

seine Herren Kollegen loszuziehen und solche als Preller darzustellen,

denen es nur darum zu thun sey, die mit den Verhältnissen der Stadt

nicht vertrauten Auswanderer möglichst zu bevortheilen. Während des

Gesprächs wurde mir fleißig zugetrunken, dabei der äußerst billige

Wein gerühmt, und als Probe der hier gebräuchlichen guten Kost eine

Mahlzeit vorgesetzt, ohne dafür Zahlung anzunehmen. Alles nur, um zu

zeigen, wie gut ein Jeder in dieser Herberge aufgehoben sey. Auf mein

Bemerken, daß ich wenigstens da, wo die Fuhrleute ausspannen würden,

hinterlassen müsse, in welchem Gasthofe man mich auffinden könne, erbot

sich der gefällige Wirth, mich in eigener Person zu geleiten, da ich es

ablehnte, seinen Hausknecht mit meinem Auftrage dahin abzuschicken, und

stellte unterwegs noch billigere Bedingungen, als wie sie schon vorher

gemacht worden waren.

* * * * *

Der rechte Wirth in der Neustadt beherbergte gewöhnlich nur Fuhrleute,

durch mich aber, der mit dem Eilwagen vorausgekommen, vermuthlich auf

die Idee gebracht, daß ich für lauter wohlhabende Auswanderer Quartier

bestellen solle, von welchem sich Etwas verdienen lasse, war ebenfalls

sogleich erbötig, uns sämmtlich aufzunehmen. Mein Führer, ärgerlich

darüber, uns zu verlieren, gab mir verstohlen ein Zeichen zum Weggehen

und erzählte mir nun im Vertrauen, daß ein Jeder, welcher Auswanderer

zu einem Schiffsmakler bringe, Einen Gulden Douçeur pro Kopf erhalte,

welches Geld ich ohne Beihilfe eines Andern selbst verdienen könne.

Dagegen mußte ich die Versicherung geben, möglichst dahin zu wirken,

daß die ganze Gesellschaft nicht hier, sondern bei ihm logire. Jetzt

wurde mir erst die Ursache von diesem Verrath klar; da der Schurke das

Kopfgeld nicht selbst verdienen konnte, so entzog er es auch seinem

Kollegen, dem er es nicht gönnte.

* * * * *

Da ich sogleich im Bremerhaven, welcher 10 Stunden von Bremen entfernt

ist, die nöthigen Erkundigungen wegen der vorhandenen Schiffe und deren

Abgang einziehen wollte, so benutzte ich das eben dahin abfahrende

Dampfschiff, wo ich nach einer Fahrt von fünf Stunden im Hafen ankam.

Hier erblickte ich ein Bild, welches ich zu sehen nicht erwartet hatte.

Ueber 2000 Auswanderer lagen im Hafen zusammengedrängt, theils auf

drei großen Schiffen, theils in Privat- und Gasthäusern auf Kosten

der Schiffsmakler. Von einem Landsmann wurde ich auf eines dieser

Schiffe eingeführt, wo ich sogleich einen Vorgeschmack der Seereise

bekam. Schaudererregend war der Anblick der hier in dem engen Raume

zusammengedrängten Menschenmenge, wo durch einander Männer und Weiber,

Jung und Alt, ohne Rücksichtnahme auf gebildete Personen, die größten

Zoten zum Besten gegeben, wo manch altes Bauernweib die letzten Fetzen

der Hemden ihrer Familie zusammensuchte, um sie zu gebrauchen, da diese

dann bei der Ankunft, nebst dem eingewohnten Ungeziefer ersäuft werden.

Hier sitzt eine besorgte Mutter und reinigt den Kopf des Kleinen, dort

hat ein Kind sein Lager besudelt und dicht daneben schmeckt Anderen der

erhaltene Thee nebst Schiffszwieback ganz vortrefflich; während dessen

wird auf dem Oberdeck getanzt und gesungen, und oft wie ich so eben

Gelegenheit hatte mit anzuhören, das Ganze von zwei bösen Sybillen, die

sich veruneinigt hatten, überschrieen. Jetzt wurde mir einleuchtend,

weshalb manche gebildete Familie, vorzüglich wenn sie erwachsene

Töchter hat, noch beim Einsteigen ins Zwischendeck die Reise aufgiebt,

wenn die Mittel, in der Kajüte zu fahren, nicht ausreichend sind.

Ein anderes dieser Schiffe, das ich bestieg, hatte im Zwischendeck

nur eine Höhe von fünf Fuß, so daß man nicht anders als gebückt

darin stehen konnte. Die Passagiere, auf diesen Uebelstand von mir

aufmerksam gemacht, verlangten, daß durch Niederlegung des Fußbodens

das Zwischendeck erhöht werden solle, zu welcher Veränderung sich erst

nach langen Debatten der Schiffsmakler verstand.

Im Nachtquartier traf ich mit Auswanderern aus aller Herren Länder

zusammen, von welchen einige schon über vier Wochen auf Kosten der

Makler hier logirten und auf abgehende Schiffe warteten. Von ihnen

wurde ich darauf aufmerksam gemacht, wie man nicht genug Vorsicht

gebrauchen könne, um nicht beim Kontrahiren zur Reise bevortheilt zu

werden, und so allen Versprechungen entgegen, aus eigenem Beutel bis

zum Abgang des Schiffes zehren müsse, wie es leider jetzt Manchem gehe.

Schon am frühen Morgen des folgenden Tages bekam ich durch den

Landsmann S.[8], welcher mich gestern auf dem segelfertigen Schiffe

eingeführt hatte, die Einladung, auf diesem die Reise mitzumachen,

da diese Nacht auf solchem ein Passagier erkrankt, deshalb die Fahrt

aufgegeben und dessen Platz einzunehmen sey, welchen er bei dem

Kapitän für mich erbeten habe. So gern ich auch von dieser schnellen

Fahrgelegenheit Gebrauch gemacht, so erlaubten es doch die gegen meine

Reisegefährten übernommenen Verpflichtungen keineswegs. Ich dankte

diesem Braven herzlich, für den guten Willen mir zu dienen und mit dem

Wunsche eines glücklichen Wiedersehens in einer andern Welt, schieden

wir gerührt von einander.

Da in Bezug auf die Seereise im Hafen selbst nicht zu akkordiren

war[9], so durfte auch keine Zeit verloren gehen, um das Nöthige in

Bremen selbst zu ordnen, und so fuhr ich mit dem Dampfschiff, welches

einige von Amerika kommende Reisende am Bord hatte, unverzüglich

zurück. Letztere schienen in den überseeischen Ländern ihre Rechnung

auch nicht gefunden zu haben, da ein Paar Eheleute äußerten: lieber in

ihrem Vaterlande zu betteln, als in dem freien Lande hungrig sterben.

Ein Zweiter klagte über die Schurkerei der Amerikaner, die ihn um

seinen sauer verdienten Lohn betrogen hätten. Ein Dritter wollte durch

einen Bankbruch um das Seinige gekommen seyn. Jeder hatte seine eigenen

Bemerkungen zu machen, welche am Ende alle dahinaus gingen, im Lande

zu bleiben und sich redlich zu nähren. Schöne Aussichten für uns!

Nur einer schien mit seinem Loos zufrieden, da er, seiner Erzählung

nach, amerikanischer Landmann sey, ein hübsches Eigenthum besitze und

jetzt eine Reise zu seinen Verwandten mache. Freundlich wurde ich von

demselben eingeladen, auch ihn, der bald zurückkehren werde, in Amerika

zu besuchen, da er selbst Brennereibesitzer sey und ich ihn vielleicht

auch mit meinem projektirten Unternehmen dienen könne.

In Bremen angekommen, verfügte ich mich sogleich auf das Komptoir des

Herrn W.[10], wo ich zu meinem Befremden erfuhr, daß von den Agenten

der Schiffsrheder weit mehr Auswanderer hergeschickt würden, als die

vorhandenen Schiffe zu fassen vermöchten, weshalb man sich genöthigt

sähe, die Frachtpreise zu erhöhen und daß auch jetzt für Kinder

jeglichen Alters, selbst bis auf den Säugling herab, dieselbe Summe

wie für Erwachsene bezahlt werden müsse, da bei dem gegenwärtigen

außerordentlich großen Andrange von Auswanderern die nöthigen Schiffe

fehlten, und bis zu deren Ankunft die von den Agenten zugeschickten

Personen als Entschädigung für Kost und Logis ~pro~ Kopf 10

Groten[11] auf den Tag erhielten und solches eine nicht unbedeutende

Ausgabe verursache.

Was sollte ich unter solchen Umständen thun? Für die ganze Gesellschaft

konnte ich nicht zur nächsten Fahrgelegenheit abschließen, da ich

wußte, daß einigen meiner Reisegefährten, die nicht auf die gegenwärtig

bedeutend erhöhten Fahrpreise gerechnet, das nöthige Fahrgeld fehle.

Um aber nicht für uns Alle die Gelegenheit zu verabsäumen, mit dem

am 15. d. M. expedirten Schiff in See gehen zu können, so schloß ich

wenigstens für sechs Mann fest ab, mit der Bedingung, daß für die

andern Personen die Plätze bis Morgen Mittag offen bleiben sollten, wo

die bis dahin Ankommenden das Weitere selbst beschließen könnten.

Fünfter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Fortsetzung.

Die Reisegesellschaft war bei ihrer Ankunft nicht wenig bestürzt, als

ich ihr die bereits gemachten Erfahrungen mittheilte, und schon sahen

sich einige im Geist wieder in die Heimath versetzt. Noch unschlüssig

über das, was zu thun oder zu lassen sey, wurde in banger Erwartung

der Mittagsstunde entgegen gesehen, wo den Armen durch den Makler

selbst ihr Schicksal verkündigt werden sollte. Der schlaue Wirth,

meine Abwesenheit benutzend, da ich eben mit einigen Gefährten die

Verhältnisse in Erwägung zog, sucht bei den Uebrigen seine Person

geltend zu machen und verspricht, wenn sie sich ihm anvertrauen würden,

bei dem Makler, welcher sein Freund sey, dahin zu wirken, daß er Etwas

von der Forderung ablasse.

Die Leichtgläubigen ließen sich bethören und gingen, ohne meine Ankunft

und die bestimmte Zeit abzuwarten, mit Letzterm auf das Komptoir

des Herrn W.[12], doch, wie vorauszusehen, galt der Wirth hier wie

jeder andere, und seine Absicht ging blos dahin, das Kopfgeld[13] zu

verdienen. Aber noch zur rechten Zeit kam ich selbst mit den Uebrigen

an, um ihm, wie er uns, den Verdienst zu entziehen.

Alles bot ich auf, des Maklers Mitleid zu erregen, durch Schilderung

der Lage derjenigen Armen, welche sich gezwungen sähen, in die Heimath

zurückzukehren. Doch nur zu oft kommen solche Scenen vor, um Eindruck

auf ein Herz zu machen, welches nur am Golde hängt. Es blieb daher

bei der Bestimmung, daß die Erwachsenen 44 thlr., Kinder 40 thlr.,

die Säuglinge aber 35 thlr. in Golde zahlen sollten. Die Abfahrt nach

New-York mit dem Schiff ~St. Lawrence~, wurde zwischen dem 20. und

23. d. festgestellt, und von dieser Zeit an uns die Beköstigung vom

Schiffe aus zugesagt. Im Fall aber widrige Winde oder sonstige Umstände

den Abgang verzögern würden, sollte die gewöhnliche Vergütung von 10

Groten ~pro~ Kopf für jeden Tag eintreten.

Auf dem einer jeden Familie unserer Reisegesellschaft ausgestellten

Schiffskontrakt war nur die richtig geleistete Zahlung bescheinigt

und die Zeit der Abfahrt bestimmt, ohne daß auf demselben etwas über

die uns mündlich zugesagte Beköstigung oder Geldentschädigung erwähnt

worden wäre. Auf meine Bitte, dieses nachzuholen, gab man den kurzen

Bescheid, solches sey nicht gebräuchlich und auch nicht nöthig, da

schon das gegebene Wort genüge[14].

Alle, die wir von Weimar aus die Reise unternommen hatten, waren

dennoch im Stande das zur Ueberfahrt nöthige Geld aufzubringen. Nur der

Zimmermanns-Familie ~S.~ fehlte es wegen dem erhöhten Fahrgeld an

Mitteln, da solche für drei Kinder auf weniger, den Säugling aber frei

gerechnet hatten. Außerdem war der Vater krank und von einer Ehehälfte

geplagt, welche ohne Gefühl und Mitleid den Armen noch mit Vorwürfen

quälte, da sie mehr gezwungen, als freiwillig zur Auswanderung sich

entschlossen hatte. Sollten sie die Sachen verkaufen und so von Allem

entblößt, die Seefahrt zu ermöglichen suchen, oder zurück in die

Heimath kehren, wo Haus und Hof veräußert war? Das Erstere verbot die

Klugheit und von Letzterem hielt sie falsche Schaam zurück. Auf mich

hatten sie daher ihre letzte Hoffnung gesetzt und bestürmten meine

Person mit Bitten und Flehen um den nöthigen Vorschuß, welcher mit dem

größten Danke dem Retter aus der Noth, in Amerika wieder zurückgezahlt

werden sollte[15]. Da der Mann selbst mir als rechtlich bekannt war,

so bedurfte es nichts mehr, um sein Flehen zu erhören, und durch eine

Unterstützung so die Möglichkeit an die Hand zu geben, mit uns vereint

die Reise fortzusetzen.

Den militärpflichtigen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft, welche

ohne Erlaubniß die Auswanderung beschlossen, wurde bei Ausstellung des

Schiffskontrakts, auf deren Anfrage, wegen ihrem sonstigen Verhalten,

von Herrn W.[16] der Bescheid, das Wanderbuch, ohne weiter etwas zu

bemerken, auf der Polizei nach dem hannöverschen Grenzort visiren zu

lassen. Der Weg dahin führe über Bremerhaven; daselbst angelangt, frage

dann Niemand mehr, ob die Seereise mit oder ohne Erlaubniß unternommen

sei, da man das Wasser nicht gern von der Mühle weise.[17]

Gleich beim Weggang vom Komptoir wurde beschlossen, das Gasthaus

zu verlassen und eine Privatwohnung zu beziehen, wo dann Jedem die

Gelegenheit werde, möglichst billig leben zu können, und im Hause des

Schneidermeisters Achelpohl fanden wir dazu die schönste Gelegenheit.

Jetzt hieß es, bei karger Kost und dünnem Kaffee sich in Geduld zu

üben, und wir suchten uns, in Erwartung besserer Tage, gegenseitig das

Leben so angenehm als möglich zu machen.

Das Drängen und Treiben der Bremer, das Ein- und Ausladen der Schiffe,

die schönen Anlagen um die Stadt, die reizenden Parthien in derselben,

das im Vorgefühl der schönen Hoffnungen fröhliche, mitunter aber auch

traurige Aussehen der Auswanderer, welche zu Hunderten durch den Reiz

der Neuheit getrieben, da viele von ihnen noch nie eine so große Stadt

wie Bremen gesehen hatten, gaffend in den Straßen standen, oder mit dem

Einkauf der zur Seereise nöthigen Gegenstände und Lebensbedürfnisse

beschäftigt waren.[18] Der Lärm in Wein-, Schnaps- und Bierhäusern,

wo Mancher noch vergeudete, was bei erhöhtem Fahrgeld übrig geblieben

war, so wie durch das mitunter herzergreifende Ansehen der Familien,

welche durch Krankheit, oder aus Mangel des nöthigen Geldes, die Reise

getrennt unternehmen müssen, Alles dieses gab vollauf Stoff, die Zeit

zu tödten und Betrachtungen über das menschliche Leben anzustellen, von

denen man Folianten füllen könnte.

Unter solcher Zerstreuung war der 16. d. herangekommen, wo das schöne

feierliche Glockengeläute am Sonntag zum Besuch der heiligen Stätte

mahnte. Auch ich wünschte vor Antritt der großen Reise mich nochmals

dem zu empfehlen, welcher das Schicksal der Menschen lenkt. Deshalb

besuchte ich, feierlich gestimmt, in Begleitung des Sohnes meines

Bruders und dem Glaser R. die St. Pauluskirche. Nach dem Gottesdienste

war Kommunion und obgleich nicht festlich gekleidet, waren wir doch

willkommene Gäste des Herrn. Nach beendigtem Abendmahl wartete am

Ausgang der Kirche der würdige Pastor +Hemstängel+ auf uns, und

sprach: „Wir haben uns am Tisch des Herrn gesehen und da ich in Ihnen

Auswanderer vermuthete, so wünschte ich nun auch in meiner Wohnung

Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bitte Sie, mich dahin zu

begleiten.“ Wie eine Stimme von oben, klang uns diese Einladung und

mit beklommenen Herzen folgten wir derselben. Nachdem Sr. Ehrwürden

die uns zur Reise veranlaßten Gründe erfahren hatte, hielt dieser

brave Geistliche eine so herzergreifende Rede, daß jedes seiner Worte

tief ins Innere drang, da er alle die Gefahren so treffend berührte,

aber auch den Lohn zu schildern wußte, welcher den Menschen erwartet,

welcher mit Ausdauer und seinem Gott ergeben, sein Werk mit Muth

und Standhaftigkeit zu Ende führe. Daraus gab er uns für die andern

Familien Gebetbücher mit den Worten: „sagen Sie solchen in meinem

Namen, daß der Herr überall mit Jedem sei, welcher ein gottgefälliges

Leben führe; er wandle hier oder in jenem Welttheil, wohin wir zu

reisen gedachten. Nur nicht überall gäbe es für die Kinder den

nöthigen religiösen Unterricht, damit der Mensch in jeder Lage des

Lebens sich seines Gottes und dessen unerschöpflicher Güte vollkommen

erfreuen könne. Er fühle sich daher veranlaßt, die Erwachsenen darauf

aufmerksam zu machen, daß sie mit Beihilfe der mir übergebenen Bücher

für das Seelenheil ihrer Kinder nach Kräften sorgen möchten und nicht

dasselbe über Mühe und Arbeit, Verdienst und etwaigen Reichthum

vernachlässigten. Denn was ist alles Irdische! fuhr er fort, wenn dabei

der Himmel verschlossen bleibt und die Seeligkeit für den Menschen

verloren geht, die nur durch richtige Begriffe von Gott und Jesum zu

erlangen ist. Um wie viel glücklicher sind Sie, sprach er zu mir, da

Sie ihre Familie in einem Lande zurücklassen, wo wahre Aufklärung

herrscht. Leiden Sie auch durch die Trennungsschmerzen mehr als die

Familienväter, welche die ihrigen um sich haben, ist auch der Gedanke

an die zurückgebliebenen Frau und Kinder herzergreifend, so muß Ihnen

dagegen zur Beruhigung dienen, daß dieselben wohl versorgt sind

und nicht die Beschwernisse einer solchen Reise zu ertragen haben,

sondern im sichern Hafen abwarten können, was der Herr unser Gott

über sie beschlossen hat. Empfangen Sie hiermit nochmals durch mich

den Seegen des Herrn, welcher im Geist mit übertragen wird auf die

zurückgelassenen Ihrigen. Was auch Ihr Schicksal sei, Gott wird Sie

geleiten auf allen Ihren Wegen und deshalb vertrauen Sie auf den, der

Alles zum Besten führt.“ Tief gerührt verließen wir das Haus. Denn noch

nie hatte die Rede eines Geistlichen solchen Eindruck auf unserer Aller

Herzen gemacht. Möchten doch Viele sich berufen fühlen, den Reisenden

in ähnlichem Sinne Muth und Trost zuzusprechen.

Sechster Brief.

Bremerhaven im Juni 1839.

Fortsetzung.

Ein Tag verstrich wie der andere. Die leer gewordenen Logis wurden

sofort mit Neuangekommenen besetzt, wobei nicht selten die Sachen

verwechselt oder vorsätzlich entwendet wurden, wie solches dem

Konditor T. aus V. widerfuhr. Uhren- und Gelddiebstähle sind häufig,

und es ist daher auf Pretiosen die größte Vorsicht zu verwenden. Eben

so wenig sollten die Kisten ohne Aufsicht gelassen werden.

Mein gewöhnlicher Spatziergang fing bald an mich zu langweilen, und

die prächtigen Karossen, sowie die durcheinander wogenden Fußgänger

hatten keinen Reiz mehr für mich, da die mannichfaltigen Erinnerungen

an die zurückgebliebene Familie und ein banges Sehnen nach der dunkeln

Zukunft, das Warten um so peinlicher machte.

Endlich brachte der 21. d. eine Unterbrechung in das alltägliche

Leben, da an demselben Tage die über die Weser führende Nothbrücke dem

Publikum geöffnet wurde, welche die Kommunikation der Neustadt mit der

Altstadt so lange unterhalten sollte, bis die alte baufällige Brücke

abgerissen und an deren Stelle eine neue, von Steinen, aufgeführt

worden sein werde. Jeder wollte die Nothbrücke zuerst passiren, und es

drängten sich daher von beiden Seiten so viele Menschen auf derselben

zusammen, daß Mann an Mann wie eingemauert standen. Von den Ufern aus

sahen Tausende der Mannschaft zu, welche an der Brücke gearbeitet

hatten und jetzt auf zwei nebeneinander stehenden Schiffen bei Musik

und Tanz das erhaltene Freibier verzehrten. Zum Schluß war Feuerwerk

verkündet, weshalb eine Masse Kähne auf stiller Fluth die größern Bote

umschwärmten und das schaulustige Publikum bis spät Abends auf den

Beinen hielt. Doch mehr Witz als Wahrheit war das Feuerwerk, da nur

einige Raketen zerplatzten.

Schon war der 22. verstrichen und noch keine Anstalt zu unserm

Transport nach dem Hafen gemacht, wir erhielten aber auf dem Komptoir

des Herrn W.[19] die Versicherung, daß morgen drei Weserschiffe uns

dahin bringen würden. Jedoch auch der 23. und 24. gingen ohne Erfüllung

der gemachten Zusage vorüber, und eben so wenig erhielten wir auf diese

Tage für Kost eine Entschädigung, sondern wurden damit bis zur Ankunft

auf dem Seeschiffe vertröstet. Was sollten aber bis dahin meine armen

Reisegefährten anfangen, von denen einige ganz von Baarschaft entblößt

und der hungrige Magen sich nicht wie der Geist mit den lockenden

Aussichten in dem gelobten Amerika begnügen wollte.

Endlich am 25. waren die Transportschiffe bereit, uns nebst Effekten

aufzunehmen, und auf dem, welches ich bestieg, war bis Mittag alles so

geordnet, daß Jeder noch nothdürftig ein Plätzchen zum Liegen hatte.

Als aber am Nachmittag noch einige Funfzig Juden mit ihren sämmtlichen

Sachen ebenfalls in dem schon sehr beengten Raum untergebracht werden

sollten, so wurde von Neuem alles drüber und drunter geworfen, um nur

so weit Platz zu bekommen, daß sämmtliche Passagiere, wenn auch wie

Häringe zusammengeschichtet, im Zwischendeck dem Hafen zugeschickt

werden konnten.

Die anderthalben Tag und eine Nacht lange Fahrt war eine der

beschwerlichsten, die ich gemacht habe, da ein anhaltend starker

Wind das Schiff beständig in schaukelnde Bewegung versetzte, wodurch

die Seekrankheit sich sofort einstellte und ein Erbrechen erfolgte,

welches um so beschwerlicher war, da bei dem engen Zusammenliegen ein

gegenseitiges Beschmutzen nicht vermieden werden konnte. Da die meisten

Passagiere nicht darauf vorbereitet waren, bekamen wir jetzt schon den

Vorgeschmack der Seereise, und Mancher hätte gern auf das gepriesene

Amerika verzichtet, wenn ihm das bezahlte Fahrgeld restituirt worden

wäre.

[Illustration: Taf. II.]

Das große dreimastige amerikanische Schiff ~St. Lawrence~, welches

uns im Hafen aufnahm, war mit einem 7 Fuß hohen Zwischendeck

versehen und versprach deshalb vor allen andern jetzt hier liegenden

Schiffen eine möglichst gesunde Fahrt; auch war vorauszusehen, daß

bei der Größe desselben die Bewegungen weniger fühlbar sein würden,

als dieses bei dem Weserschiff der Fall war, da bei letzterem die

Bewegungen kürzer und deshalb um so empfindlicher sind. Damit aber

die Vorstellung von dem Gebäude selbst, welches uns über den Ocean

bringen sollte, um so deutlicher wird, will ich das in ~Taf. I.~

abgebildete Schiff etwas näher beschreiben.

Dieses kolossale Gebäude ist aus nicht sehr großen aber gut

zusammengearbeiteten Holzstücken gefertigt, welche mittelst hölzerner

und eiserner Schraubenbolzen an das innere Holzgerippe befestigt

werden. Die Fugen sind mit Pech und Werg so dicht verstopft, daß

kein Wasser eindringen kann. Um dieses schwimmende Gebäude schnell

fortzubewegen, sind drei hohe Masten darauf angebracht, wovon jeder

derselben wieder aus drei Theilen besteht, an welche mittelst der

Segelstangen und dem nöthigen Tauwerk die Segeltücher zum Auffangen des

Windes befestigt sind. Um aber diesen Segeln nach jedem Erfordernisse

des Windes eine andere Richtung zu geben, sind viele Leinen und Taue

angebracht, deren Jedes seinen eigenen Namen hat, und welches die

Matrosen selbst in der dunkelsten Nacht mit der größten Schnelligkeit

zu finden wissen. Ferner ist, um den Lauf des Schiffes zu bestimmen

und solches demnach zu regieren, am hintern Theile desselben ein im

Verhältniß des ganzen Gebäudes kleines Steuerruder befestigt, dessen

geringste Bewegung nach der einen oder andern Seite dem Schiffe eine

andere Richtung giebt.

~Taf. II.~ ist die Ansicht vom obern Verdeck. Bei ~a.~ ist das

Steuerrad, mit welchem das Steuerruder regiert wird, und in dessen

Nähe im Nachthause steht der Kompaß. Vor Letzterm ist das Schiff mit

einem Ueberbau versehen, unter welchem bei nasser Witterung der

Kapitän und die Kajüten-Passagiere sich Motion zu machen suchen. An

beiden Seiten sind Vorrathskammern angebracht, auch befindet sich der

Abtritt für die Ersteren daselbst. ~b.~ ist die Stelle des Fockmastes,

~c.~ des Mittelmastes, ~d.~ des Besanmastes, ~e.~ zeigt das Bugspritt,

welches über das Vordertheil des Schiffes hinausreicht, ~f.~ ist der

bedeckte Eingang zur Kajüte des Kapitäns, ~g.~ ~h.~ und ~i.~ sind

Oeffnungen von 6 Fuß ins Gevierte, welche dazu dienen, die Ladung ins

Innere des Schiffes hinabzulassen. Durch diese Luken steigen auch

mittelst der angelehnten Treppenleiter die Deck-Passagiere aus und

ein. ~k.~ ist der Ort der zwei Schiffspumpen, womit alle Morgen das

eingedrungene Wasser wieder ausgepumpt wird. ~l.~ ist die Kapitäns-

und Kajüten-Passagier-Küche. ~m.~ sind die beiden eingemauerten

Kessel, mit viereckiger Breterbekleidung umgeben, in welchen für die

Deck-Passagiere gekocht wird. Zwischen der Kapitäns-Küche und dem

Mittelmast ist das große Boot, in welchem die nicht gebrauchten Segel

und Taue liegen und deshalb mit einem Nothdache überbaut ist. Das

kleine Boot ~n.~ wird außerhalb des Schiffes am hintern Theil desselben

aufgehangen. ~o.~ sind die Abtritte für die Deck-Passagiere. Durch

die Oeffnung ~p.~ steigen die Matrosen in ihre Kajüte hinab. Bei ~q.~

ist die Schiffswinde, womit die Anker in die Höhe gezogen werden.

~r.~ sind in die Bohlen eingesetzte geschliffene Gläser von 7 Zoll

Länge und 4 Zoll Breite. Solche sind in der Mitte stärker als an den

Seiten, wodurch dieselben, vermöge der Konzentrirung der Lichtstrahlen,

viel mehr Helligkeit verbreiten als dieses der Fall bei gewöhnlichem

Scheibenglas ist.

[Illustration: Taf. III.]

~Taf. III.~, stellt den innern Raum des Schiffes in horizontaler

Lage vor. In diesem Raume befindet sich bei ~A.~ die Kajüte mit

einem in der Mitte befindlichen großen Zimmer, zum Aufenthaltsort

der Kajüten-Passagiere. Auf beiden Seiten befinden sich die

Schlafstellen, (Cojen genannt.) An dem Fockmast steht die Treppe und

hinter derselben ist die Wohnstube des Kapitäns, neben welcher sich

verschiedene Kammern befinden. Auf der andern Seite sind die Räume für

den Ober- und Unter-Steuermann, dem Steeward (Kammerdiener) und Koch.

~B.~ Ist die Vorkajüte, wo auf unserm Schiff die Vorräthe von

Lebensmitteln aufbewahrt wurden, welche nicht in den untern Raum des

Schiffes gebracht waren. Hier hatte außerdem der Kapitän noch seine

Getränke, so wie das Tisch- und Küchengeräthe aufgehoben. In dem großen

Mittelraum ~C.~ befinden sich auf beiden Seiten gleichlaufend mit

den Schiffswänden zwei Reihen Schlafstellen über einander, deren Jede

6 Fuß im Quadrat hält, und aus Stollen und Bretern so zusammengenagelt

sind, daß der Boden derselben 12 Zoll von dem Fußboden absteht, damit

bei offenen Luken die mitunter einschlagenden Wellen, nicht die

Strohsäcke oder Betten durch das darunter laufende Wasser befeuchten.

Drei Fuß höher ist der zweite oder Mittelboden angebracht, welcher, da

das Zwischendeck 7 Fuß hoch ist, eben so weit vom obern Deck absteht.

Durch diese Vertheilung der Böden erhält jede Schlafstelle 3 Fuß Höhe,

wie dieses auf ~Taf. IV.~ ersichtlich ist.

An der Vorderseite der Schlafstellen ist ein Bret angenagelt, damit

bei Sturm die Strohsäcke mit den darauf Liegenden nicht herausgeworfen

werden. Eben nicht höher sind auch die Schiedbleichen, wodurch dem Auge

die freie Durchsicht offen steht[20]. Jede Coje nimmt 8 Mann auf,

wovon 4 unten und 4 oben liegen, und so in den 26 kleinen Räumen 208

Menschen untergebracht sind. Das Lager der Passagiere beim Schlafen ist

verschieden, wie solches auf der Zeichnung zu sehen ist und richtet

sich nach dem Stande des Schiffes, damit immer der Kopf hoch ist, auch

nicht bei schräger Lage des Fahrzeuges ein Passagier auf den andern

fällt. In der Mitte stehen die Kisten der Reisenden, wo solche die

Extraprovisionen oder die Bedürfnisse mancherlei Art, welche auf einer

Seereise nöthig sind, aufbewahren. Diese Sachen werden mit Stricken

und Tauen aneinander befestigt, um sie beim Sturm vor Umwerfen und

Zerschlagen zu schützen. ~D.~ ist die Matrosen-Kajüte.

~Taf. IV.~ ist ein Durchschnitt des Schiffes, wo man ebenfalls die

Passagiere in ihren Cojen liegen sieht. ~E.~ ist der Raum, worin

der Balast, die Proviant-, Fleisch- und Wasserfässer, das Gepäck der

Passagiere sowie die Kaufmannsgüter untergebracht werden. Dieser Theil

des Schiffes beträgt die Hälfte seiner Höhe, und ist, so tief es unter

Wasser geht, mit Kupfer beschlagen.

[Illustration: _Taf. IV._]

Siebenter Brief.

Bremerhaven im Juni 1839.

Fortsetzung.

Da bei unserer am 26. d. Mittags erfolgten Ankunft im Hafen sich weder

der Steuermann, noch der Kapitän sehen ließen, mußte heute ebenfalls

auf die Beköstigung verzichtet werden, was bei sämmtlichen Passagieren

die größte Unzufriedenheit erregte und zu lauten Klagen Veranlassung

gab.

Die Schlafstellen im Zwischendeck waren numerirt, und die zunächst

am Mittelmast gelegene, wo die Bewegung des Schiffes am wenigsten

fühlbar ist, hatten schon einige Judenfamilien in Beschlag genommen,

mußten jedoch ihre Effekten wieder wegräumen, da bestimmt war, daß das

Loos entscheiden solle. Mir, dem Sohne meines Bruders, dem Glaser R.

und dem Metzger R. fiel der untere Platz No. 18 zu, welcher ziemlich

in der Mitte des Schiffes sich befand. Ueber uns logierten drei Bauern

nebst einem Frauenzimmer, welche des Einen Braut sein sollte.

Um einen richtigen Begriff vom Schiffsleben zu erhalten, braucht

man nur eine Nacht in dem Zwischendeck, wo 208 Menschen schlafen,

zuzubringen, wo ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters,

säugende Kinder, Greise und hochschwangere Frauen unter einander

liegen. Das Heulen der Kleinen, das Nachspotten unverständiger Laffen,

das Schimpfen und Zanken roher Bauern, das Lachen und Schreien Solcher,

die Nichts auf der Welt zu verlieren haben und einer schönen Zukunft

entgegen zu gehen glauben, das nachgeahmte Heulen der Katzen und

Bellen der Hunde; alles Dieses unterbricht die Ruhe der Nacht, und

früh am Morgen trieb mich ein Knoblauchgeruch und die mephitischen

Ausdünstungen, welche das faule Wasser im Kiel des Schiffs verbreitet,

vom Lager.

In der Restauration, während des Frühstücks, erhielt ich die Kunde, daß

auf dem Schiffe die größte Aufregung herrscht, da der Obersteuermann

während der Abwesenheit des Kapitäns, der in Bremen war, keine

Provision vom Schiffe aus verabreichen wollte, welches mehre Passagiere

beunruhigen mußte, da solche keine Lebensmittel mehr besaßen, aber

auch kein Geld zu deren Anschaffung hatten. Die Erbitterung wurde um

so größer, als der später ankommende Kapitän erklärte, daß der für

die Reise bestimmte Proviant, solange das Schiff noch nicht in See

gegangen, nicht angegriffen werden dürfe, sondern der Mundbedarf von

dem dazu beauftragten Agenten Herrn U. hier abgegeben werden müsse und

wir uns lediglich an diesen zu halten hätten.

Dazu aufgefordert, und um Unordnung zu verhüten, stellte ich mich an

die Spitze der Unzufriedenen und begab mich mit noch sechs Andern auf

das Komptoir des Agenten, wo wir leider vernehmen mußten, daß wir nicht

die Ersten seien, welche dergleichen Beschwerde führten und von den

Schiffsmäklern in Bremen um mehre Tage Beköstigung geprellt würden,

indem von Jenem kein Befehl an ihn zur Abgabe von Lebensmitteln an uns

ergangen sey.

Auf meine Drohung, dieses widerrechtliche Verfahren zur Warnung

Anderer öffentlich bekannt zu machen, erwiderte Herr U.[21] frech

genug, daß uns dieses freistände und daß wir ja auch bei der Behörde

in Bremen gegen Herrn W. auftreten könnten; wohl wissend, daß bei dem

segelfertigen Schiff, welches stündlich zum Abgang bereit war, keiner

von uns von diesem Vorschlag Gebrauch machen könne.

Meine Begleiter, welche ihren Unmuth über dieses sonderbare Benehmen

des Herrn Ulrich nicht langer verbergen konnten, überhäuften ihn mit

den gemeinsten Reden, die der saubere Herr gelassen einsteckte, da er

vermuthlich an dergleichen Auftritte schon gewöhnt war. Es blieb uns

jetzt nichts weiter übrig, als bei der Polizei-Behörde in Bremerhaven

Schutz zu suchen, welche auch sofort durch einen Gensdarmen den Befehl

absandte, daß die Agentur unverzüglich die nöthigen Lebensmittel auf

das Schiff liefern solle, um sich nicht bei wiederholter Klage strengen

Ahndungen auszusetzen. Geschah nun auch das Erstere, so erfolgte

doch keine Entschädigung wegen der rückständigen Lieferungen und das

Kostgeld vom 20. bis 28. Juni kam dem saubern Herrn zu Gute.

Eine neue Verlegenheit trat für uns ein, als der Schiffskoch, ein

Neger, für die Deck-Passagiere nicht kochen wollte und vorgab, nur

für die Kajüte und Matrosen engagirt zu seyn. Es wurde deshalb von

uns die Einrichtung getroffen, daß das Geschäft des Kochens der Reihe

nach, immer von acht Personen, besorgt werden sollte, welches aber das

Unangenehme für sich hatte, daß bei stürmischer Witterung Niemand auf

das schaukelnde Schiff sich getraute, wodurch mancher Fasttag entstand.

Die Zeit, welche der Auswanderer in Bremerhaven zubringen muß,

langweilt sehr, da das ewige Einerlei durch Nichts unterbrochen

wird, zumal wenn man die Gasthäuser meidet, wo öfters die Matrosen

mit Erstern karambuliren; ich hielt mich daher gewöhnlich in einem

Schiffswerft auf, wo mir durch Zuneigung der Arbeiter Gelegenheit ward,

Manches, was Bezug auf Schiffsbau und Seereise hatte, kennen zu lernen.

Um so öfterer wurde aber die Nachtruhe gestört, wie ich solches schon

erwähnt und folgender purlesker Auftritt bezeugen wird: Durch Beihilfe

des Untersteuermanns hatten sich zwei Juden als blinde Passagiere

mit auf das Schiff begeben, ohne daß dieses irgend einem der übrigen

Reisenden aufgefallen war. Da dieselben sich aber unpolitisch genug des

Nachts zu weiblichen Personen gesellten, so wurde die Eifersucht rege,

die Liebhaber der Schönen wurden erwischt und aus dem Versteck geworfen.

Durch den Lärm wurden Alle wach und da es Mehre schon längst auf die

Israeliten abgesehen hatten, so wurde sofort bei dunkler Nacht ein

förmliches Treibjagen nach den geängstigten Juden gehalten. Gleich

gehetzten Rehen, von den Hunden verfolgt, deren Gebell treu nachgeahmt

wurde, suchten die Armen Schutz in den Schlafstellen ihrer Genossen, da

das Entrinnen unmöglich und der Ausgang besetzt war. Die Jäger, immer

auf den Fersen und die Lust, sich unerkannt das Müthchen zu kühlen,

spendeten der Jagdhiebe viele, und Mancher erhielt so, was man ihm

längst zugedacht hatte. Zum Glück brachte der Obersteuermann Licht und

hinter Fässern wurden die Gesuchten entdeckt, ergriffen und noch diese

Nacht dem Gericht überliefert.

Die bis zum 4. Juli konträr wehende Luft hatte sich mehr zu unsern

Gunsten gewandt, welches den Kapitän bestimmte, das Schiff am 5. durch

den Lootsen aus dem Hafen bringen zu lassen, um solches neben drei

andern, ebenfalls zur Abfahrt bereit liegenden Schiffen vor Anker zu

legen, bis der Wind vollends sich gedreht und so die Fahrt schnell und

sicher zwischen England und Frankreich durchgehen könne, da Seitenwind

leicht nach dem nahen felsigen Ufer treibt, wo schon manches Fahrzeug

auf Untiefen gestrandet ist.

Der heutige Tag wurde von den Amerikanern festlich gefeiert, die

Flaggen aufgezogen und herrlich gelebt, da der 4. Juli, weil an solchen

1776 die Unabhängigkeit von englischer Herrschaft verkündet war, hoch

in Ehren steht. Auch unsere Matrosen trugen das Ihrige bei und kamen

erst spät am Abend benebelt auf dem Schiffe an, wo sie das vom Ufer

nach dem Fahrzeug gelegte Bret auf allen Vieren passirt hatten.

Am 5. d. beim Grauen des Morgens mahnte schon des Obersteuermanns

Stimme zum Aufbruch und bald rufte der Gesang der Matrosen beim Ordnen

des Tauwerks die Passagiere auf das Verdeck, um noch einmal das nahe

Ufer zu sehen; die aufgehende Sonne spiegelte sich in mancher Thräne,

welche bei der Trennung vom Vaterland den Zurückgebliebenen geweint

wurde. Ein dumpfes Lebewohl schallte in die Lüfte, aber die Geliebten,

welchen es galt, vernahmen es nicht.

Unwiderstehlich zog es mich nochmals auf die Erdscholle, welche mein

Vaterland mit einschließt, um am Ufer unbelauscht den mannigfachen

Gefühlen, welche in dieser Scheidestunde meine Brust beengten, durch

Thränen Luft zu machen. War es Ahndung einer beschwerlichen Seereise,

oder wie soll ich das Grauen nennen, welches sich meiner bemeisterte,

als ich das Schiff von Neuem besteigen wollte. Furcht vor Gefahren

war es nicht, denn diese kannte ich nicht, da eine innere Stimme mir

zurief: Du siehst die Deinen wieder! und doch hing zentnerschwer

der Boden unter meinen Füßen, als wolle er mich zurückhalten auf

Deutschlands Erde. Nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib

und Kinder, und ihr Bild stand vor meinem Herzen. Heilige Vorsätze

glühten in meiner Seele und meine Lippen stammelten Segen für die

Zurückgebliebenen. Unaufhaltsam flossen die Thränen, da der Schmerz

mich übermannte. Fieberkrank nahm ich das Schiffslager ein, um es

sobald nicht wieder zu verlassen.

Ich selbst durfte von dem gesalzenen Fleisch nur wenig essen, noch

weniger von dem Wasser trinken, welches zur Seereise bestimmt war, da

dieses bei mir Erbrechen verursachte. Der Kaffee mußte daher das Beste

thun.

So sind denn dieses die letzten Zeilen, welche ich an Euch, meine

Lieben, von hieraus schreibe, und auf Gott vertrauend, treten wir die

große Seereise an. So lebt denn Alle wohl! und bin ich auch fern, so

ist doch mein Geist stets um und neben Euch.

Achter Brief.

New-York im August 1839.

Die Seereise.

Ich rief zum Herrn in meiner Noth:

Ach Gott, vernimm mein Schreien!

Da half mein Helfer mir vom Tod,

Und ließ mir Trost gedeihen.

D’rum dank’ o Gott, d’rum dank’ ich dir!

Ach danket, danket Gott mit mir,

Gebt unserm Gott die Ehre!

Wie könnte ich wohl meinen Bericht aus weiter Ferne besser beginnen,

als zuerst dem zu danken, der mich gnädig vom nahen Tode errettete und,

gleichsam neu geboren, in eine andere Welt versetzt hat. Was muß der

Mensch nicht erdulden, was kann er nicht abhalten, wenn er mit gutem

Gewissen auf seinen Berufswegen wandelt und seinem Gott vertraut.

Vieles habe ich auf diesem Wege erfahren müssen, denn das Schiffsleben

ist ein ganz anderes, als das auf dem Lande. Man muß sich hier an so

Manches gewöhnen und so Vieles entbehren, was man in seinem häuslichen

Geschäftsleben für unmöglich halten würde. Um wie viel beschwerlicher

ist aber eine solche Seereise für Eltern, die beängstigt um die

Ihrigen, auf sich selbst weniger Rücksicht nehmen können, und so Tag

und Nacht der Ruhe entbehren; möchte daher jede auswanderungslustige

Familie, welche diese Briefe liest, den Inhalt beachten und entweder

ihr Vorhaben ganz aufgeben, oder solches doch möglichst erträglich zu

machen suchen, da Viele erst auf dem Schiffe, und zwar zu spät für

diese Reise, erfahren, was dazu zweckdienlich gewesen wäre[22].

Bei unserer Abfahrt wurde von dem Allen nichts beachtet, was, wie man

mir sagte, auf andern Schiffen gebräuchlich seyn soll. Keine Behörde

revidirte das Schiff, ob es auch mit den hinreichenden Lebensmitteln

versehen sey, und in welchem Zustande sich dieselben befänden; ob die

zur Aufbewahrung des Trinkwassers bestimmten Fässer gehörig gereinigt

und in wie weit man der Verpflichtung hinsichtlich versprochener

Arznei und sonstigen Leckereien, als: Wein, Rosinen, Pflaumen etc.

nachgekommen sey[23]. Den 6. Juli blies der Wind ganz zu unsern

Gunsten, und die vor dem Hafen liegenden Schiffe boten ein herrliches,

von uns noch nie gesehenes Schauspiel dar. Die Anker wurden unter dem

Gesang der Matrosen gelichtet und auf das Kommandowort des Kapitäns

entfalteten sich eben so schnell die Segel, welche durch einen frischen

Südostwind geschwellt, das Fahrzeug majestätisch auf dem Wasserspiegel

forttrieben.

Ohngefähr sechs Stunden lang durchschnitt das Schiff die Wellen, ohne

daß auch nur die mindeste Bewegung fühlbar war, und die Passagiere,

erfreut über den günstigen Anfang der Reise, hielten sich meist auf dem

Verdeck auf, doch mehr und mehr drehte sich der Wind, unruhiger bewegte

sich das Schiff, und eine über das Verdeck schlagende Welle nöthigte

zum Rückzug ins Zwischendeck. Bald stellten sich nun auch die Vorboten

der Seekrankheit ein, Schwindel und Uebelkeit nahmen zu und nur Wenige

blieben vom Erbrechen verschont.

Nichts geht über die Leiden, die mit dieser schauderhaften Ekel

erregenden Krankheit verbunden sind, wovon der Mensch befallen wird.

Das stärkste Vomitiv greift nicht so an, als die Seekrankheit,

da sie anhaltend den ganzen Körper erschüttert und den Kopf zu

zersprengen droht. Ausgestreckt auf dem Lager lag ich krank darnieder,

jeder Versuch, mich sitzend zu erhalten und so den Kopf aus seiner

horizontalen Lage mit dem Körper zu erheben, wurde mit dem heftigsten

Erbrechen gebüßt. Ist schon diese Plage auf kurze Zeit höchst peinlich,

um wie viel mehr mußte ich leiden, da das Erbrechen vier Wochen mehr

oder weniger anhielt und nichts dem Uebel zu steuern vermochte. Kopfweh

zum Rasendwerden, und die heftigsten krampfhaften Magenschmerzen

lassen Einen nie zur Ruhe kommen, da der Schlaf den ermatteten Körper

flieht und Füße und Unterleib abzusterben scheinen; dabei der Kopf

heiße Thränen schwitzt, während man den schmerzlichsten Anstrengungen

zu unterliegen glaubt[24].

In einer solchen Lebensperiode lernt der Mensch erst einsehen und

fühlen, was es heißt, getrennt von den Seinigen, ohne Wartung und

Pflege, die Leiden des Körpers geduldig ertragen zu müssen. Mehr als

Muth und Charakterstärke gehört dazu, um, an Leib und Seele erschlafft,

bei dem Kampf der Elemente im Glauben nicht zu wanken. Festes Vertrauen

muß man auf Den haben, der die Schicksale der Menschen lenkt. Hier habe

ich das Sprichwort bewährt gefunden, daß der, welcher beten lernen

will, nur zur See gehen muß.

Während der ersten vier Wochen konnte von der Schiffskost nichts von

mir genossen werden, da der Magen sich an die schaukelnde Bewegung

nicht gewöhnen wollte, wie solches bei den meisten Passagieren schon

in den ersten Tagen der Fall war. Die bitter aufsteigende Galle

verscheuchte allen Appetit, und nur mit Noth behielt der Magen bei

ruhiger See einige Löffel Suppe. Unter solchen Umständen schwanden

meine Kräfte zusehends, und Mancher sah in mir, bis zum Skelett

abgezehrt, schon die Leiche. Doch das Maas der Leiden war noch nicht

voll; selbst das Wenige, was der Magen in sich behielt, verstopfte sich

beim Mangel an Motion, und erst nach achtzehntägiger Qual ersetzte der

Steuermann den fehlenden Arzt, doch galt bei ihm das alte Sprichwort:

„Friß Vogel oder stirb!“ und half er auch von einem Leid, so wurden

neue Schmerzen bei mir wieder hervorgebracht.

Das Lager selbst, beim Mangel weicher Betten, treibt die Gesunden

auf, nur mich hielt es zurück und machte die Nächte zu Ewigkeiten, so

daß die Fahrt mir doppelt lang wurde und der aufgelegene Körper die

Schmerzen mehrte. -- Ein Glück, daß während der See-Reise das Schiff

an keiner Insel hielt, da sonst Mancher, in dem Glauben, die Plage sey

nicht mehr zu ertragen, verlangen würde, hier ausgesetzt zu werden; so

aber wider Willen mit fortgerissen wird. Was hätte ich selbst für einen

Tag Ruhe auf festem Boden gegeben und um einen Trunk frisches Wasser,

die Lippen zu netzen? So aber blieben wir auf Thee und Kaffee, gekocht

in stinkendem Wasser, ohne Milch, Zucker und Rum, verwiesen. Auch nicht

für Geld und gute Worte erhielt ich und eine kranke Frau vom Tisch des

Kapitäns ein Paar Flaschen Wein[25]. Doch hier wo’s Noth that und des

Seemanns Herz nicht zu erweichen war, half ein Bauersmann und theilte

den Labetrank, der für seine Kinder bestimmt war, mit uns.

Die Unmöglichkeit, das Lager zu verlassen, zwang mich, auf solches

fest gebannt, liegend im Tagebuche zu notiren, was im innern Raume des

Schiffs vorging und von dem was außerhalb geschah, erhielt ich durch

meinen Neffen Rapport. Zum Trost für mich wurde Letzterer nur von

einem Schwindel befallen, ohne vom Erbrechen selbst nur das Geringste

zu verspüren, und konnte demnach zu meiner Wartung und Pflege viel

beitragen.

Neunter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Kaum hatte der Lootse das Schiff verlassen, als sich der Wind von

Neuem drehte, so, daß der Kapitän sich gezwungen sah, die Fahrt

durch den Kanal aufzugeben, und, um den Seitenwind mehr benutzen zu

können, um England herum zu segeln beschloß, bei welcher Gelegenheit

die Passagiere die Küsten Schottlands gleich Nebelstreifen vor sich

ausgebreitet sahen.

Am 10. steuerte ein aus Amerika kommendes Schiff auf uns zu. Sogleich

wurden die Flaggen gehißt und einige Segel beigelegt, wodurch die

Schiffe, im Lauf gehemmt, sich einander nähern und die Kapitäns,

vermöge der Sprachröhre, über Lage und Breite, unter welchen man sich

befindet, von wannen und wohin man kommt und fährt u. s. w., die

gewünschte Auskunft ertheilen.

Den 12. wurden wir aufgefordert, die im Zwischendeck aufbewahrten und

in Fäulniß gerathenen Kartoffeln über Bord zu werfen, da solche des

faulen Geruches halber der Gesundheit schädlich zu werden droheten.

Zu diesem Geschäft fühlten sich aber Viele nicht verpflichtet, da

sie ihrer Meinung nach bei stattgefundenen erhöhten Fahrpreisen um

so weniger zu Arbeiten gezwungen werden könnten. Die Vorstellungen

der Vernünftigen halfen nichts, keine Hand wurde gerührt, und schon

streckte der pestilenzialisehe Geruch Mehre aufs Krankenlager, da

befahl der Kapitän das Kochen so lange einzustellen, bis geschehen

sey, was Vernunft und Gesundheit unumgänglich nöthig machten; welches

Zwangsmittel so probat war, daß es jedes Mal in Anwendung gebracht

wurde, wenn widerspenstige, die Ordnung nicht liebende Passagiere die

Plätze vor den Schlafstellen nicht reinigen wollten. Die über Bord

geworfenen Kartoffeln wurden sogleich von Fischen, welche in Menge das

Schiff verfolgten, verschlungen.

Den 15. brachte ein begangener Diebstahl mehre Passagiere in

Streit, welcher bald in blutige Händel überging, und bei welchem

sich herausstellte, was für saubere Subjekte mit am Bord waren, da

durch gegenseitige Beschuldigungen die Diebe bemerkt wurden, welche

ungestraft glücklich der Justiz entwischt oder von ihren Gemeinden

auf Kosten der Letztern nach Amerika befördert wurden. Auch an

Freudenmädchen fehlte es nicht, welche nur zum Schein die Spröden

spielten, gegen die Huldigungen der Matrosen aber nicht unempfindlich

waren und deshalb von denselben in Schutz genommen wurden.

Kaum hatte sich der Lärm gelegt, als von Neuem Blut vergossen wurde.

Der Zimmermann S. erhielt das seiner Frau im Schaffen gereichte Mehl

mit dem Bemerken durch die Oeffnung im Deck zurück, es sey solches zu

viel; das nun auf die Hälfte reduzirte Quantum ward ebenfalls mit der

Weisung wieder herabgereicht, jetzt sey es zu wenig, worauf der Mann

voll Zorn den Schaffen durch die Oeffnung warf. Das Geschirr fehlte die

Frau, sprang aber am Tauwerk ab und verwundete einen Baier am Kopfe

so tief, daß er umsank. Seine Landsleute sprangen zu, und Rache war

die Loosung. Schon drangen sie in’s Deck, um den Thäter zu ergreifen,

doch dieser flehte weinend um Erbarmen, schützte Zufall und seine ihn

ärgerlich gestimmte Krankheit vor, und erhält so, vereint mit den

Bitten seiner Kinder, die erbetene Gnade.

Der 16. war ein rauher nebeliger Tag und der Steuermann kündigte auf

die Nacht Sturmwind an; da wir aber schon während der Fahrt einige

starke Winde erlebt hatten, so legte sich Alles ohne Sorge zur Ruhe,

nicht ahnend, was da kommen sollte. Es mochte wohl Nachts gegen 11 Uhr

seyn, als der Wind heftig zu toben anfing und die Wellen, sich an dem

Fahrzeug brechend, den hohlen Bau zu zertrümmern drohten und ihn ganz

auf die Seite legten. Das Geschrei der Matrosen während des Einziehens

der Segel und das Alles übertönende Kommandowort des Kapitäns ließ die

Erfüllung der Voraussage auf Sturm vermuthen. Eben beschäftigt, mit

meines Neffen Hülfe das Lager nach der hängenden Seite des Schiffs

zu ändern, als sich solches zurückbiegt, in dem Augenblicke aber mit

einer solchen Schnelligkeit umprallte, daß wir aus den Cojen geworfen

wurden. Das Lager wieder zu erreichen, war bei der Dunkelheit im

Zwischendeck, da alle Luken fest verschlossen und kein Stern eindringen

konnte, nicht möglich. Auf allen Vieren kriechend, mühte ich mich

vergebens ab, und aus der Richtung gebracht, wurde ich immer mehr

von der Schlafstelle entfernt. Ganz betäubt, da sich das Erbrechen

sofort einstellte, und unvermögend, an den beweglichen Kisten mich

festzuklammern, wurde ich so auf dem Fußboden hin und her geschleudert,

bis mir endlich nach vielen erhaltenen Stößen ein festgenageltes Bret

einen Ruhepunkt zu gewähren schien; doch beim zweiten Griff, um mich im

sichern Raum aufzuschwingen, erwischte die Hand einen weichen Fuß, der

dem Schreie nach, welchen die Schöne ausstieß, einer +Unschuld+

angehören mußte, worauf die Schläge einer Männerfaust am Weitergreifen

mich verhinderten und ich so von Neuem gleich den übrigen Effekten

herumgeworfen wurde, bis der Jammerton meinen Neffen herbeiführte und

wir vereint, auf allen Vieren kriechend, (da Aufrechtgehen unmöglich

war) mit vieler Mühe die Lagerstätte erreichten. Immer heftiger ward

der Sturm, wodurch Kisten und Laden durch das Zerreiben der Stricke

sich lösten und, gegen einander geworfen, den Inhalt leerten, und

somit Eß-, Trink- und Nachtgeschirr durch einander flogen. Schlag

auf Schlag stürzten die tobenden Wellen über das Verdeck und drohten

solches zu durchbrechen, und Mancher glaubte schon, sein Grab in den

Meereswellen zu finden. Doch ärger und ängstlicher, als Sturm und

Wellenschlag, erfüllte das Angstgeschrei der Kinder und Weiber die

dunkeln Räume, wobei die Letztern den Männern gewöhnlich alle Schuld

des zu ertragenden Unglücks zuzuschreiben Ursache zu haben vermeinten.

Bei alle dem Unglück und auszustehender Angst, wo die Mehrsten

beteten, Kinder weinten, schrieen Andere wieder vor Lachen auf, wenn

ein geängstigter Jude bei jedem Wellenschlag mit einem Auwei-Ruf in

Abrahams Schoos zu wandern glaubte, und das Wasser, welches seiner

Meinung nach zur Rettung keine Balken habe, verwünschte.

Hat schon das Uebereinanderbetten manches Unangenehme im Gefolge,

um wie viel mehr wird solches aber bei Sturmeszeit verspürt, wo die

obern Seekranken die unter ihnen Liegenden reichlich beschmutzen, wie

ich jetzt zu erfahren volle Gelegenheit hatte, da ein Baier mir ein

reichliches Maas der genossenen Erbsen über meinem Haupte entlud.

Der täglich für die Passagiere bestimmte Branntwein wurde nicht alle

Morgen, wie es Vorsicht und Gesundheit erforderten, ausgegeben,

sondern aus Bequemlichkeit des Proviantmeisters sogleich auf acht

Tage gefaßt. Da solcher aber seiner schlechten Qualität halber nicht

von jedem Passagiere genommen wurde, so benutzten dieses die Säufer

und faßten die für Jene bestimmten Portionen auf deren Namen mit.

Doch an Mäßigkeit nicht gewöhnt, war die unausbleibliche Folge, daß

im Rausch Mancher vergaß, Mensch zu seyn und seinem Nächsten lästig

wurde. Doch von üblern Folgen hätte der 18. d. uns werden können, wenn

der angehende Sturm sich nicht bald wieder gelegt, da an diesem Tage

der gereichte äußerst schlechte Branntwein sofort an die Matrosen

verschenkt oder gegen Waizen-Schiffs-Zwieback[26] vertauscht worden

war. Berauscht durch übermäßigen Genuß, lagen dieselben im tiefen

Schlafe, als am Abend der sich erhebende Wind das Einziehen der Segel

nöthig machte; Alle aber waren unvermögend, sich weder aufrecht zu

erhalten oder in den Segeln zu arbeiten, noch das Kommando des Kapitäns

zu vernehmen. Jetzt half der Steuermann nach und trieb dieselben mit

einem Schiffstau, mit welchem er die Armen unbarmherzig über Kopf und

Hände schlug, aus ihrem Rausch. Von dieser Zeit an wurde an jedem

Morgen der Branntwein in einzelnen Portionen vertheilt und mußte auf

der Stelle getrunken werden. Keinem war es gestattet, denselben im

Glas, um ihn, wie es eigentlich der Zweck war, nach dem Genuß fetter

Speisen zu trinken, mitzunehmen.

Bei dem Kochen des Kaffees, der für alle Passagiere im großen Kessel

gebraut wurde, trat sehr oft der Fall ein, daß entweder zu viel oder

zu wenig von diesem Labetranke bereitet worden war, indem die dazu

beauftragten Personen nach ihrer eigenen Willkühr die Quantität

Wasser dazu bestimmten; als aber noch durch den immer mehr und mehr

abnehmenden Kaffeegeschmack die Erfahrung gemacht wurde, daß die sich

mit dem Mahlen der Kaffeebohnen beschäftigten Personen das Metzen nicht

vergaßen, so wurde fortan der gebrannte Kaffee in gleichen Portionen

an jede Schlafstelle vertheilt, und Jedem selbst überlassen, wie viel

er von dem kochenden Wasser verwenden wolle. Mit dem Thee verblieb

es jedoch beim Alten, da derselbe reichlicher gespendet und von den

Passagieren weniger begehrt wurde, weil derselbe bei mangelndem Zucker,

Milch und Rum, in fauligem Wasser gekocht, bald Jedem widerstand.

Am Abend des 21. starb ein 19jähriges Frauenzimmer, welches schon

kränklich das Schiff in Bremerhaven bestiegen und vom letzten Sturme

vollends erschöpft und aller Hülfe entbehrend den Beschwernissen der

Reise unterliegen mußte. Das Begräbniß erfolgte sogleich am folgenden

Morgen, nachdem die Leiche in den Strohsack eingenäht worden, um die

Schlafstelle, wo noch drei andere Passagiere mit placirt waren, zu

reinigen. Kein Drängen der Reisenden zum Begräbniß, wie ich vermuthet

hatte, fand statt, obgleich ein solcher Fall während der Fahrt noch

nicht vorgekommen war. Alles scheute den Tod und blieb zurück. Nur der

Bräutigam der Seeligen half den Matrosen beim Transport der Leiche aus

dem Zwischendeck.

Da ich selbst nicht vermögend war das Lager zu verlassen, bat ich

meinen Neffen, der Armen die letzte Ehre zu erzeigen und mir die

dabei üblichen Formen und Gebräuche zu berichten, indem ich mir das

Zeremoniel beim Einsenken in die See noch rührender als auf dem Lande

dachte. Doch weder Steuermann noch sonst ein Anderer vertrat die Stelle

des Geistlichen, kein Kapitän ließ sich sehen, alles blieb ruhig und

so wurde die Leiche auf ein Bret gebunden, mit zwei Kugeln beschwert

und ohne Sang und Klang in das Wasser hinabgelassen, wo sie alsbald ein

Raub der Fische ward, welche, die Leiche witternd, das Schiff in Unzahl

umschwärmten.

Am 25. wurden drei Schiffe bemerkt, welche gleich unserm Fahrzeug die

Richtung nach Amerika nahmen, sich aber ziemlich entfernt hielten

und, bald sichtbar bald nicht, den Passagieren einige Tage die Zeit

verkürzten.

Als am 27. von einer Elsasser Familie das im Holzkübel gefaßte

Mittagsbrot auf der neben der Treppenleiter stehenden Kiste verzehrt

werden sollte, sah sich der besorgte Vater einer Judenfamilie

genöthigt, das Schiff von einem mephitischen Geruche zu befreien, ward

aber noch auf der Treppe von einer überschlagenden Welle getauft,

wodurch er das Gleichgewicht verlor und mit seinem Nachtgeschirr

zwischen die Elsasser fiel. Voller Wuth stürzten die Letztern

den vollen Kübel mit den so verdorbenen Erbsen über den Kopf des

vor Schreck halbtodten Juden, welchen auf seinen Hülferuf die

Glaubensgenossen wieder zu befreien suchten; aber der schlüpfrige

Boden, verbunden mit dem Schaukeln des Schiffes, machten das Feststehen

unmöglich, und so fiel Einer über den Andern, welches sattsamen Stoff

zum Lachen gab.

Am 31. verfolgten zwei junge Wallfische das Schiff, welche durch das

fontänenartige Aussprudeln des Wassers den Passagieren zur Belustigung

dienten. Besonders aber bringen bei warmer Witterung und ruhiger See

die Meerschweine (Delphine) eine Abwechselung in das alltägliche Leben,

da solche oft in stundenlangen Linien, einer hinter dem andern, zwei

bis drei Schuhe hohe Sprünge über die Wasserfläche machen.

Ich selbst, der bis jetzt das Lager noch nicht verlassen, heute mich

aber besonders wohl fühlte, wünschte dieses Schauspiel zu sehen und

das Entzücken zu genießen, welches der Anblick des unendlichen Meeres

zum ersten Mal auf den Menschen ausübt. Ich suchte daher mit Hülfe

meines Neffen, da ich nicht vermögend war allein zu gehen, das Verdeck

zu ersteigen und, am Mittelmast gelehnt, genoß ich in vollen Zügen

die reine heitere Luft. Doch ein Blick auf das Meer ließ mir solches

erscheinen, als wenn es tief in den Abgrund versinke und eben so

schnell wieder zu den Wolken sich erhebe. Schwindel ergriff mich,

Alles drehte sich mit mir im Kreise, es stellte sich das Erbrechen ein

und zwar mit einer solchen Heftigkeit, daß ich mehr todt als lebendig

zurück in das Verdeck getragen werden mußte.

Vier Wochen war ich also auf dem großen Weltmeere herumgeschwommen,

ohne von der unermeßlichen Wassermasse, die uns umgab, Etwas gesehen

zu haben, und würde vergessen haben, wo ich mich befand, wenn das

geräuschvolle Anschlagen der Wellen nicht daran erinnert hätte.

Zehnter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Bis Anfang August war die Fahrt bei allen ausgestandenen Gefahren

und Beschwerden immer noch für die gesunden Passagiere erträglich

gewesen, da bei den Meisten der in Vorsorge mitgenommene Extra-Proviant

oder sonstige Leckereien ausgeholfen hatten. Dieses war aber jetzt

verzehrt und nur auf die Schiffskost und das nicht mehr zu genießende

stinkende Wasser blieb man beschränkt, welches Letztere ohne Zusatz

von Essig nicht mehr getrunken werden konnte, wenn man auch während

des Einfüllens die Nase verstopfte. Der Kaffee und Thee, in diesem

Wasser gekocht und beim Mangel von Zucker, Rum und Milch, waren mehr

als Brechmittel wie Labsal zu betrachten, und halfen nur als Uebergüsse

den ans Roggenkleie steinhart gebackenen Schiffszwieback zu erweichen

und so genießbar zu machen. Besser bekam und füllte die mehr und mehr

ausgehungerten Magen früh und Abends der vorher eingeweichte, stark

mit Pfeffer und Salz bestreute Zwieback, welcher, mit kochendem Wasser

überbrüht, eine an Geschmack, doch mehr dem Aussehen nach, Wurstsuppen

ähnliche Speise lieferte, welche in der Dunkelheit genossen, trefflich

schmeckte, da hier weniger zu unterscheiden ist, was für Extra-Zusätze

sich in der Speise befinden, welche zuweilen die Hals-Passage zu

verstopfen drohen.[27] Fast aber mehr als alles Dieses machte das

Ungeziefer den Passagieren das Ende der Reise wünschenswerth; da außer

Wanzen, Flöhen, Ameisen, großen und kleinen Schwaben[28], die Läuse

auf eine so furchtbare Art überhand nahmen, daß Männer und Frauen halb

nackend sich möglichst zu reinigen suchten. Das Alles gab vorzüglich

des Nachts Veranlassung zu lauten Klagen, und manche Frau verwünschte

den Mann, der sie und die Familie durch süße Schilderungen der schönen

Reise und lockender Zukunft zur Auswanderung vermocht. Doch jetzt war

es zu spät; nur Geduld allein macht den reuigen Schritt weniger fühlbar.

Nicht zu beschreiben ist, wie lange Einem unter solchen Umständen die

Tage und mehr noch die schlaflosen Nächte werden, überhaupt wenn man

nicht vermögend ist, eine Viertelstunde lang lesen oder schreiben zu

können, um sich mit Lektüre die Zeit zu verkürzen.

Der Glaser R. war eben so stark, wie ich, von der Seekrankheit

heimgesucht, und mußte während der Dauer der Reise das Lager hüten.

Jede heftige Bewegung des Schiffs erneuerte das Brechen bei ihm und

erst auf dem festen Lande erhielt derselbe die geschwundenen Kräfte

wieder.

Der Zimmermann S. glich mehr einem Skelett, als einem lebenden

Menschen, da ihm Blutstürze verboten, von der gelieferten gesalznen

Schiffskost Etwas zu genießen und er nur das Leben mit wenig Suppe

fristete, die ihm der Schiffskoch aus Erbarmen reichte. Frau und Kinder

hatten unter solchen Umständen viel zu ertragen, da Ersterer selbst der

Abwartung bedurfte und nichts zur Bequemlichkeit der Familie beitragen

konnte. Manches harte Wort mußte der Kranke von der Frau vernehmen,

welche mehr gezwungen, als freiwillig die Heimath verlassen hatte.

Die Schuhmacherfamilie F. war abwechselnd gesund und krank, nur der

alte Großvater hielt sich tapfer, wurde wenig seekrank, hatte immer

Appetit und diente so Jedem zum Muster.

Der Seiler S. war ebenfalls mit seiner Frau gezwungen, die Hälfte der

Reise das Lager zu hüten; später befanden sie sich aber wohl.

Der Metzger R., Anfangs gesund, war aber unmäßig im Essen und Trinken

und mußte deshalb als gerechte Strafe die letzte Zeit hart dafür büßen;

er konnte vierzehn Tage lang Nichts genießen und betrat äußerst schwach

den amerikanischen Boden. Mein Neffe war der Einzige, welcher nie

erkrankte, immer auf den Beinen und mit einem Appetit begabt war, daß

ihn jede Speise labte.

Die Windstille am 3. August machte abermals den Wunsch in mir rege,

ein auf uns zusegelndes Schiff ankommen zu sehen, um das Gespräch der

Kapitäns zu belauschen. Ich ließ mich, da ich allein noch nicht gehen

konnte, wieder auf das Verdeck tragen und am Mittelmast absetzen,

wo ich hauptsächlich vermied, den Blick auf das Wasser zu richten,

um nicht neuen Schwindel zu erwecken. Wohlthätig wirkte die reine

belebende Luft, welche ich so lange entbehrt, auf mich ein und die

Ruhe, deren wir bei der Windstille auf dem festgebannt scheinenden

Schiff genossen, trug dazu bei, Kopfweh, Taumel und Uebelkeit zu

verscheuchen, und schon glaubte mein immer reger Geist, daß die Füße

den magern Körper zu ertragen vermöchten. Jetzt war das Schiff nahe,

doch war mein Neffe, mich zu unterstützen nicht da, weshalb ich allein

die Blanke zu erreichen suchte. Aber in dem Moment ward das Schiff, um

es dem Andern zu nähern, am Steuer gedreht, wodurch dasselbe hinüber

und herüber schwankte, ich zum Fallen kam und gleich einer Tonne dem

Schiff entlang rollte. Alles wollte vor Lachen bersten, über den Alten,

wie man mich zu nennen pflegte, der gleich einem Betrunkenen nicht

stehen konnte.

Das Schiff kam von Petersburg, hatte Korn geladen und segelte nach

Boston.

Mattigkeit abgerechnet, war ich während der ganzen Reise nie so wohl

gewesen, deshalb beschloß ich, vom Verdeck aus die Sonne untergehen zu

sehen. Welch ein herrlicher Anblick! Wie ein Feuermeer lagen die Wolken

rings um uns und versilberten den Wasserspiegel, aus welchem unzählige

große und kleine Fische auftauchten. Von einem solchen Standpunkte aus

fühlt man sich erst recht gedrungen, Gottes Allmacht zu bewundern. Auf

dem Meere erst, wo der Mensch nicht, wie häufig auf dem Lande, vor

Gefahr sich sicher glaubt, und im Selbstvertrauen sich dort mehr als

hier von seinem Schöpfer unabhängig wähnt, fühlt man so recht seine

Ohnmacht. Wo die Sonne gleichsam als Auge Gottes tief in das Innere

des Menschen einzudringen sucht, da lernt man erst recht einsehen und

begreifen, was der Mensch und dessen Bestimmung ist und daß man überall

abhängig von dem ist, welcher Alles regiert und einst Rechenschaft

fordert von unserm Thun und Lassen. Um wie glücklicher und beruhigter

ist man auf dem großen Ozean, wenn man mit gutem Gewissen sagen kann:

„Herr dein Wille geschehe! Mein Ende sey nahe oder fern!“ Wie ganz

anders muß dem Bösewicht zu Muthe seyn, welcher in jedem Ungemach die

gerechte Strafe zu erkennen glaubt.

Der milde Abend hielt mich noch immer auf dem Verdeck zurück, als die

Nacht ihre dunkeln Fittige schon über das Meer ausgebreitet und von

Millionen der glänzendsten Sterne am gewölbten Himmel erleuchtet wurde.

Alles tummelte sich nach den Tönen einer Harmonika auf dem Verdeck, bis

der Steuermann, des Lärmens müde, Feierabend gebot.

Fest schlief ich die Nacht, da die nicht gewohnte Seeluft ermüdet, und

im Traume sah ich mich schon von Neuem auf dem Verdeck lustwandeln, als

mein Neffe zur Empfangnahme des Kaffees weckte und dabei die Kunde gab,

daß schwarze, sich zusammenziehende Gewitterwolken, sowie der dumpfe

Donner das Herannahen eines Gewitters verkündeten.

Der Kapitän, vorsichtig wie immer, ließ die Segel einziehen; doch

war die Mannschaft damit noch beschäftigt, als sich das Unwetter

schneller als man vermuthete, nahete und der Wind das Schiff nach

allen Richtungen peitschte. Die Luken wurden sogleich verschlossen

und, in nächtliches Dunkel versetzt, suchte Jeder sich an seinem Lager

festzuklammern.

Nichts ist schrecklicher zur See, als ein schweres Gewitter, indem

man bei herannahendem Sturm sofort am hellen Tage durch Verschließung

aller Schiffsluken in dichte Finsterniß versetzt wird, und das Rollen

des Donners, sowie das Anschlagen der ungestümen Meereswellen daran

erinnert, wie nahe man dem Feuer- und Wassertode ist. Das Schiff wurde

im Wirbel herumgetrieben, bald hoch in die Luft, bald tief in den

Abgrund geschleudert. Alle Effekten im Zwischendeck wurden losgerissen

und herumgeschleudert; selbst die Passagiere hatten große Mühe sich

fest zu halten. Bei Vielen stellte sich die Schiffskrankheit sogleich

wieder ein, und abermals mußten wir das Unangenehme, in den untern

Schlafstellen zu liegen, schrecklich empfinden, da wir, wie unter einer

Dachtraufe liegend, von oben her tüchtig begabt wurden. Mich selbst

brachte das Erbrechen wieder so von Kräften, daß ich fest glaubte, das

Ende meines Lebens sey nahe, da ich keiner Besinnung mehr mächtig,

nicht wußte, was um und neben mir vorging. Erst als die Schiffsluken

wieder geöffnet und frische Luft eindringen konnte, erholte ich mich

nach und nach wieder. Mein Neffe, besorgt, mich auf dieser Wasserreise

noch zu verlieren, wollte vom Schiffskoch etwas Suppe für mich

erbitten, hatte aber, gleich jenem Juden, das Unglück, durch eine

überschlagende Welle von der Treppenleiter gespült zu werden und sich

beim Herabstürzen den Kopf zu beschädigen.

Durch diesen Vorfall ängstlich geworden, getraute sich keiner der

Passagiere, an welchen heute das Kochgeschäft war, auf das schaukelnde

Verdeck, weshalb solches unterblieb und die hungrigen Magen auf den

folgenden Tag verwiesen wurden.

Hatte ich mehrmals schon während der Reise bereut, dieselbe nicht als

Kajütenpassagier unternommen zu haben, so war es besonders der heutige

Tag, an dem ich alles Unangenehme, welchem ein Zwischendeck-Reisender

ausgesetzt ist, doppelt zu fühlen glaubte, da hier jeder Genuß, jede

Stärkung des Kranken fehlt, und den erschlafften Magen statt mit Brühe

von frischgeschlachtetem Federvieh zu stärken, solchem nur gesalzenes

Fleisch und stinkendes Wasser zugeführt werden kann.

Eilfter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Bis den 18. August ging die Reise ziemlich gut und nichts

Bemerkenswerthes kam vor, außer daß am letztgenannten Tage der Wind das

Schiff in eine unordentliche, für uns äußerst widerwärtige Bewegung

versetzte, indem es sich nicht regelmäßig nach vorn und hinten hob

und senkte, sondern mit dem Hintertheile tiefer als mit der Spitze

einsank und doppelt so viel Zeit brauchte, um sich wieder zu erheben.

Hatte es sich endlich ins Gleichgewicht empor gearbeitet, so neigte

es sich am Vordertheil um einige Fuß und fiel dann wieder zurück,

welche anhaltende Bewegung gleich Sturm zum Erbrechen reizte und viele

Passagiere seekrank machte.

Obschon das Tabacksrauchen aus verschlossenen Pfeifen im Zwischendeck

vielen Passagieren unangenehm war, um wie vielmehr hätte aber,

Feuersgefahr halber, das Cigarrenrauchen im Innern des Schiffes

verboten seyn sollen? Dieses war aber bei uns nicht der Fall, da sowohl

am Tage wie auch des Nachts Cigarren in den Schlafstellen geraucht

wurden. Alle Vorstellungen, daß beim vorhandenen Pulver leicht mögliche

Gefahr zu befürchten sey, halfen Nichts; man berief sich auf Ober-

und Untersteuermann, welche ebenfalls mit brennender Cigarre, zu

Verabreichung der Lebensmittel in den untern Schiffsraum stiegen, und

so riskirte man lieber das Leben, als einer Leidenschaft zu entsagen.

Am 9. August war es aber leicht möglich, daß wir für diesen Leichtsinn

bestraft werden sollten. Ein Passagier legte auf dem Wege zum

Appartement die brennende Cigarre auf die Kajüten-Küche neben ein

Segeltuch und vergaß solche wieder an sich zu nehmen. Vom Wind

angefacht, fing Letzteres Feuer, und schon schlug die Flamme nach den

ausgespannten Segeln, als ein entschlossener Matrose den Feuerklumpen

ergriff und über Bord warf. Von jetzt an wurde erst alles Rauchen im

Zwischendeck streng untersagt, welches bis hieher zwar nicht erlaubt,

dennoch aber auch nicht verboten war.

Am 10. erhielten wir die ersten Vorboten des nicht mehr fern seyenden

Landes, indem uns ein gelblich grünes Meergewächs entgegen schwamm,

welches unsern Wachholderstauden ähnlich und mit kleinen grünen Beeren

besetzt war, und zum Aufenthalt einer Masse kleiner Thierchen diente,

welche im Dunkeln gleich hellen Funken leuchteten.

Gleich wie das Schiff während der Reise immer mit Möven und andern

Seevögeln umgeben war, welche ab und zuflogen, eben so stellten

sich auch am 12. die ersten Schwalben ein, welche uns gleichsam zu

bewillkommnen schienen, das Schiff umschwirrten und sich traulich auf

Taue und Masten niederließen.

Der Kapitän aber suchte fortwährend die Nähe des Landes zu

verheimlichen, um uns entweder damit zu überraschen, oder die

Möglichkeit erwägend, daß wir zwar nahe am Ziel, dennoch von Neuem

verschlagen werden könnten, und hielt so, die Entfernung immer noch auf

mehre Tage angebend, die Erwartung gespannt.

Das uns gereichte Trinkwasser war nicht mehr zu genießen, und da am

11. das Mittagsbrod ebenfalls dem Schweinefutter glich, indem die

Mehlgraupen vom stinkenden Wasser blau und gleich Leinweberschlichte

nicht munden wollten, so war der Unwille allgemein; die Holzkübel

mit dem Essen wurden aufs Verdeck getragen und der Kapitän gefragt:

„ob das die versprochene genießbare Beköstigung sey?“ Auch wurde

jetzt ernstlicher besseres Trinkwasser verlangt, gleich dem, welches

die Matrosen und Kajüten-Passagiere erhielten, da durch heimliches

Hinabsteigen in den untern Schiffsraum einige Passagiere in Erfahrung

gebracht, daß von solchem noch mehre Fässer vorhanden waren. Das

Letztere wurde gewährt, nachdem sich der Kapitän selbst von der

Ungenießbarkeit des faulen Wassers überzeugt hatte, und Alle fielen mit

solcher Begierde über das Wasser (welches immer schon sechs Wochen alt

war) her, als wenn es das beste Lagerbier gewesen wäre.

Bei Austheilung des bessern Wassers fand die größte Ungleichheit statt,

so daß sich die Zudringlichsten doppelte Rationen zu verschaffen

wußten; andere hingegen, welche Krankheit ans Lager fesselte, um so

weniger erhielten. Es erging daher von mehren Seiten an mich, der

das Laufen so ziemlich wieder gelernt hatte, die Bitte, mich der

Sache anzunehmen und mehr Ordnung und Gleichmäßigkeit herzustellen.

Von dieser Zeit an wurde von mir jeder Schlafstelle das ihr gehörige

Quantum Wasser richtig zugemessen.

Den 15. früh, beim kaum dämmernden Morgen, erscholl der längst ersehnte

Ruf: „Land! Land!“ mit welchem einige Passagiere, die diese milde Nacht

auf dem Verdeck zugebracht, Alles in Allarm brachten. Jeder verließ

schnell das Lager, um das Ziel seiner Wünsche zu sehen.

Auch auf mich wirkte dieser Ruf mit Zauberkraft, so daß ich mit

Leichtigkeit aufsprang und zum ersten Mal ohne fremde Hülfe auf das

Verdeck eilte. Doch Land war zur Zeit nirgends noch zu sehen; nur das

Wegreisen der Abtritte und die Sage der mit dieser Arbeit beschäftigten

Matrosen gab Veranlassung zu diesem Scherz. Doch das Erstere ließ

vermuthen, daß wenigstens der Kapitän des nahen Landes gewiß seyn

mußte, wodurch Viele getäuscht, in jeder dunkeln Wolkenmasse den neuen

Welttheil zu erblicken wähnten.

Mir selbst bleibt jener Morgen unvergeßlich. Ich bin nicht vermögend,

die seeligen Gefühle zu beschreiben, welche theils die Gewißheit

baldiger Befreiung aus dem Kerker, in dem ich fünf Wochen krank auf

dem Strohsack liegend, zugebracht, hervorruften, theils aber auch den

Glauben, das Ende aller Leiden vielleicht heute noch auf amerikanischem

Boden zu erreichen, bekräftigten.

Die stille großwogende See lag wie ein Spiegel vor uns ausgebreitet,

über uns wölbte sich der heitere Himmel und schien am äußern Horizont

auf den Meereswellen zu ruhen. Nichts vermochte die Sehnsucht nach

dem neuen Vaterlande zu stillen, keiner wich einen Augenblick vom

Verdeck, Essen und Trinken ward vergessen, bald da, bald dort das Land

entdeckt, doch immer war es nur ein Trugbild der Phantasie. Nur mit

Mühe konnte ich in der vom Steuermann angegebenen Richtung mittelst

des Fernrohres am Rand des Horizontes etwas unterscheiden, welches die

Küste seyn sollte, die sich, je nachdem das Schiff sich hob oder sank,

bald höher über dem Wasserspiegel zeigte, bald wieder ganz dem Blick

entschwand. Andere Passagiere sahen wegen der schaukelnden Bewegung gar

nichts durch das Fernrohr, wieder andere behaupteten, nur eine Wolke

zu erblicken, und somit wurde Neugierde und Sehnsucht fort und fort

gesteigert und Einer hielt den Andern nur zum Besten. Erst gegen 8 Uhr

konnte man jenen Punkt, welcher der neue Welttheil seyn sollte, als

feststehend in der beweglichen Wellenmasse mit bloßen Augen erkennen,

welcher sich, je näher wir kamen, immer weiter ausbreitete und höher

emporstieg. „Land! Land!“ war der einzige Ruf, den man von jetzt an

hörte. Väter hoben die Kinder in die Höhe und zeigten solchen das neue

Vaterland, von welchem sie ihnen schon so vieles Unglaubliche erzählt

und die Neugierde gereizt hatten. Alte Mütterchen weinten, da sie beim

Anblick bergiger Höhen an die verlassene Heimath erinnert wurden,

wo sie die Jugendzeit verlebt und noch manches theure Familienglied

zurückgelassen.

Immer deutlicher wurden die grünen Ufer mit ihren waldbedeckten

Bergen, woraus da und dort wie ein Lichtpunkt ein weiß angestrichenes

Haus hervorragte, und mit jedem Augenblick mehrten sich die neuen

Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit fesselten.

Von allen meinen Gedanken und Empfindungen in diesem Augenblicke

Rechenschaft zu geben, ist unmöglich. Der große Kolumbus stand vor

meiner Phantasie, und ich empfand deutlich, was er empfunden haben

mochte, als ihn nach vielen Gefahren der Freudenruf: „Land! Land!“

überraschte. Also auch du sollst die Erde sehen und den Boden betreten,

welchen der große Ozean von deinem Vaterlande trennt, und der in der

frühen Jugend schon deine Aufmerksamkeit gefesselt? Wer hätte das

gedacht, mir solches voraussagen können! Der Mensch ist also ein

Spielball des Geschickes.

Der Kapitän hatte kaum eine blaue Flagge als Zeichen, daß sich noch

kein Pilot auf dem Schiffe befinde, aufgezogen, als aus verschiedenen

Richtungen kleine Fahrzeuge auf uns zusteuerten, welche sich den Rang

streitig zu machen suchten. Jede Welle schien das gebrechliche flache

Boot verschlingen zu wollen, und je näher sie kamen, desto ängstlicher

ward uns zu Muthe, da man jeden Augenblick glaubte, sie hätten ihr

Grab in der Tiefe gefunden; doch eben so schnell kamen sie wieder zum

Vorschein, um von Neuem zu verschwinden.

Nachdem eins der Boote sich uns genähert, wurde ihm ein Seil

zugeworfen, an welchem einer der sechs Männer, die es barg, das Schiff

zu erklettern suchte. Alles drängte sich neugierig zu, um den ersten

unerschrockenen Menschen der neuen Welt zu sehen, welcher sich nicht

scheute, auf einem Fahrzeuge gleich einer Nußschale bei Sturm und

Gewitter den Meereswellen zu trotzen, den Reisenden weit in die See

entgegen zu schwimmen, um das Schiff, da er vertraut mit Untiefen und

Klippen ist, in sichern Hafen zu geleiten.

Der Lootse übernahm nun die Leitung des Schiffs und den Befehl über die

Matrosen, sprach wenig mit dem sich zurückziehenden Kapitän, placirte

sich nicht weit vom Steuer auf die Blanke des Schiffs und warf von Zeit

zu Zeit das Senkblei aus. Bei schwachem Wind fuhren wir nur langsam

in die Bai von New-York zwischen ~long Island~ und ~staten

Island~ ein, und warfen vor der Quarantaine-Anstalt Anker.[29]

Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841. · 第 3 / 11 题