andere neu erstanden. Es war ganz klar, die Menschheit hatte einen
großen Schritt weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der
Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte zu der Annahme
Grund zu haben, daß die Menschheit nicht rückwärts gegangen war.
Aber nicht allein der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in
näherer Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der Natur
Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht ausschließlich dem Zahn der
Zeit zuzuschreiben waren. Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten
nicht mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen hatten.
Von Menschenhand angelegte Wasserläufe hatten sich in die natürlichen
Flußsysteme eingeschoben. Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer
schienen geschützt. Das Land war mit weißen Linien durchschnitten und
an den Hügeln bauten sich terrassenförmig Dörfer auf. Gewerbtreibende
Städte erhoben sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren Grund
von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen; Gärten und Parkanlagen
umrahmten die Gruppen menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl
bekennen: diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der Mensch das Siegel
seiner Gegenwart aufgedrückt.
Aber ... und wo gibt es kein »Aber«? ... noch immer hörte der Komet
auf der Erde Waffengeklirr. »Auch jetzt noch! Leider!« rief er
aus. »Fast muß ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur
Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und dabei ist ihr Planet
doch keineswegs häßlich. Warum schlagen sie in den sie entwürdigenden
Kriegen einander tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der
lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn überhaupt wissen
mögen, was sie tun?«
In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes ist das Gefühl
für Entfernungen aufgehoben, und Organe, die imstande wären, auch den
schwächsten Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen,
unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles ist relativ, die
Stärke des Tons sowohl als die des Lichts. Wenn die Kometen nach
den entlegenen Wüsten ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen
sie ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem Unbekannten
ein aufmerksames Ohr schenken wollten. Man will sogar wissen, daß
sie manchmal, ebenso wie in ein fernes Land Verbannte, sich leicht
aneinander schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken
mitteilen und daß sie sich die Langeweile der Einsamkeit und der
Finsternis durch eine Unterhaltung über die Natur der Dinge und das
Schicksal der Wesen, die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu
verkürzen suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet in der Einöde
jenseits des Neptun den Halleyschen Kometen, der, wenn er auch nicht
ganz so vornehm und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin
bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen Kometen erhebt. Die
beiden Reisenden gingen sofort daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse
miteinander auszutauschen.
»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde sehr verändert
gefunden,« begann der größere und ältere von beiden. »Man arbeitet dort
unten sehr rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner Jahre
so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und daß in dieser winzigen
Spanne Zeit neunzig verschiedene Generationen geboren werden und
sterben könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf dem ich seit
sechstausend Jahren auch nicht ein Jota sich habe ändern sehen.«
»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete der andere. »Auch
meine Jahre vergehen viel schneller als die Eurigen, denn während
ich einen Umlauf um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende,
haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre verlebt, und
um die Wahrheit zu gestehen, muß man zugeben, daß man während dieses
kurzen Zeitraumes auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen
und niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich bin über den
Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger erstaunt als Ihr es seid.«
»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder sehr oberflächlich
oder sehr tätig zu sein. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt,
verändert sie sich zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen
waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch dreißig Reisen gemacht
zu haben, ohne daß ich große Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt
hätte. Aber seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend Jahre)
»haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen, niederzureißen, zu
graben, Dämme aufzuschütten und es in einer Weise umzugestalten, als ob
sie damit ein reines Gaukelspiel aufführen wollten.«
»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal da?«
»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht erinnere, mögen dies
dreißig irdische Jahrhunderte her sein. Ich kenne ihren Kalender zu
wenig, um die Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals
in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre, denn ich zählte
fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde zum erstenmal bemerkte, und seit
jener Zeit bin ich zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«
Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand, hatte ohne große
Mühe sofort herausgefunden, daß dieser vorletzte Besuch keinesfalls
später als um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der
christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte. Häufigere Besuche
auf der Erde hatten ihn mit der dortigen Art, die Jahre vor und
nach Christi Geburt zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich
eines Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung seines
ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen dachte, die sich seit
jener Zeit auf der Erde vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich
seinem vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete es ihn,
die Unterhaltung fortzusetzen und seine persönlichen Beobachtungen über
die Bewohner der Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.
»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über den Gegenstand,
von dem wir sprechen, viel besser als ich unterrichtet sein. Ihr
seid viel öfter als ich der Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre
Geschichte besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich ihn
auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre 1811) »auf der Erde
gesehen habe, unmittelbar auf den gefolgt, der sich meinem Auge bei
meinem vorletzten Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen Krieges)
»darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint mir doch eine große Lücke
zu liegen, und ich glaube, Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«
»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser, »bin ich vierzigmal
in die Nähe der Erde gekommen, und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal
habe ich Veränderungen auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen leben
auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß es wohl schwerlich viele
gibt, die sich rühmen dürfen, mich bei zwei meiner aufeinander
folgenden Erscheinungen am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die
meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges Mal gesehen. Und
dabei«, fuhr er in traurigem Tone fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal
kürzer als das Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf der
Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung, derjenigen im
Jahre 12 vor Christi Geburt, dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach
Christi Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige
Ursache ich werden sollte, mich in hohem Grade bewegten. Wenn es Euch
interessiert, will ich Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies
ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten Gelegenheit habe,
davon sprechen zu können.«
Da unser Komet sich ganz außerordentlich für alle menschlichen
Angelegenheiten interessierte, und da ihm in der tiefen Einöde des
Weltenraumes, die sie jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines
jüngeren Gefährten ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht mit
gespanntester Aufmerksamkeit zu.
Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12 vor Beginn unserer
Zeitrechnung im chinesischen Reiche, unter der glorreichen Herrschaft
der Han, die auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl des
Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom, den Kometen
beobachtet und in ihm einen neuen Beweis für den Zorn des Himmels auf
Tsin-chin-hoang-ti erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden
damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf dem »Turm der Geister«
errichtete Sternwarte hatte einäschern und außerdem vierhundertfünfzig
der gelehrtesten Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen, bei
Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn Tagen sämtliche über
Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte handelnde Bücher zu
verbrennen; wie ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen
habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen pflegte, sich in den zur
Linken gelegenen Saal des Schwarzen Palastes zu begeben, und durch
ein dem Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch eine neue Ära
für Kunst und Wissenschaft einzuleiten; wie dann der Tatsung-pe die
Mandarinen, ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um den
kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn zu huldigen, und
wie ganz China zwei lange irdische Monate hindurch auf den Beinen
geblieben war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils 837 Ludwig
der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einem
dunklen Winkel der Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und ihn
gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet vom Himmel brächte; wie
dann statt des stummen Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger
geantwortet hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre, die er noch
zu leben hatte, damit verbrachte, Dome zu erbauen, reiche Abteien zu
stiften, große Klöster zu errichten und Kirchen und Schulen mit reichen
Mitteln auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066 Wilhelm der
Eroberer in der ganzen Normandie habe ausrufen lassen: »~Nova stella,
novus rex~« (»Ein neuer Stern, ein neuer König«); wie er sich den
Kometen zum Führer auserkor und unter seiner Führung England eroberte.
Auf der berühmten Stickerei in der Bibliothek der Stadt Bayeux kann
man dies noch heute sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde,
der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten Szenen der
Eroberung ab und verewigte dabei auch den Kometen, wie er über einer
Gruppe von vielen Leuten steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und
weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen ganz ausführlich,
wie im Jahre 1456 Christen und Muselmanen, die miteinander im Kriege
lagen, in seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten, das
am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen das schrecklichste Unglück
anzukündigen. Mohammed II., in dessen Besitz Konstantinopel bereits
übergegangen war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem Altar
der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde, und auf dem Wege dahin
belagerte er Belgrad. Als nun die Gestalt eines feurigen türkischen
Schwertes am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle seine
schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der Komet schilderte
weiter, wie der Papst in seinem Zorn Gestirn und Türken feierlich
verfluchte, wie er sodann das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der
Glocken gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann jenes
große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung zwei Tage lang
dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche mit keiner anderen Waffe
als einem Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen und
zum Papste flehten, er möge die himmlische Erscheinung beschwören,
daß sie ihren verhängnisvollen Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der
Komet fuhr in seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere
Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen hätte. Luise von
Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte drei Tage vor ihrem Tode eine
außerordentliche Helle in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang
hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz betroffen, rief
sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der Himmel nicht für gewöhnliche
Menschen. Gott hat es nur für uns Große der Erde vorbehalten.
Schließt das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod anzeigt, wir
wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter erwähnte der Komet, daß von
seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine astronomische Registrierung
datierte. Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden seine
Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe Komet sei, der
in den Jahren 1531 und 1607 an der Erde vorübergezogen war. Dem
berühmten Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der Wissenschaft
einzuverleiben und ihm seinen Namen zu geben, und für das Jahr 1759
kündigte Halley sein abermaliges Erscheinen an.
Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren Bruder die
Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen irdischen Reiche,
und zwar vom Jahre 1254 vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach
Christi Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde besucht
hatte. Der große Komet war nicht wenig erstaunt, als er hörte,
wie rasch sich auf der Erde neue Reiche bildeten und wie sie noch
schneller wieder zerfielen. Was ihn aber am meisten, und leider auch am
schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, welche die Bewohner
der Erde anwandten, um ihre Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu
setzen. Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten!
Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und in so gebrechlichen Wesen;
solch übermütiger Eigendünkel bei den Großen und dagegen wieder
solch angeborene Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte schien
ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit von seiner
erhabenen Höhe aus die Schwächen der Menschheit verachtet, so hätten
ihm bei dem schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl mehr
als einmal sozusagen seine langen Haare zu Berge gestanden.
Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten, zogen sie am Neptun
vorüber. Der Halleysche Komet fuhr in der Darstellung seiner
Lebensschicksale fort:
»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem Erscheinen im Jahre
1682 irdischen Stils hatte die Astronomie so große Fortschritte
gemacht, daß der Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen
für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag sicherlich keine
geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch, daß ich mich nicht so weit wie Ihr
in die Tiefen des Weltalls stürzen kann -- denn schon nach etwa 37
Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege, noch fünfzehnhundert
Jahre lang Eure Reise fortsetzen könnt. Es ist Euch bekannt, daß
ich mich jedesmal bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von
der Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel sagen; für
die kleinen Bewohner der Erde bedeutet es aber eine unermeßliche
Entfernung. Auf meinem Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner
des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr Gebiet gehe,
bin ich gezwungen, meine Bewegung zu verlangsamen. Die Herren von der
Sternwarte müssen außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger
gesagt, mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen begabt sein.
Denn als ich in das Gebiet des Jupiter kam, war ich ihrem Gesichtskreis
schon längst entschwunden und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten
Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte annehmen zu
dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein. Aber damit war es
nichts. Durch Jupiter verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine
Verzögerung meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun gut. Alles dies war
bis auf einen Monat berechnet, festgestellt und bekanntgegeben worden.
Den Astronomen können wir nichts mehr verheimlichen.
Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein erneutes Erscheinen
bei der Erde schon fünfzehn Jahr vorher aufmerksam geworden war,
und zwar durch den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen
sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken will, nicht
mir gehörte. Ihr habt sicherlich, lieber Kollege, neulich jenen
Vaganten gesehen, der von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder
an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist so exzentrisch, daß er
schließlich parabolisch geworden ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht
entgangen, daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen besitzt.
Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter, und nach dem irdischen
Kalender gilt er als der schönste Komet des achtzehnten Jahrhunderts.
An dem Abend, als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man, eine
zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz, den seine Schweife
ausstrahlten.
Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder Wiederkehr zur Erde
dort immer etwas Neues in den Sitten, Gebräuchen und dem Geist der
Völker gefunden hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung
lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche. Den Teil der
Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich 1835 wieder sehen. Noch genauer
als vorher hatte man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter,
Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte mir sogar den Weg
vorgezeichnet, den ich auf meiner Rückkehr durch den Himmelsraum zu
nehmen hatte. Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild des
Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann
stehen, am 21. September im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs, am
6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am 15. zwischen Herkules und
Schlange, am 19. im Ophiuchus, am 16. November beim Stern η desselben
Sternbildes und am 26. Dezember beim Stern Antares im Skorpion. Und
was gewiß viel heißen will, von dieser mir so weise vorgezeichneten
Marschroute brauchte ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere
Euch, niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen Welt habe
ich so viel Umwälzungen und einen solchen Umschwung der Geister kennen
gelernt, wie bei meinem letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit
zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin darüber so
traurig geworden, daß meine Betrübnis den Bewohnern der Erde nicht
entgangen sein kann.[9] Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835
gemacht? Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen vollzogen? Je mehr
ich über die Ursachen und das Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto
mehr gerate ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint sich
darin verloren zu haben.«
»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für eine Bewandtnis?«
»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß vollständig, daß
Ihr über die irdischen Ereignisse nicht genügend unterrichtet seid.
Karl V. war ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte,
als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden Brüder, der bis dahin
sicherlich keine Ahnung von der Existenz der Erde hatte, zufällig
in ihre Nähe kam. Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der
Erdbewohner schuld an der Sintflut tragen und später beim Tode Cäsars
geleuchtet haben soll. Aller dreihundert Jahre sollte er wiederkommen,
also auch 1856. Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut der
Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich einbilden, daß sie
im Mittelpunkt des ganzen Weltalls stehen -- genug, er hat dieser
kleinen, eitlen Welt Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem
geflogen. Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns, und die
Menschen können auf ihn warten; er kommt nicht wieder. Um jedoch den
Faden unserer Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine kleine
Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen, wiederhole ich, daß ich
mich in Mutmaßungen darüber erging, welches die Ursachen der großen
Änderungen sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der Erde
in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«
»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung geben, mein lieber
junger Freund. Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um
das, was sich in den unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen
und würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche Unkenntnis
geraten, so verstehen sie es anderseits infolge ihres überlegenen
Urteils doch, aus diesen Vorgängen die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Das wenige, was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu dienen,
die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen. Ich weiß nur, daß es im
Jahre 1811 in Frankreich keinen »König von Gottes Gnaden« mehr gab,
sondern einen Kaiser, und gerade in derselben Woche, in der ich bei der
Erde ankam, wurde diesem Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis
zum April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt zu haben,
daß die Eroberungen des Kaisers und die Vergrößerung Frankreichs die
Nachbarreiche in Angst und Schrecken versetzten, und was mich in
meiner Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große Machthaber
eine Armee von 450000 Mann aushob, um mit dieser halben Million nach
den russischen Steppen zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist,
vermag auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte ich auf
der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts mehr erkennen.«
Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich einander mit ihren
Erinnerungen aushalfen und die Erfahrungen, die sie bei ihren
Beobachtungen der Erdbewohner gesammelt hatten, austauschten, waren sie
imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren dabei ganz
nach Vernunftschlüssen. Im Jahre 1759, so sagte der eine, gab es in
Frankreich soziale Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und
auf die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die Wette loshieben.
Im Jahre 1811, meinte der andere, gab es in Frankreich einen Kaiser und
Kriegsrüstungen. Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort, hatte
Frankreich einen konstitutionellen König und lebte in tiefstem Frieden.
Mit diesen drei vorhandenen Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen
die Umrisse der französischen Geschichte geschaffen. Ihre Unterhaltung
berührte in derselben Weise auch das Geschick der anderen Völker, denn
die Kometen haben für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als für
die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im großen und ganzen sehr
ähneln und für uns, die wir doch keine Kometen sind, weniger Interesse
haben, so verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen hier
wiederzugeben.
So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum, die sonst
gewohnt waren, sich nur mit großen Dingen abzugeben, die kleine
Erdkugel, auf der wir uns befinden, nach allen Richtungen hin
besprochen. Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen, um in seiner
Ellipse dem Aphelium zuzufliegen, während der majestätische Komet von
1811 in gerader Linie seine Reise fortsetzte, denn bis zum Jahre 3343
wird er sich von der Sonne entfernen, um dann in demselben Marschtempo
wieder zu ihr zurückzukehren. In den unermeßlichen Tiefen des
Himmelsmeeres mag er dann wohl Welten begegnen, die uns unbekannt sind,
einstigen Welten, deren Sonne erloschen und die in grausigem Schweigen
ihre kosmischen Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch den
unendlichen Raum tragen.
Fußnoten
[8] Der himmlische Reisende, dessen Geschichte wir erzählen, ist in
der Tat kein anderer als der Komet vom Jahre 1811. Die Wirkung, die
das Auftauchen dieses herrlichen Gestirns am Abend des 26. März 1811
überall hervorrief, war unbeschreiblich. Die fruchtbare Hitze des
Sommers und die Güte des Weines in jenem merkwürdigen Jahr schrieb man
dem Kometen zu. Alle Zeitungen brachten Artikel über ihn, in allen
Sprachen unterhielt man sich von ihm und alle möglichen Erklärungen
über seine Natur wurden gegeben. Einige schmeichelten ihm, während
andere ihn fürchteten. Diese sahen in ihm die Verwirklichung einer
uralten Prophezeiung, während jene in ihm ein Gnadenzeichen erblicken
wollten, mit dem der Himmel die Geburt des Königs von Rom feierte. Auf
ein Fensterkreuz der Tuilerien gestützt, fragte Napoleon seinen Onkel,
den Kardinal Fesch, was er von dem wunderbaren Gestirn halte. Ganz
Paris sah zu dem Kometen auf, und der Sommer verging nicht, ohne daß
man unter anderem »Kometen-Krawatten« und »Kometen-Hüte« verfertigt
hätte. Sogar einer Sauce verlieh man seinen Namen. So viel Aufsehen
rief er hervor, daß alle, die jene Zeit erlebt hatten, sich ihrer bis
in ihr spätes Alter erinnerten.